Kategorie-Archiv: Umgang mit persönlichen Lebenslagen

Die Krisen großer Musiker – heute: Ludwig van Beethoven

Wer kennt sie nicht, die Ode ‚an die Freude‘ von Ludwig van Beethoven (1770-1827) mit dem Grundtext von Friedrich Schiller:

„Freude, schoener Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was der Mode Schwert geteilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
Wo dein sanfter Fluegel weilt.“

Bei der Uraufführung der 9. Sinfonie im Mai 1824 im Wiener Hoftheater war Beethoven bereits  völlig ertaubt. Er selbst schildert den Beginn seiner Schwerhörigkeit mit rund 30 Jahren als Hochton- und Sprachverständlichkeitsverlust, quälende Ohrgeräusche, Verzerrungen und Überempfindlichkeit für Schall. Seinen suizidalen Gedanken entkam er letztlich durch die Freude an der Musik, wie Auszüge aus seinem Testament nahelegen:

O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misantropisch haltet oder
erkläret, wie unrecht tut ihr mir; ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was
euch so scheinet […] aber bedenket nur, daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand
mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von Jahr zu Jahr in der
Hoffnung, gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem Überblick eines
dauernden Übels (dessen Heilung vielleicht Jahre dauern oder gar unmöglich ist)
gezwungen, mit einem feuerigen, lebhaften Temperamente geboren, selbst
empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, mußte ich früh mich absondern,
einsam mein Leben zubringen […] wie ein Verbannter muß ich leben […] solche
Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte
selbst mein Leben – nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück […] und so fristete ich
dieses elende Leben – wahrhaft elend; einen so reizbaren Körper, daß eine etwas
schnelle Veränderung mich aus dem besten Zustande in den schlechtesten versetzen
kann […] o Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, daß ihr mir unrecht
getan, und der Unglückliche, er tröste sich, einen seinesgleichen zu finden, der trotz
allen Hindernissen der Natur, doch noch alles getan, was in seinem Vermögen stand,
um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden …

Aber nicht nur das Gehör bereitete Beethoven Probleme, eine Vielzahl anderer Erkrankungen wie Pocken, Masern, Asthma bronchiale, Kurzsichtigkeit, Gelbsucht galt es für ihn zu überstehen.
Der Sinn, den er im Beitrag seiner Musik für die Menschen sah, wird die Grundlage dafür gewesen sein, ‚trotzdem Ja zum Leben gesagt zu haben‘.

Die Krisen großer Musiker – heute: Frédéric Chopin

Frédéric Chopin (1810-1849) ,in Żelazowa Wola geboren, schrieb mit 20 Jahren: ‚Ich denke, dass ich abreise, um zu sterben.‘

1830 verlässt Chopin seine Heimat in Polen und reist nach Paris und 1838 nach der Heirat mit George Sand nach Mallorca. Schon 1835 litt er unter Husten, später dann unter einer Lungenentzündung und Tuberkulose. Die Zeit auf Mallorca – so findet es sich in seiner Biografie – muss permanent von seiner Krankheit geprägt worden sein. Nicht ohne Ironie schreibt er in dieser Zeit: ‚Die drei berühmtesten Ärzte der ganzen Insel haben mich untersucht; der eine beschnupperte, was ich ausspuckte, der zweite klopfte dort, von wo ich spuckte, der dritte befühlte und horchte, wie ich spuckte. Der eine sagte, ich sei krepiert, der zweite meinte – dass ich krepiere, der dritte – dass ich krepieren werde.‘

1839 geht es für Chopin zurück nach Paris, seine Lunge ist chronisch entzündet, er nimmt Opiumtropfen zur Schmerzlinderung. Ab 1843 ist er oft bettlägrig. 1847 wird die Ehe geschieden. 1849 stirbt Chopin durch Lungen- und Herzschwäche sowie an Morphinsucht und Abmagerung.

