Kategorie-Archiv: Umgang mit persönlichen Lebenslagen

Schutzfaktor ‚Lebensstil‘

Der Schutzfaktor ‚Lebensstil‘ gewann mit Aufkommen verschiedener Zivilisationskrankheiten an Bedeutung. Durch  Forschungen in den 60er Jahre fand man u.a. heraus, dass die Abnahme von der Sterblichkeit nach Herzinfarkt weniger an einer verbesserten medizinischen Versorgung lag als an  Änderungen des Lebensstils [Ernährung, Ruhezeiten, Sport, … und auch die Reflexion der Lebensziele]. Wer nicht nur versucht, nicht krank zu werden, sondern vielmehr bestrebt ist, sich gesund zu erhalten, wird nicht umhinkommen, eine individuelle Kunst der Lebensführung zu entwickeln, die sich integrativ aus der aktiven Gestaltung der Umweltbedingungen, einem besseren Gleichgewicht zwischen Anstrengung und Muße, dem Beachten der Körperpflege, dem bewussten  Umgang mit Gefühlen und Kreativität, einer gesunde Ernährung und – für uns zentral – einer Klärung der eigenen Werte zusammensetzt.

Schutzfaktor ‚Denkstil‘

Das Konzept des positiven Denkstils nimmt an, dass Situationen durch mentale Prozesse positiv verändert werden können. Dabei werden bei der Beurteilung einer Situation Verallgemeinerungen vermieden und unterschiedliche Situationsgegebenheiten berücksichtigt. Durch einen positiven Denkstil wird das Selbstwertgefühl erhöht und Energien werden leichter für die Bewältigung von Problemen freigesetzt. Ein dauerhaft positiver Denkstil, der auch durch Misserfolge oder Krisen nicht im Kern beeinträchtigt wird, weist auf eine hoffnungsvolle Lebenseinstellung hin.

In Krisensituationen geraten Menschen – bewusst oder unbewusst – in einen Selbstbewertungsprozess, in dem sie eine Reihe von Situations-, Handlungs- und Ergebniseinschätzungen vornehmen, bei denen sie sich fragen, was wohl geschieht, wenn sie ihre gegenwärtigen Bemühungen fortsetzen. Personen mit einer optimistischen Lebenseinstellung haben ihre positiven Ergebniserwartungen auf viele unterschiedliche Situationen generalisiert und vertrauen auf den für die jeweilige Situation bestmöglichen Ausgang.

Das Konzept des positiven Denkens ist sehr populär, doch finden sich in vielen Studien darüber keine Aussagen, ob die Dinge sich von allein – im Sinne von „Glück haben“ – positiv entwickeln  oder ob eine Person selbst ihr Schicksal kontrollieren und durch eigene Anstrengung in eine für sie positive Richtung verändern kann. Würden sich die Dinge von allein entwickeln, dann handelte es  um blindes Vertrauen, einer für die Bewältigung von Krisen eher hinderlichen Eigenschaft.

Schutzfaktor ‚Widerstandsfähigkeit‘

Das Konzept der ‚Widerstandsfähigkeit‘ wird verstanden als Produkt aus Kontrolle, Commitment und Herausforderung. Neben der bereits beschriebenen ‚Kontrollüberzeugung‘ wird mit Comitment ein  Aspekt ergänzt, der gerade im Berufskontext von großer Bedeutung ist: das Gefühl nämlich, sich mit den Ereignissen, Dingen und Personen der eigenen Umwelt zu identifizieren und sie als wichtig zu erleben. Hinzu kommt der zweite Aspekt ‚Herausforderung‘, mit der die Überzeugung einer Person verstanden wird, das Veränderungen im Leben normal, nicht per se bedrohlich und  entwicklungsgerichtet sind. Eine widerstandsfähige Person zeichnet sich nunmehr dadurch aus, das eigene Handeln zu verantworten, Stress eher als Herausforderung zu erleben und die Dinge zielstrebig sowie mit der Überzeugung ihrer Kontrollierbarkeit bewusst anzugehen.

