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Corona-Blog: Krisenprävention in eigener Sache

Zum Ende des achten Lebensseptils [Lebensalter 52-58 Jahre] ist es nun für mich selbst auch wieder einmal die Zeit, einen präventiven Blick in die nächste Lebensphase zu werfen. Gründe dafür gibt es genug, schließlich sind viele Veränderungen, auch in Form von Loslösungen, Trennungen und Abschieden, eingetreten – räumlich, zwischenmenschlich, beruflich, familiär.
Zeit für einen verantwortlichen Blick nach vorn ist zudem ausreichend gegeben, und die erforderlichen Tools und Methoden zur Werteanalyse und -entwicklung dafür habe ich selbst entwickelt. Es mangelt also an nichts. Worum soll es also in den nächsten Jahren gehen? Würde ich eine solche Frage Sigmund Freud stellen, so müsste ich mich seiner legendären Antwort rechnen: „Im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt, ist man krank“. Freuds Schüler, Viktor Frankl, sah das ganz anders: „Nun, ich persönlich bin nicht der Ansicht, dass es sich da um eine Krankheit handelt, etwa um das Symptom einer Neurose. Vielmehr meine ich, dass der Mensch damit, dass er die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, ja mehr als das, dass er wagt, die Existenz eines solchen Sinnes sogar in Frage zu stellen, – ich meine, dass der Mensch damit nur seine Menschlichkeit manifestiert. Noch nie hat ein Tier danach gefragt, ob das Leben einen Sinn hat. Das tut eben nur der Mensch, und das ist nicht Ausdruck einer seelischen Krankheit, sondern der Ausdruck seiner Mündigkeit würde ich sagen.“

Einen mündigen Blick auf das Leben zu werfen, das auch für mich von vorn kommt und für das ich zu entscheiden habe, worum es mir gehen soll, bedingt einen tieferen Blick. Einen Blick auf die persönlichen Werte, denen ich [erstmals, erneute oder veränderte] Aufmerksamkeit schenken will. Erst, wenn diese Werte geklärt sind, ergeben sich Fragen nach wertebasierten Zielen, wertebasierten Beziehungskonstellationen, wertebasierten Engagements usw. – zuerst das Wertefundament, dann die Überlegungen, wie die Zimmeraufteilung des Wertehauses ausschauen soll.

Mithilfe unserer LebensWerte-Karten, einem schönen und ungestörten Platz an der Sonne und ausreichend Zeit mache ich mich ans Werk. Aus den über 400 Werte-Begriffen wähle ich in aller Ruhe diejenigen, bei denen ich mit Blick auf meine nächste Lebensphase spontan ein positives Gefühl verbinde. Viele Werte, die bislang voller Bedeutung waren, verlieren dabei nicht an Wert, doch werden sie fühlbarer nachrangiger. Sie tauchen in der Auswahl der ’neuen‘ Wertelandschaft nicht mehr auf. Und auch in der Auswahl [siehe Bild] finden sich einige Werte, die in einem bestimmten Kontext auch bislang schon ihren ‚StellenWert‘ in mir hatten, nun aber nach einem ‚frischen Sinn-Wind‘ suchen. Diese Werte sehnen sich nach etwas, die ‚Sehnsuche‘ mit ihrem Wert der ‚Sehnsucht‘ entdecke ich als Mittelpunkt der Wertelandschaft. Als ich die Karte in der Hand halte, überrascht und erstaunt sie mich, und ich fühle: Dieser Wert ist für mich der neue Einstellungswert [mehr zu dieser Wertekategorie finden Sie hier in der KrisenPraxis]. Wohin genau er sich ausrichten wird, ist längst noch nicht entschieden und klar. Aber er ermöglicht eine neue aufmerksame Orientierung. Der Sinn wird sich finden, dessen bin ich mir bewusst. Und so wie im vergangenen Lebensseptil auch, das geprägt war durch den Satz „ich leiste einen Beitrag dafür, dass Menschen sich nicht verfehlen„, wird es für die Zeit vor mir wieder einen Sinnbeitrag geben. So ungewiss es noch ist, welche Worte sich unerwartet einstellen werden, eines ist mir jetzt bereits klar: Der neue Sinn wird nichts, aber auch rein gar nichts mit Corona zu tun haben. Denn ich werde mir weiterhin weder von mir alles gefallen lassen, noch nun von einem Virus.

