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Psychokrisen von Organisationen

Organisationen werden von Menschen gemacht. Sind Menschen auch noch Inhaber ihrer Organisation, dann ist naheliegend anzunehmen, dass ihre eigenen Persönlichkeitsmerkmale über über die Wege der Kommunikation und Führung auf das Organisationsklima ‚durchschlagen‘. Gerade also in kleinen und mittleren Unternehmen lohnt sich der Blick auf die Kultur und die sie treibenden Führungs-Kräfte.

Die depressive Organisationskultur zeichnet sich durch Zurückgezogenheit, Mangel an Vertrauen und Zuversicht und Passivität aus. Eher ziellos ist in ihr ein fehlendes Interesse an dem, was auf den Märkten los ist, zu beobachten. Vielmehr befasst sich diese Organisation mit sich selbst und hyperreflektiert, warum man nicht weiterkommt, um dann im übertragenen Sinne ‚weh-leidig‘ mit sich intern umzugehen. Eine Strategie, die neue Wege ebnet, findet man nicht. Mitarbeitern, die Ideen in neue Richtungen entwickeln, werden daran ‚erinnert‘, dass das doch wegen so vieler Hindernisse alles nicht möglich sei. Veränderungsinitiativen werden im Keim erstickt. Am Ende eines solchen Weges vernichtet sich die Organisation selbst.

In der zwanghaften Organisation finden sich allerlei Rituale, sich wiederholende Prozesse, engmaschige Kontrollen, Symbole für Ordnung, gründliche Prüfungen, der Drang nach Vollständigkeit und detaillierter Information. Strategien haben weniger den Markt oder die Kunden im Fokus, vielmehr wird dem Innenleben der Organisation die Aufmerksamkeit geschenkt. Mitarbeiter mit einer Affinität zur Veränderung laufen hier regelmäßig gegen dicke Wände. Ohne Geduld und Ausdauer sind diese Bretter kaum zu bohren.

Noch mehr Kontrolle als in der zwanghaften Organisation wird in einer paranoiden angeboten. Hier wird man schnell verdächtigt und misstrauisch beäugt, wenn man Gedanken oder Handlungen äußert oder tätigt, die außerhalb der strengen Vorgaben liegen. Mehrstufige Budgetrunden mit exzessiven Absicherungsprozessen, ein bis ins Kleinste strukturierte Meldesystem – sei es hinsichtlich des Personals, der Kosten, der Projektplanung usw. – sind Kennzeichen dieser Organisation. SIcherheit und eher noch Angst vor Unsicherheit führen Diskussionen schnell in einen Bereich, wo Menschen, die dem System nicht angehören vermuten, gleich würde ein kapitaler Angriff auf diese Organisation bevorstehen, Innovation ist ein Antibegriff, lieber reagiert das System und rettet sich in Distanz, Tradition und Konvention.

Wer es spannender mag, der findet in der dramatischen Organisation eine hektische Umtriebigkeit, Hyperaktivität, Spontaneität, Verlust der Impulskontrolle, Hemmungslosigkeit. Jenseits der Realität flüchtet man sich in dieser Organisation in Verdächtigungen und Fantasien. Wer hier im Rampenlicht steht, der versucht, diesen Platz zu erhalten, mit Macht und allerlei psychologischen Spielchen. Wer sich diese Organisation mit wachem Blick von außen anschaut, der erkennt schnell die Energievergeudung, die darin besteht, dass sich diese Organisation ihr eigenes System schaffen will – immer im Irrglauben, das würde nicht erkannt und entlarvt. Narzisstisch werden Wachstumparolen verkündet, wobei in der ‚Tüte‘ der Organisation meist so wenig Substanz gefunden wird, dass man sich irgendwann nicht mehr darüber wundert, dass hier mehr auf Risiko gespielt und man hier Nachhaltigkeit oder Seriosität eher vergeblich findet.

Die schizoide Organisation zeigt sich durch Nicht-Führung. Irgendwie hat man das Gefühl, die Leitungsebene ist überhaupt nicht anwesend und auch nicht daran interessiert, was und wie es in ihrer Organisation zugeht. Schaut man hinter die Kulissen, dann findet sich die Sorge, dass Kooperation in welcher Form auch immer mehr Probleme als Fortschritt erbringen könnte. Also geht man nicht in die Offensive, übt sich in Understatement, Liebe zur Distanz und der Entschleunigung von Veränderungsinitiativen. Wer den Willen zum Wandel mitbringt, der fühlt sich eigenartig ausgebremst und kommunikativ im Regen stehen gelassen. Wer dagegen vorgeht, entwickelt irgendwann psycho-logisch eher die Angewohnheit, mehr an sich selbst als an die Organisation zu denken. Eigene Pfründe sichern lautet dann die Parole.

