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Systemtheoretischer Sinnbegriff versus Sinntheoretischer Sinnbegriff im Zusammenhang mit Krise

Luhmanns Sinnkonzeption, in der jede Operation nicht nur sich selbst in ihrer Aktualität präsentiert, sondern immer auch nichtaktualisierte, aber im nächsten Moment aktualisierbare, mögliche Anschlussoperationen bereithält, sieht Sinn im Grunde als per se anschlussfähigen Verweisungsüber­schuss. Würde man einen phänomenologischen Gegenbeweis antreten können, in dem es Sinn­phänomene gibt, die sich nicht als ein solcher Überschuss von Verweisungen auf weitere Möglichkei­ten anzeigen, sondern auf sich selbst verweisen, wäre dies im Sinne Luhmanns der ‚differenzlose Begriff, der sich selbst mitmeint‘, mithin zu verstehen als nachmetaphysischer Letztbegriff, der nicht in einem letzten ontologischen oder transzendentalen Grund verankert ist oder durch jedwede fremde Unterscheidung bestimmt werden könnte.

Der systemtheoretische Sinnbegriff wäre somit danach zu befragen, wie er ‚sich selbst mitmeint‘, wozu wir bei Luhmann finden:  „Die sinngebende Unterscheidung von Aktualität und Potentialität tritt auf der Seite des Aktuellen in sich selbst wieder ein; denn aktuell kann nur sein, was auch möglich ist.“ Diese Form des Selbstbezugs, mit dem ausge­schlossen wird, dass es irgendein sinnvolles Ereignis geben kann, das nicht in einen offenen Möglichkeitshorizont hineinverweist, findet sich in ähnlicher Weise auch bei Frankl. „Denn niemals ‚ist’ der Mensch – immer ‚wird’ er erst; niemals ist er einer, der von sich sagen dürfte: Ich bin, der ich bin – immer ist er einer, der von sich nur sagen kann: Ich bin, der ich werde – oder: Ich werde, der ich bin – ich ‚werde’ actu [der Wirklichkeit nach], der ich potentia [der Möglichkeit nach] ‚bin’.“

Wäh­rend Frankl seinen Gedanken jedoch auf dem Einfluss der von ihm postulierten geistigen Dimension des Menschen aufbaut, sieht Luhmann in der Endlosschleife von Aktualität und Potentialität den Sinn in allem gegenwärtigen Erleben und Handeln als gegeben an. Im Lichte einer ‚Krise‘ könnte jedoch ebendiese Endlosschleife als ‚unterbrochen‘ an­gesehen werden, mit anderen Worten als nicht mehr sinngebend. Doch diesen Einwand lässt Luh­manns Sinnbegriff nicht zu, da er den Sinn aller psychischen und sozialen Systeme als gegeben unter­stellt und damit Sinnfragen und Sinnprobleme als nichtig erklärt – was nicht zuletzt Habermas in Kritik zieht.

Und auch für die in diese praktische Arbeit mit Menschen an Situationen, denen die Betroffenen einen Grad an Sinnverlust, -gefährdung oder sogar Sinnlosigkeit zuweisen, bedeutete die Orientierung an Luhmann automatisch das Ende jeglichen Diskurses. Es wäre förmlich sinnlos, von Sinnlosigkeit zu sprechen – was über einen humorvollen Umweg zwar zu Frankl führen würde, denn für diesen ist der Mensch auch im größten Leid seinen ‚Sinn nicht los‘, diese Humoreske jedoch als Erkenntnis erst am Ende eines sinnzentriert gestalteten Arbeitsprozess mit einem durch eine Krise belasteten Menschen erwartet werden darf.

Und wenn mit diesen Hinweisen die Begrenzungen des systemtheoretischen Sinnbegriffs für die Ar­beit in der Krisenberatung skizziert werden sollten, da das Luhmannsche Theorem „Sinn verweist immer wieder auf Sinn und nie aus Sinnhaftem heraus auf etwas anderes“ den beobachtbaren Phänome­nen in der Arbeit mit massiv belasteten Klienten fundamental widerspricht, da hier Sinn als ‚laufen­des Aktualisieren von Verweisungen‘ nicht mehr stattfindet, stellt sich die Frage, durch was dieses Aktualisieren wieder belebt werden kann und dies in extremo in einer Lebenssituation, in der der Mensch auf sich allein gestellt ist und nicht durch Angebote an Pertubationen jedweder Art zu neuen Selektionen angeregt werden kann.