 

Die Krisen großer Musiker – heute: Robert Schumann

Robert Schumann (1810-1856), in Zwickau geboren, schreibt mir 19 Jahren den Vers: „Mir träumte, ich wäre im Rhein ertrunken“. Ob er wohl ahnte, wie sein Leben enden würde? Schaut man auf die Krankheitsgeschichte des großen Romantikers, so wird diese zeitlich begonnen  als seine Schwester mit fast 30 Jahren sich suizidiert. Schumann, 22 Jahre alt, bekommt eine rechtsseitige Fingerlähmung, was seine Karriere am Klavier beeendet.

Als Komponist entwarf er fortan eine Vielzahl konzertanter Werke, Stücke für Orchester und Kammer und eine Oper.

1840 wurde ihm die Ehrendoktorwürde zum Dr.phil. der Philosophischen Fakultät der Universität Jena verliehen. 1844 dann ein Jahr im Zustand völliger nervöser Erschöpfung mit Phänomen, die heute mit Tinnitus bezeichnet würden, 1849 wird berichtet, dass Schumann immer schweigsamer wird, seine Aussprache schwerfällig anmutet und er über akustische Halluzinationen berichtete. Trotz der ‚Engelsstimmen mit choralartigem Thema‘, die er wahrnahm, komponiert er sein Werk: Variationen über ein Thema in Es-Dur („Geistervariationen“).

1854 unternimmt Robert Schumann einen Suizidversuch und stürzt sich von der Alten Rheinbrücke in Bonn. Er wird gerettet und in die Nervenheilanstalt Bonn-Endenich verbracht, wo er 1856 stirbt.

Die Geschichte des Humors im Beruf des Arztes

  • Der österreichische Psychologe Viktor E. Frankl überlebte die Zeit in KZ, ist Begründer der Logotherapie und des ‚therapeutischen Humors‘ und dessen, was heute unter „Resilienz“ verstanden wird.
  • Hunter Doherty „Patch“ Adams, bekannt durch den Kinofilm „Patch Adams“ mit Robin Williams in der Hauptrolle, war eher ein Aktivist als ein Clown und ist bis heute weltweit aktiv – in Flüchtlingslagern, mit Straßentheater und Vorträgen.
  • Michael Christensen war der erste echte Klinikclown. Er startete als „Dr. Stubbs“ in einem weißen Kittel und mit einem Gummihuhn die ersten „Clownsvisiten“ für Kinder in Krankenhäusern.
  • Der amerikanische Sozialarbeiter Frank Farelly entwickelte mit der deutschen Psychologin Eleonore Höfner die „Provokative Therapie“ und setzte den Humor in den Mittelpunkt therapeutischer Arbeit.
  • 2012 gründete der damalige Medizinstudent, nun Dr. med. Christoph Krause, zusammen mit dem Deutschen Institut für Humor die Initiative „Arzt mit Humor“, die humorvolle und wirkungsvolle Kommunikation im Patientenkontakt fördert, unter anderem durch Seminare, die sich speziell an Medizinstudierende richten.
  • 2017 hat die medizinische Fakultät in Münster um Dr. med. Bernhard Marschall gemeinsam mit Dr. med. Eckart von Hirschhausen und dessen Stiftung „Humor hilft heilen“ sowie dem Deutschen Institut für Humor erstmalig ein Humortraining fest in das Curriculum für Medizinstudierende integriert.

    Lachen hilft. Auch über sich.

Krise ‚Kündigung‘

Jeder Tag ist Kündigungstag. Selbst an Wochenenden werden sie ausgesprochen, zuweilen sogar per SMS. Es trifft alle Ebenen, und die Gründe sind vielfältig. Fusionen, Kostenbremsen, persönliche Fehden, Verlagerungen, Digitalisierung – wie auch immer: Der Wegfall des Arbeitsplatzes ist ein  gravierender Einschnitt und es gilt, ihn angemessen zu überwinden.

