Kategorie-Archiv: Individuelle Krisenprävention

Soma und Seele

Von Rudolf Virchow, dem berühmten Arzt der Berliner Charité, ist der Hinweis überliefert, er habe im Laufe seines Lebens an die tausend Leichen seziert, aber nie eine Seele gefunden. Wie er wohl nach ihr gesucht haben mag? Ob er überhaupt an sie glaubte? Mag sein, dass er als naturwissenschaftlich wie sozial ausgerichteter Mediziner auf andere Aspekte des menschlichen Lebens ausgerichtet war.

Virchow gilt auch als ‚Erfinder‘ des Begriffes ‚Kunstfehler‘, der einen „Verstoß gegen die anerkannten Regeln der Heilkunst infolge eines Mangels an gehöriger Aufmerksamkeit oder Vorsicht“ zum Ausdruck bringt. Nicht zu erkennen, dass es eine Wechselwirkung zwischen Soma und Psyche gibt [Frankl spricht vom psychophysischen Parallelismus], die – einfach ausgedrückt – besagt, dass körperliche Beschwerden unmittelbare Wirkung auch auf psychischer Ebene zeigen und umgekehrt, müsste wohl als ärztlicher wie therapeutischer Kunstfheler angesehen werden.

Viele Krankheiten lassen sich nicht auf bloße körperliche Dysfunktionen zurückführen, sie haben oft seelische Ursachen. In der psychotherapeutischen Begleitung von Menschen sehen wir täglich, wie das unsichtbare Seelische auf die körperliche Konstitution Einfluss nimmt. Wir sehen es an der Körperhaltung, der Stimme, dem Gang, dem Gesichtsausdruck. Der psychosomatisch qualifizierte Arzt auch an organischen Symptomen, am Blutbild, an Krankheitsverläufen. Umgekehrt bedeutet dies für uns als Krisenpräventologen: Wenn Menschen sich mit möglichen Krisen präventiv befassen, dann bewahren sie sich einen Grundschutz ihrer Seele und werden weniger krankheitsanfällig, wenn eine brisante Situation wirklich eintritt. Ein wenig Prävention sollte sich daher jeder Mensch wert sein.

Ein kleiner Beitrag zur Krisenprävention

Mit unserem Verfahren Life2Me® konnten wir bereits viele Menschen hilfreich in der präventiven Krisenarbeit unterstützen. Anfängliche Beklemmungen, wohin einen wohl die Überlegungen führen würden, wichen schnell dem guten Gefühl, einen wichtigen Beitrag zur eigenen Stabilisierung geleistet zu haben. Am Ende des individuellen Reflexionsprozesses können Fragen wie diese klar beantwortet werden

  • Was sind meine wichtigsten liebenvollen und freundschaftlichen Beziehungen, die mich trotz einer Krise tragen werden?
  • Was sind meine wichtigsten Erfahrungen, auf die ich trotz einer Krise fest bauen kann?
  • Was ist trotz eines Krisengeschehens mein Sehnen, mein Träumen, mein Glaube …. mein weiterer Weg.
  • Was sind die Werte, die ich trotz einer Krise verwirklichen werde? [Anmerkung: diese Frage ist von zentraler Bedeutung in der Krisenprävention, denn in einer Krise kann ein Mensch nicht entscheiden, welche Werte Vorrang haben, zum Beispiel Freiheit oder Bindung, Sicherheit oder Risiko – Konsequenz oder Nachgiebigkeit, ….)
  • Welche Gewohnheiten werde ich trotz einer Krise pflegen, welches Verhalten werde ich entwickeln?
  • Welche Ängste werde ich trotz Krisenprävention zulassen, sollte eine Krise wirklich eintreffen, welche seelischen Verletzungen jedoch werde ich abweisen?
  • Was bleibt trotz einer Krise das Schöne, an dem ich mich orientieren werde?Antworten auf diese Fragen formen eine Geschichte, die nicht nur dann gut zu erzählen ist, wenn ein Mensch eine Krise erlebt. Im Gegenteil: Sie helfen im Hier und Jetzt dabei, das Leben sinnvoll auszurichten. Sie ermöglichen das gute Maß an Selbstliebe, das ‚hos seauton‚ (Liebe andere, ‚wie dich selbst‘)

Krise ‚Kündigung‘

Jeder Tag ist Kündigungstag. Selbst an Wochenenden werden sie ausgesprochen, zuweilen sogar per SMS. Es trifft alle Ebenen, und die Gründe sind vielfältig. Fusionen, Kostenbremsen, persönliche Fehden, Verlagerungen, Digitalisierung – wie auch immer: Der Wegfall des Arbeitsplatzes ist ein  gravierender Einschnitt und es gilt, ihn angemessen zu überwinden.

