Schlagwort-Archiv: Corona

Corona-Blog: Dank an die Pharmaindustrie

Manchen Menschen ist sie ein Dorn im Auge. Die Pharmaindustrie. Schnell gebrandmarkt als geldgierig, ethisch fragwürdig oder übermächtig. Fehler in Teilen dieser Industrie werden oft pauschalisiert, Tausende von geachteten Wissenschaftlern, Forschern, Managern und Mitarbeitern werden in der Normalbevölkerung angesehen als hemmungslose kapitalistische Ausbeuter. Die Gedanken sind frei, und zuweilen eben auch einfach nur plump. Wie auch immer. Ich habe selbst lange in dieser Industrie gearbeitet, und wenn es sonst gerade niemand tut: Ich danke den Kollegen der Pharmaforschung und -industrie. Ganz allgemein, nicht nur ‚meinem‘ Unternehmen Sanofi.

Unternehmensprojekte für Impfstoffe und Medikamente gegen Covid-19 in
Deutschland, Österreich und der Schweiz. Quelle: https://www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/coronavirus/standorte-forschung

Was geschieht konkret in Sachen Forschung rund um Covid19? Lesen Sie hier. Und hier.

Corona-Blog: Und vor meinen Augen wurde mein Spielkamerad zerfetzt

1943 war meine Mutter 13 Jahre alt. Sie lebte mit ihren Eltern in Duisburg und sah zu, wie ihre Stadt bombardiert und nach und nach zerstört wurde. Und, wie dies auch zu menschlichen Tragödien führte. So wurde bei einem britischen Bombenangriff im Mai auch ihr Stadtteil getroffen und dabei einer ihrer Freunde aus der Nachbarschaft. ‚Vor meinen Augen wurde mein Spielkamerad zerfetzt …‘ Über zwei Jahre lang stand die Bevölkerung unter Angst und Schrecken – die Verluste waren gewaltig. Immer wieder erzählte meine Mutter die Situation, wie der neogotische Turm der Salvatorkirche zusammenbrach oder wie sich die Umgebung darstellte, wenn sie und andere Menschen nach einem Angriff aus dem Bunker wieder heraustraten.

Schaut man auf die von Viktor Frankl beschriebenen drei Säulen des Menschseins, die – wenn balanciert entwickelt – ein sinnerfülltes Leben ermöglichen, dann fällt nicht schwer zu erkennen, wie erschüttert diese Säulen zu Kriegszeiten gewesen sein müssen.

Säule 1: Verwirklichung von schöpferischen Werten mit Aufbau und Erhalt individueller Leistungsfähigkeit: Die Personen leitet einen sinnvollen Beitrag für die Welt.
Säule 2: Verwirklichung von Erlebniswerten mit Aufbau und Erhalt individueller Liebesfähigkeit. Die Person ist welt- und wahrnehmungsoffen für das, was in der Welt sinnerfüllend geschieht.
Säule 3: Verwirklichung von Einstellungswerten mit Aufbau und Erhalt individueller Leidensfähigkeit. Die Person vermag sich zu Unabänderlichem in Freiheit und Verantwortlichkeit zu stellen.

Aktuell spricht die ‚Corona-Politik‘ weiterhin ein kriegerisches Vokabular, von massiver Krise und einer katastrophalen Lage. In der Berichterstattung wird dargestellt, dass Familien unter den Gegebenheiten leiden, dass Kinder zu Hause zum Problem werden, dass die Leute vor lauter Angst vor der Arbeitslosigkeit ihre geplanten Investitionen zurückhalten würden, dass die Verbraucherstimmung am Boden sei usw.

Die Empfehlung, den Blick 80 Jahre rückwärts zu richten und dann diese Bilder [finden sich zuhauf im Internet, sollte man niemanden mehr haben, der einen an die Zeit erinnert] mit einem Blick aus dem eigenen Fenster zu vergleichen, ist für viele Menschen keine Hilfe. „Das kann man doch nicht vergleichen:“ Stimmt, damals war alles kaputt, viele tot, das System wirklich am Ende ….

Heute? Corona ermöglicht Lernprozesse, die vielleicht auch ohne das Virus begonnen worden wären, die nun aber einen Schub erhalten haben und ergänzende Formen der Kommunikation, Kooperation und Kollaboration befördern. Wenn ein Mensch weiß, worum es ihm geht, wenn er über ‚Leistungsfähigkeit‘ spricht, dann kann ihm durch die Corona-Sondersituation womöglich ein Verwirklichungsfeld entstehen, das ihm zuvor durch das ‚Alltagsgeschehen‘ nicht nahe lag.

Corona ermöglicht Beziehungsprozesse, die in ihrer Fülle und Kreativität zuvor vielerorts auch noch nicht erlebt wurden. Ob es die Tochter ist, die mit ihrer Mutter, vor dem Fenster des Seniorenheims stehend, fröhliche Witze reißt; ob es der Erhalt lustiger Handynachrichten ist, die von mehr oder weniger nahe stehenden Bekannten verschickt werden, um andere Menschen zu erheitern. Ob es neue Formen der Fürsorge, künstlerischen Entfaltung usw. sind – auch hier finden sich Verwirklichungsfelder, die genutzt werden können, wenn ein Mensch weiß, worum es ihm geht.

Corona ermöglicht Abschiedsprozesse, die ohne Besinnung auf das Wesentliche sich nicht in den Vordergrund gerückt hätten. Von was kann man sich trennen, materiell, ideell, zwischenmenschlich.? Welchen Verzicht kann man üben, weil dies für andere und einen selbst lebensdienlicher ist? Welche Form der Hilfe kann man bei allem Autonomiestreben annehmen, weil man seiner Begrenzungen nun bewusster wird? Was ist durch Corona nun ‚tot‘ und ruft nach Übernahme einer neuen Verantwortung für das ‚Leben danach‘? Wenn ein Mensch weiß, worum es ihm im Leben geht, welche Werte seine eigenen sind – und welche nicht -, dann wird es leichter, trotz Virus sinnvoll zu handeln und sich sinnvoll zu verhalten.

Corona-Blog: Perspektivenwechsel bei Grappa und Käse

Anfang Oktober 2020, seit vier Wochen liegt der Replikationsfaktor des Virus kontinuierlich bei 0,3. Alles, wo sich Menschen in großen Gruppen tummeln würden, ist noch betroffen, alles andere läuft seinen Gang. In Fliegern, Bussen und Bahnen gibt’s mittlerweile eine Maskenpflicht und auf der Straße haben die Leute ein Distanzgefühl entwickelt, das sich weniger in schreckhaftem Zurseitespringen äußert als in einer Art Abstandhalten auf der Autobahn. Ausnahmen wie dort gibts auch auf dem Gehweg, aber im Großen und Ganzen funktionierts.

Ich habe Geburtstag. Ich sitze in Südtirol bei Peter. In der Grappastube. Heute sehen wir uns erstmals wieder nach Corona, und klar: Es werden Fragen gestellt, wie hast Du es geschafft, wie haben wir es gemacht!? Und das ganze wird dann vielleicht so zehnmal wiederholt, weil immer wieder Bekannte dazu kommen, die uns auch erzählen und fragen: wie habt Ihr es geschafft, wie haben wir es gemacht!? Und dann wird erzählt und gefeiert und nach vorne geschaut.

Das Leben kommt von vorn. Wie es immer schon war. Diejenigen Menschen, die einem früher schon auf die Nerven gingen, werden nicht dadurch anders, nur weil sie vergleichbare Bedingungen zu gestalten hatten wie man selbst. Und die, mit denen man früher gut auskam, werden nicht dadurch noch besser, nur weil man jetzt zusammensteht und einander berichtet, wie es vor einem halben Jahr zuging. Oktober 2020 wird für die allermeisten nicht ein besserer Oktober sein als er ohne Corona gewesen wäre. Anders werden dies nur die Menschen sehen, die in persönlicher Gefahr standen oder die einen Menschen in ihrem Umfeld verloren haben. Oder, die nun Anlauf nehmen, um die Probleme ihrer -temporären- Arbeitslosigkeit zu überwinden [die Massensorge, die sich im Frühjahr entwickelte und das Angstbarometer von der Flüchtlingsthematik hin zur Lage der wirtschaftlichen Entwicklung verschob, hat sich bereits zu weiten Teilen verflüchtigt – die Wachstumsmaschinerie ist bereits angesprungen und eingedenk enormer Investitionsprogramme der Staaten werden die Auftragsbücher epochal proppenvoll werden. Trump steht vor der Wiederwahl, Merkel an sich auch].

