Kategorie-Archiv: Sinntheorie

Der Sinn als Mitglied des inneren Teams

communicare „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen; gemeinsam machen, vereinigen“

Wir können nicht nicht gegenüber anderen Menschen kommunizieren.
Wir können nicht nicht mit uns selbst kommunizieren.
Kommunikation ist alles und überall. Das macht es nicht immer wirklich leichter.

Im Rahmen unseres Einzelcoachings:

  • können Sie sich Ihre inneren Dialoge (Selbstkommunikation) bewusst machen und dabei zwischen förderlichen und hinderlichen Mustern unterscheiden
  • können Sie sich Ihren Glaubenssätzen nähern und beginnen, sich von einst verinnerlichten Altlasten zu befreien
  • können Sie eine Verbindung herstellen zwischen Ihren Werten, die einen Beitrag dafür leisten, Einstellungen und Haltungen zu prägen, die ihrerseits zu Verhaltensmustern und Kommunikationsstilen führen
  • können Sie lernen, effektiver zu fragen
  • können Sie Ihre non-verbale Kommunikation (Körpersprache) studieren und verbessern
  • können Sie Ihr Kommunikationsbedürfnis und das anderer Menschen erkunden und üben, wie sich Stress durch Kommunikation vermeiden läßt

Soviel zum Werbeblock.


Wenn man sich mit Kommunikation und dem Phänomen des inneren Dialogs befasst, kommt man am Konzept des ‚Inneren Teams‘ von Friedemann Schulz von Thun nicht vorbei: 

„Die Erkenntnis, dass die menschliche Seele eine faszinierende innere Gruppendynamik aufweist und die Entdeckung, dass die dort waltenden Verhältnisse eine erstaunliche Analogie zu denen in realen Gruppen und Teams aufweisen, haben mich dazu gebracht, die Metapher vom „Inneren Team“ zu formulieren und zur Grundlage meines Menschenbilds und meiner kommunikationspsychologischen Beratung zu machen.“

Das Modell betrachtet die „Innenseite“ der Kommunikation, denn ein Miteinander und Gegeneinander findet nicht nur zwischen Menschen, sondern auch innerhalb des Menschen statt. Meist gibt es mehrere innere Stimmen, die sich zu einem bestimmten Thema äußern, die sich miteinander selten einig sind und die alles daran setzen, auf unser Verhalten und unser Handeln Einfluss zu nehmen.

Das Modell des Inneren Teams beinhaltet sechs Lehren:

1) Lehre von der inneren Pluralität des Menschen
(innere Reaktionen auf andere Menschen oder Ereignisse erfolgen meist gemischt, undeutlich, in Form eines „hin-und hergerissen“)

2) Lehre von der inneren Führung
(wenn es ans Entscheiden geht, dann behält das „innere Oberhaupt“ das letzte Wort)

3) Lehre vom inneren Konfliktmanagement
(Gegensätze und Spannungen werden vom inneren Konfliktmanager gemanagt – er besitzt mehr oder weniger die Tugend der Verständigungsbereitschaft, die Fähigkeit, die Perspektive des anderen einzunehmen, den Willen zum Sinn)

4) Lehre vom Aufbau der Persönlichkeit
(das innere Team kennt „Stammspieler“, „Ersatzbank“, „Schiedsrichter“, „Publikum“, und so weiter)

5) Lehre von der Variation innerer Aufstellungen
(ein Mensch variiert je nach Kontext in seinem Kommunikationsverhalten – und wirkt dabei zuweilen unberechenbar)

6) Lehre vom Gehalt einer Situation
(der Mensch setzt spontan Schwerpunkte – innerhalb einer kurzen Situation kann es aufgrund des inneren Teams zu stimmigen oder konfliktären Kommunikationsmustern kommen)

Für die sinnzentrierte Arbeit mit Menschen ist sind hiervon die zweite und sechste ‚Lehre‘ von besonderer Bedeutung. Das innere Oberhaupt ist für uns das Sinn-Organ, das Gewissen. Unter dem ‚Gehalt einer Situationen‘ verstehen wir den bestenfalls gegebenen Situationssinn oder – negativ – den sich in Situationen nicht allzu selten auch zeigende ‚Unsinn‘.
Da wir den Menschen als sinnstrebig verstehen, es für ihn also in der Welt immer auch jederzeit einen Sinn gibt, so lässt sich dieser auch – im Verständnis der fünften Lehre – als innerer Repräsentant aufstellen. Eine solche Sinn-Aufstellung gehört zu den von uns im Werte- und Sinncoaching sowie im Krisenpräventionscoaching eingesetzten Standardinterventionen.

Geht der Sinn, geht auch die Motivation

Jegliche Handlungen in Form von Entscheidungen, Herstellungen, Kommunikationen erfolgen in Unternehmen durch dafür verantwortliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Soll es zu gemeinsamen Handlungen kommen, dann sind verbindende Ideen, gleichgerichtete Sprache und ein geteiltes und getragenes Werteverständnis erforderlich.

Den Grundbedürfnissen nach Sicherheit, Zuwendung oder Zugehörigkeit, die die Identifikation der Menschen mit ihrer Organisation einst förderten, werden neue Lebenswelten entgegengestellt, die unpersönlicher, hektischer und sachlicher sind – Welten, die an die Eigenverantwortlichkeit, Dringlichkeit und Professionalität appellieren. Menschen, die diese neue Welt mit anderen Lebensumfeldern balancieren können, finden durchaus Gefallen in dieser Lebensweise. Anderen wiederum entsteht durch den Wegfall der ihnen wesentlichen Werteheimat eine Leere, die sich nicht durch Zukunftsszenarien ausgleichen lässt. Für diese Menschen gibt es keinen „value compensation benefit“. Die Folge sind Fluchtverhaltensweisen, wie zum Beispiel innere Kündigungen und Passivitäten, Konsum und andere Räusche, Aggressionen nach innen und außen, Ideologisierungen oder Systemschädigungen aller Art.

Geht der Sinn, geht auch die Motivation. Die Forderung nach Selbstmotivation läuft in der Sinnleere eben in die Leere. Was hilft es – die Führungskräfte sind in einer neuen Pflicht. Wollen sie nicht nur nicht demotivieren, sondern einen aktiveren Beitrag zur Führungskulturentwicklung leisten, dann steht ihnen eine neue Qualität der Kommunikation ins Haus – das Sinnvereinbarungsgespräch.

Es ist eine ungewöhnliche Situation: Die gewaltigen Anstrengungen, um sich für den nächsten Lebenszyklus der Wirtschaft aufzustellen, verpuffen, ohne dass durch sie neue Sinnangebote entstehen würden. Global – digital – virtual – die Modernisierung wird zum Motor mancher Sinnfindungskrise. Der kleine Teil des Menschen, auf den es nur noch wirklich anzukommen scheint – das Wissens-Hirn – arbeitet immer feiner, fokussierter, kernkompetenter. Das ‚Ich‘ gewinnt, und das, was der Mensch will, steht im Vordergrund. Das ‚Selbst‘ verliert, und das, was der Mensch braucht, verschwindet in der Flucht. Nur wohin? In eine Kirche, eine Familie, eine Gemeinschaft, die ihrerseits allzu oft ebenso um das Werteüberleben kämpfen?

