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Krankheitskrisen und Sinnfindung

Wenn wir Menschen in unserer Praxis begrüßen, die über ein unabänderliches körperli­ches Leiden berichten, folgen wir dem sinntherapeutischen Prinzip, nicht als Therapeut eine seelische Krankheit zu behandeln, sondern als Mensch einen anderen Menschen therapeutisch zu unterstützen, der eine Erkrankung hat. Dem körperlich Erkrankten wird geistiger Halt vermittelt, der ihn vor Verzweiflung bewahrt, sein Gemüt stärkt und positive Gefühle heraufreguliert, um ihm über diese grundsätzliche Verbesserung zu ermöglichen, Sinn zu finden trotz körperlicher und psychischer Last. 

Mütter ahnen diese Zusammenhänge instinktiv und lesen zum Beispiel ihren kranken Kindern lustige Geschichten vor, um sie bei Laune zu halten. Im Erwach­senendasein bleibt die Affektlage im Prinzip jedoch nur dann positiv, wenn der Erkrankte seine Existenz trotz der Krankheit als sinnvoll erlebt. Ein Indiz dafür, dass ein Mensch dies tut, lässt sich erkennen, wenn der betroffene Mensch den Humor nicht verliert. Wie oft erleben wir es, dass uns unsere Gesprächspartner mit einem frechen Witz oder munteren Anekdoten zum Lachen bringen, und das, obwohl es ihnen schwer ums Herz ist. Was sich in solchen Situationen Bahn bricht ist das, was wir ‚geistige Dimension‘ nennen.

Anders als in vielen Denktraditionen, die den Menschen reduzieren auf Körper und Psyche und geistige Prozesse ihrerseits noch einmal reduzieren auf Gehirnaktivitäten (und diese dann wiederum als Körperliches und/oder Psychisches interpretieren), sieht die Logotherapie den Menschen ausgestattet mit einer dritten Dimension, mit der des Geistes. Diese Dimension wird nicht vererbt, sie ist anders als das mit der Zeugung übertragene psychophysisch-genetische Substrat, die absolut einzigartig-originäre Potenz, mit der ein Mensch als Person sich ihrer körperlichen und psychischen Grundlagen bedient, um ihr Leben auf ihre Art zu gestalten.

Will man wissenschaftlich nachweisen, dass es eine solche dritte Dimension gibt, dann braucht es eine besondere Konstellation einer menschlichen Lebenssituation. Mit dem 1966 geborenen Iren Christopher Nolan, der seit seiner Geburt spastisch gelähmt und völlig stumm ist, ist eine solche Lebenssituation gegeben. Nolan ist nicht in der Lage, einfachste, verlässlich abrufbare Bewegungen durchzuführen. Mittels eines am Kopf befestigten Stabes versucht er durch Nicken, die Tasten der Schreibmaschine zu treffen und dies erschwert durch Krämpfe und Verspannungen, die ihm alle  Willenskraft abfordert, will er einem ihm wichtigen Gedanken festhalten.

Mit seinem autobiographischen Roman „Unter dem Auge der Uhr“ erzählt er die Geschichte einer Behinderung eines Mannes, der nie einen Dialog geführt hat, der seine Sprache nie zuvor erproben konnte, dessen Weltwahrnehmung einzig auf Hören und Sehen reduziert ist. Reduzierten wir diese Person auf seine körperliche [extrem behinderte] Dimension oder auf seine durch Ängste, Schmerz und Leid geprägte psychische Dimension, bliebe nichts weiter als ein Opfer der Umstände, als ein Mensch mit hartem Schicksal.  Die freie geistige Stellungnahme und Leistung, die ihm trotz körperlicher Behinderung und seelischer Frustration sogar zu einem angesehenen Literaturpreis verhalf, enthüllt eine Haltung, die von keinerlei äußeren oder inneren Ursachen mehr ableitbar ist, sondern in der Freiheit des Menschen schlechthin gründet. Die geistige Freiheit des Menschen ist es, die es ihm ermöglichte, in der Behinderung, trotz der Behinderung und durch sie hindurch seinem Leben einen Sinn abzuringen.

Geistiges steht daher für unsere therapeutische Arbeit über dem körperlich-organischen Geschehen. Die Trotzmacht des Geistes, wie Viktor Frankl diese besondere Dimension nennt, wirkt selbst dann, wenn Körper und Psyché jegliche Wirkungsbereitschaft von Außen und oberflächlich betrachtet unmöglich erscheinen lassen.

