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Gefundener Sinn eskaliert sämtliche Zwecke

Als Logotherapeuten und Logocoachs arbeiten wir sinnorientiert. Also dafür, dass Menschen Wege zur Sinnerfüllung entdecken und die gefundenen dann beleben. Vor einigen Jahren, als wir noch Beratungsleistungen in und für Unternehmen erbrachten, stand eine andere Perspektive im Vordergrund. Damals wurde darüber gerungen, welchem Zweck die jeweilige Organisation in der Zukunft wohl zu dienen habe. Welchem gesellschaftlichen Zweck soll das unternehmerische Handeln untergeordnet werden? Bricht man diese Frage ganz weit herunter, so folgen die meisten Unternehmen dem Zweck, für die Bedürfnisse von Menschen einen Beitrag zu leisten. Wer Schrauben für Pipelines entwickelt, schafft ein Puzzleteil dafür in die Welt, um zum Beispiel die Wasserversorgung irgendwo auf der Welt zu verbessern. Am Ende (oder am Anfang) eines solchen Vorgehens steht etwas Gesolltes. Ein Sinn. Leiste einen Beitrag für den Lebenserhalt von Menschen.
Über alle erdenklichen vorangehenden Prozessketten hinweg hat nun der Metallbauer die Schraube in der Hand. Gefragt, wozu dieses Bauteil gut ist, wird er wohl mit seiner Expertise auf die Pipeline verweisen, dahinter wohl auf das Unternehmen, das damit Geld verdient, dahinter wohl auf ihn selbst, der damit auch sein Geld verdient. Und schon ist das Eigentliche (das Gesollte, der Sinn) aus dem Blick, das Wesentliche (das Worum geht es mir als Metallbauer) aus dem Gefühl und das Wichtige (das Warum fertige ich die Schraube) als Zweckdenken in den Vordergrund gerückt.

Sinn und Zweck stehen so sprachlich zwar oft eng zusammen, sind sich aber doch so fern. Will sagen: Erster ist in der Welt, er kann nicht gemacht oder konstruiert werden. Nach dem Zweiten kann sich eine Person ausrichten, muss es aber nicht. Nicht selten wird das Eigentliche gar nicht erst gesucht, sondern der Blick bleibt beim Zweck stecken. Dann denkt sich ein Unternehmen, dass es doch für sich genommen bereits sinnvoll wäre, das zwanzigste Joghurt auf den Markt zu bringen. Dass dieser unternehmensgemachte Denkfehler heute stärker denn je von Menschen – immer öfter auch gerade von denen, die in diesen Unternehmen arbeiten – gefühlt wird, ist für uns in Ausübung unserer Rolle offenkundig. Warum? Weil eben viele Menschen in der Therapie oder im Coaching nach dem Worum, nach dem Eigentlichen ihres Daseins fragen.

Unsere Klienten bringen ihre Sinnorientierung mit, weil sie fühlen, dass es da mehr geben muss als den reinen Zweck, der von Unternehmen kaschiert und als Sinn verkauft oder kommuniziert wird. Damit das Spiel gelingt, laden sie Menschen ein, sich doch selbst ihren Sinn zu konstruieren und tarnen dies dann als Aufruf zur Selbstverantwortung. Am Ende dieses Spiels bleiben dann oftmals Menschen als doppelte Verlierer zurück. Zuerst haben sie die Fähigkeit verlernt, das Eigentliche zu entdecken und dann verlieren sie das Gefühl, überhaupt die ihnen anempfohlene Selbstverantwortung übernehmen zu können, eben weil ihre Konstruktion von Sinn scheitert, da es ihn ja bereits gibt und er nicht konstruiert werden kann. Was letztlich übrigbleibt, sind seltsame Sprachverdrehungen, die auch dadurch nicht besser werden, nur weil sie massenhaft genutzt werden.

Aktuell ist es die (falsche) Nutzung des Begriffs ‚purpose‘ für Sinn, und wir als Logotherapeuten sind gespannt, was als nächstes kommt bis vielleicht irgendwann in grauer Zukunft es ein Einverständnis der ökonomischen Elite dafür gibt, endlich diesen Unsinn vom Sinn zu beenden und ‚sich einmal ehrlich zu machen‘. Ehrlich zu machen für den ‚Zweck‘ (purpose). Ein Unternehmen bezweckt dann einfach, mit seinen Schrauben Geld zu verdienen. Diesen Zweck kann sich auch jeder Mensch, der in einer solchen Unternehmung arbeitet, konstruieren. Egal, ob eine Schraube, ein Joghurt, ein Design, eine Finanzdienstleistung, ein Weihnachtsbaumengel – einem Zweck dienen alle Produkte und Dienstleistungen. Ob hinter diesen Zwecken etwas Eigentliches – ein Sinn – steht, das bleibt offen – wenngleich: er ist.

