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Schutzfaktor ‚Lebensstil‘

Der Schutzfaktor ‚Lebensstil‘ gewann mit Aufkommen verschiedener Zivilisationskrankheiten an Bedeutung. Durch  Forschungen in den 60er Jahre fand man u.a. heraus, dass die Abnahme von der Sterblichkeit nach Herzinfarkt weniger an einer verbesserten medizinischen Versorgung lag als an  Änderungen des Lebensstils [Ernährung, Ruhezeiten, Sport, … und auch die Reflexion der Lebensziele]. Wer nicht nur versucht, nicht krank zu werden, sondern vielmehr bestrebt ist, sich gesund zu erhalten, wird nicht umhinkommen, eine individuelle Kunst der Lebensführung zu entwickeln, die sich integrativ aus der aktiven Gestaltung der Umweltbedingungen, einem besseren Gleichgewicht zwischen Anstrengung und Muße, dem Beachten der Körperpflege, dem bewussten  Umgang mit Gefühlen und Kreativität, einer gesunde Ernährung und – für uns zentral – einer Klärung der eigenen Werte zusammensetzt.

Schutzfaktor ‚Denkstil‘

Das Konzept des positiven Denkstils nimmt an, dass Situationen durch mentale Prozesse positiv verändert werden können. Dabei werden bei der Beurteilung einer Situation Verallgemeinerungen vermieden und unterschiedliche Situationsgegebenheiten berücksichtigt. Durch einen positiven Denkstil wird das Selbstwertgefühl erhöht und Energien werden leichter für die Bewältigung von Problemen freigesetzt. Ein dauerhaft positiver Denkstil, der auch durch Misserfolge oder Krisen nicht im Kern beeinträchtigt wird, weist auf eine hoffnungsvolle Lebenseinstellung hin.

In Krisensituationen geraten Menschen – bewusst oder unbewusst – in einen Selbstbewertungsprozess, in dem sie eine Reihe von Situations-, Handlungs- und Ergebniseinschätzungen vornehmen, bei denen sie sich fragen, was wohl geschieht, wenn sie ihre gegenwärtigen Bemühungen fortsetzen. Personen mit einer optimistischen Lebenseinstellung haben ihre positiven Ergebniserwartungen auf viele unterschiedliche Situationen generalisiert und vertrauen auf den für die jeweilige Situation bestmöglichen Ausgang.

Das Konzept des positiven Denkens ist sehr populär, doch finden sich in vielen Studien darüber keine Aussagen, ob die Dinge sich von allein – im Sinne von „Glück haben“ – positiv entwickeln  oder ob eine Person selbst ihr Schicksal kontrollieren und durch eigene Anstrengung in eine für sie positive Richtung verändern kann. Würden sich die Dinge von allein entwickeln, dann handelte es  um blindes Vertrauen, einer für die Bewältigung von Krisen eher hinderlichen Eigenschaft.

Schutzfaktor ‚Widerstandsfähigkeit‘

Das Konzept der ‚Widerstandsfähigkeit‘ wird verstanden als Produkt aus Kontrolle, Commitment und Herausforderung. Neben der bereits beschriebenen ‚Kontrollüberzeugung‘ wird mit Comitment ein  Aspekt ergänzt, der gerade im Berufskontext von großer Bedeutung ist: das Gefühl nämlich, sich mit den Ereignissen, Dingen und Personen der eigenen Umwelt zu identifizieren und sie als wichtig zu erleben. Hinzu kommt der zweite Aspekt ‚Herausforderung‘, mit der die Überzeugung einer Person verstanden wird, das Veränderungen im Leben normal, nicht per se bedrohlich und  entwicklungsgerichtet sind. Eine widerstandsfähige Person zeichnet sich nunmehr dadurch aus, das eigene Handeln zu verantworten, Stress eher als Herausforderung zu erleben und die Dinge zielstrebig sowie mit der Überzeugung ihrer Kontrollierbarkeit bewusst anzugehen.