Menschen, die zurecht in Trauer sind, werden anders auf die Monate zurückschauen. So wie es auch diejenigen taten, die seinerzeit den Tsunami miterleben mussten oder das Oder-Hochwasser oder oder oder. Vielleicht werden viele ein Stück mehr Selbst-Bewusstheit haben, weil in den letzten Wochen die Zeit blieb zu reflektieren, mit Verwirklichung welcher Werte man persönlich die ungewöhnliche Zeit überwunden hat. Worum es einem ging als man im Home-Office saß und versuchte, weiterhin seinen Job zu erledigen. Oder worum es einem ging, als die quengelnden Kinder beruhigt werden mussten, weil die Sonne so schön schien und sie zum Spielen hinaus wollten, aber nicht durften. Worum es einem ging, wenn man der alten Mutter Briefe schrieb und sie eben nicht im Pflegeheim besuchte, weil dies untersagt war. Beim nächsten Schluck des wirklich guten Weins bei Peter denke ich mir aber, dass auch diesmal die Chance zur Klärung der eigenen Werte und das Hineinfühlen in das Zusammenspiel von Werte, Einstellungen, Verhalten und Handlungen von vielen Menschen verpasst wurde. Jetzt, im Oktober ist Corona integriert als weitere Lebenserfahrung [nicht als Werteerfahrung], einige Menschen werden wohl etwas mehr individuelle Krisenprävention betrieben haben, die allermeisten sind zum Alltagstrott zurückgekehrt und werden sich dann zu Silvester mit den Worte zuprosten: ‚Was war das bloß für ein Jahr!?‘

Ich sitze da beim Wein, jetzt auch mit feinem Käse vom Almbauern, und denke mir: Eigentlich schade. Die, die vor Corona den Mist ihrer Hunde nicht wegräumten, haben es durch Corona auch nicht gelernt. Die, die im Stadion Menschen verunglimpften, werden es auch nicht gelernt haben. Die, die es doch eigentlich begriffen haben sollten, dass sie mit ihren Verschwörungstheorien nicht weiterreichten als bis zu denjenigen, die auch ohne sie bislang nicht von Zwölf bis Mittag dachten, erfinden sich dennoch jeden Tag eine neue Mär. Ein ’neuer‘ Mensch ist nicht entstanden, die prophezeite ’neue Normalität‘ ist ausgeblieben. Verzicht wurde geübt und ist bis jetzt auch noch aktuell – schließlich fallen gerade jetzt Anfang Oktober keine sturzbesoffenen Personen über Oktoberfest-Bierbänke; leider gibts aber auch kein feines Theresienplatz-Hendl. Na und? Eine Tragödie?

Aber vielleicht hat als ’neue Normalität‘ ja die Digitalkompetenz zugenommen? Schließlich haben viele Menschen sich nun wochenlang mit langsamen Leitungen gequält und ihren Kolleginnen und Kollegen über die Laptop-Kamera gezeigt, mit welchen Kuscheltieren sie so wohnen. Daran kann man sich gewöhnen. Deshalb wollen sicher viele lieber öfter zu Hause hocken und ihre Arbeitsleistung einbringen, oder? Peter, der nun neben mir sitzt und ein kleines Oktoberfest-Bier trinkt [frisch aus dem Fass!] meint, dass es Homeoffice-Anhänger doch schon lange gibt und die die Form der Arbeit auch ohne Corona gewollt hätten, ihre Chefs nur zu geizig waren, die Hardware und die Sicherheitssoftware zu kaufen. Das mag wohl stimmen, wie könnte man wohl sonst die enormen Verkaufszahlen interpretieren, nachdem die Bundesregierung den Kauf von entsprechender Software finanziell unterstützt hat? Wie auch immer, auch an diese ’neue Normalität‘ glaube ich nicht. Der Mensch ist ein Resonanzwesen und eine PC-Maus gibt einem eher wenig davon her – da brauchts dann doch echte Gesichter, in Echtzeit. Überhaupt: Das Virus hat die Strommasten nicht wachsen lassen, also haben wir weiterhin ein Energieproblem. Und ein Digitalisierungsproblem – wo doch sogar die Kanzlerin im virtuellen Dunkel saß und bei einer Videokonferenz fragen musste: Ist Söder noch da? Und ein Flüchtlingsproblem. Und ein Europroblem. Und ein Deutsche-Sprache-Problem, auch bei den Deutschen. Und das Nur-unzureichend-konzentriert-Lesenkönnen-Problem ist auch nicht weniger geworden. Alles beim Alten also, Anfang Oktober. Dafür kommt bald die Winterzeit und die Uhr wird zurückgestellt, so viel ist sicher. Und meine Wünsche sind auch noch dieselben, die ich schon vor einem halben Jahr hatte. Der Wunsch nach einer Weltfriedenskonferenz, der das Langweiligste der Welt endlich beendet: den Krieg als Ausdrucksmittel, den Krieg als unkreatives Machtmittel von Mächtigen. Und eine Weltabfallkonferenz, bei der beschlossen wird, alle Abfallberge, Müllhalden, wilde Entsorgungsdeponien und den sonstigen Dreck dieser Welt per App aufzuzeigen und es endlich zu schaffen, diese ganzen Furchtbarkeiten mit Ingenieurstechnik vernünftig zu beseitigen. Und eine Weltkulturkonferenz, bei der beschlossen wird, nicht nur über das Erbe von Kulturerrungenschaften zu befinden, sondern auch darüber, was nicht mehr zur Kultur der Menschheit gehören sollte. Ich hätte da ein paar Ideen, merke aber schon bei den Gedanken daran, dass sie auszusprechen an dieser Stelle vielleicht nicht so opportun wäre [zum Beispiel die Abschaffung der Gender-Sternchen, das Verbot des Verzehrs von Fledermäusen oder des Tragens gelb getönter Sonnenbrillen] – Grappa-Peter werde ich die anderen aber alle erzählen, sicher hat er dazu noch seine Ergänzungen.

Als ehemaliger Manager in der Pharmaindustrie freue ich mich Anfang Oktober 2020 darüber, dass das Virus sein Antidot gefunden hat. In ein paar Monaten wird Deutschland durchgeimpft werden können. Das Virus wird sich einreihen in die vielen anderen Virenwesen, denen sich der Mensch schon hat annehmen müssen. In den Griff bekommen durch Forschung und Wissenschaft, nicht mit Handauflegen, Grenzsperrungen oder – Entschuldigung – Gebeten. Überhaupt hat die Wissenschaft an Bedeutung gewonnen und ebenso die Wissenschaft von der Wissenschaft. Denn manches tut sich an den Universitäten – man hat gelernt, dass die Vielzahl der unterschiedlichen Virologen- Expertenmeinungen nicht unbedingt gut ist, vor laufender Kamera zur Schau gestellt zu werden. Das machen die Wirtschaftsweisen besser – die denken und formulieren dann aus einem Guss ihr durchaus manchmal auch diversifiziertes Statement. So etwas kommt nun im Oktober mit auf die Wunschliste, denn das nächste Virus kommt bestimmt. Warum sehen wir eigentlich nicht im Fernsehen moderne Wissenschaftssendungen, in denen die deutsche Exzellenz dem Volk zu jeweils einem brisanten Zukunftsthema die verschiedenen Forschungsperspektiven aufzeigt, nicht im 45 Minuten Gehetze, sondern dreistündig, mit einem Informationsziel und ansprechenden und verständlichen Grafiken?

Peter bringt noch ein Gläschen. Touristen kommen, zumeist deutsche. Sie schauen so aus wie immer, ihre allzu oft zu kurzen Hosen sind zum Schreien. Wie sehr wünsche ich mir die Wiederauferstehung von Karl Lagerfeld herbei, aber Ostern war ja schon. Ja, und die Corona-Cartoons sind nun auch Geschichte. Das Bilder der Katze mit dem Maul- und Nasenschutz war schon lustig, aber jetzt ist das ebenso gestrig wie die im Frühling immer wieder kolportierten romantischen Vorstellungen einer Solidaritätsgemeinschaft unter uns Menschen. Die gab es vor Corona ja auch schon und  schlummerte vor sich hin, bis der Anlass kam, sie zu zeigen. Im Frühling also die Nachbarschaftshilfe, ähnlich engagiert wie 2015 bei der Unterstützung der Kriegsflüchtlinge. Aber nun dauerhaft mehr Solidarität, liebevolles Umsorgen oder Menschenfreundlichkeit? Nein, ich sehe das nicht. Die Leistungsgesellschaft wird nicht von einer Solidaritätsgesellschaft abgelöst. Dazu fehlt es an Rahmenbedingungen, die zwar diskutiert werden, es bei diesen Diskussionen aber mehr den Anschein hat, als würde damit ein Kampf gegen die Leistungsgesellschaft gefochten. So wird im Beispiel des bedingungslosen Grundeinkommens als einer Art monatlichem Helikoptergeld aus meiner Sicht der Gedankenfehler gemacht, dass kein Mensch in Bedingungslosigkeit lebt und leben will. Viktor Frankl hat dies so zum Ausdruck gebracht: Jeder Mensch hat Bedingungen. Und jeder Mensch ist frei und verantwortlich, sich diesen Bedingungen zu stellen. Wenn ein Mensch also zum Beispiel Bedingungen nicht erfüllen kann, die an einen Bereich seiner Lebensführung gestellt werden, dann ist die Lösung nicht die Erschaffung einer Bedingungslosigkeit, sondern das Ermöglichen von Räumen für Probehandlungen. Für den Eintritt in solche Räume für Probehandlungen ist der Mensch frei und verantwortlich – Betonung auf ‚und‘. Das Virus hat solche Räume eröffnet. Viele Menschen haben sich neu entdeckt und ‚freie Handlungs-Kapazitäten‘ gefunden, die sie auch weiterhin nutzen können. Ein Teil dieser Kapazitäten zeigen sich in dem, was wir mit einem Begriff wie Solidarität in Verbindung bringen können, andere finden wir im Kontext von Bildung, Kunst, Forschung, Journalismus und anderen. Jetzt, im Oktober, zeigen diese erweiterten Kapazitäten bereits Wirkung. Auf dem Weg zum Grappa-Peter bin ich am Studio einer Violinistin vorbeigekommen, die zweimal die Woche mit einem Jugendpsychotherapeuten gemeinsam Stimmungstrainings für 12- bis 16jährige anbietet. Hier wird an den Themen Kooperation und Zukunftswünsche musikalisch und verhaltenstherapeutisch gearbeitet. Ein Beispiel, von vielen weiteren werden wir hören.

