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Die Kunst, sich selbst zu leben

Wie Sie es auch nennen wollen, ob Lebenskunst, techné, ars vitae oder ars vivendi – allemal meint Lebenskunst ein wertebewusst geführtes Leben und damit die Kunst, in einer Beziehung zum eigenen Selbst zu stehen und zu wissen, wie man mit sich selbst umgeht.

Aber es mutet schon seltsam an, wenn man sich fragt, wie man zu sich selbst in Beziehung steht. Braucht es nicht immer mindestens zwei in einer Beziehung? In der psychologischen Tradition findet sich oftmals das Tandem „Ich“ und „Selbst“, manchmal auch das „Denkende Ich“ und das „Fühlende Selbst“. In der von uns vertretenen Sinntheorie sehen wir auch das „Original des Selbst im Kind“ und den „Typus des Ich im Erwachsenen“. Das Selbst ist für uns mit Geburt gegeben. Frankl: „Der Mensch ist mit Geburt Person.“ Wenn er mit Geburt Person [per-sonare: durchtönen] ist, was tönt dann durch? Das dem neugeborenen Kind Selbstverständliche, sein Original – letztlich die sich in seinem Verhalten originär zeigenden Werte.

Über die Zeit seiner Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen macht der Mensch eine Werte-Entwicklung durch. Er erfährt Erosionen seiner originären Werte, weil Eltern und Umwelt andere für angemessener erachten. Nach und nach kann so der Mensch die Beziehung zu sich selbst verlieren. Empfindet dies der Mensch, so äußert sich dies oft im Wunsch, wieder ’selbst-ständig‘ werden zu wollen. Ständig dem eigenen Selbst zu entsprechen bedingt, sich der originären Werte und ihrer Entwicklung bewusst zu werden. Dies nennen wir „Selbstbewusstheit“.

Das bewusst gemachte Selbst spendet dem ‚Ich‘ Orientierung. Es ermöglicht dem Ich eine besondere Form der Freiheit, nämlich die Freiheit, sich für etwas oder jemanden hinzugeben, der man gerade nicht selbst ist. Ist sich das Selbst seiner ’sicher‘, ist es sich ‚vertraut‘, dann ist das Fundament gelegt, in der Welt das sehen zu können, was wir in der Logotherapie unter ‚Sinn‘ verstehen. Will ein Mensch diese besondere Form der Freiheit erlangen, dann ist die Bedingung, an das ‚Ich‘, dass es lernt, wie das ‚Selbst‘ das Leben bisher geführt hat und was sich das ‚Selbst‘-verständlich machen muss, um notwendige Veränderungen im Leben einleiten zu können.

Warum kein Therapeut der Welt einem diese Arbeit ‚abnehmen‘ kann:

  • Selbst ist alles, was unweigerlich nicht Sache eines anderen ist. Selbstaufklärung können andere Menschen für einen selbst nicht leisten.
  • Selbst dann, wenn man von sich selbst absehen will, braucht es dieses ‚Selbst‘. Das, was zur ‚Selbst-Distanzierung‘ beiträgt, ist das ‚Ich‘. An das ‚Ich‘ wendet sich der Therapeut.
  • Es ist absurd, davon auszugehen, dass ein ‚Ich‘ ohne ein ‚Selbst‘ sein kann. Und umgekehrt. Als Therapeuten unterstützen wir daher ein ‚Ich‘ darin, ‚Selbstkenntnis‘ aufzubauen.
  • Nur man selbst kann sagen, wie man zum Ich geworden ist. Und wer man im nächsten Moment geworden sein will.

Die Methode der Wahl in diesem therapeutischen Spannungsfeld zwischen Freiheit und Verantwortung ist die Logotherapie oder eine auf ihr basierende Beratung.