War in Studien zu diesem Schutzfaktor das Merkmal ‚Widerstandsfähigkeit‘ hoch ausgeprägt, dann zeigten die Probanden trotz hoher Stressbelastung eine geringere Krankheitsanfälligkeit. Nach diesen Ergebnissen scheint dieser Faktor die Effekte kritischer Lebensereignisse auf die Gesundheit zu reduzieren. Dies wohl, weil Probleme weniger diffus wahrgenommen, schneller erfolgreiche Lösungsstrategien gefunden und Anspannungen unter Belastungen eher positiv reguliert werden.

Anmerkung: Was diesen wie alle anderen Erkenntnissen über Schutzfaktoren zueigen ist: Es bleibt unklar, in welcher Weise Prägungen durch Eltern und-oder Umwelt oder die originäre Wertewelt des Kindes die Entwicklung dieser Faktoren begünstigt. Weithin finden sich in der Debatte jedoch eher lerntheoretisch fundierte Begründungen für den Aufbau von Schutzfaktoren. Dies erscheint uns aus sinntheoretischer Perspektive jedoch deutlich zu reaktiv und reduzierend gedacht.

Nimmt man hingegen den Menschen in seiner Werdung so an, wie es Viktor Frankl tut, wenn er bemerkt: „Der Mensch ist mit Geburt Person“, dann können wir dies so weiterdenken: Das neugeborene Kind ist eine Person, noch ohne externe Prägungen [Einschärfungen, Sanktionen, Zuschreibungen, erfahrene Handlungen Dritter …] und mit einem originären Wesenskern versehen. Dieser Wesenskern, das ’neugeborene Selbst‘ verinnerlicht Werte. Durch diese originären Werte hindurch tönt das Kind durch [per-sonare = durchtönen] und verhält sich seinen Werten entsprechend. Das neugeborene Kind ist daher in unserem Verständnis per se ’selbstresilient‘, da originär wertebewusst. Seine charakteristische Resilienz wird durch Prägungsprozesse seiner Umwelt mit ihren Erwartungen an das ‚So-Sein des Kindes‘ erschüttert, die Selbstresilienz erodiert, Lernprozesse setzen ein, um Facetten der verlorengegangenen Selbstresilienz auszugleichen. Diese Ausgleiche formen sich a la longue entweder zu Schutzfaktoren [ergo zu Persönlichkeitsmerkmalen, die mit dem Original nichts mehr zu tun haben] oder zu geistig-existenziellen Erkrankungen [wenn also weder die Schutzfaktoren entwickelt werden können, noch der Betroffene einen Weg entdeckt, der ihm seinen originären Wesenskern wieder nahebringt]. Einzig die Logotherapie verfügt über einen solch humanistisch-ganzheitlichen Zugang zur Betrachtung des Menschen und über den Mut, den Menschen als mehr zu denken als ein Wesen, das wurde, weil es geprägt wurde.

Schutzfaktor ‚Arbeitsbedingungen‘

Arbeitsbedingungen und ihre Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden von Arbeitern wurden bereits in den 1920er Jahren thematisiert. Eine wissenschaftliche Betrachtung der Verbindung von beruflicher Arbeit und Gesundheit begann dann im Kotext der Arbeits- bzw. Lebenszufriedenheit, Lebensqualität sowie seelischer Gesundheit erst in den 80er-Jahren. Darauf, dass  gesundheitsförderliche Faktoren aus einer Arbeitstätigkeit hervorgehen, wenn man ihren Einfluss auf die Finanzierung des Lebensunterhaltes einmal ausgeklammert, hat zwar Viktor Frankl und in siner Folge insbesondere Walter Böckmann längst vor empirischen Analysen  herausgearbeitet. 1987 wurde dies in der Meaning of Work Studie des International Research Teams bestätigt. Hier geben 66 – 80% der befragten Personen an, das sie auf freiwilliger Basis trotz finanzieller Unabhängigkeit weiter arbeiten würden. Als Begründungen wurden angeführt, aus der Arbeitstätigkeit resultierten positive Gefühle [z.B. durch die soziale und fachliche Anerkennung von Vorgesetzten und Kollegen], Freude über eine erbrachte Arbeitsleistung sowie ein allgemein gesteigertes Wohlbefinden. Ein Einfluss der Arbeit auf Gesundheit und Wohlbefinden eines Menschen erscheint unmittelbar einsichtig, da nach verschiedenen Befragungsergebnissen eine berufliche Tätigkeit für die Mehrzahl der Erwachsenen zu den wichtigsten Lebensinhalten überhaupt zählt. Diese hohe persönliche Relevanz bringt es mit sich, dass die berufliche Arbeit sowohl zu einem bedeutsamen Stressor, als auch zu einem unverzichtbaren, sinnstiftenden Lebensinhalt und damit zu einem Schutzfaktor für die Gesundheit werden kann.

Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen, die Szenarien hinsichtlich der Entwicklung von Berufen eingedenk zunehmender Digitalisierung und der auch ohne eigene Arbeitsleistung gegebene zunehmende Wohlstand der jungen Generation wird neue Erkenntnisse darüber bringen, ob der Schutzfaktor ‚Arbeitsbedingungen‘ weiterhin von Menschen als solcher angesehen wird. Wenn das Herausfallen aus heutiger Sicht klassischen Arbeitsmodellen nicht mehr dazu führt, dass Menschen ohne Arbeit sich diskreditiert fühlen oder die Sorge haben, Freunde, Nachbarn oder Bekannte würden einen als nicht vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ansehen, nur weil man keiner Erwerbstätigkeit in klassischen Formaten nachgeht, dann wird spannend zu beobachten sein, welche Schutzfaktoren es dann verstärkt braucht, um das Förderliche der  ‚Arbeitsbedingungen‘ auszugleichen.

Bezieht man sich jedoch auf die noch gegenwärtig breit anzutreffenden Arbeitsmodelle und findet ein Mensch Sinn in seiner aktuellen oder künftigen beruflichen Tätigkeit, dann entwickelt er

– motivationstheoretisch betrachtet Bedürfnisse [in Form von Wünschen und Zielen). Das zentrale Kriterium für die individuelle Arbeitszufriedenheit sind dabei die Bedingungen am Arbeitsplatz
– kompetenztheoretisch die Erwartung an eine Übereinstimmung von arbeitsbezogenen Anforderungen und individuellen Kompetenzen
– passungstheoretisch eine Kombination aus beidem: Gesundheit resultiert demzufolge aus einer guten Passung zwischen einem Menschen mit bestimmten Kompetenzen und Bedürfnissen einerseits und der Umwelt mit ihren Anforderungen und Angeboten [z.B. Sozialkontakte, Abwechslung] andererseits.

Untersuchungen zu den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit zeigen deutliche Belege für eine Beeinträchtigung der Gesundheit und des Wohlbefindens vieler Betroffener: Es konnten negative Effekte sowohl auf die physische als auch auf die psychische Gesundheit [wie z.B. Depression, Hoffnungslosigkeit, allgemeiner Kontrollverlust, Hilflosigkeit, Suizidalität, Passivität, Resignation, Pessimismus und verringertes Selbstbewusstsein[ nachgewiesen werden .

Schutzfaktor ‚Selbstwirksamkeitserwartung‘

Die Selbstwirksamkeitserwartung beschreibt die Überzeugung einer Person, das sie durch ihr eigenes Verhalten Einfluss auf ihre Gesunderhaltung ausüben kann. Jede Erfahrung, die ein Mensch in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt lernend macht, erweitert sein Spektrum möglicher neuer Verhaltensweisen. Als Verstärker dienen in diesen Situationen sowohl externe Quellen, insbesondere die Anerkennung oder Kritik von glaubwürdigen Personen oder das Erreichen von Zielen, das auch von Dritten wahrgenommen wird. Noch kräftiger wirkt hingegen die Selbstverstärkung, die Fähigkeit also, sich selbst bewerten und gezielt regulieren zu können.

