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Corona-Blog: Stresskommunikation [Beharrer]

Wer kennt sie nicht – die Beharrer. Menschen, die sich pflichtbewusst durchbeißen und unter Stress eifrig predigen, was denn nun das Wichtigste zu tun sei. Seine Grundhaltung: Augen zu und durch – dass man womöglich selbst Anteile daran hat, sich in einer Situation verrannt zu haben, kommt einem Beharrer nicht in den Sinn. Andere müssen perfekt sein, und da sie es nicht waren hat sich die Lage verfahren – daran glaubt der Beharrer felsenfest und kommuniziert es auch. Und wenn es schon so ist, dann muss er natürlich weitermachen, sich bis zur Erschöpfung einbringen, mit dem Kopf durch die dickste Wand gehen. Das ist er sich wert, das findet er gut, dafür gebührt ihm aus seiner Sicht Respekt.  

Für seine Anstrengungen will er Erfolg und den Besitz an der finalen Lösung. Wer mit ihm in belastender Situation spricht, sollte daher gewappnet sein – denn sein Widerstand und Widerspruch gegen andere Ansichten kann mächtig sein und jeder, der gegen ihn verliert, wirkt wie neuer Treibstoff auf dem Weg zu dem aus seiner Sicht einzig Wahren. Der ‚Beharrer-Apostel‘ sieht in der ihn belastenden Situation nicht vorrangig sich selbst als Person unter Druck stehend, sondern vielmehr das von ihm bis heute Geschaffene, Entwickelte, Geleistete. Wie ein Mensch, der nicht wahrhaben kann, dass eine neue Generation die Welt anders interpretiert, kämpft er, ,weil die Traditionen zu erhalten sind‘. Oft wirkt er stur, wo atmosphärische Intelligenz gefragt wäre.

Empfehlen ihm vertraute Personen eine neuen Sicht auf Zeitgeist und Gegebenheiten, dann hören sie ihn nicht selten Aspekte ansprechen wie ‚persönliches Lebenswerk in Gefahr‘, ‚erlittene Demütigung‘, ‚weiter harte Arbeit leisten müssen‘ oder ‚Gewissenlosig­keit anderer‘.

In der Begleitung eines ‚Beharrers‘ gilt es, seine Zukunftsresistenz, seine Neigung zur Abwertung der Ansichten seines Umfeldes und seine zuweilen dogmatische Selbstüberschätzung anzusprechen. Dabei ist hilf­reich, ihn biografisch auf frühere Lernprozesse zu befragen, ohne dabei die für ihn wichtige Diskretion in Frage zu stellen. Günstig ist seine grundsätzliche Haltung des ,Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, der hat schon verloren‘ [Brecht]. Sie bewahrt ihn davor, aufzuste­cken oder seine Grundüberzeugungen dem Opportu­nismus zu opfern.  

Kommunikationsstil: Beharrer
Kommunikationsbedürfnis:
Austausch von Meinungen
Psychisches Bedürfnis: Will Anerkennung für seine Leistung und seine Überzeugungen
Alltagsstress: Erwartet, dass andere perfekt sind, findet daher schnell etwas
auszusetzen, beharrt dann auf seinen Ansichten
Dauerstress:
missioniert oder predigt seine Überzeugungen
Lebensthema:
Angst
Authentisches Gefühl wäre:
Angst
Scheingefühl [
Masche]: Äußert Selbstgerechtigkeit und Ärger

Warum Angst als Lebensthema? Im Kern geht es dem Beharrer darum, seine Wertemaßstäbe, Grundüberzeugungen, Qualitätsvorstellungen heraus- und als Maß aller Dinge darzustellen. Und in der Tat – was Beharrer auch gegen Widerstände durchsetzen, ist vielfach bemerkenswert. Umso größer ist die Angst davor, dass das nicht mehr gelingt, dass die eigene Meinung nichts mehr zählt, dass man als ‚unwichtig‘ gilt. Dagegen wehrt sich der Beharrer und erwartet von seinem Umfeld, dass auf perfekte Weise [seinen] Empfehlungen gefolgt wird.

Dass viele Politiker einen hohen Beharreranteil in ihrer Kommunikationsbedürfnisarchitektur haben, dürfte kaum überraschen. Manche suchen förmlich nach jeder Gelegenheit, die eigene Position in die Kamera sprechen zu können. Auch bei Corona kann man den Eindruck gewinnen, dass viele – auch diejenigen, die weder Gesundheits- noch Wirtschaftskompetenz haben – danach drängen, sich zu produzieren. Wer um sich herum viele Beharrer weiß, der kennt die Meinungsvielfalt, teilweise im Überbietungswettbewerb. Beharrer mit hohem Logikeranteil können ihre Meinungen unterfüttern mit Zahlen, Daten und Fakten – sie wirken oftmals glaubwürdiger [ebenso wie Logiker mit hohem Beharreranteil, also Personen, die aus ihren Analysen und vergleichenden Datenrecherchen ihre Meinungsbildung ableiten] als Menschen mit anderen Kommunikationsstilen.

Morgen geht’s weiter. Mit dem Träumer.
Bleiben Sie gesund.