Sind diese ‚Überzeichnungen‘ nicht wahrnehmbar, dann balanciert sich die Organisation offenbar günstig aus und vermag leichter, den differenzierten Erwartungen aller relevanten Bezugsgruppen zu entsprechen. Wer sich über die neurotischen Auswüchse von Organisationen noch mehr informieren möchte, dem sei die Forschung von Kets de Vries & Coll. empfohlen.

Krise – höhere Mächte oder fehlende Selbstkultur?

Nach wie vielen Flugzeugabstürzen würden Sie wohl aufhören, zu fliegen? Experten der Risikominimierung interessieren sich für Antworten auf solche Fragen – im konkreten Fall auch deshalb, weil die Zahl der Flugbewegungen in den letzten Jahrzehnten massiv angestiegen ist, dies aber der Laie kaum wahrnimmt und rein subjektiv einen großen Unfall nicht ins Verhältnis des Gesamtaufkommens stellt. Würde man zum Beispiel einen einzigen Totalverlust eines Flugzeugs im Zeitraum von 100 Jahren akzeptabel finden, dann müsste die Lufthansa nach derzeitigem Stand 100 Millionen mal ein Flugzeug starten lassen, um wahrscheinlich diesen einen Unfall zu beklagen.

Jedes Unternehmen stellt sich die Frage, wie hoch die Unfallrate sein müsste, um die Existenz der Organisation absolut zu gefährden. Und Sie? Wie viele Krisen meinen Sie, dürfen Ihnen geschehen, um einen vollkommenen Zusammenbruch zu erleiden? Stellen wir unseren Klienten diese Frage, dann wird anfangs mit dem Faktor: ‚Schicksal‘ argumentiert. Man könne doch nicht alles vermeiden, und wenn höhere Mächte am Werk sind …?

Ähnlich wie in Organisationen nach einem eingetretenen Großschaden, nehmen sich auch Einzelpersonen kaum Zeit und Raum, das Geschehen daraufhin zu untersuchen, warum es eine derartig negative Wirkung auf das eigene Wohlergehen hat haben können. Werden Vorfälle in Unternehmen analysiert, dann achten beteiligte Personen vorrangig darauf, mögliche eigene Nachteile zu vermeiden. Gespräche über womöglich persönliche Schwächen, Unachtsamkeiten oder übersehene Mängel werden aus Angst vor existenziellen Folgen gemieden. Die Konsequenz ist, dass Unternehmen deutlich mehr in Sicherungs- und Absicherungssysteme investieren – ohne dabei die Sicherheit im Kern zu vergrößern, sondern [immerhin, wenn auch nicht mehr] den Zeitraum, in dem mit Wahrscheinlichkeit ein Vorfall geschehen wird.

Sind die Dokumentationen und Prozessabläufe auch noch so lückenlos beschrieben, die totale Sicherheit gibt es nicht. Werden Meldesysteme für Mitarbeiter, denen Fehler- und Gefahrenquellen jenseits ihres eigenen Aufgabenbereiches auffallen, noch so anonymisiert angeboten: Immer bleibt das berühmte Restrisiko, immer gibt es Fehlhandlungen, immer gibt es Menschen, die unter Stress auf den falschen Knopf drücken. Und wird der Mensch durch den Automaten ersetzt, dann wissen wir heute, dass diese nur in recht trivial-berechenbaren Kontexten wirklich fehlerfreier arbeiten. Für das Kostenmanagement ist das sicher von Bedeutung, für das Risikomanagement komplexer-komplizierter-dynamischer Situationen eher nicht.

Wenn also ‚Krise‘ als solche nicht vollends zu vermeiden ist, dann sind zumindest die Strukturen und Kulturen zu schaffen, die extreme Auswirkungen auf die Organisation mindern. Dafür finden sich viele Beispiele: Szenarioentwicklungen, Frühwarnsysteme, Vier-Augen-Prinzipien, Leitlinien und standardisierte Prozeduren, Teamqualität, Stressabbau,

Analog dazu: Wenn ein Mensch akzeptiert, dass es in seinem Leben Krisen geben kann und vermutlich auch geben wird, dann wäre seine Aufgabe, sich Strukturen zu schaffen, die seinen Umgang mit aus seiner individuellen Sicht komplex-kompliziert-dynamischen Situationen erleichtern. Analog zu großen Systemen auch, gilt es dabei zuerst zu überlegen, was denn wohl in der vor dem Menschen liegenden Lebensphase potenzielle Krisensituationen wären, wie diese die Lebensqualität beeinträchtigen würden, worin die individuellen Persönlichkeitsmerkmale bestehen, die es begünstigen, die jeweilige Situation als Krise zu empfinden und welche Ressourcen wohl genutzt würden, um sie in den Griff zu bekommen. Ein zweiter Schritt würde dann hinführen zu krisenspezifischen, individuellen Handlungsplänen, die hinreichend genau, jedoch knapp und strukturiert beschreiben, wie man mit einer Krisensituation umgehen würde, um sich selbst das eigene Recht auf ein gelingendes Leben zu erhalten.