Kategorie-Archiv: Umgang mit persönlichen Lebenslagen

Krankheitskrisen und Sinnfindung

Wenn wir Menschen in unserer Praxis begrüßen, die über ein unabänderliches körperli­ches Leiden berichten, folgen wir dem sinntherapeutischen Prinzip, nicht als Therapeut eine seelische Krankheit zu behandeln, sondern als Mensch einen anderen Menschen therapeutisch zu unterstützen, der eine Erkrankung hat. Dem körperlich Erkrankten wird geistiger Halt vermittelt, der ihn vor Verzweiflung bewahrt, sein Gemüt stärkt und positive Gefühle heraufreguliert, um ihm über diese grundsätzliche Verbesserung zu ermöglichen, Sinn zu finden trotz körperlicher und psychischer Last. 

Mütter ahnen diese Zusammenhänge instinktiv und lesen zum Beispiel ihren kranken Kindern lustige Geschichten vor, um sie bei Laune zu halten. Im Erwach­senendasein bleibt die Affektlage im Prinzip jedoch nur dann positiv, wenn der Erkrankte seine Existenz trotz der Krankheit als sinnvoll erlebt. Ein Indiz dafür, dass ein Mensch dies tut, lässt sich erkennen, wenn der betroffene Mensch den Humor nicht verliert. Wie oft erleben wir es, dass uns unsere Gesprächspartner mit einem frechen Witz oder munteren Anekdoten zum Lachen bringen, und das, obwohl es ihnen schwer ums Herz ist. Was sich in solchen Situationen Bahn bricht ist das, was wir ‚geistige Dimension‘ nennen.

Anders als in vielen Denktraditionen, die den Menschen reduzieren auf Körper und Psyche und geistige Prozesse ihrerseits noch einmal reduzieren auf Gehirnaktivitäten (und diese dann wiederum als Körperliches und/oder Psychisches interpretieren), sieht die Logotherapie den Menschen ausgestattet mit einer dritten Dimension, mit der des Geistes. Diese Dimension wird nicht vererbt, sie ist anders als das mit der Zeugung übertragene psychophysisch-genetische Substrat, die absolut einzigartig-originäre Potenz, mit der ein Mensch als Person sich ihrer körperlichen und psychischen Grundlagen bedient, um ihr Leben auf ihre Art zu gestalten.

Will man wissenschaftlich nachweisen, dass es eine solche dritte Dimension gibt, dann braucht es eine besondere Konstellation einer menschlichen Lebenssituation. Mit dem 1966 geborenen Iren Christopher Nolan, der seit seiner Geburt spastisch gelähmt und völlig stumm ist, ist eine solche Lebenssituation gegeben. Nolan ist nicht in der Lage, einfachste, verlässlich abrufbare Bewegungen durchzuführen. Mittels eines am Kopf befestigten Stabes versucht er durch Nicken, die Tasten der Schreibmaschine zu treffen und dies erschwert durch Krämpfe und Verspannungen, die ihm alle  Willenskraft abfordert, will er einem ihm wichtigen Gedanken festhalten.

Mit seinem autobiographischen Roman „Unter dem Auge der Uhr“ erzählt er die Geschichte einer Behinderung eines Mannes, der nie einen Dialog geführt hat, der seine Sprache nie zuvor erproben konnte, dessen Weltwahrnehmung einzig auf Hören und Sehen reduziert ist. Reduzierten wir diese Person auf seine körperliche [extrem behinderte] Dimension oder auf seine durch Ängste, Schmerz und Leid geprägte psychische Dimension, bliebe nichts weiter als ein Opfer der Umstände, als ein Mensch mit hartem Schicksal.  Die freie geistige Stellungnahme und Leistung, die ihm trotz körperlicher Behinderung und seelischer Frustration sogar zu einem angesehenen Literaturpreis verhalf, enthüllt eine Haltung, die von keinerlei äußeren oder inneren Ursachen mehr ableitbar ist, sondern in der Freiheit des Menschen schlechthin gründet. Die geistige Freiheit des Menschen ist es, die es ihm ermöglichte, in der Behinderung, trotz der Behinderung und durch sie hindurch seinem Leben einen Sinn abzuringen.