Soviel ist klar: zuerst braucht es eine Regulierung der mit der Situation verbundenen Affekte, seien es Trauer, Angst, Wut oder Scham. Zumeist hilft hierbei ein sofort offen geführtes Gespräch mit dem Partner – oder, wenn es diesen nicht gibt, mit einem guten Freund – oder, wenn es auch diesen nicht gibt, zum Beispiel mit einem Coach. Das Thema alleine mit sich herum zu schleppen, verschlimmert die Lage und führt in der Folge zu zusätzlichen Problemen und Erklärungsnöten.

Ist eine psychische Stabilisierung ausreichend hergestellt, sollten diese Aspekte bedacht werden, so nüchtern sie auch klingen mögen:

  • Ruhe ist die erste Bürgerpflicht – wird die Kündigung ausgesprochen, dann besonnen reagieren, nichts unterschreiben, nicht mit Kollegen sprachen und dabei eventuell Dinge sagen, die später die Verhandlung erschweren würden. Am besten: „Ich bedauere Ihre Entscheidung und muss damit nun erst einmal klarkommen. Gerne möchte ich mich mit meinen Angehörigen besprechen, steht etwas aus Ihrer Sicht im Wege, dass ich dies jetzt gleich tue?“
  • Ein Arbeitsverhältnis zu beenden ist Business. Natürlich, es kommt auf die Form an. Aber letztlich entscheiden die Interessen der Beteiligten. Es hilt also, eine Trennungsverhandlung als geschäftliche Aktion zu verstehen und darauf zu achten, ob im Vordergrund steht, den Prozess schnell, unaufgeregt und preiswert zu erledigen oder ob ein Prozess eines fairen Agreements eingeleitet wird.
  • Oft wird man nach ausgesprochener Kündigung freigestellt. Wichtig ist aber, dass die Kündigung sofort schriftlich ausgehändigt wird. Geschieht das nicht, dann muss der Gekündigte weiterhin arbeiten. Bleibt er der Arbeit fern, drohen arbeitsrechtliche Schritte.
  • Meist wird der Gekündigte von der IT abgekoppelt. Der Zugriff auf Daten, Mails usw. ist erschwert oder unmöglich. Auch das gehört zu diesem ‚Business‘.
  • Beginnen Sie sofort, jedes Gespräch zu dokumentieren: Wer hat was, an welchem Tag zu welcher Uhrzeit wo hinsichtlich der Kündigung gesagt (Anweisungen, Empfehlungen, Vorschläge, Drohungen ….) – wie hat man persönlich dazu Stellung bezogen? Nichts dazudichten, nur die Fakten.
  • Ein auf Arbeitsnehmerinteressen ausgerichteter Anwalt ist meist der beste Weg, um eine entspannte und gute Lösung mit dem Arbeitgeber zu verhandeln. Je nach beruflicher Position werden dabei die ‚Währungen‘ Abfindung, Freistellung, Outplacement, und-oder Beratungsleistungen ausgehandelt. Wird keine Einigung erzielt, braucht es in der Regel ohnehin anwaltliche Unterstützung, um den Gang vor das Arbeitsgericht vorzubereiten. Ob der Anwalt im Hintergrund bleibt und man zuerst selbst verhandelt, oder ob es besser ist, sofort den Anwalt für einen sprechen zu lassen, ist abhängig vom Klima und des wahrgenommenen Umgangs.
  • Ist die Kündigung schriftlich erfolgt, tickt die Uhr, denn innerhalb von drei Wochen nach Kündigungszugang kann eine Kündigungsschutzklage eingereicht werden. Dies zu tun, empfiehlt sich, um keine Nachteile bei der Arbeitsagentur zu bekommen.
  • Parallel zum Fachanwalt sollte Rat eines Steuerberaters eingeholt werden. Denn: Wird eine  Abfindung ausgehandelt, dann ist es wichtig, wie viel nach Steuern übrigbleibt.
  • [ohne Gewähr bzgl.der aktuellen Zeitlimits und Kontaktinfo] Liegt die Kündigung vor und soll ein Antrag auf Arbeitslosengeld beantragt werden, dann muss sich Gekündigte innerhalb von drei Werktagen arbeitslos und arbeitssuchend melden. Beträgt die Kündigungsfrist mehr als 3 Monate, dann ist es ausreichend, wenn sich spätestens drei Monate vor Ende des Arbeitsverhältnisses arbeitssuchend gemeldet wird. Über alles weitere informiert der Sachbearbeiter der Arbeitsagentur, [Infotelefon, wenn man sich arbeitssuchend melden möchte: 0800 4 55 55 00.
  • Prozesse der Kündigung sind endlich – das heißt, die Zukunft zu gestalten ist bald das wichtigste Thema. Wie soll es weitergehen? Business Coachs helfen, und entstehende Kosten sind steuerlich absetzbar.
  • Ein Coach wird – je nach dem, wann seine Leistungen in Anspruch genommen werden – auch ansprechen:
    – wie und zu welchem Zweck soll mit früheren Kollegen der Kontakt gehalten werden?
    – wie und zu welchem Zweck sollen Kunden informiert werden?
    – wie sieht die aktuelle psychische Verfassung aus?
    – was ist zu tun, um stabil Gespräche mit möglichen neuen Arbeitgeber führen zu können?
    – Bewerbung, aber wie?
    – Netzwerkpflege …

