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Fehlt es an Orientierung für richtiges Handeln?

In den bisherigen Monaten der Pandemie wurden und werden wir wie selten zuvor mit individuell-ethisch und -moralischen Fragen konfrontiert. Wollen wir unsere Freiheit von Verboten einschränken lassen? Wie wollen wir die Zukunft unserer Selbstverantwortung noch verstanden wissen, wenn wir diese durch zahlreiche Gesetze und Verordnungen deutlich eingeschränkt erleben? Wie stehen wir zum Kontext Impfung, wie zu Menschen, deren Meinungsbild sich in diesem Thema deutlich vom eigenen unterscheidet? Von wo beziehen wir unsere Bewertungsmaßstäbe? Wem gestehen wir zu, uns für die eigenen Entscheidungen und Handlungen ethische Impulse zu liefern? Wem gestehen wir letztlich zu, uns maßgeblich auf dem Weg der Gesellschaftsentwicklung voranzugehen? Ist es das Bundesverfassungsgericht? Oder Ethikkommissionen? Oder Kabarettisten? Oder die Kirchen? Oder vielleicht der Stammtisch – sofern man sich dort im gebührenden Abstand zueinander austauscht? Oder ist es der eigene Hausarzt, der Nachbar oder jemand, der mit einem Megafon in der Hand auf dem Marktplatz die Menschen mit den eigenen Überzeugungen zutextet? Haben wir bei aller Pluralität verlernt, uns der Singularität einer ethischen Maxime und-oder eines grundlegenden Menschenbildes hinzugeben und uns darüber Lebensorientierung zu holen? Oder ist es uns sogar ganz recht, heute links und morgen rechts herum im Meer der Perspektiven zu schwimmen, vielleicht sogar im Kreis, um bloß nicht in die Verpflichtung zu kommen, eben einer dieser Orientierungen zu folgen?

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde, schrieb einst Immanuel Kant. Aber wer rät uns heute zu einer Handlungs-Maxime, die morgen noch Bestand haben kann? Greta? Biden? Putin? Xi Jinping? Karl Lauterbach? Der Papst? Ihr Chef? Meine Frau?


Ich habe mich an einem der stillen Vorfrühlingsabende jüngst mit dieser Frage selbst auseinandergesetzt. Dabei habe ich mich gefragt, wer meine wesentlichen moralischen Instanzen waren, als ich mich auf dem Weg ins Erwachsenwerden befand – und, wer heute diese Funktion einnimmt? Zu diesem Ergebnis bin ich gekommen: 70-80er Jahre: Willy Brandt, Hannah Arendt, Hans Jonas, Joseph Beuys, Pink Floyd, David Bowie, Richard von Weizsäcker 
Heute: Viktor Frankl, Ferdinand von Schirach, Joseph Beuys, Karl Lagerfeld, Rezo, Ruth Bader Ginsburg


Ob es heute vielen so geht, dass ihnen die moralisch handlungsanregende Luft immer dünner wird? Tritt statt des Einflusses einer Vorbildhaftigkeit bestimmter Persönlichkeiten immer mehr Selbstbezüglichkeit des Einzelnen in den Mittelpunkt des Handelns? Womöglich hätte das den Vorteil, dass potenzielle Vorbilder entlastet werden von der Bürde, dass ihre Grundüberzeugungen zu gesellschaftlichen Handlungsmaximen extrapoliert werden. Andererseits hätte dies den Preis, dass jeder Einzelne über ein inneres Lot verfügen müsste, persönliche Rechte mit Pflichten und Verantwortungen für das Gemeinwohl austarieren zu können. Ob die Menschen unseres Landes überdurchschnittlich über ein solches Lot verfügen mag eine Frage an die sozialpsychologische Forschung sein. Ebenso die Fragen, was dieses Lot heute sein sollte, worum es einer Person im Kern geht, die über ein solches Lot verfügt und welchem Risiko eine Person ausgesetzt ist, ihr inneres Lot im Kontext einer medial permanenten Sichtbarkeit transparent zu machen.

In eigener Anschauung des winzigen individuellen Weltausschnitts habe ich Zweifel daran, dass es ausreichend, geschweige denn über den Durchschnitt hinaus genügend Menschen gibt, die sich neben der Pflege ihrer verfassungsgemäßen Rechte auch ihrer Verpflichtung für das über sie wirklich hinausgehende Gemeinwohl annehmen. Wenn – wie es Howard Gardner beschreibt -„Intelligenz die Fähigkeit ist, Probleme zu lösen oder Produkte zu schaffen, die für eine bestimmte Gemeinschaft oder Kultur von Bedeutung sind“, dann erscheint sich diese Intelligenz mir hierzulande noch zu sehr auf die Bedürfnisbefriedigung des Einzelnen in einer Hochleistungsgesellschaft auszurichten. Der offenkundig mühevolle Lernprozess, sich als Person zu transzendieren auf ein kollektiv-Anderes, in dem der eigene Nutzen hintansteht, ist für mich zwar spürbar im Gange. Ob dieses Lernen jedoch schnell genug verläuft, damit der ‚Transzendenz-Ruck durchs Land‘ wirkungsvoll und zukunftsweisend wird, bleibt mir eine der spannendsten Fragen überhaupt. Die Gefahr des Scheiterns dieses bislang noch zarten Gesellschafts-Pflänzchens scheint mir mit einem Zitat von Mark Twain recht gut getroffen: „Streite niemals mit dummen Leuten, sie werden dich auf ihr Niveau bringen und dich dann mit Erfahrung besiegen.“ Vielleicht ist dies die grundlegendste Verantwortung, die ein Mensch übernehmen kann ….