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Der sich entfremdende Mensch

Erlebt ein Mensch wesentliche Aspekte seines Personseins nicht mehr im Gleichgewicht, so sprechen wir von einer Entfremdungsneigung. Zu diesen Aspekten zählen Gewohnheiten, das Temperament, Bedürfnisse und Gefühle, kognitive Prozesse und Prozesse der Selbststeuerung, wie zum Beispiel die Wahlfreiheit oder die Gestaltungskraft. Nicht selten verlaufen Entfremdungsprozesse gleich auf verschiedenen Ebenen – so kann ein Mensch sich vom eigenen Körper als auch von eigenen Gefühlen entfremdet erleben.

In gesellschaftlichen Übergangsprozessen, so wie wir es heute in der Transformation der Industriegesellschaft in eine Informationsgesellschaft oder der Zu-/Abwanderungs- in eine Integrationsgesellschaft erleben, verschärfen sich individuelle Entfremdungspotenziale. Der Grund liegt darin, dass der Einzelne seine persönlichen Bedürfnisse, Werte und Lebenszwecke in einem neuen kulturellen Gesamtzusammenhang als verloren oder nur schwer anpassbar empfindet. Wird der dabei erforderliche Lernprozess als nicht leistbar angesehen und nehmen die Widersprüche der Normen und Werte der allseits zusammenzuführenden Teilsysteme zu, dann fördert dies die Zunahme individueller und kollektiver Entfremdungstendenzen.

Therapeutisch bedeutsam sind insbesondere die Entfremdungen vom eigenen Körper, bei denen die Person ihren Körper emotional nicht mehr wahrnimmt oder psychosomatische Störungen das Empfinden fördern, der Körper würde sich quasi autonom gegen das Wohlergehen seines Trägers richten.
Auch die Entfremdung von eigenen Gefühlen, dem Empfinden bislang der eigenen Person nicht zugerechneter Gefühle oder das Problem, überstarke Gefühle nur unzureichend regulieren zu können, sind Thema in der therapeutischen Beratung.
Oft sind diese Empfindungen gekoppelt mit einer Entfremdung von Bedeutungen, die man bislang wie selbstverständlich Bereichen des Lebens [Hobby, Sport, Gemeinschaft …] zuschrieb und denen nun Lebensformen entgegengestellt werden, von denen die Person sehr wohl weiß, dass diese nicht zu einem gelingenden Leben beitragen [Süchte aller Art, Hyperreflexion [Grübeln und Gedankenschleifen], Abhängigkeiten …]. Auch Isolation oder ein unbedachtes Sich-Hingeben in Beziehungen, die die eigene Person nachhaltig schädigen, sind in diesem Zusammenhang weitere Entfremdungsindizien.

Ein höheres Risiko der Entfremdung tragen Menschen, die wir als ‚lageorientiert‘ beschreiben. Diese Menschen machen gehäuft den Fehler, dass sie Fremdgewähltes (z.B. die vom Vorgesetzten ausgesuchten Tätigkeiten) für selbstgewählt halten. Diese Neigung der Lageorientierten tritt dabei gerade dann auf, wenn sie in negativer Stimmung sind.
Die Lösung? Wiederherstellen des Sinnempfindens [hier ist die Logotherapie die Methode der Wahl] mit der Wirkung, eine stärkere selbstgesteuerte Handlungsorientierung aufzubauen.