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Semmelweis und Krisenbewältigung?

Als der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis eine Verbindung zwischen dem verstärkten Auftreten von Kindbettfieber und der Hygiene von Ärzten und Klinikpersonal herstellte, fand er damit nicht gerade Freunde unter seinesgleichen – im Gegenteil, er wurde als Schwätzer verleumndet, seine Ansichten verstießen gegen gängige Meinungen. Dass heutige Hygienevorschriften auf sein Beharrungsvermögen zurückgehen und seine Studie eine erste evidenzbasierte Fallbeschreibung war, blieb lange Zeit ohne Würdigung.Wie Semmelweis, so erging es vielen anderen Wissenschaflern, die Zusammenhänge herstellten, die ihrem Umfeld als absurd erschienen, sich dann jedoch als tragfähige Konzepte erwiesen. Zuerst reagiert man abweisend im Sinne des nach ihm benannten Semmelweis-Reflexes, dann erweisen sich erste nachweisbare Erfolge als ‚Zufall‘ und erst viel später erkennt die Welt den wahren Wert einer bislang ungewohnten Gedankenkonstruktion.

Dass wir in der Krisentherapie die Sinntheorie Viktor Frankls heranziehen und dort mit Aspekten des Geistigen des Menschen, seinem Sinnorgan – dem Gewissen – oder der Trotzmacht arbeiten, gilt weithin ebenfalls als ungewöhnlich in der Begleitung schwer belasteter Menschen. Da wir jedoch mit dem dahinter stehenden zukunftszugewandten, herzlichen aber auch fordernden Menschenbild im Einklang stehen, gelingt der Transfer des theoretisch Neuen in die konkrete Krisenbewältigungsarbeit. Ohne Stabilisierungs-Psychopharmaka, ohne Hyperreflexion, ohne Schuldzuschreibungen.