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Diagnose Corona und dann …

Gestern gesund, heute das Ergebnis: positiv. Vielen Menschen ist es bisher so ergangen, und über 110.000 haben bis heute die Diagnose Corona sogar nicht überlebt. Erst vor wenigen Tagen starben bei uns in Augsburg zwei Männer im Alter von Anfang 30 und Anfang 40 Jahren.

Am Anfang der Diagnose steht häufig zuerst ein Schock. Was passiert nun, was passiert in mir nun? Quarantäne, massive Erkrankung, Krankenhaus, Ansteckung anderer durch mich…? Das geordnete Leben hat einen Dämpfer bekommen. Unvorbereitet wird man mit einer Lebenssituation konfrontiert, die deutlich von der Norm abweicht. Erlernte Reaktionsmuster funktionieren nicht, ebenso wenig Verteidigungsburgen oder andere Verdrängungsmechanismen. Einige wenige schaffen es zwar, selbst schwerkrank noch zu behaupten, das Virus sei nicht existent – eben weil es nicht existent sein darf. Oder sie behaupten, nach einer Genesung müsse man sich nicht impfen lassen, weil man doch nun genügend eigenen Schutz aufgebaut habe – was leider nicht auf Dauer gilt. Die panische Angst vor Verlust des persönlichen Freiraums und der Selbstkontrolle treibt diese Betroffenen in paranoide Denkmuster und in eine ‚implizite Leugnung‘ des Geschehens. Was aber geleugnet wird, wird uneingestanden als ‚gegeben‘ angesehen – das ist das Wesen der Leugnung und so hebelt sich die ‚Argumentation‘ der Leugner von alleine aus.

Bei empathischer, vielleicht auch angemessen humorvoller Begleitung des Betroffenen kann es aber gelingen, dass er die Weichen noch rechtzeitig stellt, um einen Abbruch der Krisenverarbeitung mit Tendenz zu nach und nach sich vollziehender sozialer Isolierung zu verhindern. Dies seitens des Betroffenen zu schaffen, nötigt durchaus Respekt ab, denn für ihn bedeutet die Wahrheitseinsicht nun die Gewissheit des Verlustes einer bislang recht teuer bezahlten Minderung individueller Lebensqualität. Schafft er den Sprung jedoch nicht und setzt die Leugnung fort, dann wird dies häufig begleitet mit einem „Ja, aber das kann doch nicht sein, dass … ?“ und einem Grundton der Überzeugung, dass doch der andere Teil der Gesellschaft ‚auf dem Schlauch stünde‘ und seinerseits in die Irre laufe. Mit dieser Einstellung gewinnt der Betroffene jenseits seiner ‚Blase‘ keine weiteren Anhänger, was es umso wichtiger werden lässt, mit ihm das Gespräch über die unabweisbare Gewissheit des Erkrankungsgeschehens und der Wirkung des Impfschutzes weiterhin zu führen. Allerdings: Die Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft des Betroffenen selbst. Entzieht er sich dem klärenden Gespräch, entsagt er wissenschaftlicher Wahrheit und empirischer Erkenntnis, dann kann er sich längerwährender Zuwendung anderer Menschen nicht mehr gewiss sein. Kommt es jedoch zu einem gelingenden Perspektivenwechsel, so zeigen die Erfahrungen aus den letzten Monaten, dann kann sich die Bewusstwerdung der eigenen Irrgedanken zu einer Aggressivität gegen die eigene Person auswachsen. „Warum musste gerade ich mich derart verrennen…?“.

Wird gegen diese Selbstabwertung durch das menschliche Umfeld des Betroffenen nicht positiv angesprochen oder wird die Person durch seine Peergroup in Frage gestellt, dann können diese  feindlichen Äußerungen den Sog in die Isolierung oder in die Resignation verstärken. Als häufig gewählter ‚Ausweg‘ wird nun durch den Betroffenen die Strategie eingeschlagen, vom ihm positiv gesinnten Umfeld eine Art bedingungslose Zuwendung zu erwarten: „Wenn ich mich nun schon habe impfen lassen, dann erwarte ich nun aber auch, dass ich von Euch wieder gemocht werde“.

An diesem Punkt angekommen wird manchem Betroffenen irgendwann bewusst, dass einst vorschnelles selbstgerechtes und egozentriertes Beharren auf einer Irrmeinung nun zu einer Art ,Ausverkauf der Würde‘ mutiert ist. Umso wichtiger ist es nun, die Umlenkung von Meinungen in vernunftbasierte Einsichten zu erhalten und den Betroffenen dabei zu unterstützen, sich der positiven Wirkung seiner Neuausrichtung gewahr zu bleiben – auch, wenn dies im Kontext womöglich ihn kritisierender Personen seines privaten Umfelds sehr schwerfallen mag. Der selbstgefasste Entschluss, mit der neuen individuellen Einstellung zu leben, setzt Kräfte frei, die bisher im Kampf gegen sie eingesetzt wurden.

Wenn Viktor Frankl einst wusste, dass kein Mensch ohne Bedingungen ist, aber stets frei und verantwortlich ist, sich so oder so zu diesen Bedingungen zu stellen, dann wird im Coronakontext deutlich, wie anstrengend es sein kann, sich vom einen ’so‘ zum anderen ’so‘ zu wenden. Jedoch: unmöglich ist es nicht, täglich beweisen Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen ihre Vernunftbegabung.