In einer einfachen, aber institutionalisierten Weise kann ein Beitrag geleistet werden, damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder spüren lernen, dass es ein hohes Gut noch gibt – die Glaubwürdigkeit. Dieser Wert reduziert Komplexität, er führt zu einer konstruktiven Bindung, er lässt beides zu: „Wachstum und Zusammen-Wachstum“, „Ertrag und Erträglichkeit“, „Arbeit und Sinn“. Aber Vorsicht – Glaubwürdigkeit bedingt Aufrichtigkeit zu sich selbst, die Kenntnis über eigene Werte, eigenes Vermögen und Nichtvermögen, eigenes Wissen und Nichtwissen. Ein „Projekt Glaubwürdigkeit“ wird scheitern, eine „Glaubwürdigkeitsoffensive“ ebenso.

Wenn in Unternehmen vom Sinn gesprochen wird, dann meist im Kontext von Zweck, Nutzen, Entscheidung und Erfolg. Im Alltagsleben mag dies genügen, schon im Althochdeutschen verstand man unter Sinn soviel wie „streben, begehren“. Ursprünglich aber bedeutete Sinn „gehen, reisen, fahren“. Diese Bedeutung hat sich aus dem indogermanischen Begriff „sent“ herausentwickelt – und mit „sent“ wollte man früher sagen „eine Richtung nehmen“ oder „eine Fährte suchen“.

Eine Richtung einzunehmen ist um so wichtiger, wenn die Strukturen, die früher Halt gaben, aufgelöst werden oder es bereits sind. Die Vielzahl von Möglichkeiten, die das Leben bietet, bilden zwar überaus abwechslungsreiche, meist auch hochgradig spezialisierte Bereiche heraus – der Zusammenhang dieser Bereiche ist allerdings nur noch schwer fassbar und lässt sich kaum noch zu einem Ganzen zusammensetzen.

Die Soziologen Döring und Kaufmann dazu: „Die strukturelle Differenzierung der Gesellschaft führt also gleichzeitig zu einer Differenzierung der Sinnsphären und damit für das Individuum zu heterogenen Sinnangeboten, welche sich kaum noch zu einem „Sinn des Ganzen“ integrieren lassen.“ Viktor Frankl dazu: „Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinkte, was er muss, und im Gegensatz zum Menschen von gestern sagen dem Menschen von heute keine Traditionen mehr, was er soll. Nun, weder wissend, was er soll, scheint er oft nicht mehr recht zu wissen, was er im Grunde will.“

In der weit verbreiteten Motivationstheorie von Maslow ist ‚Transzendenz zum Sinnvollen‘ an oberster Stelle der Motivationshierarchie zu finden. Das Fundament seiner Bedürfnispyramide bildet die Befriedigung niederer Bedürfnisse (Nahrung, Sicherheit …). Sind diese gesichert, so kann die Befriedigung höherer Bedürfnisse folgen. Folgt man diesem Konzept, so könnte man davon ausgehen, dass der Mensch erst dann den Anspruch auf einen Sinn des Lebens anmeldet, wenn es ihm gut geht. Dem widersprechen jedoch zahlreiche Beobachtungen und Erfahrungen aus der Therapie, wo der Sinn gerade dann wesentlich wird, wenn die Menschen sich in einer Krise befinden.

Die Sinntheorie von Viktor Frankl setzt daher den „Willen zum Sinn“ als Grundlage des menschlichen (beruflichen) Lebens voraus. Sinn ist der Antrieb des Menschen, es ist der Sinn, der den Menschen handeln lässt und ihn vorantreibt (… und nicht Lust oder Macht, wie dies Freud und Adler meinten). Nach Frankl taucht der Wille zur Lust und Macht immer erst dann auf, wenn der Wille zum Sinn frustriert ist.

Sinn in diesem Zusammenhang bedeutet nicht Zweck, sondern er ist immer auf ein Objekt, auf ein Ergebnis gerichtet. Sinn ist immer mit einem Subjekt verbunden und richtet sich nach dem Motiv eines bestimmten Handelns oder eines Erlebens. Sinn fragt also konkret nach der Bedeutung, die eine bestimmte Situation für den Mensch hat. Der Zweck von Handlungen eines Unternehmens ist es, dass es Geld verdient. Welche Bedeutung das verdiente Geld jedoch hat, wird nicht durch Zweck geklärt. Diese Bedeutung, der Sinn, ergibt sich erst daraus, wofür das Geld eingesetzt wird.

Sinn ist also nicht auf andere Bedürfnisse zurückzuführen und lässt sich auch nicht von ihnen herleiten. Da Sinn aber auch nicht direkt sichtbar ist, würden die meisten Menschen wohl widersprechen, wenn man ihnen sagte, dass sie nach Sinn suchen. Vielmehr würden sie eine Menge von Bedürfnissen und Motiven nennen, die offensichtlich und naheliegend sind. Dass diese Menschen trotzdem nach Sinn suchen, erklärt Frankl so: „Selbstverständlich wünscht sich jemand, der krank ist, zunächst einmal, gesund zu werden, und jemand, der arm ist, zunächst einmal, zu Geld zu kommen. Aber ebenso gewiss tun es beide ja nur, um dann ein Leben in ihrem Sinne zu führen – den Sinn ihres Lebens erfüllen zu können.“ Sinn ist folglich der „Energiespender“, der „Wunsch des Menschen, die Zerrissenheit des Lebens zu überwinden – denn da, wo Beziehung, Einheit hergestellt ist, wird Sinn erfahren“. Wer den Sinn nicht findet, so Frankl, läuft Gefahr in ein existentielles Vakuum zu stürzen, ein Nichts, in dem den Menschen nichts mehr vorantreibt.

Einen Sinn zu finden ist letztendlich die Aufgabe, die das Leben an den Menschen stellt. Sinn ist aber in jeder Situation vorhanden. So ist es nicht einzig die Frage nach dem Sinn des Lebens, die der Mensch sich stellen muss, sondern auch, welcher Sinn sich in der gerade gelebten Situation verbirgt. Die Erkenntnis des Sinns zu fördern, den Sinn des Einzelnen und des Unternehmens  zu thematisieren, ist möglich und aus unserer Sicht die zentrale Führungsaufgabe.

Sinn ist der konkrete Sinn einer konkreten Situation und dieser Sinn ist an eine konkrete Person adressiert. Das ist ein Vorteil – Sinn ist nicht nebulös, erst durch viele Instrumente und Analysen herauszuarbeiten oder kostenintensiv zu recherchieren. Sinn ist da, hier und jetzt, ansprechbar und aussprechbar. Ein wert- und sinnvolles Gespräch über den Sinn kann jederzeit geführt werden. Auch in Unternehmen.

Welchen Sinn eine bestimmten Situation bietet, ist für jeden Menschen unterschiedlich, so wie auch jede Situation einen anderen Sinn für den selben Menschen bietet. Nach Frankl ist Sinn objektiv in der Hinsicht, dass in jeder Situation eine Möglichkeit zum Sinn liegt und demnach von jedem auch gefunden werden kann. Sinn ist auch objektiv in dem Maße, dass eine „Welt des Sinnes und der Werte“ per se existiert, die objektive Geltung hat, also von der Bedeutung für das Individuum unabhängig ist. Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden … Sinn muss gefunden, kann aber nicht erzeugt werden. Sinn kann nicht von anderen vorgesetzt werden. Ein „Einreden“ oder „Überreden“ zum Sinn ist nicht möglich. Sinn ist keine Erfindung, sondern vielmehr eine „Entdeckung des schon immer Vorhandenen“. Sinn kann auch nicht durch das Streben nach Selbstverwirklichung gefunden werden. Selbstverwirklichung ist eine „Nebenwirkung“ dessen, was Frankl die Selbst-Transzendenz der menschlichen Existenz nennt.

