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Wanted: Sinnlehre statt Sinnleere

Erschöpft – entkräftet – aufgezehrt: eine Krise kostet Energie und raubt nicht selten Lebensfreude und Mut. Die einzige Quelle, um jetzt den Menschen sich wieder aufrichten und ausrichten zu lassen, ist der Sinn. Keine Lust, kein Spaß, kein Trost, kein Ziel, auch kein Denken im Kreis schaffen es letztlich, eine Krise zu überwinden. Allein neu gefundener Sinn kann diesen Beitrag leisten.

So wundert es nicht, dass eine menschliche Begleitung durch Krisencoaching oder eine therapeutische Krisenintervention nach einer ersten Phase der vertrauensvollen Zuwendung und Stabilisierung möglichst rasch das Gespräch auf den Sinn lenkt, den zu erfüllen auf jeden Menschen und zu jeder Zeit wartet. Auch und vor allem dann, wenn dies der Mensch kaum glauben kann.

Viktor Frankl hat mit seiner Sinntheorie, die durchaus als die bedeutendste Motivationslehre angesehen werden kann, die Grundlagen für diesen Zugang gelegt. Umso erstaunlicher ist es, dass Frankls Wissen nur sehr langsam Einzug hält selbst da, wo man so oft meint, bereits alle Ressourcen zu kennen, die es braucht, um voranzukommen: In der Wirtschaft.

Alle Weisheit ist langsam

Frage ich die Teilnehmer meiner Trainings, so kennen Frankl und die Grundpfeiler seines Gedankenguts kaum mehr als fünf Prozent und nur von fünf Führungskräften insgesamt habe ich in den letzten zwanzig Jahren berichtet bekommen, dass sie ihr Handeln auf der Basis der Sinnlehre Frankls ausrichten. Andererseits suchen Führungskräfte permanent nach Wegen besserer Führung, Motivation und Zielerfüllung – und viele sind erstaunt, dass sie das Füllhorn-Wissen ganzer Trainerhorden nicht wirklich weiterbringt.

Frankl und Management? An deutschen Universitäten kein Thema. Diplomanden gewinnen, damit sie eine Arbeit im Kontext der Sinnlehre schreiben? Das ist selbst für Studierende der Psychologie ein Problem – seit über 15 Jahren biete ich die Betreuung von Diplom- und Doktor-Arbeiten an. Bis auf ganz wenige erfreuliche Ausnahmen wurde das Interesse der Studenten bereits in ihren ersten Gesprächen mit ihren wissenschaftlichen Betreuern ausgeknockt – meist genannter Grund: Frankl kenne ich nicht, also kann ich Ihre Arbeit nicht betreuen, denn um mich in dieses Thema einzulesen, fehlt mir die Zeit.

So erleben wir also weiterhin die Vergeudung von Unsummen an Zeit und Geld, Unwissenheit über die tiefen Qualitäten in Frankls Werk und Unzulänglichkeiten in der Vermittlung oder im oftmals wenig qualifizierten Anwenden der Kernaspekte der sinnzentrierten Denk- und Arbeitsweise.

Frankls Buch „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“ hatte schon 1993 eine weltweite Auflage von rund zehn Millionen erreicht, es gehört auch heute zu den zehn einflussreichsten Büchern. Jedoch, in Deutschland braucht es noch einen langen Atem, bis Viktor Frankl durch entsprechende Integration in die Ausbildung von Studierenden und darüber dann auch in Management, Therapie u.a. die Aufmerksamkeit erfährt, die für die Herausforderungen der Zeit längst erforderlich wäre.