Präventiv: Eine Kündigung ist kein Thema, aber vielleicht gar nicht sooo unwahrscheinlich?
Dann sollten erwogen werden:

– Abschluss einer Rechtsschutzversicherung [Wartezeit beachten]
– Entwicklungscoaching durchführen, um sich Zukunftsoptionen stressbefreit zu erarbeiten
– Individuelle Krisenprävention mit Life2Me

Schutzfaktor ‚Lebensstil‘

Der Schutzfaktor ‚Lebensstil‘ gewann mit Aufkommen verschiedener Zivilisationskrankheiten an Bedeutung. Durch  Forschungen in den 60er Jahre fand man u.a. heraus, dass die Abnahme von der Sterblichkeit nach Herzinfarkt weniger an einer verbesserten medizinischen Versorgung lag als an  Änderungen des Lebensstils [Ernährung, Ruhezeiten, Sport, … und auch die Reflexion der Lebensziele]. Wer nicht nur versucht, nicht krank zu werden, sondern vielmehr bestrebt ist, sich gesund zu erhalten, wird nicht umhinkommen, eine individuelle Kunst der Lebensführung zu entwickeln, die sich integrativ aus der aktiven Gestaltung der Umweltbedingungen, einem besseren Gleichgewicht zwischen Anstrengung und Muße, dem Beachten der Körperpflege, dem bewussten  Umgang mit Gefühlen und Kreativität, einer gesunde Ernährung und – für uns zentral – einer Klärung der eigenen Werte zusammensetzt.

Schutzfaktor ‚Denkstil‘

Das Konzept des positiven Denkstils nimmt an, dass Situationen durch mentale Prozesse positiv verändert werden können. Dabei werden bei der Beurteilung einer Situation Verallgemeinerungen vermieden und unterschiedliche Situationsgegebenheiten berücksichtigt. Durch einen positiven Denkstil wird das Selbstwertgefühl erhöht und Energien werden leichter für die Bewältigung von Problemen freigesetzt. Ein dauerhaft positiver Denkstil, der auch durch Misserfolge oder Krisen nicht im Kern beeinträchtigt wird, weist auf eine hoffnungsvolle Lebenseinstellung hin.

In Krisensituationen geraten Menschen – bewusst oder unbewusst – in einen Selbstbewertungsprozess, in dem sie eine Reihe von Situations-, Handlungs- und Ergebniseinschätzungen vornehmen, bei denen sie sich fragen, was wohl geschieht, wenn sie ihre gegenwärtigen Bemühungen fortsetzen. Personen mit einer optimistischen Lebenseinstellung haben ihre positiven Ergebniserwartungen auf viele unterschiedliche Situationen generalisiert und vertrauen auf den für die jeweilige Situation bestmöglichen Ausgang.

