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Krisenzeiten und Krisenräume

Ich wurde 1961 geboren. Als Mitglied der Silver-Generation habe ich jenseits von Kriegen und gesellschaftlichen Herausforderungen wie zum Beispiel RAF, Brokdorf und Oderflut ebenso noch in Erinnerung die 68er-Krise, die Ölkrise, Tschernobyl, das Platzen der Internetblase, diverse firmengemachte Umweltkatastrophen, 9/11, die globale Finanzkrise, Fukushima, die Krisen rund um Wiedervereinigung, Migration, Klima und nun Pandemie. Es wurde also einiges geboten in sechs Lebensjahrzehnten und ganz nebenbei natürlich auch die unmittelbaren Ereignisse rund um Familie, Freundschaft, Beruf und Gesundheit. Und dennoch tue ich mich schwer, die meisten dieser Situationen für mich persönlich als ‚Krisen‘ zu bezeichnen. Warum? Weil bis auf ganz wenige diese Situationen in mir nicht das für eine Krise zentrale Merkmal des ‚Selbstzweifels‘ sorgten. An sich selbst zu zweifeln meint dabei, an der Stabilität der eigenen Werte und Grundüberzeugungen zu zweifeln. Diese zu klären habe ich früh im Leben begonnen. Sie zu justieren, war genussvolle Lebensaufgabe. Sie auf die Möglichkeitsräume der Zukunft auszurichten, ist bis heute immer wieder ein spannendes Thema, dem ich mich immer wieder proaktiv und präventiv annehme. Und dem sich meine Klienten und Patienten in Coaching und Therapie ihre Zeit nehmen.

Wie schon mehrfach in diesem Blog geschrieben, empfinde ich den Begriff Krise heute deutlich infla­tionär benutzt. Häufig als Synonym für ein ‚komplexes Problem‘ gesetzt, steht Krise für etwas, für das ein Mensch einfach keine ‚Lösung‘ findet. Und weil das Leben weitergeht, gesellt sich zur einen ‚Nichtlösung‘ schnell die nächste. Die Probleme schaukeln sich auf, man weiß nicht mehr, wo man anfangen soll und irgendwann scheint der einzige Weg darin zu bestehen aufzugeben, zu erdulden, die Segel zu streichen, zu fliehen. Menschlich, aber nicht wirklich eine gute Idee.

Ursprüng­lich wurde von ‚Krise‘ im grie­chi­sch-antiken Gerichtswesen als κρίσις: Entschei­dung, Urteil gesprochen. Später wurde der Begriff dann in den Kontext Krankheit gerückt, bei dem sich in deren Verlauf entweder eine Ände­rung zum Besseren oder zum Schlech­teren einstellt. Krise als ‚entscheidende Wendung‘ meinte nun entweder Gene­sung oder Sterben. Hippo­krates schrieb dazu auch in seinem Buch Epide­mien‘, dass „die Krisen zum Leben oder zum Tode führen oder entschei­dende Wendungen zum Besseren oder Schlim­meren bringen werden“.

Im 17. Jahrhun­dert wurde dieser ‚Wendungskontext‘ dann auf die Politik übertragen. Poli­ti­sche Krisen endeten so entweder in Frieden oder Krieg. In Reform oder Revolution. In Verständigung oder Dogma. Berlin, Suez, Kuba, Vietnam, Panama oder auch die amerikanische Capitol-Krise aus diesem Jahr, alle zeichneten sich aus durch vorangegangene massive Probleme in der Verfas­sung, der Kultur oder einer gerechten Güterverteilung.

Beim Aufschaukeln der Probleme entsteht nach und nach politisches Fieber – der ein oder andere erkennt und benennt heute die in unserem Land vergleichbaren Phänomene auch im Kontext Corona. Und so fragen sich irgendwie alle Menschen, wie der passende Wadenwickel zur Fiebersenkung wohl ausschauen könnte? Die einen setzen auf Machtworte, andere auf neue Regeln, die nächsten auf die Wissenschaft, andere auf die Gemeinwohlverantwortung, modernere Geister auf ‚kollektives Lernen über bisherige Denkgrenzen‘ hinweg.

Wer welchen Wadenwickel nutzen will, der sagt letztlich etwas über seine ‚Bewusstheit‘ aus, über sein ‚Set‘ an Bewältigungsressourcen, die in Summe dazu beitragen sollen, der Krise Herr zu werden. Im Beispiel Corona erklärt dem Menschen ein Wissenschaftler die Art und Weise, wie das Virus um sein Überleben kämpft [Stichworte: Wirtstier, Mutante …], andere Wissenschaftler zum Beispiel erklären, welchen Einfluss eine Pandemie auf eine Volkswirtschaft hat. Die nächsten erklären, was aus wissenschaftlicher Betrachtung heraus zu tun ist, um Infektionswellen zu brechen. Und natürlich trägt die Wissenschaft auch zur Erforschung und Entwicklung der Impfstoffe und hilfreicher Medikamente bei. Die Corona-Wissenschaft läuft auf Hochtouren. Und es ist gut, dass wir sie haben – ich gestehe, ich bin Wissenschafts-Nerd.

Aber: Was auch immer aber an Wissenschaft zusammengetragen wird, sie wird die Lösung des Pandemie-Problems nicht sein. Denn – so wie es Einstein für jedes Problem beschrieb – es findet sich die Lösung eines Problems nie im Raum seines Entstehens. Was aber ist der Entstehungsraum des Virus? Ich folge hier den Überlegungen im Konzept Spiral Dynamics von Don Beck et.al. und der Auffassung der Leopoldina: „Weltweiter Handel, globale Mobilität oder Umweltschäden begünstigen die Entstehung und Ausbreitung von Infektionskrankheiten“. Der Entstehungsraum kann daher vielleicht recht treffend als ‚Raum der Hyper-Leistungsdynamik‘ beschrieben werden. Ein Raum, in dem wir nun aber auch die Errungenschaften der Biotechnologie und Impfstoffentwicklung wiederfinden. Ergo: Das Virus ist in diesem Raum entstanden und wird auch mit Errungenschaften aus diesem Raum heraus erfolgreich in Schach gehalten werden können. Aber: Die Lösung für das ursächliche Problem wird dies nicht sein. Der Lösungsraum wird ein anderer sein – vielleicht repräsentiert durch ein neues Modell der Menschenpflichten und-oder durch ein neues Modell der Gemeinwohlverantwortung?

Andere, allseits bekannte Räume erweisen sich im Corona-Kontext gerade beobachtbar als nicht als passend für die Gestaltung von Lösungswegen. So zum Beispiel der Raum der Macht oder der Raum der Regeln. Die [Pseudo-]Machtspiele und ihre unterschiedlichen Eskalationen wie wir sie in zum Beispiel in unausgegorenen Experimenten der Wahlkampf spielenden Ministerpräsidenten entdecken können oder in Kohorten-Dummheiten, bei denen querdenkende Gruppierungen die Macht der Straße ausprobieren wollen, sind untauglich, wenn auch medial ausschlachtbar. Aber auch die zum Regelfetisch gewordene politische Bürokratie-Bräsigkeit schafft mehr Hindernisse als irgendwie verträglich wäre. Anders hingegen die sowohl egoistischen und sozialverantwortlichen Regeln, die sich die Menschen in Deutschland weithin selbst verordneten als sie bereits vor dem ersten Lockdown damit begannen, ihren Aufenthalt außerhalb der Wohnung, ihre Reisen und Kontakte ’selbstvernünftig‘ herunterzuregulieren. Immerhin, diese Regeln in Form von Selbstverpflichtungen haben gut gewirkt, die Menschen haben das an sich Unentscheidbare entschieden, sie hatten keine Wahl.

Solange keine Wahl, bis die föderalen politischen Machtinstanzen suggerierten, sie könnten unter Unsicherheit bessere Entscheidungen treffen als das Volk. Wir durften alle lernen: Das ist nicht so. Individuelle Menschenverstands-Vernunft ohne Machteinsatz ist offenkundig besser als der Einsatz von Macht, mit der Unentscheidbares entschieden werden soll. Ein Virus ließ und lässt keine Wahl. Gewinnt es das Spiel, dann sind wir wieder ohne Wahl, denn dann müssen wir ein Leben führen mit Virus. Und dann braucht es wieder individuelle Menschenverstands-Vernunft. Machteinsatz ist auch hier überflüssig, generell wie föderal.