Davon überzeugt zu sein, auch in unerwarteten Situationen zu wissen, wie sich zu verhalten ist oder die Haltung, dass kein Problem so schwierig sein kann, dass sich eine Lösung findet oder auch sich erinnern zu können, dass man im Leben schon so manche Kuh vom Eis gebracht hat, sind Signale positiver Selbstwirksamkeitserwartung. Wichtig dabei ist, dass diese Erwartung nicht an eng gefasste Situationen geknüpft ist, sondern der Ausgang grundsätzlich jedes Ereignisses zuerst einmal positiv-konstruktiv angeschaut und mit einer Handlungsorientierung versehen wird.

Aus sinnzentrierter Sicht sehen wir in unserer Begleitung von Menschen die Selbstwirksamkeit dann als besonders gegeben an, wenn ein Mensch fühlt, seine Werte verwirklichen zu können. Ein Mensch findet Sinn im Leben, wenn er dies kann. Die Bedingung ist, die eigenen Werte zu kennen und sie von denen differenzieren zu können, die einem im Zuge der Prägung durch Eltern und Umwelt auf den Lebensweg mitgegeben wurden. Wir können eine solche Werteanalyse leisten und erleben immer wieder diesen besonderen Glücksmoment, wenn Menschen mit einem Mal den Zugang zu ihrem Wesenskern gefunden haben und erkennen, wofür sie selbst im Leben stehen und einstehen.

Die Erwartung, auch in einer problematischen Situation in der Lage zu sein, effektives Verhalten zu zeigen, bildet einen wichtigen kognitiven und motivationalen Faktor, dieses Verhalten auch umzusetzen. Das Ziel therapeutischer Interventionen im Krisenkontext besteht darin, die Selbstwirksamkeitserwartung zu erhöhen [oder präventiv, zum Beispiel im Rahmen unseres Angebots Life2Me, zu verbessern].

Empirische Untersuchungen haben gezeigt, das die verhaltensspezifische Selbstwirksamkeitserwartung bei der Bewältigung von Alltagsstress, dem Umgang mit Schmerzen, der Entwöhnung von Abhängigkeiten sowie dem Aufbau von Gesundheitsverhaltensweisen eine zentrale Rolle spielt. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung sind eher in der Lage, Risikoverhaltensweisen abzubauen und gesundheitsförderliches Verhalten über längere Zeit aufrechtzuerhalten, sofern sie erst einmal von der Notwendigkeit überzeugt sind und einen festen Entschluss gefasst haben.

Schutzfaktor ‚Kontrollüberzeugung‘

Zu der Bedeutung von Schutzfaktoren wurden in jüngster Zeit viele Forschungsergebnisse vorgelegt, die verdeutlichen, das verschiedene Persönlichkeitsmerkmale Krankheit und Gesundheit beeinflussen und Hinweise auf individuelle Bewältigungs- und Handlungsmöglichkeiten geben können. Als zentrale Faktoren werden dabei heute genannt:

• Kontrollüberzeugung („Locus of Control“)
• Widerstandsfähigkeit („Hardiness“)
• Selbstwirksamkeitserwartung
• Optimismus
• Kohärenzsinn („Sense of Coherence“).

Der Begriff „Kontrollüberzeugung“ hat sich als Übersetzung für den Terminus „Locus of control of reinforcement“ durchgesetzt, der von Rotter im Rahmen seiner sozialen Lerntheorie geprägt wurde. Rotter differenziert dabei zwischen einer internalen und einer externalen Kontrollüberzeugung, also entweder einer Erwartung, durch eigenes Verhalten wichtige Ereignisse im Leben kontrollieren zu können oder aber der Auffassung zu sein, das eigene Schicksal als durch äußere Faktoren beeinflusst anzusehen.

In Krisen entwickeln Menschen mit externaler Kontrollüberzeugung eher Angst und Depression,  Stresserleben und Krankheitsverlauf werden negativ beeinflusst. Eine internale Kontrollüberzeugung hingegen wirkt stressmildernd und die Person bleibt eher in ihrer soziale Umwelt aktiv und übernimmt Verantwortung, insbesondere auch für die eigene Gesundheit.