Unter Selbst-Transzendenz versteht er, dass das „Menschsein über sich selbst auf etwas verweist, das nicht wieder es selbst ist …“ Dieses ist der Sinn, den es zu erfüllen gilt. Im Erfüllen von Sinn kann sich der Mensch dann auch selbst verwirklichen. Glück kann ebenso wenig wie Sinn erzeugt werden, da das Glück immer wieder es selbst ist. Was den Menschen glücklich macht, ist vielmehr der bestimmte Grund, weswegen er glücklich sein kann.

Nach Frankl bedeutet dies die „Entdeckung einer Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit.“ Die Möglichkeit zum Sinn stellt sich in Form von Werten dar, die der Mensch wählt und nach denen er sich in dieser bestimmten Situation richtet. Die Verwirklichung dieser Werte ist Sinnfindung. Ob das, was der Mensch verwirklicht hat, auch sinnvoll ist, kann nur er selbst sagen. Eine Erfahrung, ein Erlebnis hat nur dann Sinn bzw. ist nur dann sinn-voll, „wenn die Gesamtheit dieses Erlebnisses dem Menschen persönlich etwas bedeutet“. Bedeutung spürt der Mensch, nach Frankl, in seinem Gewissen. Das Gewissen ist das ‚Sinn-Organ‘, das den Menschen auf der Suche nach dem Sinn leitet: „Es ließe sich definieren als die Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren.“

Welchen Sinn der Mensch in einer konkreten Situation erfüllt, setzt sich zusammen aus einem „äußeren Anteil“, dem Sinnangebot dieser konkreten Situation, und einem inneren Anteil, der Identität des Menschen. „Sinn sagt immer: Widerspiegelung der Persönlichkeit“. Gleichzeitig sagt Frankl aber auch: „Was ich bin werde ich durch meine Entscheidungen“. Welche Identität ein Mensch für sich bildet, ist demnach abhängig von den Sinn- und Werteinhalten, die er wählt. Was zunächst paradox klingt, wird nachvollziehbar, wenn „der Mensch“ und „die Umwelt, in der der Mensch lebt“ nicht als zwei voneinander abgeschlossene Systeme angenommen werden, sondern als ein einziges, sich gegenseitig beeinflussendes System betrachtet wird.

Sinn-Spannung

Wer sein eigenes Leben als sinnlos empfindet,
der ist nicht nur unglücklich, sondern auch kaum lebensfähig.
Albert Einstein

Der Pluralismus unserer modernen Zeit führt in seinem Rucksack eine Vielzahl von Werteverwirklichungsangeboten mit sich, die verursachen, dass ehemals stabile Wert- und Deutungssysteme wie die Familie, nationale Identitäten, Glaubensinstanzen oder – im Kontext der Profit-Organisationen – die Management-Elite in ihrer „Sinn-Erzeugungskraft“ relativiert werden.

Der Mensch wird zur Selektion verführt, zum Konsum des besten Augenblicks. Die Folge ist meist Entfremdung und Unverbindlichkeit – man spürt sie, wenn Menschen in lebhaften Opportunismus und schwächelnde Loyalitäten fallen. Dieser „stabile Pragmatismus“ ist quasi der Trend für jede Glücksindustrie, die suggeriert, dass die „Flucht in die Sucht“ (und hier meinen wir sowohl alle gängigen als auch alle befremdlichen Ausprägungen) eine geeignete Form ist, sich der Mühe der Sinnfindung zu entledigen.

Menschen auf der Suche nach Sinnerfüllung bemerken aber irgendwann, dass die Delegation an Glücks- und Heilsbringer fundamental keine Änderung bewirkt. In einem solchen Zustand erleben wir Menschen, wenn sie von ‚Sinnkrise‘ sprechen. Welche Signale beschreiben uns berufstätige Klienten, deren Wunsch nach vermisster Sinnerfüllung im Job sie zu uns führt?

Häufig wird erwähnt, dass externen Erwartungen und Appellen an eine individuelle Aktivität keine angemessene Sinnqualität gegenübersteht, dass die vorhandenen Kräfte „ohne Sinn und Verstand“ eingesetzt werden oder auch dass sich ein Gefühl von Interesselosigkeit an den Befindlichkeiten der großen und der kleinen Welt entwickelt hat. Nicht selten finden sich in den ersten Gesprächen Worte der Verwunderung, dass die höchsten Instanzen im Unternehmen nicht die Energie zur Förderung von Sinn aufbringen können. Der Verwunderung folgt meist der Gedanke, dass es möglicherweise diesen Instanzen ebenso an Sinnerleben mangeln könnte – ein Umstand, der tröstet, aber nicht wirklich hilft. Was bleibt, ist eine existenzielle Frustration.

Was meist offenkundig fehlt ist eine Art gesunder Spannung für eine sinnvolle Antwort auf die Frage, die einem das Leben stellt. Entsteht diese Sinn-Spannung nicht, leidet der Mensch unter dem Empfinden, „gestorben zu werden“ – die Berichte selbst junger Menschen, die sich in einem Umfeld der Un-Spannung (des Ungebraucht-Seins, des Unbeachtet-Seins, des Ungefordert-Seins…) erleben, zeigen uns, dass existenzielle Frustration nicht davon abhängig ist, ob ein Mensch vor diesem Empfinden bereits den Zustand der Sinn-Spannung einmal erlebt hat. Möglicherweise beeinflusst dies zwar die Energie eines Menschen, einen bereits einmal anders erlebten positiven Zustand wieder erreichen zu wollen, die situative Qualität des Erlebens von Sinnlosigkeit scheint davon jedoch unberührt.

Den Aufbau einer Sinn-Spannung zu begleiten, darf nun nicht so verstanden werden, als dass wir für unsere Klienten Sinn erzeugen oder Sinn als Beratungsprodukt geben könnten. Dies zu versuchen, würde dazu führen, dass der Klient unser Leben lebt. Im Gegenteil, wir haben uneingeschränktes Zutrauen in unsere Klienten, die Antworten auf die Fragen des Lebens selbständig zu finden.

Sinnfindung ist vom Klienten zu leisten. Ein unserer Sicht wesentlicher Einstieg in diese Arbeit ist eine genaue Reflexion der eigenen und übertragenen Werte des Menschen. Werte sind die Bandscheiben des Sinn-Rückgrats. Sie sind für uns die Variablen im Sinnfindungsprozess. Dem Kant’schen Idealismus, dass Werte Eigenschaften seien, die zur Hochschätzung würdig machen, fügen wir den Gedanken hinzu, dass im Wertekanon eines Menschen neben Fundamentalwerten eine Reihe operativer Werte verankert sind. Fundamentalwerte führen bei Nichtbeachtung im Gewissen des Menschen zu existentiellen Stör-Erlebnissen. Operative Werte führen bei Nichtbeachtung in kritischer Situation zu massiven systemischen Konflikten oder – handelt man wider Wert – zumindest zu einem „flauen Gefühl“, das auf eine reduzierte eigene Gewissenhaftigkeit zurückzuführen ist.

Sinn vereinbaren – geht das?

Etwas Sinnvolles tun. Dem eigenen Leben eine Richtung geben. Sinnfördernd andere Menschen führen wollen. Mit diesen Ansprüchen an die ganz persönliche Lebensgestaltung zeigen Menschen ihre Bereitschaft auf, sich einzusetzen, ihrem Wesen entsprechend zu handeln. Wer in seinem Leben eine sinnliche, sinnvolle, sinnfördernde Kraft entwickelt, setzt bejahende und gestaltende Akzente. Wer sinnerfüllend lebt, verwirklicht seine Werte.

