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„Es geht nicht mehr weiter …

… ich mache Schluss.“ Eine solche Ansage eines Menschen kommt nicht ohne Bremsweg daher. Wer der Meinung ist, seinem Leben ein Ende setzen zu müssen, hat eine quälende Zeit der Suche nach einem Ausweg, einer Lösung, einer Hilfe hinter sich. Dennoch: der allerletzte Schritt ist noch nicht gegangen, also kann die Suche auch noch etwas weitergehen.

Das Gefühl, das eigene Leben manchmal nicht mehr auszuhalten, ist real und normal. Gut, wenn ein Mensch darüber spricht. Gründe dafür gibt es zuhauf: das Wegbrechen aller möglichen identitätsstiftenden Lebensbereiche wird permanent diskutiert. So ist mittlerweile klar, dass sich jeder in seinem Beruf in den kommenden Jahren von gut einem Drittel der Aufgaben verabschieden wird, die heute noch zum Tagesgeschäft gehören – die Stichwort Digitalisierung und Beruf 4.0 seien hierfür genannt. Zudem erleben viele Menschen ihr Familiensystem als äußerst fragil, mancher Glaube hat durch menschenverachtendes Verhalten sogenannter Gottesdiener deutlich gelitten, die Unsicherheiten der Lebensqualität im Alter kommen hinzu oder das Gefühl, nicht mehr im eigenen Land zuhause zu sein oder aufgrund beruflichen Nomadentums keine wirklichen Freunde zu haben – wer heute nicht mindestens einen Lebensbereich hat, der sich durch einen Mangel an Lebensfreude auszeichnet, der darf sich wirklich glücklich schätzen.

Um aber das Risiko völliger Hoffnungslosigkeit zu mindern, setzen sich Menschen einem Druck der Selbstoptimierung aus, um sich attraktiv zu halten. Der Kampf ist aufgenommen. Der dekorierte Mensch, der etwas scheinen will, nimmt immer skurrilere Züge an. Umso grausamer wird es, wenn man trotz aller Mühe, aus sich jemanden zu machen, den andere doch wollen müssen, erkennt, dass dies alles eine riesige Illusion war. In Unternehmen finden sich immer wieder solche Beispiele. Jüngst ein Bereichsleiter, der sich für seine Firma nach eigenen Angaben und plausiblen Erklärungen über Jahren hinweg ein Bein ausriss, um sich dann durch eine chinesische Übernahme urplötzlich all seiner Zukunftsoptionen beraubt zu sehen. Für sein Unternehmen war damals eine Liebesbeziehung entzwei gegangen, geschweige denn von den unendlichen Tagen, die er im Ausland einsetzte, um spannende Projekte zu realisieren.

Im Krisencoaching oder – wenn die Selbststeuerungskräfte bereits arg am Boden liegen – in der therapeutischen Begleitung, finden sich immer öfter solcher Beispiele. Zwar hilft dabei das Erfahrungswissen des Therapeuten oder Coachs aus eigenen Umbrüchen und Niederlagen. Und auch die Kompetenz in der Krisenintervention ist eine große Stütze, wenn man einem Menschen in einer Krise Verständnis und Ruhe entgegenbringen will. Wenn aber der Klient bereits mental sein ‚Finale‘ eingeläutet hat und sein Gespräch mit Coach oder Therapeut als ultimative Bestätigung seines Vorhabens versteht, weil ‚wenn Sie mir auch nicht helfen können, dann ist klar, dass alles Pulver verschossen ist“, dann braucht es doch einiges mehr als den Leitsatz tausender Coachs, ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ zu bieten. Dann braucht es eine gute Infrastruktur, insbesondere Fachleute, die aus ihren jeweiligen Disziplinen bestmöglich Rat und Unterstützung geben können. Fühlt sich der Klient durch eine solche ‚konzertierte Aktion‘ beschützt, in der er mit seinem Gremium schlauer Köpfe an einem machbaren Weg aus der Krise arbeitet, dann zeigt sich immer wieder, wie schnell sich eine Endzeitstimmung in eine ‚Jetzt-erst-recht-Haltung‘ verändern kann.

Menschen in Krisen sei daher geraten: Sprechen Sie nur mit einem Coach oder einem Therapeuten, wenn dieser mit Ihnen zügig herausarbeitet, welche Kompetenzbereiche abgedeckt werden müssen, um zu einer spürbaren und schnellen Entlastung beizutragen.

Die Psychohygiene des Krisentherapeuten und Krisencoachs

Damit die Verarbeitung der Lebensthemen von Klienten und Patienten einen psychisch guten Verlauf nimmt, sollten Coachs und Therapeuten diese Reflexionen und Regulierungen einsetzen.

