Schlagwort-Archiv: Krisenpädagogik

„Krise stellt in ihrem Problemgehalt eine die vorhandenen
Bewältigungsmöglichkeiten übersteigende Belastungssituation dar,
die als temporäre Erfahrung, raumzeitliche verdichtet vom Subjekt
wahrgenommen wird. Eine Krisensituation hat zwar i.d.R. einen
konkreten Anlass, lässt sich aber begreifen als Kulmination
unterschiedlicher Belastungsmomente, die sich nur schwer oder gar
nicht auf ihre Ursache zurückführen lassen. Auf personaler Ebene
können starke Stimmungsschwankungen, Ambivalenzen sowie
Gefühle der Spannung und Angst auftreten. Eine Krise verlangt zur
Problembewältigung vom Individuum einen qualitativen Sprung zur
Neuorganisation von Kompetenzen. In ihrem Verlauf stellen Krisen
offene Veränderungsprozesse dar, die nicht linear, sondern in
Rückkoppelungsprozessen verlaufen. Eine Krise wird als eine die
ganze Person in Frage stellende starke Bedrohungssituation erlebt.
Der Umgang mit ihr hängt ab von der örtlichen sowie der sozialen und
gesellschaftlichen Umwelt.“

Hugo Mennemann

Sinnorientierte, die Gewissensbildung unterstützende Erwachsenenbildung [Logoandragogik] – [2]

Für Bijan Adl-Amini, der es anstrebt, in der wissenschaftlichen Pädagogik die Subdisziplin ‚Krisen-pädagogik‘ zu etablieren, hat diese Pädagogik die Aufgabe, Menschen auf das Leben in Krisen vorzubereiten. „Wir dürfen nicht warten, bis unsere Kinder ins Wasser fallen. Wir sollten beizeiten Schwimmkurse einrichten“, meint der Kieler Erziehungswissenschaftler und will Krisenpädagogik verstanden wissen als Sensibilisierung des Men­schen für den Sinn von Lebenskrisen und für eine pädagogisch initiierte Sinnsuche in ‚Krisensituatio­nen‘, die dafür eintritt, „dem Leiden die quälende Sinnlosigkeit zu nehmen.“

In akuten Lebensbrüchen, die Menschen zwar erfasst, ihre Selbststeuerungskräfte dabei jedoch noch nicht derartig beschädigt haben, so dass ihr Leid nur noch durch spezielle therapeuti­sche Behandlungen, Akut- oder Notfallmaßnahmen zu mindern ist, können pädagogische Interven­tionen dazu beitragen, mit einer angemessenen Didaktik die Überwindung einer Grenzsituation zu unterstützen.

„Die Schläge des Schicksals, die wir erlei­den, führen auch zur Frage nach dem Lernen am Schicksal. Warum-Fragen, die nicht zu beantworten sind und nicht weiterführen, wären besser in Wozu-Fragen umzuwandeln. Schicksalsschläge und Krisen führen dazu, unser Leben nicht nur zu reflektieren, sondern oft radikal zu ändern, sie zwingen uns in die Tiefe und in den Sinn und führen zur Wandlung.  Statt auswendig zu lernen, ist inwendiges Lernen erforderlich.“ Und Adl-Amini resümiert: „Krisenpädagogik befasst sich mit der Beschreibung, Analyse und Sinnhaftigkeit von Le­benskrisen. Ihr Ziel ist die Erziehung des Menschen zum Sinn, d.h. die Sensibilisierung von Jung und Alt für die Sinnsuche in schicksalhaften Lebensereignissen“ und „für die Lernchancen, die in jeder krisenhaften Veränderung stecken. Im Erfassen der Krisenbotschaft verwandelt sich das Sinnlose der Krise in eine Lebensaufgabe.“  Es sei zentral, zu „begreifen, was den Menschen in der Krise ergreift, erschüttert und verwandelt“ und dazu sieht er insbesondere die biographische Arbeit als methodische Fundgrube an.