Schlagwort-Archiv: Selbsttranszendenz

Du kannst im Leben alles was Du willst bekommen,
wenn du genügend Menschen hilfst,
das zu bekommen, was sie wollen.

Zig Ziglar

Das Geistige des Menschen im Vollzug

Wenn wir die genetische Ausstattung des Menschen anschauen und sie mit der der Tiere vergleichen, so müssen wir anerkennen, dass wir sooo weit nicht entfernt sind von Affe, Schwein oder Maus. Schauen wir jedoch auf die noetische [geistige] Ausstattung, dann zeigen sich insbesondere zwei spezifisch humane und zudem unverlierbare Fähigkeiten: Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz. Was meint das?

Im Kern besagen beide Fähigkeiten, dass ein Mensch in der Lage ist, aus einem reinen Zweck’wissen‘ in ein Sinn’gewissen‘ überzugehen. Die Selbstdistanzierung ist für diesen Prozess die notwendige Bedingung. Die Selbsttranszendenz der unbewusste Vollzug.

Ein Beispiel: Ein Student ist in seine Arbeit vertieft, seine nächste Klausur liegt vor ihm und es gibt noch einiges, was zu lernen ist. Er will diese Arbeit mit einer guten Note abschließen, denn sie ermöglicht es ihm, den nächsten Studienabschnitt zu beginnen. Der Student nimmt wahr, was er noch zu lernen hat, er nimmt wahr, wo er noch nicht sattelfest ist. Und er handelt. Er sitzt und liest und schreibt und liest erneut und und und – sein Handeln erfüllt einen Zweck, sie ist zweck-dienlich. Die Psyche des Studenten signalisiert emotional Stress oder Lust, kognitiv kommt er zum Schluss: ‚das habe ich begriffen‘ oder ‚das ist noch unbegreiflich‘. So geht die Arbeit eine Weile weiter.

Plötzlich klopft es energisch an die Tür, draußen steht ein Mitstudent, der sich offensichtlich arg verletzt hat. Blut tropft aus einer klaffenden Wunde. Unverzüglich fährt der Student seinen Kommilitonen zum Arzt, wartet, bis dieser versorgt wurde und bringt ihn wieder wohlbehalten nach Hause. Von dem, was der Student bis eben noch an sich ’selbst‘ wollte, hatte er sich für eine Weile distanziert, dieser Aspekt rückte ’selbst-vergessen‘ in den Hintergrund. Das, was mit dem Klopfen des Kommilitonen an die Tür begann, kann als ‚Sinn-Funke‘ interpretiert werden. Blitzschnell übernimmt das Geistige ‚das Ruder‘, denn es steht nun eine ‚Frage‘ im Raum, für die der Student ‚die Antwort ist‘. Indem er sich dem Sinnvollen hingibt und etwas für jemanden tut, der nicht er selbst ist, ‚transzendiert‘ sich sein Selbst.

Mit der Selbstdistanzierung unternimmt der Student also quasi zuerst einen ‚einen Schritt zurück‘ von seiner zweckdienlichen Absicht und Handlung. Er ‚ex-sistiert‘, tritt aus seinem Psychischen heraus und vollzieht sinnfindend das Geistige — übrigens, ein Vorgang, der sich vermutlich täglich unbewusst in jedem Menschen irgendwo und irgendwann vollzieht. Denn Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz sind zutiefst menschlich. Diese Fähigkeit zu kultivieren, stellt aus unserer Sicht einen bedeutenden Aspekt individueller Krisenprävention dar. An anderer Stelle haben wir dazu berichtet.

Über sich hinausweisen …

Ein Unglück ist einem Menschen geschehen – und der Betroffene entwickelt eine Idee, wie vermieden werden kann, dass dies anderen Menschen auch passiert.
Ein Paar entzweit sich – und doch achten beide darauf, dass ihre Kinder in einem guten und gesunden familiären Klima weiterhin aufwachsen.
Ein Mensch kann durch Krankheit seiner beruflichen Tätigkeit nicht mehr nachgehen – und er überwindet seinen Verlust, indem er erkennt, dass er über Potenziale verfügt, die er in einem anderen Themenfeld konstruktiv einsetzen kann. ….

Selbsttranszendenz ist eine Fähigkeit des Geistes, sich über sich hinaus auf die Aufgabe und Frage zu beziehen, die das Leben dem Menschen in seiner Krise stellt. Viktor Frankl versteht diese Gabe als „anthropologischen Tatbestand, daß Menschsein immer über sich selbst hinaus auf etwas verweist, das nicht wieder es selbst ist, auf etwas oder auf jemanden: auf einen Sinn, den da ein Mensch erfüllt, oder auf mitmenschliches Sein, dem er da begegnet. Und nur in dem Maße, in dem der Mensch solcherart sich selbst transzendiert, verwirklicht er auch sich selbst; im Dienst an einer Sache – oder in der Liebe zu einer anderen Person! Mit anderen Worten: ganz Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort, wo er ganz aufgeht in einer Sache, ganz hingegeben ist an eine andere Person. Und ganz er selbst wird er, wo er sich selbst – übersieht und vergisst.“ [Frankl in: Ärztliche Seelsorge]

Selbsttranszendenz meint ‚Selbstvergessenheit‘, also eine Haltung, mit der der Mensch keine Zentrierung auf das eigene Ego zeigt, sondern sich offenhält für seine ‚Welt‘ mit ihren Möglichkeiten der Werteverwirklichung – auch dann, wenn durch eine Krise eben diese ‚Welt‘ verletzt oder erschüttert wurde.