Und diesen Sinn, der ist, kann entdecken, wer über eigene Bewusstheit verfügt – entdecken kann Sinn also nicht ein Abstraktum, wie zum Beispiel ein Unternehmen. Rückt man als im Beruf stehender Mensch von seiner Sinnorientierung ab [vielleicht, weil man in den täglichen Aufgaben keinen wahren Sinn mehr entdecken kann], so bleibt [immerhin und hoffentlich] die Zweckorientierung. Legt man hier als basalen Zweck jeder Organisation das Überleben ebendieser Organisation zugrunde, dann wird in einem kapitalistischen System der Einsatz von Mitteln nachvollziehbar, die eher mehr als weniger einen Gewinn in Aussicht stellen. Keinen Gewinn zu erwirtschaften stellt irgendwann den Zweck des Vorhabens eines Unternehmens in Frage, niemals jedoch das per se gegebene Gesollte. Zum Beispiel keinen Gewinn mit Kohleabbau zu erwirtschaften, hat demnach irgendwann eine absehbare Folge. Dennoch wird damit das per se Gesollte [einen Beitrag zur umweltbewussten Energieversorgung zu leisten] nicht getilgt.

Jemand, der diese beiden, Sinn und Zweck, mit einem Kunstgriff zusammenfallen ließ, war Niklas Luhmann. Er stellte Sinn als etwas heraus, das für die Konstitution von sozialen Systemen nach seiner Sicht bedeutsam ist: „Mit dem Begriff Sinn soll eine bestimmte Selektionsweise bezeichnet werden, nämlich eine Selektion, die das ‚Woraus‘ der Wahl präsent hält und dadurch die Möglichkeit hat, ihre eigene Selektivität zu kontrollieren. Sinn ist punktualisierter Ausdruck für Komplexität, ist Reduktion und Erhaltung zugleich und genau dadurch für Systembildung adäquat, daß die Totalität des Möglichen nicht aufgegeben, aber rekonstruiert wird als dies (-und-anderes): als Selektion von Relevanz. Man kann sich vorstellen, daß diese Struktur sich einlebt als Konsequenz organisch bedingter kontinuierlicher Input-Überlastung.“ Einfacher ausgedrückt: Komplexität ist immer. Individuell ist sie zuweilen überlastend. Lasten gilt es punktuell zu mindern, weil eine allgemeine Entlastung der Dynamik von Systemen nicht entspricht. Damit das klappt, selektiert ein Mensch und nennt das dann Sinn. Hmm, warum nicht Zweck, denn es ist doch für das ‚Überleben‘ des Menschen zweckdienlich, ein Zuviel von Belastungen zu senken. Das wusste auch schon Viktor Frankl, wenn er dazu riet, Leid sofort zu mindern, wenn dies möglich ist – aber, wenn dies nicht möglich ist, das Leiden nicht als Selbstzweck zu verstehen, denn als eine Aufgabe zur Transzendenz.

Letztlich reiben sich alle Perspektiven, die Sinn zu etwas benutzen wollen, an der Sichtweise Frankls, bei der nicht der Mensch sein Leben zu befragen hat, was es denn Sinnvolles für ihn bereithält [ggfls. etwas, was die Komplexität in seiner aktuellen Lebenswelt reduziert], sondern dass der Mensch von seinem Leben befragt wird, was er in seine Lebenswelt hineinschaffen kann. Diese Perspektive ist damit grundsätzlich handlungs- und verantwortungsorientiert, nicht naiv oder weltfremd, weil es die individuellen Bedingungen, die Menschen haben, durchaus würdigt, nur sie eben nicht zum Maßstab dafür macht, dass ein Mensch sich diesen Bedingungen ohnmächtig hingibt. Luhmann versucht hingegen aus seiner Leitidee, alles sei Kommunikation, eine Sinngrenze dahingehend zu entwerfen, indem er auf ein Verhältnis von möglichen Aspekten (in der Umwelt) zu relevanten Aspekten (im betrachteten System) hinweist. Er versteht daher Sinn als „Bezugspunkt von Interpretationen, die ihrerseits als bestimmende Aneignung durch ein Subjekt begriffen werden.“ Was wohl so viel meint wie, der Mensch ist seines Sinnes Schmied, seine Interpretation zielen hin auf Sinn und letztlich: der Mensch macht sich mittels Kommunikation Sinn.