Denken wir an den gesellschaftlichen Rechtsruck, Völkerwanderungen aus Kriegsgebieten, Glaubwürdigkeitsdefizite in Topmanagement-Etagen, Entwertung des Geldes, Grexits-Brexits-Euroexits-Debatten, Überalterung und vieles mehr, was auf den Einzelnen mal mehr mal weniger direkt durchschlägt, so wird klar, warum dies plus die alltäglichen Individuallasten plus der weithin niedrige Stellenwert von Kirche, Familie oder tiefen gepflegten Freundschaftsbeziehungen zu einer  Lebenslage führt, die nach mehr verlangt als nach populistischem Tamtam. Jeder Einzelne wird heute bei aller Freiheit, deren Schatz zu verteidigen ist, zur Verantwortung aufgerufen, sich selbst Sinn-Orientierung zu verschaffen. Ohne den Einsatz von ausreichend Zeit zur Selbstaufklärung und einer Bewusstwerdung individueller Wertmaßstäbe ist eine solche Orientierung und damit eine wirkliche Motivationsquelle, um auch Krisen zu bestehen, jedoch nicht zu haben. Ohne herauszuarbeiten, wer man werden kann, bleibt jeder Mensch Spielball derer, die meinen zu wissen, was man werden muss. Das übrigens wird in vielen Firmen unter Motivation verstanden …

Menschenbild in der Sinnlehre Viktor Frankls – Frankl und Scheler

Der Mensch hat im Vergleich zum Tier eine eigene ‚sinnhafte Binnen­struktur‘, in denen er Taten mit einer autonomen Gesetzlichkeit [mit einem freien Willen] vollziehen kann. Ein Tier vermag er  nicht, einen Wert einem anderen Wert gegenüber zu präferieren – ein Mensch sehr wohl, er kann sogar die Erhaltung und Verwirklichung eines Wertes wie dem der Würde dem höchsten Lebenswert, der Erhaltung des eigenen Daseins, vorziehen [die aktuelle Debatte um die aktive Sterbehilfe ist hierzu ein beredtes Beispiel].

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Menschenbild in der Sinnlehre Viktor Frankls – Frankl und Freud

Viktor Frankls Menschenbild ist geprägt von Geist, Sinn und der Freiheit gegenüber allen triebhaften Bindungen und der Freiheit des Geistes gegenüber der Natur. Für ihn kommt der Mensch in seinem Bezug zur Welt über sich selbst hinaus [er nennt dies Selbst-Transzendenz]. Damit kontert Frankls Konzept die zu seiner Zeit durch Sigmund Freud verbreitete Vorstellung, den Menschen zu einer triebhaften Sache machen zu können, vom Bild eines von seinen Trieben quasi ‚angebundenen Wesens‘.

„Das ausgehende 19. Jahrhundert und das beginnende 20. Jahrhundert haben das Bild des Menschen insofern völlig ver­zerrt dargestellt, als sie den Menschen vorwiegend in seiner vielfältigen Gebundenheit sehen ließen und damit in seiner vermeintlichen Ohnmacht gegenüber den Bindungen.“ Die Akzeptanz dieser ‚Ohn-Macht‘, die Überbetonung der menschlichen Triebfülle bei gleichzeitigem Ausblenden auch damals schon zu beobachtender Sinnleere vieler Menschen, mag Frankl nicht hinnehmen. Und ganz vehement kritisiert er deshalb Freud, der einen Menschen sogar als krank wähnt, der die Frage nach Sinn und Wert des Lebens stellt.

Parallel zum ‚gelehrten Nihilismus‘ wie Frankl die psychodynamisch-reduktionistische Auffassung Freuds ansah, so zeigt sich für ihn der tägliche ‚gelebte Nihilismus‘ durch das Krisenerleben des Menschen in Form einer inneren Leere, abgründigen Sinnlosigkeit, dem Verlust von Instinktsicherheit, dem Entgleiten der Geborgenheit in Traditionen – förmlich dem Verlust der aus seiner Sicht ‚gesunden‘ Frage nach dem Sinn. Ein Verlust, der zudem dadurch in seiner Wirkung verstärkt wird, da „in der Wohlstands- und Überflussgesellschaft weite Bevölkerungsschichten zwar Geldmittel haben, aber keinen Lebenszweck; sie haben genug, wovon sie leben können, aber ihr Leben hat kein Wozu, eben keinen Sinn.“ [Frankl]