Kategorie-Archiv: Werte

Das Sinngebirge – eine erfreuende Intervention

In der sinnzentrierten Psychotherapie und im Sinncoaching biete ich zuweilen meinen Klienten eine Intervention an, wenn es um die existenzielle Frage geht, ob und in welchem Maße das bisherige Leben sinnvoll war. Hinter dieser Frage stehen zuweilen Selbstzweifel, ob man den Erwartungen des Umfeld entsprochen hat, ob man mehr aus seinem Leben hätte machen können, was man wohl verfehlt hat. Dass man Höhen und Tiefen im Leben erlebt, dass mancher Aufstieg mühselig und mancher Abstieg schmerzhaft ist, das weiß jeder Mensch. Wenn man so auf sein bisheriges Leben schaut, dann fokussiert man meist die besonderen Momente des Glücks oder Unglücks, die erreichten oder verpassten Ziele, die Themen, die man bewegt hat oder hätte bewegen wollen oder sollen, ohne es je getan zu haben. Doch das ist lange nicht alles. Und dieses ‚Alles‘ soll mit einer Übung angeschaut werden. So geht sie:

Mein(e) Gesprächspartner(in) wird eingeladen, zu Hause, mit Zeit und gerne mit Unterbrechungen, aber stets störungsfrei für jedes(!) Lebensjahr mindestens ein selbst so empfundenes und persönlich erlebtes förderliches und mindestens ein ebenso persönlich erlebtes hinderliches Ereignis zu notieren. Gab es mehrere Ereignisse in einem Lebensjahr, so werden sie ebenfalls notiert. Kann sich die Person an den Monat oder das Quartal erinnern, in dem das Ereignis eintrat, dann wird auch das notiert (manchmal erleichtert dabei, sich an die Jahreszeit, einen Ort oder eine andere Begebenheit zu erinnern, die zeitlich um das Ereignis herum stattfand). Förderlich und hinderlich verstehen wir hier so, dass das jeweilige Ereignis den weiteren Lebensweg partiell, temporär oder auch allumfassend positiv oder negativ beeinflusste.

Als nächstes folgt eine Skalierung jedes Ereignisses von -10 (extrem hinderlich) bis +10 (extrem förderlich). Hilfreich ist es, die entstehende Liste mit den Skalenwerten in einer Excel-Datei zu notieren, für jedes Ereignis steht dann eine Zeile zur Verfügung.

Ist die Erinnerung abgeschlossen und alle Skalenwerte gesetzt, so kann man entweder in Excel die Skalenwerte in eine grafische Darstellung übertragen oder dies von einer KI wie ChatGPT erledigen lassen. Bei diesem Arbeitsschritt wird der Befehl gegeben, alle Werte so zu stauchen, dass der oder die negativsten Werte auf 0 gesetzt und alle anderen so berechnet werden, dass sie den maximalen Wert 10 erhalten. So landen alle zuvor negativen Werte (-10 bis 0) in der neuen Grafik auf den Werten von 0 bis 5, alle zuvor positiven Werte (0 bis +10) auf den Werten 5 bis 10 (der alte Wert 0 und der neue Wert 5 stellen damit tendenziell indifferente Werte dar, bei denen der Klient zwar die Bedeutung des Ereignisses für sein Leben durchaus fühlte, jedoch offenließ, ob er dessen Auswirkungen auf das folgende Leben als förderlich oder hinderlich erachtete.

Bei einem Klienten sah dies so aus:

 

 

 

 

 

 

Bei dieser Übung erinnerte der Klient aus seinem Empfinden lebenswegfördernde und -hindernde Personen, Qualifizierungen, Reisen, Kunst- und Kulturerlebnisse, politische Rahmenbedingungen … und auch Situationen, in denen er sich zu einer Stellungnahme aufgerufen fühlte, um etwas zum Besseren zu wenden.

Im nächsten Schritt wurde ChatGPT gebeten, die Zahlenwerte in eine optisch geglättete Lebenslinie zu übertragen. Hier das Ergebnis:

 

 

 

 

 

Und in einem weiteren Schritt erhielt die Maschine den Auftrag, aus dieser Kurve ein Bild zu gestalten, das optisch einer Berg-Topografie ähnelt.

Dieses Bild wiederum wurde in einem neuen Chat hochgeladen mit dem Auftrag, auf die Suche zu gehen, nach einem real existierenden Gebirge. Hier erhielt der Klient dieses Ergebnis:

ChatGPT: „Basierend auf der visuellen Komplexität und fraktalen Natur, die wir in deiner Berg-Topografie erkennen, ist eine interessante Analogie der Abschnitt der norwegischen Küste, der rund um die Lofoten verläuft. Diese Region wird oft für ihre zerklüftete, fast fraktale Küstenlinie beschrieben – ein Vergleich, der durchaus als passend erscheinen könnte, um das Auf und Ab deiner Lebenslinie zu spiegeln. Diese Küstenlinie weist zwar natürlich keine exakte Übereinstimmung mit deiner Topografie auf, bietet aber eine ähnlich strukturierte, dynamische Form, die als visuelle Analogie gut dienen kann.“

Der Klient ging nun auf die Suche nach einer Abbildung im Internet und fand nach einiger Zeit dieses Bild, das in seiner Wahrnehmung zahlreiche Ähnlichkeiten mit seiner Lebenslinie aufwies.

Als er das Symbolbild seines Lebens betrachtete und ich ihm die Frage stellte, worin sich die Erlebnisse ähneln, die im Bild als Gipfel zu sehen sind, schaute er in seiner Liste nach und fand neben den Ereignissen, die ihn zu einer persönlichen Stellungnahme aufriefen, Personen, die in sein Leben traten und die für seinen weiteren Lebensweg förderlich waren. Und er resümierte: „Die Werte, die ich im Zusammenhang mit den Ereignissen verwirklichen konnte, waren Gerechtigkeit, Zutrauen und Freiheit, und die Personen schenkten mir ihr Vertrauen, ihre Weitsicht und ihre Geduld.“

„Würden Sie Ihre Frage, ob und in welchem Maße Ihr bisheriges Leben sinnvoll war, nun noch so beantworten, wie Sie es vor einigen Wochen taten, als unsere Zusammenarbeit begann?“

Kinder und Sinn(krise)

Im Jahr 2024 haben sich laut Statistischem Bundesamt 216 Kinder und Jugendliche bis einschließlich 19 Jahre suizidiert. Mit ihrer Entscheidung haben sie zum Ausdruck gebracht, dass sie ihren Möglichkeitsraum, Sinn in ihrem Leben zu finden, als geschlossen angesehen haben. Wenn Kinder und Sinn miteinander diskutiert werden, finden sich in der Literatur zumeist Diskussionen darüber, ob und wie das Aufwachsen und Erziehen von Kindern dem Leben ihrer Bezugspersonen Sinn verleiht. Auch wird dabei die ‚Funktion‘ von Kindern, die Ahnenreihe der Familie fortzusetzen oder das materielle und-oder geistige Erbe ihrer Vorfahren zu bewahren, ins Spiel gebracht. Auch galt die Einbettung eines Mitarbeiters in eine eigene Familie mit Kind(ern) lange Zeit als Kriterium, um im gehobenen Management Karriere machen zu können, wurde damit aus Sicht der Entscheider ein Hinweis auf Sozialkompetenz, Verantwortungsübernahme und Zukunftsausrichtung gegeben.

Derlei Sichtweisen auf den Sinn von Kindern reduzieren die Person des Kindes auf eine Instanz, die dem Erwachsenenleben Sinn hinzufügt. Über das Sinngefühl eines Kindes zu sprechen, hat sich weder in der Psychologie noch in der Philosophie als Diskursthema durchgesetzt, und es bleibt erst noch zu erwarten, dass sich die Wissenschaft dazu aufruft, die Gründe dafür zu erforschen. Wie gesagt: 216 Suizide im letzten Jahr, nur in Deutschland.

Bevor man auf die Idee kommt, der Hypothese zu folgen, dass einem Kind die Antwort fehlen könnte auf seine Frage ‚Worum soll es mir gehen, wenn ich lebe?‘, fragt man wohl eher ‚Warum wurden die Bedürfnisse eines Kindes nach Bindung und Zugehörigkeit, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sowie nach Lustgewinn und Unlustvermeidung derart nicht erfüllt, dass es im Suizid einen Ausweg sah?“ Während die letzte Frage auf die psychophysischen Bedürfnisse eines jeden Kindes rekurriert, würde die erste Frage bedingen, sich mit jedem einzelnen Kind und dessen Lebensentwurf und seine Sicht auf die Welt auseinanderzusetzen. Mit etwas Glück und Achtsamkeit erfahren es die Bezugspersonen, wenn Kinder ihrerseits mit solchen Fragen um die Ecke kommen. Mit noch mehr Glück spüren Kinder, ob ihre Fragen auch ernstgenommen werden.

Exkurs: Heute wurde ein Ergebnis einer Befragung von weiterführenden kommunalen und staatlichen Schulen in Bayern bekannt. Dabei wurde in über 60% der teilnehmenden Mittelschulen, Realschulen, Fachoberschulen und Gymnasien von Vorfällen wie rassistischen, antisemitischen, sexistischen oder queerfeindlichen Beleidigungen sowie Mobbing und Gewalt berichtet. Jugendliche singen ausländerfeindliche Lieder, beleidigen Mitschüler wegen ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung, Hitlergrüße und Hakenkreuze tauchen auf. Und selbst in Grundschulen steigt der Bedarf an Sozialarbeitern, die die ‚gewaltbereiten Kleinen‘ versuchen, von ihrer eingeschlagenen Bahn wieder wegzuführen. Dass sich (sehr) junge Menschen, die sich diesen Prozessen nicht anschließen, aber womöglich persönlich betroffen sind, je nach ihrer individuellen Resilienz auch existenzielle Fragen stellen, liegt auf der Hand. Dazu kommen bei allen die nicht endenden Krisenberichte und je nach Situation in ihren Familien eine Überforderung, trotz allem ein gemeinsames gutes Leben miteinander zu führen. Führt das alles dazu, dass in den Systemen, in denen sich die (sehr) jungen Menschen aufhalten, allzu oft Angst, Wut und zuweilen auch mangelnde Bildung herrschen, sind Abfärbeprozesse wahrscheinlich.Verhältnisse prägen Verhalten, und will ein junger Mensch sich diesen Bedingungen anders gegenüber aufstellen, sich dagegen selbst schützen, wehren und sich sein mit Geburt positives Gestiges bewahren, dann bedeutet das konkret: er muss sich seiner Werte bewusst sein und bleiben, sie verteidigen, auch und gerade, wenn sie immer wieder verletzt werden. 

Die Frage von Kindern nach dem Sinn im Leben und deren Beantwortung ist aus philosophischer Perspektive alles andere als selbsterklärend. So vertritt der finnische Philosoph Antti Kauppinen die Meinung, die Sinnfrage zu stellen sei erst dann an sich einer Betrachtung wert, wenn der junge Mensch selbstbestimmte grundlegende Projekte zu übernehmen in der Lage ist. Grundlegender als diese reduktionistische Sicht, in der Sinn in einen Leistungskontext geführt wird, meint der amerikanische Philosoph Thaddeus Metz, dass von einem Leben als sinnvoll zu sprechen, per definitionem bedeute, über etwas höchst Wertvolles zu sprechen. Aus dieser Perspektive wäre die Frage an einen jungen Menschen gerichtet ja recht einfach: Wenn Du von Deinem Leben sprichst, was ist dann das für Dich Wertvollste in diesem Leben? Und je nach Alter des Kindes könnte die Frage spitzer formuliert werden: … was ist dann das für Dich Wertvollste, das Du nicht gekauft hast, was nicht zu kaufen ist und was Dir nicht von anderen Menschen geschenkt wurde oder geschenkt werde kann? Kaum zu glauben ist, dass ein Kind oder Jugendlicher als Antwort ‚Gewalt, Aggression oder Hass‘ zur Antwort gibt. Eher zu glauben ist, dass er gar keine Antwort weiß.

„Die Eltern geben bei der Zeugung eines Kindes die Chromosomen her – aber sie hauchen dem Kind nicht den Geist ein. Mit einem Wort:“ durch die von den Eltern her übernommenen Chromosomen wird der Mensch nur darin bestimmt, was er „hat“, aber nicht darin, was er „ist“.“
Viktor Frankl in: „Der Seele Heimat ist der Sinn“

Die Fähigkeit zur Transzendenz besitzt jeder Mensch zu jeder Zeit. Damit ist es absurd, Kindern diese Fähigkeit aufgrund ihrer spezifischen Bedürfnisstruktur oder ihres Alters abzusprechen. Man muss nur lange genug mit Eltern und Angehörigen von gestorbenen Kindern auf einer Palliativstation gesprochen haben, um festzustellen, dass keinem Kind der Sinn seines Lebens abgesprochen wird, vielmehr dass betrauert wird, dass der Tod dem Kind die Möglichkeit nahm, Sinnvolles in seinem Leben zu verwirklichen. Dieses beobachtbare Phänomen verbindet sich mit Frankls Anthropologie, dass die Ausrichtung auf Sinn hin ein spezifisches Humanum ist, bei dem wundern würde, wenn man annähme, Kinder hätten diese Ausrichtung zwar auch, könnte sie aber qua Entwicklungsstufe oder -alter nicht vollziehen. Nur, dass Kinder womöglich ihre Suche nach Sinn (noch) nicht versprachlichen (können oder wollen), bedeutet nicht, ihnen ihren Willen zum Sinn in Abrede stellen zu können.