Aber ich will nicht rigide kritisieren, denn föderale Strukturen haben auch viel Gutes, vor allem die Möglichkeit, voneinander zu lernen und dadurch immer besser zu werden. Wenn das, was da zu lernen ist, eben für alle nicht gleichermaßen Neuland ist. So wie der Umgang mit einer Pandemie, für die man sich in den Jahren zuvor außerstande sah, Deutschland in einen angemessenen Präventionsstatus zu bringen [da von wissenschaftlicher Seite her lange klar war, dass so etwas wie Corona zeitnah auf uns zukommen würde – so klar, wie seit langem das mangelhafte allgemeine Bildungsniveau, die mangelhafte Altenpflege, die mangelhafte Digitalisierung, die mangelhafte Agrarentwicklung auf uns zukamen und weiter zukommen].

Unsere virale ‚Krisen‘-Zeit dauert nun über ein Jahr. Die Wadenwickel wurden vielfach in kaltes Wasser gelegt, um das Fieber zu senken und trotzdem hat es viele Menschen und – meist – kleine Unternehmen heftig erwischt. Es steht zu befürchten, dass es ohnehin zur echten Krise erst noch kommen wird. Dann, wenn sich allen zeigt, dass aus der kollektiven Sondersituation eine Vielzahl individueller Ereignisse [Pandemie-Burn-Out, Pandemie-Pleite, Pandemie-Entfremdung …] geworden sind. Wenn man staunend und bewusst wahrnimmt, wer und was alles diese Zeit nicht ‚überlebt‘ hat.

Ein Blick in die Zukunft: Viele Sonderereignisse, die Menschen in ihrem Leben erleben, finden ihren Weg nicht ins kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft. Ich schätze, dass dies Corona ebenso ergehen wird wie die letzte Flüchtlingsdynamik oder die letzte Finanzkrise. 9/11 oder auch lange sichtbare Naturkatastrophen wie die Oderflut haben eben aufgrund ihrer dauerhaften Wahrnehmungskraft die Möglichkeit, sich tiefer einzubrennen. Aber auch diese Erinnerungen werden irgendwann entlernt sein, dann stehen sie in den Geschichtsbüchern und nur diejenigen werden sie wieder thematisieren, deren Leben seinerseits unmittelbar betroffen war. Das aber ist bei Corona nicht zu erwarten, außer eben bei denen, die in den kommenden Jahrzehnten ihrer Toten erinnern werden, die das Virus hinterlassen haben wird. Eine solch tiefe private Tragödie bleibt den allermeisten Menschen unter Corona jedoch wirklich erspart, eben auch, weil der Raum der Leistungsdynamik es ermöglichte, dass ein paar Wochen nach dem ersten Auftreten des Virus in Europa dessen Genom entschlüsselt war, wenige Monate später die Studien für Impfstoffe weit vorangeschritten waren und nun nach einem Jahr die Impfung möglich ist. Für viele zwar, die nicht anders können als sich mit ihren Gedanken selbst in die Quere zu kommen, entweder zu spät oder als Teufelszeug interpretiert, für die Mehrheit der Gesellschaft aber ein wahrer Sieg der wissenschaftlichen Entwicklung und Vernunft – wenn auch dieser Raum nicht die Lösung der Ursache birgt.

Ich bin 1961 geboren. Am 13. August 1961 wurde Deutschland geteilt, am 27. Oktober 1961 standen sich sowjetische und amerikanische Panzer am Checkpoint Charlie gegenüber, bereit zum Gefecht. Kinder wurden und werden 2020 und 2021 geboren. In ein paar Jahren werden sie Bilder sehen von Städten, abends weitgehend menschenleer – gut, dass es nur ein Virus war.

Menschenpflichten in Coronazeiten

Vor knapp 25 Jahren wurde die ‚Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten‚ auf Initiative des InterAction Council im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen veröffentlicht. In 19 Artikeln werden dabei die Pflichten beschrieben, die von allen Menschen gleichermaßen zu erfüllen sind.

Damals und – aktueller denn je – auch heute erscheint es wichtig, auf die Pflichten von Menschen hinzuweisen, um das globale Problem der Corona-Epidemie einerseits durch globale medizinische Lösungen als auch durch individuelle Selbstverpflichtungen in den Griff zu bekommen.

An dieser Stelle soll ein Versuch unternommen werden, eine Auswahl der Artikel auf diesen konkreten Kontext und auf den Mikrokosmos des Einzelnen zu übertragen – als gedankliche Anregung, als Reflexionshilfe aber auch als Beurteilungsmaßstab in Anbetracht des in den Medien immer wieder dargestellten Verhaltens von Minderheiten, die sich mit Begriffen wie ‚Querdenker‘ zu definieren versuchen und auf aggressive, radikale, extremistische oder vernunftentleerte Art und Weise in Erscheinung treten. Dass diese Minderheit dahingehend nicht erreicht werden kann, zur guten Entwicklung der Gemeinschaft einen irgendwie brauchbaren Beitrag zu leisten, ist der Mehrheit in unserem Land zwar – leider – längst klargeworden. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass jeder sich hiervon distanzierender Mensch trotz der Betrachtung solcher Auswüchse von Dummheit, Absurdität oder Selbstüberschätzung das persönliche Spektrum an Grundpflichten nicht aus den Augen verlieren darf.

Artikel 1

Jede Person, gleich welchen Geschlechts, welcher ethnischen Herkunft, welchen sozialen Status, welcher politischer Überzeugung, welcher Sprache, welchen Alters, welcher Nationalität oder Religion, hat die Pflicht, alle Menschen menschlich zu behandeln.
Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, den Kontext Corona zu befreien von Debatten darüber, ob bestimmte Personengruppen mehr zum Infektionsgeschehen beitragen als andere. Dazu gehören auch die genannten, zum Beispiel quer-denkenden Minderheiten, in deren Gruppe doch jeder für sich Mensch bleibt, wenngleich sie oder er sich nicht dadurch auszeichnet, die eigenen Affekte angemessen zu regulieren beziehungsweise eigene Ansichten einem kritischen Diskurs zu unterziehen.

Artikel 2

Keine Person soll unmenschliches Verhalten, welcher Art auch immer, unterstützen, vielmehr haben alle Menschen die Pflicht, sich für die Würde und die Selbstachtung aller anderen Menschen einzusetzen.
Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, den Kontext Corona zu befreien von Debatten darüber, ob bestimmte Personengruppen ihr direktes oder indirektes Betroffensein vom Infektionsgeschehen durch eigenes [nicht präventives] Verhalten mit zu verantworten haben. Dazu gehört es, sich jeglicher Form von ‚Schadenfreude‘ zu entsagen.

Artikel 3

Keine Person […] steht jenseits von Gut und Böse; sie alle unterstehen moralischen Maßstäben. Jeder Mensch hat die Pflicht, unter allen Umständen Gutes zu fördern und Böses zu meiden.
Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, den Kontext Corona nicht zu seinem Eigennutz zu verwenden [Beispiele: Missbrauch von Coronahilfen, Beschaffungskorruption im Kontext von Masken-Lobbyismus, Hilfestellung für Menschen in durch Corona noch schwierigeren Lebenssituationen…].

Artikel 4

Alle Menschen, begabt mit Vernunft und Gewissen, müssen im Geist der Solidarität Verantwortung übernehmen gegenüber jedem und allen, Familien und Gemeinschaften, Rassen, Nationen und Religionen: Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg‘ auch keinem anderen zu.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, sich im Kontext Corona nicht mit denen zu befassen, in deren Verhalten Gewissen- und Vernunftlosigkeit zum Ausdruck kommt. Er tut dies zum Wohle derer, die die Aufmerksamkeit und Zuwendung in einer Weise bedürfen, weil ihnen durch die Situation Nachteile erwachsen, von denen man selbst nicht wollte, dass sie einem entstehen.