Soviel ist klar: zuerst braucht es eine Regulierung der mit der Situation verbundenen Affekte, seien es Trauer, Angst, Wut oder Scham. Zumeist hilft hierbei ein sofort offen geführtes Gespräch mit dem Partner – oder, wenn es diesen nicht gibt, mit einem guten Freund – oder, wenn es auch diesen nicht gibt, zum Beispiel mit einem Coach. Das Thema alleine mit sich herum zu schleppen, verschlimmert die Lage und führt in der Folge zu zusätzlichen Problemen und Erklärungsnöten.

Ist eine psychische Stabilisierung ausreichend hergestellt, sollten diese Aspekte bedacht werden, so nüchtern sie auch klingen mögen:

  • Ruhe ist die erste Bürgerpflicht – wird die Kündigung ausgesprochen, dann besonnen reagieren, nichts unterschreiben, nicht mit Kollegen sprachen und dabei eventuell Dinge sagen, die später die Verhandlung erschweren würden. Am besten: „Ich bedauere Ihre Entscheidung und muss damit nun erst einmal klarkommen. Gerne möchte ich mich mit meinen Angehörigen besprechen, steht etwas aus Ihrer Sicht im Wege, dass ich dies jetzt gleich tue?“
  • Ein Arbeitsverhältnis zu beenden ist Business. Natürlich, es kommt auf die Form an. Aber letztlich entscheiden die Interessen der Beteiligten. Es hilt also, eine Trennungsverhandlung als geschäftliche Aktion zu verstehen und darauf zu achten, ob im Vordergrund steht, den Prozess schnell, unaufgeregt und preiswert zu erledigen oder ob ein Prozess eines fairen Agreements eingeleitet wird.
  • Oft wird man nach ausgesprochener Kündigung freigestellt. Wichtig ist aber, dass die Kündigung sofort schriftlich ausgehändigt wird. Geschieht das nicht, dann muss der Gekündigte weiterhin arbeiten. Bleibt er der Arbeit fern, drohen arbeitsrechtliche Schritte.
  • Meist wird der Gekündigte von der IT abgekoppelt. Der Zugriff auf Daten, Mails usw. ist erschwert oder unmöglich. Auch das gehört zu diesem ‚Business‘.
  • Beginnen Sie sofort, jedes Gespräch zu dokumentieren: Wer hat was, an welchem Tag zu welcher Uhrzeit wo hinsichtlich der Kündigung gesagt (Anweisungen, Empfehlungen, Vorschläge, Drohungen ….) – wie hat man persönlich dazu Stellung bezogen? Nichts dazudichten, nur die Fakten.
  • Ein auf Arbeitsnehmerinteressen ausgerichteter Anwalt ist meist der beste Weg, um eine entspannte und gute Lösung mit dem Arbeitgeber zu verhandeln. Je nach beruflicher Position werden dabei die ‚Währungen‘ Abfindung, Freistellung, Outplacement, und-oder Beratungsleistungen ausgehandelt. Wird keine Einigung erzielt, braucht es in der Regel ohnehin anwaltliche Unterstützung, um den Gang vor das Arbeitsgericht vorzubereiten. Ob der Anwalt im Hintergrund bleibt und man zuerst selbst verhandelt, oder ob es besser ist, sofort den Anwalt für einen sprechen zu lassen, ist abhängig vom Klima und des wahrgenommenen Umgangs.
  • Ist die Kündigung schriftlich erfolgt, tickt die Uhr, denn innerhalb von drei Wochen nach Kündigungszugang kann eine Kündigungsschutzklage eingereicht werden. Dies zu tun, empfiehlt sich, um keine Nachteile bei der Arbeitsagentur zu bekommen.
  • Parallel zum Fachanwalt sollte Rat eines Steuerberaters eingeholt werden. Denn: Wird eine  Abfindung ausgehandelt, dann ist es wichtig, wie viel nach Steuern übrigbleibt.
  • [ohne Gewähr bzgl.der aktuellen Zeitlimits und Kontaktinfo] Liegt die Kündigung vor und soll ein Antrag auf Arbeitslosengeld beantragt werden, dann muss sich Gekündigte innerhalb von drei Werktagen arbeitslos und arbeitssuchend melden. Beträgt die Kündigungsfrist mehr als 3 Monate, dann ist es ausreichend, wenn sich spätestens drei Monate vor Ende des Arbeitsverhältnisses arbeitssuchend gemeldet wird. Über alles weitere informiert der Sachbearbeiter der Arbeitsagentur, [Infotelefon, wenn man sich arbeitssuchend melden möchte: 0800 4 55 55 00.
  • Prozesse der Kündigung sind endlich – das heißt, die Zukunft zu gestalten ist bald das wichtigste Thema. Wie soll es weitergehen? Business Coachs helfen, und entstehende Kosten sind steuerlich absetzbar.
  • Ein Coach wird – je nach dem, wann seine Leistungen in Anspruch genommen werden – auch ansprechen:
    – wie und zu welchem Zweck soll mit früheren Kollegen der Kontakt gehalten werden?
    – wie und zu welchem Zweck sollen Kunden informiert werden?
    – wie sieht die aktuelle psychische Verfassung aus?
    – was ist zu tun, um stabil Gespräche mit möglichen neuen Arbeitgeber führen zu können?
    – Bewerbung, aber wie?
    – Netzwerkpflege …