Krise – höhere Mächte oder fehlende Selbstkultur?

Nach wie vielen Flugzeugabstürzen würden Sie wohl aufhören, zu fliegen? Experten der Risikominimierung interessieren sich für Antworten auf solche Fragen – im konkreten Fall auch deshalb, weil die Zahl der Flugbewegungen in den letzten Jahrzehnten massiv angestiegen ist, dies aber der Laie kaum wahrnimmt und rein subjektiv einen großen Unfall nicht ins Verhältnis des Gesamtaufkommens stellt. Würde man zum Beispiel einen einzigen Totalverlust eines Flugzeugs im Zeitraum von 100 Jahren akzeptabel finden, dann müsste die Lufthansa nach derzeitigem Stand 100 Millionen mal ein Flugzeug starten lassen, um wahrscheinlich diesen einen Unfall zu beklagen.

Jedes Unternehmen stellt sich die Frage, wie hoch die Unfallrate sein müsste, um die Existenz der Organisation absolut zu gefährden. Und Sie? Wie viele Krisen meinen Sie, dürfen Ihnen geschehen, um einen vollkommenen Zusammenbruch zu erleiden? Stellen wir unseren Klienten diese Frage, dann wird anfangs mit dem Faktor: ‚Schicksal‘ argumentiert. Man könne doch nicht alles vermeiden, und wenn höhere Mächte am Werk sind …?

Ähnlich wie in Organisationen nach einem eingetretenen Großschaden, nehmen sich auch Einzelpersonen kaum Zeit und Raum, das Geschehen daraufhin zu untersuchen, warum es eine derartig negative Wirkung auf das eigene Wohlergehen hat haben können. Werden Vorfälle in Unternehmen analysiert, dann achten beteiligte Personen vorrangig darauf, mögliche eigene Nachteile zu vermeiden. Gespräche über womöglich persönliche Schwächen, Unachtsamkeiten oder übersehene Mängel werden aus Angst vor existenziellen Folgen gemieden. Die Konsequenz ist, dass Unternehmen deutlich mehr in Sicherungs- und Absicherungssysteme investieren – ohne dabei die Sicherheit im Kern zu vergrößern, sondern [immerhin, wenn auch nicht mehr] den Zeitraum, in dem mit Wahrscheinlichkeit ein Vorfall geschehen wird.

Sind die Dokumentationen und Prozessabläufe auch noch so lückenlos beschrieben, die totale Sicherheit gibt es nicht. Werden Meldesysteme für Mitarbeiter, denen Fehler- und Gefahrenquellen jenseits ihres eigenen Aufgabenbereiches auffallen, noch so anonymisiert angeboten: Immer bleibt das berühmte Restrisiko, immer gibt es Fehlhandlungen, immer gibt es Menschen, die unter Stress auf den falschen Knopf drücken. Und wird der Mensch durch den Automaten ersetzt, dann wissen wir heute, dass diese nur in recht trivial-berechenbaren Kontexten wirklich fehlerfreier arbeiten. Für das Kostenmanagement ist das sicher von Bedeutung, für das Risikomanagement komplexer-komplizierter-dynamischer Situationen eher nicht.

Wenn also ‚Krise‘ als solche nicht vollends zu vermeiden ist, dann sind zumindest die Strukturen und Kulturen zu schaffen, die extreme Auswirkungen auf die Organisation mindern. Dafür finden sich viele Beispiele: Szenarioentwicklungen, Frühwarnsysteme, Vier-Augen-Prinzipien, Leitlinien und standardisierte Prozeduren, Teamqualität, Stressabbau,