Artikel 9

Alle Menschen, denen die notwendigen Mittel gegeben sind, haben die Pflicht, ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, um Armut, Unterernährung, Unwissenheit und Ungleichheit zu überwinden. Sie sollen überall auf der Welt eine nachhaltige Entwicklung fördern, um für alle Menschen Würde, Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit zu gewährleisten.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist in Anbetracht seiner Mittel, die in der Lage sind, Not zu wenden, verpflichtet, im Kontext Corona Menschen darin zu unterstützen, ihr ggfls. ungesichertes materielles oder soziokulturelles Existenzminimum zu erreichen.

Artikel 10

Alle Menschen haben die Pflicht, ihre Fähigkeiten durch Fleiß und Anstrengung zu entwickeln; sie sollen gleichen Zugang zu Ausbildung und sinnvoller Arbeit haben. Jeder soll den Bedürftigen, Benachteiligten, Behinderten und den Opfern von Diskriminierung Unterstützung zukommen lassen.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, im Kontext Corona diejenigen Menschen, deren Zugang zu Arbeit und Ausbildung versperrt ist, darin zu unterstützen, eine alternative Möglichkeit zur Verwirklichung ihrer bestehenden oder von ihnen zur Überbrückung der Situation erlernbaren Qualifikationen nutzen zu können.

Artikel 12

Jeder Mensch hat die Pflicht, wahrhaftig zu reden und zu handeln. Niemand, wie hoch oder mächtig auch immer, darf lügen. Das Recht auf Privatsphäre und auf persönliche oder berufliche Vertraulichkeit muss respektiert werden. Niemand ist verpflichtet, die volle Wahrheit jedem zu jeder Zeit zu sagen.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, sich im Kontext Corona auf dem aktuellen Stand des wissenschaftlichen Diskurses zu halten und die eigene Meinungsbildung entlang dieses Spektrums an permanentem Wissenszuwachs zu entwickeln. Jeder, begabt mit Vernunft und Gewissen, muss im Geist seiner gesellschaftlichen Verantwortung die Grenzen seines Wissens beachten: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Sinn ist objektiv

In der Logotherapie von Viktor Frankl wird der geistigen Dimension des Menschen ein besonderer Stellenwert eingeräumt. Das besondere Verdienst Frankls besteht darin, der die Geistigkeit des Menschen in den Mittelpunkt stellenden therapeutischen Arbeit ein nicht-reduktionistisches Menschenbild zugrunde zu legen. Frankl betonte stets die Bedeutung, die Transzendenz in die Wesenslehre vom Menschen mit einzuschließen. „In der Analyse menschlicher Existenz kommen wir ohne den Einbezug der Transzendenz nicht aus“, so sein Credo. Ohne Bezug zur Transzendenzfähigkeit des Menschen kann ein wahrer Humanismus nicht gedacht werden – vielmehr wird ein solcher ‚Humanismus‘ zum Nihilismus, zu einem Leben, das für die Sinnimpulse aus der individuellen Welt einer Person unempfänglich ist.

Im Sinne Frankls arbeitende Therapeuten können nicht voraussetzen, dass ihre Patienten die Überzeugung teilen, dass das Leben jedem Menschen zu jeder Zeit einen Sinn bereit hält, auf den er sich transzendieren kann. Gerade in Krisen oder langfristigen Extrembelastungen wie zum Beispiel Corona fehlt es vielen Menschen am Glauben daran, dass es auch in diesen Lebensstationen einen unbedingten Sinn gibt. Zudem ist Gott als eine mögliche Sinninstanz im Erleben vieler abhanden gekommen oder Menschen konnten mit Gott im Kontext einer wissenschaftsorientierten, aufgeklärten Epoche ohnehin wenig anfangen. Den Sinn im Leben mit ‚Gott‘ zusammenzudenken, trifft die Lebenswirklichkeit vieler Menschen daher nicht [mehr]. Als ebenso wenig tragfähig erweist sich heute mehr denn je die Idee des ‚Sinnkonstruktivismus‘. Sich Sinn selbst zu erschaffen – in Form von Zielen, Zwecken oder Absichten – gelingt vielen Menschen nicht, weil sie die aus ihrer Sicht dazu erforderliche Ressource an Freiheitsgraden nicht realisieren können. Betrachtet man dies genauer müsste man zum Schluss kommen, dass Sinnfindung nur im Kontext von Freiheit gedacht werden kann.

Viktor Frankls Sinnlehre setzt hierzu einen völlig anderen Akzent. Für ihn steht der ‚Sinnobjektivismus‘ im Mittelpunkt. Sinn ist per se für jeden Menschen jederzeit gegeben – und mit ihm der objektive Aufforderungscharakter des Lebens. Das Leben, das dem Menschen Fragen stellt, denen der Mensch antworten hat, erfordert von ihm die Ressource ‚Verantwortung‘ – ein Wert, den jeder Mensch jederzeit ‚unbedingt‘ verfügbar hat und ihn verwirklichen kann. Dies eben auch in einer Zeit, die durch Begrenzung von ohnehin immer im Leben ‚bedingten‘ Freiheiten gekennzeichnet ist. Sinnvoll zu leben kann so zum Beispiel auch in der Coronazeit verstanden werden als Auftrag des Lebens zur verantworteten Ausgestaltung der gegebenen Möglichkeiten vor dem Hintergrund der Wirklichkeit. 

Dass sich Menschen unter dem Einfluss ihrer zur Gewohnheit gewordenen Freiheitsgrade andere Möglichkeiten zur Lebensgestaltung erhoffen, ist in Krisenphasen nachvollziehbar und fraglos wünschenswert. Doch stehen gesellschaftspolitisch erworbenen Grundrechten stets auch lebensindividuelle Grundpflichten gegenüber. Pflichten, die keinen metaphysischen Überbau für ihre Beherzigung benötigen, sondern -lediglich- die Fähigkeit, hinzuhören auf die Erfordernisse des Moments. Diese Fähigkeit gilt es zu trainieren. Ein solches Training zu unterlassen, zwingt den Menschen dazu, sich permanent Sinn machen zu müssen. Ein sehr kräftezehrendes Unterfangen wie wir Sinntherapeuten immer wieder feststellen müssen, wenn uns Menschen gegenübersitzen, die uns zu verstehen geben, dass sie sich durch ihre Selbstoptimierungsbemühungen, ihre ambitionierten Lebenszielentwürfe und ihren Dauerstress durch einen selbstauferlegten Aktionsberg zu verfehlen drohen. Ein Verfehlen, das auch schon ohne [Corona]-Krise psychisch stark belastet.

Corona-Blog: Dank an die Pharmaindustrie

Manchen Menschen ist sie ein Dorn im Auge. Die Pharmaindustrie. Schnell gebrandmarkt als geldgierig, ethisch fragwürdig oder übermächtig. Fehler in Teilen dieser Industrie werden oft pauschalisiert, Tausende von geachteten Wissenschaftlern, Forschern, Managern und Mitarbeitern werden in der Normalbevölkerung angesehen als hemmungslose kapitalistische Ausbeuter. Die Gedanken sind frei, und zuweilen eben auch einfach nur plump. Wie auch immer. Ich habe selbst lange in dieser Industrie gearbeitet, und wenn es sonst gerade niemand tut: Ich danke den Kollegen der Pharmaforschung und -industrie. Ganz allgemein, nicht nur ‚meinem‘ Unternehmen Sanofi.

Unternehmensprojekte für Impfstoffe und Medikamente gegen Covid-19 in
Deutschland, Österreich und der Schweiz. Quelle: https://www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/coronavirus/standorte-forschung

Was geschieht konkret in Sachen Forschung rund um Covid19? Lesen Sie hier. Und hier.

Corona-Blog: Und vor meinen Augen wurde mein Spielkamerad zerfetzt

1943 war meine Mutter 13 Jahre alt. Sie lebte mit ihren Eltern in Duisburg und sah zu, wie ihre Stadt bombardiert und nach und nach zerstört wurde. Und, wie dies auch zu menschlichen Tragödien führte. So wurde bei einem britischen Bombenangriff im Mai auch ihr Stadtteil getroffen und dabei einer ihrer Freunde aus der Nachbarschaft. ‚Vor meinen Augen wurde mein Spielkamerad zerfetzt …‘ Über zwei Jahre lang stand die Bevölkerung unter Angst und Schrecken – die Verluste waren gewaltig. Immer wieder erzählte meine Mutter die Situation, wie der neogotische Turm der Salvatorkirche zusammenbrach oder wie sich die Umgebung darstellte, wenn sie und andere Menschen nach einem Angriff aus dem Bunker wieder heraustraten.