Geistiges steht daher für unsere therapeutische Arbeit über dem körperlich-organischen Geschehen. Die Trotzmacht des Geistes, wie Viktor Frankl diese besondere Dimension nennt, wirkt selbst dann, wenn Körper und Psyché jegliche Wirkungsbereitschaft von Außen und oberflächlich betrachtet unmöglich erscheinen lassen.

Es gibt eine freie Stellungnahme, die sich freilich im Rahmen des individuell Mögli­chen vollzieht. Was einem möglich ist, ist dem anderen nicht möglich, denn jeder ist eben auf seine Weise Individuum, aber jeder kann unter seinen Möglichkeiten sich für diejenigen entscheiden, die für ihn, gemäß seiner Situation, am sinnvollsten sind.

Zu Ende gedacht bedeutet dies: Ist der psychophysische Organismus — das Instrument der geistigen Person — schwer krank oder behindert, kann sich die geistige Person nicht (oder kaum oder nur sehr schwach) ausdrücken, aber sie ist unversehrt da. Denn: Die geistige Person kann nicht erkranken, sie ist jenseits von Krankheit und Tod [Frankl]. In ihr ist die Würde des Menschen begründet. Eine Erkrankung kommt nur an den psychophysischen Organismus heran und eine medizinische Behand­lung richtet sich primär auf die ‚Reparatur‘ dieses kranken Organismus. Die Trotzmacht des Geistes anzusprechen, ist nun die Aufgabe der Logotherapie. Sie rückt das Erhaltene ins Zentrum der therapeutischen Begleitung und verhilft dem Menschen zu erkennen, was  ihm noch offensteht und welche Aufgabe des Lebens mit diesem Unversehrten zu erfüllen gilt. Christopher Nolan hat diese Aufgabe angenommen und wenn man ein wenig um sich herumschaut, dann weiß man: nicht nur er ….

Schmankerl

Im bairisch-österreichischen versteht man unter einem „Schmankerl“ einen Leckerbissen, eine Spezialität oder auch einen Höhepunkt. Ein paar Leckerbissen, die im Rahmen der Wertereflexion und der -entwicklung hilfreich sein können, stellen wir hier vor.

Symbiose und Krise

Krise, so haben wir in der Krisenpraxis mehrfach ausgeführt, meint ‚entscheidende Wendung‘. Und unter einer Symbiose [griech.: syn = gemeinsam; bios = leben] versteht man eine Form des Zusammenlebens. Biologisch betrachtet meint Symbiose, dass Lebewesen sich gegenseitig zu ihrem jeweiligen Vorteil in ihren Lebensnotwendigkeiten unterstützen. So betrachtet wird ‚Leben‘ zu einer mehr oder weniger starken Abhängigkeit von anderen Leben. Leben vermag es, anderes Leben zu ermöglichen, so dass es sich gegenseitig entwickeln und wachsen kann. Aus entwicklungspsychologischer Sicht kann Symbiose als Ausdruck eines Bedürfnisses nach Nähe und Zugehörigkeit verstanden werden, sei es zur Familie, einer Gruppe, einem Volk.

Zugehörigkeit zu verlieren, löst Angst aus. Ihr Ur-Sprung liegt in der Angst des Säuglings, eine Loslösung von seiner Mutter zu erfahren. Die Abhängigkeit zu ihr und der von ihr ausgehenden körperlichen und seelischen Versorgung sichert das Überleben, ein – in unserem Verständnis – Überleben hin zum eigenen Leben. Das eigene Leben als Folge vorangegangener Loslösung gewisser Zugehörigkeiten zu verstehen, ermöglicht einen Blick auf eine Seite eines Phänomens, das zu beobachten ist, wenn die ‚Loslösung‘ misslingt: das Phänomen des Symbiosetraumas.

Franz Ruppert, auf dessen Forschung der Begriff zurückgeht, fokussiert dabei einen anderen Aspekt: Wenn die gesunde Autonomieentwicklung des Kindes durch Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt, durch unsichere oder nicht gelungene Bindungsversuche der Eltern, durch Erfahrungen von Verlust oder Trennung, durch körperliche oder psychische Erkrankungen der Eltern oder durch Co-Abhängigkeiten, Vernachlässigung, Missbrauchs- und Gewalterfahrung vom Elternsystem ausgehend erschwert werden und die Befriedigung der Liebesbedürfnisse des Kindes darunter leidet, dann begünstigt dies die Entwicklung eines derartigen Traumas.