Gleiches gilt auch für Erwachsene, denen zuweilen erst in Folge einer bestimmten Lebenssituation bewusst wird, dass das, wonach sie suchen nichts anderes ist als ein Sinn im Leben. Andersherum kann es auch ein Zeichen für einen gefundenen Sinn sein, wenn ein Mensch jedweden Alters die Frage nach seinem Sinn nicht stellt. Nicht zuletzt ist es methodisch fragwürdig, wenn Erwachsene, die in ihrem Leben womöglich verschiedene Phasen mit Sinnleeregefühlen oder Gefühlen des Erfülltseins erlebt haben, aus ebendieser erwachsenen und erfahrenen Position heraus auf die Lebensphase eines Kindes schauen und daraus ableiten, dass Sinnsuche und Sinnerleben ’nichts für Kinder sei‘. Eher könnte die Frage auch hier andersherum gestellt werden: wie will ein Erwachsener sich seine Sinnfindung – oder sein Problem damit – erklären, wenn nicht auch unter Einbezug der in der Kindheit (hinreichend oder unzureichend) geförderten Fähigkeiten seiner Sinnwahrnehmung? Diesen Aspekt der Biografieentwicklung umfassend zu erforschen, steht noch aus und ein Punkt könnte dabei besonders interessieren: So die eigene Kindheit als eine liebevolle Zeit erinnert wird, könnte damit die Selbsttranszendenzfähigkeit der Eltern auf ihr Kind begründet werden. Standen die Eltern in der Zeit als sie das Kind aufwachsen ließen zudem unter Belastung oder gar in einer existenziellen Notlage, dann könnte ihr ‚trotzdem Ja zum Kinde sagen‘ einen Hinweis dafür geben, dass ihre Lebenssituation nicht ihre grundlegende Einstellung zur Liebe zu ihrem Kind konterkarierte. Sollte ferner erinnert werden, dass man sich als Kind in dieser liebevollen Zeit trotz womöglich mancher Entbehrung oder Begrenzung ebenso den Bezugspersonen in Liebe zugewandt hat, so könnte dies auf die unbedingte Selbsttranszenzfähigkeit jedes Menschen, ergo auch jedes Kindes hinweisen. Von dieser Warte aus ließen sich dann andere Konstellationen erforschen, in denen Befragte in nicht-liebevoller Umgebung aufwuchsen, ohne dass sie selbst es an Liebe zu ihren Bezugspersonen mangeln ließen usw.. Ein Ergebnis könnte dabei auch sein, dass Befragte äußern, sich zwar als bloß zweckdienliches, nützliches Mittel für ihre Bezugspersonen empfunden zu haben, ohne dadurch aber die Liebe preisgegeben zu haben, die sie als Kind vielleicht bestimmten Interessen oder anderen Menschen gegenüber einbrachten.

„Wenn ich in meine Kindheit weit zurückblicke, dann würde ich aus heutiger Sicht den Moment, als ich mich zum ersten Mal erfolgreich anstrengte, mich aufzurichten und hinzustellen, als den Moment in meinem Leben markieren, in dem ich Sinn gefunden habe. Und wenn ich darüber weiter nachdenke, dann muss es in mir etwas gegeben haben, was mich dazu aufrief, diese Stellung einzunehmen. In diesem Moment, meine ich, bin ich zum ersten Mal über mich hinausgewachsen. Ab diesem Moment war ich Ich.“ (ein Klient im biografischen Teil eines Sinncoachings)

Subjektivistisch könnten wir diese Erzählung so interpretieren, dass das Kind seinem eigenen Willen folgte und ein Interesse daran hatte, zu tun was es tat. Wir könnten noch weiter gehen und dem Kind ein Ziel zuschreiben, in dem es einen Grund dafür sah, seine Stellung zu beziehen – im Beispiel des Klienten als einen Grund dafür, aufzustehen. Um im Beispiel zu bleiben: Eine wissenschaftliche Erforschung der neuronalen Prozesse in dem Moment, in dem ein Kind zum ersten Mal aufsteht, liegt meines Wissens nicht vor. Allemal kann der Moment jedoch phänomenologisch als ein Wendepunkt im Leben eines Kindes ausgezeichnet werden, in dem es ein neues Gefühl dafür hatte, mit seiner Lebenswelt in Berührung zu sein und sein Leben in dieser Welt sodann so, nämlich anders als zuvor, weiterzuleben. Und überhaupt: Eine wissenschaftliche Erforschung des Moments der Sinnfindung ist nicht durchführbar, bestenfalls möglich ist es, die Rationalisierung des Sinnimpulses zu erfassen im Sinne eines: „und dadurch ist mir dann bewusst geworden …“ Material für eine Arbeit an dieser Perspektive findet sich meist in biografischen Abhandlungen erwachsener Menschen, und es wäre meines Erachtens hilfreich und spannend zugleich, wenn es solche Schriften auch bereits von Kindern und Jugendlichen gäbe.

Eine reduktionistisch-utililtaristisch erwachsene Vorstellung von der Sinnhaftigkeit des Lebens von Kindern wird vertreten, wenn Sinn in den Kontext mit ‚vom Kind realisierten erfolgreichen Projekten‘ gebracht wird. Verstehen wir ein Projekt als eine zeitlich befristete Aufgabe mit einem einmaligen Ziel und begrenzten Ressourcen, dann lässt sich natürlich auch das Bauen einer Sandburg als Projekt verstehen. Es scheint mir jedoch eher so, dass die Hingabe, die ein junges Kind einem es faszinierenden Thema schenkt, mit dem Begriff Projekt zusammenzubinden, nahelegt, dass es da jemanden Drittes braucht, der eine Messlatte anlegt, um darüber zu urteilen, ob das, was das Kind da tut, sinnvoll ist oder nicht. Würde sich diese Perspektive durchsetzen, dann wäre Tür und Tor geöffnet für eine Schubladisierung der Werthaftigkeit und Nützlichkeit kindlichen Lebens. 

Macht sich ein Kind selbst Sinn, so kann es spannend sein, mit ihm ins Gespräch darüber zu kommen, für wen oder was das da Gemachte denn gut und förderlich ist. Bearbeitet ein Kind vielleicht ein Stückchen Gartenbeet und gibt sich den Blumen hin, um mit ihnen jemandem eine Freude zu bereiten, fällt es kaum schwer, hinter dem kindlichen Handeln einen subjektiven Sinn zu erkennen. Da es keinem Kind per se abgesprochen werden kann, dass es sich einen vergleichbaren Kontext herstellen kann – auch, wenn es womöglich im Erwartungsmanagement seiner Lebensumgebung eingezwängt ist -, ergibt sich in der Konsequenz für jedes Kind die grundsätzlich gegebene Fähigkeit zur Selbsttranszendenz und damit zur Sinnverwirklichung. In welcher Weise und in welchem Ausmaß es in der Lebenswelt des Kindes jedoch nicht kindgemachte Hindernisse gibt, die es davon abhält, einem objektiven Sinnangebot oder einem subjektiv gemachten Sinn zu folgen, ist eine Frage, die gesellschaftlich durchaus gestellt werden kann.

Lange Zeit geisterte die Vorstellung herum, dass die Fähigkeit zum prosozialen Handeln kleinen Kindern nicht gegeben sei. In der klassischen psychoanalytischen Theorie, in der kognitiven Entwicklungstheorie und in der Theorie zur moralischen Entwicklung wurden Kinder mit den Eigenschaften egozentriert, amoralisch und sozial unreif beschrieben. Erst mit Eintritt ins Schulalter wären in der Regel die Voraussetzungen erworben, sich prosozial verhalten zu können. Aus diesem Blickwinkel sind die Erfahrungen, die ein Kind mit seinen unmittelbaren Bezugspersonen macht, zentral. Das ‚Lernen an einem prosozialen erwachsenen Modell‘ stellt bei dieser Lesart die Grundlage und Wahrscheinlichkeit dafür dar, dass ein Kind ähnliche Verhaltensmuster für sich adaptiert.

Neuere Forschungsbeiträge sehen hingegen die Entstehung prosozialen Handelns im Zusammensein von Kindern unter ebenbürtigen Gleichaltrigen, bei dem es keinen erwachsenen Erfahrungs- und Kompetenzvorsprung gibt. ‚Unter ihresgleichen‘ sei es naheliegender, dass Kinder ihre Sicht auf die Welt vorurteilsfreier austauschen, sich verschiedene Problemlösestrategien erarbeiten und sich mitteilen und so Kooperation konkreter entstünde als im Kontext ‚Klein beobachtet Groß‘. Die Entwicklung prosozialer Handlungen würde gefördert aufgrund des leichteren Zugangs in die Wahrnehmungswelt anderer Kinder und damit einhergehend in ein originäres Einfühlungsvermögen sowie eines zwischenkindlichen Diskurses über das, was in der begriffserhabeneren Erwachsenenwelt als Normen, Werte oder Prinzipien vermittelt wird.

Junge Kinder interessieren sich sehr für die Welt und für konkrete Dinge in ihr. Die Fähigkeit für die Verarbeitung theoretischer oder abstrakter Inhalte nimmt mit der Erweiterung der neuronalen Verschaltungen im Neocortex zu, meist ab Eintritt in die Schule. Würde Sinn dabei als rein selbstgemachtes Konstrukt verstanden, dann wäre ein Leben eines Kindes wohl dann sinnvoll, wenn es seine Vernunft positiv auf grundlegende Bedingungen kindlicher Existenz ausrichtet oder negativ auf das, was sie bedroht. Weitergedacht würden diese ‚Bedingungen‘ zu individuellen Aushandlungsprozessen einladen, denn was positiv oder negativ auf die eigene Existenz ‚einzahlt‘ stünde in der exklusiven Anschauung des einzelnen Kindes. Über derartige Aushandlungsprozesse, die auf existenzielle Lebensbedingungen gerichtet sind, ist bislang nichts bekannt, schaut man auf die Kohorte der Kinder im Vorschulalter – und dies, obgleich es solche Bedingungen fraglos gibt. Dies zugrundelegend lässt sich argumentieren, dass junge Kinder ihren Sinnbezug nicht festmachen am Für oder Wider der Befriedigung ihrer psychischen Bedürfnisse durch Dritte, sondern an dem, was sie im Rahmen ihrer ihnen möglichen Weltoffenheit an Gelegenheiten wahrnehmen, das zu verwirklichen ihnen wertvoll ist. Dass dieser Weltbezug des Kindes sich gängigen Rationalitäts-, Intelligenz- oder Intentionalitätsmaßstäben entzieht, mag sich als Problem derer erweisen, die mit empirischen Methoden versuchen, sich dem Kontext Kind und Sinn zu nähern. Wer danach urteilt, dass es einer Sinnrationalität im erwachsenen Verständnis bedarf, um die Phase der frühen Kindheit als sinnorientiert zu etikettieren, läuft Gefahr, zum Beispiel im Falle des Todes eines Kindes in dieser Lebensphase, den Sinngehalt des Lebens dieses Kindes nur aus der Objektbrille eines Erwachsenen zu sehen, der den Verlust des Kindes als Verlust von Sinn in eigener Sache versteht.

Das Leben teilt sich dem Kind mit.
Das Kind fühlt sich vom Leben angesprochen.

Wer hingegen die Sinnrationalität tauscht gegen eine Sinnnarrativität, einer Erzählung, die das Kind, von seinem Leben erfährt, einer Erzählung, die sich auch nicht permanent ändert und der das Kind zutiefst vertraut – der wird dieses Narrativ vielleicht erwachsen beschreiben als eine Art Basso Continuo: Einem Grundton des Lebens, dem das Kind folgt und der jedem verschlossen bleibt, der dem Kind seine erwachsen gewordenen ‚Flötentöne des Lebens‘ beizubringen versucht. Wer ein Sinnnarrativ jedoch jedem Kind in seiner frühen Lebensphase vorurteilsfrei belässt, der kann nie der unbeweisbaren Behauptung unterliegen, das es ein sinnloses Leben führt oder führte.

Um einen Schlenker zu einer integraleren Anschauung des Themas zu machen: Ich halte es für möglich, dass prä-personale Sinnimpulse mit weiterer Bewusstseinsentwicklung sich in personale, und noch später in trans-personale Sinnimpulse wandeln. Geistig-narrative, geistig-rationale und geistig-integrale Sinnimpulse wären dann vielleicht die Sender-Kategorien, die je nach Lebenslänge von Menschen empfangen werden. Was alle Impulse eint, ist der Bezug der geistigen Dimension (Frankl), die sich immer dann ‚einschaltet‘, sobald es Hinweise für einen Menschen gibt, worum es ihm jetzt zu gehen hat. Kommen diese Hinweise aus einem seelisch-körperlichen Zustand heraus, dann macht sich der Mensch das Sinnvolle zwecks Verbesserung dieses Zustandes. Kommen die Hinweise von einem Gegenstand aus der Lebenswelt der Person, dann nimmt das Geistige diesen Hinweis als Sinnanruf entgegen. Beides, Sinnsubjektivismus wie Sinnobjektivismus, zeigen an, dass eine Person in einer positiven Verbundenheit mit innerlich wertvollen Zuständen oder Gegenständen lebt, die der aktuell entwickelten Struktur ihrer entwickelten Bewusstheitsebenen angemessen sind. Dass das Lebensalter oder die biografisch bereits verankerten Lebenserfahrungen einen Anteil an dieser Entwicklung haben, soll nicht in Frage stehen. Was aber – und dazu sollte dieser Beitrag anregen – meines Erachtens immer in Frage stehen sollte, ist der Versuch einer direkten oder indirekten Abwertung der Sinnhaftigkeit im individuellen Leben aufgrund der gegebenen Lebensphase der Person.

Eigentlich ist Leben einfach – 10

Zum Abschluss meiner Reflexionen zum Thema ‚Eigentlich ist Leben einfach‚ hier ein Coachingbeispiel:

Florian, 44, ist Vertrauenslehrer und Schulpsychologe an einer bayrischen Gesamtschule. Nach Corona hat er bei sich selbst und im Rahmen vieler Gespräche auch bei einer Reihe von Kollegen und zahlreichen Schülern bemerkt, dass Gefühle der Überforderung, Gehetztheit und innerer Orientierungslosigkeit zugenommen haben. Florian: „Diese Zeit war für mich nicht nur geprägt von einem hohen Anspruch, für unsere Schüler funktionieren zu müssen, sondern ich hatte auch sehr viel Zeit, mir über mein eigenes Leben Gedanken zu machen. Dann kam der Ukrainekrieg dazu und die erste KI-Welle, die bei einer Person in meiner Familie bereits zu einem Stellenverlust geführt hat. Wir leben in einer Umbruchszeit, in der vertraute Systeme immer weniger greifen. Frühere Erfahrungen von Sicherheit und Struktur weichen einem inneren Durcheinander und der Vergleich mit ihnen zu einem negativen Klima. Viele jammern, klammern, beschweren sich, betäuben sich und haben doch eigentlich nur Angst.“

Coach: „Wobei die Formen der Angst individuell sehr unterschiedlich sein können. Wenn Sie vom Wegfall von Sicherheiten sprechen, dann neigen manche Menschen dazu, aus lauter Angst vor der Vergänglichkeit etwas erzwingen zu wollen, das aus ihrer Sicht unumstößlich sein soll. Die damit einhergehende Starrheit wird zu einem Dauerstress, weil die Zeit, in der wir leben, dazu beiträgt, dass diese Menschen das Gefühl haben, selbst dauernd von irgendetwas umgestoßen zu werden. Wenn sich diese Angst Bahn bricht, dann erlebt man zuweilen Menschen, die Beziehungen in Machtkämpfe führen, um so eine Sicherheit zu gewinnen, die sie schnell verlieren, wenn sie auf jemanden treffen, der seine Selbstsicherheit nicht verloren hat oder der seine Angst auf andere Weise zeigt.