Schaut man auf die von Viktor Frankl beschriebenen drei Säulen des Menschseins, die – wenn balanciert entwickelt – ein sinnerfülltes Leben ermöglichen, dann fällt nicht schwer zu erkennen, wie erschüttert diese Säulen zu Kriegszeiten gewesen sein müssen.

Säule 1: Verwirklichung von schöpferischen Werten mit Aufbau und Erhalt individueller Leistungsfähigkeit: Die Personen leitet einen sinnvollen Beitrag für die Welt.
Säule 2: Verwirklichung von Erlebniswerten mit Aufbau und Erhalt individueller Liebesfähigkeit. Die Person ist welt- und wahrnehmungsoffen für das, was in der Welt sinnerfüllend geschieht.
Säule 3: Verwirklichung von Einstellungswerten mit Aufbau und Erhalt individueller Leidensfähigkeit. Die Person vermag sich zu Unabänderlichem in Freiheit und Verantwortlichkeit zu stellen.

Aktuell spricht die ‚Corona-Politik‘ weiterhin ein kriegerisches Vokabular, von massiver Krise und einer katastrophalen Lage. In der Berichterstattung wird dargestellt, dass Familien unter den Gegebenheiten leiden, dass Kinder zu Hause zum Problem werden, dass die Leute vor lauter Angst vor der Arbeitslosigkeit ihre geplanten Investitionen zurückhalten würden, dass die Verbraucherstimmung am Boden sei usw.

Die Empfehlung, den Blick 80 Jahre rückwärts zu richten und dann diese Bilder [finden sich zuhauf im Internet, sollte man niemanden mehr haben, der einen an die Zeit erinnert] mit einem Blick aus dem eigenen Fenster zu vergleichen, ist für viele Menschen keine Hilfe. „Das kann man doch nicht vergleichen:“ Stimmt, damals war alles kaputt, viele tot, das System wirklich am Ende ….

Heute? Corona ermöglicht Lernprozesse, die vielleicht auch ohne das Virus begonnen worden wären, die nun aber einen Schub erhalten haben und ergänzende Formen der Kommunikation, Kooperation und Kollaboration befördern. Wenn ein Mensch weiß, worum es ihm geht, wenn er über ‚Leistungsfähigkeit‘ spricht, dann kann ihm durch die Corona-Sondersituation womöglich ein Verwirklichungsfeld entstehen, das ihm zuvor durch das ‚Alltagsgeschehen‘ nicht nahe lag.

Corona ermöglicht Beziehungsprozesse, die in ihrer Fülle und Kreativität zuvor vielerorts auch noch nicht erlebt wurden. Ob es die Tochter ist, die mit ihrer Mutter, vor dem Fenster des Seniorenheims stehend, fröhliche Witze reißt; ob es der Erhalt lustiger Handynachrichten ist, die von mehr oder weniger nahe stehenden Bekannten verschickt werden, um andere Menschen zu erheitern. Ob es neue Formen der Fürsorge, künstlerischen Entfaltung usw. sind – auch hier finden sich Verwirklichungsfelder, die genutzt werden können, wenn ein Mensch weiß, worum es ihm geht.

Corona ermöglicht Abschiedsprozesse, die ohne Besinnung auf das Wesentliche sich nicht in den Vordergrund gerückt hätten. Von was kann man sich trennen, materiell, ideell, zwischenmenschlich.? Welchen Verzicht kann man üben, weil dies für andere und einen selbst lebensdienlicher ist? Welche Form der Hilfe kann man bei allem Autonomiestreben annehmen, weil man seiner Begrenzungen nun bewusster wird? Was ist durch Corona nun ‚tot‘ und ruft nach Übernahme einer neuen Verantwortung für das ‚Leben danach‘? Wenn ein Mensch weiß, worum es ihm im Leben geht, welche Werte seine eigenen sind – und welche nicht -, dann wird es leichter, trotz Virus sinnvoll zu handeln und sich sinnvoll zu verhalten.

Corona-Blog: Perspektivenwechsel bei Grappa und Käse

Anfang Oktober 2020, seit vier Wochen liegt der Replikationsfaktor des Virus kontinuierlich bei 0,3. Alles, wo sich Menschen in großen Gruppen tummeln würden, ist noch betroffen, alles andere läuft seinen Gang. In Fliegern, Bussen und Bahnen gibt’s mittlerweile eine Maskenpflicht und auf der Straße haben die Leute ein Distanzgefühl entwickelt, das sich weniger in schreckhaftem Zurseitespringen äußert als in einer Art Abstandhalten auf der Autobahn. Ausnahmen wie dort gibts auch auf dem Gehweg, aber im Großen und Ganzen funktionierts.

Ich habe Geburtstag. Ich sitze in Südtirol bei Peter. In der Grappastube. Heute sehen wir uns erstmals wieder nach Corona, und klar: Es werden Fragen gestellt, wie hast Du es geschafft, wie haben wir es gemacht!? Und das ganze wird dann vielleicht so zehnmal wiederholt, weil immer wieder Bekannte dazu kommen, die uns auch erzählen und fragen: wie habt Ihr es geschafft, wie haben wir es gemacht!? Und dann wird erzählt und gefeiert und nach vorne geschaut.

Das Leben kommt von vorn. Wie es immer schon war. Diejenigen Menschen, die einem früher schon auf die Nerven gingen, werden nicht dadurch anders, nur weil sie vergleichbare Bedingungen zu gestalten hatten wie man selbst. Und die, mit denen man früher gut auskam, werden nicht dadurch noch besser, nur weil man jetzt zusammensteht und einander berichtet, wie es vor einem halben Jahr zuging. Oktober 2020 wird für die allermeisten nicht ein besserer Oktober sein als er ohne Corona gewesen wäre. Anders werden dies nur die Menschen sehen, die in persönlicher Gefahr standen oder die einen Menschen in ihrem Umfeld verloren haben. Oder, die nun Anlauf nehmen, um die Probleme ihrer -temporären- Arbeitslosigkeit zu überwinden [die Massensorge, die sich im Frühjahr entwickelte und das Angstbarometer von der Flüchtlingsthematik hin zur Lage der wirtschaftlichen Entwicklung verschob, hat sich bereits zu weiten Teilen verflüchtigt – die Wachstumsmaschinerie ist bereits angesprungen und eingedenk enormer Investitionsprogramme der Staaten werden die Auftragsbücher epochal proppenvoll werden. Trump steht vor der Wiederwahl, aber dank Corona ohne Chance zu gewinnen. Kanzlerin Merkel aber würde wohl wiedergewählt, aber sie will ja nicht mehr].

Menschen, die zurecht in Trauer sind, werden anders auf die Monate zurückschauen. So wie es auch diejenigen taten, die seinerzeit den Tsunami miterleben mussten oder das Oder-Hochwasser oder oder oder. Vielleicht werden viele ein Stück mehr Selbst-Bewusstheit haben, weil in den letzten Wochen die Zeit blieb zu reflektieren, mit Verwirklichung welcher Werte man persönlich die ungewöhnliche Zeit überwunden hat. Worum es einem ging als man im Home-Office saß und versuchte, weiterhin seinen Job zu erledigen. Oder worum es einem ging, als die quengelnden Kinder beruhigt werden mussten, weil die Sonne so schön schien und sie zum Spielen hinaus wollten, aber nicht durften. Worum es einem ging, wenn man der alten Mutter Briefe schrieb und sie eben nicht im Pflegeheim besuchte, weil dies untersagt war. Beim nächsten Schluck des wirklich guten Weins bei Peter denke ich mir aber, dass auch diesmal die Chance zur Klärung der eigenen Werte und das Hineinfühlen in das Zusammenspiel von Werte, Einstellungen, Verhalten und Handlungen von vielen Menschen verpasst wurde. Jetzt, im Oktober ist Corona integriert als weitere Lebenserfahrung [nicht als Werteerfahrung], einige Menschen werden wohl etwas mehr individuelle Krisenprävention betrieben haben, die allermeisten sind zum Alltagstrott zurückgekehrt und werden sich dann zu Silvester mit den Worte zuprosten: ‚Was war das bloß für ein Jahr!?‘