Es gibt eine freie Stellungnahme, die sich freilich im Rahmen des individuell Mögli­chen vollzieht. Was einem möglich ist, ist dem anderen nicht möglich, denn jeder ist eben auf seine Weise Individuum, aber jeder kann unter seinen Möglichkeiten sich für diejenigen entscheiden, die für ihn, gemäß seiner Situation, am sinnvollsten sind.

Zu Ende gedacht bedeutet dies: Ist der psychophysische Organismus — das Instrument der geistigen Person — schwer krank oder behindert, kann sich die geistige Person nicht (oder kaum oder nur sehr schwach) ausdrücken, aber sie ist unversehrt da. Denn: Die geistige Person kann nicht erkranken, sie ist jenseits von Krankheit und Tod [Frankl]. In ihr ist die Würde des Menschen begründet. Eine Erkrankung kommt nur an den psychophysischen Organismus heran und eine medizinische Behand­lung richtet sich primär auf die ‚Reparatur‘ dieses kranken Organismus. Die Trotzmacht des Geistes anzusprechen, ist nun die Aufgabe der Logotherapie. Sie rückt das Erhaltene ins Zentrum der therapeutischen Begleitung und verhilft dem Menschen zu erkennen, was  ihm noch offensteht und welche Aufgabe des Lebens mit diesem Unversehrten zu erfüllen gilt. Christopher Nolan hat diese Aufgabe angenommen und wenn man ein wenig um sich herumschaut, dann weiß man: nicht nur er ….

Wenn die Krisenfalle zuschnappt

Wenn bewährte Handlungswege, die bisher Kontrolle, Kraft, Sicherheit oder auch Würde ‚garantierten‘ gerade dann und unerwartet nicht mehr wirken, wenn sie am dringendsten benötigt werden, dann fühlen sich Menschen meist inkompetent, schwach, hilflos und ausgeliefert. Die ohnehin schwierige Lage wird noch bedrohlicher und als gefährlich empfunden. Steigt nun der selbstgemachte Handlungsdruck, so steigt in der Folge auch das Ohnmachtserleben [denn wäre dies nicht so, dann hätte die Person ‚lediglich‘ ein Problem, das mit den vorhandenen ‚Bordmitteln‘ offenbar gelöst werden könnte].

Es ist also ‚psycho-logisch‘, dass Kampf [in Form extremer Hektik] eine ungünstige Intervention darstellt. Ihre mangelhafte Wirkung führt im nächsten Schritt zu Gegenreaktionen der Flucht, der Vermeidung oder der Leugnung. Da auch diese ‚Strategie‘ misslingt, erstarrt die Person [in Form des ‚einfach-nicht-wahrhaben-Wollens‘, der Bewegungsarmut, der Unterwerfung an die vermeintlich unlösbare Situation].

Diese Eskalation wird begleitet durch den berühmten Tunnelblick, die Flutung mit Affekten wie der
Angst, Wut oder Niedergeschlagenheit und durch Abspaltung oder Verdrängung des Erlebens. Dem jetzt hohen Grad der Konfusion begegnen Menschen mit [Auto]-Aggression, um das Gefühl der Handlungskontrolle wiederzuerlangen. Dies jedoch auch nicht ohne Folge, denn nun stellen sich Schuldgefühle ein, da die Aggression womöglich gerade die Menschen vergrault hat, deren Unterstützung so wichtig ist. Das Risiko steigernder Suizidalität ist gegeben, allemal aber die Gefahr, dass sich das kontraproduktive Verhaltensmuster automatisiert, der Betroffene wie in Trance seine Impulskontrolle verliert. Es ist klar, dass in einem solchen Zustand Selbststeuerung, Planung oder die Klärung wichtiger Entscheidungen kaum mehr alleine möglich wird. Aber auch die externe Unterstützung, die dem Betroffenen hilft, eine neue Zielrichtung einzuschlagen, muss sich gewahr bleiben, dass ein neues Ziel nunmehr als ‚in Form gegossene Bedrohung‘ angesehen werden kann. Dann nämlich, wenn neben der Minderung der Selbststeuerung die Person sich zusätzlich fremdbestimmt [z.B. durch Ärzte, Banken, Familienmitglieder …] erlebt.