Wer Sinnvereinbarungen trifft, der gibt zu verstehen, dass er weiß, dass Menschen in seinem Umfeld nach Möglichkeiten der Verwirklichung ihrer Werte suchen. Stehen die Wertesysteme von Menschen [Z.B. Paare, Teams …] hinreichend stimmig zueinander, dann entsteht ein Sinnsystem. Ein solches System kann als Gestaltungsraum angesehen werden, der durch Sinnvereinbarungen geprägt ist. Dieser Gedanke hat Konsequenzen für die Kulturentwicklung, ob in der Führung, in der Teamentwicklung oder auch in Unternehmens- oder Netzwerkkulturen – und natürlich auch für das Leben im privaten Kontext. Etwas als Sinn im [Arbeits-, …]Leben anzusehen, lässt sich daher vereinbaren. Vereinbarter Sinn [als Antwort verstanden auf die Frage: wofür leisten wir einen Beitrag, … wofür sind wir gut] ist überdies deutlich robuster als vereinbarte Ziele.

Im eigenen Leben den Sinn zu entdecken klingt trivial und ist für manche Menschen doch so schwer. Auf den vielen Bühnen, die das Leben so bereithält, lässt sich zuweilen recht gut Fremdsinn konsumieren. Eigensinnig zu sein, hat zudem in der Gesellschaft einen egozentrischen Anstrich erhalten, und sagt dabei doch im positiven Kern etwas über die Wahrnehmungsfähigkeit und Reflexivität  eines Menschen aus, weil: Am Sinn im Leben zu arbeiten ist nicht voraussetzungslos. Es verlangt Substanzielles, Klärendes, Deutliches. Um Sinnvereinbarungen mit anderen Menschen treffen zu können, ist zuvor das eigene Fundament zu gießen – und dieses Fundament ist das Bewusstsein über die eigenen Werte.

Achten wir die Andersartigkeit eines Menschen, dann achten wir indirekt auch seine individuellen Wertvorstellungen. Die subjektive Gestaltung dessen, was Sinn im Leben bedeutet, welche Werte im Leben gelebt werden sollen und was auf dieser Basis mit anderen Menschen geteilt werden kann, ändert sich von Mensch zu Mensch, von Situation zu Situation, von Lebensphase zu Lebensphase.

Wir verstehen daher unter dem Sinnsystem gemeinschaftlichen Lebens die größtmögliche Entfaltung und Vervollkommnung der eigenen Werte im größtmöglichen Einklang mit den Wertvorstellungen der Mitwelt.

Sinn zu erleben ist nur möglich durch die Verwirklichung von individuellen Werten, die Viktor Frankl als Sinnuniversalien bezeichnet. Werte haben nicht den Charakter von Normen, sondern entsprechen eher Orientierungshilfen, nach denen in unterschiedlichen Situationen wie mit einem „unsichtbaren Kompass“ Entscheidungen und Handlungen gewählt werden. Für Frankl bestimmt der Mensch sein Leben nach einer spezifischen Werterangordnung. Verstößt er gegen seine Werte oder sieht sich in einer Situation gezwungen, seinen Werten gegenläufig zu handeln, reagiert er häufig mit Symptomen auf psychophysischer Ebene.

Welche Werte ein Individuum für sich bewusst wählt, ist abhängig von der Person selbst – und davon, ob er seine Werte überhaupt kennt. Für Frankl haben Werte objektive Gültigkeit, denn sie sind einer „objektiv geistigen Welt“ zugeordnet. Die Werte selbst verändern sich nicht, sondern der Mensch tritt ein in ein immer wieder neues Verhältnis zu ihnen und reflektiert darüber die Sinnhaftigkeit seines Seins. Der Mensch bleibt somit in der Verantwortung für die eigene Sinn-Erfüllung durch die Verwirklichung seiner Werte. In seinem Gewissen hat er zu entscheiden, welchen ‚Wert‘ er in der jeweiligen Situation zu realisieren hat. Aus dieser individuellen und situativen Wertsetzung, die für jeden Augenblick im Leben aufs Neue zu entscheiden ist, entsteht der aktuelle Sinn.

Viktor Frankl konnte in seinen Beobachtungen drei Wertekategorien bei Menschen identifizieren. Die „schöpferischen Werte“, die aus Prozessen des Verwirklichens, Entwickelns, Gestaltens, Produzierens, Organisierens und Verbesserns entstehen, können überall dort verwirklicht werden, wo der Mensch frei aus sich heraus wirken kann. Werte werden hier dadurch verwirklicht, indem etwas in die Welt geschaffen wird.

Bei den „Erlebniswerten“, die aus Prozessen des Dabeiseins, Teilnehmens oder Anteilnehmens entstehen und die sich durch Zusammensein, Zusammenarbeiten, Zugehörigkeit und Anerkennung, Prestige, Ansehen, Liebe, Freundschaft u.a. zeigen, ist also eine soziale Einordnung erforderlich. Mit seiner Metapher: „Ein einziger Augenblick kann rückwirkend dem ganzen Leben Sinn geben“, setzt Frankl einen Gegenpol zu Fluchtverhaltensweisen von Menschen, wie sie sich in Resignationen, Depressionen, Hoffnungslosigkeiten bis hin zu Suiziden äußern.

Frankl verweist bei der Betrachtung der „Einstellungswerte“ darauf, dass das Leben auch dann noch sinnvoll ist, wenn es weder schöpferisch fruchtbar noch erlebnisreich ist. Es kommt dann darauf an, wie der Mensch sich zu einem unabänderlichen Schicksal stellt. Die Möglichkeit, derartige Einstellungswerte zu verwirklichen, ergibt sich also immer dann, wenn sich ein Mensch einem Schicksal gegenübergestellt findet, demgegenüber es sich nur darum handeln kann, dass er es auf sich nimmt, dass er es trägt. Konkret zeigen sich Einstellungswerte in Haltungen wie der Tapferkeit im Leiden oder der Würde im Scheitern.

Was ist Sinn?

Hier ein kurzer Gruß aus der Krisenpraxis nach einem Klientengespräch über
‚was soll dieses ganze Leben noch…‘

Sinn ist jenes Gesollte – also das, was nicht wäre, würde ich mich nicht dafür einsetzen – was mir dabei hilft, über innere und äußere Schwierigkeiten hinwegzukommen und sogar jene Schwierigkeiten derart zu wenden, so dass sich mein Recht auf ein gelingendes Leben erfüllt.

[Unser Begriffsverständnis in der Krisenpraxis auf der Basis der Sinntheorie Viktor E. Frankl]

Mens sana in corpore sano

Mens sana in corpore sano – selten wurde ein Sprichwort so oft so falsch übersetzt. Immer wieder als: ‚ein gesunder Geist ist in einem gesunden Körper‘ vorgestellt, wird kaum erkannt, dass mens die mentalen, also die im Gehirn stattfindenden Prozesse meint. Richtig wäre daher ein ‚gesunder Verstand‘ – während mit ’spiritus‘ das Geistige des Menschen thematisiert wird.