Die tiefenpsychologische Sichtweise sieht nun ein Kind vor sich, das eine innere Unsicherheit empfindet, weil es über einen unzureichenden Spielraum verfügt, um ein Selbstverständnis für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln, resp. um natürliche Begrenzungen zu erfahren. Als ‚psycho-logische‘ Folge kann sich das Kind nur schwer von seinem/n Eltern[teil] lösen und weiter in der Folge selbst als Erwachsener sich noch emotional von den Stimmungen und Befindlichkeiten der eigenen Eltern abhängig fühlen.

Ohne in Frage stellen zu wollen, dass die vorgeburtliche und frühkindliche Bindung insbesondere zur Mutter [natürlich aber auch zum Vater] und deren psychische wie körperliche Verfassung auf das Kind Einfluss nehmen und ohne zu bezweifeln, dass unbefriedigte emotionale Bedürfnisse des Kindes bei ihm zu negativen, Stress auslösenden Empfindungen führen können, so sei auf die sinntheoretisch, logotherapeutische Perspektive hingewiesen. Dass nämlich der [spätestens] erwachsene Mensch jederzeit frei und verantwortlich ist, zu entscheiden, ob er sich weiterhin als in dieser Weise reduziert und abhängig erleben oder ob er sich seinem ‚trotz allem‘ gesunden Geisteskern zuwenden will, der stets unbeschadet bleibt – selbst dann, wenn die Psyche eingedenk der gemachten Erfahrungen bestrebt ist, mit ihren mühevollen und oftmals vergeblichen Verarbeitungsprozessen die ‚Oberhand‘ zu gewinnen.

Es lässt sich nur schwer ermessen, welche Anstrengungen die kindliche Psyche unternimmt, wenn eine ihrerseits in ihrer eigenen Kindheit symbiotisch unterversorgte Mutter nun ihr Kind unterversorgt und das Kind seinerseits nur überleben kann, wenn es seiner Mutter folgt und seinen traumatisierten und von Existenzangst geprägten Anteil ebenso abspaltet wie es die Mutter tat. Die Bandbreite der Interpretationen ist groß. Der Psychoanalytiker Arno Grün geht zum Beispiel davon aus, dass Kinder, die nicht um ihrer Selbstwillen geliebt werden, ihr eigentliches Selbst verraten müssen und sich zu angepassten, sich unterordnenden Menschen entwickeln. Da wir – so seine Ansicht – abhängig sind von unseren Eltern, übernehmen wir deren Wertesystem mit der Folge: „Ich werde so, wie du mich haben willst, damit du für mich sorgst.“

Diametral dazu unsere Haltung aus der Logotherapie: Verhält sich der Mensch symbiotisch entlang des Wertesystems seiner Eltern[teile], so erodiert dadurch sein eigenes Wertesystem ohne jedoch verloren zu gehen. Es zu revitalisieren und damit der traumatischen Einwirkung zu entziehen, vermag der Mensch dann, wenn er im beschriebenen Kontext die Haltung einnimmt: „Wenn ich mich einzig so nehme, wie ich symbiotisch traumatisiert bin, dann mache ich mich schlechter. Wenn ich mich aber so nehme, wie ich selbst sein soll, dann verhelfe ich mir dazu, der zu werden, der ich werden kann.“ [frei nach Frankl, der seinerseits in einem solch freien Verständnis auf einen Satz von Goethe verweist].

