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Sinnorientierte Geisteshaltung

Es ist mal wieder Zeit für etwas Frankl. 

In Frankls Menschenbild steht der freie Wille im Zentrum. Wir sind zwar nicht frei von allerlei Bedingungen, die unser Leben mitbestimmen, aber wir sind frei zu unendlich Vielem, was uns ermöglicht, uns immer wieder neu nach bestem Wissen und Gewissen für bestimmte Handlungs- oder Sichtweisen zu entscheiden. Jeder Mensch hat zwischen ‚Reiz‘ und ‚Reaktion‘ einen Raum, einen Freiraum, einen Gestaltungsspielraum, den er selbst bei unabänderlichen Belastungs- oder Krisensituationen behält. 

Die Suche nach Sinn ist die stetige Grundmotivation des Menschen. Mehr noch als nach Lust oder Macht strebt der Mensch nach Sinn. Eigentlich ist die menschliche Motivation dort am stärksten, wo der Mensch Sinnvolles bewirken kann. Jedoch – zuweilen behält die Psyche des Menschen die Oberhand über das Geschehen, und er entscheidet sich für Sinnwidriges, Sinnleeres, Sinnloses. Diese geistlosen Phasen sind jedem Menschen zuzusprechen, auch sie zeichnen Menschsein aus. Aber im Kern will jeder Mensch für eine Aufgabe einstehen und-oder zumindest einen Menschen lieben oder für ihn gut sein. Wird dieser Wille zum Sinn dauerhaft frustriert, entstehen Stress, Gefühle der Wertlosigkeit und vielfach letztlich Aggression, Sucht, Depression, Lethargie oder Apathie. 

Den Sinn des Lebens kann sich ein Mensch nicht machen, auch gibt es ihn nicht auf Rezept. Aber er ist da und wartet darauf, [wieder] gefunden zu werden. Manchmal haben ihn Menschen auch längst gefunden, merken es nur nicht. Eine Ursache dafür liegt häufig in einer wenig ausgeprägten Selbstsicherheit oder in einem geringen Selbstvertrauen. Wie auch immer – jedes Leben behält seinen Sinn und hält Sinn bereit, selbst wenn er in einer verzweifelten Lebensphase nicht mehr gespürt wird.  

Die Freiheit des Willens bedingt, dass jeder Mensch Verantwortung für sein  Leben und die Art und Weise hat, wie und wofür er leben und sich entscheiden will. Wie er auf die Fragen antworten will, die ihm sein Leben stellt.   

Leisten, lieben, leiden – das sind die drei großen Werteverwirklichungsbereiche für jeden Menschen. Schöpferische Werte zu verwirklichen führen hin zum Leisten. Erlebniswerte wie Schönheit, Anmut, Harmonie, Ästhetik, Naturverbundenheit, Zuneigung u.a. zu verwirklichen, führen hin zum Lieben. Und letztlich sind es Einstellungswerte, mit denen ein Mensch auch bei existenziellen Abschieden in seinem Leben trotz allem Sinn findet. Sie zu verwirklichen ist ein Fähigkeitsbeweis hin zum Leiden.

Sinn des Leids

Leid und Sinn – das geht doch nicht zusammen. Die Ansicht ist weitverbreitet, und fraglos ist es nicht sinnvoll, dass ein Mensch leidet. Jedoch, wenn er leidet, dann gibt es trotz allem einen Sinn. Direkt ein Beispiel: Ein Arzt kehrt von einem Ebola-Einsatz zurück, leider selbst infiziert. Seine Versorgung ist in Deutschland bestens, dennoch ist sein Zustand ernst. Trotz seines Leids achtet er darauf, dass er seine Umgebung nicht schädigt. Und so handelt er entschlossen als er eine Undichtigkeit an seinem Bett auf seiner Isolierstation entdeckt.

Seine Einstellung, andere Menschen zu schützen, stand in dieser Situation über dem eigenen Leid. An sich kennt jeder Mensch eine Fülle solcher Ereignisse in seinem Umfeld oder aus Erzählungen, ein guter Grund also, davon auszugehen, dass jedem Menschen auch in schwierigster Lage der Zugang zum Sinn nicht versperrt ist.

Das logotherapeutische Gespräch mit leidenden Menschen wird daher stets darauf achten, der betroffenen Person hohe Achtung auszusprechen, wenn sie mit ihrer aufrechten Einstellung das aktuelle Leid behandelt und diesem seinen rechten Platz im eigenen Leben zuweist. Es zeigt sich immer wieder, das ein solches Feedback dem betroffenen Mensch mehr Aufschub leistet als ein Trost oder ein geäußertes Mitgefühl.

Sanft gilt es dann herauszuschälen, worin die womöglich sogar „guten Seiten“ liegen könnten, die sich aus der eingetretenen Situation ergeben. Meist kann ein Außenstehender wie ein Therapeut oder Seelsorger dieses „Doch-Positive“ besser erkennen.

Natürlich gilt es ferner, den Betroffenen über die Werte zu stabilisieren, die bei allem Leid erhalten bleiben und zur Verwirklichung einladen. Die Würdigung der Werte, die eingedenk der leidvollen Lage nicht mehr ihren Beitrag zur Sinnfindung leisten können, es aber im Leben des Menschen oft taten, darf nicht vergessen werden.