Wertekrisen und Sinnfindung

Nicht nur schwere körperliche und psychische Erkrankungen, sondern auch Schicksalsschläge, die nicht in einer Krankheit bestehen, gehören zum Arbeitsfeld der Logotherapie. Es geht in solchen Lebenssituationen meist um einen großen Wertverlust:

  • eine Freundschaft, eine Partnerschaft zerbricht,
  • eine Ehe wird geschieden,
  • ein Arbeitsplatz muß aufgegeben und ein materieller Verlust hingenommen werden,
  • eine große Enttäuschung muß aufgearbeitet werden,
  • der Tod oder die schwere Erkrankung einer nahestehenden Person müssen akzeptiert werden,
  • ein nicht wieder gutzumachender Fehler lastet auf der Person

Die so entstehende existentielle Erschütterung wirkt sich aus im Psychischen und-oder im Somati­schen, z.B. so, dass jemand so traurig ist [psychoreaktive De­pression] und dass er nichts mehr essen kann [psychosomatische Reaktion]. Die geis­tige Frustration liefert dann den Grund zum Traurigsein; das Traurigsein ist eine emotionale [psychische] Verstimmung, die sich ihrerseits auf den Eßvorgang, also ins Körperliche [Somatische] hinein auswirkt.

Der Wertverlust ist der Grund der geistigen Frustration und eine logotherapeuti­sche Hilfe wird sich auf das Thema Wert und Werte konzen­trieren, genaugenommen auf die Frage, wie sich die Person zu diesem oder jenem Wertverlust einstellt. Es gilt, dem Menschen nahezubringen, dass sie durch die Art und Weise, wie sie sich zum Wertverlust innerlich einstellt, ihn aushält und akzeptie­rt, wiederum neue Werte in ihr Leben hineinschaffen kann –  neue Werte, die den erlittenen Wertverlust auf einer ,höheren Ebene‘ ausgleichen.

Als Therapeut steht man hier oft vor dem Phänomen, dass man eher die Möglichkeit des Sinnvollen im Leid bei der betroffenen Person ’sieht‘ als der Leidende selbst. Ein leidender Mensch wird ein Stück weit werteblind, er zweifelt an sich und bezweifelt nicht das Leid [diese Perspektive wechseln zu helfen, gehört mit ins Spektrum der logotherapeutischen Arbeit]. Der vom Werteverlust betroffene Mensch braucht einen geschützten Raum, in dem er die Chancen ausloten kann, die ihm jenseits des Leides verblieben sind. Es geht um die Rettung des – gar nicht so selten sehr großen – Rests, ohne mit dem Rest das Verlorene ersetzen zu wollen. Diesem ‚guten Rest‘ die Aufmerksamkeit zu spenden führt zu einer spürbaren Änderung im Verhalten: Grübeleien über Unabänderliches wird reduziert, Selbstvorwürfe und Selbstmitleid schwinden, Hilflosigkeit und Machtlosigkeit werden gewendet in progressives Handeln.

Krankheitskrisen und Sinnfindung

Wenn wir Menschen in unserer Praxis begrüßen, die über ein unabänderliches körperli­ches Leiden berichten, folgen wir dem sinntherapeutischen Prinzip, nicht als Therapeut eine seelische Krankheit zu behandeln, sondern als Mensch einen anderen Menschen therapeutisch zu unterstützen, der eine Erkrankung hat. Dem körperlich Erkrankten wird geistiger Halt vermittelt, der ihn vor Verzweiflung bewahrt, sein Gemüt stärkt und positive Gefühle heraufreguliert, um ihm über diese grundsätzliche Verbesserung zu ermöglichen, Sinn zu finden trotz körperlicher und psychischer Last. 

Mütter ahnen diese Zusammenhänge instinktiv und lesen zum Beispiel ihren kranken Kindern lustige Geschichten vor, um sie bei Laune zu halten. Im Erwach­senendasein bleibt die Affektlage im Prinzip jedoch nur dann positiv, wenn der Erkrankte seine Existenz trotz der Krankheit als sinnvoll erlebt. Ein Indiz dafür, dass ein Mensch dies tut, lässt sich erkennen, wenn der betroffene Mensch den Humor nicht verliert. Wie oft erleben wir es, dass uns unsere Gesprächspartner mit einem frechen Witz oder munteren Anekdoten zum Lachen bringen, und das, obwohl es ihnen schwer ums Herz ist. Was sich in solchen Situationen Bahn bricht ist das, was wir ‚geistige Dimension‘ nennen.