All diese psychischen Prozesse führen parallel [siehe bei Viktor Frankl die Aussagen zum ‚psycho-physischen Parallelismus] zu körperlicher Symptomatik wie: Hypertonie, erhöhter Herzfrequenz, Problemen mit der Atmung, der Körperkoordination, einem veränderten Muskeltonus, Hormonschwankungen, Hyperkinetik u.a.

Denkempfehlung: Wenn Sie von einer Krisensituation betroffen werden, dann versuchen Sie, die Haltung einzunehmen, dass nicht das Ereignis selbst die Situation zur Krise macht, sondern einzig die Art, wie Sie sie verarbeiten. Wenn Sie für sich klarhaben, dass ihre bestehenden Muster nicht geeignet sind, der Situation zu begegnen, dann ist Ihnen damit automatisch auch klar, dass nur [Denk-, Verhaltens-, Kommunikations …]-Muster, die Sie selbst neu anlegen und immer wieder – und damit verstärkend – einsetzen, einen Ausweg ermöglichen.

Unterstützung von außen muss darin bestehen, Sie zur Entwicklung dieser Muster an bestehende Ressourcen und Bedürfnisse wieder rückzubinden und damit der Aktivierung sogenannter negativer ‚Ego states‘ [wie sie sich in Selbstvorwürfen, Selbstwertminderungen … äußern] entgegenzuwirken.
Anmerkung: Diese persönlichen Entwicklungsschritte lassen sich auch präventiv gehen, mit deutlich geringerem Zeit- und Kostenaufwand als mitten in einer Krise.

Die drei Seinsschichten

Alles Leibliche zählt zur somatischen Dimension. Zu ihr gehören das organische Zellgeschehen und die biologisch-physiologischen Körperfunktionen. Die psychische Dimension des Menschen umfasst die Kognitionen und Emotionen, die Sphäre seiner Befindlichkeit, seine Gestimmtheit, (Trieb-)Gefühle, Instinkte, Begierden und Affekte. Hierzu gehören auch intellektuelle Fähigkeiten, Verhaltensmuster  und soziale Prägungen.

Intentionalität, Schöpferisches, Ethisches und Werteverständnis repräsentieren die geistige Dimension. Auch die Fähigkeit, sich auf ein ‚Göttliches‘ zu beziehen sowie das Vermögen der selbstlosen, nicht berechnenden Hingabe findet sich in dieser Seinsschicht.

Mit dem Geistigen vermag der Mensch, zu seiner körperlichen und psychischen Befindlichkeit
‚so oder so‘ Stellung zu nehmen, und über diese geistige Stellungnahme auch seinen psychophysischen Zustand ein Stück weit zu steuern. Für die sinnzentrierte Psychotherapie, das sinnzentrierte Coaching und die sinnzentrierte Pädagogik und Andragogik stellt diese geistige Dimension die eigentliche dar.

Die somatische und die psychische Dimension werden im sog. ‚Psychophysikum‘ zusammengefasst.
Sie werden dynamisch betrachtet und als psychophysischer Parallelismus bezeichnet. Sie sind so gleichgeschaltet, so innig miteinander verbunden, dass ein somatischer Vorgang auch in der Psyche
einen parallelen Vorgang auslöst – und umgekehrt. So kann ein Hungergefühl, wenn es lange andauert, zu Frustration führen. Ein Trauergefühl kann körperliche Reaktionen auslösen
(zugeschnürte Kehle, Schlafstörung, körperliche Kraftlosigkeit). In der somatischen und psychischen Dimension ähnelt der Mensch weitestgehend dem höher entwickelten Tier.

Über das Psychophysikum vermag sich einzig das Geistige zu erheben und sich mit der körperlichen und psychischen Seinsschicht auseinander zu setzen. In dieser Auseinandersetzung, in der sich das Geistige gegenüber der Beständigkeit des Psychophysikums hinweg setzt und Stellung bezieht, zeigt sich die besondere Gabe des Geistigen, ein ‚es hat mich‘ in ein ‚ich habe es‘ umzumünzen.

Diese Gabe des Geistigen, der so genannte ‚noo-psychische Antagonismus‘, ist eine der wesentlichen Säulen der Sinntheorie Frankls. Sie ermöglicht es dem Menschen, sich über bestimmte störende Protagonisten oder Begebenheiten (zum Beispiel psychische Frustration, Gefühle der Minderwertigkeit, Angst, Zwang, depressive Stimmungen) zu erheben und sich von diesen zu distanzieren.