Ich sitze da beim Wein, jetzt auch mit feinem Käse vom Almbauern, und denke mir: Eigentlich schade. Die, die vor Corona den Mist ihrer Hunde nicht wegräumten, haben es durch Corona auch nicht gelernt. Die, die im Stadion Menschen verunglimpften, werden es auch nicht gelernt haben. Die, die es doch eigentlich begriffen haben sollten, dass sie mit ihren Verschwörungstheorien nicht weiterreichten als bis zu denjenigen, die auch ohne sie bislang nicht von Zwölf bis Mittag dachten, erfinden sich dennoch jeden Tag eine neue Mär. Ein ’neuer‘ Mensch ist nicht entstanden, die prophezeite ’neue Normalität‘ ist ausgeblieben. Verzicht wurde geübt und ist bis jetzt auch noch aktuell – schließlich fallen gerade jetzt Anfang Oktober keine sturzbesoffenen Personen über Oktoberfest-Bierbänke; leider gibts aber auch kein feines Theresienplatz-Hendl. Na und? Eine Tragödie?

Aber vielleicht hat als ’neue Normalität‘ ja die Digitalkompetenz zugenommen? Schließlich haben viele Menschen sich nun wochenlang mit langsamen Leitungen gequält und ihren Kolleginnen und Kollegen über die Laptop-Kamera gezeigt, mit welchen Kuscheltieren sie so wohnen. Daran kann man sich gewöhnen. Deshalb wollen sicher viele lieber öfter zu Hause hocken und ihre Arbeitsleistung einbringen, oder? Peter, der nun neben mir sitzt und ein kleines Oktoberfest-Bier trinkt [frisch aus dem Fass!] meint, dass es Homeoffice-Anhänger doch schon lange gibt und die die Form der Arbeit auch ohne Corona gewollt hätten, ihre Chefs nur zu geizig waren, die Hardware und die Sicherheitssoftware zu kaufen. Das mag wohl stimmen, wie könnte man wohl sonst die enormen Verkaufszahlen interpretieren, nachdem die Bundesregierung den Kauf von entsprechender Software finanziell unterstützt hat? Wie auch immer, auch an diese ’neue Normalität‘ glaube ich nicht. Der Mensch ist ein Resonanzwesen und eine PC-Maus gibt einem eher wenig davon her – da brauchts dann doch echte Gesichter, in Echtzeit. Überhaupt: Das Virus hat die Strommasten nicht wachsen lassen, also haben wir weiterhin ein Energieproblem. Und ein Digitalisierungsproblem – wo doch sogar die Kanzlerin im virtuellen Dunkel saß und bei einer Videokonferenz fragen musste: Ist Söder noch da? Und ein Flüchtlingsproblem. Und ein Europroblem. Und ein Deutsche-Sprache-Problem, auch bei den Deutschen. Und das Nur-unzureichend-konzentriert-Lesenkönnen-Problem ist auch nicht weniger geworden. Alles beim Alten also, Anfang Oktober. Dafür kommt bald die Winterzeit und die Uhr wird zurückgestellt, so viel ist sicher. Und meine Wünsche sind auch noch dieselben, die ich schon vor einem halben Jahr hatte. Der Wunsch nach einer Weltfriedenskonferenz, der das Langweiligste der Welt endlich beendet: den Krieg als Ausdrucksmittel, den Krieg als unkreatives Machtmittel von Mächtigen. Und eine Weltabfallkonferenz, bei der beschlossen wird, alle Abfallberge, Müllhalden, wilde Entsorgungsdeponien und den sonstigen Dreck dieser Welt per App aufzuzeigen und es endlich zu schaffen, diese ganzen Furchtbarkeiten mit Ingenieurstechnik vernünftig zu beseitigen. Und eine Weltkulturkonferenz, bei der beschlossen wird, nicht nur über das Erbe von Kulturerrungenschaften zu befinden, sondern auch darüber, was nicht mehr zur Kultur der Menschheit gehören sollte. Ich hätte da ein paar Ideen, merke aber schon bei den Gedanken daran, dass sie auszusprechen an dieser Stelle vielleicht nicht so opportun wäre [zum Beispiel die Abschaffung der Gender-Sternchen, das Verbot des Verzehrs von Fledermäusen oder des Tragens gelb getönter Sonnenbrillen] – Grappa-Peter werde ich die anderen aber alle erzählen, sicher hat er dazu noch seine Ergänzungen.

Als ehemaliger Manager in der Pharmaindustrie freue ich mich Anfang Oktober 2020 darüber, dass das Virus sein Antidot gefunden hat. In ein paar Monaten wird Deutschland durchgeimpft werden können. Das Virus wird sich einreihen in die vielen anderen Virenwesen, denen sich der Mensch schon hat annehmen müssen. In den Griff bekommen durch Forschung und Wissenschaft, nicht mit Handauflegen, Grenzsperrungen oder – Entschuldigung – Gebeten. Überhaupt hat die Wissenschaft an Bedeutung gewonnen und ebenso die Wissenschaft von der Wissenschaft. Denn manches tut sich an den Universitäten – man hat gelernt, dass die Vielzahl der unterschiedlichen Virologen- Expertenmeinungen nicht unbedingt gut ist, vor laufender Kamera zur Schau gestellt zu werden. Das machen die Wirtschaftsweisen besser – die denken und formulieren dann aus einem Guss ihr durchaus manchmal auch diversifiziertes Statement. So etwas kommt nun im Oktober mit auf die Wunschliste, denn das nächste Virus kommt bestimmt. Warum sehen wir eigentlich nicht im Fernsehen moderne Wissenschaftssendungen, in denen die deutsche Exzellenz dem Volk zu jeweils einem brisanten Zukunftsthema die verschiedenen Forschungsperspektiven aufzeigt, nicht im 45 Minuten Gehetze, sondern dreistündig, mit einem Informationsziel und ansprechenden und verständlichen Grafiken?

Peter bringt noch ein Gläschen. Touristen kommen, zumeist deutsche. Sie schauen so aus wie immer, ihre allzu oft zu kurzen Hosen sind zum Schreien. Wie sehr wünsche ich mir die Wiederauferstehung von Karl Lagerfeld herbei, aber Ostern war ja schon. Ja, und die Corona-Cartoons sind nun auch Geschichte. Das Bilder der Katze mit dem Maul- und Nasenschutz war schon lustig, aber jetzt ist das ebenso gestrig wie die im Frühling immer wieder kolportierten romantischen Vorstellungen einer Solidaritätsgemeinschaft unter uns Menschen. Die gab es vor Corona ja auch schon und  schlummerte vor sich hin, bis der Anlass kam, sie zu zeigen. Im Frühling also die Nachbarschaftshilfe, ähnlich engagiert wie 2015 bei der Unterstützung der Kriegsflüchtlinge. Aber nun dauerhaft mehr Solidarität, liebevolles Umsorgen oder Menschenfreundlichkeit? Nein, ich sehe das nicht. Die Leistungsgesellschaft wird nicht von einer Solidaritätsgesellschaft abgelöst. Dazu fehlt es an Rahmenbedingungen, die zwar diskutiert werden, es bei diesen Diskussionen aber mehr den Anschein hat, als würde damit ein Kampf gegen die Leistungsgesellschaft gefochten. So wird im Beispiel des bedingungslosen Grundeinkommens als einer Art monatlichem Helikoptergeld aus meiner Sicht der Gedankenfehler gemacht, dass kein Mensch in Bedingungslosigkeit lebt und leben will. Viktor Frankl hat dies so zum Ausdruck gebracht: Jeder Mensch hat Bedingungen. Und jeder Mensch ist frei und verantwortlich, sich diesen Bedingungen zu stellen. Wenn ein Mensch also zum Beispiel Bedingungen nicht erfüllen kann, die an einen Bereich seiner Lebensführung gestellt werden, dann ist die Lösung nicht die Erschaffung einer Bedingungslosigkeit, sondern das Ermöglichen von Räumen für Probehandlungen. Für den Eintritt in solche Räume für Probehandlungen ist der Mensch frei und verantwortlich – Betonung auf ‚und‘. Das Virus hat solche Räume eröffnet. Viele Menschen haben sich neu entdeckt und ‚freie Handlungs-Kapazitäten‘ gefunden, die sie auch weiterhin nutzen können. Ein Teil dieser Kapazitäten zeigen sich in dem, was wir mit einem Begriff wie Solidarität in Verbindung bringen können, andere finden wir im Kontext von Bildung, Kunst, Forschung, Journalismus und anderen. Jetzt, im Oktober, zeigen diese erweiterten Kapazitäten bereits Wirkung. Auf dem Weg zum Grappa-Peter bin ich am Studio einer Violinistin vorbeigekommen, die zweimal die Woche mit einem Jugendpsychotherapeuten gemeinsam Stimmungstrainings für 12- bis 16jährige anbietet. Hier wird an den Themen Kooperation und Zukunftswünsche musikalisch und verhaltenstherapeutisch gearbeitet. Ein Beispiel, von vielen weiteren werden wir hören.