Ein solcher Gegenspieler ist zum Beispiel ein Mensch, der vor Ansprüchen anderer Menschen Angst hat, der sich in Einsamkeit oder Isolation begibt, weil er nicht gelernt hat, sich menschlicher Nähe zu öffnen und sich ihr positiv hinzugeben. Für solche Person werden Menschen eher zu Werkzeugen, an denen sie ihre Wut und ihren Frust ablassen können.

Eine dritte Variante zeigen Menschen, die Angst davor haben, allein gelassen zu werden. Sie haben eben beschrieben, dass in Ihrem Umfeld Personen ein klammerndes Verhalten gezeigt haben. Als Vertrauenslehrer werden Sie womöglich gerade von diesen Menschen oft beansprucht worden zu sein als Corona so viele Beziehungen brüchig werden ließ. Sich ungeborgen zu fühlen kann bis zu einer Art Abhängigkeit von anderen führen, manchmal einhergehend mit Idealisierungen dieser Menschen. Gehen diese dann auf die Klammerung nicht ein, sind Verzweiflung und Depression nicht fern.

DIe Menschen, die gerade das Anklammern fürchten, haben eine weitere, vierte Angst. Die Angst vor dem Endgültigen. Alles soll im Fluss bleiben, man lebt sein Leben und andere sollen einen darin auch bestätigen. Dass sich die Welt womöglich gerade anders dreht, wollen diese Menschen nicht wahrhaben, und so würden sie am liebsten weiterziehen und sich ihrer Wunschwelt nähern – aber bei Corona, da war allzu oft Schluss mit lustig.

Egal wie unsicher und ängstlich Menschen sind – tritt ihnen jemand gegenüber auf, der ihnen die Lösung verspricht, dann folgen viele lieber dieser äußeren Führung, als in die Eigenverantwortung zu kommen. Haben Sie solche Erfahrungen gemacht?“

Florian: „Auf jeden Fall, und viele Menschen verlieren diese Eigenverantwortung, weil ihnen früh beigebracht wurde, sich Vorschriften zu unterwerfen. Wenn einem ständig gesagt wird, was man tun soll, verliert man das Gefühl, selbst gestalten zu dürfen. Ich hatte Glück, dass in meiner Kindheit dies nicht der Fall war, trotzdem zähle ich mich eher zu der von Ihnen genannten letzten Angsthasengruppe, weil ich in der Coronazeit dieses Empfinden hatte. Und ich weiß, dass im Gehirn hemmende Muster aufgebaut werden, die Bedürfnisse wie Bewegung, Neugier oder eigenes Gestalten unterdrücken, nur um Erwartungen anderer zu entsprechen. So entstehen Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die zwar funktionieren, sich aber innerlich nicht mehr lebendig fühlen. Als ich damals auf mein Leben schaute, erschrak ich schon, weil mir bewusst wurde, auch zu einem solchen Kreis der Funktionäre zu gehören.“

„Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?“

Florian: „Dass ich zu keinem dauerhaften Objekt der Erwartungen von Dritten werden will. Klar, ich  werde vor Rahmenbedingungen gestellt, Stichwort Kulturministerkonferenz. Ich stehe täglich wie jeder andere Lehrer, wie jeder Mensch, auch vor einer imaginären Liste von Bedingungen, die mir andere Menschen oder Systeme vorgeschrieben haben. Das finde ich auch okay. Was nicht okay war, dass ich darüber vergessen hatte, dass ich mich immer selbst zu diesen Bedingungen einstellen kann. Mir wurde bewusst: Wenn ich mich so fühle, dass mich andere zu ihrem Objekt machen, dann mache ich mich selbst klein. Dann kränke ich mich selbst. Dann rede ich mir eine Minderwertigkeit selbst ein.“

„Ja, und wenn ein Mensch dieses Empfinden wieder loswerden will, dann hat die Psyche dafür drei Möglichkeiten parat. Entweder man erduldet den Zustand, oder man überkompensiert ihn und macht Dinge, wo andere Menschen sich wundern und sich fragen, was das soll oder ob man das wirklich nötig hat. Oder man flieht aus den Bedingungen, meist in andere. All das ist menschlich, und doch irgendwie unbefriedigend. Erdulden ist wie Selbstaufgabe, beim Überkompensieren distanzieren sich viele Menschen und übrig bleiben einem die, die auch diese psychische Strategie eingeschlagen haben – dann fährt man zum Beispiel mit seinen Minderwertigkeitsgefühlen eben mit anderen, die solche auch haben, Autorennen auf der Bundesstraße. Flucht ist auch eine Variante, und manchmal ist sie schlau, wenn es um echten Selbstschutz geht. Wenn ich aber ’nur‘ glaube, dass ich Besseres verdient habe als mich mit den gegebenen Bedingungen wirklich einmal auseinanderzusetzen, dann lehrt die Erfahrung, dass Menschen dann nur eine Art Aktiv-Passiv-Tausch machen und sich in neuen, nur anderen Bedingungen wiederfinden.

Florian: „Ja, und solche Überlegungen haben mich ja auch zu Viktor Frankl geführt. Wenn ich mich gegen meine innere Stimme wende, verliere ich den Zugang zu mir selbst, das war mir schnell klar. Und wenn ich an die Situationen zurückdenke, in denen ich dieses Gefühl hatte, dann merke ich jetzt noch, wie unglücklich ich war. Und dass ich dann auch für andere nicht das übrig hatte, was für sie wichtig gewesen wäre. Das tut mir bis heute leid. Was mir seither aber immer wieder durch den Kopf geht ist die Frage, ob die innere Stimme nicht ihrerseits wieder eine Erwartung anderer ist. Eine Stimme aus einem erlernten Hintergrund, quasi. Mein Anliegen ist also, woher weiß ich, dass diese Stimme die eigene innere ist?“

Coach: „Das ist eine wichtige Frage. Gehen wir dazu zuerst davon aus, dass Sie mit einem authentischen Selbst in die Welt kamen, niemals – sagen wir es technisch – mit einer leeren Festplatte geboren wurden. Dieses Selbst wird in den ersten zwei, drei Jahren – sagen wir es wieder technisch – neu formatiert. Meist sind es die Eltern, die ihre Kinder ‚zu sich ziehen‘ und ihnen vermitteln, wie sie zu ihnen stehen, was ihnen für ihre Kinder wichtig ist, wie wichtig die Kinder für sie sind und so weiter. Auf ihr früheres Selbst legt sich nun eine Konstruktion, nennen wir es ‚Ich‘. Im Ich finden sich nun die Muster, Rollen und Erwartungen, die die Bezugspersonen ihren Kindern einschreiben, bewusst und unbewusst. Diese Einschreibungen sind für ein Kind identitätsstiftend, schließlich kommen sie ja nicht von irgendwem, sondern von den wichtigsten Personen um das Kind herum. Zwischen Selbst und Ich entsteht nun ein mehr oder minder starker Konflikt. Und dieser Konflikt wandert weiter und wird verschärft oder entschärft, je nach dem, welche weiteren Bezugspersonen das Kind für sich erkennt, also Lehrer zum Beispiel oder Sportidole, Kirchenleute, Influencer, Freunde usw.. Von allen geht latent eine Menge an Erwartungen aus – ‚wenn Du, dann …‘, ‚damit Du, musst Du…‘ oder auch eine Menge an Erlaubnissen aus – “Du bist gut wie Du bist …‘, ‚Mach ruhig Dein Ding …‘ Werden die Erwartungen erfüllt, dann lockt eine Belohnung. Wenn nicht, dann droht Sanktion. Werden die Erlaubnisse nicht eingelöst, entsteht auch ein Dilemma, wenn der junge Mensch irgendwann zur Erkenntnis kommt, dass seine Fähigkeiten nicht ausreichen, um zu schaffen, was er wollte. In einem solchen Moment ist sicher jemand nicht weit, der dann wieder Erwartungen formuliert … –  so bleibt es ein einfaches Spiel für die Bezugspersonen, ein schwieriges für ein Kind oder einen Jugendlichen, denn er steht immer wieder vor der Aufgabe: Anpassung oder eigene Stellungnahme.

Wenn ich Sie als Lehrer anspreche, dann als eine Person, die einen Beitrag dafür leisten kann, Kindern und Jugendlichen den Raum zur eigenen Stellungnahme zu vergrößern. Damit besteht die Chance, dass die jungen Menschen aus ihren Verwicklungen herauskommen und erfahren, dass es auf ihr eigenes Denken ankommt. Ein Denken, dass der eigenen inneren Stimme folgt, um über sie zu einer eigenen Stellungnahme zu kommen. Ein Lehrer wird damit für mich zu einem Denkhelfer, der junge Menschen darin unterstützt, sich damit auseinanderzusetzen, wer man eigentlich, also ursprünglich ist.

Nun zu Ihrer Frage, wie unterscheide ich Introjekte von eigenen Stimmen? In meiner Anschauung können diese Aspekte dabei helfen:

Wenn Sie ein Introjekt in sich hören, dann sagt es Ihnen zumeist, wie Sie sein sollten und nicht, wie Sie sind. Dann findet sich oft auch eine Strenge oder ein moralischer Ton wie ‚du musst…“, „du solltest…“, „Das macht man nicht…“. Die Stimme spricht dabei eher so unpersönlich oder verallgemeinernd, dass der Eindruck entsteht, sie käme eher von draußen und in einer Weise, dass dieses Draußen eine Angst mitschwingen lässt. Womöglich meint es die Stimme sogar gut mit Ihnen, aber sie verknüpft es mit einer Art Forderung: Wenn du mich nicht erhörst, dann kannst du nicht den Erwartungen genügen, also bist oder wirst du dumm, unbeliebt, unbrauchbar usw. Eine solche Stimme immer wieder innerlich zu hören, kann einen fertig machen – warum, weil es das Authentische, das Geistige der Person ja immer noch gibt. Der Versuch der Introjekte, sich Gehör zu verschaffen, läuft lebenslang, das ist auch ihr Job, denn schließlich stehen dahinter ja Menschen, die es womöglich nur gut meinten.

Ihre eigene innere Stimme ist dagegen meist kontextsensibel und flexibel. Sie ist keine Stimme, die Sie ein für allemal besitzen, sondern eine, die sich mit Ihnen in einem Prozess der Entwicklung befindet. Sie meldet sich situativ, sie ist pragmatisch, neugierig, selbstbewusst, sie ist zu Ihnen auch freundlich. Wenn Sie mit ihr „ins Gespräch gehen“, dann wird sie Ihnen nicht drohen, sondern sich eher plastisch einbringen und ihre Botschaft auch verändern, wenn sie die guten Gründe erfährt, die Ihnen am Herzen liegen. Ein guter Sensor ist dabei Ihr Körper, denn diese Stimme fühlt sich im Körper eher ruhig, weit und entlastend an. Wenn die innere Stimme wieder gelernt hat, dass sie gehört wird und sie sich mitteilen darf, dann wird sie keine Erwartungen formulieren, sondern Ihnen Hinweise geben, welche Ihrer eigenen Werte es sind, die Sie in dem, worum es Ihnen in der aktuellen Situation geht, verwirklichen können. In diesem Moment geben Sie sich selbst das Maß vor, Sie werden sich selbst maßgeblich.

Jetzt habe ich eine Frage an Sie in Ihrer Rolle als Lehrer. Wie kann Ihre innere Stimme wieder lernen, dass sie von Ihnen gehört wird? Wenn Sie also der Lehrer Ihrer eigenen inneren Stimme sein wollen, wie werden Sie dann vorgehen?

Florian: „Da würde ich das so machen wie bei einem Waldspaziergang mit einem Freund. Da ist Geduld für mich wichtig, keine unnötige Ablenkung, schon aber eine Richtung, weniger ein Ziel. Nach dem, was wir besprochen haben, ist die innere Stimme nicht zu messen. Wenn sie sich meldet als Introjekt, dann spricht sie immer nur mich an und in einer Weise, von der ich weiß, dass sie mir nicht entspricht. Bei einem Spaziergang geht es mir im Gespräch aber um meinen Freund. Ich würde meiner inneren Stimme also sagen, dass es nicht um mich geht, wenn sie sich einbringen will.“


Florians Resümee zeigt, dass er seine innere Stimme in die beiden unteren AQAL-Quadranten im Wilber-Modell lenkt. Und dies mit Werten wie Geduld, Konzentration, Zuneigung.


Coach: „Wenn Sie dieses Bild nun auf das Gespräch zwischen Ihnen und Ihrer inneren Stimme übertragen, wie wollen Sie dann vorgehen, wenn die Stimme etwas sagt, bei der es um ihre Erwartungen an Sie geht?“

Florian: „Spontan würde ich da sagen: Danke für die Information, aber um mich geht es hier und jetzt nicht. Wenn ich das höre, gehts mir gleich besser, erstaunlich.“


In meiner, aus der Praxis entstandenen phänomenologischen Sinnfindungsforschung zeigt sich, dass geistig-spirituelle Praktiken, die Zugänge zur Transzendenz eröffnen, häufig mit höherem Wohlbefinden und geringeren Stresswerten einhergehen. Das Beispiel aus der Arbeit mit Florian reiht sich hier aus meiner Sicht gut ein. Frankls Logotherapie liefert hierfür die anthropologische Basis: Selbsttranszendenz, also die Fähigkeit, sich über das eigene Ego hinaus in Liebe oder Hingabe auf Aufgaben und andere Menschen zu beziehen, ist nicht nur ein existenzielles Postulat, sondern eine empirisch nachweisbare Ressource für eine psychische Gesundheit.