Diese Haltung einzunehmen ist aus einem naheliegenden Grund zweckdienlich: Da die einmal vom Kind übernommenen Traumainhalte keine Zuordnung in der eigenen Biographie finden [vielmehr gehören sie ja originär zur Biografie des Elternteils], ist das Erleben dieser Fremdgefühle für den Jugendlichen oder Erwachsenen extrem verwirrend. Bei einem Symbiosetrauma sind die eigenen Gefühle wie abgespalten, man erlebt sich deutlich fremdbestimmt. Wird der Person bewusst, dass sie sich in der Biografie des Elternteils verstrickt hat, so kann die Person versuchen, sich diese Verstrickungsdynamik bewusst zu machen. Eine dies unterstützende Therapie bleibt dabei vergangenheitsorientiert und fokussiert auf das jeweilige Elternteil mit deren Psychodynamik. Eine solche Perspektive nimmt die Logotherapie nicht ein. Im Kern anerkennt sie was ist [auch das bisherige Leid], verhilft dem Patienten dann jedoch zu, sich vorrangig seiner eigenen Werte und der sich aus ihnen ableitbaren Einstellungen, Haltungen, Motive und Verhaltensweisen bewusst zu werden. Diese Arbeitsschritte dienen dazu, dem derart logotherapeutisch begleiteten Menschen zu ermöglichen, seinerseits nun jedoch konstruktiv-wertebewusst symbiotische Beziehungen eingehen zu können.

Die Kunst, sich selbst zu leben

Wie Sie es auch nennen wollen, ob Lebenskunst, techné, ars vitae oder ars vivendi – allemal meint Lebenskunst ein wertebewusst geführtes Leben und damit die Kunst, in einer Beziehung zum eigenen Selbst zu stehen und zu wissen, wie man mit sich selbst umgeht.

Aber es mutet schon seltsam an, wenn man sich fragt, wie man zu sich selbst in Beziehung steht. Braucht es nicht immer mindestens zwei in einer Beziehung? In der psychologischen Tradition findet sich oftmals das Tandem „Ich“ und „Selbst“, manchmal auch das „Denkende Ich“ und das „Fühlende Selbst“. In der von uns vertretenen Sinntheorie sehen wir auch das „Original des Selbst im Kind“ und den „Typus des Ich im Erwachsenen“. Das Selbst ist für uns mit Geburt gegeben. Frankl: „Der Mensch ist mit Geburt Person.“ Wenn er mit Geburt Person [per-sonare: durchtönen] ist, was tönt dann durch? Das dem neugeborenen Kind Selbstverständliche, sein Original – letztlich die sich in seinem Verhalten originär zeigenden Werte.

Über die Zeit seiner Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen macht der Mensch eine Werte-Entwicklung durch. Er erfährt Erosionen seiner originären Werte, weil Eltern und Umwelt andere für angemessener erachten. Nach und nach kann so der Mensch die Beziehung zu sich selbst verlieren. Empfindet dies der Mensch, so äußert sich dies oft im Wunsch, wieder ’selbst-ständig‘ werden zu wollen. Ständig dem eigenen Selbst zu entsprechen bedingt, sich der originären Werte und ihrer Entwicklung bewusst zu werden. Dies nennen wir „Selbstbewusstheit“.

Das bewusst gemachte Selbst spendet dem ‚Ich‘ Orientierung. Es ermöglicht dem Ich eine besondere Form der Freiheit, nämlich die Freiheit, sich für etwas oder jemanden hinzugeben, der man gerade nicht selbst ist. Ist sich das Selbst seiner ’sicher‘, ist es sich ‚vertraut‘, dann ist das Fundament gelegt, in der Welt das sehen zu können, was wir in der Logotherapie unter ‚Sinn‘ verstehen. Will ein Mensch diese besondere Form der Freiheit erlangen, dann ist die Bedingung, an das ‚Ich‘, dass es lernt, wie das ‚Selbst‘ das Leben bisher geführt hat und was sich das ‚Selbst‘-verständlich machen muss, um notwendige Veränderungen im Leben einleiten zu können.

Warum kein Therapeut der Welt einem diese Arbeit ‚abnehmen‘ kann:

  • Selbst ist alles, was unweigerlich nicht Sache eines anderen ist. Selbstaufklärung können andere Menschen für einen selbst nicht leisten.
  • Selbst dann, wenn man von sich selbst absehen will, braucht es dieses ‚Selbst‘. Das, was zur ‚Selbst-Distanzierung‘ beiträgt, ist das ‚Ich‘. An das ‚Ich‘ wendet sich der Therapeut.
  • Es ist absurd, davon auszugehen, dass ein ‚Ich‘ ohne ein ‚Selbst‘ sein kann. Und umgekehrt. Als Therapeuten unterstützen wir daher ein ‚Ich‘ darin, ‚Selbstkenntnis‘ aufzubauen.
  • Nur man selbst kann sagen, wie man zum Ich geworden ist. Und wer man im nächsten Moment geworden sein will.