Das Konzept des positiven Denkens ist sehr populär, doch finden sich in vielen Studien darüber keine Aussagen, ob die Dinge sich von allein – im Sinne von „Glück haben“ – positiv entwickeln  oder ob eine Person selbst ihr Schicksal kontrollieren und durch eigene Anstrengung in eine für sie positive Richtung verändern kann. Würden sich die Dinge von allein entwickeln, dann handelte es  um blindes Vertrauen, einer für die Bewältigung von Krisen eher hinderlichen Eigenschaft.

Schutzfaktor ‚Widerstandsfähigkeit‘

Das Konzept der ‚Widerstandsfähigkeit‘ wird verstanden als Produkt aus Kontrolle, Commitment und Herausforderung. Neben der bereits beschriebenen ‚Kontrollüberzeugung‘ wird mit Comitment ein  Aspekt ergänzt, der gerade im Berufskontext von großer Bedeutung ist: das Gefühl nämlich, sich mit den Ereignissen, Dingen und Personen der eigenen Umwelt zu identifizieren und sie als wichtig zu erleben. Hinzu kommt der zweite Aspekt ‚Herausforderung‘, mit der die Überzeugung einer Person verstanden wird, das Veränderungen im Leben normal, nicht per se bedrohlich und  entwicklungsgerichtet sind. Eine widerstandsfähige Person zeichnet sich nunmehr dadurch aus, das eigene Handeln zu verantworten, Stress eher als Herausforderung zu erleben und die Dinge zielstrebig sowie mit der Überzeugung ihrer Kontrollierbarkeit bewusst anzugehen.

War in Studien zu diesem Schutzfaktor das Merkmal ‚Widerstandsfähigkeit‘ hoch ausgeprägt, dann zeigten die Probanden trotz hoher Stressbelastung eine geringere Krankheitsanfälligkeit. Nach diesen Ergebnissen scheint dieser Faktor die Effekte kritischer Lebensereignisse auf die Gesundheit zu reduzieren. Dies wohl, weil Probleme weniger diffus wahrgenommen, schneller erfolgreiche Lösungsstrategien gefunden und Anspannungen unter Belastungen eher positiv reguliert werden.

Anmerkung: Was diesen wie alle anderen Erkenntnissen über Schutzfaktoren zueigen ist: Es bleibt unklar, in welcher Weise Prägungen durch Eltern und-oder Umwelt oder die originäre Wertewelt des Kindes die Entwicklung dieser Faktoren begünstigt. Weithin finden sich in der Debatte jedoch eher lerntheoretisch fundierte Begründungen für den Aufbau von Schutzfaktoren. Dies erscheint uns aus sinntheoretischer Perspektive jedoch deutlich zu reaktiv und reduzierend gedacht.

Nimmt man hingegen den Menschen in seiner Werdung so an, wie es Viktor Frankl tut, wenn er bemerkt: „Der Mensch ist mit Geburt Person“, dann können wir dies so weiterdenken: Das neugeborene Kind ist eine Person, noch ohne externe Prägungen [Einschärfungen, Sanktionen, Zuschreibungen, erfahrene Handlungen Dritter …] und mit einem originären Wesenskern versehen. Dieser Wesenskern, das ’neugeborene Selbst‘ verinnerlicht Werte. Durch diese originären Werte hindurch tönt das Kind durch [per-sonare = durchtönen] und verhält sich seinen Werten entsprechend. Das neugeborene Kind ist daher in unserem Verständnis per se ’selbstresilient‘, da originär wertebewusst. Seine charakteristische Resilienz wird durch Prägungsprozesse seiner Umwelt mit ihren Erwartungen an das ‚So-Sein des Kindes‘ erschüttert, die Selbstresilienz erodiert, Lernprozesse setzen ein, um Facetten der verlorengegangenen Selbstresilienz auszugleichen. Diese Ausgleiche formen sich a la longue entweder zu Schutzfaktoren [ergo zu Persönlichkeitsmerkmalen, die mit dem Original nichts mehr zu tun haben] oder zu geistig-existenziellen Erkrankungen [wenn also weder die Schutzfaktoren entwickelt werden können, noch der Betroffene einen Weg entdeckt, der ihm seinen originären Wesenskern wieder nahebringt]. Einzig die Logotherapie verfügt über einen solch humanistisch-ganzheitlichen Zugang zur Betrachtung des Menschen und über den Mut, den Menschen als mehr zu denken als ein Wesen, das wurde, weil es geprägt wurde.