Selbst-Transzendenz in Reinform

Als Kind wurde Rob Young von seinem Vater schwer misshandelt. Seine Erlebnisse hätten wohl ausgereicht, um lange Zeit auf einer Psychoanalyse-Coach zu landen. Young entschied sich anders. ‚Du kannst Dich so oder so Deinen Bedingungen stellen. Du hast Dich so eingestellt.‘, würde wohl Viktor Frankl zum ehemaligen Verkäufer aus einem Autohaus sagen, der seinen Job an den Nagel hing, um einen Weltrekord der besonderen Art zu schaffen. Der 31-jährige Brite läuft Marathon. Täglich. Nicht nur, um sich und seinem Ego etwas zu beweisen. Auch das, hatte doch seine Freundin prophezeit, dass er nicht einmal einen schaffen würde. Seit April 2014 hat er es geschafft, täglich einen zu laufen und er ist guten Mutes, sein Ziel zu erreichen, denn der Marathon-Mann, wie er in England nur noch genannt wird, sammelt Spenden für benachteiligte Kinder. Auch mit gebrochenem Zeh, wenn es nicht anders geht. Oder im Schottenrock, weil sich das Kinder von ihm gewünscht haben. Das, was Robert Young tut, hat nach der Überwindung des täglichen psychischen Schweinehundes einen zutiefst geistigen Aspekt. Young transzendiert sich auf das Wohlergehen von Kindern. Vielleicht, weil er selbst eine belastete Kindheit hatte. Vielleicht, weil er heute selbst Vater eines Kindes ist. Vielleicht aber auch, weil er verstanden hat, dass um sich selbst zu kreisen, ihn nicht weiterbringt – oder eben auf die Coach beim Psychiater.

Das, wie Young täglich handelt, wäre vielleicht durch ein Gespräch mit einem Logotherapeuten aus der Schule Frankls auch entstanden. Der Logotherapeut geht mit seinem Patienten ja auf Sinnfindung. Rob Young hat das alleine geschafft und auf eine Frage, die das Leben ihm stellte, geantwortet.

Vielleicht werden Sie nun sagen: Ja, aber ist nicht jeder Vater oder jede Mutter an sich für sein Kind da und kreisen sich die Gedanken nicht stets um das Wohl der Kinder? Reißen sich nicht täglich Eltern ein Bein aus, damit es den Kindern einmal besser geht als einem selbst?

Eine aktuelle Studie berichtet darüber, dass die Zerrissenheit zwischen Kind und Job vor allem bei Müttern der höchste Stressfaktor ist. Aber: Eltern machen sich den meisten Stress selbst. Mehr 60% der befragten Männer und drei Viertel der Frauen sprechen von sehr hohen Ansprüchen und Anforderungen an sich selbst und sind unzufrieden, weil sie glauben, ihrer Rolle nicht zu genügen.
Die Psyche dieser Eltern verleitet sie dazu, sich mehr mit ihren Befindlichkeiten und Sorgen zu befassen, sich mehr um ihr eigenes Ego zu kümmern. Überdies ein risikoreiches Spiel. Denn die ebenfalls befragten Kinder – 90% von ihnen – halten ihre Eltern für die besten der Welt. Hoffentlich nicht nur deshalb, weil sie merken, wie viele Sorgen sich ihre Eltern darum machen, nicht perfekt zu sein.

Selbsttranszendenz – was ist das denn?

Eine Frau stürzt vom Soziussitz eines Motorrades und liegt leblos am Straßenrand. Viele fahren weiter, einer nicht. Der fast 60jährige sitzt seit sieben Jahren krankheitsbedingt im Rollstuhl. Seine Frau fährt diesmal den Wagen, er ruft ihr zu, stehenzubleiben, dann lässt er sich aus dem Wagen fallen, robbt auf Händen zur Motorradfahrerin. Er sieht, dass die Frau keinen Puls mehr hat, angeschwollen und blau angelaufen ist. Ein Herzstillstand ist zu befürchten. Er legt die Frau in die stabile Seitenlage, nimmt unter Mühen den in die Jahre gekommenen Helm ab und gibt ihr einen starken Schlag auf den Brustkorb. Dann kommt der Sanitätswagen ….
„Ich bin dann weg“, sagt der Helfer. Seine Frau hat in der Zwischenzeit seinen Rollstuhl aus dem Auto geholt, er setzt sich hinein und überlässt en Medizinern die weitere Versorgung. An das Drumherum hat er keinerlei Erinnerung mehr, so konzentriert war er auf die hilflose Frau.