Die Methode der Wahl in diesem therapeutischen Spannungsfeld zwischen Freiheit und Verantwortung ist die Logotherapie oder eine auf ihr basierende Beratung.

Der Sinn als Mitglied des inneren Teams

communicare „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen; gemeinsam machen, vereinigen“

Wir können nicht nicht gegenüber anderen Menschen kommunizieren.
Wir können nicht nicht mit uns selbst kommunizieren.
Kommunikation ist alles und überall. Das macht es nicht immer wirklich leichter.

Im Rahmen unseres Einzelcoachings:

  • können Sie sich Ihre inneren Dialoge (Selbstkommunikation) bewusst machen und dabei zwischen förderlichen und hinderlichen Mustern unterscheiden
  • können Sie sich Ihren Glaubenssätzen nähern und beginnen, sich von einst verinnerlichten Altlasten zu befreien
  • können Sie eine Verbindung herstellen zwischen Ihren Werten, die einen Beitrag dafür leisten, Einstellungen und Haltungen zu prägen, die ihrerseits zu Verhaltensmustern und Kommunikationsstilen führen
  • können Sie lernen, effektiver zu fragen
  • können Sie Ihre non-verbale Kommunikation (Körpersprache) studieren und verbessern
  • können Sie Ihr Kommunikationsbedürfnis und das anderer Menschen erkunden und üben, wie sich Stress durch Kommunikation vermeiden läßt

Soviel zum Werbeblock.


Wenn man sich mit Kommunikation und dem Phänomen des inneren Dialogs befasst, kommt man am Konzept des ‚Inneren Teams‘ von Friedemann Schulz von Thun nicht vorbei: 

„Die Erkenntnis, dass die menschliche Seele eine faszinierende innere Gruppendynamik aufweist und die Entdeckung, dass die dort waltenden Verhältnisse eine erstaunliche Analogie zu denen in realen Gruppen und Teams aufweisen, haben mich dazu gebracht, die Metapher vom „Inneren Team“ zu formulieren und zur Grundlage meines Menschenbilds und meiner kommunikationspsychologischen Beratung zu machen.“

Das Modell betrachtet die „Innenseite“ der Kommunikation, denn ein Miteinander und Gegeneinander findet nicht nur zwischen Menschen, sondern auch innerhalb des Menschen statt. Meist gibt es mehrere innere Stimmen, die sich zu einem bestimmten Thema äußern, die sich miteinander selten einig sind und die alles daran setzen, auf unser Verhalten und unser Handeln Einfluss zu nehmen.

Das Modell des Inneren Teams beinhaltet sechs Lehren:

1) Lehre von der inneren Pluralität des Menschen
(innere Reaktionen auf andere Menschen oder Ereignisse erfolgen meist gemischt, undeutlich, in Form eines „hin-und hergerissen“)

2) Lehre von der inneren Führung
(wenn es ans Entscheiden geht, dann behält das „innere Oberhaupt“ das letzte Wort)

3) Lehre vom inneren Konfliktmanagement
(Gegensätze und Spannungen werden vom inneren Konfliktmanager gemanagt – er besitzt mehr oder weniger die Tugend der Verständigungsbereitschaft, die Fähigkeit, die Perspektive des anderen einzunehmen, den Willen zum Sinn)

4) Lehre vom Aufbau der Persönlichkeit
(das innere Team kennt „Stammspieler“, „Ersatzbank“, „Schiedsrichter“, „Publikum“, und so weiter)

5) Lehre von der Variation innerer Aufstellungen
(ein Mensch variiert je nach Kontext in seinem Kommunikationsverhalten – und wirkt dabei zuweilen unberechenbar)

6) Lehre vom Gehalt einer Situation
(der Mensch setzt spontan Schwerpunkte – innerhalb einer kurzen Situation kann es aufgrund des inneren Teams zu stimmigen oder konfliktären Kommunikationsmustern kommen)