Ja, das Wachstum hat einen Dämpfer bekommen, aber die einstigen Zerstörungsrezessionspropheten erkennen zunehmend, dass Ökonomie heute resilienter ist als vor zehn Jahren. Und diese Resilienz wird Folgen haben. Am Fuße meines Weinglases sehe ich eine Wirtschaft, die noch globaler werden wird, aber mit mehr Lieferantenstandbeinen und einer etwas anderen Lagerhaltung. Irgendwie ist es ja auch schöner, im eigenen Weinkeller eine Flasche bei spontanem Bedarf zu finden als erst dann, wenn der Besuch vor der Tür steht, eine Buddel über amazon bestellen zu müssen.

Peter bringt mir noch einen Grappa. ‚Geht aufs Haus‘, meint er. Das gab es früher auch schon, nicht nur bei Peter. Die Geste zeigt mir aber an, dass gute Beziehungen zu pflegen weiterhin ein Hauptmotiv von Menschen ist. Nun mehr denn je, denn Quarantäne & Co. dienten der Verwirklichung des Oberwertes Gesundheit. Jetzt, im Oktober, ist die Lage im Griff. Jetzt geht es um den Wert Präsenz. Wie bei einem Kind, das vor kurzem noch einen gebrochenen Arm hatte und sich schonen musste, dessen Gips aber nun entfernt und die Muskulatur wieder hergestellt ist. Nun rufen es seine Freunde zum Mitspielen auf – und das Kind will. Auch, wenn es immer wieder noch zwickt. Manche Kinder übertreiben, und brechen sich wieder irgendetwas. Andere passen auf oder setzen sich zum Ausruhen immer wieder mal auf die Ersatzbank. Und jedes Kind lernt die Reaktionen der anderen kennen, so wird das Spiel komplexer. Durch Präsenz. Einfach nur rumsitzen und nichts tun – für die allermeisten ist das nicht vorstellbar. Die Präsenz-Maschine ist deshalb wieder hochgefahren, schließlich will man zeigen, dass man da ist und die eigenen Kompetenzen und bisherigen Wirkungskreise nicht wegquarantänisiert wurden.

Der Wein schmeckt, der Grappa auch. Die Geschäfte sind alle geöffnet, die Tüten der Touristen gefüllt. Die Leistungsgesellschaft hat uns wieder und alle wissen, wenn es nötig ist, dann zeigt sich auch die Solidaritätsgesellschaft. Bei letzten Schluck frage ich mich, wie es beide Ausrichtungen lernen könnten, gemeinsam den Weg zu ebnen für eine weltoffene, europäische Universalitätsgesellschaft, in der spontane, sozialökonomische, situative Kooperation auf intelligentere Weise möglich wird als bislang. Dass es ein kleines Virus schafft, dass innerhalb kürzester Zeit Grenzen wieder hochgezogen werden, nationalistisch kruder Menschenhass geschürt wird oder wir wartend zu Hause hocken, bis Politiker meinen, dass es nun Zeit sein könnte, etwas zu ‚lockern‘, ist doch absurd. Ob es wohl einmal eine einzige App geben wird, über die sich nicht nur alle Europäer überregional bis lokal über die Zustände von Luft und Wasser, bis hin Stadtverschmutzung, UV- oder eben auch Viruslast informieren können, sondern auch durch eine künstliche Intelligenz Anregungen erhalten, freiwillig ihren Anteil zur Verbesserung von Belastungsparametern zu leisten. All diese Informationen sind an sich verfügbar, aber ineffizient organisiert und für den Einzelnen viel zu mühevoll zu recherchieren. Und wieder könnte die europäische Exzellenz zusammenkommen und die Daten bündeln, die für Otto-Normalverbraucher relevant und gestaltbar sind.

Am Ende des Tages zählt nur die Handlung, wusste schon Viktor Frankl. Corona hat gelehrt, dass das jedem möglich ist. Am Ende des Tages zu Hause geblieben zu sein, hat gezählt [und dass das Interesse an Fake-News sprunghaft abgenommen hat, ist ein schöner Nebeneffekt. Wenngleich: Sich vorzustellen, dass der Wuschelkopf von Boris Johnson das Virus in UK erst zu rechter Verbreitung geführt hat, entbehrt nicht eines gewissen Amusements]. Wenn individuelles Handeln zum Wohl der europäischen Gesundheit künftig initiiert werden würde durch eine pfeilschnelle, wissenschaftlich validierte App-Information, wäre wohl ein wichtiger Meilenstein für eine universale Bürgerinitiative gelegt. Und in Europa würde man zunehmend verschont von Politikern, die ihre fachlichen Inkompetenzen zu übertünchen versuchen mit schnellen nationalistisch-rassistischen Zuschreibungen. Peter meint das auch, wir sind schließlich in Italien.

Corona-Blog: Alles Virus oder was?

Wird gelockert, oder nicht? Und warum dort, wenn nicht auch hier? Und warum erst dann, wenn dort schon jetzt? Viele Widersprüchlichkeiten tun sich auf und so sehen manche Auguren zum Beispiel schon Heerscharen von Abiturienten vor Gerichte ziehen, weil diese sich in ihren Prüfungsvorbereitungen benachteiligt fühlen, andere sehen eine Welle von Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen in die Therapiepraxen strömen – sobald diese sich trauen, wieder in eine Praxis zu gehen. Wieder andere sehen die Weltwirtschaft in eine Rezession wie 1929 fallen. Selbst die Idee, dass durch Corona gegen Weihnachten viele Babys erwartet werden könnten, wird schnell von denen kassiert, die meinen, es wären wohl eher mehr Scheidungen. Aber vielleicht wäre ja sogar das Eine so gut wie das Andere?

Allen erdenklichen, medial quotenwirksamen Szenarien [des Schreckens] stehen aber bei genauerem Hinhören auch sehr viele gegenüber, die Ausdruck größerer ‚Entspanntheit‘ sind. So verweisen manche Statistiker zum Beispiel auf die Toten durch Krebserkrankungen oder Sturzverletzungen, deren Zahlen in Deutschland auch in diesem Jahr weit höher sein werden als die durch Covid19. Das, was diese Zahlen vermeintlich erträglicher werden lassen, ist wohl das Wissen um die Phänomene Krebs, Sturz u.a.. Denkt man dies weiter, dann ist eigentlich nicht das Virus als solches das Problem, sondern die Existenz von etwas konkret unerträglich Neuem. Kein Wissenschaftler wäre je auf die Idee gekommen, dieses konkrete Virus finden zu wollen. Vielmehr hat das Virus etwas in uns gefunden, und es ist uns erschienen, weil es dieses Etwas [Angreifbares, Verletzliches …] in uns gefunden hat. Das Virus lehrt uns also, etwas unerträglich Neues als Möglichkeit zuzulassen. Wann war für Sie das letzte Mal etwas ‚unerträglich Neues‘ geschehen? Welche Lehren haben Sie aus diesem letzten Mal gezogen?

Erinnern wir in diesem Zusammenhang einen Satz des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Er sagte einmal: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie wiederholt ihre Lehren.“ Eine Lehre, die man zum Beispiel aus unserer logotherapeutischen Sicht erneut ziehen kann, stammt von Viktor Frankl. Er erkannte: In Kriegszeiten gibt es keine Neurosen. Will sagen: Wenn es wirklich eng wird, dann haben Menschen keine Zeit für Wehwehchen. Dann haben sie ein einziges Thema: Überleben. Wie wiederholt sich diese Lehre heute, wenngleich wir [zum Glück] nicht im Krieg, durchaus aber in einer extremen Covid19-Sondersituation sind?