Präventiv: Eine Kündigung ist kein Thema, aber vielleicht gar nicht sooo unwahrscheinlich?
Dann sollten erwogen werden:

– Abschluss einer Rechtsschutzversicherung [Wartezeit beachten]
– Entwicklungscoaching durchführen, um sich Zukunftsoptionen stressbefreit zu erarbeiten
– Individuelle Krisenprävention mit Life2Me

Was wir über Burn-Out schon wissen – und: was wir wissen sollten [5]

Fortsetzung vom 24. Juni 2018

Gefundener Sinn im Leben führt zu einer stimmigen psychischen Selbstregulation. Ist der persönliche Sinnbeitrag geklärt [und dies gelingt nur mit zuvor geklärten Werten], dann entscheidet und handelt der Mensch wertebasiert, authentisch, schneller und nachhaltiger. Das Selbst reguliert sich auf den Sinn hin.

Der in anderen Therapieschulen vertretenen Vorstellung, man könne sich durch positives Einreden eines ‚ich bin okay‘ und der Selbsterlaubnis, störende innere Stimmen zuzulassen und nicht negativ zu bewerten, eine ähnlich stabile Selbstsicherheit entwickeln, stehen wir in der Logotherapie skeptisch gegenüber. Kurzfristig mag sich eine Besserung der psychischen Verfasstheit zeigen, ohne dauerhafte therapeutische Begleitung verpuffen jedoch viele der guten Ansätze allzu schnell.

Anders die das Risiko eines Burnouts mindernde Logotherapie [begründet von Viktor Frankl, dritte Wiener Schule für Psychotherapie, und theoretische Basis der von uns entwickelten Konzepte des sinnzentrierten Coachings [Logocoaching] und der individuellen Krisenprävention [Life2Me]], die auf verschiedene Weise dadurch Nutzen bringt, dass sie den Fokus auf die Klärung des eigenen Wertesystems legt:

  • Die Person kann sich wieder identifizieren mit dem was sie selbst ist, nicht nur, was sie hat oder leistet
  • Die Person kann sich im Berufskontext besser von sie schädigenden Bedingungen distanzieren, ohne dass darunter der Selbstwert leidet
  • Die Person kann das Erreichen von Zielen loslösen von der Verwirklichung von Werten – für das erste ist die Währung ‚Geld‘, für das zweite ‚Sinn‘. Wenn beide Währungen verfügbar sind, dann ist das gut. Wenn nicht, dann bleibt der Selbstwert stets auch dann erhalten, wenn der vermeintliche Leistungswert nicht den eigenen und-oder fremden Erwartungen entspricht
  • Die Person erlebt sich im Einklang mit sich und damit per se nicht mehr defizitär – ein Vorteil insbesondere dann, wenn die gegebenen Systembedingungen erwarten lassen, dass einem von verschiedenen Seiten Unzulänglichkeiten suggeriert werden
  • Die Person blockiert sich nicht selbst in ihrer Entwicklung. Wer darauf bedacht sein muss, sich vor Fremdbe- und -verurteilung zu schützen, entzieht sich die erforderliche Energie zur Persönlichkeitsreifung. Wer aber um seine Werte weiß, der kann auch entdecken, was er tun muss, um seine Werte nicht zu ideologisieren. Die Selbsterkenntnis hilft letztlich der wertebewussten Person als auch dem Unternehmen, der Familie, dem Freundeskreis usw.
  • Die Person braucht keine Anstiftung zur Motivation, ihr Wertesystem übernimmt die Steuerung, die Regulierung, die Kontrolle und die Entwicklung des Selbst.