Für die sinnzentrierte Arbeit mit Menschen ist sind hiervon die zweite und sechste ‚Lehre‘ von besonderer Bedeutung. Das innere Oberhaupt ist für uns das Sinn-Organ, das Gewissen. Unter dem ‚Gehalt einer Situationen‘ verstehen wir den bestenfalls gegebenen Situationssinn oder – negativ – den sich in Situationen nicht allzu selten auch zeigende ‚Unsinn‘.
Da wir den Menschen als sinnstrebig verstehen, es für ihn also in der Welt immer auch jederzeit einen Sinn gibt, so lässt sich dieser auch – im Verständnis der fünften Lehre – als innerer Repräsentant aufstellen. Eine solche Sinn-Aufstellung gehört zu den von uns im Werte- und Sinncoaching sowie im Krisenpräventionscoaching eingesetzten Standardinterventionen.

Vom Geistigen zum Psychischen

Die Seelenkunde, die Psychologie, beschreibt und erklärt menschliches Verhalten, die Entwicklung des Menschen in seinen Lebensphasen und die inneren und äußeren Ursachen und Bedingungen für die Formung seines Verhaltens. Die klassische Psychotherapie hat als Prozess der Heilung der Affektseele die Aufgabe, die seelische Verfassung eines Menschen derart zu stabilisieren, so dass er freikommt von den mit seiner Erkrankung verbundenen belastenden Gedanken und Vorstellungen. Einfach gesagt – die Psychotherapie wirkt seelenheilend mit einer erhofften Wirkung auf der Verstandesebene.

Viktor E. Frankl, Arzt, Psychiater und Philosoph und Begründer der dritten Wiener Schule der Psychotherapie (nach Freud und Adler) hat mit seiner Logotherapie eine neue Perspektive auf den Menschen herausgearbeitet. Wie der Begriff Logotherapie bereits andeutet, geht es Frankl um eine Heilung des Psychischen durch das Geistige. Für Frankl ist der Mensch ein nach Sinn suchendes, geistige Wesen. Sinnfindung wird so zum zentralen Thema des Heilungsprozesses, und mit ihm in der Folge auch zu einer Wirkung auf der psychischen Ebene.

Anders als die Psychologie, in der Seelisches verstandesorientiert erklärt wird, ist unsere Arbeitsform darauf ausgerichtet, die Bedeutung des Geistigen seelisch zu erklären. Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn ein Mensch seinen Sinn verfehlt oder aber ihn entdeckt. Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn ein Mensch um seine Belastung kreist, wenn die Gedanken zu Ängsten, Zwängen oder Selbstvorwürfen werden, weil der Sinn als verloren angesehen wird? Welche seelischen Wirkungen hat es, wenn sich der Mensch nicht mehr alles von sich selbst gefallen lässt und einen Willen zum Sinn zeigt.

Neben der psychologischen Arbeit, gibt es in unserem Vorgehen daher immer auch einen ‚logopsychischen‘ Anteil. Wichtiger als ein solcher neuer Begriff ist für uns, die dahinter stehende Arbeitshaltung und -richtung zu vermitteln. Wenn wir ‚logopsychisch‘ [und nicht nur psychologisch] arbeiten, dann erzielen wir eine integrative Wirkung in der Weise, dass zuerst belastete Persönlichkeitsanteile (z.B. bestimmte Verhaltensmuster, einengende Glaubenssätze, Minderwertigkeits-Erlebnisse) von unbelasteten Anteilen gelöst werden, so dass die dem Menschen zur Verfügung stehenden Ressourcen ebenso klar hervortreten wie die Aspekte, die derzeit nicht im Lot sind.

Auf die belasteten Anteile blicken wir dann differenziert. Wie äußern sich die Belastungen, welche Symptome zeigen sie, wie treten sie auf? Wer alles gehört zum Raum der Belastung – unmittelbar und mittelbar? Wer oder was in diesem Belastungsraum wirkt mit welcher Energie auf die Person ein? Welche Gedanken gibt es bereits zu der wahrgenommenen Belastung? Welcher Teil der Belastung kann als Aspekt des ursprünglichen Selbst der Person angesehen werden, und welcher Teil repräsentiert die von der Person übernommenen realen oder gedeuteten Zuschreibungen der Umwelt? Was geschieht in den verschiedenen Systemen, in denen die Person agiert, wenn die Belastung auftritt und wenn sie nicht auftritt?