War in Studien zu diesem Schutzfaktor das Merkmal ‚Widerstandsfähigkeit‘ hoch ausgeprägt, dann zeigten die Probanden trotz hoher Stressbelastung eine geringere Krankheitsanfälligkeit. Nach diesen Ergebnissen scheint dieser Faktor die Effekte kritischer Lebensereignisse auf die Gesundheit zu reduzieren. Dies wohl, weil Probleme weniger diffus wahrgenommen, schneller erfolgreiche Lösungsstrategien gefunden und Anspannungen unter Belastungen eher positiv reguliert werden.

Anmerkung: Was diesen wie alle anderen Erkenntnissen über Schutzfaktoren zueigen ist: Es bleibt unklar, in welcher Weise Prägungen durch Eltern und-oder Umwelt oder die originäre Wertewelt des Kindes die Entwicklung dieser Faktoren begünstigt. Weithin finden sich in der Debatte jedoch eher lerntheoretisch fundierte Begründungen für den Aufbau von Schutzfaktoren. Dies erscheint uns aus sinntheoretischer Perspektive jedoch deutlich zu reaktiv und reduzierend gedacht.

Nimmt man hingegen den Menschen in seiner Werdung so an, wie es Viktor Frankl tut, wenn er bemerkt: „Der Mensch ist mit Geburt Person“, dann können wir dies so weiterdenken: Das neugeborene Kind ist eine Person, noch ohne externe Prägungen [Einschärfungen, Sanktionen, Zuschreibungen, erfahrene Handlungen Dritter …] und mit einem originären Wesenskern versehen. Dieser Wesenskern, das ’neugeborene Selbst‘ verinnerlicht Werte. Durch diese originären Werte hindurch tönt das Kind durch [per-sonare = durchtönen] und verhält sich seinen Werten entsprechend. Das neugeborene Kind ist daher in unserem Verständnis per se ’selbstresilient‘, da originär wertebewusst. Seine charakteristische Resilienz wird durch Prägungsprozesse seiner Umwelt mit ihren Erwartungen an das ‚So-Sein des Kindes‘ erschüttert, die Selbstresilienz erodiert, Lernprozesse setzen ein, um Facetten der verlorengegangenen Selbstresilienz auszugleichen. Diese Ausgleiche formen sich a la longue entweder zu Schutzfaktoren [ergo zu Persönlichkeitsmerkmalen, die mit dem Original nichts mehr zu tun haben] oder zu geistig-existenziellen Erkrankungen [wenn also weder die Schutzfaktoren entwickelt werden können, noch der Betroffene einen Weg entdeckt, der ihm seinen originären Wesenskern wieder nahebringt]. Einzig die Logotherapie verfügt über einen solch humanistisch-ganzheitlichen Zugang zur Betrachtung des Menschen und über den Mut, den Menschen als mehr zu denken als ein Wesen, das wurde, weil es geprägt wurde.

Schutzfaktor ‚Arbeitsbedingungen‘

Arbeitsbedingungen und ihre Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden von Arbeitern wurden bereits in den 1920er Jahren thematisiert. Eine wissenschaftliche Betrachtung der Verbindung von beruflicher Arbeit und Gesundheit begann dann im Kotext der Arbeits- bzw. Lebenszufriedenheit, Lebensqualität sowie seelischer Gesundheit erst in den 80er-Jahren. Darauf, dass  gesundheitsförderliche Faktoren aus einer Arbeitstätigkeit hervorgehen, wenn man ihren Einfluss auf die Finanzierung des Lebensunterhaltes einmal ausgeklammert, hat zwar Viktor Frankl und in siner Folge insbesondere Walter Böckmann längst vor empirischen Analysen  herausgearbeitet. 1987 wurde dies in der Meaning of Work Studie des International Research Teams bestätigt. Hier geben 66 – 80% der befragten Personen an, das sie auf freiwilliger Basis trotz finanzieller Unabhängigkeit weiter arbeiten würden. Als Begründungen wurden angeführt, aus der Arbeitstätigkeit resultierten positive Gefühle [z.B. durch die soziale und fachliche Anerkennung von Vorgesetzten und Kollegen], Freude über eine erbrachte Arbeitsleistung sowie ein allgemein gesteigertes Wohlbefinden. Ein Einfluss der Arbeit auf Gesundheit und Wohlbefinden eines Menschen erscheint unmittelbar einsichtig, da nach verschiedenen Befragungsergebnissen eine berufliche Tätigkeit für die Mehrzahl der Erwachsenen zu den wichtigsten Lebensinhalten überhaupt zählt. Diese hohe persönliche Relevanz bringt es mit sich, dass die berufliche Arbeit sowohl zu einem bedeutsamen Stressor, als auch zu einem unverzichtbaren, sinnstiftenden Lebensinhalt und damit zu einem Schutzfaktor für die Gesundheit werden kann.

Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen, die Szenarien hinsichtlich der Entwicklung von Berufen eingedenk zunehmender Digitalisierung und der auch ohne eigene Arbeitsleistung gegebene zunehmende Wohlstand der jungen Generation wird neue Erkenntnisse darüber bringen, ob der Schutzfaktor ‚Arbeitsbedingungen‘ weiterhin von Menschen als solcher angesehen wird. Wenn das Herausfallen aus heutiger Sicht klassischen Arbeitsmodellen nicht mehr dazu führt, dass Menschen ohne Arbeit sich diskreditiert fühlen oder die Sorge haben, Freunde, Nachbarn oder Bekannte würden einen als nicht vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ansehen, nur weil man keiner Erwerbstätigkeit in klassischen Formaten nachgeht, dann wird spannend zu beobachten sein, welche Schutzfaktoren es dann verstärkt braucht, um das Förderliche der  ‚Arbeitsbedingungen‘ auszugleichen.

Bezieht man sich jedoch auf die noch gegenwärtig breit anzutreffenden Arbeitsmodelle und findet ein Mensch Sinn in seiner aktuellen oder künftigen beruflichen Tätigkeit, dann entwickelt er

– motivationstheoretisch betrachtet Bedürfnisse [in Form von Wünschen und Zielen). Das zentrale Kriterium für die individuelle Arbeitszufriedenheit sind dabei die Bedingungen am Arbeitsplatz
– kompetenztheoretisch die Erwartung an eine Übereinstimmung von arbeitsbezogenen Anforderungen und individuellen Kompetenzen
– passungstheoretisch eine Kombination aus beidem: Gesundheit resultiert demzufolge aus einer guten Passung zwischen einem Menschen mit bestimmten Kompetenzen und Bedürfnissen einerseits und der Umwelt mit ihren Anforderungen und Angeboten [z.B. Sozialkontakte, Abwechslung] andererseits.

Untersuchungen zu den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit zeigen deutliche Belege für eine Beeinträchtigung der Gesundheit und des Wohlbefindens vieler Betroffener: Es konnten negative Effekte sowohl auf die physische als auch auf die psychische Gesundheit [wie z.B. Depression, Hoffnungslosigkeit, allgemeiner Kontrollverlust, Hilflosigkeit, Suizidalität, Passivität, Resignation, Pessimismus und verringertes Selbstbewusstsein[ nachgewiesen werden .

Schutzfaktor ‚Selbstwirksamkeitserwartung‘

Die Selbstwirksamkeitserwartung beschreibt die Überzeugung einer Person, das sie durch ihr eigenes Verhalten Einfluss auf ihre Gesunderhaltung ausüben kann. Jede Erfahrung, die ein Mensch in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt lernend macht, erweitert sein Spektrum möglicher neuer Verhaltensweisen. Als Verstärker dienen in diesen Situationen sowohl externe Quellen, insbesondere die Anerkennung oder Kritik von glaubwürdigen Personen oder das Erreichen von Zielen, das auch von Dritten wahrgenommen wird. Noch kräftiger wirkt hingegen die Selbstverstärkung, die Fähigkeit also, sich selbst bewerten und gezielt regulieren zu können.