Das erkannte auch Fredmund Malik als er schrieb: „Es ist das Beste, was je zur Frage von Motivation gesagt wurde. Ja, ich halte Frankls Sinn-Theorie für die richtige Motivationslehre schlechthin.“

Und er ergänzt mit Hinweis auf die ‚Frankl‘-Unkenntnis vieler Berater und Führungskräfte: „In den Literaturverzeichnissen der Managementliteratur im engeren Sinne findet sich kein oder nur selten ein Hinweis auf Frankls zahlreiche Schriften und Vor­träge. Wenn überhaupt, dann wird er meistens falsch zitiert.[…] Arbeitslosigkeit und Existenzangst, sowie der Verlust der Glaubwürdigkeit wirtschaftlicher und politischer Führung, sind Grund genug, um die Sinnfrage zu stellen. Alle wirklichen Kenner der Lehre von Frankl haben mir dasselbe berich­tet – sie hat ihr Leben verändert, zum Besseren, zu mehr Gelassenheit, zu in­nerer Ruhe, aber auch zu besserer Orientierung, weil sie plötzllch mit innerer Sicherheit wussten, wohin sie gehörten, zu mehr Orientierung und als Folge dessen zu größerem Engagement und mehr Leistungsfähigkeit – zur Identifika­tion mit sich selbst.[…]

Sinn, so Viktor Frankl, kann aber nicht gegeben, schon gar nicht gemacht wer­den, sondern er muss gefunden werden. „Sinnmacher“, Sinngeber, Sinnstifter zu sein, was von Führungskräften zwar zeitgeistkonform, aber in Unkenntnis des Werkes von Viktor Frankl gefordert wird, ist das genaue Gegenteil dessen, was er selbst vertreten hat. Als Manager können wir nur eines tun, nämlich den Menschen Möglichkeiten zu schaffen, ihren Sinn zu finden. Das aber müssen wir auch tun, damit so viele Menschen wie möglich Sinn in unseren Organisationen und ihrer Arbeit finden können. Suchen und finden muss ihn jede und jeder selbst, aber die Vorausset­zungen dazu sind vom Management, von jedem einzelnen Chef auf jeder Stufe in jeder Organisation für jede Person zu schaffen. Das ist der einzige Weg zu etwas, was dann die Bezeichnung „Motivation“ verdient. Es ist, wie man erkennen wird, etwas ganz anderes, als was man heute unter Motivation versteht.“

„…den Menschen Möglichkeiten zu schaffen, ihren Sinn zu finden“ [Malik]: Wann also kommt endlich die Zeit, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern durch professionelles, auf Frankls Wissen um den Menschen fundiertes Training oder Coaching die Gelegenheit geben, sich ihrer eigenen Werte bewusst zu werden? Muss es erst die nächste Krise in der Branche oder dem eigenen Unternehmen sein, über die dann die Menschen mit Burnout in die Praxen kommen?

Was wir über Burn-Out schon wissen – und: was wir wissen sollten [4]

Fortsetzung vom 20. Juni 2018

Folgt man der – verbreiteten – Ansicht, das Selbst entstünde in den ersten zwei Lebensjahren dadurch, dass dem Kind gespiegelt wird, dass es geliebt wird, Anerkennung erhält und Akzeptanz erfährt, dann ist die Folge, dass sich ein Kind, das dies nicht erhält, sich nur über seine Leistungen eine Bestätigung dafür einholen kann, dass es selbst etwas zuwege gebracht hat.

Erfährt das Kind in den ersten zwei Jahren Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch, dann entsteht kein Selbst und die Bedeutung der Leistung wird dafür immer größer. Führt diese Leistungsausrichtung dann zur Ausbeutung in eigener Sache, sabotiert der Mensch sich selbst und damit auch die Möglichkeit, ein eigenes Selbst zu entwickeln. Eine diesen Prozess unterstützende Therapie braucht Geduld und braucht an sich sogar das leidvolle Phänomen der Selbstsabotage, im Sinne der Sabotage des falschen Selbst und der Hoffnung, ein eigenes, tragfähiges Selbstbild zu entwickeln.