Dieser Unterschied ist für das sinnzentrierte Menschenbild Viktor Frankls wesentlich. Auf ihm aufbauend gehen in der ‚Logotherapie‘, in der Krisenprävention Life2Me® und im sinnzentrierten Coaching von einem Menschen aus, der neben seiner körperlichen und seiner psychischen Dimension auch über eine geistige verfügt. Während die ersten beiden ihn als ‚Menschen‘ auszeichnen, ist das Geistige der spezifisch Humane, mit dem der Mensch sich als ‚Mensch in Welt‘ versteht. Ein Mensch, der letztlich alles nur auf sich selbst bezieht und bestrebt ist, einzig sich selbst zu verwirklichen, bleibt quasi ‚ins sich stecken‘. Erst die Fähigkeit des Menschen sich selbst ‚zu vergessen‘ [sich zu transzendieren] und sich einer Sache oder einer Person hinzugeben, die er eben nicht selbst ist, bringt seine geistige Dimension zum Vorschein. Nur mit der Aktivierung des Geistigen vermag der Mensch Sinn zu finden – denn: Sinn kann man nicht machen, er ist kein Produkt des Gehirnverstandes, sondern ist stets in der Welt und steht bereit, vom Menschen gefunden zu werden.

Während Körper und Psyche erkranken können, bleibt das Geistige per se gesund. Jedoch kann das Psychophysikum das Geistige blockieren. Zum Beispiel, wenn in einer Krise die Angst den Menschen flutet und er sich den Sinnangeboten in der Welt nicht anzunehmen vermag. Dabei ist zu bedenken, dass sich Angst nur deshalb zeigt, weil der Mensch frei ist und Verantwortung hat. Wenn er dies nicht wäre, welchen Zweck hätte dann Angst?

Das Geistige ermöglicht es einem Menschen, den Sinn im Leben zu erfassen, der auf ihn wartet und zur ‚ErWARTung‘ wird. Und für die Aufgabe, die das Leben ihm stellt, eine ‚EinSTELLung‘ zu haben. Und bei jeder Sinnmöglichkeit zu merken, dass ihm die Gelegenheit gegeben ist, Werte zu verwirklichen. Dazu dient seine ‚AufMERKsamkeit‘ – die um so besser entwickelt ist, je bewusster die Werte sind, die der Mensch hat. Bleiben sie vage, diffus oder sind sie nicht differenziert hinsichtlich ihres Ursprungs, dann erscheint auch der ‚wartende‘ Sinn als einer, dem man nicht vertraut, für einen selbst da zu sein. Sind die Werte unklar, dann auch das ‚SelbstVERTRAUEN‘.

Gerade aus der Krisenberatung wissen wir, dass Werteklarheit den zentralen Beitrag leistet, damit ein Mensch sich nicht verfehlt. Dazu dient Selbstaufklärung. Mit seinen ‚klaren‘ Werten hat der Mensch ein unverlierbares Sein. Durch sie Sinn zu finden und mit ihm diese Werte zu verwirklichen, führt den Menschen in ein gelingendes Leben, das selbst dann, wenn eines Tages alles ‚gewesen‘ und das menschliche Wesen aus der Sichtbarkeit gegangen sein wird, für immer ‚geborgen’ bleiben wird. Vermag der Tod auch das Körperliche und das Psychische zu beenden, das Geistige bleibt unauslöschlich.

Kann man Sinn machen? – I

Als mir 1987 im Rahmen meiner Vorbereitungen auf meine Diplomarbeit zum Thema Unternehmensethik das Werk von Viktor Frankl zum ersten Mal begegnete, habe ich ihn nachweislich gelesen. Verstanden habe ich ihn damals noch nicht. Mir erschienen Begriffe wie das Geistige, die Transzendenz oder der noopsychische Antagonismus recht knorrig. Auch, dass der Sinn nicht menschengemacht sei, sondern stets außerhalb des Menschen darauf wartet, gefunden zu werden, erschien mir schon als recht psycho.

Auf die Idee, dass gerade dieses Gedankengut einmal meine eigene wissenschaftliche Basis darstellen würde, dass ich über Frankl, den Sinn, die Sinntheorie insbesondere im Krisenkontext meine Promotion ablegen würde, bin ich damals nicht gekommen. Mit der Zeit aber wuchs das Interesse daran, in die einst empfundene Ordnung im Leben mit unbequemen Fragen Unordnung zu schaffen. Als Coach und Therapeut tat ich dies ohnehin schon – nur waren die Empfänger meine Klienten. Nun aber war es eine Frage, die auf mich selbst zielte. Eine der typischen Frankl-Fragen, deren Gewicht dann deutlich wird, wenn das Staunen über sie etwas abgeklungen ist:
„Auf welche Frage meines Lebens bin ich die Antwort?“

Fragen wie diese hatten schon immer ihren Reiz für mich. Aber so konkret auf die eigene Person zielend haben sie doch etwas Riskantes. Wieso sollte mein Leben mich fragen? Welchen Platz nimmt es ein, um überhaupt fragen zu können? Wieso sollte ich eigentlich antworten sollen? Und wenn ja, was ist, wenn ich die Antwort nicht finde? Und wieso Frage und nicht Fragen? Und wieso Antwort und nicht Antworten? Welche Verantwortung übernehme ich dafür, diese eine Frage als die meines Lebens anzusehen? Woran merke ich, dass diese Frage für mich stimmt?

Fragen über Fragen und doch mit anderem Sog als zum Beispiel die Frage, warum sich Niklas Luhmann nach epischer Abhandlung seines reduktionistischen Sinnverständnisses irgendwann doch dazu hinreißen läßt, den Momenten sogenannter Emphase die Funktion zuzusprechen, Erstaunlichkeiten herzustellen. Diese Erstaunlichkeiten seien die Verstörer der Sinnlosigkeit. Nun, das aber wusste auch schon Aristoteles als er mit weniger Worten darauf hinwies, dass der ‚Sinn zur Türe herein kommt‘. Zu beweisen, dass der alte Wein in einem systemtheoretisch neuen Schlauch daherkommt, ist fraglos wichtig. Wesentlich ist es nicht.

Zurück zum Wesentlichen. Wenn sich meine Klienten in ihrer Ordnung eingerichtet haben, dann schaffen wesentliche Fragen angemessene Unordnung. Und wenn die Unordnung einen Menschen schier in Zweifel zieht, dann bringen wesentliche Antworten eine neue Ordnung, Zwischen Ordnung und Unordnung findet sich das Nachdenken über das, was erstaunt hat und woran man noch zweifelt.

Und wenn man als Philosoph nicht nur philosophiert, sondern auch therapiert, dann entdeckt man schnell, dass es Menschen gibt, bei denen zwischen Ordnung und Unordnung kein Türspalt frei ist, damit über das, was sich dort findet, gestaunt werden kann. Ohne Türspalt aber keine Frage, keine Sinnfrage. Ohne Spalt ist die Ordnung in Unordnung und die Unordnung ist in Ordnung. Die Freiheit, die darin liegt, diesen Kreislauf zu unterbrechen, erscheint unerreichbar. Sich die Frage nach dem Sinn zu stellen, erscheint sinnlos. Es gibt doch nichts mehr zu staunen. Oder doch? Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie die Antwort?

 

[wird fortgesetzt]

Bandura’s Selbst und Frankl’s Sinn

Das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung ist ein zentraler Bestandteil der sozial-kognitiven Lerntheorie von Albert Bandura. Es beschreibt die Überzeugung einer Person, über ihre individuellen Kompetenzen Einfluss auf ihre Handlungen und darüber wieder zum Beispiel auf ihre gesundheitliche Verfassung ausüben zu können.

Wenn ein Mensch Erfahrungen mit seiner Umwelt macht, so liegen diesen kognitive Prozesse zugrunde, aus denen sich letztlich neue Verhaltensweisen ergeben können. Sieht sich ein Mensch in der Lage, neuen Situationen wirkungsvoll entgegentreten zu können, so zeigt sich dies in seiner Fähigkeit, sich selbst bewerten, verstärken und gezielt regulieren zu können [und umgelehrt].