Anders als in vielen Denktraditionen, die den Menschen reduzieren auf Körper und Psyche und geistige Prozesse ihrerseits noch einmal reduzieren auf Gehirnaktivitäten (und diese dann wiederum als Körperliches und/oder Psychisches interpretieren), sieht die Logotherapie den Menschen ausgestattet mit einer dritten Dimension, mit der des Geistes. Diese Dimension wird nicht vererbt, sie ist anders als das mit der Zeugung übertragene psychophysisch-genetische Substrat, die absolut einzigartig-originäre Potenz, mit der ein Mensch als Person sich ihrer körperlichen und psychischen Grundlagen bedient, um ihr Leben auf ihre Art zu gestalten.

Will man wissenschaftlich nachweisen, dass es eine solche dritte Dimension gibt, dann braucht es eine besondere Konstellation einer menschlichen Lebenssituation. Mit dem 1966 geborenen Iren Christopher Nolan, der seit seiner Geburt spastisch gelähmt und völlig stumm ist, ist eine solche Lebenssituation gegeben. Nolan ist nicht in der Lage, einfachste, verlässlich abrufbare Bewegungen durchzuführen. Mittels eines am Kopf befestigten Stabes versucht er durch Nicken, die Tasten der Schreibmaschine zu treffen und dies erschwert durch Krämpfe und Verspannungen, die ihm alle  Willenskraft abfordert, will er einem ihm wichtigen Gedanken festhalten.

Mit seinem autobiographischen Roman „Unter dem Auge der Uhr“ erzählt er die Geschichte einer Behinderung eines Mannes, der nie einen Dialog geführt hat, der seine Sprache nie zuvor erproben konnte, dessen Weltwahrnehmung einzig auf Hören und Sehen reduziert ist. Reduzierten wir diese Person auf seine körperliche [extrem behinderte] Dimension oder auf seine durch Ängste, Schmerz und Leid geprägte psychische Dimension, bliebe nichts weiter als ein Opfer der Umstände, als ein Mensch mit hartem Schicksal.  Die freie geistige Stellungnahme und Leistung, die ihm trotz körperlicher Behinderung und seelischer Frustration sogar zu einem angesehenen Literaturpreis verhalf, enthüllt eine Haltung, die von keinerlei äußeren oder inneren Ursachen mehr ableitbar ist, sondern in der Freiheit des Menschen schlechthin gründet. Die geistige Freiheit des Menschen ist es, die es ihm ermöglichte, in der Behinderung, trotz der Behinderung und durch sie hindurch seinem Leben einen Sinn abzuringen.

Geistiges steht daher für unsere therapeutische Arbeit über dem körperlich-organischen Geschehen. Die Trotzmacht des Geistes, wie Viktor Frankl diese besondere Dimension nennt, wirkt selbst dann, wenn Körper und Psyché jegliche Wirkungsbereitschaft von Außen und oberflächlich betrachtet unmöglich erscheinen lassen.

Es gibt eine freie Stellungnahme, die sich freilich im Rahmen des individuell Mögli­chen vollzieht. Was einem möglich ist, ist dem anderen nicht möglich, denn jeder ist eben auf seine Weise Individuum, aber jeder kann unter seinen Möglichkeiten sich für diejenigen entscheiden, die für ihn, gemäß seiner Situation, am sinnvollsten sind.