Das logotherapeutische Menschenbild beruht neben einer Reihe anderer Annahmen auf dem Gedanken Viktor Frankls, dass ‚der Mensch mit Geburt Person ist‘. Personsein in diesem Verständnis bedingt und bedeutet, von Anbeginn mehr zu sein als das durch Eltern Vererbte. Person sein heißt, dass etwas ‚ist‘, was von Anbeginn durchtönt [per-sonare – durch-tönen]. Das, was da durchtönt, ist in unserem Verständnis das dem Kind zueigene Wertesystem, das sich zeigt in seinem originären Charakterstil [Frankl: der Mensch hat ab Geburt Charakter]. Bevor also das Kind womöglich erlebt, dass es instrumentalisiert, sozialisiert, misshandelt, sanktioniert wird oder aber auch, bevor das Kind hoffentlich erlebt, dass es geliebt, gewärmt, gestützt, getröstet … wird, hat das Kind bereits einen Wesenskern herausgebildet, der nun mehr oder weniger durch das Verhalten seiner Bezugspersonen und-oder seiner Umwelt erodiert. Diesen Wesenskern wieder herauszuarbeiten, ist eine der Leistungen unserer Logotherapie, wenn ein Mensch das Empfinden hat, sich selbst verfehlt zu haben, nicht sich selbst zu sein … Menschen, die dieses Empfinden haben und die aus ihrer Selbstsabotage heraus zu ihrem originären Selbst zurückkehren wollen, brauchen eine Unterstützung zur Selbstbesinnung [und damit – im Kern – Zeit zur Erkenntnis ihrer  originären Werte]. Die logotherapeutische Arbeit unterstützt den Menschen, eine Haltung zu sich selbst wieder aufzubauen und dabei den Blick weniger darauf zu richten, wer oder was hat dazu geführt, dass auf die inneren Signale nicht geachtet wurde und man sich ständig weiter ausgebeutet und sabotiert hat – sondern mehr darauf, sich mit dem neugewonnenen Selbstbild auf das Sinnhafte in der Welt auszurichten, die originären Werte zu verwirklichen und sich in der Freiheit, die man hat, zur Selbst-Verantwortung zu bekennen.

Ist die Selbsterkenntnis [i.S.: Werte-Kenntnis] aufgebaut, vermag der Mensch sich in einer meist schnell spürbaren Wirkung, sich selbst zu regulieren, Wer dies gut vermag, trotzt auch ungünstigen Bedingungen, zum Beispiel in der Arbeitswelt. Wer dies vermag, braucht sich nicht über seine Erwartungen zu definieren, sondern kann seine eigenen Verantwortungen übernehmen. Ein Burn-Out und andere Formen der stressbedingten Depression haben in einem derart selbstregulierten Leben keinen Platz.

* wird fortgesetzt *

Was wir über Burn-Out schon wissen – und: was wir wissen sollten [3]

Fortsetzung vom 17. Juni 2018

Selbstsabotage ist ein Phänomen mit vielen Gesichtern. Im Kern beschreibt es ein Verhalten von Menschen, das wider seine Entwicklung verläuft, bei dem der Mensch weiß oder wissen könnte, dass sein Verhalten zwecklos ist und es dennoch zeigt. Warum ist das so? Meist spielt die subjektive Selbstwahrnehmung der bewussten Erkenntnis einen Streich. Man verhält sich, weil man darauf vertraut, dass es einem selbst anders ergehen wird als den vielen anderen, die sich ebenso verhalten [‚ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas auch passieren könnte‘]. Neben einer solch verzerrten Selbstwahrnehmung können auch emotionaler Schmerz, Traumata, Angst, Trauer und Depressionen mit dazu beitragen, eigenes Verhalten falsch zu deuten [ein Grund dafür, dass wir empfehlen eine individuelle Krisenprävention wie wir sie mit Life2Me anbieten dann anzugehen, wenn es einem psychisch gut geht]. Und – auch das weiß an sich heute jeder – der Versuch, sich Situationen durch Alkohol oder andere Süchte schön zu färben, führt geradewegs weiter in die Verzerrung.