Davon überzeugt zu sein, auch in unerwarteten Situationen zu wissen, wie sich zu verhalten ist oder die Haltung, dass kein Problem so schwierig sein kann, dass sich eine Lösung findet oder auch sich erinnern zu können, dass man im Leben schon so manche Kuh vom Eis gebracht hat, sind Signale positiver Selbstwirksamkeitserwartung. Wichtig dabei ist, dass diese Erwartung nicht an eng gefasste Situationen geknüpft ist, sondern der Ausgang grundsätzlich jedes Ereignisses zuerst einmal positiv-konstruktiv angeschaut und mit einer Handlungsorientierung versehen wird.

Aus sinnzentrierter Sicht sehen wir in unserer Begleitung von Menschen die Selbstwirksamkeit dann als besonders gegeben an, wenn ein Mensch fühlt, seine Werte verwirklichen zu können. Ein Mensch findet Sinn im Leben, wenn er dies kann. Die Bedingung ist, die eigenen Werte zu kennen und sie von denen differenzieren zu können, die einem im Zuge der Prägung durch Eltern und Umwelt auf den Lebensweg mitgegeben wurden. Wir können eine solche Werteanalyse leisten und erleben immer wieder diesen besonderen Glücksmoment, wenn Menschen mit einem Mal den Zugang zu ihrem Wesenskern gefunden haben und erkennen, wofür sie selbst im Leben stehen und einstehen.

Die Erwartung, auch in einer problematischen Situation in der Lage zu sein, effektives Verhalten zu zeigen, bildet einen wichtigen kognitiven und motivationalen Faktor, dieses Verhalten auch umzusetzen. Das Ziel therapeutischer Interventionen im Krisenkontext besteht darin, die Selbstwirksamkeitserwartung zu erhöhen [oder präventiv, zum Beispiel im Rahmen unseres Angebots Life2Me, zu verbessern].

Empirische Untersuchungen haben gezeigt, das die verhaltensspezifische Selbstwirksamkeitserwartung bei der Bewältigung von Alltagsstress, dem Umgang mit Schmerzen, der Entwöhnung von Abhängigkeiten sowie dem Aufbau von Gesundheitsverhaltensweisen eine zentrale Rolle spielt. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung sind eher in der Lage, Risikoverhaltensweisen abzubauen und gesundheitsförderliches Verhalten über längere Zeit aufrechtzuerhalten, sofern sie erst einmal von der Notwendigkeit überzeugt sind und einen festen Entschluss gefasst haben.

Schutzfaktor ‚Kontrollüberzeugung‘

Zu der Bedeutung von Schutzfaktoren wurden in jüngster Zeit viele Forschungsergebnisse vorgelegt, die verdeutlichen, das verschiedene Persönlichkeitsmerkmale Krankheit und Gesundheit beeinflussen und Hinweise auf individuelle Bewältigungs- und Handlungsmöglichkeiten geben können. Als zentrale Faktoren werden dabei heute genannt:

• Kontrollüberzeugung („Locus of Control“)
• Widerstandsfähigkeit („Hardiness“)
• Selbstwirksamkeitserwartung
• Optimismus
• Kohärenzsinn („Sense of Coherence“).

Der Begriff „Kontrollüberzeugung“ hat sich als Übersetzung für den Terminus „Locus of control of reinforcement“ durchgesetzt, der von Rotter im Rahmen seiner sozialen Lerntheorie geprägt wurde. Rotter differenziert dabei zwischen einer internalen und einer externalen Kontrollüberzeugung, also entweder einer Erwartung, durch eigenes Verhalten wichtige Ereignisse im Leben kontrollieren zu können oder aber der Auffassung zu sein, das eigene Schicksal als durch äußere Faktoren beeinflusst anzusehen.

In Krisen entwickeln Menschen mit externaler Kontrollüberzeugung eher Angst und Depression,  Stresserleben und Krankheitsverlauf werden negativ beeinflusst. Eine internale Kontrollüberzeugung hingegen wirkt stressmildernd und die Person bleibt eher in ihrer soziale Umwelt aktiv und übernimmt Verantwortung, insbesondere auch für die eigene Gesundheit.