Wilbers Modell bietet zudem die theoretische Möglichkeit, diese transzendente Dimension in ein systematisches Entwicklungsmodell einzubetten. Dabei wird deutlich, dass psychisches Wohlbefinden kein eindimensionaler Zustand ist, sondern aus einer Vielzahl von Faktoren zusammengesetzt wird, die sowohl intrapsychisch als auch interpersonell, kulturell und systemisch verankert sind. Genau an diesem Punkt setzt die Idee einer Integralen Logotherapie an: Sie verbindet Frankls anthropologische Grundthese vom Willen zum Sinn mit Wilbers integraler Landkarte, um die unterschiedlichen Zugänge der Selbstfindung (obere Quadranten) und Sinnfindung (untere Quadranten) nicht nur zu erkennen, sondern praktisch nutzbar zu machen.

Beide Theorien mit einem Brückenschlag zu verbinden, soll dem Prinzip des Ockhamschen Messers folgen. „Seiendes soll nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden“, so der englische Philosoph Wilhelm von Ockham. Sofern die hier skizzierte Idee einer Integralen Logotherapie an anderer Stelle weitergeführt werden sollte, dann wäre darauf zu achten, keine Überfrachtung des vernetzten Theoriegebäudes zuzulassen, sondern sich auf das Wesentliche zu beschränken, das Frankls Gedankengut nützlich erweitert. Wilbers AQAL-Modell kann meines Erachtens diesen Nutzen stiften, es war meine Absicht, einige Ideen dazu in den vergangenen Beiträgen einzubringen.

Eine Therapie oder ein Coaching, das logotherapeutische und integrale Perspektiven verbindet, fördert das psychische Wohlergehen, indem sie nicht nur bei individueller Zielerreichung unterstützen, sondern zuvorderst ihren zentralen Ausgangspunkt im Kontext der Sinnorientierung der Person setzt. Für diese Perspektive ist die Sinnlehre Frankls das Fundament, und Wilbers integrale Ausrichtung bietet eine spannende Möglichkeit für jeden Menschen, kontextuell sich seiner leitenden Werte im Spiegel seiner biografischen Entwicklung, seines Typus und seiner Bedürfnisse für ein gelingendes Leben bewusst zu werden.

Eigentlich ist Leben einfach – 9

Wenn wir nun aus integral-logotherapeutischer Sicht auf eine Person schauen, die in einem spezifischen Kontext mit einem verhaltens- und handlungsleitenden vMeme versucht, eben mit diesem Kontext umzugehen, dann will ich dazu diese Thesen formulieren:

  1. In allen Situationen findet die Person ausschließlich Sinnimpulse aus den beiden unteren Quadranten des AQAL-Modells:

2. Verhaltens- und Handlungsweisen, die die beiden oberen Quadranten adressieren, dienen der zweckdienlichen Verbesserung des eigenen, individuellen Zustandes (hier macht sich der Mensch Sinn). Kann eine Person ein persönliches Leid mindern, indem sie innere oder äußere Ressourcen nutzt, um ihren Zustand zu verbessern, so soll sie dies natürlich tun (ein klassisches Beispiel: Wenn in einem Flugzeug die Sauerstoffmasken von der Decke fallen, dann ist die Person angehalten, zuerst die eigene anzulegen, um sich anschließend um Mitreisende zu kümmern, die dies für sich nicht tun können). Jedoch ist darauf zu achten, dass gemachter Sinn nicht gleichzusetzen ist, mit dem auf Transzendenz beruhenden Sinn, den ein Mensch in seiner Lebenswelt findet.

Beige – vMeme Überleben

  • Wilber: Das vMeme Beige ist instinktgetrieben und dient im Krisenkontext dem Überleben.
  • Frankl: Logotherapeutische Interventionen verweisen auf die geistige Freiheit und Verantwortung der Person, trotz einer womöglich extremen Belastung durch zum Beispiel Krankheit oder eine andere existenzielle Notlage, Stellung zu beziehen. „Für wen oder was gilt es auch in dieser Situation, sich in Liebe oder Hingabe auszurichten?“
  • Im vMeme Beige bringt die Logotherapie weniger als Therapie im klassischen Sinn, sondern eher als Grundhaltung im Menschenbild zum Ausdruck, dass selbst im Überlebensmodus das  Geistige der Person in der Lage ist, sich über die belasteten psychophysischen Zustände zu erheben.

Exkurs: Was soll hier unter ‚Liebe‘ verstanden werden?
• Die Person nutzt das ursprüngliche (ihr eigentliches!) Potenzial ihrer Liebesfähigkeit.
• Trotz ihrer Belastungssituation, die in ihr psychisch Trauer, Angst oder Wut bereitet, distanziert die Person sich von diesen Emotionen und zeigt ein Verhalten, das auf das Wohlergehen einer anderen Person gerichtet ist.
• Die Wirkung dieser Selbsttranszendenz ist zumeist ‚trotz allem‘ auch ein gutes eigenes Körpergefühl, da sie (Frankl: Trotzdem Ja zum Leben sagen) mit ihrem Verhalten Ja zum eigenen Dasein sagt.

Purpur – vMeme Gemeinschaft, Rituale …

  • Mit integral-logotherapeutischen Interventionen wird die Person gefragt, ob und welchen Sinnimpuls sie aus einem der beiden unteren AQAL-Quadranten empfängt und welche Werte es sind, die sie im Kontext von Zugehörigkeit, Verbundenheit oder Ritualen verwirklichen kann.

Rot – vMeme Macht, Durchsetzung …
Blau – vMeme Ordnung, Pflicht …
Orange – vMeme Leistung, Rationalität …
Grün – vMeme Gemeinwohl, Pluralität …

  • Analog wird auch hier mit integral-logotherapeutischen Interventionen die Person gefragt, ob und welchen Sinnimpuls sie aus einem der beiden unteren AQAL-Quadranten empfängt und welche Werte es sind, die sie im Kontext des entsprechenden vMeme verwirklichen kann.

Gelb – vMeme Synergie, Integration, systemische Verantwortung …
Türkis – vMeme Ganzheit,Spiritualität, kosmische Verantwortung …

  • Da ab vMeme Gelb die Person die Werte aller auf sie selbst bezogenen Werte (Beige-Grün) integriert hat und eine systemisch-holistische Perspektive einnehmen kann, ist ihr der Sinnbezug im Kontext der beiden unteren AQAL-Quadranten bereits bewusst. Integral-logotherapeutische Interventionen dienen hier daher eher dazu, die Person zu ermutigen, ihre Situation nicht nur im Rahmen einer intellektuell-komplexen Analyse zu beleuchten, sondern ihre Werte des vMeme Gelb oder Türkis mit ihrer Situation in Beziehung zu setzen und zu verwirklichen.

Eigentlich ist Leben einfach – 8

Die existenzielle Person ist wesenhaft Einheit und Ganzheit, sagt Frankl, und das heißt, „daß sie wesentlich weder teilbar ist noch summierbar. Auch dort, wo wir Leibliches – Seelisches – Geistiges unterscheiden, tun wir das niemals so, als ob der Mensch aus ihnen wie aus Teilen ‚zusammengesetzt‘ wäre; denn der Mensch ist kein additives, sondern ein integrales Wesen.“

In seinem Werk Integral Psychology verortet Wilber die existenzielle Therapie – zu der die Logotherapie gezählt werden kann – im Übergang von personalen zu transpersonalen Entwicklungsstufen, im Graves-Kontext also im Übergang vom grünen zum gelben Meme.

Warum dort? Frankl versteht seine Logotherapie nicht als „bessere“ Therapie, sondern die Erkenntnisse anderer Schulen zuerst integrierend, die Erkenntnisse dieser Schulen dann differenzierend und letztlich transzendierend hin zu seinem Verständnis eines auf Sinn ausgerichteten Menschenbildes. Diese Schrittfolge von integrieren – differenzieren – transzendieren spiegelt wider, was wir bei Wilber im Kontext der Bewusstseinsentwicklung nachlesen können.

Das grüne Meme legt den Schwerpunkt auf Empathie, Gemeinwohl und Gleichwertigkeit (zur Erinnerung: Grün hat alle Meme ab Beige in sich integriert. Es trat nach der Transzendenz des vMeme Orange hervor, bei dem die dysfunktionalen Aspekte des auf Leistung, Erfolg und Selbstoptimierung ausgerichtete Wertesystems erkannt wurden und es sinnvoll wurde, diese Dysfunktionalität durch eine Entwicklung hin zum vMeme Grün zu mindern). Ab Gelb wird der Sprung in eine integrale Bewusstheit vollzogen, bei der Werte kontextsensibel dem Verhalten zugrunde liegen, es also nicht mehr um Abwertung oder Aufwertung einzelner Wertmaßstäbe geht, sondern alle Werte in einem vernetzten, systemischen und immer mehr holistischem Rahmen gesamt- und ganzheitlich die Grundlage für Verhaltens- und Handlungsweisen bilden.

Ab vMeme Gelb spielt logischerweise ein Begriff keine Bedeutung mehr: Reduktionismus. An seine Stelle tritt der Holismus und mit ihm die Position, dass ein System als Ganzes und nicht nur als die bloße Zusammensetzung seiner Einzelteile betrachtet werden muss. Das Hauptargument des Holismus ist, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, da die Interaktionen und Beziehungen zwischen den Teilen neue Eigenschaften hervorbringen, die in den isolierten Teilen selbst nicht vorhanden sind. Frankls Existenzanalyse betrachtet gerade diese Emergenzen, wenn sie auf die rein humane Fähigkeit zur Selbsttranszendenz abhebt, mit der jeder Mensch zu jeder Zeit in seiner individuellen Freiheit und Verantwortung und unabhängig seines psychophysischen Zustandes Stellung beziehen kann auf jemanden oder etwas, was er nicht selbst ist.

Aus diesen Überlegungen heraus ergeben sich für mich diese Thesen und eine Vision:

    • Die/derjenige, die/der logotherapeutisch mit Menschen arbeitet, muss im Kontext seiner beruflichen Tätigkeit das vMeme Gelb entwickelt haben.
    • Wer das vMeme Gelb entwickelt hat und sich in einer existenziellen Belastungssituation befindet, wird durch Interventionen psychotherapeutischer Schulen, die ihren Fokus auf die Bewusstheitsebenen bis vMeme Grün legen, kaum mehr erreicht werden können.
    • Wer in vielen seiner Lebensbereiche auf dem vMeme Gelb heraus wahrnimmt und sich verhält, wird öfter das Gefühl einer Art existenziellen Langeweile empfinden, da die Anzahl der Menschen, die das vMeme Gelb entwickelt haben, vielerorts noch begrenzt ist.
    • Wer das vMeme Gelb entwickelt hat, wird das Menschenbild Frankls, das bei seiner  Transformation auf den Kontext der Stärkung seelischer Gesundheit eines Menschen sowohl auf Sinnfindung, als auch auf Humor als auch auf Mitgefühl setzt, als eine Form von Weisheit ansehen.
    • Eine Vision: Wer das vMeme Gelb entwickelt hat, wird die Logotherapie und Existenzanalyse in Ergänzung mit dem Blick von Ken Wilbers Integraler Theorie als mehr als eine ohnehin schon ganzheitlichere Therapieform ansehen.  Aus dieser Bewusstheit heraus wird sie – die Integrale Logotherapie – als eine multifunktionale psychologische Unterstützung gesehen werden, sowohl als integraler Entwicklungshelfer für den einzelnen Menschen insbesondere im Kontext von Krise und Krisenprävention als auch als ein spannender Ausgangspunkt für eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die differenzierend würdigt, was die Menschheit bislang bereits zum Erhalt des Lebens geschaffen und vollzogen hat, um diesen Status Quo als Sprungbrett für eine weitere Transzendierung hin zu einer holistischen Weltgemeinschaft zu nutzen. Einer Weltgemeinschaft, in der das Geistige des Menschen im Kosmos den zentralen Beitrag dafür leistet, all das Unsinnige zu tilgen, das zu beobachten ist, wenn wir auf die Akteure schauen, die die dysfunktionalen Aspekte ihrer vMeme von Beige bis Grün dafür einsetzen, in ihren Handlungen mehrheitlich sich selbst als die Welt in den Blick zu nehmen.

Eigentlich ist Leben einfach – 7

Gegen das Abwertungsspiel der Psyche hilft letztlich nur die Aufwertung durch das Geistige. Der Mensch findet Sinn nur, indem er sich selbst transzendiert – sich auf etwas richtet, das größer ist als er selbst. So endete mein letzter Beitrag. Schauen wir dazu für ein Beispiel ins Leben desjenigen, dessen Menschenbild in der KrisenPraxis im Vordergrund steht: Viktor Frankl.

Gehen wir dazu hundert Jahre zurück und sehen einen jungen Mann, der sich für Psychotherapie begeistert, bereits einige Male mit Sigmund Freud korrespondierte und sich nun entschließt, zu lernen, was eines Psychoanalytikers Handwerkszeug ist. Dass sich daraus einer der zentralen Sinnimpulse für das Leben Viktor Frankls ergeben würde, konnte er nicht ahnen.

Frankl hatte sich also für eine Lehranalyse interessiert, worauf ihn Freud an einen seiner ersten Schüler, den Psychoanalytiker Paul Federn verwies. Zum vereinbarten Termin erschien Frankl, er wurde ins Arbeitszimmer geführt und sah Federn konzentriert an seinem Schreibtisch sitzen und schreiben. Ohne ihm nur einen Blick zu schenken, setzte Federn seine Tätigkeit schweigend fort. Nach gefühlt endloser Zeit deutete er wortlos auf einen Stuhl und stellte Frankl dabei eine diesen völlig überraschende Frage: „Nun, Herr Frankl, was ist Ihre Neurose?“

Frankl fühlte sich von dieser ‚Begrüßung‘ derart überrollt, dass er nur ein paar Sätze über seinen Analcharakter (ein Freudscher Begriff über eine bestimmte Persönlichkeitsakzentuierung) stammelte und dem dann einige Anmerkungen zur Psychopathologie folgen ließ. Nach seinen Ausführungen empfahl Federn ihm, zunächst sein Medizinstudium zu beenden und zu einem späteren Zeitpunkt wiederzukommen.

