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Situationssinn

Wir verstehen in der KrisenPraxis unter Sinn eine „Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit“. Jede[!] Lebenssituation bietet dem Mensch die Möglichkeit einen einmaligen, unverwechselbaren Sinn zu verwirklichen. „Jeder Tag, jede Stunde wartet also mit einem neuen Sinn auf, und auf jeden Menschen wartet ein anderer Sinn. So gibt es einen Sinn für einen jeden, und für einen jeden gibt es einen besonderen Sinn. Aus alledem ergibt sich, daß der Sinn, um den es da geht, ebenso von Situation zu Situation wie von Person zu Person wechseln muß. Aber er ist allgegenwärtig. Es gibt keine Situation, in der das Leben aufhören würde, uns eine Sinnmöglichkeit anzubieten, und es gibt keine Person, für die das Leben nicht eine Aufgabe bereithielte.“ [Frankl]

Aber wie erkennt man, wenn man in einer Krise steckt, welche Sinnmöglichkeit es im Hier und Jetzt zu realisieren gilt? Vielleicht möchten Sie einmal einen kurzen Fall reflektieren:

Alleinerziehender Mann ohne jegliche Verwandtschaft oder Bezugspersonen verursacht aufgrund eines Reifenplatzers einen schweren Autounfall auf einer Landstraße. In seinem Wagen ist sein 8jähriger Sohn. Der Sohn bleibt unverletzt, beim Mann dringt beim Aufprall ein Glassplitter ins Hirn. Der Mann bleibt bei Bewusstsein, kommt ins Krankenhaus, wird dort versorgt und nach gelungener Stabilisierung erfährt er, dass es zu einer Gehirn-OP kommen muss, um das Glas zu entfernen. Diese OP kann tödlich verlaufen.
Beim Unfall wird einer Betroffenen aus einem anderen Fahrzeug ein Bein so schwer verletzt, dass es später amputiert werden muss. Ihre im Wagen mitfahrende Tochter wird getötet. Die Frau erholt sich gut von ihrer Verletzung. 
Beide, Mann und Frau, werden in derselben Klinik versorgt. Der Sohn verweilt in einem Gästezimmer der Klinik, wird kurz psychologisch betreut und kann dann am Schulunterricht wieder teilnehmen, worum sich eine Krankenschwester kümmert.