Beispielhaft darin, dass in vielen Arzt- und Therapiepraxen gähnende Leere herrscht, obwohl ein Besuch dort möglich wäre. Eine Erklärung: Jetzt geht es vielen Menschen um die Verwirklichung des Oberwertes ‚Gesundheit‘ mit der Folge, dass alles vermieden wird, was nicht zwingend ist. So verschiebt sich auch manch psychische Problem aus dem Spektrum des neurotischen Formenkreises vor diesem Hintergrund ein gutes Stück ins Nebensächliche. Ja, sogar eine Vielzahl von Menschen mit Angst- – oder in deren Unterform – Zwangsstörungen erleben nun eine echte Entlastung, eben weil sie sehen, wie viele [gesunde] Menschen ihre Angst individuell ausleben, es quasi ’normal‘ geworden ist, nicht nur Angst zu haben, sondern sie auch zu zeigen. Das Virus lehrt uns, etwas unerträglich Neues als Möglichkeit zuzulassen und es zeigt uns, dass diese Möglichkeit für viele Menschen darin besteht, ihre Angst zu zeigen. Angst in ihren verschiedenen Formen wie Beziehungs-, Verlust-, Leistungs- oder Entscheidungsangst ist für viele Menschen derart unerträglich neu, dass wir als eine Konsequenz dieses Erlebens in unserer therapeutischen Praxis immer öfter nach unseren Angeboten zur Individuellen Krisenprävention als Angstprävention gefragt werden. Prävention, um das eigene Nichtwissen bezüglich möglicher Ängste aufzuhellen und Umgangsformen zu entwickeln, die die Unerträglichkeit ummünzen helfen in etwas Sinnvolles.

Am Rande angemerkt: Dass wir es mit unserer ‚german Angst‘ auch übertreiben können, zeigt uns der hygienische Übereifer vieler – nicht zwangserkrankter – Zeitgenossen, der sicher auch von denen nicht empfohlen wird, die uns nahelegen, das zu tun, was sich irgendwie immer anbietet: Händewaschen, wenn man unterwegs war. Oder das förmlich sprunghafte Ausweichen anderen Menschen auf dem Gehweg gegenüber, wenn das Risiko droht, für eine Zehntelsekunde das Abstandsgebot von 1,5 Metern zu unterschreiten – auch dies ist keine offizielle Empfehlung, allein schon wegen der Verletzungsgefahr bei solchen Hasensprüngen. Oder der Entzug des Blickkontaktes oder eines Lächelns zu anderen Menschen, weil diese ja potenziell Infektiöse sein könnten – auch dieses Verhalten wurde bislang nicht als notwendig ins Pflichtenheft aufgenommen. Ob ein offizielles ‚Rechte-Heft‘ es den Menschen erleichtern würde, zu wissen, was sie weiterhin dürfen? Also, ich weiß nicht.

Oἶδα οὐκ εἰδώς – ich weiß, dass ich nicht weiß … – Sokrates weiser Satz [der eben nicht besagt, dass ein Mensch wüsste, dass er nichts weiß] wird in der Gegenwart besonders erlebbar. Viele Experten wissen, dass sie nicht wissen, was richtig ist. Weshalb in der Folge manchmal das Eine hier eine Pflicht, das Andere dort kein Recht ist. Wenn aber viele nicht wissen, was richtig ist, dann bieten sich Fahrten auf Sicht im Nebel der Komplexität förmlich an. Diese Nebelfahrten haben nur einen Beigeschmack – das Gefühl, das unerträglich Neue könnte einen beim kleinsten Fehler rammen, bleibt dauerhaft erhalten. Wenn alle Experte wissen, dass sie nicht wissen und [fast] wir alle wissen dies auch, wir also alle gemeinsam im kollektiven Nichtwissen stecken – dann sind mindestens zwei Wege möglich. Entweder kollektive Resignation, Depression oder Aberglaube hinsichtlich der Wunderfähigkeit mancher Politiker, die immer noch nicht wissen, dass sie nicht wissen. Oder die Möglichkeit, die ich ‚konstruktive Reaktanz‘ nenne. Der kollektive Trotz, sich diesem Nichtwissen gegenüber nicht abzugeben, sondern bereit zu sein für das ‚kollektive Staunen‘, das in der Erkenntnis besteht, dass Nichtwissen eben nicht meint, nichts zu wissen. 

Was wir im Moment erleben, passt vielleicht in dieses Bild: Solange das Schiff nicht oder nicht unreparierbar an einen Eisberg gesetzt wird, hat man es wohl eher mehr als weniger richtig gemacht. Die Methoden, das Schiff zu lenken, sind unterschiedlich. Manche Entscheidungsträger in der Welt versuchen, zum Beispiel durch laute Schreie den Eisberg dazu zu bewegen, einfach zu verschwinden. Manche sehen ihn auch nicht, also ist er auch nicht da. Wie zu erwarten, sind dies eher fragwürdige Einstellungen derer, die meinen zu wissen, dass sie wissen.

Andere erkennen dafür ihre weniger ausgeprägten Wunderfähigkeiten und entscheiden Schritt für Schritt, transparent, wenn auch unter Unsicherheit. Das ganze erscheint langsam, abwägend und alles andere als bei einem Hauruck – in dieser Gruppe mag man wohl unsere politische Elite eher sehen. 

Wieder andere, die einst vollmundig zu wissen vorgaben, welche Entwicklung eine Gesellschaft einschlagen sollte, ziehen sich nun kleinlaut zurück und machen offenkundig, dass sie in ihrem [braunen] Kern nichts zu bieten haben, was als Entscheidungsbasis oder gar als Lehre herangezogen werden könnte. So werden wir hoffentlich eines Tages erleben, dass diese Dampfplauderer zwar nach der Epidemie mit ihren alten Parolen wieder um die Ecke kommen, jedoch niemand mehr daran interessiert ist, sich manch theoretische Verschwörung im Gewand einer ‚deutschalternativen Geschwürung‘ anzuhören. Es besteht auf Sicht also die Hoffnung, dass das Virus uns manches erspart hat. Ist das alles, was wir erhoffen dürfen?

Der richtig große Entwurf einer neuen, solidarischen, gesunden, entschleunigten … Welt wird – so meine Glaskugel – eine Utopie bleiben. Dafür ist das Zeitfenster des Ereignisses zu kurz, ebenso das Zeitfenster, in die post-corona-ökonomischen Wachstumskonzepte etwas hineinzuschreiben, was zum Beispiel nach so etwas wie die Vereinten Nationen von Europa ausschaut oder nach irgendwelchen politischen Welt-Initiativen, in denen sich etwas Positives vorgenommen wird, was eben diese Welt noch nicht gesehen hat. Für so etwas ist das Virus im übertragenen Sinn einfach zu klein, selbst wenn seine Folgeerscheinungen Billionen kosten werden. Aber was sind Billionen, die in Wirtschaftskreisläufe eingespeist werden, die auf unzerstörte Städte, eine funktionierende Infrastruktur, weiterhin bestehende Technologien, kompetente Menschen zurückgreifen können? Sie sind Bumerangs, denn irgendwie kommt das Geld auch wieder zurück, allemal in der ein oder anderen Besteuerung. Das Virus ist eben kein Bombenhagel, kein Atomgau, keine Sintflut, kein Meteor. Wir sollten es daher nicht größer machen als es ist. Das Virus hat uns nicht die Handlungsräume geschlossen. Es hat uns nicht die Freiheit und Verantwortung genommen, auf die Frage zu antworten, worum es jetzt – individuell, in der Familie, im Unternehmen, in der Gesellschaft – zu gehen hat. Ich persönlich glaube, dass dieses Worum für viele nicht sonderlich anders ausschauen wird wie noch vor wenigen Wochen – es sei denn, der aktuelle Zustand bleibt uns über viele Monate erhalten. Aber daran glaube ich so wenig wie daran, dass die Erfolgsfaktoren der Wirtschaft durch die Auswirkungen des Virus substanziell in Frage gestellt werden. Vielmehr sehe ich vor uns, dass das kollektive Wissen um das Nichtwissen einen ungeheuren individuell-kreativen, technologischen und systemisch-vernetzteren Schub auslösen wird, in Wissenschaft, Kunst, Ökonomie und – wer lernbereit ist – beim einzelnen Menschen. Ich glaube: Das neue Staunen beginnt. 

Corona-Blog: Für viele eine Sondersituation, für einige eine Grenzsituation

Sehen Sie sich durch Corona an ‚Grenzen Ihres Lebens‘ angekommen? Fühlen Sie sich ‚am eigenen Leib‘ von den Folgen der Sondersituation überfordert? Ist Ihr Vertrauen ins Leben erschüttert? Haben Sie Ihre Fähigkeiten eingebüßt, Probleme zu lösen? Die allermeisten Menschen werden sagen: Nein. Weil sie mit den drei Situationen noch nicht konfrontiert sind, die der Philosoph Karl Jaspers als Grenzsituation auszeichnet.