Zu Ende gedacht bedeutet dies: Ist der psychophysische Organismus — das Instrument der geistigen Person — schwer krank oder behindert, kann sich die geistige Person nicht (oder kaum oder nur sehr schwach) ausdrücken, aber sie ist unversehrt da. Denn: Die geistige Person kann nicht erkranken, sie ist jenseits von Krankheit und Tod [Frankl]. In ihr ist die Würde des Menschen begründet. Eine Erkrankung kommt nur an den psychophysischen Organismus heran und eine medizinische Behand­lung richtet sich primär auf die ‚Reparatur‘ dieses kranken Organismus. Die Trotzmacht des Geistes anzusprechen, ist nun die Aufgabe der Logotherapie. Sie rückt das Erhaltene ins Zentrum der therapeutischen Begleitung und verhilft dem Menschen zu erkennen, was  ihm noch offensteht und welche Aufgabe des Lebens mit diesem Unversehrten zu erfüllen gilt. Christopher Nolan hat diese Aufgabe angenommen und wenn man ein wenig um sich herumschaut, dann weiß man: nicht nur er ….

Schmankerl

Im bairisch-österreichischen versteht man unter einem „Schmankerl“ einen Leckerbissen, eine Spezialität oder auch einen Höhepunkt. Ein paar Leckerbissen, die im Rahmen der Wertereflexion und der -entwicklung hilfreich sein können, stellen wir hier vor.

Symbiose und Krise

Krise, so haben wir in der Krisenpraxis mehrfach ausgeführt, meint ‚entscheidende Wendung‘. Und unter einer Symbiose [griech.: syn = gemeinsam; bios = leben] versteht man eine Form des Zusammenlebens. Biologisch betrachtet meint Symbiose, dass Lebewesen sich gegenseitig zu ihrem jeweiligen Vorteil in ihren Lebensnotwendigkeiten unterstützen. So betrachtet wird ‚Leben‘ zu einer mehr oder weniger starken Abhängigkeit von anderen Leben. Leben vermag es, anderes Leben zu ermöglichen, so dass es sich gegenseitig entwickeln und wachsen kann. Aus entwicklungspsychologischer Sicht kann Symbiose als Ausdruck eines Bedürfnisses nach Nähe und Zugehörigkeit verstanden werden, sei es zur Familie, einer Gruppe, einem Volk.

Zugehörigkeit zu verlieren, löst Angst aus. Ihr Ur-Sprung liegt in der Angst des Säuglings, eine Loslösung von seiner Mutter zu erfahren. Die Abhängigkeit zu ihr und der von ihr ausgehenden körperlichen und seelischen Versorgung sichert das Überleben, ein – in unserem Verständnis – Überleben hin zum eigenen Leben. Das eigene Leben als Folge vorangegangener Loslösung gewisser Zugehörigkeiten zu verstehen, ermöglicht einen Blick auf eine Seite eines Phänomens, das zu beobachten ist, wenn die ‚Loslösung‘ misslingt: das Phänomen des Symbiosetraumas.

Franz Ruppert, auf dessen Forschung der Begriff zurückgeht, fokussiert dabei einen anderen Aspekt: Wenn die gesunde Autonomieentwicklung des Kindes durch Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt, durch unsichere oder nicht gelungene Bindungsversuche der Eltern, durch Erfahrungen von Verlust oder Trennung, durch körperliche oder psychische Erkrankungen der Eltern oder durch Co-Abhängigkeiten, Vernachlässigung, Missbrauchs- und Gewalterfahrung vom Elternsystem ausgehend erschwert werden und die Befriedigung der Liebesbedürfnisse des Kindes darunter leidet, dann begünstigt dies die Entwicklung eines derartigen Traumas.

Die tiefenpsychologische Sichtweise sieht nun ein Kind vor sich, das eine innere Unsicherheit empfindet, weil es über einen unzureichenden Spielraum verfügt, um ein Selbstverständnis für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln, resp. um natürliche Begrenzungen zu erfahren. Als ‚psycho-logische‘ Folge kann sich das Kind nur schwer von seinem/n Eltern[teil] lösen und weiter in der Folge selbst als Erwachsener sich noch emotional von den Stimmungen und Befindlichkeiten der eigenen Eltern abhängig fühlen.