Ja, das Wachstum hat einen Dämpfer bekommen, aber die einstigen Zerstörungsrezessionspropheten erkennen zunehmend, dass Ökonomie heute resilienter ist als vor zehn Jahren. Und diese Resilienz wird Folgen haben. Am Fuße meines Weinglases sehe ich eine Wirtschaft, die noch globaler werden wird, aber mit mehr Lieferantenstandbeinen und einer etwas anderen Lagerhaltung. Irgendwie ist es ja auch schöner, im eigenen Weinkeller eine Flasche bei spontanem Bedarf zu finden als erst dann, wenn der Besuch vor der Tür steht, eine Buddel über amazon bestellen zu müssen.

Peter bringt mir noch einen Grappa. ‚Geht aufs Haus‘, meint er. Das gab es früher auch schon, nicht nur bei Peter. Die Geste zeigt mir aber an, dass gute Beziehungen zu pflegen weiterhin ein Hauptmotiv von Menschen ist. Nun mehr denn je, denn Quarantäne & Co. dienten der Verwirklichung des Oberwertes Gesundheit. Jetzt, im Oktober, ist die Lage im Griff. Jetzt geht es um den Wert Präsenz. Wie bei einem Kind, das vor kurzem noch einen gebrochenen Arm hatte und sich schonen musste, dessen Gips aber nun entfernt und die Muskulatur wieder hergestellt ist. Nun rufen es seine Freunde zum Mitspielen auf – und das Kind will. Auch, wenn es immer wieder noch zwickt. Manche Kinder übertreiben, und brechen sich wieder irgendetwas. Andere passen auf oder setzen sich zum Ausruhen immer wieder mal auf die Ersatzbank. Und jedes Kind lernt die Reaktionen der anderen kennen, so wird das Spiel komplexer. Durch Präsenz. Einfach nur rumsitzen und nichts tun – für die allermeisten ist das nicht vorstellbar. Die Präsenz-Maschine ist deshalb wieder hochgefahren, schließlich will man zeigen, dass man da ist und die eigenen Kompetenzen und bisherigen Wirkungskreise nicht wegquarantänisiert wurden.

Der Wein schmeckt, der Grappa auch. Die Geschäfte sind alle geöffnet, die Tüten der Touristen gefüllt. Die Leistungsgesellschaft hat uns wieder und alle wissen, wenn es nötig ist, dann zeigt sich auch die Solidaritätsgesellschaft. Bei letzten Schluck frage ich mich, wie es beide Ausrichtungen lernen könnten, gemeinsam den Weg zu ebnen für eine weltoffene, europäische Universalitätsgesellschaft, in der spontane, sozialökonomische, situative Kooperation auf intelligentere Weise möglich wird als bislang. Dass es ein kleines Virus schafft, dass innerhalb kürzester Zeit Grenzen wieder hochgezogen werden, nationalistisch kruder Menschenhass geschürt wird oder wir wartend zu Hause hocken, bis Politiker meinen, dass es nun Zeit sein könnte, etwas zu ‚lockern‘, ist doch absurd. Ob es wohl einmal eine einzige App geben wird, über die sich nicht nur alle Europäer überregional bis lokal über die Zustände von Luft und Wasser, bis hin Stadtverschmutzung, UV- oder eben auch Viruslast informieren können, sondern auch durch eine künstliche Intelligenz Anregungen erhalten, freiwillig ihren Anteil zur Verbesserung von Belastungsparametern zu leisten. All diese Informationen sind an sich verfügbar, aber ineffizient organisiert und für den Einzelnen viel zu mühevoll zu recherchieren. Und wieder könnte die europäische Exzellenz zusammenkommen und die Daten bündeln, die für Otto-Normalverbraucher relevant und gestaltbar sind.

Am Ende des Tages zählt nur die Handlung, wusste schon Viktor Frankl. Corona hat gelehrt, dass das jedem möglich ist. Am Ende des Tages zu Hause geblieben zu sein, hat gezählt [und dass das Interesse an Fake-News sprunghaft abgenommen hat, ist ein schöner Nebeneffekt. Wenngleich: Sich vorzustellen, dass der Wuschelkopf von Boris Johnson das Virus in UK erst zu rechter Verbreitung geführt hat, entbehrt nicht eines gewissen Amusements]. Wenn individuelles Handeln zum Wohl der europäischen Gesundheit künftig initiiert werden würde durch eine pfeilschnelle, wissenschaftlich validierte App-Information, wäre wohl ein wichtiger Meilenstein für eine universale Bürgerinitiative gelegt. Und in Europa würde man zunehmend verschont von Politikern, die ihre fachlichen Inkompetenzen zu übertünchen versuchen mit schnellen nationalistisch-rassistischen Zuschreibungen. Peter meint das auch, wir sind schließlich in Italien.

Corona-Blog: Alles Virus oder was?

Wird gelockert, oder nicht? Und warum dort, wenn nicht auch hier? Und warum erst dann, wenn dort schon jetzt? Viele Widersprüchlichkeiten tun sich auf und so sehen manche Auguren zum Beispiel schon Heerscharen von Abiturienten vor Gerichte ziehen, weil diese sich in ihren Prüfungsvorbereitungen benachteiligt fühlen, andere sehen eine Welle von Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen in die Therapiepraxen strömen – sobald diese sich trauen, wieder in eine Praxis zu gehen. Wieder andere sehen die Weltwirtschaft in eine Rezession wie 1929 fallen. Selbst die Idee, dass durch Corona gegen Weihnachten viele Babys erwartet werden könnten, wird schnell von denen kassiert, die meinen, es wären wohl eher mehr Scheidungen. Aber vielleicht wäre ja sogar das Eine so gut wie das Andere?

Allen erdenklichen, medial quotenwirksamen Szenarien [des Schreckens] stehen aber bei genauerem Hinhören auch sehr viele gegenüber, die Ausdruck größerer ‚Entspanntheit‘ sind. So verweisen manche Statistiker zum Beispiel auf die Toten durch Krebserkrankungen oder Sturzverletzungen, deren Zahlen in Deutschland auch in diesem Jahr weit höher sein werden als die durch Covid19. Das, was diese Zahlen vermeintlich erträglicher werden lassen, ist wohl das Wissen um die Phänomene Krebs, Sturz u.a.. Denkt man dies weiter, dann ist eigentlich nicht das Virus als solches das Problem, sondern die Existenz von etwas konkret unerträglich Neuem. Kein Wissenschaftler wäre je auf die Idee gekommen, dieses konkrete Virus finden zu wollen. Vielmehr hat das Virus etwas in uns gefunden, und es ist uns erschienen, weil es dieses Etwas [Angreifbares, Verletzliches …] in uns gefunden hat. Das Virus lehrt uns also, etwas unerträglich Neues als Möglichkeit zuzulassen. Wann war für Sie das letzte Mal etwas ‚unerträglich Neues‘ geschehen? Welche Lehren haben Sie aus diesem letzten Mal gezogen?