Situation 1: Leiden, Sterben und Tod. Wir hören zwar täglich Nachrichten des Grauens und wissen um die schnelle Vergänglichkeit der Existenz, aber die Bilder und Zahlen erschüttern uns nicht – denn es geht bisher ja nicht an den eigenen Kragen. Ganz schnell ändert sich das, wenn Corona die eigene oder die Gesundheit nahestehender Menschen berührt. Bislang ist dies bei 2200 Todesfällen und einigen Hundert schweren Krankheitsverläufen ein statistisch vergleichsweise geringes Problem – bedenkt man die Zahlen anderer Länder oder auch die anderer Krankheiten. Absolut jedoch steht hinter den unmittelbar Betroffenen eine noch größere Zahl von Familienmitgliedern, die von einer Zäsur in ihrem Leben betroffen sind oder sein werden. Viele von ihnen werden bald therapeutische Unterstützung benötigen.

Situation 2: Schuld. Viele der kleinen ‚Delikte‘, die Menschen täglich begehen, führen nicht zu Schuldgefühlen oder Gewissensbissen. Und wenn doch, dann reicht oft eine Entschuldigung oder eine kleine Geste aus, um Schiefes wieder gerade zu rücken. Wir erleben das gerade häufig, wenn eine kleine Unachtsamkeit beim Distanzwahren von anderen Menschen kritisiert wird. Aber wie viel mehr wiegt die Schuld, wenn durch eigenes Fehlverhalten andere Menschen angesteckt werden? Oder, wenn wie offenbar seinerzeit in Ischgl, der gesunde Menschenverstand nicht eingeschaltet, sondern auf behördliche Anweisungen gewartet wird. Es sind eben jene Situationen, die den Unterschied machen zwischen Schuldgefühlen und dem Gewahrwerden objektiver Schuld. Jeder Mensch wird sich aktuell nicht stets perfekt anti-coronal verhalten, selbst Ministerpräsidenten müssen lernen, wie eine Schutzmarke richtig getragen wird. Objektive Schuld jedoch sieht anders aus: Wie bei dem Mann, der gestern in eine Augsburger Postfiliale geht, sich in die Schlange einreiht, dort laut ‚ein bisschen Spaß muss sein‘ singt und dann – vor dem Schalter stehend und die Distanz zur Schutzscheibe missachtend – den Postmitarbeiter fragt, ob am Sonntag [sic!] eine Briefsendung für ihn eingetroffen sei. Als der Postler merkt, dass er hier einer Person mit ‚auffälligem Verhalten‘ gegenübersteht und sie auffordert, vom Schalter zurückzutreten, ruft diese laut: „Ich bin Rentner, und gesund.“ Der Postler, leicht erregt, erklärt deutlich: ‚Was Sie hier machen, gefährdet meine Gesundheit. Gehen Sie bitte, und ich werde darauf achten, dass Sie nicht auch andere Menschen hier gefährden‘. Ohne weiteres Zutun entfernte sich der Mann. Sein womöglich nur ausgeprägter Hang nach Aufmerksamkeit [wir Therapeuten haben bei der Gesamtanschauung der Person eine Reihe von Hypothesen für unsere Wahrnehmungen] mutierte in dieser Sondersituation zu einer ihm [unbewussten] objektiven Schuld. Während eine objektive Schuld sich der bewusst auflud, der sich mit ein paar Freunden ins derzeit im Umbau befindlichen Standesamt Augsburg Zugang verschaffte, dort eine Party abfeierte, herbeigerufene Polizisten bespuckte und ihnen vollmundig mitteilte, er sei infektiös. Da der Alkoholgenuss noch nicht weit genug fortgeschritten war, wird nun wegen Vorsatz ermittelt. Würde einer der Polizisten nun tödlich erkranken, könnte eine Situation entstehen, für die es keine Wiedergutmachung durch den Täter mehr geben kann. Sie würde den Täter mit seiner Unzulänglichkeit und seinem Versagen konfrontieren und seine Schuld würde ihn in die Grenzsituation führen, darauf antworten zu müssen, wie er angesichts seines Fehlers weiterleben kann.

Situation 3: Scheitern. Als Grunderfahrung jedes Menschen, führen manche dieser Situationen zu einem fundamentalen Selbstzweifel [dieser spezifische Zweifel ist das zentrale Merkmal einer individuellen Krise und macht deutlich, dass bestimmte Werte zutiefst verletzt wurden], andere zu einem schnellen Hinweggehen und Aufsuchen neuer Möglichkeiten und Wege. Man kann so oder so zum Beispiel mit der Situation umgehen, einen bestimmten Job, auf den man lange hingearbeitet hat, doch nicht wie erwartet zu bekommen. Oder wenn nun – wie bei vielen Start-Ups zum Beispiel befürchtet – durch Corona Businesspläne zusammenbrechen, sich Investoren zurückziehen oder die Innovation es an sich erfordert, dass sich die Gesellschaft so bewegt und so handelt wie sie es vor Corona tat, um erfolgreich zu werden, dann können jetzt Gründer verstärkt in den Selbstzweifel darüber geraten, ob sie die einst angestrebte Unternehmerrolle aufrecht erhalten. Ein anderes Scheitern mag sich ergeben, wenn man dank Ausgangsbeschränkungen seine/n Partner/in mit einem Mal in einem anderen Licht sieht, mit bestimmten Verhaltensmustern nicht klar kommt und es verletzende Auseinandersetzungen gibt, mit denen umzugehen einfach nicht gelingen will. Auch diese Situationen können Grenzen aufzuzeigen, die zu überwinden aus unserer logotherapeutischen Sicht nur durch die Klärung der eigenen Werte und Grundüberzeugungen glückt.

Mit Grenzsituationen umgehen zu können, meint, sie nicht zu leugnen, auszublenden, zu verdrängen oder die eigene Verantwortung für sie abzuschütteln – auch dann, wenn der Auslöser des Geschehens nicht in der eigenen Person liegt. Manche Menschen glauben, dass ein solches Verhalten die Sache irgendwie leichter macht, irgendwann könne und würde sich die Lage ja hoffentlich verbessern. Dabei wird nicht erkannt, dass dieses Vorgehen enorme Lebensenergie vergeudet und damit destruktiv ist. Sich selber einreden zu müssen, dass man einem Schicksal nicht entkommen konnte und kann, belastet den Weg hin zu einer Ausschau nach Möglichkeiten, Alternativen, kreativen Entscheidungen. Letztlich ist der destruktive Umgang mit Situationen des Scheiterns zurückzuführen auf die Flucht vor Gefühlen der Scham, Wut, Trauer, Angst, Verzweiflung. Ihnen aus dem Weg gehen zu wollen ist psychisch verständlich, aber geistig sinnlos, denn Entkommen funktioniert nicht, Handeln schon. Handeln hin zum Sinn, dann übernimmt der Mensch Verantwortung für das, was vor ihm liegt – denn das, was war, kann er bestenfalls verstehen lernen, gestalten kann er nur, was auf ihn wartet.

Corona-Blog – Drängt das Virus den Menschen zur nachhaltigen Lebensstil-Veränderung?

Kaum ein Tag vergeht nun, an dem nicht ein Szenario-, Zukunfts- oder Trendguru zum Besten gibt, was sich nach Corona für die und in der Gesellschaft wohl verändern wird. Von einem entschleunigten, sozialeren, wärmeren, deglobalisierteren Deutschland wird da gesprochen, manche sehen gar eine neue Weltordnung auf uns zukommen, schließlich sei es das erste Mal, dass so ziemlich jeder Zipfel dieser Welt mit derselben Sondersituation zu tun bekommen hat. Überall wird gestorben und gelitten, überall fehlt es an Ähnlichem, überall wird improvisiert und überall zeigt sich das Menschliche in allen möglichen Hilfsbereitschaften. Wenn das keine Gründe sind, aufgerüttelt zu werden und den Menschen zu einer Weiterentwicklung seiner selbst zu führen?

Meine – therapeutische – Perspektive fragt sich bei all diesen Ansagen, ob da nicht ein Knick in der Optik der Vater der Gedanken ist. Ich will es kurz machen: Wird sich im Selbstverständnis des Menschen etwas hinsichtlich seines Lebensstils ändern? Meine Antwort: Nein. Es wird auf individueller Ebene alles so weitergehen wie bisher. Warum? Weil sich die individuellen Wertesysteme durch das aktuelle Geschehen nicht verändern werden. Wer vorher bereits Werte wie Fürsorge, Hilfsbereitschaft, Nähe oder Zuwendung sein eigen nannte, der zeigt diese in seinem Verhalten heute wie zuvor, vielleicht aufgrund der zur Verfügung stehenden Zeit und Begrenzungen nur intensiver – und dies wohl kaum, damit er dafür Held genannt wird. Wer zuvor bereits Werten wie Loyalität, Pflicht, Ordnung, Disziplin folgte, der bleibt auch jetzt bei der Stange und erledigt seine Aufgaben selbst unter widrigen Bedingungen. Auch Helden.

