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Der Ausweg aus der Kriseninflation

Erst war es der Stress, dann kam Burn-Out, spätestens jetzt ist es die Krise. Es geht um die Begriffs-Inflation. Wer nicht bei Drei auf dem Baum ist, hat eine Krise. Nach und nach pathologisiert sich so eine Gesellschaft selbst – mit der fatalen Folge, dass der, der wirklich im tiefen Selbstzweifel steckt und eine existenzielle Not zu überwinden hat, ewig auf einen Therapieplatz warten muss, belächelt wird als einer unter vielen oder dem irgendwann einfach nicht mehr zugehört wird. Ein Problem zu haben, reicht heute meist nicht mehr aus, gleich muss – so meint man – die superlative Keule der Krise herausgeholt werden, um sich etwas Gehör zu verschaffen.

Und dass wir neben unseren eigenen dann auch mit Corona-Krise, Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise, vielleicht sogar einer Demokratiekrise zu tun haben, macht einen Teil der Gesellschaft völlig hilflos, andere stumpfen ab und werden lethargisch, wieder andere nutzen die Lage und werden zu kurzfristigen Krisengewinnlern, weil sie verängstigten Menschen irgendein Heilsversprechen verkaufen oder medial wirksam vermitteln, sie wüssten schon um den besten Umgang mit sich und der Welt.

Treten wir einmal einen Schritt zurück und schauen auf die Medizin zu Zeiten des Hippokrates. Krise meinte hier der an bestimmten Tagen erreichte, mehr oder weniger ausgedehnte Höhepunkt im Verlauf einer Krankheit, an dem entweder eine Änderung zum Besseren oder zum Schlechteren eintritt, also Genesung oder das Sterben. Krise war der Kipppunkt zwischen Leben und Tod. Nehmen wir die Gegenwart unter dieser Definition in den Blick, dann fallen zahllose Einzelereignisse, die in den vergangenen Jahren zur Krise hochstilisiert wurden, schlicht auf das Niveau von Problemen, durchaus auch komplexen und komplizierten, zurück.

Ändert man jedoch die Variablen ‚Leben‘ und ‚Tod‘ zum Beispiel in ‚lebenswerte Bedingungen‘ und ’nicht lebenswerte Bedingungen‘, dann verändern sich zwangsläufig Situationsbewertungen. Flapsig gesagt, ist dann ein Kind, das einen Tag ohne Eistüte als einen Tag mit nicht lebenswerten Bedingungen bewertet, auf der negativen Seite des Kipppunktes einer Krise gelandet.

Denken wir dies weiter, dann wären es letztlich subjektive Bewertungen hinsichtlich der Lebensbedingungen, um einen Tag das Etikett Krise anzuhängen. Damit wiederum wird der Begriff nicht nur superindividuell, sondern womöglich auch willkürlich, unmessbar und letztlich auch unbrauchbar.

Da nun andererseits subjektives Empfinden eben ist wie es ist und der Einzelne sich vor die Frage gestellt sieht, welche alternativen Antworten er den bislang als Krise bewerteten Lebensbedingungen geben kann, versuchen es viele Berater und Tröster mit dem Appell, die Krise doch als Chance anzusehen. Damit jedoch erschwert sich die Situation für den Einzelnen zusätzlich – erstens empfindet man die Situation als nicht lebenswert, andererseits scheint es Menschen zu geben, die offenbar in einer solchen Situation etwas entdecken, was man selbst nicht in der Lage ist zu sehen. Zu allem Übel kommt so also noch eine für Andere wahrnehmbare Inkompetenz hinzu. Es ist menschlich, dass sich die Psyche mit Widerstand gegen einen solchen Appell wendet.

Kann es einen Dritten Weg geben? Einen Weg, der außerhalb der fixierten negativen Bewertung der Lebensbedingungen und auch außerhalb der Plattitüde der Formel ‚Krise als Chance‘ liegt? In der sinnorientierten Denktradition springt uns hier Sartre zur Seite, wenn er sagt: „Wenn die Existenz dem Wesen vorausgeht, das heißt, wenn die Tatsache, dass wir existieren, uns nicht von der Notwendigkeit entlastet, uns unser Wesen erst durch unser Handeln zu schaffen, dann sind wir damit, solange wir leben, zur Freiheit verurteilt…“

Für Jean Paul Sartre kann sich der Mensch auf keine Ordnung oder Weltanschauung stützen, weil er das ist, was er selbst aus sich macht. Das klingt zwingend nach Klärungsarbeit, denn was ist in diesem Kontext das ‚Selbst‘? In der KrisenPraxis haben wir hierzu bereits vielfältige Hinweise gegeben. Kurz: Das Selbst einer Person ist vornehmlich ihr Wertesystem. Wer also um seine Werte weiß, der vermag zu beschreiben, worum und wofür es ihm im Leben geht. Wer dies nicht – aus welchen Gründen auch immer – nicht weiß, der hängt am ‚warum ist mir das Leben abhanden gekommen‘. Das A und O, das wArum und das wOrum, gilt es daher stets auseinander zu halten. Oder wie es Viktor Frankl betont: Jeder Mensch hat Bedingungen, aber jeder Mensch kann sich ihnen so [A] oder so [O] stellen. Und zwischen jedem Reiz [dem Empfinden von Bedingungen] und jeder Reaktion [A – wArum habe ich diese Bedingungen oder O – wOrum geht es mir im Leben trotz der Bedingungen] liegt ein Raum, und dieser Raum ist die Freiheit [frei zur Verantwortung, in Richtung A oder O zu handeln].

Was nun also ist eine Krise wirklich? Für uns ist es die nicht vollzogene Klärung der individuellen Werte und die damit verbundene Unmöglichkeit, sich seines unzerstörbaren ‚WORUM‘ bewusst zu sein.