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Wunsch – Zweck – Sinn

Ich wünsche mir eine gute Beziehung zu einem anderen Menschen. Aber will ich sie auch? Ich wünsche mir mehr Anerkennung für meine Leistung. Aber will ich sie auch? Ich wünsche mir größere Freiheitsgrade. Aber – will ich sie auch?

Zwischen wünschen und wollen erscheint eine größere Kluft als umgangssprachlich angezeigt. Zumeist wird davon ausgegangen, dass der, der sich etwas wünscht, das Gewünschte auch will. Was aber, wenn man sich zum Beispiel Tage der Erholung wünscht, dann jedoch nichts dafür tut, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht – wenn dem Wunsch keine Handlung folgt? Wie wird also aus einem Wunsch ein Wille?

Für Führungskräfte ist diese Frage zentral, wünschen sich doch viele ihrer Mitarbeitenden einen sicheren, gestaltungsreichen, finanziell interessanten, zukunftsrobusten Arbeitsplatz. Aber – wollen sie ihn auch?

Herr, mein Wille geschehe.

Höhere Tiere haben Wünsche, zum Beispiel ‚mit Freunden eine Runde Canasta zu spielen‘ oder ‚einen lange schon nicht mehr gesehenen Spielfilm anzuschauen‘. Höhere Tiere hemmen die Erfüllung eines Wunsches zugunsten der Erfüllung eines anderen, oder anders ausgedrückt: Ein Trieb siegt. Zutiefst menschlich ist hingegen das Vermögen, eigene Wünsche bewerten zu können und über den Vollzug der Bewertung etwas als wollenswert anzusehen.

Mit der Art seiner Wunschbewertung bezieht sich der Mensch auf sich selbst. Einer Wunschbewertung geht immer eine Selbstbewertung voraus. Wünsche ich mir eine anspruchsvolle Projekttätigkeit und bewerte dazu eine vorliegende Option, dann bewerte ich zuerst Aspekte meiner selbst, insbesondere meine Gefühle. Erst dann setze ich aus dieser Wertung heraus Energien frei, die als fester Wille, diese Tätigkeit auch auszuüben, interpretiert werden können.

Gewolltem Handeln geht also Selbstbewertung voraus und diese Bewertung kann quantitativ und qualitativ vollzogen werden. Eine quantitative Selbstbewertung findet zum Beispiel dann statt, wenn ich meine Kompetenzen, mein Wissen in den Vergleich mit anderen Personen rücke, die sich wie ich eine bestimmte berufliche Tätigkeit wünschen. Oder wenn ich reflektiere, wie viel ich in meine Qualifizierung investiert habe und nun einen Gegenwert für diesen Aufwand erwarte.

Eine qualitative Selbstbewertung hingegen wird offenkundig, wenn ich zum Beispiel eine Bewerbung für eine Tätigkeit zurückziehe, um damit einer anderen Person zu helfen, ein existenzielles Problem zu lösen. Der Wille zur Hilfe steht dann höher als der Wunsch für eine berufliche Tätigkeit. Willentlich derart zu handeln, dabei gegebenenfalls auch negative Gefühle zu überwinden [vielleicht, weil die andere Person sich zu einem früheren Zeitpunkt mir gegenüber nicht angemessen verhielt], erhält zumeist andere Zuschreibungen von Dritten wie: edel, tief, reif, frei, groß, stark.

Eine starke, qualitative Wertung gibt Auskunft über das ‚Wozu ist die Handlung gut‘, eine quantitative über ‚Welchem Zweck dient die Handlung?‘

Unter einem Zweck verstehen wir den Grund für zielgerichtete Handlungen unter dem Einfluss einer erwarteten Wirkung, die so stark ist, so dass das Bestreben, das Ziel zu erreichen, mit einer dafür ausreichenden Ressource unterstützt wird. Wer also etwas bezwecken will, muss auch die dem Zweck gemäßen Mittel wollen. Wer die Mittel nicht einzusetzen bereit ist, der will nicht – der wünscht bestenfalls.

Unter einem Sinn verstehen wir den ‚guten‘ Grund für wertebasierte Handlungen unter dem Einfluss einer stets gegebenen Wahlmöglichkeit, wobei sich der Handelnde in seiner sinnerfüllten Wahl einer anderen Person oder Sache hingibt. Wer dieses Gute nicht anzustreben bereit ist, der will nicht zutiefst – der bezweckt bestenfalls.

Wünscht sich eine Person nun eine berufliche Tätigkeit und artikuliert sie dabei eine quantitativ geprägte Selbstbewertung, so wird sie das, was sie wünscht, bereits als gut [im Sinne ‚gut für meine Zwecke‘] deuten.