Das ließe sich nun beliebig weiter ausführen, am Ende steht immer der Wert Gesundheit, der als Kollektivwert vom Virus attackiert wird und dem sich alle anderen Wertemaßstäbe unterordnen – bei den allermeisten Menschen zumindest. Weil das so ist und von der Wissenschaft bei allen Widersprüchlichkeiten und Deutungsvielheiten hinreichend genug transparent dargestellt wird, in welcher Weise die Gesundheit bedroht wird, sind Menschen weit überwiegend bereit, in ihren Behausungen zu bleiben und sich an Auflagen und Empfehlungen zu halten. Weil die Politik sich auf Wissenschaft beruft, funktioniert das. Wo Politik dies nicht tut, werden grandiose Fehler begangen und der führende Politiker, der sie begeht wird sein Verhalten, das sich nicht sofort dem Kollektivwert Gesundheit unterordnete, eher über kurz als lang bezahlen [auf die nächsten Wahlen in den USA, Brasilien, UK, in den italienisch von der Lega gefärbten Regionen oder in den auch in den Bundesländern mit Vorlieben für gewisse aber nicht gewissenhafte Deutschlandalternativen bin ich heute schon gespannt. Für Schweden hoffe ich nur das Beste]. Würde die Wissenschaft ihren Job nicht richtig machen und die Politik zudem herumlarvieren, die Katastrophe wäre vorprogrammiert.

Erfährt der Kollektivwert Gesundheit aber keine gravierende Schädigung, eben weil die meisten Menschen anfangs mit ihrem eigenen Verhalten einen Beitrag dafür leisteten, die politischen Bedingungen angemessen gesetzt wurde und schließlich die Pharma- und Impfstoffforschung es schafften, mit einem starken Wirkstoff um die Ecke zu kommen, dann wird das individuelle Verhalten anschließend wieder zurückfallen in das jeweilige Wertesystem des Einzelnen. Mit dem Bojenmodell will ich das kurz skizzieren. Die folgenden Bilder zeigen metaphorisch den Zusammenhang zwischen Werten und Verhalten auf.

Das Wertesystem mit unseren Überzeugungen stellt quasi den Anker dar, mit dem wir unser Verhalten gut begründen können. Wenn wir gute Gründe haben, dann formulieren wir sie als Grundüberzeugungen, die uns entweder wichtig sind, damit bestimmte Zwecke unseres Verhaltens und unserer Handlungen erfüllt werden. Sind diese Überzeugungen sogar wesentlich, also dem individuellen Wesen entsprechend, dann findet eine Person mit ihren formulierten Grundüberzeugungen und den sie begründenden Werten einen Sinn in der Situation, im Alltag oder sogar im ganzen Leben.

Das Wertesystem leistet somit den Hauptbeitrag dafür, dass eine Person eine Haltung einnehmen oder eine Einstellung für etwas entwickeln kann. Dieser Entwicklungsprozess wiederum führt zu Motiven der Person, die sie letztlich zu Verhaltensweisen und Handlungen bewegt und ihr auch eine entsprechende Kommunikation über ihre Motivationen, Handlungen und ihr Verhalten ermöglicht.

Wird das Wertesystem nun in Unruhe versetzt und kommt die Person aus welchen spezifischen Gründen auch immer unter Stress, dann lohnt sich ein Blick auf die durch diese Unruhe verletzten Werte. Oft vermögen es Menschen, durch ihre Fähigkeit zur Selbstberuhigung eine Gelassenheit zu entwickeln, die dazu dient, eine Werteverletzung nicht zu lange als Beschwernis ertragen zu müssen. Tritt aber ein Sonderereignis wie zum Beispiel Corona ein, dann wirbelt dies die Boje [in diesem Modell das sichtbare menschliche Verhalten und seine erlebbaren Handlungen] aufgrund hoher Schockwellen besonders stark herum. Die Person muss nun deutlich mehr Energie aufwenden, um sich wieder zu stabilisieren als dies in Alltagsstress-Situationen erforderlich ist.

Der Weg hin zu einer Re-Stabilisierung kann erleichtert werden durch sogenannte Resilienz-Faktoren [bei Interesse finden Sie dazu in der KrisenPraxis verschiedene Beiträge dazu]. Jenseits dieser Faktoren muss allemal darauf geachtet werden, dass nicht zu viele der individuellen ‚Halteseile‘ [Haltungen und Einstellungen] reißen und ein Mensch sich als Spielball des Ereignisses ansieht [wie dies im dritten Bild angezeigt ist]. Will sagen, Menschen wollen Herr im eigenen Wertehaus sein und bleiben. In Extremsituationen muss die Politik und die ihnen folgenden staatlichen Instanzen ihre Interventionen so planen, dass die meisten Menschen nicht den Eindruck gewinnen, ihre Werte und die sich aus ihnen ergebenen Einstellungen und Haltungen wären der Politik ‚nichts wert‘. Solange – wie gerade – ein kollektiv übergeordneter Wert wie ‚Gesundheit‘ in Gefahr gerät, die Schockwelle also gefährlich ist, werden Menschen eingeleitete Maßnahmen solange akzeptieren wie das ‚Halteseil‘ hält.

Werden jedoch Interventionen gesetzt, obwohl Menschen diese nicht mehr als notwendig empfinden, dann überdehnt das Seil ohne ‚triftigen Grund‘ und droht zu reißen. Die Folge davon sind im Extremfall anarchische Prozesse, im einfachen die Abwahl derer, die diese Interventionen setzten.

Man sollte also schon recht genau einschätzen können, welche individuellen Wertesysteme hinter einem kollektiven Oberwert wie Gesundheit stehen und dann verteidigt werden, wenn der Oberwert nicht mehr gefährdet erscheint.

Es ist ein bisschen wie in der Schule. Reißt ein Schüler zum Zwischenzeugnis die erforderlichen Noten, dann ist seine Versetzung gefährdet. Empfindet der Schüler dies als Bedrohung, weil er vielleicht durch Nichtversetzung den Kontakt zu seinen Freunden, den Liebesentzug seiner Eltern oder den potenziellen Karriereknick in seiner Laufbahn befürchtet, dann wird die Zeugnis-Intervention [die Schockwelle] dazu führen können, dass er die Anspannung seines Halteseils durch einen intensiven Lernprozess wieder lockert. Empfindet der Schüler das Versetzungsszenario jedoch als nicht bedrohlich, dann pfeift er förmlich auf die möglichen Folgen. Das Problem dabei ist, dass dies nur dann gut geht, wenn es gute Gründe des Schülers dafür gibt, seine Situation als nicht bedrohlich anzusehen. Gute Gründe stellen für uns in der Logotherapie Verhaltens- und Handlungsentscheidungen einer Person dar, die sie auf Basis eines geklärten, für sie stimmigen und mit positiven Gefühlen verbundenen Wertesystems trifft. Gibt es diese guten Gründe nicht [zum Beispiel, weil die Person in Unkenntnis ihrer eigenen Werte ihr Leben lebt], dann läuft eine Person -hier der Schüler – Gefahr, aus Naivität, Fehleinschätzung, mangelnder intellektueller Verarbeitungskapazität oder schlicht Dummheit ein Verhalten zu zeigen, dass inadäquat zur Situation ist.

Nicht übersehen werden darf, dass Menschen zuweilen ihre Situation als überbedrohlich empfinden, sie also eine Schockwelle in ihrer Wirkung deutlich überbewerten und ihre ‚Boje‘ mehr als erforderlich aus der vermeintlichen Gefahrenzone steuern. Man weicht also zum Beispiel einem auf dem Gehweg fälschlicherweise fahrenden Radfahrer nicht nur ein wenig aus, sondern wechselt gleich auf den anderen Bürgersteig. Diese Angst frisst auf Dauer die Seele auf und führt – sofern sie vergesellschaftet wird – zu einer Abhängigkeit derer, die suggerieren, sie könnten mit Interventionen wie Abschottung, Schuldzuschreibung oder der – an sich latente Hilflosigkeit anzeigenden – Nutzung eines kriegerischen Vokabulars die Lage wieder in Ordnung bringen.

  • Anmerkung: Mir persönlich reicht eine gewissenhafte Finanz- und Fiskalpolitik aktuell völlig aus. Der Extrem-Sprech einer ‚Bazooka‘ oder anderer Begrifflichkeiten, die den jeweiligen Sprecher medial kurzzeitig nach oben bringen, ist ebenso unnötig wie töricht. Ich schätze, die Menschen werden sich einst erinnern, wer sie in dieser Situation ruhig, besonnen und lernfähig führte. Und daran, wer nichts Brauchbares von sich gab oder weiterhin die bereits zuvor stets mit kesser Lippe abgesonderten kruden Ideen vortrug. Für Härte in der Sache [nicht in der Polemik] und Verbindlichkeit in der Form [anstatt irgendwelcher alternativer Verschwörungstheorien] gibt es meines Erachtens in Deutschland eine deutliche Wählergunst. Eben, weil dann die Menschen fühlen, dass sie entlang dessen geführt werden, wofür die Paragraphen der europäischen und der deutschen Verfassung stehen.