Häufig findet sich in der Psychologieliteratur als Grund für Selbstsabotagen der Hinweis, dass dieses Phänomen ein Resultat unbewusster Verhaltens- und Denkweisen sei, die in der Kindheit eingeübt wurden. Wenn Kindern zum Beispiel immer wieder eingeschärft würde, dass sie wertlos und unnütz sind, dass sie Menschen seien, die nicht zu respektieren seien, dann lernten sie, sich selbst zu verachten. Die mangelnde Anerkennung würde letztlich dazu führen, dass sie sich selbst nichts mehr zutrauen und sich dann selbstsabotierend immer wieder einreden, unfähig und wertlos zu sein. Als Erwachsene würden sie später immer wieder Erfahrungen, Verletzungen und Frustrationen suchen, um diesem negativen Selbstbild zu entsprechen und sie würden dieses erlernte Muster ihrerseits in ihrem Verhalten gegenüber anderen zeigen. Selbst positive Erfahrungen, die sie machen, würden sie ignorieren oder einfach nicht mehr erinnern.

Die Vertreter dieser Thesen folgen offenkundig einem Menschenbild, das den Menschen als reaktives und abhängiges Mängelwesen begreift. Dass Prägungen der beschriebenen Art ihre Auswirkungen auf die psychische Entwicklung eines Menschen zeitigen, soll hier gar nicht bestritten werden. Was wir jedoch bestreiten ist, dass Menschen nicht anderes sind als das Resultat ihrer Prägungen, dass sie zeitlebens verdammt sind, sich über das ihnen durch Personen oder Umweltbedingungen ‚Angetane‘ zu definieren. In einem solchen Verständnis wäre Selbstsabotage dann nichts anderes als ein unbedingter Wiederholungszwang und ein unbedingtes Zerstörungsmuster aus der Kindheit und in diesem Sinne dann ein unbewusster Hilfeschrei aus der kindlichen Epoche des betroffenen Menschen. Kann das wirklich alles sein – der sich selbstsabotierende Mensch, der als Opfer und Täter zugleich einem Muster folgt, es weitergibt usw. usf.? Soll ein Mensch derart reduzierbar sein? Es kommt wohl darauf an, welcher Theorie man folgt wenn es um die Entwicklung dessen geht, was wir als das ‚Selbst‘ bezeichnen

* wird fortgesetzt *

Was wir über Burn-Out schon wissen – und: was wir wissen sollten [2]

Fortsetzung vom 13.6.18

Wer sich selbst schätzt und nach seinen Werten handelt, der ist sich selbstverständlich sicher. Selbstsicher. Für Selbstsicherheit gibt es immer einen Rahmen, der sich Unternehmen nennt.
Wer seine Werte jedoch nicht kennt und sich lieber durch ein Unternehmen bewerten lässt, gibt sich letztlich ab. Wenn das Abgegebene die Existenzsicherung des Unternehmens nicht mit gewährleistet. dann liegt nahe, dass das Unternehmen aufräumt. Bevor es dazu kommt, wird derjenige, der spürt, dass das Abgegebene dem Unternehmen nicht ausreicht, noch mehr und immer mehr abgeben. Bis: ‚Burnout‘. Ist der Reifen abgefahren, wird er ausgetauscht. Hat der Mensch kein Werteprofil, fährt er mit abgefahrenen Reifen.

Ja, aber! Sicher werden diese Aussagen ein gewisses Bauchgrummeln hie und da erzeugen. Gerade dort, wo zuweilen sehr offensichtlich Missmanagement betrieben, strategische Fehlentscheidungen getroffen oder schlicht betrügerisch vorgegangen wurde und damit über kurz oder lang dem ‚Mitarbeiter‘ ein Problem entsteht. Die Appelle, man müsse eingedenk der Krise nun aber alle Energie einsetzen, um das Ruder wieder herumzureißen, führen dann, wenn der Ernst der Lage zum Ernst des Einzelnen geworden ist, oftmals in die individuelle Überforderung. Und wieder gilt: Ist der Reifen abgefahren, entsteht bei Regen gerne Aquaplaning. Ohne bewusste Selbstwerte kommt der Mensch in Unternehmenskrisen ebenso ins Schlittern. Ganz fatal wird es, wenn ein Mensch in dem was er in seiner Arbeit tut, Sinn findet und mächtige Akteure im System durch ihr Handeln das Unternehmen gefährden und damit auch die Sinnverwirklichung des Einzelnen. In Coaching und Therapie hören wir immer wieder von diesen Empfindungen – nicht selten geht es diesen Menschen wie Angela Merkel nach der Reaktion Trumps nach dem G7-Treffen: „das war ernüchternd bis deprimierend“.

