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Systemischer Denken

Alles hängt mit allem zusammen. Einen Schritt nach links zu gehen bedeutet, dass rechts ein Platz freigeworden ist. Man kann das Eine nicht ohne das Andere denken. Sätze wie diese ermuntern zu einer Denkart, die für viele Menschen ungewöhnlich, fremd, unnötig oder aber einfach nur lästig erscheint. Der, der nach einer schnellen Wenn-Dann-Antwort sucht, fühlt sich unter Stress gesetzt, wenn systemischer, in Abhängigkeiten, Ambivalenzen, Unterschieden oder Wundern gedacht wird.

Wenn ich Appetit auf ein Ei habe, aber das Eierfach im Kühlschrank ist leer, dann mag die Lösung einfach sein [so ähnlich wie hier]. Wenn das Problem aber komplex, kompliziert und womöglich  auch noch dynamisch sich verändernd ist? Dann bewährt sich die Fähigkeit zum systemischeren Denken. Ein Mangel dieser Fähigkeit zeigt sich in akuten Belastungsereignissen wie Schadensfällen, Unfällen oder Verlusten dadurch, dass die versuchten Lösungswege nicht wirklich erfolgreich sind, man sich immer häufiger von eigenen Handlungen oder Entscheidungen distanzieren oder sie revidieren muss, man sich immer mehr in Einzelheiten verstrickt. Dazu kommt oft die Vorstellung, dass dem Problem eine einzige Ursache zugrunde liege und man dieser Ursache mit einer einzigen Methode zu einer bestimmten Wirkung verhelfen könne. Die Folge von diesem Denken ist der berühmte Tunnelblick.

‚Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind‘. Das wusste schon Einstein. Anders ausgedrückt: Wenn ich A nicht erreiche, weil mir B im Wege steht, dann ist es in komplex-kompliziert-dynamischen Kontexten ungünstig zu denken, A erreichen zu können, weil mir C nicht im Wege steht. Das können Sie ja einmal durchdenken …

Postmodernes Staunen

Wenn postmoderne Menschen glauben,

_ dass sie Ihr Schicksal durchgängig selbst gestalten können
_ dass sie sich täglich neu erfinden können
_ dass alles machbar ist
_ dass Grenzen eine Zumutung sind
_ dass alles mit Prozessen, Planung, Kontrolle zu managen ist
_ dass jedes beliebige Ziel verfolgt werden kann

dann kann diese Haltung eine robuste sein, wenn die Menschen gleichzeitig

_ im Zuge konsequenter Selbstaufklärung
_ ihre Deutungsmuster über sich und die Welt reflektiert haben,
_ sich gleichwohl die Gabe des Staunens erhalten, um
_ in einer Krisen-Situation selbstwertbewusst handlungsfähig zu sein.

Staunen?

Wer staunt, lässt Faszination zu, aber auch das Grauen. Wer staunt, adressiert damit etwas, das jenseits des eigenen Werte- und Erfahrungskosmos liegt, wer staunt, dessen ‚Ich’ tritt hinter dem Erstaunten zurück. Selbst Kant, dessen Sorge vor potenziellen Irrwegen des Staunens sich in einem deutlichen Plädoyer für naturwissenschaftliche Methoden zeigte, konnte sich des Staunens nicht erwehren. Der Anblick des bestirnten Himmels oder des weiten Ozeans und ihre Beurteilung als ‚Unendlichkeit’ bewirke ein Gefühl des Erhabenen und des sprachlosen Staunens – um dann aber doch aufgefangen zu werden durch das Vermögen der Urteilskraft. Durch Staunen außer sich zu geraten, ist für ein reines Vernunftwesen nicht vorstellbar.

Es scheint, als müssten wir dem Staunen einen Raum geben, einen Raum, in dem Irritationen
möglich und erwünscht sind, in dem wir uns von Scheinlösungen distanzieren können, die uns vorgaukeln, wir hätten schon zu jedem Problem eine Antwort. Ein solcher Raum ermöglicht „ein Grundfragen des Existere”, denn „alle einzelnen, jeweiligen, empirischen Fragestellungen
[sind] Abwandlungen aus dem einen Anstoß der staunenden Grundfrage.“ [Ernst Bloch]

Staunensbildung – so unsere Ansicht in der KrisenPraxis – stellt einen wichtigen Baustein in der Krisenprävention dar. Das Aufgeben einer sich spätestens in einer unvorbereiteten Krise entblößenden Selbstsicherheits-Illusion bereichert die Fähigkeit zu staunen, denn wirkungsvolles Handeln erfordert großzügiges und fantasiereiches Denken, nicht das Festhalten an unwirksamen Gewohnheiten. Um die Schranken der Routine zu durchbrechen, muss also zumindest genügend Interesse an geistiger Tätigkeit um ihrer selbst willen vorhanden sein.