Wenn man Sinn derart utilitarisiert, darf man sich der Frage ausgesetzt sehen, inwieweit man damit dem Selbstoptimierungsstress innerhalb der Gesellschaft weiteren Vorschub leistet. Denn es liegt nahe anzunehmen, dass sich Unternehmen auf den Weg machen, ihren Mitarbeitenden die ‚Interpretation‘ des vermeintlich Sinnvollen zu ‚erleichtern‘, zum Beispiel durch ‚sinnstiftende Arbeitsumgebungen‘, ‚Feelgood-Abteilungen‘ oder andere Sinnigkeiten mehr. Ganze Heerscharen von Beratern und Think Tanks bemühen sich bereits darum, Unternehmern zwar deutlich zu machen, dass die Wahrnehmung von Sinn dem Subjekt vorbehalten sei, es aber vielleicht doch helfen könne, diese Wahrnehmung mittels Selektionshilfen zu erleichtern. Das dahinter stehende Menschenbild, das vielleicht auch verstanden werden kann als: Wir verstehen den Menschen als nach einer Vormundschaft seiner Sinnwahrnehmung strebenden Wesen, zeigt im Kern die Angst vieler Unternehmen an, Arbeitskräfte im hart umkämpften Wettbewerb zu verlieren.

Dabei wäre die Antwort doch einfach. Wir als Unternehmen wollen überleben, das ist unser primärer Zweck. Damit das gelingt, müssen wir etwas leisten, was Menschen, in welcher Rolle, wie und wo sie mit uns auch immer zusammenarbeiten, als bedeutsam und wichtig ansehen. Diesem Zweckdenken müssen wir unsere zweckdienliche Leistung zur Seite stellen. Fühlt sich ein Subjekt aufgerufen, das Zweckdenken eines Unternehmens in Frage zu stellen, so stehen kontextuell, situativ und systemisch verschiedene Wege der Kritik am Zweck zur Verfügung. In höchster Instanz jedoch kann ein Subjekt das, wofür er sich aufgerufen fühlt durch Anrufung an sein Gewissen geltend machen. In diesem Moment fühlt das Subjekt die Notwendigkeit, seine Einstellung nicht an einem Zweck, sondern an Sinn auszurichten. Kurz: Nicht die Summe aller, fraglos meist auch gut gemeinter Zwecke zum Erhalt von Leistungskraft, Wohlbefinden, Kreativität usw. ergibt Sinn. Vielmehr eskaliert gefundener Sinn alle Zwecke.

Wer sinnorientiert lebt, hat seine Weltoffenheit und den Sinn, den es in dieser Welt stets gibt, aktiviert. Wer Sinn in dieser Lebenswelt finden will, fragt nach dem Worum (hat es mir nun zu gehen). Wer dieses Worum kennt, ist kein besserer Mensch, aber – so unsere therapeutische Erfahrung – ein sinnorientiertes und selbstgesteuertes anstatt eines rein zweckbewussten Wesens, denn „bloßes Überleben kann nicht der höchste Wert sein. Mensch sein heißt ausgerichtet und hingeordnet sein auf etwas, das nicht wieder es selbst ist. [Frankl]“

Fazit: Weltoffenheit und Zweckdenken sind in vorgestelltem Verständnis handlungssteuernd. Während das Erste jedoch ohne das Zweite auskommt, wird das Zweite ohne das Erste schnell zum Selbstzweck. Zweckdenken kann solange erfreuend auf eine Person wirken, solange sie psychisch [emotional und kognitiv] einzuschätzen vermag, einen bedeutungs- und wertvollen Teil zu einem Beitrag zu leisten, den sich ein [privates oder berufliches] System zum Ziel gesetzt hat. Ob das subjektiv Erfreuende sich im Hintergrund auf einen objektiven Sinn stützt, bleibt meist solange nichtthematisiert, bis sich die Person die Frage meint vorlegen zu müssen, worum es ihr jetzt zu gehen hat. Diese Frage unbeantwortet zu lassen, kann alsbald in verschiedene Formen dysfunktionaler bis pathologischer Selbstzweckorientierung führen. Sie sich immer wieder im Leben aktiv vorzulegen hingegen ist nach unserer Einschätzung die best-practice-Handlung im Sinne einer individuellen Krisenprävention.