Analog dazu: Wenn ein Mensch akzeptiert, dass es in seinem Leben Krisen geben kann und vermutlich auch geben wird, dann wäre seine Aufgabe, sich Strukturen zu schaffen, die seinen Umgang mit aus seiner individuellen Sicht komplex-kompliziert-dynamischen Situationen erleichtern. Analog zu großen Systemen auch, gilt es dabei zuerst zu überlegen, was denn wohl in der vor dem Menschen liegenden Lebensphase potenzielle Krisensituationen wären, wie diese die Lebensqualität beeinträchtigen würden, worin die individuellen Persönlichkeitsmerkmale bestehen, die es begünstigen, die jeweilige Situation als Krise zu empfinden und welche Ressourcen wohl genutzt würden, um sie in den Griff zu bekommen. Ein zweiter Schritt würde dann hinführen zu krisenspezifischen, individuellen Handlungsplänen, die hinreichend genau, jedoch knapp und strukturiert beschreiben, wie man mit einer Krisensituation umgehen würde, um sich selbst das eigene Recht auf ein gelingendes Leben zu erhalten.

Life2Me® – Pilotphase hat begonnen

Life2Me® ist das erste integrative, individuelle und flexible Angebot zur Prävention destruktiver Auswirkungen persönlicher Krisen.
Unser Konzept folgt dem Gedanken, dass jeder Mensch trotz schwerer und womöglich extrem belastender Lebensereignisse ein gelingendes Leben verwirklichen kann.
In Life2Me®  wird die Haltung vertreten, dass Krisen für menschliche Entwicklungsprozesse nicht zwingend sind. Vielmehr steht dem Programm ein Menschenbild vor, das den Menschen als lernendes und nach Sinn suchendes Wesen versteht.

Life2Me® ist ein mehrstufiges und zeitlich frei gestaltbares Entwicklungsangebot für Menschen, die sich auf mögliche Krisen in ihrem Leben selbstbewusst vorbereiten möchten. Es integriert Persönlichkeitsbildung, Wissen über die Wirkung von Krisen und individuelle Krisenprävention zu einem einzigartigen Paket.

Eine erste Gruppe von Teilnehmern hat nun die Pilotphase des Programmes begonnen, mit der insbesondere die umfangreichen Auswertungsinformationen auf ihre Wirkung hin überprüft werden.
Eine zweite Gruppe wird dann Ende des Jahres hinzukommen, für die dann das Programm mit Integration der Feedbacks der ersten Gruppe zur Verfügung stehen wird.
Ab Anfang 2017 beginnt dann nach und nach der Roll-Out des Programms.

Motivation = Sinn x Möglichkeiten. Grundlage des neuen Präventionskonzepts Life2Me®

Eine Krise tritt ein und der Mensch geht mit ihr um. Eine Vielzahl der Ereignisse haben sich in kleineren aufeinander folgenden Schritten eskalierend abgezeichnet [ich habe es an sich kommen sehen …], andere treten urplötzlich ein. Das Leben stellt dem Menschen die Aufgabe, sich neu zu ‚ver-wende-n‘, dazu muss er Kraft ‚auf-wende-n‘, um sich dem Neuen zuzu-wende-n. Stirbt mein Kind und meine Rolle als Vater kennt ihr Drehbuch nicht mehr, dann braucht es letztlich eine neue Rolle, aus der heraus ich handeln kann. Verliere ich meinen Arbeitsplatz und meine Rolle als Facharbeiter kennt ihr Drehbuch nicht mehr, dann braucht es auch hier eine neue Rolle zum handeln. Brennt mein Haus nieder und meine Rolle als Gastgeber und guter Nachbar kennt ihr Drehbuch nicht mehr, dann ebenfalls. Wir werden in der KrisenPraxis immer wieder herausarbeiten, dass die Motivation [die Bewegung] zum neuen Handeln mit den individuellen Werten im Einklang stehen muss. Und dass umkehrt jeder Mensch auf [s]ein Wertesystem zugreifen kann, um eben seine neue Rolle zum Handeln zu formen. Die Geschichte hat [nur] einen kleinen Haken: Der Mensch muss sich selbst [er]kennen und sich seine Werte bewusst machen [siehe hierzu die entsprechenden Beiträge im Verlauf der KrisenPraxis].

Die Formel des Frankl Schülers, Walter Böckmann, ist hier eine gute Orientierung. Findet der Mensch durch die Verwirklichung seiner Werte in ihm möglichen Handlungsfeldern neuen Sinn, dann entsteht letztlich die zur Überwindung einer Krise erforderliche Motivation.