Sucht man bei Luhmann selbst nach einer Beschreibung eines solchen ‚Etwas‘, dann fällt sein an die Metapher vom ‚blinden Fleck‘ erinnernder Hinweis auf: „Aber alles, was in der Welt der Sinnsysteme rezipiert und bearbeitet werden kann, muß diese Form von Sinn [eine Aktualisierung von Möglich­keiten, A.d.Autors] annehmen; sonst bleibt es momenthafter Impuls, ohne Verknüpfbarkeit, ohne Kommunikabilität, ohne Effekt im System.“

Während Luhmann solche Ereignisse wegen ihrer Anschlusslosigkeit aus seinem Sinnbegriff herausnimmt und als psychosomatische Effekte interpre­tiert, räumt ihnen Frankl eine ganz andere Bedeutung bei, wenn er schreibt: „Der Zufall ist der Ort, an dem das Wunder nistet – oder besser gesagt, nisten kann; denn immer kann etwas nur – niemals muß es mehr als bloßer Zufall sein.“ Der Ort des Wunders, des überraschenden Impulses, des An­rufs an das Gewissen steht für Frankl als die Gelegenheit zum Kontakt mit der Transzendenz. Einen solchen Moment, der befreit ist von normativen Differenzen, zudem eine kritische Würdigung des­sen, was einem da ‚zu-fällt‘ möglich bleibt und aufgrund seiner noch nicht gegebenen Verknüpfbar­keit oder Vorerfahrung als ein Apriori verstanden werden kann, wollen wir verstehen als den Mo­ment ‚distanzierten Normativität‘, in dem ‚das Geistige zur Tür herein kommt‘.

In einem solchen Moment vollzieht sich etwas gegen die psychophysischen Strukturen, es wird etwas deutlich, was zuvor durch die Belastungen des Krisen­ereignisses nicht erblickt werden konnte. Im griechischen Begriff ‚Emphase‘ findet sich eine für die­sen Kontext angemessene Bestimmung. Emphase-Momente verlaufen wider den systemtheoreti­schen Sinnbegriff, und Luhmann sucht seine Position zu verteidigen, wenn er sagt: „Unausweichlich bleibt daher das Problem, die Aktualität des Erlebens mit der Transzendenz seiner anderen Möglich­keiten zu integrieren, und unausweichlich auch die Form der Erlebnisverarbeitung, die dies leistet. Sie nennen wir Sinn. Es gibt demnach kein sinnloses Erleben.“

Systemtheoretisch verstandene Sinnlosigkeiten in Momenten der Emphase formuliert Luhmann um als „Herstellung von Erstaunlich­keiten.“ Wenn mithin ‚systemtheoretische Sinnlosigkeit‘ als ‚erstaunlicher Sinn‘ verstanden wer­den kann, dann ist bewiesen, dass es Sinn gibt, der den Sinnbegriff der Systemtheorie transzendiert – diesen Sinn nennen wir das Geistige [lat.:‚logos‘, griech. ’nous‘].

Zudem impliziert Luhmanns Formulierung, „die sinngebende Unterscheidung von Aktualität und Po­tentialität tritt auf der Seite des Aktuellen in sich selbst wieder ein; denn aktuell kann nur sein, was auch möglich ist“, dass es ausgeschlossen sei, ein sinnvolles Ereignis anzunehmen, das nicht in einen offenen Möglichkeitsraum verweist. Mit dem ‚logos‘ wurde jedoch genau dieses Ereignis vor­gestellt. Mit Eintreten des ‚logos‘ tritt die Unterscheidung von Aktualität und Potentialität auf der Seite der Möglichkeit aus sich selbst wieder aus [wir können dies im Sinne Frankls Selbsttranszendie­rung nennen].

Der durch den ‚logos‘ eintretende Sinn lässt sich offenkundig durch den regulären systemtheoretischen Sinnbegriff nicht abdecken, dieser Sinn ist es jedoch, der für die Krisen in der Lebenswelt eines Menschen zugänglich bleibt, in denen es keinen Verweis auf andere Möglichkeiten gibt und in denen es zudem nicht geboten ist, dem Anspruch an Bewältigung der Situation durch ein Ausweichen in ein zum Beispiel lust- oder machtbetontes Lebensterrain zu begegnen. Eine derartig geprägte Situ­ation, für die der Mensch kommunikativ nicht präpariert ist, entzieht sich funktional ausdifferenzier­ten, pseudohaft absichernden Sinnangeboten. Im Gegenteil, eine solche Situation bedingt einen Zugang zu einem unverzichtbaren Sinn, der es ermöglicht, die durch die Krise obsolet gewordenen Selbstbeschreibungen aufzulösen und neue entwickeln zu helfen.