Drei Arten von Kognitionen sind in diesem Kontext voneinander zu unterscheiden:

  • Die Person hat allgemeine Erwartungen darüber, welchen Ausgang eine Situation nehmen wird.
  • Die Person hat Überzeugungen, dass es Handlungen gibt, durch die sie eine bestimmte Situation beeinflussen, eine Gefahr bewältigen bzw. ein Problem lösen kann.
  • Die Person hat die starke Überzeugung, das sie selbst in der Lage ist, eine solche Handlung durchzuführen.

Bandura sieht in der Selbstwirksamkeitserwartung einen wesentlichen Beitrag für eine mögliche Verhaltensänderung, zum Beispiel, dass sie durch eine zur Selbstberuhigung geeignetes Verhalten in der Lage ist, eine Krisensituation zu bewältigen. [Frankl’s Sinntheorie würde dies um die Perspektive erweitern, dass ein Mensch der um ein Wofür im Leben weiß, ein solches Verhalten eher zu zeigen in der Lage ist als ein Mensch, der an seinem Sinn im Leben zweifelt.]

Ist Banduras Theorie die Grundlage therapeutischer Interventionen, dann ist deren Ziel, dass Patienten sich in bestimmten SItuationen als nicht mehr hilflos ausgeliefert empfinden, Dabei geht es nicht um reale Fähigkeiten oder Fertigkeiten der Person, sondern darum, ob sie daran glaubt, den Anforderungen gewachsen zu sein. Im Fokus steht also die subjektive Verfügbarkeit von Bewältigungshandlungen, die nicht objektiv gegebenen Handlungsressourcen entsprechen müssen. [Frankl’s Sinntheorie setzt hingegen an dem per se gegebenen, konkreten Sinn im Leben an, der sich durch Verwirklichung von konkreten und bewusst gemachten Werten findet.]

Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung und einer aus ihr resultierenden Selbstmotivation, sind eher in der Lage, neue Verhaltensweisen anzunehmen, sie einzuüben und über längere Zeit auch aufrechtzuerhalten. [Wir vermuten entlang der Argumentation Frankls, dass ein Mensch seine Selbstwirksamkeit auf einem hohen Niveau entfaltet, wenn er um den Sinn in seinem Leben weiß. Ist sein Sinn- und Wertebewusstsein nicht gegeben, dann leidet darunter entsprechend die intrinsische Selbstwirksamkeitserwartung und die Person wird abhängig von den Ermutigungen und Zuschreibungen von außen.]

 

Na endlich: Die Suche nach Sinn als Voraussetzung für ein gelingendes Leben erübrigt sich

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater und Psychoanalytiker und Aufsichtsrat der Sigmund-Freud-Privatstiftung. Ein echter Freudianer also.

Und was sagte Freud?: „Im Moment, da man nach dem Sinn und Wert des Lebens fragt, ist man krank, denn beides gibt es ja in objektiver Weise nicht; man hat nur eingestanden, dass man einen Vorrat an unbefriedigter Libido hat, und irgend etwas muss damit vorgefallen sein, eine Art Gärung, die zur Trauer und Depression führt.“ [Freud in einem Brief an Marie Bonaparte, zit. n. Ernest Jones: Das Leben und Werk von Sigmund Freud, 1962]

Und was schreibt Thomashoff? In seinem Buch ‚Ich suchte das Glück und fand die Zufriedenheit‘:

fot1„Unsere psychischen Bedürfnisse sind also im Spannungsfeld zwischen Beziehung und Bewirken angesiedelt. Wir streben nach Geborgenheit, aber zugleich nach der Eroberung der Welt. […] Dort wo diese beiden Grundbedürfnisse unserer Psyche ausreichend befriedigt werden, werden wir mit Zufriedenheit belohnt. Dann ist unser Leben erfüllt. Die Suche nach einem höheren Sinn als vermeintliche Voraussetzung für ein gelingendes Leben erübrigt sich [Hervorh. d. V.]. Schließlich erweist sich die viel gepriesene Sinnsuche bei näherer Betrachtung meist als Ersatzstrategie für das Zurechtkommen in einer unabwendbar frustrierenden Realität. Das kann in Ausnahmesituationen berechtigt sein, im Allgemeinen ist es das nicht, lenkt es doch allzu sehr davon ab, das Leben wirklich zu leben und dort, wo möglich, die Dinge zu ändern. Andernfalls kommt es zu Frust. […] Und dennoch sucht alle Welt nach Sinn.

Hintergrund ist die Frage nach dem Warum, sie beherrscht unser Denken. Die Suche nach einer Erklärung aktiviert unser Motivationszentrum, und finden sie [.] dann werden wir belohnt. Wir wollen uns auskennen, wollen Zusammenhänge verstehen. Unser Belohnungssystem ist darauf ausgerichtet, zum Überleben ist das hilfreich. Überall sehen wir kausale Verknüpfungen. Manche bewähren sich, andere halten sich, selbst wenn sie komplett unsinnig sind, solange sie das Überleben nicht ernsthaft gefährden. […] Immer wenn es in der Wirklichkeit mies läuft, kann der wahre oder vermeintliche Sinn darüber hinweghelfen. Da verwundert es nicht, wenn die Sinntherapie, Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor Frankl an einem Ort entwickelt wurde, an dem Überleben unmöglich schien: Im Horror des Konzentrationslagers.“

Die Haupthesen also sind:

  • Psychische Bedürfnisse sind im Spannungsfeld zwischen Beziehung und Bewirken angesiedelt.
  • Sinnsuche ist Ersatzstrategie, um in der frustrierenden Realität zurechtkommen. Sie lenkt jedoch davon ab, das Leben wirklich zu leben und dort, wo möglich, die Dinge zu ändern.
  • Hintergrund ist die Frage nach dem Warum, sie beherrscht unser Denken. Die Suche nach einer Erklärung aktiviert unser Motivationszentrum.
  • Immer, wenn es in der Wirklichkeit mies läuft, kann der wahre oder vermeintliche Sinn darüber hinweghelfen.

Und da hier Viktor Frankl und dessen Sinnlehre in die Argumentation verknüpft wird [Frankl ist nach Freud und Adler der Begründer der 3. Wiener Schule der Psychotherapie] sind einige Korrekturen unabdingbar. Denn leider gibt es viele Anhänger von Psychotherapieschulen, die Frankl zwar gelesen, jedoch nicht verstanden haben oder sein Gedankengut bewusst verzerrt wiedergeben. Kollege Thomashoff ist aufgrund seiner vorgenommenen Verknüpfung leider keine Ausnahme.

Wir wollen die Korrekturen an den in dem gelesenen Abschnitt stehenden Haupthesen anlehnen:

  • Psychische Bedürfnisse sind im Spannungsfeld zwischen Beziehung und Bewirken angesiedelt. Werden diese ausreichend befriedigt, werden wir mit Zufriedenheit belohnt.  Die Suche nach einem höheren Sinn als vermeintliche Voraussetzung für ein gelingendes Leben erübrigt sich.

Die Psycho-Logik dieses Satzes lässt sich unterschreiben. Werden psychische Bedürfnisse befriedigt, dann bekommt das psychische Fühlsystem das, was es braucht, um über die Botenstoffe im Gehirn mitzuteilen: Mir geht es gut. Sie, Kollege Thomashoff, nennen das Zufriedenheit. Das sei Ihnen gegönnt. Mir wäre das deutlich zu wenig, denn ich nenne das ‚momentanes Wohlbefinden‘. Und das kann ich mir für 10 Euro auch auf dem Oktoberfest kaufen, wenn ich in lustvoller Beziehung zu meiner Partnerin bewirke, mit ihr ein Karussell zu entern und ein paar Runden zu drehen.

