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Affekt & Co.

Bald weihnachtet es sehr. Das Fest der Liebe kann dabei bereits am Schlüsselloch den ersten Kratzer erfahren – wenn das Kind sich so sehr diesen einen und nur den einen Teddy gewünscht hat und es nun beim neugierigen Blick einen anderen unterm Baum erspäht. Mit diesem kleinen Szenario sollen vier weithin synonym verwendete Begriffe vorgestellt werden.

Der Affekt

Ein Affekt bezeichnet eine subjektive, positiv oder negativ empfundene Empfindung. Im Szenario nimmt das Kind den ‚falschen‘ Teddy wahr. Dieses Objekt wird negativ bewertet und als solches auch negativ empfunden. Ein Affekt kann einen Zustands- oder einen Eigenschaftscharakter kennzeichnen. Das Kind empfindet im Moment der Wahrnehmung des ‚falschen‘ Teddys einen Zustand [ohne dass hier schon klar wäre, welcher]. Angenommen, das Kind würde sich beim Anblick im Spiegel immer wieder negativ selbst beurteilen [ich bin nicht in Ordnung, weil ich solche Segelohren habe], dann bekäme der Affekt die Form einer konstanten Eigenschaft.

Aus einem Affekt können in weiterer Verfeinerung Emotionen und Stimmungen differenziert werden. Beide Begriffe unterscheidet die sogenannte Salienz. Mit Salienz wird ein Reiz beschrieben [hier der wahrgenommene Teddy], der aus seinem Gesamtkontext [hier: Weihnachten, Feier, Mama und Papa, Geschenk, Baum, …] herausgehoben wird, um ihn im Bewusstsein leichter zu verarbeiten [im Beispiel ist die ‚leichtere‘ Verarbeitung damit zu begründen, dass das Kind einen ‚Soll-Teddy‘ als Vorgabe gedacht hat und es nun leicht erkennt, dass der ‚Ist-Teddy‘ deutlich vom Soll abweicht]. Der Teddy unterm Baum ist somit ein salienter Reiz, ausgehend vom bewerteten Objekt. Aus einem salienten Reiz resultiert nun eine Emotion [Ärger, Wut, Trauer, …].
Angenommen, das Kind hätte keinen ‚Soll-Teddy‘ vor Augen und weiter angenommen, das Kind nimmt den ganzen Kontext [Weihnachten, Feier, Mama und Papa, …. Teddy] wahr, dann geht vom Teddy ein nicht-salienter Reiz aus, der einen unbewussten Beitrag zu einer guten oder schlechten Gesamtstimmung leistet.

Die Emotion

Eine Emotion ist demnach ein Affekt gegenüber einem bewerteten Objekt. Bewertung setzt dabei einen Maßstab [Soll-Teddy] voraus. Eine negative Abweichung führt dann zum Beispiel zur Wut auf oder den Ärger über den Ist-Teddy. Den Affekt regulieren zu lernen würde für das Kind zum Beispiel bedeuten, beim nächsten Mal erneut zwar einen Ist-Teddy zu bewerten, dieser Bewertung gegenüber nun aber einen anderen, positiveren Maßstab anzulegen.

Die Stimmung

Eine Stimmung ist eine affektive Empfindung ohne Objekt-Bezug. Im Gegensatz zu einer Emotion. ist sie schwächer, dafür aber länger andauernd. Aus einer Emotion [z.B. Ärger] kann eine Stimmung [zum Beispiel ’schlechte Laune‘] folgen. Das bei der Emotion konkret bewertete Objekt fließt dabei ein in eine diffusere Gesamtsituation, oder anders gesagt: Die Salienz verliert sich, der Affekt bleibt jedoch bestehen.

Das Gefühl

Während Affekte, Emotionen und Stimmungen im Kontext bewusster und gegenwärtiger Empfindungen stehen, wird bei einem ‚Gefühl‘ ein Gedächtnisinhalt abgerufen. Ab Beginn des Lebens bis zur Gegenwart werden Gefühle als eine Art Adresse verarbeiteter, subjektiver Empfindungen aller Art abgespeichert. Werden Gefühle reaktiviert, dann treten sie als Information entweder körperlich, affektiv oder kognitiv wieder in Erscheinung. Das Gefühl, hungrig, erschöpft, vital, besorgt …. zu sein, setzt also voraus, dass im Lebensverlauf bereits Empfindungen verarbeitet wurden, die zu diesem Gedächtnisinhalt geführt haben.

Special: Krise

Eine Krise hat als sie besonders kennzeichnendes Merkmal den ‚Selbstzweifel‘. Diesem Empfinden steht demnach noch kein Gefühl zur Seite. Die Situation ist neu, ungewohnt, ruft auf zur Improvisation, weil es kein passendes Set an Gedanken, Verhalten, Kommunikationen usw. gibt.
Viktor Frankl benennt mit der Sinnleere, dem existenziellen Vakuum, ein solches Krisen-Empfinden. Die Lösung aus dem Zweifel des Selbst liegt darin, dass der Mensch lernt, worauf sich sein Selbst gründet. Dieser Ur-Grund ist das Wertesystem der Person. Hat sich der Mensch das eigene Wertesystem erarbeitet [dies ist meist erforderlich, da Menschen ihre eigenen Werte oft nicht bewusst sind], dann gibt es keinen Grund mehr für einen Zweifel an sich selbst. Die Folge ist, dass ein Mensch zwar eine Situation als Umbruch, Ende, Wendung o.ä. empfindet und damit auch Emotionen und Affekte verbunden sind und sein dürfen. Jedoch : Der Umgang mit einer solchen Situation erfolgt auf der Basis geklärter Werte zweifelsfreier und gesünder. Mit anderen Worten: Krise muss nicht sein.