Jedoch: Unternehmen sind nicht Garanten für das Vorfinden von Sinn. Die Idee, Unternehmen oder Vorgesetzte hätten die Aufgabe, Sinn zu stiften, ist absurd. Sie haben die Aufgabe, die Existenz der Organisation zu sichern. Dazu gehört die Erfüllung von Aufgaben. Diese Erfüllung braucht Kompetenzen. Hat ein Mensch diese Kompetenzen entwickelt, ist ihr Einsatz zweckdienlich. Ermöglicht der Einsatz der Kompetenzen überdies die Verwirklichung individueller Werte, dann ist ihr Einsatz zudem sinnvoll. Fällt nun das Unternehmen als Plattform der Aufgabenerfüllung weg, dann verbleiben dennoch die Kompetenzen und das individuelle Wertesystem. Beide bilden die Basis für den Neuanfang in einem neuen System. Und das ist auch gut so, denn wäre es anders, dann ginge die Verantwortung für Lebensfreude, Erfülltheit und sinnvolle Gestaltung des Arbeitslebens auf das Unternehmen über. Übrigens: Gleiches gilt für das System Familie oder Partnerschaft. Alle Versuche, die Selbstverantwortung ins Pflichtenheft Dritter zu übertragen, scheitern. Mal früher, mal später. Der Begriff, der diesen Prozess m.E. am besten beschreibt, ist der der ‚Selbstsabotage‘.

* wird fortgesetzt *

Was wir über Burn-Out schon wissen – und: was wir wissen sollten [1]

Burnout ist keine Krankheit. Burnout ist ein Gesellschaftsphänomen. Die Erkrankung, die entstehen kann, wenn das Phänomen nicht erkannt und ihm nicht gegengesteuert wird, heißt Depression.

Als Auslöser des Burnout werden immer wieder genannt: Zeitdruck und permanente Präsenz, Mobilität und Entfremdung, Arbeitsplatz- und Zukunfts-Unsicherheit und andere Faktoren mehr. Insgesamt: Am Burnout ist der Markt, der Kapitalismus, das Unternehmen, vielleicht sogar der Vorgesetzte als verlängerter Arm des Unternehmens schuld.
Falsch: Denn, Unternehmen haben primär die Aufgabe, ihre Existenz zu sichern. Sie haben nicht die Aufgabe, sich primär an den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter zu orientieren.

Unternehmen folgen stets ihrer Logik und nicht der selbstverschuldeten Unmündigkeit ihrer Mitarbeiter. Individuell selbstverschuldet unmündig zu sein [ein Begriff des deutschen Idealisten Immanuel Kant] sei hier verstanden als Versuch, eine Lastenumkehr vorzunehmen im Sinne eines: Wenn ich mich mit dem, was ist, nicht arrangieren kann, dann muss der Grund dafür im Unternehmen zu suchen sein, das es nicht schafft, mir ein passendes Arrangement zu bieten.
Wir wissen: je mehr Mitarbeiter diese Haltung einnehmen, um so eher zwingen sie das Unternehmen, in dem sie arbeiten, in die Knie. Ein solches unter Druck stehendes Unternehmen wird immer ein ‚enttäuschendes‘ Unternehmen sein, so wie ein permanent unter Druck stehendes Elternteil auf Sicht ein ‚enttäuschendes‘ sein wird.

Wir wissen, Burnout ist eine unzureichende Mündigkeit, eine unzureichende Verantwortung, mit der gegebenen Freiheit umzugehen. Insbesondere: Burnout ist das Abbild eines unzureichend geklärten Wertesystems. Was vielen Menschen noch nicht bewusst ist: Die Klärung der eigenen Werte ist möglich, die Tools sind verfügbar, der Zeitaufwand überschaubar, die Konsequenzen der Klärungsarbeit womöglich anfangs schmerzhaft, dann extrem erleichternd. Wer hingegen sich verfehlt und dies dann Burnout nennt, geht leichtfertig mit seiner Verantwortung um. Man ist halt leicht fertig, wenn man dem Unternehmen den Schwarzen Peter zuschiebt, von ihm Bedürfnisbefriedigung erwartet, ohne dass man selbst weiß, wofür man einsteht, worin der Sinn [und nicht der Zweck] des eigenen Handelns liegt.