Purposequark

Gestern Sinnquark, heute geht’s um Purpose. In der Beraterszene ist es seit geraumer Zeit beliebt, Unternehmen nahezulegen, ihren Purpose zu formulieren, den Zweck des Unterfangens also, dieses und kein anderes Unternehmen im Markt zu führen. Dabei wird suggeriert, als wäre es [verstandesbefreiten] Mitarbeitenden in Unternehmen nicht klar, welchen Daseinsgrund das Unternehmen hat, in dem sie arbeiten. Auch dieser Purposequark gehört meines Erachtens daher zügig entsorgt. Worum es meines Erachtens wirklich zu gehen hat ist, dass das Wirken in und von Unternehmen nicht verengt werden darf auf das Themenfeld Aktienwert, Umsatz, Gewinn und Rendite. Mit der Debatte um den Stellenwert des ‚Shareholder Values‘ kam Mitte der 1980er Jahre diese Verengung in Gang. Dabei wurde dieser betriebswirtschaftliche Aspekt zuweilen so interpretiert, als stünden hinter den finanziellen Kennzahlen Unternehmen, die ihren Daseinsgrund einzig über diese Zahlen definierten. Befeuert wurde diese Perspektive immer wieder mit medialen Empörungsritualen, wenn Unternehmensstrategien, individuelles Managerverhalten oder Innovationslahmheit einzelner, in aller Regel börsennotierter Firmen kritisch erörtert wurde. Manche durchaus berechtigte Kritik wurde in ihrer Hohstilisierung jedoch zu einer Art Indikator für mangelnde Zweckdienlichkeit des unternehmerischen Handelns.

Was in meiner Wahrnehmung häufig mit der Purposediskussion verquickt wird ist das Thema, ob Unternehmen ihre Geschäftsmodelle [nicht ihren eigentlichen Zweck] den sich verändernden Umfeldbedingungen angemessen schnell anpassen. Alle neue Bedingungen, als Stichworte seien beispielsweise Diversity, Klimawandel, Digitalisierung genannt, verändern zwangsläufig früher oder später Strategien, Ziele und Maßnahmen – letztlich nennt sich dies Unternehmensentwicklung. Entwickelt sich ein Unternehmen den sich wandelnden Bedingungen nicht angemessen, wird es Markteinfluss einbüßen und gegebenenfalls von Markt verschwinden. Das jedoch bedeutet nicht, dass damit der Zweck verloren gegangen ist, sondern ‚lediglich‘, dass es das Unternehmen nicht schafft, sein Geschäftsmodell auf diesen Zweck robust auszurichten. Gelingt dies nicht, übernehmen andere Unternehmen mit ihren Geschäftsmodellen den Marktanteil. Erfüllt dieses Modell dann die erforderliche Zweckdienlichkeit, dann ist dies die Basis für den Unternehmenserfolg. Dass nun ein zweckdienliches Geschäftsmodell auch unter anderem Mitarbeiter bedarf, die diesem Zweck zustimmen, ist trivial. Und dass sich verändernde Bedingungen in der Lebenswelt der Menschen auch in Verhaltens- und Handlungserwartungen von Mitarbeitern gegenüber ihrem Unternehmen und ihren Führungskräften abbilden, auch.

Diskutiert man in Unternehmen die aktuellen Erwartungen an Management und Leadership, dann ändern sich diese durchaus schnell. In der jetzigen Coronazeit ist zu erwarten, dass Aspekte wie Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sowie Informationsfluss und Technologie als besonders wichtig angesehen werden. Nachhaltigkeit, Transparenz, Umweltschutz und soziale Wertschöpfung sind dagegen Erwartungen, die sich jetzt womöglich eher hintanstellen. Diese Erwartungsrangfolge hat etwas zu tun mit sich immer wieder neu ausrichtenden Wertmaßstäben zu tun, die Menschen ihrem eigenen und der Bewertung des Verhaltens anderer zugrunde legen. Ähnliche Verschiebungen kennen wir vom Angst-Barometer, das im Kern zum Ausdruck bringt, worin Menschen potenzielle Gefahren sehen, die Einfluss nehmen könnten darauf, eigene Wertvorstellungen nicht mehr verwirklichen zu können. Auf den Einzelnen bezogen kann dies natürlich wiederum zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen. Je nach individueller Lebenswelt und je nach individuellen Werten ergibt sich so auch eine je individuelle Erwartung an die Unternehmens- und Mitarbeiterführung. Werden so die Erwartungen des einen Mitarbeiters hinreichend erfüllt, wird man ihn wahrscheinlich als produktiver, motivierter und zufriedener erleben als einen anderen – bis sich das Erwartungsblatt wendet und veränderte Bedingungen es eher dem anderen Mitarbeiter leichter macht, seine Werte zu verwirklichen.

