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Kann man sich selbst los werden?

Ich gebe es zu, es hat Phasen in meinem Therapeutenleben gegeben, in der ich diesen Teil von mir gern los geworden wäre: Therapeut sein und immer wieder erklären, wie Frankl den Menschen sieht, wie wir Sinn verstehen, warum ich den Menschen als sinnstrebend ansehe, warum Krisenprävention so wichtig ist und immer wieder: Probleme anhören, von Abgründen erfahren, sich Situationen schildern lassen, die mich staunen lassen, was Menschen zu tragen in der Lage sind.

Dann geht es los. Diagnosen stellen, Fragen stellen und etwas in Frage stellen, klären, zum Perspektivenwechsel ermuntern und ermutigen. Rückfälle aushalten, neuen Anlauf nehmen. Das hat schon einige Male richtig an Kräften, Nerven und Geduld gezehrt. Und dann die Frage, wenn nicht diese Aufgabe, welche sonst wäre wohl besser für mich? Irgendwann bin ich auf Stadtgärtner gekommen. Da wäre ich draußen, müsste kaum reden, hätte wenig Stress, sähe am Ende des Tages, was ich geschafft habe, Verantwortung? Sicher weniger als Therapeuten, Busfahrer, Kindergärtner oder Leiter von Kernkraftwerken. Chef, Ämter, Dokumente, Computer? Kaum – mein Ding wären Baumsäge, Rosendünger, Grünschnitt-Deponie.

Gärtnerleben – ein Leben mit größerer Zufriedenheit? Noch einmal nachgedacht wird mir klar, egal welche berufliche Rolle ein Mensch ausübt: Es ist weniger die Frage wichtig, ob dieser oder jener Beruf zufrieden macht. Wichtiger ist, wie ein Mensch grundsätzlich zufrieden ist? Und als ich mir diese Frage vorlegte war mir klar, dass ich dann grundsätzlich zufrieden bin, wenn ich einen Beitrag leisten kann dafür, dass Menschen sich nicht verfehlen. Das kann ich zwar auch in der Natur, wenn ich als Gärtner Wege so anlege, dass Menschen an ihr Ziel kommen. Oder als Lehrer, wenn ich Wissen so aufbereite, dass Menschen mögliche Entwicklungschancen nicht verfehlen. Diese Rollen können erbauend sein – und anstrengend. Und doch: beide Rollen gehen nicht aufs Ganze. Das Ganze besteht für mich darin, dafür zu arbeiten, dass der Mensch sich nicht verfehlt. Das lohnt alle Anstrengung. Und die Form, in der dieser Inhalt möglich ist, heißt nun einmal nicht Gärtner.