Schauen wir nach vorne und wissen um die sukzessive nachösterliche Wiederberuhigung des zuvor vom Virus massiv in Wallung versetzten ‚Wertewassers‘. Was wird geschehen? Die individuelle Boje wird wieder in ihre Ursprungslage zurückkehren [wollen]. Sie hat gelernt wie es ist, wenn der Anker – das Wertesystem – überstrapaziert wird und sie wird ‚motiviert‘ sein, sich nun wieder in dem Radius zu bewegen, den die Ent-Spannung ihr nun wieder ermöglicht. Solange der Oberwert Gesundheit weiterhin als potenziell gefährdet verstanden wird, wird diese Ent-Spannung langsamer verlaufen, aber sie wird verlaufen. Sie wird für diejenigen leichter verlaufen, die in ihrem Leben eine Balance gefunden haben zwischen Freiheitsrechten und Verantwortungspflichten. Wer meint, seine Freiheitsrechte über die Verantwortungspflichten zu stellen, wird ebenso auffällig werden wie das bei ihm schon vor Corona vermutlich war. Wer die Verantwortungspflichten weit vor die eigenen Freiheitsrechte stellt, der wird ebenso auffällig werden – zum Beispiel durch den schnellen Ruf, doch diejenigen ausfindig zu machen, die für die Ausbreitung des Virus verantwortlich waren. Extremisten werden schreien: Stellt sie an die Wand. Extremen Freiheitsrechtlern wird es egal sein, Hauptsache es ist ‚vorbei‘ und man kann es wieder krachen lassen. So wie anders tut Ausgleich gut.

Wer aber im Einklang mit seinen Werten lebt und dabei eine Balance zwischen den beiden Leitplanken [eines jeden Wertesystems], den Werten ‚Freiheit‘ und ‚Verantwortung‘ bewahrt hat, der wird die Sondersituation mit ihren individuellen Stressoren leichter meistern.

Kleine Schritte sind besser als große Worte, oder – wie schon Viktor Frankl wusste – am Ende des Tages zählt nur die Handlung, nicht die Erkenntnis. Wer also aktuell in finanziellen Schwierigkeiten, in der Angst um den Arbeitsplatz, in Sorge um die eigene oder die Gesundheit eines anderen ist, der kann sich ein Blatt Papier nehmen und als Kopfzeile notieren:

Jeder Mensch hat derzeit ‚Corona-Bedingungen‘,
aber jeder Mensch ist frei und verantwortlich, sich zu ihnen einzustellen.

Darunter dann eine Zeile: Meine eigenen Corona-Bedingungen, die mir derzeit am meisten Ärger, Angst, Sorge, Stress, Wut, Trauer … bereiten sind:
1.
2.
3.

Darunter dann zwei Spalten:
Spalte 1: ‚Handlungs- und Verhaltensfreiheiten‘
Spalte 2: ‚Handlungs- und Verhaltensverantwortungen‘.

Hier schreiben Sie nun hinein, wofür es gut ist, die bestehenden Freiheiten in Form von Handlungen und Verhaltensweisen zu nutzen und wofür es gut ist, die bestehenden Verantwortungen in Handlungen und Verhaltensweisen konkret umzumünzen. Und dann beginnen Sie. Konkret. Am besten jetzt!

Bleiben Sie gesund.
Bald wird’s leichter.

Corona-Blog: Koller und Kommunikation

Heute ein kleiner Bericht aus dem therapeutischen Alltag. Es geht um vier Menschen, nennen wir sie Familie Engegluck. Vier Personen in einer 115qm-Wohnung, unterm Dach. Vater 43, Mutter 39, Tochter 19, Sohn 15. Und nun Corona. Niemand ist infiziert, soweit man es wissen kann. Auch alle Großeltern sind wohlauf, die Enkel freuen sich darüber und haben regelmäßig Skype-Kontakt zu ihnen. Ein persönlicher Kontakt ist aufgrund der räumlichen Entfernung nicht möglich. Das zentrale Problem der Familienmitglieder, man könnte es das Glucken-Syndrom nennen, besteht nun darin, dass die zwischenmenschliche Distanz, die im öffentlichen Raum zur Pandemiebekämpfung angezeigt ist, im privaten unmöglich wird. Familie Engegluck kommt sich auf eine Weise nah wie sie es in eigener Erinnerung noch nie hatte, nicht einmal zu Weihnachten.

Jetzt, nach fast zwei Wochen zeigen sich erhebliche Schwierigkeiten im Umgang miteinander in dieser Ausnahmesituation. Die Melange aus Langeweile, der Angst, dass sich ein Familienmitglied infiziert und dies dann die ganze Familie treffen kann, die Frustration, Zukunftspläne [Studium der Tochter, geplante Urlaubszeit, berufliche Projekte] auf Eis legen zu müssen, drohende finanzielle Einbußen, die Pubertät des Sohnes, der sich Anfang des Jahres ‚frisch‘ verliebte und nun eine Trennung von seiner in einer anderen Stadt lebenden Freundin zu ‚überstehen‘ hat – diese Stress-Dosis wird nun noch dadurch erhöht, weil niemand einen Rückzugsort mehr hat und jedes Thema immer wieder durchkaut und als derzeit nicht lösbar angesehen wird. Selbst die vorhandene Erkenntnis, dass es viele Menschen härter getroffen hat und womöglich noch treffen wird, mindert nicht heftiger werdende psychische Reaktionen, die letztlich die Eltern veranlasst, sich therapeutische Hilfe zu holen. Sie selbst haben immer wieder ihren Kindern gegenüber die Wichtigkeit angesprochen, dass nun alle ihre sozialen Kontakte „nullen“, auch um anderen Menschen nicht zu Gefahr zu werden. Auch haben sie, „weil das vorher ja auch schon so war“, die Tagesstruktur beibehalten. Dank funktionierender Technik können die Kinder ihre schulischen Themen weiter im Blick halten und auch die Eltern stehen nicht ganz im Abseits, Vater kann im Homeoffice an verschiedenen Themen weiterarbeiten, die Mutter ist in Kurzarbeit. Man hat Zeiten zum Telefonieren jeweils am frühen Abend verabredet und ebenso wurde beschlossen, das Fernsehen erst nach 18 Uhr einzuschalten, um nicht „komplett durchzudrehen, weil es kein anderes Thema mehr gibt, abgesehen von den zahlreichen Fakenews und den sich widersprechenden Informationen über Zahlen, Daten und Fakten.“

Vieles, was die Familie tut, erfüllt einen guten Zweck. Sie distanzieren sich zum eigenen wie zum Schutz anderer in der Öffentlichkeit so gut es eben geht, sie distanzieren sich von einem information overload durch Medienverzicht, sie distanzieren sich inhaltlich durch Beibehalten wesentlicher Routinen in ihren Lern- und Arbeitsprozessen. Aber eine Distanz bröckelt – die private. Individuelle Verhaltensweisen, die sonst während des Alltags ‚untergingen‘ und kaum von den anderen Familienmitgliedern beachtet wurden, gewinnen nun an Aufmerksamkeit [z.B. Schwester zu Bruder: „Was treibst Du denn solange auf dem Klo?“, „Sohn zu Vater: Brauchen die das in der Firma wirklich, was Du da machst?]. Werden sie thematisiert, erzeugen sie Gefühle des Kontrollverlustes, der Peinlichkeit, der Hilflosigkeit oder das seltsame Empfinden, unter permanenter Beobachtung zu stehen. „Wir gehen uns mittlerweile derart auf die Nerven, dass wir uns darüber sorgen, selbst Schaden zu nehmen, der auch dann bestehen bleibt, wenn sich in Sachen Corona wieder Entspannung ergeben haben wird.“ Die Eltern berichten, dass es bereits sogar zu verletzenden Äußerungen gekommen ist, wenn jemand über etwas bloß berichtete, was ihn erfreute oder was als humorvoll angesehen wurde. Auf die Reaktionen folgten dann zwar regelmäßig auch Entschuldigungen, „aber die Frequenz der Konflikte nimmt doch zu“. Überraschend für alle ist es, dass die ‚Aufreger‘ sehr unterschiedlich sind und es auch nicht ‚das‘ Familienmitglied gibt, das permanent aus der Rolle fällt oder Anlass gibt, sich auf Dauer über es zu ärgern. „Wir sind es einfach alle nicht gewohnt, so eng aufeinanderzuhocken. Ohne den übergeordneten Grund würden wir wohl diesen Zustand auf Dauer nicht aushalten wollen“, beschreibt der Vater die Lage.