Jeder Mensch kommt sowohl „selbst“ als auch „selbst gemacht“. Die geistige Dimension des Menschen (der logos) ist in der Lage, diese Unterschiede herauszuarbeiten, wiederholende Muster zu erkennen, Bewegungen im System transparent zu machen und Störungen und Blockaden aufzulösen. Eine solche Arbeitsform macht die Logotherapie zur idealen Form individueller Krisenprävention.

Psychische Erkrankungen nehmen weiter zu

Immer mehr Menschen melden sich bei der Arbeit wegen psychischer Probleme krank. Der neue Bericht des AOK-Bundesverbandes zeigt, dass nicht nur die Anzahl der psychisch Erkrankten steigt, sondern auch die Ausfallzeiten je Patient.

In 2016 betrug die Ausfallzeit pro Fall 25,7 Tage im Durchschnitt. Psychische Erkrankungen führen dabei zu mehr als doppelt langen Ausfällen als bei anderen Erkrankungen [durchschnittlch 11,7 Tage je Fall].

Wesentliche Gründe für den rasanten Anstieg psychischer Erkrankungen bei berufstätigen Menschen in den vergangenen zehn Jahren werden in den gravierenden Veränderungen in der Wirtschaftswelt zu finden sein. In unserer Praxis zeigen sich dabei insbesondere drei Phänomene bei unseren Patienten:

1. Empfinden von Sinnlosigkeit in Bezug auf die eigenen Aufgaben
2. Empfinden von Konzeptlosigkeit in Bezug auf die Veränderungsprozesse in ihren Organisationen
3. Empfinden von Hilflosigkeit aufgrund des eigenen Mangels an individueller Prävention

Stress

Stress kommt auf, wenn eine Person plötzlich vor einer Situation steht, deren erfolgreiche Bewältigung für sie deshalb wichtig ist, weil sie individuelle Ziele, Motive oder die Verwirklichung von Werten als bedroht empfindet oder meint, sich als Mensch in der Situation zu verfehlen. Irrelevante Situationen erzeugen keinen Stress. Stress kommt zudem auf, wenn eine Unsicherheit gegeben ist, ob die verfügbaren Ressourcen passend oder ausreichend sind, um die Situation gelingend zu gestalten. Stress wird also durch Soll-Ist-Diskrepanzen bewirkt, Ist die Situation durch Unsicherheit geprägt, dann empfindet der Mensch Stress, wird sie zum manifesten Selbstzweifel, dann sprechen wir von Krise. Nicht jeder Stress hat daher Krisencharakter. Zumeist führt das persönliche biologische Stressprogramm mit seiner Mobilisierung von mentalen und physischen Energien, sozialen Beziehungen und geistiger Ausrichtung auf Sinnhaftes dazu, die Situation zu meistern. Wird anschließend ausreichend entspannt und regeneriert, dann bauen Körper und Psyche wieder Energien für folgende Ereignisse mit Stressmuster auf. Gelingt dies nicht, läuft das System heiß und psychosomatische Phänomene unterschiedlicher Art werden erlebt – von den Klassikern wie Verspannungen, Verdauungsproblemen, Infekten oder Hautproblemen bis zu Störungen des Stoffwechsels, des Herzkreislaufsystems oder Konzentrationsschwierigkeiten.

Fraglos spielen individuelle Persönlichkeitsmerkmale wie der bekannte ‚Helfergeist‘, Abgrenzungsprobleme, psychische Bedürfnisse oder auch Lebenserfahrungen und das Lebensalter für das Auslösen von Stresssymptomen eine Rolle. Ebenso sind es aber auch die politischen, soziökonomischen oder strukturellen Aspekte, die auf das individuelle Stresskonto einzahlen. Beruflich waren es früher einmal zu enge Entscheidungskorridoren, die Menschen den Handlungsspielraum begrenzten und Stress erzeugten. Heute sind es oftmals genau die gegenteiligen Erscheinungen, bei denen Menschen im Globalisierungs- und Digitalisierungskontext stärker dazu aufgerufen werden, ergebnisorientiert und selbstverantwortlich recht große Handlungsspielräume auszuschöpfen. Zu wenig Führung und Orientierung sind dann die Stressoren.