Krisentheorie quo vadis

Wer meint, dass die letzten umbruchartigen Jahrzehnte die Wissenschaft aufgerufen hätte, eine theoretische Weiterentwicklung des Krisenverständnisses vorzunehmen, sieht sich vor einem großen leeren Blatt. In den 90er Jahren war es zuletzt Ciompi, der Aspekte der damals aktuellen Chaostheorie auf das Phänomen ‚Krise‘ legte – nicht zuletzt, weil beide Perspektiven auf nicht-lineare Entwicklungssprünge hinweisen, die Unberechenbarkeit quasi den Kern der Sache auszeichnet.

Damit war es aber auch schon vorbei mit der Krisentheorieforschung. Die meisten Publikationen betreffen seither thematisch differenzierte Krisensituationen, Krisenanlässe, Kriseninterventionen und Krisenberatungen. Unser eigener Forschungsschwerpunkt liegt im Themenfeld der ‚individuellen Krisenprävention‘ [womit wir nicht Vorsorge oder Versicherung meinen], in dem es bislang keinen nennenswerten Vorstoß gab und für das wir ab 2017 mit unserem Angebot Life2Me eine praktische Konkretisierung vorlegen werden.

Krisenberatungsarbeit für unmittelbar betroffene Menschen adressiert vorrangig das Thema ‚Bewältigung‘ [neudeutsch: Coping]. Wenn Menschen Krisen meistern wollen, dann brauchen sie dazu Ressourcen, die sie aber gerade dann nicht haben oder von denen sie nicht wissen, dass sie sie haben. Da dieser Mangel ‚gefühlt‘ wird, entsteht in der Folge ein Defizit an Zuversicht und Wirkkraft. Gestärkt wird ein solcher Mensch insbesondere dadurch, dass über das zu Bewältigende besonnen, klärend, strukturierend und Einsichten öffnend gesprochen wird. Das Ziel der Prozessarbeit besteht darin, von Mal zu Mal einen neuen Zustand zu bewirken, in dem der Mensch eine weitere Verbesserung seiner Situation psychisch oder physisch erwartet. Dazu tragen konkrete Schritte der Komplexitätsreduktion ebenso bei wie die Unterstützung beim Aufbau oder bei der Ansprache des sozialen Netzes. Die Bandbreite der zu vollziehenden Handlungen bemisst sich an den je individuellen Voraussetzungen, der Belastungsstärke und auch der Bereitschaft, sich überhaupt unterstützen zu lassen. Das Vorgehen in der Krisenberatung ist daher äußerst flexibel den Umständen anzupassen. Betroffene sollten wissen: Krisenintervention ist abhängig von der Institution, die sie anbietet – seien es therapeutische, karitative, seelsorgerische oder andere Anbieter. Es ist daher sehr ratsam, sich im Klaren darüber zu werden, wer wie helfen sollte, würde eine nicht mehr selbst unter Kontrolle zu bringende Belastungssituation eintreten. Diese Recherche-Zeit ist gut investiert, wir wissen das, weil wir die andere Seite kennen: Menschen, die sich anvertrauten und zum Teil nur mit viel Glück die passenden Ansprechpartner fanden oder eben auch Menschen, die sich nicht gut aufgehoben fühlten.

Schöpferischer Prozess in Krisen

Für Verena Kast fordert eine Krise den Betroffenen heraus, neue Wege zu ihrer Überwindung zu gehen. Es braucht Kreativität, einen ’schöpferischen Prozess‘, der nach ihr in vier Phasen verläuft:
 
► die Vorbereitungsphase
► die Inkubationsphase
► die Einsichtsphase
► die Verifikationsphase
 

In der Vorbereitungsphase findet eine Material- und Ideensammlung statt, um die eingetretene SItuation einem neuen Betrachtungswinkel zuzuführen. Der Betroffene empfindet eine starke Spannung, das Alte muss aufgegeben werden, das Neue ist noch nicht in Sicht. 

Die Inkubationsphase steigert den Druck weiter. Die Situation nimmt immer mehr Raum im Denken und Fühlen ein. Erste Lösungswege werden wieder verworfen, die Lage scheint aussichtslos, der Betroffene empfindet eine starke Rat- und Hilflosigkeit. Das Gefühl der Minderwertigkeit, Frustration oder Inkompetenz vermengt sich mit wachsender Nervosität.
 
Die Einsichtsphase bringt endlich Erkenntnisse, wie sich die Situation neu strukturieren und in handhabbare Einzelschritte zerlegen lässt. Der Betroffene ist bereit zu neuen Verhaltensweisen, eine spürbare Erleichterung ist wahrnehmbar. 
 
In der hochkonzentrierten Verifikationsphase werden schließlich die neu gewonnenen Erkenntnisse in konkreten Handlungen geführt, deren Tauglichkeit geprüft und die SItuation ‚im neuen Licht‘ kommuniziert.