Erinnern wir in diesem Zusammenhang einen Satz des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Er sagte einmal: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie wiederholt ihre Lehren.“ Eine Lehre, die man zum Beispiel aus unserer logotherapeutischen Sicht erneut ziehen kann, stammt von Viktor Frankl. Er erkannte: In Kriegszeiten gibt es keine Neurosen. Will sagen: Wenn es wirklich eng wird, dann haben Menschen keine Zeit für Wehwehchen. Dann haben sie ein einziges Thema: Überleben. Wie wiederholt sich diese Lehre heute, wenngleich wir [zum Glück] nicht im Krieg, durchaus aber in einer extremen Covid19-Sondersituation sind?

Beispielhaft darin, dass in vielen Arzt- und Therapiepraxen gähnende Leere herrscht, obwohl ein Besuch dort möglich wäre. Eine Erklärung: Jetzt geht es vielen Menschen um die Verwirklichung des Oberwertes ‚Gesundheit‘ mit der Folge, dass alles vermieden wird, was nicht zwingend ist. So verschiebt sich auch manch psychische Problem aus dem Spektrum des neurotischen Formenkreises vor diesem Hintergrund ein gutes Stück ins Nebensächliche. Ja, sogar eine Vielzahl von Menschen mit Angst- – oder in deren Unterform – Zwangsstörungen erleben nun eine echte Entlastung, eben weil sie sehen, wie viele [gesunde] Menschen ihre Angst individuell ausleben, es quasi ’normal‘ geworden ist, nicht nur Angst zu haben, sondern sie auch zu zeigen. Das Virus lehrt uns, etwas unerträglich Neues als Möglichkeit zuzulassen und es zeigt uns, dass diese Möglichkeit für viele Menschen darin besteht, ihre Angst zu zeigen. Angst in ihren verschiedenen Formen wie Beziehungs-, Verlust-, Leistungs- oder Entscheidungsangst ist für viele Menschen derart unerträglich neu, dass wir als eine Konsequenz dieses Erlebens in unserer therapeutischen Praxis immer öfter nach unseren Angeboten zur Individuellen Krisenprävention als Angstprävention gefragt werden. Prävention, um das eigene Nichtwissen bezüglich möglicher Ängste aufzuhellen und Umgangsformen zu entwickeln, die die Unerträglichkeit ummünzen helfen in etwas Sinnvolles.

Am Rande angemerkt: Dass wir es mit unserer ‚german Angst‘ auch übertreiben können, zeigt uns der hygienische Übereifer vieler – nicht zwangserkrankter – Zeitgenossen, der sicher auch von denen nicht empfohlen wird, die uns nahelegen, das zu tun, was sich irgendwie immer anbietet: Händewaschen, wenn man unterwegs war. Oder das förmlich sprunghafte Ausweichen anderen Menschen auf dem Gehweg gegenüber, wenn das Risiko droht, für eine Zehntelsekunde das Abstandsgebot von 1,5 Metern zu unterschreiten – auch dies ist keine offizielle Empfehlung, allein schon wegen der Verletzungsgefahr bei solchen Hasensprüngen. Oder der Entzug des Blickkontaktes oder eines Lächelns zu anderen Menschen, weil diese ja potenziell Infektiöse sein könnten – auch dieses Verhalten wurde bislang nicht als notwendig ins Pflichtenheft aufgenommen. Ob ein offizielles ‚Rechte-Heft‘ es den Menschen erleichtern würde, zu wissen, was sie weiterhin dürfen? Also, ich weiß nicht.

Oἶδα οὐκ εἰδώς – ich weiß, dass ich nicht weiß … – Sokrates weiser Satz [der eben nicht besagt, dass ein Mensch wüsste, dass er nichts weiß] wird in der Gegenwart besonders erlebbar. Viele Experten wissen, dass sie nicht wissen, was richtig ist. Weshalb in der Folge manchmal das Eine hier eine Pflicht, das Andere dort kein Recht ist. Wenn aber viele nicht wissen, was richtig ist, dann bieten sich Fahrten auf Sicht im Nebel der Komplexität förmlich an. Diese Nebelfahrten haben nur einen Beigeschmack – das Gefühl, das unerträglich Neue könnte einen beim kleinsten Fehler rammen, bleibt dauerhaft erhalten. Wenn alle Experte wissen, dass sie nicht wissen und [fast] wir alle wissen dies auch, wir also alle gemeinsam im kollektiven Nichtwissen stecken – dann sind mindestens zwei Wege möglich. Entweder kollektive Resignation, Depression oder Aberglaube hinsichtlich der Wunderfähigkeit mancher Politiker, die immer noch nicht wissen, dass sie nicht wissen. Oder die Möglichkeit, die ich ‚konstruktive Reaktanz‘ nenne. Der kollektive Trotz, sich diesem Nichtwissen gegenüber nicht abzugeben, sondern bereit zu sein für das ‚kollektive Staunen‘, das in der Erkenntnis besteht, dass Nichtwissen eben nicht meint, nichts zu wissen. 

Was wir im Moment erleben, passt vielleicht in dieses Bild: Solange das Schiff nicht oder nicht unreparierbar an einen Eisberg gesetzt wird, hat man es wohl eher mehr als weniger richtig gemacht. Die Methoden, das Schiff zu lenken, sind unterschiedlich. Manche Entscheidungsträger in der Welt versuchen, zum Beispiel durch laute Schreie den Eisberg dazu zu bewegen, einfach zu verschwinden. Manche sehen ihn auch nicht, also ist er auch nicht da. Wie zu erwarten, sind dies eher fragwürdige Einstellungen derer, die meinen zu wissen, dass sie wissen.

Andere erkennen dafür ihre weniger ausgeprägten Wunderfähigkeiten und entscheiden Schritt für Schritt, transparent, wenn auch unter Unsicherheit. Das ganze erscheint langsam, abwägend und alles andere als bei einem Hauruck – in dieser Gruppe mag man wohl unsere politische Elite eher sehen. 

Wieder andere, die einst vollmundig zu wissen vorgaben, welche Entwicklung eine Gesellschaft einschlagen sollte, ziehen sich nun kleinlaut zurück und machen offenkundig, dass sie in ihrem [braunen] Kern nichts zu bieten haben, was als Entscheidungsbasis oder gar als Lehre herangezogen werden könnte. So werden wir hoffentlich eines Tages erleben, dass diese Dampfplauderer zwar nach der Epidemie mit ihren alten Parolen wieder um die Ecke kommen, jedoch niemand mehr daran interessiert ist, sich manch theoretische Verschwörung im Gewand einer ‚deutschalternativen Geschwürung‘ anzuhören. Es besteht auf Sicht also die Hoffnung, dass das Virus uns manches erspart hat. Ist das alles, was wir erhoffen dürfen?

Der richtig große Entwurf einer neuen, solidarischen, gesunden, entschleunigten … Welt wird – so meine Glaskugel – eine Utopie bleiben. Dafür ist das Zeitfenster des Ereignisses zu kurz, ebenso das Zeitfenster, in die post-corona-ökonomischen Wachstumskonzepte etwas hineinzuschreiben, was zum Beispiel nach so etwas wie die Vereinten Nationen von Europa ausschaut oder nach irgendwelchen politischen Welt-Initiativen, in denen sich etwas Positives vorgenommen wird, was eben diese Welt noch nicht gesehen hat. Für so etwas ist das Virus im übertragenen Sinn einfach zu klein, selbst wenn seine Folgeerscheinungen Billionen kosten werden. Aber was sind Billionen, die in Wirtschaftskreisläufe eingespeist werden, die auf unzerstörte Städte, eine funktionierende Infrastruktur, weiterhin bestehende Technologien, kompetente Menschen zurückgreifen können? Sie sind Bumerangs, denn irgendwie kommt das Geld auch wieder zurück, allemal in der ein oder anderen Besteuerung. Das Virus ist eben kein Bombenhagel, kein Atomgau, keine Sintflut, kein Meteor. Wir sollten es daher nicht größer machen als es ist. Das Virus hat uns nicht die Handlungsräume geschlossen. Es hat uns nicht die Freiheit und Verantwortung genommen, auf die Frage zu antworten, worum es jetzt – individuell, in der Familie, im Unternehmen, in der Gesellschaft – zu gehen hat. Ich persönlich glaube, dass dieses Worum für viele nicht sonderlich anders ausschauen wird wie noch vor wenigen Wochen – es sei denn, der aktuelle Zustand bleibt uns über viele Monate erhalten. Aber daran glaube ich so wenig wie daran, dass die Erfolgsfaktoren der Wirtschaft durch die Auswirkungen des Virus substanziell in Frage gestellt werden. Vielmehr sehe ich vor uns, dass das kollektive Wissen um das Nichtwissen einen ungeheuren individuell-kreativen, technologischen und systemisch-vernetzteren Schub auslösen wird, in Wissenschaft, Kunst, Ökonomie und – wer lernbereit ist – beim einzelnen Menschen. Ich glaube: Das neue Staunen beginnt. 