(Sinnimpuls): Für Frankl war dieses Treffen mit großem Unbehagen vorbeigegangen. Einfach stehengelassen zu werden, wortlose Gesten, die Direktheit der Frage nach einer Neurose, kein persönliches Wort, kein Interesse an seiner Person – dafür die Klarheit, dass sein Verhalten nichts anderes sein könne als Ausdruck einer Neurose und diese daher im Mittelpunkt stehen müsse: das war die Begegnung Frankls mit dem, was er danach immer wieder kritisierte: Der Reduktionismus in der Psychotherapie.

In meinen Worten: Hier traf ein junger Mann auf einen gut dreißig Jahre älteren, von Freud autorisierten Fachmann der Psychoanalyse. Federn wird 1871 in Wien in eine wohlhabende jüdisch-bürgerliche Familie geboren, sein Vater Salomon Federn ist praktischer Arzt. Paul Federn lässt sich nach seinem Medizinstudium zum Internisten ausbilden und eröffnet 1902 eine eigene Praxis in Wien.1903 lernt er Freud kennen und wird eine Zeit später Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Mit der Psychoanalyse und der hinter ihr liegenden Triebtheorie gehen einige methodische Merkmale einher, wie beispielsweise eine Vereinfachung komplexer Phänomene, bei der im Sinne eines ‚der Mensch ist nichts anderes als …‘ alles auf wenige, meist biologische, psychologische oder physikalische Faktoren zurückgeführt wird. Subjektive, existenzielle oder soziale Aspekte werden ausgeblendet oder ignoriert, komplexe Ursachenketten werden auf einen dominanten Faktor reduziert. Die Folge dieser Methodik ist eine Pathologisierungstendenz, durch das Verhalten primär durch Störungen oder Defizite interpretiert wird.

Nun ließe sich fragen, wie die Persönlichkeitsarchitektur einer Person aussehen könnte, die Gefallen daran findet, eine reduktionistische Methode in der Arbeit mit Menschen anzuwenden. Lösen wir uns dabei von der Person Paul Federn und stellen verallgemeinernd Hypothesen auf, dann könnten wir annehmen, dass eine Person, die ihr Denken und Handeln deutlich am Reduktionismus ausrichtet, dies entlang dieser Werte und Prioritäten tut:

  • Sie legt hohen Wert auf logische Nachvollziehbarkeit, Eindeutigkeit und Struktur. Ambivalenz oder mehrdeutige Phänomene empfindet sie eher als störend.
  • Was verstanden, gemessen oder in Einzelteile zerlegt werden kann, wirkt kontrollierbarer. Daher könnte diese Person Kontrolle über ihr Umfeld und sich selbst besonders schätzen.
  • Sie neigt dazu, empirisch Messbares gegenüber subjektiven Erfahrungen zu bevorzugen.
  • Entscheidungen bewertet die Person entlang praktischen Nutzens vorhersehbarer Wirkungen oder maximaler Effizienz – nicht primär nach persönlicher Bedeutung.
  • Ganzheitliche oder existenzielle Perspektiven erscheinen ihr oft zu vage oder nicht verlässlich genug.
  • Beziehungen oder persönliche Begegnungen könnten bei einer solchen Person weniger als Wert an sich gesehen werden, sondern eher als Kontexte, die bestimmten funktionalen Regeln folgen.
  • Das Gefühl moralischer Verantwortung oder ein Gewissensbezug könnten weniger zentral sein, weil die Person menschliches Verhalten eher als determiniert betrachtet.

Verhaltens- und handlungsleitende Werte dieser Person könnten sein:
Vernunft, Kontrolle, Effizienz, Strenge, Rationalität, Genauigkeit …

Angenommen, Viktor Frankl steht nun einer solchen Werte-Person gegenüber und erkennt für sich, dass, wenn Psychotherapie aus methodischen Gründen die Ebene der zwischenmenschlichen Begegnung verlassen müsse und die Pathologie wichtiger werde als die Person und wenn angenommen werde, dass diese Pathologie den Menschen vollständig bestimme, es ihm dann unmöglich würde, eine solche Richtung der Psychotherapie einschlagen zu können. Wie er selbst schreibt, ließ ihm der Moment der persönlichen Konfrontation mit Reduktionismus und Pathologismus es „wie Schuppen von den Augen“, dass die Psychoanalyse nicht sein Weg sein würde.

Ziehen wir dazu nun das vMeme-Modell von Graves heran, so mutet das Vorgehen von Paul Federn – im Kontext der Operationalisierung des von ihm so gelernten und verantworteten Theoriegebäudes – so an, dass hier ein Handeln aus dem vMeme Rot/Blau vollzogen wurde.

Weiter gedacht kann der massive Konflikt, den Frankl in diesem Vorgehen für sich selbst fühlte und zu einer existenziellen Entscheidung führte, so gedeutet werden, dass er sein Handeln als Arzt und Psychotherapeut auf der Grundlage anderer vMeme-Ebene als sinnvoller ansah. Welche Ebenen dies waren? Zu meiner Einschätzung ziehe ich das formulierte Menschenbild der Sinntheorie Frankls heran und seine Conclusio, dass der Mensch als geistiges, freies und verantwortliches Wesen Sinn findet in der Transzendenz (dieser Kontext wurde hier in der KrisenPraxis in zahlreichen Beiträgen thematisiert und aufgefächert). Zusammengeführt formuliert Frankl hieraus sein Credo: „Die geistige Person befindet sich wesentlich jenseits aller psychophysischen Morbidität und Mortalität; wäre dem nicht so, so möchte ich nicht Psychiater sein: es wäre sinnlos. Und die geistige Person ist wesentlich dasjenige, was sich aller psychophysischen Morbidität entgegenzustemmen vermag, und wäre dem nicht so, so könnte ich nicht Psychiater sein: es wäre nutzlos.“ (aus Viktor E. Frankl, Der leidende Mensch)

Mir erscheint hier eine Stellungnahme aus dem Spektrum der vMeme orange/grün/gelb vorzuliegen, eine Bewusstheit, die den Gedanken erst ermöglicht, dass der Mensch sich selbst findet, indem er sich selbst überschreitet, sich zum Wohl einer Aufgabe, der er sich hingibt oder eines Menschen, den er liebt, sich selbst zu vergessen in der Lage ist.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und schlagen wir eine Brücke von Frankls Menschenbild und Sinntheorie zur Integralen Theorie von Ken Wilber. Für Frankl wird die geistige Dimension der Person, die den Willen zum Sinn freisetzt, nicht gezeugt oder erzeugt – sie ist vielmehr unbedingt:„Wohl ist geistiges Sein individuiertes Sein, die Existenz eine personale; doch ist die existenzielle Person wesenhaft Einheit und Ganzheit, und das heißt, daß sie wesentlich weder teilbar ist noch summierbar. Auch dort, wo wir Leibliches – Seelisches – Geistiges unterscheiden, tun wir das niemals so, als ob der Mensch aus ihnen wie aus Teilen ‚zusammengesetzt‘ wäre; denn der Mensch ist kein additives, sondern ein integrales Wesen.“ (Frankl, 1949: Der unbedingte Mensch, S. 66)

Ken Wilber hat ein bemerkenswertes Werk geschaffen. Während andere Denker sich über Jahrzehnte hinweg auf ein einziges Gebiet konzentrieren, hat er das gesamte Spektrum menschlichen Wissens zu erfassen versucht. Er hat eine Philosophie des Bewusstseins entworfen, die Biologie, Psychologie, Religion, Mystik, Philosophie und Sozialwissenschaften integriert. Ein kühnes Unterfangen, das ihn womöglich im Kontext der Psychotherapie auszeichnen könnte, das Werk von Frankl auf eine neue, integrale Ebene zu heben.

In seinem Werk „Integrale Psychologie“ legt Wilber ein Modell vor, das die Erkenntnisse aller psychologischen Schulen – von Ost bis West, von den frühen Traditionen bis zur modernen Forschung – in einer umfassenden Synthese zusammenführt. Dieses Werk bietet nicht nur eine in ihrer Klarheit und Prägnanz einzigartige Bestandsaufnahme der bisherigen Seelenkunde, sondern öffnet zugleich den Blick über den Status quo hinaus. Es skizziert die Umrisse einer Psychologie, die nicht allein auf Heilung und Korrektur zielt, sondern den Menschen befähigt, seine psychische
Gesundheit aktiv zu fördern und verborgene seelische Potenziale zu entfalten.

In dem von ihm als AQAL (All Quadrants/All Levels) vorgestellten Modell beschreibt Wilber die Komplexität menschlicher Entwicklung entlang von vier grundlegenden Perspektiven (siehe Abbildung):

  • Der obere linke Quadrant repräsentiert das subjektive Erleben, die Werte, Einstellungen und Haltungen einer Person – quasi das Innenleben einer Person.
  • Der obere rechte Quadrant repräsentiert messbare, beobachtbare Phänomene wie den physischen Körper des Klienten, sein Verhalten und biologische Prozesse. Betrachtet zum Beispiel ein Coachingklient diese Außenwirkungen quasi durch ein Mikroskop, fragen wir: Gibt es etwas, das Sie in diesem Quadranten dazu aufruft, von Ihnen verbessert zu werden? Als Antworten des Klienten sind hier beispielsweise zu erwarten: der Wunsch nach einem verbesserten Fitnesszustand, einer Kräftigung innerer Balance oder einem Aufbau neuer Fähigkeiten und Kompetenzen.
  • Der untere linke Quadrant adressiert die mit anderen geteilte Kultur, gemeinsame Werte, Beziehungen und intersubjektive Unterschiede. Betrachtet der Klient diese Außenwirkungen quasi durch ein Beziehungsnetz, fragen wir auch hier: Gibt es etwas, das Sie in diesem Quadranten dazu aufruft, von Ihnen verwirklicht zu werden? Und wenn ja, wofür und für wen wäre es gut?
  • Schließlich finden sich im Quadranten unten rechts die objektiven, systemischen und strukturellen Aspekte von Gruppen, Organisationen und Gesellschaften – dabei insbesondere die, denen sich der Klient zugehörig fühlt oder fühlen möchte. Betrachtet der Klient diese Außenwirkungen quasi wie ineinandergreifende Zahnräder, wird er erneut gefragt: Gibt es etwas, das Sie in diesem Quadranten dazu aufruft, von Ihnen verwirklicht zu werden? Und wenn ja, wofür und für wen wäre es gut?

Für unseren Kontext hier ist das Modell besonders interessant, weil es zeigt, aus welchen Quadranten Sinnimpulse auf eine Person zukommen können. Frankl betont in seiner Theorie, dass der Mensch Sinn immer nur in konkreten Situationen an konkreten Gegenständen verwirklicht, sei es zum Beispiel in der Hingabe für eine Aufgabe oder in der Liebe für einen anderen Menschen – wobei sich der Mensch bei dieser Sinnverwirklichung selbst vergisst. Aus der Selbstvergessenheit als Basis der Selbsttranszendenz, lässt sich Sinn folglich im AQAL-Modell nur in den beiden Quadranten „Kultur/Kommunikation“ und „Struktur/Prozesse“ finden. Das Erlebnis, das Frankl im Kontext seines Kontaktes zu Paul Federn schilderte und zu seiner Ablehnung allen Reduktionismus in der Psychotherapie führte, lässt sich gut mit dem Quadranten der Strukturen und Prozesse – unten rechts – in Verbindung bringen. Frankl nahm wohl von hier ausgehend seinen Sinnimpuls entgegen als eine Frage, die sein Leben ihm stellte und die von ihm seine persönliche Stellungnahme abforderte – und letztlich über sein Ziel, eine non-reduktionistische Therapieform zu entwickeln bis hin zu jeder einzelnen auf dieses Ziel hin abgestimmten Maßnahme zu dem führte, was viele Menschen zu schätzen wissen, die eine originäre Logotherapie oder ein auf dem Gedankengut Frankls ruhenden Coaching in Anspruch nehmen.

 

Eigentlich ist Leben einfach – 6

Eigentlich ist Leben einfach. Das ist meine These. Und ‚eigentlich‘ meint hier ‚ursprünglich und  wirklich‘ und nicht das relativierende Füllwort, das ein Mensch nutzt, wenn ihm zu einer echten Stellungnahme noch etwas zu fehlen scheint (eigentlich würde ich, wäre ich, könnte ich, aber …)

‚Eigentlich‘ – in ein ganzes Menschenbild gegossen finden wir es in den Zehn Thesen zur Person, die Viktor Frankl als Basis seiner Sinntheorie formuliert hat. Ich habe diese Thesen in meinem Buch ‚Coaching des Todes‚ zu erweitern versucht, wenn es um den Kontext ‚Leben nach Tod‘ geht.

In ‚Eigentlich‘ steckt auch Arbeit: Wesensarbeit. Worum ging und geht es mir, wenn ich auf mein Leben blicke? Wofür stehe ich wirklich ein, wofür nicht? Worin besteht meine Entwicklung vom Ursprung bis Heute und worin soll sie bestehen bis zu meinem Lebensende und darüber hinaus? Wozu ist es gut, dass es mich jetzt gibt – auch, wenn ich vielleicht früher diese Frage nicht so recht beantworten konnte, weil geschah, was geschah? Verantwortungsvolle Antworten auf diese existentiellen Fragen finden sich durch einen genauen Blick in die Geschichte der eigenen Werte, der Antworten auf Lebensfragen, den bisherigen Momenten der Sinnfindung und dem Gefühl, das sich einstellt, wenn es um die weitere Entwicklung im Leben geht.