Ohne in Frage stellen zu wollen, dass die vorgeburtliche und frühkindliche Bindung insbesondere zur Mutter [natürlich aber auch zum Vater] und deren psychische wie körperliche Verfassung auf das Kind Einfluss nehmen und ohne zu bezweifeln, dass unbefriedigte emotionale Bedürfnisse des Kindes bei ihm zu negativen, Stress auslösenden Empfindungen führen können, so sei auf die sinntheoretisch, logotherapeutische Perspektive hingewiesen. Dass nämlich der [spätestens] erwachsene Mensch jederzeit frei und verantwortlich ist, zu entscheiden, ob er sich weiterhin als in dieser Weise reduziert und abhängig erleben oder ob er sich seinem ‚trotz allem‘ gesunden Geisteskern zuwenden will, der stets unbeschadet bleibt – selbst dann, wenn die Psyche eingedenk der gemachten Erfahrungen bestrebt ist, mit ihren mühevollen und oftmals vergeblichen Verarbeitungsprozessen die ‚Oberhand‘ zu gewinnen.

Es lässt sich nur schwer ermessen, welche Anstrengungen die kindliche Psyche unternimmt, wenn eine ihrerseits in ihrer eigenen Kindheit symbiotisch unterversorgte Mutter nun ihr Kind unterversorgt und das Kind seinerseits nur überleben kann, wenn es seiner Mutter folgt und seinen traumatisierten und von Existenzangst geprägten Anteil ebenso abspaltet wie es die Mutter tat. Die Bandbreite der Interpretationen ist groß. Der Psychoanalytiker Arno Grün geht zum Beispiel davon aus, dass Kinder, die nicht um ihrer Selbstwillen geliebt werden, ihr eigentliches Selbst verraten müssen und sich zu angepassten, sich unterordnenden Menschen entwickeln. Da wir – so seine Ansicht – abhängig sind von unseren Eltern, übernehmen wir deren Wertesystem mit der Folge: „Ich werde so, wie du mich haben willst, damit du für mich sorgst.“

Diametral dazu unsere Haltung aus der Logotherapie: Verhält sich der Mensch symbiotisch entlang des Wertesystems seiner Eltern[teile], so erodiert dadurch sein eigenes Wertesystem ohne jedoch verloren zu gehen. Es zu revitalisieren und damit der traumatischen Einwirkung zu entziehen, vermag der Mensch dann, wenn er im beschriebenen Kontext die Haltung einnimmt: „Wenn ich mich einzig so nehme, wie ich symbiotisch traumatisiert bin, dann mache ich mich schlechter. Wenn ich mich aber so nehme, wie ich selbst sein soll, dann verhelfe ich mir dazu, der zu werden, der ich werden kann.“ [frei nach Frankl, der seinerseits in einem solch freien Verständnis auf einen Satz von Goethe verweist].

Diese Haltung einzunehmen ist aus einem naheliegenden Grund zweckdienlich: Da die einmal vom Kind übernommenen Traumainhalte keine Zuordnung in der eigenen Biographie finden [vielmehr gehören sie ja originär zur Biografie des Elternteils], ist das Erleben dieser Fremdgefühle für den Jugendlichen oder Erwachsenen extrem verwirrend. Bei einem Symbiosetrauma sind die eigenen Gefühle wie abgespalten, man erlebt sich deutlich fremdbestimmt. Wird der Person bewusst, dass sie sich in der Biografie des Elternteils verstrickt hat, so kann die Person versuchen, sich diese Verstrickungsdynamik bewusst zu machen. Eine dies unterstützende Therapie bleibt dabei vergangenheitsorientiert und fokussiert auf das jeweilige Elternteil mit deren Psychodynamik. Eine solche Perspektive nimmt die Logotherapie nicht ein. Im Kern anerkennt sie was ist [auch das bisherige Leid], verhilft dem Patienten dann jedoch zu, sich vorrangig seiner eigenen Werte und der sich aus ihnen ableitbaren Einstellungen, Haltungen, Motive und Verhaltensweisen bewusst zu werden. Diese Arbeitsschritte dienen dazu, dem derart logotherapeutisch begleiteten Menschen zu ermöglichen, seinerseits nun jedoch konstruktiv-wertebewusst symbiotische Beziehungen eingehen zu können.