  • Wie belastbar ich zur Zeit, wie viele Krisen verkrafte ich? Wie nahe bin ich an einer Selbstüberforderung?
  • Wie und womit schalte ich ab? Nutze ich Stimmungsaufheller?
  • Welche Arbeitsbedingungen bedürfen einer Korrektur? (Belastungen, Terminfolgen, Wechsel von Tätigkeiten, Regulierung der Nähe-Distanz)
  • Mit welchen Arten von Krisen kann ich gut und weniger gut umgehen? Mit welchen Persönlichkeitsmerkmalen von Betroffenen kann ich besser, mit welchen weniger gut andocken?
  • Nutze ich Supervision? Permanent oder fallweise? Wie sind die Erfahrungen?
  • Nehme ich Themen der Patienten oder Klienten mit in Urlaub? Nehme ich Krisenliteratur mit?Dosiere ich angemessen? Spreche ich über die Krisenthemen mit Dritten?
  • Erhält mein Körper was er braucht? Ist mein Schlaf gut? Wechsel ich in der Freizeit die Themen? Achte ich darauf, dass Freunde mich nicht auf den Beruf reduzieren?
  • Arbeite ich in ästhetischer Umgebung, habe ich einen erfreuend gestalteten Arbeitsplatz?
  • Wie bewältige ich eigene Krisen?
  • Empfinde ich mich als resilient? Achte ich auf die eigene Krisenprävention im Kontext der möglichen Belastungen in der kommenden Lebensphase?

Wenn Therapie zur Krise führt

Immer mehr Menschen suchen psychotherapeutische Hilfe. Gut 5 Millionen werden es in diesem Jahr sein, die an ihren Ängsten, Selbstzweifeln, Zwängen und Depressionen arbeiten. Die meisten nehmen Hilfe in Therapien in Anspruch, die beihilfefähig sind, also in der Psychoanalyse oder Verhaltenstherapie. Vielfach gehen die Patienten dabei davon aus, dass die oder der von ihnen gewählte Therapeut[in] eine therapeutische Richtung vertritt, die der Problemstellung angemessen ist. Diese Vorstellung jedoch ist recht fatal. So wenig wie man mit einem Lungenproblem beim Orthopäden gut aufgehoben ist, so wenig passt eine Angstsymptomatik automatisch zu einem Verhaltenstherapeuten. Ist man jedoch froh, überhaupt einen Therapieplatz gefunden zu haben, dann mag man diesen Umstand verdrängen. Und ein Navigationssystem, das einem Menschen die Alternativen aufzeigt und damit Wahlmöglichkeiten eröffnet, ist leider auch nicht entwickelt. Ist der Mensch also psychisch belastet, dann kommt zu dieser Last auch noch die mangelnde Orientierung.

Bleibt also stets zu hoffen, dass kluge Menschen im Umfeld einer betroffenen Person aufmerksam die Symptome wahrnehmen und dann einen tieferen Blick in ‚den Markt‘ werfen. In unserer Praxis für sinnzentrierte Psychotherapie kommen so in aller Regel Menschen, die entweder weit vor ihren eigentlichen Beschwerden bereits von der Logotherapie gehört haben und sich nun an das Sinnkonzept von Viktor Frankl erinnern, oder aber hierzu von Familienmitgliedern, Freunden oder Bekannten angeregt wurden. Als humanistische Therapieform, die meist als Kurzzeittherapie angeboten wird, steht hier im Vordergrund, den Menschen auf den zu findenden Sinn im Leben neu auszurichten. Das ‚Gründeln‘ in der Vergangenheit wird in der originären Logotherapie nach Frankl zugunsten einer Arbeit am gelingenden Leben im Hier und Jetzt so weit wie möglich zurückgestellt.

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Balance zwischen Nähe und Distanz

„Wenn Du einen Menschen, der im Schlamm und Morast zu versinken droht, helfen willst und ihn heben möchtest und das ist Dir ein echtes Anliegen, so kannst Du nicht oben bleiben und ihm Deine Hand ausstrecken. Du musst zu ihm hinuntersteigen, ganz zu ihm gehen in den Schlamm und den Morast und dort beginnen. Dort muss Du ihm die Hand geben, eine starke Hand und Dich mit ihm zusammen hinaus in das Licht ziehen.“

Dieser Satz von Martin Buber macht deutlich, dass therapeutische Begleitung zwar einerseits professionelle Distanz erfordert – eine Verstrickung des Therapeuten in die krisenbewirkende Lebenswelt des Klienten ist nicht hilfreich. Andererseits darf die gegebene aktuelle Unversehrtheit des Therapeuten den Klienten nicht zusätzlich zu seinem ohnehin empfundenen Leid als Last erscheinen. Diese Gratwanderung ist stets situativ neu zu entscheiden.