Zahlreiche feine Methoden unterstützen heute Menschen darin, dem ‚Eigentlichen‘ zu stimmigen Begriffen und Formulierungen zu verhelfen. Eine dieser Methoden kann in der Anwendung des vMeme Modells von Clare Graves liegen. Ich rege dazu insbesondere dann an, wenn ein Mensch mir berichtet, dass das ‚worum es ihm geht‘ auf Hindernisse, Widerstände oder Angriffe in seinem Umfeld stößt – wenn es naheliegt, von einem Wertekonflikt zwischen der Person und Dritten auszugehen. Gelingt es, das im Konflikt stehende Thema mit der Bewusstheitsebene der Person und – als Hypothese formuliert – auch die Bewusstheitsebene der/des Dritten zu koppeln, dann kann die Person zu hilfreichen Einsichten kommen, die es ihr ermöglichen, Wege zu finden, die eine weitere Eskalation der Situation vermeiden.

Dazu einige Mini-Vignetten aus meiner Arbeitspraxis, die darauf verweisen, dass

  • aktuell aktive Bewusstsheitsebenen (vMeme-Ebenen) dazu neigen, situativ auf sie einwirkende, höhere vMeme anderer Personen als (massive zusätzliche) Belastung zu fühlen
  • höhere vMeme-Ebenen situativ niedrigere als ‚unpassend, störend, langweilig, altmodisch …‘ abzuwerten
  • eine vMeme-Ebene einer Person eine andere Person, die diese Ebene ebenfalls aktiviert hat, tendenziell als gleichwertig empathisch zu bewerten
  • situativ weit auseinander liegende vMeme sich schwertun, zu einem gemeinsamen Verständnis von etwas zu kommen …

Schichtleiter Logistik (situativ im vMeme Beige im absoluten Krisenmodus, nachdem ihm für die Erfüllung eines extrem wichtigen Auftrags zentrale Ressourcen ausgefallen sind) bekommt vom Betriebsrat eine (vMeme Purpur) Einladung zum Jahresritual „Feier der Gemeinschaft“.
Reaktion des Schichtleiters: „Ihr kapiert gar nichts und kommt mir mit dieser Zeitverschwendung, ich brauche Leute hier am Band.“
Gegenreaktion: Betriebsrat fühlt sich entwürdigt; die Solidarität mit dem Schichtleiter sinkt.

Prozessmanager in einem Rechenzentrum wird mit einem Hacker-Angriff konfrontiert, der ihn unvermittelt in den Krisenmodus vMeme Beige führt. Seine eingeleiteten Interventionen werden kritisiert, da er mit ihnen erforderliche Freigabe-Prozesse ignoriert.
Reaktion des Managers: „Formulare sind Luxus.“
Gegenreaktion aus dem Bereich Prozess-Compliance: „Auch in Notfällen muss man sich an die Regeln halten.“

Familienbetrieb. Senior mit vMeme Purpur im Kontext ‚Gestaltung von Handelswegen‘ besteht auf Lieferanten aus seiner Region. Junior mit vMeme orange will günstigere und innovativere Partner.
Reaktion des Seniors: „Solange ich hier was zu sagen habe, bleibt es bei meiner Lieferantentreue.“
Gegenreaktion: „Unsere Wettbewerbsfähigkeit steht auf dem Spiel, da können wir uns deine Traditionen nicht länger leisten.“

Vertriebschef im Jahresendspurt zu seiner Zielerfüllung bricht Preisleitplanken. Er agiert im vMeme Rot.
Reaktion Vertriebscontrolling mit vMeme Blau: „Sie unterminieren aus Eigennutz mit Kunden getroffene Vereinbarungen und riskieren Vertragsstrafen und Reputationsschäden.“
Gegenreaktion: „Ich verantworte meine Zahlen und die werde ich erreichen, auch wenn das mit Kollateralschäden verbunden sein sollte.“
Gegengegenreaktion: Vertriebschef erhält Vertragsauflösung ‚aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über die Geschäftsentwicklung‘.

Leiter HR will einen partizipativen Kulturprozess anstoßen (situativ im vMeme Grün)
Reaktion: CFO (in diesem im vMeme Blau) stoppt Budgetfreigabe mit der Begründung, die Maßnahme werfe keinen ROI ab und riskiere als Wohlfühl-Esoterik bereits etablierte Prozesse und Führungsstrukturen.
Gegenreaktion: HR wird vom Bewerbermarkt auf die Führungskultur befragt und erfährt reihenweise Absagen, da die Bewerber entlang des Zeitgeistes einen anderen Kulturstil erwarten.

Business Unit Leiter (situativ im vMeme Orange) kippt mit seiner Meinung „systemisch fragwürdig und die Leistungserbringung hindernd“ den im Unternehmen kommunizierten strategischen Ansatz einer KPI-Kaskadierung, bei dem übergeordnete Unternehmensziele in spezifische, messbare KPIs für verschiedene Abteilungen und Teams heruntergebrochen werden.
Gegenreaktion des Vorstandes (vMeme Gelb): „Das Unternehmen braucht die Orientierung über bereichsübergreifende
System-Indikatoren, ansonsten verlieren wir unsere Fähigkeit zur Analyse unserer vernetzten Systeme. Ich erwarte von Ihnen und Ihrer Unit, dass Sie diese Perspektive einnehmen, damit wir damit unsere Gesamtsteuerung erhalten.“   

Die Liste ließe sich endlos erweitern. Hier knapp formulierte Abwertungshaltungen:

beige wertet ab …

  • Purpur: „Aberglaube und Rituale – ich brauche Essen, kein Gerede.“
  • Rot: „Prahlerei hilft mir nicht beim Überleben.“
  • Blau: „Formulare? Ich friere.“
  • Orange: „Strategie? Ich muss heute durchkommen.“
  • Grün: „Gefühle? Ich brauche Decken.“
  • Gelb: „Dein Meta-Gerede ist Luxus.“
  • Türkis: „Kosmos? Ich suche Trinkwasser.“

purpur wertet ab …

  • Beige: „Einzelkämpfer sind unsicher – ohne Clan geht’s nicht.“
  • Rot: „Respektlos, bricht Tabus, gefährdet den Stamm.“
  • Blau: „Kaltes Regelwerk zerstört alle Tradition.“
  • Orange: „Gier frisst Seele, verrät die Ahnen.“
  • Grün: „Du relativierst heilige Geschichten.“
  • Gelb: „Du zerlegst unsere Geschichte in kalte Theorien.“
  • Türkis: „Viel zu abgehoben – wir brauchen irdische Rituale.“

rot wertet ab …

  • Beige: „Du bist zu schwach.“
  • Purpur: „Naives Clan-Kuscheln.“
  • Blau: „Nervige Bürokraten und Angsthasen.“
  • Orange: „Schlaumeier ohne Mut.“
  • Grün: „Softies, Opfergehabe.“
  • Gelb: „Labert klug, handelt nicht.“
  • Türkis: „Esoterik – weltfremd.“

blau wertet ab …

  • Beige: „Unzivilisiert.“
  • Purpur: „Aberglaube.“
  • Rot: „Unreifer Anarcho.“
  • Orange: „Zynischer Opportunist.“
  • Grün: „Verweichlicht, entscheidungsschwach.“
  • Gelb: „Relativist, macht Regeln wie sie ihm passen.“
  • Türkis: „Mystik ohne Bodenhaftung.“

orange wertet ab …

  • Beige: „Looser. Was du tust, ist nicht skalierbar.“
  • Purpur: „Klüngel, ineffizient.“
  • Rot: „Risikofaktor, Reputationsschaden.“
  • Blau: „Innovationskiller.“
  • Grün: „Feel-Good statt Outcome.“
  • Gelb: „PowerPoint-Philosoph.“
  • Türkis: „Visionsnebel ohne Ahnung von Business-Cases.“

grün wertet ab …

  • Beige: „Die Wohl der Gesellschaft irgendwie ausbeutend.“
  • Purpur: „Cliquendenken und Ausgrenzug Andersdenkender.“
  • Rot: „Toxische Männlichkeit.“
  • Blau: „Strukturen sind für euch ein Fetisch.“
  • Orange: „Profit über Menschen.“
  • Gelb: „Elitär-intellektuell.“
  • Türkis: „Wolkig-spirituell, entzieht sich konkreter Verantwortung.“

gelb wertet ab …

  • Beige–Grün: „Ihr seid gefangen in euren jeweiligen Einseitigkeiten.“
  • Türkis: „Zu unbestimmt und zu poetisch für Umsetzung.“

türkis wertet ab …

  • Beige–Grün: „Ihr seid gefangen in euren jeweiligen Einseitigkeiten.“
  • Gelb: „Zu kopfgesteuert und planetar blind.“

Allgemein: vMeme entstehen, weil Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen funktionierende Antworten auf wiederkehrende Probleme finden müssen: wie kann ich überleben, wie finde ich im Wir eine Zugehörigkeit, wie zeige ich Macht, wie schaffe ich im Wir eine stabile Ordnung, wie erziele ich Erfolg, wie erlange ich im Wir eine Gleichwertigkeit, wie kann ich für mich alles integrieren, wie erreiche ich im Wir einen Blick für das Ganze …  Sind die Antworten robust und verfestigen sie sich, dann formen sie sich zu neuronalen Bewusstheits-Mustern.

Kommt Person A (mit vMeme X) mit Person B (mit vMeme Y) zusammen, dann treffen unterschiedliche Problemlogiken aufeinander. Beispiel: Für ein dominantes vMeme Blau ist Regeltreue moralisch, für ein vMeme Orange ist Regel-Pragmatismus effizient, für ein vMeme Rot sind Regeln nur so lange relevant, wie sie der eigenen Durchsetzung dienen. Was für das eine vMeme zweckdienlich ist, erscheint dem anderen als unpassend. Aus dieser strukturellen Inkompatibilität entsteht schnell Abwertung („Kindisch!“ – „Zynisch!“ – „Sekte!“ – „Gefühlig!“ …), und die Abwertung kippt leicht in Destruktion.

Die Integrale Theorie von Ken Wilber, in der das Graves Modell integraler Bestandteil ist, sensibilisiert dafür, dass die Verwirklichung von vMeme (Wertesysteme) im konstruktiven Fall dazu beiträgt, Sinnimpulse in konkreten Situationen empfangen zu können. Konstruktiv meint dabei, dass eine Person einerseits sich dank vollzogener Klärungsprozesse ihrer Werte bewusst ist. Andererseits, dass sie ihre Weltoffenheit in einem höchstmöglichen Maße bewahrt, um das Risiko von Vorurteilen, die sie auf andere vMeme basierendes Verhalten lenkt, mindert. (In meinem Buch Sinncoaching habe ich dazu die Formel: Sinnfindung = Werteklärung x Weltoffenheit² zur Diskussion gestellt).

Beides, Werteklarheit und Weltoffenheit, sind zentral, will eine Person ihre Abwertungstendenzen ihrerseits abwerten. Dazu muss sie sich der Attraktivität von Abwertung bewusst machen. Abwertung „funktioniert“ kurzfristig, weil sie

  • Komplexität reduziert („Ich bin gut, die sind böse“)
  • Selbstwert schützt („Bevor ich mich bedroht fühle, werte ich andere lieber ab“)
  • Gruppengefühl stärkt („Zusammen sind wir stark gegen sie oder ihn“)
  • Machtgefühle stabilisiert („Mir kann niemand was“)
  • Zielerreichung beschleunigt („Ich habe keine Zeit für Befindlichkeiten“)

Jedoch: Abwertungen kosten Energie und verringern damit die Möglichkeitsräume für Sinnfindung.

Gegen das Abwertungsspiel der Psyche hilft letztlich nur die Aufwertung durch das Geistige.  Der Mensch findet Sinn nur, indem er sich selbst transzendiert – sich auf etwas richtet, das größer ist als er selbst (eine Aufgabe, eine Hingabe zu einem anderen Menschen).

Gefundener Sinn bewahrt einen Menschen vor Abwertung anderer: Ich kann Stellung beziehen für das, was mir wesentlich ist – ohne dabei den anderen zu entwürdigen oder ihm zu schaden. Man kann es auch so ausdrücken: „Die Kunst des Seglers fängt erst damit an, dass er imstande ist, die Kraft des Windes in einer gewollten Richtung sich auswirken zu lassen, sodass er sogar gegen den Wind zu segeln vermag.“ Viktor E. Frankl

Eigentlich ist Leben einfach – 5

  

Das Modell der vMeme von Clare Graves [ein wichtiger Baustein in der Integralen Theorie von Ken WIlber] hat durch das Buch ‚Spiral Dynamics‘ von Don Beck und Chris Cowan eine recht breite Rezeption erfahren. Im Bereich Management- und Kulturentwicklung gehört es fraglos zu den Konzepten, die nicht nach kurzer Halbwertszeit wieder in den Regalen verstaubten. Dass Kritiker diesen werte-evolutionären Ansatz mit wichtigen Hinweisen versahen, war zu erwarten und der Sache auch würdig, schließlich ist die Robustheit eines Modells zentral für seine Akzeptanz. Andererseits, und da wird es auch gleich spannend, wird Kritik von Menschen geäußert, die womöglich aufgrund ihrer eigenen Denkstruktur gar nicht dazu in der Lage sind, das Modell in seiner Gänze zu beurteilen, aber dazu an anderer Stelle mehr.

Die schärfste Kritik bestand im Zweifel, ob mit dem Modell ein genügend konkreter Umsetzungserfolg verbunden sein kann, ob es also gelingt, das Bewusstsein um die Konstellation von Werten, die ein einzelner Mensch oder ein System (Familie, Team, Organisation, Gesellschaft …) hat, nützlich mit den realen Problemen der Gegenwart in Verbindung zu bringen.

Nun ist es bei Modellen immer so, dass es darauf ankommt, was man aus ihnen macht. Ein Modell zu kennen: schön. Es anzuwenden: besser. Es anzuwenden, im Bewusstsein, dass ein Modell stets etwas reduziert abbildet: noch besser. Es anzuwenden, ohne diesen Reduktionismus beizubehalten und die Ergebnisse aus der Anwendung des Modells nicht als ‚die Wirklichkeit‘ anzusehen: der Königsweg.