Corona-Blog: Für viele eine Sondersituation, für einige eine Grenzsituation

Sehen Sie sich durch Corona an ‚Grenzen Ihres Lebens‘ angekommen? Fühlen Sie sich ‚am eigenen Leib‘ von den Folgen der Sondersituation überfordert? Ist Ihr Vertrauen ins Leben erschüttert? Haben Sie Ihre Fähigkeiten eingebüßt, Probleme zu lösen? Die allermeisten Menschen werden sagen: Nein. Weil sie mit den drei Situationen noch nicht konfrontiert sind, die der Philosoph Karl Jaspers als Grenzsituation auszeichnet.

Situation 1: Leiden, Sterben und Tod. Wir hören zwar täglich Nachrichten des Grauens und wissen um die schnelle Vergänglichkeit der Existenz, aber die Bilder und Zahlen erschüttern uns nicht – denn es geht bisher ja nicht an den eigenen Kragen. Ganz schnell ändert sich das, wenn Corona die eigene oder die Gesundheit nahestehender Menschen berührt. Bislang ist dies bei 2200 Todesfällen und einigen Hundert schweren Krankheitsverläufen ein statistisch vergleichsweise geringes Problem – bedenkt man die Zahlen anderer Länder oder auch die anderer Krankheiten. Absolut jedoch steht hinter den unmittelbar Betroffenen eine noch größere Zahl von Familienmitgliedern, die von einer Zäsur in ihrem Leben betroffen sind oder sein werden. Viele von ihnen werden bald therapeutische Unterstützung benötigen.

Situation 2: Schuld. Viele der kleinen ‚Delikte‘, die Menschen täglich begehen, führen nicht zu Schuldgefühlen oder Gewissensbissen. Und wenn doch, dann reicht oft eine Entschuldigung oder eine kleine Geste aus, um Schiefes wieder gerade zu rücken. Wir erleben das gerade häufig, wenn eine kleine Unachtsamkeit beim Distanzwahren von anderen Menschen kritisiert wird. Aber wie viel mehr wiegt die Schuld, wenn durch eigenes Fehlverhalten andere Menschen angesteckt werden? Oder, wenn wie offenbar seinerzeit in Ischgl, der gesunde Menschenverstand nicht eingeschaltet, sondern auf behördliche Anweisungen gewartet wird. Es sind eben jene Situationen, die den Unterschied machen zwischen Schuldgefühlen und dem Gewahrwerden objektiver Schuld. Jeder Mensch wird sich aktuell nicht stets perfekt anti-coronal verhalten, selbst Ministerpräsidenten müssen lernen, wie eine Schutzmarke richtig getragen wird. Objektive Schuld jedoch sieht anders aus: Wie bei dem Mann, der gestern in eine Augsburger Postfiliale geht, sich in die Schlange einreiht, dort laut ‚ein bisschen Spaß muss sein‘ singt und dann – vor dem Schalter stehend und die Distanz zur Schutzscheibe missachtend – den Postmitarbeiter fragt, ob am Sonntag [sic!] eine Briefsendung für ihn eingetroffen sei. Als der Postler merkt, dass er hier einer Person mit ‚auffälligem Verhalten‘ gegenübersteht und sie auffordert, vom Schalter zurückzutreten, ruft diese laut: „Ich bin Rentner, und gesund.“ Der Postler, leicht erregt, erklärt deutlich: ‚Was Sie hier machen, gefährdet meine Gesundheit. Gehen Sie bitte, und ich werde darauf achten, dass Sie nicht auch andere Menschen hier gefährden‘. Ohne weiteres Zutun entfernte sich der Mann. Sein womöglich nur ausgeprägter Hang nach Aufmerksamkeit [wir Therapeuten haben bei der Gesamtanschauung der Person eine Reihe von Hypothesen für unsere Wahrnehmungen] mutierte in dieser Sondersituation zu einer ihm [unbewussten] objektiven Schuld. Während eine objektive Schuld sich der bewusst auflud, der sich mit ein paar Freunden ins derzeit im Umbau befindlichen Standesamt Augsburg Zugang verschaffte, dort eine Party abfeierte, herbeigerufene Polizisten bespuckte und ihnen vollmundig mitteilte, er sei infektiös. Da der Alkoholgenuss noch nicht weit genug fortgeschritten war, wird nun wegen Vorsatz ermittelt. Würde einer der Polizisten nun tödlich erkranken, könnte eine Situation entstehen, für die es keine Wiedergutmachung durch den Täter mehr geben kann. Sie würde den Täter mit seiner Unzulänglichkeit und seinem Versagen konfrontieren und seine Schuld würde ihn in die Grenzsituation führen, darauf antworten zu müssen, wie er angesichts seines Fehlers weiterleben kann.

Situation 3: Scheitern. Als Grunderfahrung jedes Menschen, führen manche dieser Situationen zu einem fundamentalen Selbstzweifel [dieser spezifische Zweifel ist das zentrale Merkmal einer individuellen Krise und macht deutlich, dass bestimmte Werte zutiefst verletzt wurden], andere zu einem schnellen Hinweggehen und Aufsuchen neuer Möglichkeiten und Wege. Man kann so oder so zum Beispiel mit der Situation umgehen, einen bestimmten Job, auf den man lange hingearbeitet hat, doch nicht wie erwartet zu bekommen. Oder wenn nun – wie bei vielen Start-Ups zum Beispiel befürchtet – durch Corona Businesspläne zusammenbrechen, sich Investoren zurückziehen oder die Innovation es an sich erfordert, dass sich die Gesellschaft so bewegt und so handelt wie sie es vor Corona tat, um erfolgreich zu werden, dann können jetzt Gründer verstärkt in den Selbstzweifel darüber geraten, ob sie die einst angestrebte Unternehmerrolle aufrecht erhalten. Ein anderes Scheitern mag sich ergeben, wenn man dank Ausgangsbeschränkungen seine/n Partner/in mit einem Mal in einem anderen Licht sieht, mit bestimmten Verhaltensmustern nicht klar kommt und es verletzende Auseinandersetzungen gibt, mit denen umzugehen einfach nicht gelingen will. Auch diese Situationen können Grenzen aufzuzeigen, die zu überwinden aus unserer logotherapeutischen Sicht nur durch die Klärung der eigenen Werte und Grundüberzeugungen glückt.

Mit Grenzsituationen umgehen zu können, meint, sie nicht zu leugnen, auszublenden, zu verdrängen oder die eigene Verantwortung für sie abzuschütteln – auch dann, wenn der Auslöser des Geschehens nicht in der eigenen Person liegt. Manche Menschen glauben, dass ein solches Verhalten die Sache irgendwie leichter macht, irgendwann könne und würde sich die Lage ja hoffentlich verbessern. Dabei wird nicht erkannt, dass dieses Vorgehen enorme Lebensenergie vergeudet und damit destruktiv ist. Sich selber einreden zu müssen, dass man einem Schicksal nicht entkommen konnte und kann, belastet den Weg hin zu einer Ausschau nach Möglichkeiten, Alternativen, kreativen Entscheidungen. Letztlich ist der destruktive Umgang mit Situationen des Scheiterns zurückzuführen auf die Flucht vor Gefühlen der Scham, Wut, Trauer, Angst, Verzweiflung. Ihnen aus dem Weg gehen zu wollen ist psychisch verständlich, aber geistig sinnlos, denn Entkommen funktioniert nicht, Handeln schon. Handeln hin zum Sinn, dann übernimmt der Mensch Verantwortung für das, was vor ihm liegt – denn das, was war, kann er bestenfalls verstehen lernen, gestalten kann er nur, was auf ihn wartet.