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„Murphys Law von Andreas.“ Dokumentation eines Manager-Coachings bei einer multiplen Krise – Teil 8

Fortsetzung vom 22. August 2016

Wenige Tage später rief mich Herr Vermont an und erzählte, die Gespräche seien überaus deutlich und zugewandt verlaufen. Er habe nun besser verstanden, welche Beweggründe es gegeben habe, sein aktives Vorgehen misstrauisch bis abweisend zu bewerten, und er habe den
Eindruck, die Erleichterung sei nicht nur bei ihm spürbar gewesen, er sei daher optimistisch in Bezug auf die weitere Entwicklung. Seine Gesprächspartner hätten ihm signalisiert, dass es gut von ihm gewesen sei, diesen Schritt zu gehen, denn er selbst wäre aus ihrer Sicht nicht ‚greifbar‘ genug gewesen, um sich ihm in angemessener Offenheit als Mitarbeiter anzuvertrauen. Ihn würde daher nun die Frage beschäftigen, wie er die ‚Persönlichkeitslücke‘ schließen könne, die er offenbar in ähnlicher Weise habe wie sein Namensvetter und die wir durch die Kommunikationsanalyse ja berührt hätten. Da es ihm gelungen sei, sich zwar mit einiger – und für ihn ungewöhnlich anstrengender – Konzentration auf seine Gesprächspartner einzustellen, müsste es dafür ja einen tieferen Grund geben.

„Dieser ‚tiefere Grund‘”, komme ich mit Herrn Vermont ins Gespräch, „könnte das Wertesystem sein, das Sie im Laufe Ihrer Entwicklungsgeschichte geformt haben. Ihre Werte haben Ihre Haltungen geprägt, die Sie sich, anderen Menschen und Themen gegenüber einnehmen. Ihre
Haltungen haben Einfluss auf Ihre Verhaltensmuster und diese letztlich auch auf Ihre Kommunikationsbedürfnisse. Durch die Verwirklichung Ihrer Werte haben Sie bisher Sinn in Ihrem privaten und beruflichen Leben gefunden. Ihr Wertekanon hat Ihnen also eine Art Rahmen aufgespannt, in dem sich zu bewegen für Sie erfüllend und glücklich war.

Die Ereignisse der vergangenen Monate haben nun diesen Rahmen verändert. Es ist quasi ‚eng‘ um Ihre Werte geworden und diese ‚Enge‘ kann ‚ängstigen‘, weil es Ihnen für ein für Sie gelingendes Leben auf mehr ankommt, als es in diesem neuen Rahmen möglich ist. Zudem erleben Sie veränderte Erwartungen, die andere Menschen an Sie stellen. Das bedeutet, dass Sie in einem Lernprozess stehen, der Sie zuerst an Ihre Werte heranführen muss, bevor Sie dann zum einen die Erschütterungen reflektieren, die Ihr Wertesystem bereits auszuhalten hatte, und zum anderen die Erwartungen, die auf der Werteebene an Sie gerichtet werden.”

Herr Vermont stimmt zu, einen Blick auf sein Wertesystem zu werfen. Ich biete ihm dazu als Struktur das ‚wertebasierte triadische Sinnfindungsschema‘ an, das eine Form der Arbeit mit den von mir entwickelten LebensWerte-Karten darstellt.

B3

Aus den über 400 Wertebegriffen, die in einer kompletten Dudenanalyse destilliert und anschließend in einer mehrköpfigen, interdisziplinären Redaktion bearbeitet wurden, wähle ich je 32 aus, die Repräsentanten sind für die Kontexte
„Wissen – Kopf – Logik”,
„Harmonie – Herz – Ästhetik” und
„Ordnung – Hand – Ethik”.

Herr Vermont erhält diese Karten als PDF-Datei von mir zugeschickt, um in Ruhe zu Hause diese Werte in eine Reihenfolge zu bringen und dabei zu skalieren, welche Bedeutung der jeweilige Wert in seiner bisherigen Lebensgeschichte bereits hatte. Diese ‚Hausaufgaben‘-Intervention kann ich Herrn Vermont zutrauen, hatte er doch im Rahmen des Waldspaziergangs bereits zahlreiche Blitzlichter in sein Wertesystem geworfen, seinen aktuellen Zustand empfand er bereits als Verbesserung und belastbarer und sein Interesse an dieser Arbeit war ohnehin gegeben.

Einige Tage später ruft Herr Vermont mich an, um mir mitzuteilen, dass Tim aus dem Koma geholt worden sei. „Er ist stabil, ansprechbar und sogar schon etwas frech. Er hat gemeint, was denn los sei, dass so viele schöne Frauen um ihn herum seien?”, lacht er. „Nun geht‘s aufwärts!”
Zur folgenden Sitzung zeigt Herr Vermont das Ergebnis seiner Arbeit und wir markieren in dem ihm vorgelegten Schema die von ihm als für sein Leben ‚wesentlichen‘ Werte-Begriffe [in oben gezeigten Abbildung sind diese grau hinterlegt].

Schnell wird deutlich, dass es in Anbetracht dieses Schemas eine klare Verteilung der Werte gibt, die zur Formung von Haltungen, Verhaltensweisen und des Kommunikationsstils von Herrn Vermont einen Beitrag geleistet haben und weiterhin leisten.

B4

Herr Vermont übt sich schnell im Kopfrechnen und erkennt den überragenden Stellen-‚Wert‘, den der Kontext ‚Wissen‘ für ihn hat.
„Da habe ich ja eine ‚kalte‘ Seite in mir”, meint Herr Vermont bedrückt und beginnt in der Rückwärtsbetrachtung, einige erlebte Situationen mit dieser ‚Kälte‘ zu verknüpfen.
Aus dem Trennungsprozess, den seine Frau angestrengt hat, fallen ihm einige Aussagen ein. Auch seine Tochter und andere Menschen äußerten sich ihm gegenüber in dieser Richtung.