Aber bitte: Wie sichert dieses Gefühl Ihnen das Recht auf Ihr gelingendes Leben, das VOR IHNEN liegt? Wir nehmen hier aus sinnzentrierter Perspektive genau das Gegenteil von Ihnen an: Wer um den Sinn in seinem Leben weiß, wird TROTZ der allzu menschlichen psychischen Spannungen und Verspannungen, künftig seinen Halt nicht verlieren. Und dazu braucht es auch bitte nur ‚Sinn‘ – Sie suggerieren hingegen mit ‚höherem Sinn‘, dass hier etwas Unerreichbares, vielleicht Göttliches am Werk sein muss. Da Frankl allzu oft dieser Unsinn in den Mund gelegt wird, um von den Unzulänglichkeiten des eigenen Therapiekonzeptes abzulenken, sei ganz klar gestellt: Sinn ist immer da, um jeden Menschen. Er kann von jedem Menschen gefunden werden und dazu braucht es keinen Gott. Sinn kann nicht gemacht werden, schon gar nicht von einem Gehirn – aber für ein konstruktivistisch geprägtes Menschenbild, wie das, das Sie hier einbringen, ist dies vermutlich ebenso unfassbar wie für Ihren Lehrvater Freud, der den Menschen ja als krank ansah, wenn dieser das tat, was Frankl als das zentrale Humanum ansieht.

  • Sinnsuche ist Ersatzstrategie, um in der frustrienden Realität zurechtkommen. Sie lenkt jedoch davon ab, das Leben wirklich zu leben und dort, wo möglich, die Dinge zu ändern.

Mit Verlaub, auch das ist Unsinn.

Frankl gibt stets zu verstehen, dass am Ende des Tages nur die Handlung steht. Gerade das Spiel, in der eigenen tiefen Psyche herumzugründeln und viel Zeit mit der Hyperreflexion des Gewesenen zu verbringen – manchmal halt 80, 150 oder auch 300 Stunden Analyse – dreht die Aussage des Autors geradewegs um: Psycho-Analyse wird zur Ersatzstrategie.

Frankl: ‚Kennzeichnet es doch den spezifischen Modus des neurotischen Daseins, dass es der Mensch selbst ist, dass es seinen eigenen inneren Zustände sind, was sein Interesse gewinnt, während in gleichem Maße die Welt und die Gegenstände in ihr zurücktreten [Hervorh. d.V.].“  Genau: Der Mensch soll sich gerade mit den Themen befassen, die außerhalb von ihm liegen, er soll sich quasi selbst vergessen [Selbsttranszendenz meint bei Frankl Selbstvergessenheit]. Nur: das, womit er sich befasst, muss sinnvoll sein und nicht nur zweckdienlich. Und damit der Mensch weiß, dass etwas voller Sinn ist, gilt es, ihn mit Abgleich des eigenen, sich bewusst gemachten Wertesystems zu suchen. Dieses Vorgehen – nennen Sie, Kollege Thomashoff, es gerne Strategie – wir nennen es Not-Wendigkeit.

  • Hintergrund ist die Frage nach dem Warum, sie beherrscht unser Denken. Die Suche nach einer Erklärung aktiviert unser Motivationszentrum.

Genau, da stimme ich Ihnen gerne zu. Wenn der Mensch nach dem Warum fragt, kommt er in der Vergangenheit an. Und so er dort etwas findet, vielleicht eine Ressource, ein verborgenes Talent o.ä., das er aktivieren kann, dann fühlt sich das womöglich für ihn gut an. Da aber die Warum-Frage dazu einlädt, ihr immer weiter zu folgen und leider viele Menschen bereit sind, sich für ein immer mehr ‚Warum‘ entsprechend Rat und Begleitung von außen zu holen und dann bei allen Bemühungen um eine Antwort irgendwann frustriert sind, weil sie sie eben doch nicht gefunden haben, ist eines für uns ganz klar:

Mit ‚Warum‘ kommt der Mensch nicht ins HANDELN. ‚Warum‘ beherrscht – wie Sie sagen – das DENKEN. Und weil das Frankl schon vor 100 Jahren wusste, geht die Logotherapie den Weg, mit dem Menschen eine Antwort auf das ‚Wofür‘ zu finden. Mit ‚wofür‘ entscheidet sich ein Mensch. Und wofür entscheidet er sich im Kern? Er entscheidet, wer er im nächsten Moment sein will. Fredmund Malik dazu: „Es ist das Beste, was je zur Frage von Motivation gesagt wurde. Ja, ich halte Frankls Sinn-Theorie für die richtige Motivationslehre schlechthin.“

  • Immer wenn es in der Wirklichkeit mies läuft, kann der wahre oder vermeintliche Sinn darüber hinweghelfen.

Nein, Herr Kollege, aber danke für Ihre Ironie. Wir sehen das ganz anders: Wenn der Sinn [der nie wahr oder vermeintlich ist] im Leben gefunden ist, dann läuft die Wirklichkeit nicht mies. Denn wer ein Wofür im Leben hat, der erträgt fast jedes Wie. Und dieses Wofür kann dem Menschen niemand machen: keine Sucht, keine Unternehmensvision, keine Kirche, kein Therapeut, auch nicht Ihre Bücher oder meine oder Frankls. Dieses Wofür wartet jederzeit auf jeden Menschen, denn die Frage lautet nicht: Was kann mir mein Leben bieten, damit ich mich zufrieden fühle? Sondern: Auf welche Frage meines Lebens bin ich die Antwort, die ich mit meiner Freiheit verantworte? Und – vielleicht stimmen Sie zu – diese Frage kann nur der einzelne Mensch finden und beantworten.

Ich wünsche Ihnen zumindest von Herzen, dass es Ihnen gelingen möge, nie einem vermeintlichen Sinn aufzusitzen. Das wirkliche, von freudianischen Altlasten abgespeckte, verstehende Lesen der Literatur von Frankl kann dazu ein Beitrag sein.

Systemtheoretischer Sinnbegriff versus Sinntheoretischer Sinnbegriff im Zusammenhang mit Krise

Luhmanns Sinnkonzeption, in der jede Operation nicht nur sich selbst in ihrer Aktualität präsentiert, sondern immer auch nichtaktualisierte, aber im nächsten Moment aktualisierbare, mögliche Anschlussoperationen bereithält, sieht Sinn im Grunde als per se anschlussfähigen Verweisungsüber­schuss. Würde man einen phänomenologischen Gegenbeweis antreten können, in dem es Sinn­phänomene gibt, die sich nicht als ein solcher Überschuss von Verweisungen auf weitere Möglichkei­ten anzeigen, sondern auf sich selbst verweisen, wäre dies im Sinne Luhmanns der ‚differenzlose Begriff, der sich selbst mitmeint‘, mithin zu verstehen als nachmetaphysischer Letztbegriff, der nicht in einem letzten ontologischen oder transzendentalen Grund verankert ist oder durch jedwede fremde Unterscheidung bestimmt werden könnte.

