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Das Geistige des Menschen im Vollzug

Wenn wir die genetische Ausstattung des Menschen anschauen und sie mit der der Tiere vergleichen, so müssen wir anerkennen, dass wir sooo weit nicht entfernt sind von Affe, Schwein oder Maus. Schauen wir jedoch auf die noetische [geistige] Ausstattung, dann zeigen sich insbesondere zwei spezifisch humane und zudem unverlierbare Fähigkeiten: Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz. Was meint das?

Im Kern besagen beide Fähigkeiten, dass ein Mensch in der Lage ist, aus einem reinen Zweck’wissen‘ in ein Sinn’gewissen‘ überzugehen. Die Selbstdistanzierung ist für diesen Prozess die notwendige Bedingung. Die Selbsttranszendenz der unbewusste Vollzug.

Ein Beispiel: Ein Student ist in seine Arbeit vertieft, seine nächste Klausur liegt vor ihm und es gibt noch einiges, was zu lernen ist. Er will diese Arbeit mit einer guten Note abschließen, denn sie ermöglicht es ihm, den nächsten Studienabschnitt zu beginnen. Der Student nimmt wahr, was er noch zu lernen hat, er nimmt wahr, wo er noch nicht sattelfest ist. Und er handelt. Er sitzt und liest und schreibt und liest erneut und und und – sein Handeln erfüllt einen Zweck, sie ist zweck-dienlich. Die Psyche des Studenten signalisiert emotional Stress oder Lust, kognitiv kommt er zum Schluss: ‚das habe ich begriffen‘ oder ‚das ist noch unbegreiflich‘. So geht die Arbeit eine Weile weiter.

Plötzlich klopft es energisch an die Tür, draußen steht ein Mitstudent, der sich offensichtlich arg verletzt hat. Blut tropft aus einer klaffenden Wunde. Unverzüglich fährt der Student seinen Kommilitonen zum Arzt, wartet, bis dieser versorgt wurde und bringt ihn wieder wohlbehalten nach Hause. Von dem, was der Student bis eben noch an sich ’selbst‘ wollte, hatte er sich für eine Weile distanziert, dieser Aspekt rückte ’selbst-vergessen‘ in den Hintergrund. Das, was mit dem Klopfen des Kommilitonen an die Tür begann, kann als ‚Sinn-Funke‘ interpretiert werden. Blitzschnell übernimmt das Geistige ‚das Ruder‘, denn es steht nun eine ‚Frage‘ im Raum, für die der Student ‚die Antwort ist‘. Indem er sich dem Sinnvollen hingibt und etwas für jemanden tut, der nicht er selbst ist, ‚transzendiert‘ sich sein Selbst.

Mit der Selbstdistanzierung unternimmt der Student also quasi zuerst einen ‚einen Schritt zurück‘ von seiner zweckdienlichen Absicht und Handlung. Er ‚ex-sistiert‘, tritt aus seinem Psychischen heraus und vollzieht sinnfindend das Geistige — übrigens, ein Vorgang, der sich vermutlich täglich unbewusst in jedem Menschen irgendwo und irgendwann vollzieht. Denn Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz sind zutiefst menschlich. Diese Fähigkeit zu kultivieren, stellt aus unserer Sicht einen bedeutenden Aspekt individueller Krisenprävention dar. An anderer Stelle haben wir dazu berichtet.

Die Distanz des Selbst zu sich selbst

Nein sagen zu können, sich zurücknehmen, sich in Geduld zu üben, eine Nacht über etwas schlafen … – all dies sind Fähigkeiten der Psyche, die dazu dienen, sich in Balance zu halten, befriedigende Beziehungen zu gestalten oder ausgewogene Entscheidungen zu treffen.

Eine darüber hinausreichende Besonderheit des Geistigen besteht darin, dass sich Menschen von äußeren und inneren Umständen zu distanzieren vermögen. „Der Mensch kann von sich abrücken, er kann sich gegenübertreten, ja er kann sich sogar entgegentreten, wenn es notwendig ist, und dieses Sich-selbst-Gegenübertreten muß keineswegs immer nur in einer heroischen Weise erfolgen, sondern es kann auch in einer ironischen Weise zustande kommen. Der Humor ist deshalb eine spezifisch menschliche Fähigkeit, weil er voraussetzt, daß der Mensch lachen kann, und zwar auch über sich selbst lachen kann, über seine eigenen Ängste lachen kann.“ [Frankl: ‚Im Anfang war der Sinn‘]

Bei dieser Form der Selbstdistanzierung bezieht der Mensch einerseits zu seinen psychischen oder körperlichen Bedingtheiten Stellung. So kann er zum Beispiel trotz Schmerzen, Ängsten, Stimmungschwankungen, Stress u.a. einen guten Beitrag zum Beispiel für das Gemeinwohl, eine andere Person oder zur Erledigung einer wichtigen Aufgabe leisten. Zum anderen kann ein Mensch selbstdistanzierend zu dem Teil seines Wertesystems gegenüber Stellung beziehen, das in der gegebenen Situation womöglich nicht sinnerfüllte Entscheidungen, Handlungen oder Verhaltensweisen bewirken würde. Beispielsweise kann eine Person die Verbundenheit zu einem Freund in Frage stellen, wenn dieser seiner Frau auf respektlose Weise begegnet. Würde er sich vom Wert der Freundschaft in dieser konkreten Situation nicht distanzieren, bestünde das Risiko, dass er wider seines Gewissens handelte. Die Fähigkeit also, jederzeit eine Stellung zu den Gegebenheiten und auch zu eigenen Werten einnehmen zu können, zeichnet den Menschen als Menschen aus.

„Der Mensch ist das einzige Wesen,
das seinem Kellner das Trinkgeld vorenthalten kann.“
Woody Allen

Der Mensch ist ein Wesen, das zu den Trieben immer auch nein sagen kann […] Sofern er Triebe bejaht, geschieht dies immer erst auf dem Wege einer Identifizierung mit ihnen. […] Während sich der Mensch mit den Trieben jeweils erst identifizieren muß, […] ist das Tier mit seinen Trieben identisch. Der Mensch hat Triebe — das Tier ‚ist‘ seine Triebe. Was der Mensch demgegenüber ‚ist‘, ist seine Freiheit.“
Viktor E. Frankl