Es ist daher recht absurd, den Unternehmenszweck [der im Allgemeinen immer bedeutet, die Überlebensfähigkeit der Firma zu sichern und der im Speziellen verschriftlicht ist und zum Beispiel im Handelsregister nachgelesen werden kann], also das ‚warum halten wir es für erforderlich, dass es unser Unternehmen mit seinen Produkten oder Dienstleistungen gibt‘  zum Kriterium u.a. für Mitarbeiter- oder Kundenzufriedenheit, Mitarbeitergewinnung oder -bindung usw. zu machen.

Die Haltung von Unternehmern und Führungskräften, ihre ‚attitude‘ also, wie sie mit den Bedingungen umgehen, die sie als Einflussfaktoren auf den Firmenzweck wahrnehmen, steht hingegen eng im Kontext der Erwartungen der Mitarbeiter, Kunden und anderen Peers. Und damit sind wir dann auch unmittelbar bei der Person und nicht mehr bei der Organisation. Ein Unternehmen hat keine Haltung. Personen schon. Und so kann das ‚warum sind wir als Unternehmen da‘, der Purpose/Zweck klar sein. Hoffentlich sogar auch das allem vorangehende ‚wofür sind wir als Unternehmen gut‘, das Meaning/der Sinn. Meist ist Mitarbeitern und Kunden auch die Mission klar (der konkretisierte Zweck), also die Botschaft über das ‚weshalb befassen wir uns konkret damit und nicht damit‘. Wenn aber das ‚wie verhalten, entscheiden und handeln wir jetzt‘, die Attitude/Haltung der Personen den Bedingungen entsprechend unangemessen sind, dann hat dies unmittelbar Auswirkungen auf die Empfindungen von Mitarbeitern, Kunden und anderen Peers.

Bricht man nun diese Gedanken auf eine Einzelperson herunter, dann sind die Arbeitsschritte der Persönlichkeitsentwicklung ähnlich:

1. Sinn: Wofür werde ich meinen verantwortlichen Beitrag für meine Lebenswelt erbringen?
2. Zweck: Warum entscheide ich, handle ich und verhalte ich mich genau so, wenn ich um diesen Beitrag weiß?
3. Mission: Weshalb befasse ich mich genau damit und nicht damit?
4. Haltung: Wie verhalte, entscheide und handele ich jetzt?
5. Werte: Worin bestehen meine eigenen, originären Grundüberzeugungen, mit denen ich meinen verantwortlichen Beitrag für meine Lebenswelt erbringe?

So sehe ich das und danach arbeite ich – wohlwissend, dass wohl nicht nur mich die babylonische Begriffsverwirrung nervt, die in Wissenschaft und Praxis im Kontext von Sinn, Zweck, Vision, Haltung, Einstellung, Motiv und Wert verursacht wurde und fleißig fortgesetzt wird, Letztens las ich: ‚Purpose (Unternehmensvision) ist genauso ein Modewort wie Empathie (Einfühlungsvermögen)‘. Au weia, sag ich da nur oder: Baum (Warzenschwein) ist ein Wort wie Freude (Riesenradfahren).

Wunsch – Zweck – Sinn

Ich wünsche mir eine gute Beziehung zu einem anderen Menschen. Aber will ich sie auch? Ich wünsche mir mehr Anerkennung für meine Leistung. Aber will ich sie auch? Ich wünsche mir größere Freiheitsgrade. Aber – will ich sie auch?

Zwischen wünschen und wollen erscheint eine größere Kluft als umgangssprachlich angezeigt. Zumeist wird davon ausgegangen, dass der, der sich etwas wünscht, das Gewünschte auch will. Was aber, wenn man sich zum Beispiel Tage der Erholung wünscht, dann jedoch nichts dafür tut, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht – wenn dem Wunsch keine Handlung folgt? Wie wird also aus einem Wunsch ein Wille?