Motivation = Sinn x Möglichkeiten.

Das Ende einer Krise markiert die Handlung. Sie erfolgt durch den Menschen selbstverantwortlich. Die Wendung des Lebens wirkt auf den Menschen ein, der Umgang des Menschen mit der Wendung wirkt sich auf sein Leben aus. „Ich handle nicht nur gemäß dem, was ich bin, sondern ich werde auch gemäß dem, wie ich handle.“ [Frankl] Diese Perspektive ist für jeden Menschen in anscheinend aussichtsloser Lage kräftigend: Er ist aufgerufen, etwas zu bewirken, er ist der Situation nie machtlos ausgeliefert.

In vergleichbarer Weise können wir das Thema ‚Krisenprävention‘ beleuchten.

Die Motivation zur Krisenprävention ist ein Produkt aus dem Sinn dieses Vorgehens [ergo den durch die Prävention erarbeiteten, im Krisenfall wirksamen Werteverwirklichungsaussichten] und den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten.

Ein Mensch, der sich aufgrund seiner Werte ‚Loyalität‘, ‚Nähe‘, ‚Achtsamkeit‘ und ‚Offenheit‘ einem Freund besonders verbunden fühlt und womöglich den unter Umständen plötzlichen Tod dieses Freundes ohne Prävention kaum zu verkraften vermag und lange braucht, um den Verlust einigermaßen zu überwinden, könnte sich zur Krisenprävention motivieren, wenn er rechtzeitig den Umgang mit Trennung und Vergänglichkeit reflektiert und eine Handlungsweise entwirft, deren Umsetzung als tragfähig empfunden und erfühlt wird. Dieser Lernprozess ist auch dann die Persönlichkeit weiterentwickelnd, wenn das Krisenereignis – hoffentlich – nie eintritt. Und natürlich: Ein solcher Lernprozess steht auch nicht über der Traurigkeit, die sich einstellt, tritt – wie in diesem Beispiel – der Tod des Freundes ein; er befähigt jedoch den betroffenen Menschen dazu, einen Umgang mit der Situation zu pflegen, die ihn vor einer Fehlentwicklung bewahrt.

Das Konzept Life2Me® [wir arbeiten daran und erwarten das konkrete Ergebnis gegen Ende 2016] strebt daher an, einen präventiven Beitrag dafür zu leisten, dass durch einen besseren Umgang mit eintretenden Krisenereignissen eine Fehlentwicklung vermieden wird, indem der Betroffene wertestabile und sinnstiftende Handlungsweisen entwirft.
Kurz: Life2Me pflegt ein Bild von Menschen, der stets ein Recht darauf hat, ein gelingendes Leben zu führen und ein Bild von Krise, die deshalb ihre Wortbedeutung verliert, weil der Umgang mit ihr durch Frühaufklärung erlernt worden ist.

Krisenpraxis - Krisenprozess                           Das Krisenmodell von Gerald Caplan und Robert Felix

 

Bewältigungsweisen kritischer Ereignisse

„Ungesunde“ Bewältigungsweisen:
– Unterlassen einer Problemanalyse
– Vermeidung, Verleugnung und Wunschdenken
– Ausblenden negativer Emotionen oder deren Projektion auf andere
– unstrukturierter Aktionismus oder Untätigkeit
– keine Bereitschaft zur Annahme von Hilfe
– stereotype und unflexible Anwendung von Problemlösungsversuchen

„Gesunde“ Bewältigungsweisen:
– realistische Problemanalyse
– Annahme und Kommunikation negativer Emotionen
– aktives und strukturiertes Handeln
– Aufrechterhaltung der personalen Integrität
– strukturierter Wechsel zwischen Aktivität und Inaktivität
– Offenheit für neue Wahrnehmungen
– Bereitschaft zum Zurückstecken bei unvermeidlichen Verlusten
– grundsätzliches Vertrauen in sich und andere
– Existenz von Hoffnung

(nach Caplan, zitiert u.a. in Ulich, D. [1987] Krise und Entwicklung. Zur Psychologie der seelischen Gesundheit)