Schutzfaktor ‚Arbeitsbedingungen‘

Arbeitsbedingungen und ihre Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden von Arbeitern wurden bereits in den 1920er Jahren thematisiert. Eine wissenschaftliche Betrachtung der Verbindung von beruflicher Arbeit und Gesundheit begann dann im Kotext der Arbeits- bzw. Lebenszufriedenheit, Lebensqualität sowie seelischer Gesundheit erst in den 80er-Jahren. Darauf, dass  gesundheitsförderliche Faktoren aus einer Arbeitstätigkeit hervorgehen, wenn man ihren Einfluss auf die Finanzierung des Lebensunterhaltes einmal ausgeklammert, hat zwar Viktor Frankl und in siner Folge insbesondere Walter Böckmann längst vor empirischen Analysen  herausgearbeitet. 1987 wurde dies in der Meaning of Work Studie des International Research Teams bestätigt. Hier geben 66 – 80% der befragten Personen an, das sie auf freiwilliger Basis trotz finanzieller Unabhängigkeit weiter arbeiten würden. Als Begründungen wurden angeführt, aus der Arbeitstätigkeit resultierten positive Gefühle [z.B. durch die soziale und fachliche Anerkennung von Vorgesetzten und Kollegen], Freude über eine erbrachte Arbeitsleistung sowie ein allgemein gesteigertes Wohlbefinden. Ein Einfluss der Arbeit auf Gesundheit und Wohlbefinden eines Menschen erscheint unmittelbar einsichtig, da nach verschiedenen Befragungsergebnissen eine berufliche Tätigkeit für die Mehrzahl der Erwachsenen zu den wichtigsten Lebensinhalten überhaupt zählt. Diese hohe persönliche Relevanz bringt es mit sich, dass die berufliche Arbeit sowohl zu einem bedeutsamen Stressor, als auch zu einem unverzichtbaren, sinnstiftenden Lebensinhalt und damit zu einem Schutzfaktor für die Gesundheit werden kann.

Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen, die Szenarien hinsichtlich der Entwicklung von Berufen eingedenk zunehmender Digitalisierung und der auch ohne eigene Arbeitsleistung gegebene zunehmende Wohlstand der jungen Generation wird neue Erkenntnisse darüber bringen, ob der Schutzfaktor ‚Arbeitsbedingungen‘ weiterhin von Menschen als solcher angesehen wird. Wenn das Herausfallen aus heutiger Sicht klassischen Arbeitsmodellen nicht mehr dazu führt, dass Menschen ohne Arbeit sich diskreditiert fühlen oder die Sorge haben, Freunde, Nachbarn oder Bekannte würden einen als nicht vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ansehen, nur weil man keiner Erwerbstätigkeit in klassischen Formaten nachgeht, dann wird spannend zu beobachten sein, welche Schutzfaktoren es dann verstärkt braucht, um das Förderliche der  ‚Arbeitsbedingungen‘ auszugleichen.

Bezieht man sich jedoch auf die noch gegenwärtig breit anzutreffenden Arbeitsmodelle und findet ein Mensch Sinn in seiner aktuellen oder künftigen beruflichen Tätigkeit, dann entwickelt er

– motivationstheoretisch betrachtet Bedürfnisse [in Form von Wünschen und Zielen). Das zentrale Kriterium für die individuelle Arbeitszufriedenheit sind dabei die Bedingungen am Arbeitsplatz
– kompetenztheoretisch die Erwartung an eine Übereinstimmung von arbeitsbezogenen Anforderungen und individuellen Kompetenzen
– passungstheoretisch eine Kombination aus beidem: Gesundheit resultiert demzufolge aus einer guten Passung zwischen einem Menschen mit bestimmten Kompetenzen und Bedürfnissen einerseits und der Umwelt mit ihren Anforderungen und Angeboten [z.B. Sozialkontakte, Abwechslung] andererseits.