Auch das vMeme Modell von Graves ist also nie die Wirklichkeit, sondern bestenfalls ein Abbild eines Ausschnitts von Phänomenen, die wir Menschen als Wirklichkeit ansehen. Auf die drei abgebildeten Farbköpfe oben bezogen heißt das: wären es reale Menschen, dann könnte im Gespräch mit ihnen herausgearbeitet werden, welchen Werten sie heute Gewicht und Bedeutung beimessen und welche Werte so wesentlich ihr bisheriges Verhalten prägten, dass diese Werte ihnen heute als ‚Grundüberzeugungen‘ dienen. Aber – mit Viktor Frankl gesprochen – der Mensch ist ‚reine Dynamis‘ und damit immer in der Lage zum ‚anders werden‘. Was er dazu braucht, ist Sinn.

Findet ein Mensch Sinn und geht damit einher, dass er sich zur Verwirklichung dieses Sinns weiterentwickeln muss, dann wird dies nicht nur auf der ‚Oberfläche‘ geschehen, also zum Beispiel durch das Training neuer Kompetenzen oder einer reinen Verhaltensanpassung an äußere Umstände. Vielmehr bedarf Sinnfindung einer Entwicklung des individuellen Wertesystems als grundlegende Tiefenschicht menschlichen Verhaltens und Handelns. Mit anderen Worten: Das ‚Farbschema‘ der drei Personen kann sich je nach Ausrichtung auf neuen Sinn (immer wieder) verändern. So, wie es sich im Leben jedes Menschen vermutlich schon einige Male verändert hat, ohne dass er diese Veränderung in ihrer Wirkung auf das Wertesystem genauer untersucht hätte.

Das Modell von Graves kann somit als eine Orientierungshilfe verstanden werden, wenn man daran interessiert ist, sich ein Bild davon zu machen, wie man selbst oder andere Menschen mit den Herausforderungen und Sinnimpulsen ihres Lebens umgingen oder umgehen. Wie bewerte ich eine Situation, wie bedenke und fühle ich sie? Hier leistet die Klärung des Wertesystems einen fundamentalen Dienst und die Anwendung des Graves Modell bietet dafür eine Klärungshilfe.

Zurück zu den Kritikern: Das Modell lädt nach Ansicht einiger Hinweisgeber clevere Anwender dazu ein, aus ihm Test- und Messverfahren zu entwickeln, die dem Nutzer quasi auf Knopfdruck den Status Quo seines Wertesystems auf den Bildschirm zaubern. Wobei wir wieder bei dem Thema sind: es kommt immer darauf an, was man aus einem Modell macht.

In meiner eigenen Praxis verzichte ich völlig auf solche ‚Zaubertools‘ – denn, selbst wenn eines von ihnen in der Lage wäre, das Selbstbild einer befragten Person oder eines menschlichen Systems (Team, Familie …) verzerrungsfrei wiederzugeben, es würde es nicht leisten können, vielleicht schon im nächsten Moment, in dem die Person oder das System in eine Krise gerät dies auf der Werteebene abzubilden. Auch der realtime-Moment der Sinnfindung eines Menschen entzieht sich völlig eines wissenschaftlichen, empirischen Zugangs und bleibt damit im wahrsten Sinne des Wortes ‚geistiges Eigentum‘ der Person. ‚Tests‘, die vorgeben herausarbeiten zu können, worin ein Mensch Sinn findet, stellen einzig darauf ab zu ‚messen‘ ist, wie sich ein Mensch Sinn macht – ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Was ich in meiner Praxis – in Therapie oder Coaching – praktiziere, ist ausschließlich die Arbeit mit kontextbezogenen und lebensweltrealen Verhaltensbeschreibungen der Klienten, aus denen dann auf die ihnen zugrundeliegenden Werte durch den Klienten selbst geschlossen wird. Eine solche Arbeit in einem Gruppensetting durchzuführen ist nicht möglich – vielleicht war genau das das ‚Problem‘, dessen Lösung sich manches Beratungsunternehmen in der Entwicklung eines ‚Value-Tests‘ versprach?

Kommen wir zu einer weiteren ‚Bedenklichkeit‘. Im Graves Modell findet sich ein Aspekt, der auf  ‚Quantensprünge‘ in der Entwicklung menschlichen Bewusstseins hinweist. Mit jedem dieser Sprünge – von einem vMeme zu einem neuen – treten Menschen in einen erweiterten Möglichkeitsraum für den Umgang mit komplexeren Lebensthemen ein. Blicken wir auf die Menschheitsgeschichte, so könnte die Erfindung primitiver Waffen (zur Befriedigung des Bedürfnisses, überleben zu können – Beige vMeme), die Erfindung von kontextueller Sprache in Wort und Bild und die Gottesnamen-Erfindung (Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Erklärung von Weltphänomenen – Purpur vMeme) bis hin zur Erfindung planetarer Abkommen und integrierter Ego- Eco-Systeme (Bedürfnis nach ganzheitlicher Vernetzung zum Zwecke des langfristigen Überleben der Menschheit – Türkis vMeme) jeweils ein Hinweis auf zentrale Entwicklungsimpulse sein, die Menschen veranlassten, auf die mit ihnen verbundenen Meta-Lebensfragen adäquate Antworten zu geben. 

Folgen wir dieser Hypothese, dann nimmt mit jedem neuen, alles vorherige überragenden Entwicklungsimpuls nicht nur dessen Komplexität zu, vielmehr auch die Vielfalt möglicher ‚Antworten‘. Diese Grafik soll den Zusammenhang verdeutlichen:

Ein Beispiel aus dem Mikrokosmos eines einzelnen Menschen: Die Person hat bereits Entwicklungsimpulse in ihrem Lebensverlauf erfahren und den Umgang in Form von Verhaltens- und Handlungsweisen mit der in ihnen angelegten Komplexität erlernt und integriert. Nun tritt ein neuer Entwicklungsimpuls ein. Nehmen wir dazu an, die Person steht vor der Situation, entweder eine Tätigkeit auszuüben, für die es bereits eine Reihe nachvollziehbarer ‚guter Gründe‘ gibt (zum Beispiel familiäre Traditionen, eine ‚gemachtes‘ Nest, gewisse Talente …) oder eine Höherqualifizierung anzustreben, die es ihr ermöglichen würden, das Spektrum ihrer beruflichen Tätigkeit deutlich vergrößern zu können. Ein entsprechender Entwicklungsimpuls (zum Beispiel Wahrnehmung eines Verhaltens mit Vorbildcharakter bei einer anderen Person, unerwartetes ermutigendes Feedback von Dritten, Aufgreifen einer Information aus einer seriösen neuen Quelle jenseits der bekannten Bubble …usw.) geht ein und fordert die Person zu einer persönlichen Stellungnahme. Pathetisch formuliert könnte man sagen, die Person hat bisher ’selbst gedacht‘, nun lässt sie zu, dass für sie ein Stück gedacht wird (durch das Vorbild, den Feedbackgeber, die Informationsquelle …) und damit letztlich sie selbst in die Lage kommt, ihr eigenes Denken zu veredeln. Im ‚Veredelungsprozess‘ greift sie dabei auf das Bisherige zurück und führt nach dem Entwicklungsimpuls Schritte weiterer Differenzierung durch (zum Beispiel Pro- und Contra-Überlegungen, der Einsatz weiterer Informationsquellen, Erfahrungsberichte anderer usw.). Kommt nun die Person an einen Punkt, an dem sie einen Sinn (ein ‚Worum hat es mir ab jetzt wirklich zu gehen‘) entdeckt, die Entwicklung entweder in Richtung ‚Verbleib in einem spezifischen, bekannten beruflichen Kontext‘ oder ‚Aufbruch in ein neues Qualifizierungsfeld‘ zu vollziehen, dann können wir dies – im Verständnis der Sinnlehre Frankls – als Ausgangspunkt dder Transzendierung hin zum Sinn verstehen. Im ersten Fall könnte die Sinnfindung darin bestehen, dass die Person einen Impuls erfährt, der Werte in ihr berührt, die auf Bewahrung einer bestehenden Struktur und Qualität gerichtet sind, im anderen Fall Werte, deren Verwirklichung auf Herausforderungen im Kontext neuer Leistungen zielen (im Graves Modell könnten dies mit den vMeme Blau und Orange korrespondieren).

Nehmen wir an, die Person vollzieht ihre Stellungnahme hin in Richtung ’neue Leistung‘. Sie tritt damit ein in den Möglichkeitsraum eines neuen vMeme, einem Raum, in dem sie alles integriert, was ihr ihre bisherige Entwicklung quasi in ihren Rucksack gelegt hat. Solange es keinen weiteren Entwicklungsimpuls in ihrem Themenkontext (hier war es der Kontext Weiterentwicklung/-bildung im Leistungskontext) gibt, der sie hinführt zu einer neuerlichen Sinnsuche, wird sie im besten Fall bestrebt bleiben, die Komplexität der Themen, die sie zu bewältigen hat (hier im Kontext des Einsatzes ihrer Qualifikationen) entlang ihrer entwickelten vMeme zu bewältigen. Der Umgang mit der bestehenden Komplexität wird dabei maßgeblich von den Anforderungen beeinflusst, die die Lebenswelt der Person formuliert. Solange die Lebenswelt also Fragen an die Person richtet, die sie mit ihren entwickelten vMemen beantworten kann, wird sie das Gefühl haben, sich selbst steuern zu können, alltagstaugliche Verhaltens- und Handlungsweisen vorhalten zu können, im Flow zu sein usw.

Die Crux liegt nun darin, dass nach der freien und verantwortlichen Stellungnahme hin zu einem neuen Sinn die bereits entwickelten vMeme alleine nicht ausreichen. Vielmehr gilt es, auf der Spirale der Bewusstheit eine Ebene weiterzukommen, also zum Beispiel vom vMeme Blau hin zum vMeme Orange. Einfach gesprochen bedeutet dies, dass die Person einen Prozess der Werteentwicklung vollzieht. Wenn Frankl darauf hinweist, dass ein Mensch Sinn findet durch Verwirklichung seiner Werte, dann bedeutet das, dass neuer Sinn im Leben gefunden werden kann, wenn neue Werte berührt werden, deren Verwirklichung von der Person als sinnvoll gefühlt werden.

Neuer Sinn und neue Werte bedeutet nun aber nicht, dass beide erfunden werden müssten. Vielmehr gilt es, im Rahmen einer Werteanalyse herauszufinden, welche von ihnen zu einem die Person erfreuenden Gefühl führen, das innerlich dazu aufruft, ihnen mehr als bisher Raum zur Entwicklung zu geben. Und das Finden neuen Sinns – darüber habe ich in der KrisenPraxis bereits mehrfach geschrieben – wird durch Weltoffenheit gefördert. Wer sich diese Aspekte detaillierter erarbeiten möchte, der kann gerne in meinem Buch Sinncoaching, erschienen jetzt im November 2025, dazu nachlesen.

Dass es, wie Clare Graves zu seinem Modell ergänzt, in der Entwicklungsgeschichte der gesamten Menschheit zu solchen Entwicklungssprüngen von vMeme zu vMeme gekommen ist, mutet nicht sonderlich überraschend an. Schauen wir auf Technologiesprünge, die Entwicklung und Verbreitung menschlichen Wissens oder auf die rasant zugenommenen Möglichkeiten der Kommunikation und Vernetzung mit anderen Menschen, so liegt auf der Hand, dass auch innerpsychisch vergleichbare Entwicklungsprozesse vollzogen werden mussten. Die Plastizität des Gehirns als Grundvoraussetzung für die Aufnahme und Verarbeitung neuer Entwicklungsimpulse darf in diesem Kontext als Basis aller kollektiven und individuellen ‚Werdung zum Anderen‘ angesehen werden. Und ein Ende dieser Plastizität ist nicht in Sicht, somit auch nicht der Möglichkeitsraum für die Entwicklung des Einzelnen und der Ganzheit aller.

Weitere kritische Stimmen beklagen, dass im Graves Modell zeitliche Aussagen darüber vorgenommen werden, wann die verschiedenen vMeme wohl entstanden sind. Womöglich wird die Kritik gerade von den Personen formuliert, deren vMeme Orange eine wissenschaftlich detaillierte und fundierte Aussage erwartet. Aus der Perspektive zum Beispiel eines vMeme Gelb oder Türkis erscheint diese Kritik zwar nachvollziehbar (schließlich sind in diesen Meme die Wert- und Bewertungsmaßstäbe von Orange integriert), ihre Bedeutung tritt auf dieser Bewusstheitsebene jedoch gegenüber der grundsätzlicheren in den Hintergrund, bei der die Transformation menschlicher Bewusstheit hin zu einem ausgeprägterem synthetisierenden und holistischen Denken eher von Interesse ist.

Kritik wie Anerkennung an einem Modell wie dem von Clare Graves zielt letztlich auf eine Dualität von Richtig oder Falsch, auf passend oder unpassend usw. und weist damit tendenziös auf eine Argumentation aus dem blau/orange vMeme hin und damit verbunden auf eine Art blinden Fleck, der darin liegt, dass ausgeblendet wird, dass ein vMeme dazu führen kann, dass eine Person sich mit ihm identifiziert. „Ich bin nichts anderes als mein derzeit höchstentwickeltes vMeme“ – der damit verbundene Reduktionismus verweist über diesem vMeme liegende, mögliche weitere vMeme in den blinden Fleck. Solche Blindpunkte, so meine Annahme, hat jeder Mensch und jedes menschliche System und führt zu individuellen oder kollektiven Irrtümern in der Wahrnehmung und Beurteilung von Aussagen, die einem noch nicht entwickelten vMeme entspringen. Weiter gedacht wäre es wohl eine gute Idee, erst einmal zu postulieren, dass keinem Mensch ALLES bewusst sein kann, sondern vielmehr seine aktuelle Bewusstheitsebene gleichsam eine Art Grenze zu denen bildet, die danach auf Entwicklung warten – dieses Postulat gilt meines Erachtens für jede noch so weit entwickelte Bewusstheit.