Andreas U. hat sich selbst vergessen. Er war in völliger Hingabe zu dieser Frau. Sein Ego war ausgeschaltet. Er hat sich selbst transzendiert.

Für seine Hilfe erhält er eine Auszeichnung für Zivilcourage.

+++++++++

Muss es gleich so dramatisch zugehen, um Selbsttranszendenz unter Beweis zu stellen?

Nein, Millionen Eltern machen morgens ihren Kindern das Frühstück, setzen ihnen für den Schulweg eine warme Mütze auf, schauen, ob es ihnen gut geht und sie alles haben, was sie brauchen. Die meisten dieser Eltern denken in diesen Momenten nur an ihr Kind und vergessen sich selbst. Das ist tägliche kleine Selbsttranszendenz.

Dass diese rein menschliche Fähigkeit gerade in eigenen Krisensituationen das Wichtigste ist, was zu tun ist, um die Lage zu bewältigen, mutet im ersten Moment vielleicht unmenschlich an. Auf den zweiten wird genau diese, jedem Menschen gegebene Fähigkeit zu einem Schutzfaktor. Aber wie bei jeder Fähigkeit gilt es, sie zu entwickeln und auszubauen …

 

Viktor Frankl: Eine Tragödie in einen Triumpf verwandeln

Frankls Menschenbild ist geprägt von Geist, Sinn, der Freiheit gegenüber allen Bindungen und der Freiheit des Geistes gegenüber der Natur. Für ihn kommt der Mensch in seinem Bezug zur Welt über sich selbst hinaus und er kontert damit die zeitgenössische Vorstellung, die Person zur triebhaften Sache machen zu können. „Das ausgehende 19. Jahrhundert und das beginnende 20. Jahrhundert haben das Bild des Menschen insofern völlig ver­zerrt dargestellt, als sie den Menschen vorwiegend in seiner vielfältigen Gebundenheit sehen ließen und damit in seiner vermeintlichen Ohnmacht gegenüber den Bindungen.“ [1]

Die Akzeptanz dieser ‚Ohn-Macht‘, dieses Pointieren von Triebfülle und dieses Nichtwahrnehmen von Sinnleere mag Frankl für die Psychotherapie nicht hinnehmen. Und vehement kritisiert er dabei Freud [und dessen auf der seinerzeit herrschenden Lehre des – von August Comte begründeten – Positivismus beruhenden, alles Transzendente abweisenden Hal­tung], der einen Menschen als krank wähnt, der die Frage nach Sinn und Wert des Lebens fragt.

Über den ‚gelehrten Nihilismus‘ wie Frankl die psychodynamisch-reduktionistische Auffassung Freuds ansah, so zeigt sich für ihn der ‚gelebte Nihilismus‘ durch das Krisenerleben des Menschen in Form einer inneren Leere, abgründigen Sinnlosigkeit, dem Verlust von Instinktsicherheit, dem Entgleiten der Geborgenheit in Traditionen – förmlich dem Verlust der aus seiner Sicht ‚gesunden‘ Frage nach dem Sinn. Ein Verlust, der zudem dadurch in seiner Wirkung verstärkt wird, da „in der Wohlstands- und Überflußgesellschaft weite Bevölkerungsschichten zwar Geldmittel [haben], aber keinen Lebenszweck; sie haben genug, wovon sie leben können, aber ihr Leben hat kein Wozu, eben keinen Sinn.“ [2]

Und doch kann der Mensch aus einer Tragödie einen Triumpf machen:
Youtube: Viktor Frankl

 
 

[1]  Frankl, V. E. [2005]: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Zehn Thesen über die Person. Wien: Deuticke, S. 58 f.

[2]  Frankl, V. E. [2005b]: Der leidende Mensch. Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. 3. Aufl. Bern: Huber, S. 43

 

Der Sinn- und Transzendenzbegriff in der Sinntheorie Viktor Frankls

Viktor Frankl macht in seiner Sinntheorie einen Unterschied zwischen dem Sinn des Lebens und dem Sinn im Leben. Wenn er sagt: „Der Mensch ist immer schon ausgerichtet und hingeordnet auf etwas, das nicht wieder er selbst ist, sei es eben ein Sinn, den er erfüllt, oder anderes menschliches Sein, dem er begegnet. So oder so: Menschsein weist immer schon über sich selbst hinaus, und die Transzendenz ihrer selbst ist die Essenz menschlicher Existenz“ [1] , so verweist er mit diesem Satz zum einen auf einen Grundpfeiler seiner Theorie, der den Sinn als grundsätzlichen ‚Lebenssinn‘ als für den Menschen zwar nicht erfahrbar, aber als per se und jederzeit gegeben ansieht. Und zum anderen auf den ‚Sinn im Leben‘, den der Mensch findet, indem er jede Situation durch Verwirklichung seiner Werte gestaltet.

Weiterlesen