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Klärung von Gefühlen

Vorläufer von Krisen sind nicht selten schwelende Probleme und Konflikte, die sich dann urplötzlich entladen und Menschen später Sätze sagen lassen wie: ‚Ich habe es zwar gesehen, aber nicht wahrgenommen‘. Einer der Gründe dafür, dass Probleme, die irgendwie offenkundig sind, dann doch nicht aufs Tapet kommen, ist der Widerstreit von Gefühlen. Treten mehrere Gefühle gleichzeitig auf, dann hilft meist, zuerst einmal zu prüfen, welche Gedanken und Bewertungen diesen Gefühlen genau zugrunde liegen.

Einmal angenommen: Sie erhalten neue Aufgaben in Ihrem Unternehmen. Dazu ist es erforderlich, umzuziehen – nicht ganz einfach mit Kind und Kegel. Aber es wird schon gelingen, meinen Sie, denn Ihre Firma sichert Ihnen Unterstützung zu. Nach recht kurzer Zeit haben Sie sich gut eingearbeitet und es passt soweit alles. Doch nun wird Ihr Partner ernsthaft krank, mit der Folge, dass Sie sich verstärkt um Ihre Kinder kümmern müssen, denn durch den Umzug ist die Entfernung zu den Omas und Opas größer geworden. Sie kommunizieren Ihre Situation, erhalten jedoch von Ihrem Chef eine subtile wenn auch deutliche Ansage: „Sie wissen schon, worin Ihre Aufgaben hier bestehen und was wir von Ihnen erwarten, oder?“ Dieser Satz setzt bei Ihnen ein Gefühlschaos frei: Angst, Wut, Trauer. Mit etwas Abstand und Ruhe erkennen Sie die insgeheimen Bewertungen:

  • Angst: „Ich habe bisher alles geschafft und vieles auf mich genommen, um nun hier zu arbeiten. Womöglich habe ich hier aber noch ein Informationsdefizit und ich sehe mich besser als ich von meinem Umfeld wahrgenommen werde. Das bereitet mir Sorge und ich muss dies mit meinem Vorgesetzten klären.“ → Sie erkennen, dass Ihnen Ihre Arbeit von großer Bedeutung ist und die Vorstellung, sie womöglich zu verlieren, ihnen so vorkommt, als würde man ihnen etwas zuschnüren [Angst – gr.: angustus: Enge]. Sie denken, dass Sie eine Lösung für die Situation suchen und finden müssen.
  • Wut: „Ich habe noch im Ohr, dass man mir Unterstützung anbot. Jetzt, wo ich sie brauche, ist davon aber keine Rede mehr. Das macht mich stinksauer.“ → Sie erkennen, dass Sie keine Klarheit über den Begriff ‚Unterstützung‘ haben, sie wissen nicht, in welchem Zusammenhang, Zeitpunkt usw. ihnen welche Form von Unterstützung angeboten worden wäre. Sie denken, dass Sie eine Auflösung des möglichen Irrtums anstreben müssen.
  • Trauer: „Ich fühle mich traurig, weil es meinem Partner schlecht geht und traurig, dass dies im Unternehmen weniger bedeutsam ist und traurig, dass ich fremde Hilfe brauche. → Sie erkennen, dass Sie deutlich machen müssen, dass Sie mit der Situation alleine dastehen und weil das so ist, entlang ihrer Werte Entscheidungen treffen werden, also Kindeswohl vor Firmenwohl oder umgekehrt.

Wenn Menschen ihr ‚aufgeklärtes‘ Gefühlschaos mitteilen, zeigt sich in vielen Fällen eine deutlichere Bereitschaft anderer, zu einer Verbesserung der Situation beizutragen als bei einer spontanen emotionalen Reaktion, die bei anderen oft zu Abwehrverhalten führt, weil sie sich durch diese Reaktion selbst belastet empfinden.

Gefühle in existenzieller Not

Über 150 Japaner, allesamt an Krebs erkrankt, wurden in einer Studie von Morita & Coll. im Jahr 2000 nach ihren Gefühlen befragt, die mit ihrer Erkrankung in Verbindung stehen.

39% äußerten ‚Gefühl der Abhängigkeit‘, 37% ‚Sinnlosigkeit‘, 37% ‚Hoffnungslosigkeit‘, 34% ‚Last für andere sein‘, 29% ‚Verlust der sozialen Rolle‘, 28% ‚Bedeutungslosigkeit‘.

Und 79% meinten, ein Suizid sei eine gerechtfertigte Handlung, um das persönliche Umfeld nicht durch das eigene Leid zu beeinträchtigen.

Viktor Frankl schreibt in seiner Autobiografie im Kontext seiner Erlebnisse in Konzentrationslagern – und wir laden ein zur Reflexion der Forschungsergebnisse aus Japan aus dieser Perspektive:

‚Hat dieses ganze Leiden, dieses Sterben rund um uns, einen Sinn? Denn, wenn nicht, dann hätte es letztlich auch keinen Sinn, das Lager zu überleben. Denn ein Leben, dessen Sinn damit steht und fällt, dass man mit ihm davonkommt oder nicht, ein Leben also, dessen Sinn von Gnaden eines solchen Zufalls abhängt, solch ein Leben wäre nicht eigentlich wert, überhaupt gelebt zu werden.‘

Der Mensch auf der Suche nach Sinn

Vortrag von Professor Dr. Alexander Batthyany an der Internationalen Akademie für Philosophie im Fürstentum Liechtenstein. Batthyany leitet das Viktor Frankl Institut, Wien – die offizielle Akkreditierungsadresse für Logotherapeuten weltweit.

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