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Krisenmotor ‚Langeweile‘

„Der gelangweilte Mensch, der nicht Positives erleben kann, hat dennoch eine Möglichkeit, Intensität zu erleben, indem er zerstörerisch wird.“

Was hier Erich Fromm als Phänomen zur Begründung von Zerstörung heranzieht – wir können diesen Begriff sicher weiterfassen und auch Gewalt ergänzen oder den Versuch, Kinder und Jugendliche durch anonyme Internetangebote zu schädigen. Oder destruktive Beziehungsgestaltungen wie Mobbing, Bossing, Staffing u.a. Oder die leidigen Versuche, Menschen mit Heilsversprechungen zu ködern [wie wir sie zum Beispiel von betrügerischen Schneeballkonzepten kennen]. Oder womöglich sogar die Formen des Mitläufer-Terrorismus. All das, was Fromm heute nennen würde, wird bei Frankl pointiert in Begriffen wie ‚provisorische Daseinshaltung‘, ‚fatalistische Lebenseinstellung‘, ‚kollektivistisches Denken‘ oder ‚Fanatismus‘.

Mit klarer Meinung stellt sich Frankl vor Zeitgenossen, die unter freiwilligem Verzicht auf die ihnen gegebene Freiheit bei gleichzeitiger Verneinung ihrer geistigen Mündigkeit ihre erlebten Sinnlosigkeitsgefühle zum Schaden anderer ausleben. Menschen mit dieser Haltung verstehen ihr Dasein als Provisorium, wertlos, nicht selbstverantwortlich gestaltbar. Ohne Hoffnung und konstruktiven ‚Lebensbiss‘ verfallen sie dem Erstbesten, der ihnen vorgaukelt zu wissen, was gut für sie ist, was sie brauchen, um einen Zipfel vom Glück zu erhaschen. Einmal in diese Lebensfalle gegangen, geben sie sich komplett ab, werden von ihren ‚Wirts-Tieren‘ in Besitz genommen, seelisch ausgeweidet und geben dabei das meiste preis, ohne dabei jedoch das Wesentliche verlieren zu können: die potenzielle Wiederbesinnung auf ihre eigenen Werte und deren gewissenhafte Verwirklichung. Diese Verantwortung werden sie nicht los, so sehr sie es vielleicht auch versuchen.

Im kleinen und vermutlich von jedem Menschen bei wachem Blick in seinem Umfeld zu beobachtenden Maß, sehen wir Menschen, die sich eingerichtet haben in einem Leben, in dem sie versuchen, sich ‚ihre Zeit totzuschlagen‘. Die sich vergeuden in ihrer Ziellosigkeit und sich dafür ihrer Passivität und ihrer Ausrichtung auf basale Bedürfnisbefriedigung hingeben. Die darauf warten, dass sich die Lage um sie herum zu ihrem Wohl verbessert, nicht erkennend, dass sie mit dieser Haltung ihre eigenen Zukunftsängste selbst nur noch vergrößern – eben, weil die Grenzen der ‚Wohlfahrt‘ immer enger werden, die Sensibilität für wahre Bedürftigkeit in der Gesellschaft stark gestiegen ist, die ausbeutbaren Quellen immer schneller versiegen und letztlich die Strategie nicht mehr aufgeht, ‚auf Kosten von‘ dahinzuvegetieren. Und selbst der verzweifelte Versuch, in schlauen Ratgeberbüchern das ‚Rezept für Sinn‘ zu finden, scheitert. Irgendwann – hoffentlich – erkennt der durch Sinnleere gezeichnete und gelangweilte Mensch, dass am Ende nur seine eigene Verantwortung steht, in seiner Freiheit ‚für etwas‘ zu sein.