Wir wissen: Es gibt keine so genannte ‚humane Arbeitswelt‘ – es gibt Arbeit, die mal mehr mal weniger den individuellen Vorstellungen von Humanität entspricht. Was human ist, entscheidet somit der Einzelne. Bezieht er sich auf seine bewussten Werte, dann setzen diese die Grenzen zwischen human und inhuman. Sind ihm seine Werte nicht bewusst, dann werden ihm die Grenzen gesetzt – Grenzen, die so eng werden können, dass der Druck stetig zunimmt. Versucht nun der derart bedrückte Mensch seine Erwartung an Druckentlastung an das Unternehmen zu äußern, so delegiert er etwas, was er nicht delegieren kann.

Ähnlich verhält es sich, wenn ein Mensch seine Werte nicht kennt, dann aber Wertschätzung von seinem Unternehmen erwartet. Wie soll das denn gehen? Und würde er seine eigenen Werte kennen: wieso sollte man sie dann noch von anderer Seite ’schätzen‘? Wer seine Werte kennt und nach ihnen handelt, braucht keine Wertschätzung. Es wäre sonst ja so, als hätte man ein Buch gelesen und dieses Buch würde einem dann noch einmal vorgelesen – wozu soll das gut sein? Relevant ist, wie der Mensch seine Werte verwirklicht, worin er den Sinn seiner Tätigkeit sieht, welche Wirkung seine verwirklichten Werte haben. Im besten Fall erhält der Mensch für seine Wirkung dann das vertraglich vereinbarte Pendant.

* wird fortgesetzt *      

Schutzfaktor ‚Lebensstil‘

Der Schutzfaktor ‚Lebensstil‘ gewann mit Aufkommen verschiedener Zivilisationskrankheiten an Bedeutung. Durch  Forschungen in den 60er Jahre fand man u.a. heraus, dass die Abnahme von der Sterblichkeit nach Herzinfarkt weniger an einer verbesserten medizinischen Versorgung lag als an  Änderungen des Lebensstils [Ernährung, Ruhezeiten, Sport, … und auch die Reflexion der Lebensziele]. Wer nicht nur versucht, nicht krank zu werden, sondern vielmehr bestrebt ist, sich gesund zu erhalten, wird nicht umhinkommen, eine individuelle Kunst der Lebensführung zu entwickeln, die sich integrativ aus der aktiven Gestaltung der Umweltbedingungen, einem besseren Gleichgewicht zwischen Anstrengung und Muße, dem Beachten der Körperpflege, dem bewussten  Umgang mit Gefühlen und Kreativität, einer gesunde Ernährung und – für uns zentral – einer Klärung der eigenen Werte zusammensetzt.

Schutzfaktor ‚Denkstil‘

Das Konzept des positiven Denkstils nimmt an, dass Situationen durch mentale Prozesse positiv verändert werden können. Dabei werden bei der Beurteilung einer Situation Verallgemeinerungen vermieden und unterschiedliche Situationsgegebenheiten berücksichtigt. Durch einen positiven Denkstil wird das Selbstwertgefühl erhöht und Energien werden leichter für die Bewältigung von Problemen freigesetzt. Ein dauerhaft positiver Denkstil, der auch durch Misserfolge oder Krisen nicht im Kern beeinträchtigt wird, weist auf eine hoffnungsvolle Lebenseinstellung hin.

In Krisensituationen geraten Menschen – bewusst oder unbewusst – in einen Selbstbewertungsprozess, in dem sie eine Reihe von Situations-, Handlungs- und Ergebniseinschätzungen vornehmen, bei denen sie sich fragen, was wohl geschieht, wenn sie ihre gegenwärtigen Bemühungen fortsetzen. Personen mit einer optimistischen Lebenseinstellung haben ihre positiven Ergebniserwartungen auf viele unterschiedliche Situationen generalisiert und vertrauen auf den für die jeweilige Situation bestmöglichen Ausgang.

Das Konzept des positiven Denkens ist sehr populär, doch finden sich in vielen Studien darüber keine Aussagen, ob die Dinge sich von allein – im Sinne von „Glück haben“ – positiv entwickeln  oder ob eine Person selbst ihr Schicksal kontrollieren und durch eigene Anstrengung in eine für sie positive Richtung verändern kann. Würden sich die Dinge von allein entwickeln, dann handelte es  um blindes Vertrauen, einer für die Bewältigung von Krisen eher hinderlichen Eigenschaft.