Untersuchungen zu den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit zeigen deutliche Belege für eine Beeinträchtigung der Gesundheit und des Wohlbefindens vieler Betroffener: Es konnten negative Effekte sowohl auf die physische als auch auf die psychische Gesundheit [wie z.B. Depression, Hoffnungslosigkeit, allgemeiner Kontrollverlust, Hilflosigkeit, Suizidalität, Passivität, Resignation, Pessimismus und verringertes Selbstbewusstsein[ nachgewiesen werden .

Schutzfaktor ‚Selbstwirksamkeitserwartung‘

Die Selbstwirksamkeitserwartung beschreibt die Überzeugung einer Person, das sie durch ihr eigenes Verhalten Einfluss auf ihre Gesunderhaltung ausüben kann. Jede Erfahrung, die ein Mensch in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt lernend macht, erweitert sein Spektrum möglicher neuer Verhaltensweisen. Als Verstärker dienen in diesen Situationen sowohl externe Quellen, insbesondere die Anerkennung oder Kritik von glaubwürdigen Personen oder das Erreichen von Zielen, das auch von Dritten wahrgenommen wird. Noch kräftiger wirkt hingegen die Selbstverstärkung, die Fähigkeit also, sich selbst bewerten und gezielt regulieren zu können.

Davon überzeugt zu sein, auch in unerwarteten Situationen zu wissen, wie sich zu verhalten ist oder die Haltung, dass kein Problem so schwierig sein kann, dass sich eine Lösung findet oder auch sich erinnern zu können, dass man im Leben schon so manche Kuh vom Eis gebracht hat, sind Signale positiver Selbstwirksamkeitserwartung. Wichtig dabei ist, dass diese Erwartung nicht an eng gefasste Situationen geknüpft ist, sondern der Ausgang grundsätzlich jedes Ereignisses zuerst einmal positiv-konstruktiv angeschaut und mit einer Handlungsorientierung versehen wird.

Aus sinnzentrierter Sicht sehen wir in unserer Begleitung von Menschen die Selbstwirksamkeit dann als besonders gegeben an, wenn ein Mensch fühlt, seine Werte verwirklichen zu können. Ein Mensch findet Sinn im Leben, wenn er dies kann. Die Bedingung ist, die eigenen Werte zu kennen und sie von denen differenzieren zu können, die einem im Zuge der Prägung durch Eltern und Umwelt auf den Lebensweg mitgegeben wurden. Wir können eine solche Werteanalyse leisten und erleben immer wieder diesen besonderen Glücksmoment, wenn Menschen mit einem Mal den Zugang zu ihrem Wesenskern gefunden haben und erkennen, wofür sie selbst im Leben stehen und einstehen.

Die Erwartung, auch in einer problematischen Situation in der Lage zu sein, effektives Verhalten zu zeigen, bildet einen wichtigen kognitiven und motivationalen Faktor, dieses Verhalten auch umzusetzen. Das Ziel therapeutischer Interventionen im Krisenkontext besteht darin, die Selbstwirksamkeitserwartung zu erhöhen [oder präventiv, zum Beispiel im Rahmen unseres Angebots Life2Me, zu verbessern].

Empirische Untersuchungen haben gezeigt, das die verhaltensspezifische Selbstwirksamkeitserwartung bei der Bewältigung von Alltagsstress, dem Umgang mit Schmerzen, der Entwöhnung von Abhängigkeiten sowie dem Aufbau von Gesundheitsverhaltensweisen eine zentrale Rolle spielt. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung sind eher in der Lage, Risikoverhaltensweisen abzubauen und gesundheitsförderliches Verhalten über längere Zeit aufrechtzuerhalten, sofern sie erst einmal von der Notwendigkeit überzeugt sind und einen festen Entschluss gefasst haben.