Für Führungskräfte ist diese Frage zentral, wünschen sich doch viele ihrer Mitarbeitenden einen sicheren, gestaltungsreichen, finanziell interessanten, zukunftsrobusten Arbeitsplatz. Aber – wollen sie ihn auch?

Herr, mein Wille geschehe.

Höhere Tiere haben Wünsche, zum Beispiel ‚mit Freunden eine Runde Canasta zu spielen‘ oder ‚einen lange schon nicht mehr gesehenen Spielfilm anzuschauen‘. Höhere Tiere hemmen die Erfüllung eines Wunsches zugunsten der Erfüllung eines anderen, oder anders ausgedrückt: Ein Trieb siegt. Zutiefst menschlich ist hingegen das Vermögen, eigene Wünsche bewerten zu können und über den Vollzug der Bewertung etwas als wollenswert anzusehen.

Mit der Art seiner Wunschbewertung bezieht sich der Mensch auf sich selbst. Einer Wunschbewertung geht immer eine Selbstbewertung voraus. Wünsche ich mir eine anspruchsvolle Projekttätigkeit und bewerte dazu eine vorliegende Option, dann bewerte ich zuerst Aspekte meiner selbst, insbesondere meine Gefühle. Erst dann setze ich aus dieser Wertung heraus Energien frei, die als fester Wille, diese Tätigkeit auch auszuüben, interpretiert werden können.

Gewolltem Handeln geht also Selbstbewertung voraus und diese Bewertung kann quantitativ und qualitativ vollzogen werden. Eine quantitative Selbstbewertung findet zum Beispiel dann statt, wenn ich meine Kompetenzen, mein Wissen in den Vergleich mit anderen Personen rücke, die sich wie ich eine bestimmte berufliche Tätigkeit wünschen. Oder wenn ich reflektiere, wie viel ich in meine Qualifizierung investiert habe und nun einen Gegenwert für diesen Aufwand erwarte.

Eine qualitative Selbstbewertung hingegen wird offenkundig, wenn ich zum Beispiel eine Bewerbung für eine Tätigkeit zurückziehe, um damit einer anderen Person zu helfen, ein existenzielles Problem zu lösen. Der Wille zur Hilfe steht dann höher als der Wunsch für eine berufliche Tätigkeit. Willentlich derart zu handeln, dabei gegebenenfalls auch negative Gefühle zu überwinden [vielleicht, weil die andere Person sich zu einem früheren Zeitpunkt mir gegenüber nicht angemessen verhielt], erhält zumeist andere Zuschreibungen von Dritten wie: edel, tief, reif, frei, groß, stark.

Eine starke, qualitative Wertung gibt Auskunft über das ‚Wozu ist die Handlung gut‘, eine quantitative über ‚Welchem Zweck dient die Handlung?‘

Unter einem Zweck verstehen wir den Grund für zielgerichtete Handlungen unter dem Einfluss einer erwarteten Wirkung, die so stark ist, so dass das Bestreben, das Ziel zu erreichen, mit einer dafür ausreichenden Ressource unterstützt wird. Wer also etwas bezwecken will, muss auch die dem Zweck gemäßen Mittel wollen. Wer die Mittel nicht einzusetzen bereit ist, der will nicht – der wünscht bestenfalls.

Unter einem Sinn verstehen wir den ‚guten‘ Grund für wertebasierte Handlungen unter dem Einfluss einer stets gegebenen Wahlmöglichkeit, wobei sich der Handelnde in seiner sinnerfüllten Wahl einer anderen Person oder Sache hingibt. Wer dieses Gute nicht anzustreben bereit ist, der will nicht zutiefst – der bezweckt bestenfalls.

Wünscht sich eine Person nun eine berufliche Tätigkeit und artikuliert sie dabei eine quantitativ geprägte Selbstbewertung, so wird sie das, was sie wünscht, bereits als gut [im Sinne ‚gut für meine Zwecke‘] deuten.