Der systemtheoretische Sinnbegriff wäre somit danach zu befragen, wie er ‚sich selbst mitmeint‘, wozu wir bei Luhmann finden:  „Die sinngebende Unterscheidung von Aktualität und Potentialität tritt auf der Seite des Aktuellen in sich selbst wieder ein; denn aktuell kann nur sein, was auch möglich ist.“ Diese Form des Selbstbezugs, mit dem ausge­schlossen wird, dass es irgendein sinnvolles Ereignis geben kann, das nicht in einen offenen Möglichkeitshorizont hineinverweist, findet sich in ähnlicher Weise auch bei Frankl. „Denn niemals ‚ist’ der Mensch – immer ‚wird’ er erst; niemals ist er einer, der von sich sagen dürfte: Ich bin, der ich bin – immer ist er einer, der von sich nur sagen kann: Ich bin, der ich werde – oder: Ich werde, der ich bin – ich ‚werde’ actu [der Wirklichkeit nach], der ich potentia [der Möglichkeit nach] ‚bin’.“

Wäh­rend Frankl seinen Gedanken jedoch auf dem Einfluss der von ihm postulierten geistigen Dimension des Menschen aufbaut, sieht Luhmann in der Endlosschleife von Aktualität und Potentialität den Sinn in allem gegenwärtigen Erleben und Handeln als gegeben an. Im Lichte einer ‚Krise‘ könnte jedoch ebendiese Endlosschleife als ‚unterbrochen‘ an­gesehen werden, mit anderen Worten als nicht mehr sinngebend. Doch diesen Einwand lässt Luh­manns Sinnbegriff nicht zu, da er den Sinn aller psychischen und sozialen Systeme als gegeben unter­stellt und damit Sinnfragen und Sinnprobleme als nichtig erklärt – was nicht zuletzt Habermas in Kritik zieht.

Und auch für die in diese praktische Arbeit mit Menschen an Situationen, denen die Betroffenen einen Grad an Sinnverlust, -gefährdung oder sogar Sinnlosigkeit zuweisen, bedeutete die Orientierung an Luhmann automatisch das Ende jeglichen Diskurses. Es wäre förmlich sinnlos, von Sinnlosigkeit zu sprechen – was über einen humorvollen Umweg zwar zu Frankl führen würde, denn für diesen ist der Mensch auch im größten Leid seinen ‚Sinn nicht los‘, diese Humoreske jedoch als Erkenntnis erst am Ende eines sinnzentriert gestalteten Arbeitsprozess mit einem durch eine Krise belasteten Menschen erwartet werden darf.

Und wenn mit diesen Hinweisen die Begrenzungen des systemtheoretischen Sinnbegriffs für die Ar­beit in der Krisenberatung skizziert werden sollten, da das Luhmannsche Theorem „Sinn verweist immer wieder auf Sinn und nie aus Sinnhaftem heraus auf etwas anderes“ den beobachtbaren Phänome­nen in der Arbeit mit massiv belasteten Klienten fundamental widerspricht, da hier Sinn als ‚laufen­des Aktualisieren von Verweisungen‘ nicht mehr stattfindet, stellt sich die Frage, durch was dieses Aktualisieren wieder belebt werden kann und dies in extremo in einer Lebenssituation, in der der Mensch auf sich allein gestellt ist und nicht durch Angebote an Pertubationen jedweder Art zu neuen Selektionen angeregt werden kann.

Sucht man bei Luhmann selbst nach einer Beschreibung eines solchen ‚Etwas‘, dann fällt sein an die Metapher vom ‚blinden Fleck‘ erinnernder Hinweis auf: „Aber alles, was in der Welt der Sinnsysteme rezipiert und bearbeitet werden kann, muß diese Form von Sinn [eine Aktualisierung von Möglich­keiten, A.d.Autors] annehmen; sonst bleibt es momenthafter Impuls, ohne Verknüpfbarkeit, ohne Kommunikabilität, ohne Effekt im System.“

Während Luhmann solche Ereignisse wegen ihrer Anschlusslosigkeit aus seinem Sinnbegriff herausnimmt und als psychosomatische Effekte interpre­tiert, räumt ihnen Frankl eine ganz andere Bedeutung bei, wenn er schreibt: „Der Zufall ist der Ort, an dem das Wunder nistet – oder besser gesagt, nisten kann; denn immer kann etwas nur – niemals muß es mehr als bloßer Zufall sein.“ Der Ort des Wunders, des überraschenden Impulses, des An­rufs an das Gewissen steht für Frankl als die Gelegenheit zum Kontakt mit der Transzendenz. Einen solchen Moment, der befreit ist von normativen Differenzen, zudem eine kritische Würdigung des­sen, was einem da ‚zu-fällt‘ möglich bleibt und aufgrund seiner noch nicht gegebenen Verknüpfbar­keit oder Vorerfahrung als ein Apriori verstanden werden kann, wollen wir verstehen als den Mo­ment ‚distanzierten Normativität‘, in dem ‚das Geistige zur Tür herein kommt‘.

In einem solchen Moment vollzieht sich etwas gegen die psychophysischen Strukturen, es wird etwas deutlich, was zuvor durch die Belastungen des Krisen­ereignisses nicht erblickt werden konnte. Im griechischen Begriff ‚Emphase‘ findet sich eine für die­sen Kontext angemessene Bestimmung. Emphase-Momente verlaufen wider den systemtheoreti­schen Sinnbegriff, und Luhmann sucht seine Position zu verteidigen, wenn er sagt: „Unausweichlich bleibt daher das Problem, die Aktualität des Erlebens mit der Transzendenz seiner anderen Möglich­keiten zu integrieren, und unausweichlich auch die Form der Erlebnisverarbeitung, die dies leistet. Sie nennen wir Sinn. Es gibt demnach kein sinnloses Erleben.“

Systemtheoretisch verstandene Sinnlosigkeiten in Momenten der Emphase formuliert Luhmann um als „Herstellung von Erstaunlich­keiten.“ Wenn mithin ‚systemtheoretische Sinnlosigkeit‘ als ‚erstaunlicher Sinn‘ verstanden wer­den kann, dann ist bewiesen, dass es Sinn gibt, der den Sinnbegriff der Systemtheorie transzendiert – diesen Sinn nennen wir das Geistige [lat.:‚logos‘, griech. ’nous‘].

Zudem impliziert Luhmanns Formulierung, „die sinngebende Unterscheidung von Aktualität und Po­tentialität tritt auf der Seite des Aktuellen in sich selbst wieder ein; denn aktuell kann nur sein, was auch möglich ist“, dass es ausgeschlossen sei, ein sinnvolles Ereignis anzunehmen, das nicht in einen offenen Möglichkeitsraum verweist. Mit dem ‚logos‘ wurde jedoch genau dieses Ereignis vor­gestellt. Mit Eintreten des ‚logos‘ tritt die Unterscheidung von Aktualität und Potentialität auf der Seite der Möglichkeit aus sich selbst wieder aus [wir können dies im Sinne Frankls Selbsttranszendie­rung nennen].

Der durch den ‚logos‘ eintretende Sinn lässt sich offenkundig durch den regulären systemtheoretischen Sinnbegriff nicht abdecken, dieser Sinn ist es jedoch, der für die Krisen in der Lebenswelt eines Menschen zugänglich bleibt, in denen es keinen Verweis auf andere Möglichkeiten gibt und in denen es zudem nicht geboten ist, dem Anspruch an Bewältigung der Situation durch ein Ausweichen in ein zum Beispiel lust- oder machtbetontes Lebensterrain zu begegnen. Eine derartig geprägte Situ­ation, für die der Mensch kommunikativ nicht präpariert ist, entzieht sich funktional ausdifferenzier­ten, pseudohaft absichernden Sinnangeboten. Im Gegenteil, eine solche Situation bedingt einen Zugang zu einem unverzichtbaren Sinn, der es ermöglicht, die durch die Krise obsolet gewordenen Selbstbeschreibungen aufzulösen und neue entwickeln zu helfen.