Es gibt viele Rezepte und Top10-Listen, wie wohl Stress abgebaut werden könnte. Mehr Zeit für dies und das, Ruhezonen, Sport und Neinsagen – das sind die meistgenannten. Sicher nicht falsch, dennoch nur selten dauerhaft wirkungsvoll. Die aus unserer Sicht einzig robuste Verbesserung der Selbststeuerung zur Stressminderung ist die Klärung der Werte. Von den eigenen Werten geht alles aus, jede Einstellung zu Personen und Themen, jedes Verhalten, jede Handlung. Sind – und dies ist unsere häufige Wahrnehmung – die eigenen Werte unklar, dann hat dies zur Folge, dem zu folgen, was andere gefolgert haben, was wohl für einen erfolgreich sein müsste. Wer nicht in solcher Weise verfolgt werden will, klärt die eigene Wertewelt besser heute als morgen auf.

Angstreduktion in Notfällen

Tritt eine existenzielle, das Leben gefährdende Krise ein, so ist nicht die ärztliche Intervention der erste Eingriff, der als Krisenintervention verstanden werden kann, sondern bereits die vorangehenden Schritte zur Angstreduktion. Beistand und Fürsorge für [Mit-]Betroffene ist vor Eintreffen des medizinischen Teams ebenso bedeutsam, wie während und nach einem Notfall, der eine Person mit Angst fluten kann. Angstreduktion ist daher zu jeder Zeit Zuversichtsvermehrung.

Im privaten Umfeld kann jeder ein Stück dieser Zuversichtsmehrung erlernen, indem diese fünf zusätzlichen Angstmacher unterlassen werden:

  • Hektisches Handeln
  • Überlautes Sprechen
  • Sorgenvolle Mimik
  • Tröstende oder angststärkende Rhetorik
  • Räumliche Distanz

Daraus folgt:

  • Bei der – wenn erforderlich zuvor gesicherten – Person bleiben
  • in normaler Lautstärke erklären, was man tut [Ich werde jetzt den Krankenwagen rufen, ich werde Dir dann etwas zu trinken holen …]
  • beim Verlassen der Person ihr sagen, was man tun wird und wann man wieder da ist
  • kein Vokabular, dass der Person zusätzlich Angst bereitet [O Gott, Du bist ja schon ganz blau im Gesicht; wie hast Du denn das bloß angestellt, warum kommt der Krankenwagen noch nicht  ….]
  • Die Kommunikation sollte in der Not stets positiv, handlungs- und zukunftsgerichtet sein [auch, wenn es persönlich schwerfällt!]

In den Interventionen der professionellen Krisen-Interventions-Teams, wie sie zum Beispiel bei den Terroranschlägen zum Einsatz kamen, wird auf ähnliche Weise mit dem sogenannten SAFER-Stufenmodell gearbeitet. Es beschreibt die Schritte ab Eintreffen des Teams bis zur Wiederherstellung der Selbststeuerung nach einer Krise. Die Buchstaben stehen dabei für:

S = Stimulanzverminderung [Reizmeidung]: Entfernen der betroffenen Person vom akuten Krisenherd, um Reize und Stimulanzen zu verringern/vermeiden

A = Akzeptanz der Krise. Beschreibung des Betroffenen, was genau passiert ist.

F = Förderung des Verstehens. Hier werden die Belastungssymptome abgeklärt und dafür gesorgt, daß der Betroffene seine Reaktion auf das Geschehene als ’normale Reaktion‘ wahrnimmt.

E = Entwicklungwirksame Bewältigungsstrategien. Hier erfolgen grundlegende Informationen zum Umgang mit der Belastung. In dieser Stufe ist das Ziel die Stabilisierung der Situation und die Ressourcenneubildung.

R = Rückführung zur Eigenständigkeit. Hier wird das psychische Gleichgewicht wieder hergestellt und bei Bedarf eine Vermittlung von weiterführender psychologischer Hilfe durchgeführt.