Wünscht sie auf der Basis einer qualitativen Selbstbewertung, so kann sie erkennen, ob die Erfüllung des Wunsches für die Verwirklichung eigener, ihrem Wesen entsprechender Werte förderlich ist – letztlich, ob sie eine bestimmte Art von Person sein will. Bemerkt sie dabei, dass der Wunsch zum Beispiel nach einer bestimmten Tätigkeit im Unternehmen sie selbst kompromittiert – vielleicht weil ein Streben nach Erfüllung dieses Wunsches wissentlich zu einer seelischen Verletzung einer anderen Person führen würde –, so kann sie wollen, dem Wunsch nicht weiter zu folgen. Eine solche Person kann sich selbst gegenüber ein Veto einlegen. Oder nach Viktor Frankl: Eine Person muss sich von sich selbst doch nicht alles gefallen lassen.

Wann haben Sie zum letzten Mal zu sich selbst gesagt: Herr, mein Wille soll nicht geschehen?

Warum überhaupt Sinn? – 2

Echte und getarnte Sinnfragen können sich dem Menschen täglich stellen. Die vielen kleinen Fragen, die sich dem Menschen stellen, zum Beispiel, ob er die kranke Mutter in der Klinik besucht oder doch eine Projektaufgabe im Unternehmen zum Abschluss bringt; ob er einen Preisvergleich von Arzneimitteln im Internet vornimmt oder die dafür eingeplante Zeit dafür verwendet  mit dem Kind Federball zu spielen; ob er sich bei diesem Unternehmen bewerben soll; ob er eine Fastenkur einlegen soll …. – die meisten dieser Fragen werden nicht derart beantwortet, ob dies oder das sinnvoll ist, sondern meist so, ob es zweckdienlich ist, dies oder das zu machen. So kann ein günstiger Arzneimittelkauf dem Zweck dienen, das Haushaltsbudget zu schonen; mit dem Kind Federball zu spielen, kann dem Zweck dienen, das Bild eines ‚guten Vaters‘ abzugeben..

Aber ist Zweckdienlichkeit auch Sinnhaftigkeit? Zwecke tarnen sich oft als Sinn – ein Umstand, der sich lohnt, immer wieder neu reflektiert zu werden. Geschieht dies bewusst, dann mischen sich die Werte eines Menschen ein. Hat die Oma angerufen und fragt ihren Enkel, ob er wohl für sie einige Medikamente im Internet kaufen könne, weil diese dort ja günstiger seien, dann kann der Enkel dies dem Spiel mit dem Kind vorziehen, wenn er zum Beispiel die Liebe zur Oma, die Unterstützung alter Menschen, und die Pflicht, einen Beitrag dafür zu leisten, dass die Lebensqualität der Oma erhalten bleibt, in dieser Situation höher einschätzt als zum Beispiel die Liebe zum Kind, den Ansporn zum gemeinsamen Spiel und die Zuwendung, die einen Beitrag dafür leisten würde, die Beziehung zum Kind positiv zu gestalten.

Sinnhafter wird, was denjenigen Werten entspricht, mit deren Verwirklichung ein Mensch in einer Situation eher im Einklang steht als durch die Verwirklichung anderer. Dabei kann eine derartige wertebewusste Entscheidung beim Gegenüber – hier dem Kind – zu einem Gefühl der Ab-Wertung führen. Einzig eine reflektierte Wertekommunikation kann hier zu einem Verstehen der Entscheidung beim anderen Menschen führen. Geschieht dies nicht, bleibt Orientierungslosigkeit zurück und – hier das Kind – fragt sich dann womöglich ‚hat mich mein Papa nicht mehr lieb? o.a.‘

Da sich in jeder neuen Situation wieder ein neuer Bezugsrahmen für einen Menschen ergeben kann, gilt es, den Werteabgleich jederzeit aufs Neue vorzunehmen. Nur ein kleiner Unterschied, zum Beispiel der, dass das Kind heute durch einen anderen Mitschüler verängstigt wurde und weinend nach Hause kam, kann den Vater dazu bringen, einen erneuten Bestellwunsch der Oma ‚hinten anzustellen‘

Situationen wie diese finden täglich dutzendfach statt. Wer dabei seine Werte nicht kennt oder unreflektiert nur glaubt sie zu kennen, der läuft unweigerlich Gefahr, in die Beliebigkeit zu rutschen. Einen solchen Menschen wert-zu-schätzen, fällt zwangsläufig schwer.

Dass die Bedeutung des eigenen Wertebewusstseins bei immer weiter wachsender Komplexität wohl der einzige Weg dafür ist, den ‚roten Lebensfaden‘ nicht aus der Hand rutschen zu lassen, ist aus meiner Sicht heute ein Faktum.