Wünscht sie auf der Basis einer qualitativen Selbstbewertung, so kann sie erkennen, ob die Erfüllung des Wunsches für die Verwirklichung eigener, ihrem Wesen entsprechender Werte förderlich ist – letztlich, ob sie eine bestimmte Art von Person sein will. Bemerkt sie dabei, dass der Wunsch zum Beispiel nach einer bestimmten Tätigkeit im Unternehmen sie selbst kompromittiert – vielleicht weil ein Streben nach Erfüllung dieses Wunsches wissentlich zu einer seelischen Verletzung einer anderen Person führen würde –, so kann sie wollen, dem Wunsch nicht weiter zu folgen. Eine solche Person kann sich selbst gegenüber ein Veto einlegen. Oder nach Viktor Frankl: Eine Person muss sich von sich selbst doch nicht alles gefallen lassen.

Wann haben Sie zum letzten Mal zu sich selbst gesagt: Herr, mein Wille soll nicht geschehen?

Warum überhaupt Sinn? – 2

Echte und getarnte Sinnfragen können sich dem Menschen täglich stellen. Die vielen kleinen Fragen, die sich dem Menschen stellen, zum Beispiel, ob er die kranke Mutter in der Klinik besucht oder doch eine Projektaufgabe im Unternehmen zum Abschluss bringt; ob er einen Preisvergleich von Arzneimitteln im Internet vornimmt oder die dafür eingeplante Zeit dafür verwendet  mit dem Kind Federball zu spielen; ob er sich bei diesem Unternehmen bewerben soll; ob er eine Fastenkur einlegen soll …. – die meisten dieser Fragen werden nicht derart beantwortet, ob dies oder das sinnvoll ist, sondern meist so, ob es zweckdienlich ist, dies oder das zu machen. So kann ein günstiger Arzneimittelkauf dem Zweck dienen, das Haushaltsbudget zu schonen; mit dem Kind Federball zu spielen, kann dem Zweck dienen, das Bild eines ‚guten Vaters‘ abzugeben..

Aber ist Zweckdienlichkeit auch Sinnhaftigkeit? Zwecke tarnen sich oft als Sinn – ein Umstand, der sich lohnt, immer wieder neu reflektiert zu werden. Geschieht dies bewusst, dann mischen sich die Werte eines Menschen ein. Hat die Oma angerufen und fragt ihren Enkel, ob er wohl für sie einige Medikamente im Internet kaufen könne, weil diese dort ja günstiger seien, dann kann der Enkel dies dem Spiel mit dem Kind vorziehen, wenn er zum Beispiel die Liebe zur Oma, die Unterstützung alter Menschen, und die Pflicht, einen Beitrag dafür zu leisten, dass die Lebensqualität der Oma erhalten bleibt, in dieser Situation höher einschätzt als zum Beispiel die Liebe zum Kind, den Ansporn zum gemeinsamen Spiel und die Zuwendung, die einen Beitrag dafür leisten würde, die Beziehung zum Kind positiv zu gestalten.

Sinnhafter wird, was denjenigen Werten entspricht, mit deren Verwirklichung ein Mensch in einer Situation eher im Einklang steht als durch die Verwirklichung anderer. Dabei kann eine derartige wertebewusste Entscheidung beim Gegenüber – hier dem Kind – zu einem Gefühl der Ab-Wertung führen. Einzig eine reflektierte Wertekommunikation kann hier zu einem Verstehen der Entscheidung beim anderen Menschen führen. Geschieht dies nicht, bleibt Orientierungslosigkeit zurück und – hier das Kind – fragt sich dann womöglich ‚hat mich mein Papa nicht mehr lieb? o.a.‘

Da sich in jeder neuen Situation wieder ein neuer Bezugsrahmen für einen Menschen ergeben kann, gilt es, den Werteabgleich jederzeit aufs Neue vorzunehmen. Nur ein kleiner Unterschied, zum Beispiel der, dass das Kind heute durch einen anderen Mitschüler verängstigt wurde und weinend nach Hause kam, kann den Vater dazu bringen, einen erneuten Bestellwunsch der Oma ‚hinten anzustellen‘

Situationen wie diese finden täglich dutzendfach statt. Wer dabei seine Werte nicht kennt oder unreflektiert nur glaubt sie zu kennen, der läuft unweigerlich Gefahr, in die Beliebigkeit zu rutschen. Einen solchen Menschen wert-zu-schätzen, fällt zwangsläufig schwer.

Dass die Bedeutung des eigenen Wertebewusstseins bei immer weiter wachsender Komplexität wohl der einzige Weg dafür ist, den ‚roten Lebensfaden‘ nicht aus der Hand rutschen zu lassen, ist aus meiner Sicht heute ein Faktum.