Nun sind die Bedingungen wie sie sind, die Wohnung um weitere Räume anzubauen gelingt nur in der Phantasie und der Idee, die akzeptierten Ausgangsregeln zu brechen, steht die Vernunft gegenüber, die alle vier Familienmitglieder deutlich bekräftigen. „Neulich hab ich mich so geärgert, da bin ich dann rausgelaufen und wollte zu meiner Freundin, aber dann hab ich mir gesagt, dass das nicht okay ist und dann hab ich zwar mit ihr telefoniert, aber als ich dann wieder zu Hause war, war der Ärger nicht weg. Ich meine, das liegt daran, dass einfach in jedem zweiten Satz über das Virus gesprochen wird und auch meine Freundin ihre Probleme damit hat“, meint die 19jährige. Und die Mutter ergänzt: „Die ganze Aufregung um mich herum, ist für mich viel zu viel. So viel Familie kann doch niemand auf Dauer ertragen.“

In einem online geführten Gespräch kann die Familie diesen Aspekten zustimmen:

  • Gäbe es nicht die gemeinsame Antwort auf die Frage  ‚Worum ist es für jeden Einzelnen gut, ‚trotz allem‘ die aktuelle Situation zu ertragen?“, dann wäre der psychische Druck für jeden und das gesundheitliche Risikopotenzial deutlich größer. Es gibt offenbar einen Sinnbeitrag, den jeder der Familie erfüllen will und der über dem psychischen Verlangen steht, zum Beispiel sich mit anderen Menschen zu treffen. Dem Freiheitsrecht hat die Familie eine Verantwortungspflicht zur Seite stellen können, ohne dass das eine für das andere geopfert wird.
  • Die empfundene Enge bringt individuelle Besonderheiten einer jeden Person hervor, die zu entdecken zuvor kaum gelungen wäre. Da diese Besonderheiten gerade jetzt unter verstärktem Stresseinfluss zutage treten, lernt die Familie, dass sie bislang ein Zusammenleben führen konnte, das recht entspannt und ausgeglichen erlebt wurde.
  • Auf die Frage, wie man wohl die Familie als Außenstehender bis zum Eintritt der Corona-Sondersituation erlebt habe, werden diese Zuschreibungen genannt: entspannt, ruhig, freundlich-unaufdringlich, diszipliniert, selbständig, intellektuell.
    Und wie wäre das nun?: nervös, fixiert, wartend, besorgt, verlässlich, umsichtig.
  • Auf die Frage, was wohl die größten Unterschiede zu anderen, bekannten Familien sind im Umgang mit der Situation, wird gesagt: weniger grübelnd, auf blöde Weise sind wir uns unsere Eigenheiten wichtiger als das Virus, wir nörgeln weniger über die quasigesetzlichen Auflagen, vielleicht wirken wir auf andere zu obrigkeitshörig oder spießig.
  • Das zentrale Problem ist der mangelnde Rückzugsraum. Spaziergänge oder sportliche Aktivitäten sind schön, „aber an sich bräuchte eigentlich jeder von uns jetzt eine Art Baumhaus“. „Im normalen Leben war da ja in den letzten Jahren immer anders, die Zeiten, in denen wir alle beisammen waren, machten vielleicht so 10-15% aus, und jetzt sind es mindestens 80.“

Dem Vorschlag, eine Kommunikationsbedürfnisanalyse vorzunehmen, mit der ein Blick auf die individuellen Stressmuster geworfen werden kann und die die erlebten Phänomene womöglich leichter zu erklären vermag, wird zugestimmt. Das Ergebnis:


  

Auswertungsergebnisse von o.l. nach u.r.: Tochter, Sohn, Mutter, Vater

An dieser Stelle können die ganzen Details, die der Familie halfen, ihre spezifische Bedürfnis-Konstellation im Kontext der Sondersituation zu beleuchten, nicht aufgeführt werden. Wenn Sie als Leser*in einige Tage im Blog zurückgehen und die Bedürfnisse insb. der Träumer, Empathiker und Macher anschauen, können Sie vermutlich hineinspüren in diese vier Personen im Einfluss des von ihnen erlebten ‚Dichtestress‘.

Mit der Familie wurde besprochen:

  • Normalität des Empfindens: Dass die vier aufgrund ihrer spezifischen Bedürfnisse einen Distanzverlust besonders beklagen, ist wie es ist und okay. Zuweilen wird das Phänomen auch Lagerkoller genannt, was einen psychischen Erregungszustand bei zwangsweiser Unterbringung meint, wie er sich zum Beispiel in Gefängnissen, Deportierungs- [von Viktor Frankl auch beschrieben] oder Flüchtlingslagern oder bei langem Aufenthalt in Bunkern oft entwickelt. Der  „Koller“ [ahdt. kolero = „Wut“, lat.: cholera = „Zorn“ – Choleriker!] ist eine Erregung, die sich aus einer unveränderbaren ‚Zwangs-‚Situation ergibt. Reaktion auf einen Koller können sein: Angst, Wut, Hyperaktivität, Depressivität.
  • Unterschiede zu einer ‚echten‘ Zwangssituation werden von der Familie erkannt – es könnte also durchaus extremer zugehen. Die Familie erkennt, dass es ausreichend Positives gibt, dass das Zusammenleben weiterhin ermöglicht.
  • Wenn Menschen ungewohnt lange zusammen sind, dann braucht es ‚Entspannungsregeln‘, zum Beispiel: Der Schaukelstuhl ‚gehört‘ an einem Tag der Woche von 14-17 Uhr der Person X, oder Y kann an einem Tag der Woche ungestört zwei Stunden in der Badewanne liegen, das Telefon wird abwechselnd jeden Tag für 15 Minuten genutzt, um absolut ungestört mit einer Person zu sprechen. Oder: Wenn Drei für zwei Stunden spazieren gehen, dann freut sich der Vierte, weil er in dieser Zeit alleine sein kann, zum Beispiel, um mit jemanden zu telefonieren.
  • Die Familie führt abendlich eine kurze Familienkonferenz durch: Was war das Erfreuende des Tages, was das Ärgerliche, was wird morgen erledigt, wer hat für morgen einen erfüllbaren Wunsch, was kann jeder tun, um anderen anzuzeigen ‚ich bin gerade im Dauerstress‘.
  • Die Familie anerkennt, dass es Konflikte immer wieder geben kann – aber gelöst gehören. Der Kuss am Abend vor dem Schlafengehen als Zeichen für den Neuanfang ist ein vielbewährtes Ritual.

Viktor Frankl: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Corona-Blog: Stresskommunikation [Rebell]

Ja, einer fehlt noch. Der Rebell. Belastungssituationen und Krisen verleiht er so etwas wie eine Theaterspiel-Atmosphäre. Mit Grandezza, Dramatik oder einem enormen rhetorischen Aufwand formt dieser Verhaltensakrobat die aktuellen Gegebenheiten nach außen mit einer  gewissen spielerisch-trotzigen Leichtig­keit. Gewähren ihm vertraute Personen keinen Beifall für seine ‚Bemühungen‘, das Ernste nicht zu ernst zu nehmen, sondern sprechen ihn vielmehr auf ein höheres Maß an Eigenverant­wortlichkeit an, versteht er sich darauf, die Schuld für die eingetretene Situation bei anderen zu suchen und zu finden. In der jetzigen Situation kann man sich Personen vorstellen, die zum Beispiel ein kleines, florierendes Geschäft führten, aus ihren Erlösen – obwohl möglich gewesen – nichts in die Rücklagen steckten. Nun mit der Lage konfrontiert, können sie nicht verstehen, dass ihnen andere Menschen ihren Mangel an Prävention ‚vorwerfen‘. 

Eine reflexive sachliche Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen wird von Rebellen gerne ‚zurückgestellt‘ – zu wuchtig wäre wohl der Schmerz. Lieber greift der Problemluftikus zu Ablenkungen aller Art, bis seine Ausblendungs­methoden nicht mehr greifen und er ,bei aller Freundschaft‘ aufgefordert wird, endlich Position zu beziehen und einen Beitrag zur konstruktiven Veränderung der Situation zu leisten.

In der Begleitung eines ,Rebellen‘ gilt es, seine Reali­tätsresistenz, Naivität und Trotzigkeit durch eine ermutigende, ernstnehmende Unterstützung mit bildhafter Gesprächsführung zu steuern, ohne ihn für seine Haltung zu belächeln oder seine Ergebnisverant­wortung in Frage zu stellen. Denn: Günstig ist seine grundsätzliche Haltung ,unter den Menschen gibt es viel mehr Kopien als Originale‘. Sie bewahrt ihn davor, fremdbestimmenden ‚Einflüsterungen‘ von Dritten zu folgen und erhält ihm seine Wahrnehmungsvielfalt und Handlungsflexibilität für wichtige Entscheidungen.

Kommunikationsstil: REBELL
Kommunikationsbedürfnis:
Freiheitsgrade und Vernetzung
Psychisches Bedürfnis:
Will Kontakt und Spaß
Verhalten unter Alltagsstress:
Reagiert mit großer Anstrengung auf Anforderungen, bemüht  sich aber vergeblich, diese in ihrer Tragweite zu erfassen
Verhalten unter Dauerstress: Sucht die Schuld bei anderen, klagt und jammert
Lebensthema:
Eigenverantwortung
Authentisches Gefühl wäre:
Aufrichtiges Bedauern
Scheingefühl [die ‚Masche‘]: Äußert 
Rache und Trotz

Morgen dazu eine kleine Episode aus einer Familientherapie mit Einsatz der Prozesskommunikation.

Bis morgen.
Bleiben Sie gesund.