Wenn dieser Aspekt mitgedacht würde, die Person sich also nicht per se mit ihrer Bewusstheit identifiziert, dann mag damit eine Blockade gelöst werden können, die Transzendenz hin zu einem Sinn, der sich in einem noch nicht zuvor gedachten Raum findet, erschwert. Mir persönlich erscheint für diese Blockadelösung die Verwirklichung eines spezifischen Wertes besonders hilfreich zu sein – der Wert ‚Toleranz‘, der sich auf Alles bezieht. Die Wirkungen einer solchen Alltoleranz zu diskutieren, mag sich anbieten für all diejenigen Menschen, die fühlen, dass wir Alle weit mehr sind als die vermeintlichen, konstruierten, aufoktroyierten oder eingepflanzten Trennungen, die im Kern Entwicklungshindernisse darstellen. So gedacht wird jedes Denken, das zur Entwicklung einer Bewusstheitsebene beigetragen hat, nie als richtig oder falsch angesehen werden können, sondern vielleicht eher als bereits angelegter innewohnender Auftrag eines jedes Menschen hin zu einer Quintessenz allen Seins, das ALLE Phänomene vereint: Dass – in meinen Worten – jeder Mensch niemals IST, sondern immer zu ALLEM wird, das er immer schon war.

Ein Modell wie das vMEME-Modell von Graves hält dies offen, auch wenn seine Struktur dazu einladen kann (aber nicht muss), die Werdung eines Menschen aus der Perspektive hinzukommender Bewusstheiten zu erklären. Mit dieser Einladung folgt das Modell vielen anderen, die die Psychologie hervorgerufen hat. Aber – und hier wird es für mich reizvoll – in ihm ist für mich ein Aspekt von integraler Qualität: Dass jedes komplexer entwickelte Sein (das weit mehr ist als das reduktionische Angebot eines Frontalcortex) seinen Sinnimpuls bereits integriert hat. Der Sinnimpuls als Auftrag zur Entwicklung weiteren Werdens, oder wie es Viktor Frankl formuliert: „Die Freiheit der Person ist nun nicht nur eine Freiheit vom Charakter, sondern auch eine Freiheit zur Persönlichkeit. Sie ist Freiheit vom Sosein und Freiheit zum Anders-werden.“ (aus: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“)

 

 

Eigentlich ist Leben einfach – 4

  

Jeder Mensch hat ein einzigartiges Wertesystem. Hier und Jetzt tritt dieses System in Aktion – durch (versprachlichte) Verhaltensweisen, Handlungen oder Entscheidungen treten einzelne Werte in die Sichtbarkeit. Analog zum physischen System, dessen individuelle Besonderheiten zum Beispiel durch Wachstum, Bewegungen oder Beeinträchtigungen sichtbar werden und dem psychischen System, dessen Individualität sich zum Beispiel durch Affekte, Regungen oder (versprachlichte) Kognitionen und Emotionen zeigt.

Während das psychische und physische System zur [Gesund-]Erhaltung des Menschen ihre Beiträge leisten, dient das Wertesystem dazu, für die in der Lebenswelt auf die Person wartenden Aufgaben gerüstet zu sein. Auch die Werte, die vermeintlich dafür gut sind, dass sich die Person gut fühlt, haben – weiter gedacht – ihren eigentlichen Auftrag darin, dass die Person sich in guter Verfassung mit den Aufgaben aus ihrer Lebenswelt befassen kann. So hat beispielsweise der Wert ‚Gesundheit‘ und ein diesem Wert entsprechendes Verhalten vordergründig nicht nur den Selbstzweck, den Zustand von Wohlbefinden zu bewirken. Vielmehr dient die Verwirklichung des Wertes Gesundheit dafür, um all das zu erhalten oder wieder aufzubauen, was erforderlich ist, individuell sinnvollen Lebensaufgaben gerecht werden zu können.

Schauen wir nun auf die drei beispielhaft dargestellten Personen. Jede von ihnen hat ein indiviuelles und originäres Wertesystem. Im Rahmen einer Werteanalyse wurden die Werte jeder Person in Gruppen zusammengeführt – eine solche Clusterung kann verschiedenartig vorgenommen werden, zum Beispiel haben wir unsere über 400 LebensWerte mit dem Kontext individueller Motive in Verbindung gebracht. Dabei entstanden die acht Cluster: Macht-Freiheit, Leistung-Ruhe, Stabilität-Veränderung, Bindung-Trennung. Eine weitere Gruppierung geht zurück auf das von Professor Clare entwickelte Modell einer evolutionär begründete Werteentwicklung.

Graves beschreibt in seiner Theorie der menschlichen Bewusstseinsentwicklung einen Prozess der Vergrößerung von Verhaltens- und Handlungsräumen zum Zwecke der Bewältigung komplexer werdender Themenstellungen. Graves nimmt dazu in seinem werteevolutionären Ansatz an, dass jeder Mensch durch verschiedene Stadien der Bewusstseinsentwicklung geht, wobei jede entwickelte Ebene [sie werden auch vMeme-Ebenen genannt – v = value / Meme = spezifischer Bewusstseinsinhalt] durch ein Set an Grundüberzeugungen, Werten, Einstellungen und Haltungen repräsentiert wird. Für eine schnellere Unterscheidung dieser Ebenen werden in der Literatur Farben eingesetzt – Sie sehen sie unten in den kleinen Rauten zu Beginn neuer Textpassagen.

Zu Beginn der Vorstellung soll betont werden, dass keine vMeme-Ebene per se ‚besser‘ oder ’schlechter‘ als eine andere ist. Vielmehr soll der Aspekt in den Vordergrund rücken, dass es stets situativ eine passende Gegenwarts-Bewusstheit [ein passendes vWerte-Meme] braucht, ergo es bei einer Abfolge unterschiedlicher, zu bewältigender Situationen auch unterschiedlich angemessener vMeme-Ebenen bedarf [welche Folgen dies im Thema ‚Krise‘ hat wird in späteren Beiträgen diskutiert, ebenso die Kritik an diesem theoretischen Modell].

Die vMeme-Ebenen in einer ersten Übersicht:

 Das Beige-Meme ist die erste Ebene im Graves Value System. Als „Überlebensmeme“ geht es hauptsächlich um die Bewältigung des Themas ‚Befriedigung der Grundbedürfnisse wie zum Beispiel Nahrung, Schlaf, Wärme, Sex‘. Neben Neugeborenen zeigen auch Menschen unter Drogeneinfluss ein mit diesem Meme verbundenes reflex- und instinktgesteuertes Verhalten. Der Rahmen individueller Fähigkeiten, auf ihre Umwelt zu reagieren ist deutlich begrenzt, es wird im Hier und Jetzt gelebt. Im archaisch-urzeitlichen Beige-Meme gibt es noch kein Konzept von moralischen Werten oder sozialen Normen.

In unserer modernen Gesellschaft ist ein erwachsenes Verhalten und Handeln im Beige-Meme meist nur in existenziellen Krisen zu beobachten, wenn die Verwirklichung von Werten höher entwickelter Ebenen als nicht (mehr) möglich erscheint. Global betrachtet werden aber viele Menschen und Gemeinschaften durch die sie gefährdenden Rahmenbedingungen genötigt, ihr Verhalten und Handeln in diesem Meme zu zeigen. Wenn Menschen mit traumatischen Ereignissen konfrontiert werden, wie z.B. Naturkatastrophen, Krieg oder Hunger, dann werden sie auf ihre Bewusstheit, grundlegendste Überlebensbedürfnisse befriedigen zu müssen, zurückgeworfen. Ihre Verhaltensweisen werden dabei von tief verwurzelten Instinkten und Gewohnheiten bestimmt und sind eher spontan. Im urzeitlich Kontext ist dieses Meme mit Begriffen wie Sammeln und Jagen, klimabedingte Migration oder Bildung schützender und unterstützender Horden verbunden.

Ohne Entwicklungsperspektive und dem Verharren im Beige-Meme zeigen sich negative Auswirkungen darin, dass Menschen sich in ständiger Angst vor Bedrohungen befinden und sich auf ichbezogene Überlebensstrategien konzentrieren, ohne sich am Aufbau sozialer Strukturen oder höherer Werte zu beteiligen.

 Das Purpur-Meme ist die zweite Bewusstheits-Ebene im Graves Value System. Auf ihr entsteht erstmals ein Wir-Bezug und eine Bewusstheit für den Wert einer Gemeinschaft. Die Suche nach einem gemeinsamen Daseins-Zweck und einer verbindenden Identität wird gestärkt durch den Glauben an Symbole, Rituale und Übernatürliches. Das Streben nach Harmonie mit den Kräften der Natur und erste Formen einer Kulturentwicklung – zum Beispiel Musik, Tanz oder erzählende Überlieferung – sind Merkmale dieses Meme. Ein starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft, Zusammenhalt, Sicherheit und Geborgenheit in der Gruppe und ihre Befriedigung mittels zeremonieller Handlungen sowie ihre Empfänglichkeit für magische Momente zeigt sich auch heute unter anderem bei religiösen Gemeinschaften. Mit einer intensiven emotionalen Verbundenheit mit ihrer Gemeinschaft, die ohne institutionelle Klammer auskommt, betrachten Menschen im Purpur-Meme die Welt als ein geheimnisvolles und oft unerklärliches Universum, in dem alles miteinander verbunden ist.

Obwohl das Purpur-Meme auf den ersten Blick als naiv oder dem Kleinkindalter entsprechend erscheinen kann, ist es von großer Bedeutung in der menschlichen Entwicklung. Auf dieser Ebene steht das Lernen durch Nachahmung und damit ein tiefes Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit in einer Gruppe im Vordergrund.

In unserer modernen Gesellschaft ist ein erwachsenes Verhalten und Handeln im Purpur-Meme oft im Thema ‚dazugehören wollen‘ zu beobachten. Familiär geprägte Organisationen, Stammeskulturen, Cliquen und Clans werden als Orte der Sicherheit empfunden, und die Anpassungsfähigkeit an das Gruppenverhalten gilt als notwendige Bedingung dafür, nicht in die Angst zu verfallen, aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden. Loyalität gegenüber Ältesten und die Tradition der Gruppenkultur werden gepflegt; Kinder werden als Alterssicherheit angesehen.

Wenn Menschen mit Bindungs- und Vertrauensverlusten konfrontiert werden, wie dies z.B. bei der Scheidung der Bezugspersonen in der frühen Kindheit oder bei der Trennung von der Gemeinschaft durch Umzug entstehen kann, so werden die Werte dieses Meme verletzt. Ohne Entwicklungsperspektive und dem Verharren im Purpur-Meme zeigen sich negative Auswirkungen dann zuweilen darin, dass Menschen irrationalem Glauben, magischen Praktiken oder Sektierertum verfallen.

 Eigene Bedürfnisse nach Individualität zeigen sich im Graves Value System erstmals im Rot-Meme. Verhalten sich Menschen bei spezifischen Themen entlang dieses Werte-Meme, so zeigen sie ihr Bedürfnis nach Macht, Kontrolle und Dominanz an. Für Bedürfnisse anderer bringen sie in diesen Kontexten ein eher geringes Verständnis auf. Sie glauben an die Stärke und Überlegenheit des Individuums gegenüber der Gruppe und lehnen Autorität und Kontrolle ab, wenn sie nicht zu ihrem eigenen Vorteil sind.

Einen Vorgeschmack auf dieses Meme zeigen Kinder in der pubertären Trotzphase, wenn sie mit Einschüchterung und Kraft anderen ihren egozentrierten Willen aufzudrücken versuchen. Auch eine Tendenz zur [subtilen, manipulativen, kommunikativen oder physischen] Gewalt und Aggression ist möglich, wenn es darum geht, persönliche Ziele zu erreichen. Die ‚Siegen-wollen-Mentalität‘ steht dabei im Einklang mit einem Weltbild, das den Kampf um Ressourcen und Macht als erforderlich ansieht, das auf Omnipotenz oder gar Unsterblichkeit setzt und in dem Kritik von Außen als persönlicher Angriff und Beleidigung angesehen wird. Ein weiteres Merkmal des Rot-Memes ist ein impulsives, ‚aus-dem-Bauch-heraus-Handeln‘, ohne Rücksicht auf Konsequenzen oder die Bedürfnisse anderer. Eine sofortige Bedürfnisbefriedigung wird ungeduldig  angestrebt und die kleine oder große Welt ist dafür die Plattform, auf der Macht und Willenskraft demonstriert wird.

In unserer modernen Gesellschaft ist das ichzentrierte Rot-Meme durchaus präsent. Meist negativ konnotiert, wenn es sich im Kontext von Feudalherrschaften, dem Drang zum Erhalt von Imperien, Heldenverehrung kriegerischer Eroberungen, Gewalt in der Familie, Korruption usw. zeigt. Als positiv wird das Rot-Meme erlebt, wenn es um die persönliche Entschlusskraft geht, in passenden Situationen direktive Anweisungen mit Energie und Verve mitzuteilen oder wenn gegen Widerstände aus dem Umfeld der Wille für eigene Entdeckungen und Kompetenzaufbau aufrecht erhalten bleibt oder auch, wenn sich keine anderen Wege aufzeigen, gegen Unterdrückung oder Ohnmacht aufzubegehren.

Wenngleich das Rot-Meme auf den ersten Blick als egoistisch und unmoralisch erscheinen kann, ist es von großer Bedeutung in der menschlichen Entwicklung. Auf dieser Ebene wird das Bedürfnis nach Herrschaft und Selbstbestimmung erkannt und geschätzt. Es betont die Bedeutung von Autonomie und Selbstbestimmung und schafft damit eine Grundlage für persönliches Wachstum und Selbstverwirklichung.

Wenn Menschen mit der Abwertung ihres Platzes und ihres Status in der Gesellschaft konfrontiert werden, so werden die Werte dieses Meme verletzt. Ohne Entwicklungsperspektive und dem Verharren im Rot-Meme zeigen sich negative Auswirkungen dann zuweilen darin, dass Menschen dazu neigen, situativ ihre Selbstsucht auf Kosten anderer auszuleben, Machtmissbrauch oder Rache auszuüben oder einen Hang zum Narzissmus zu entwickeln.

 Das Blaue-Meme ist die vierte Entwicklungsebene im Graves Value System. Nach der Fokussierung auf beige Grundbedürfnisse, purpurne Gemeinschaft und rote Machtbewussheit geht es hier um die Schaffung von Ordnung, Stabilität und Sicherheit durch Einhaltung von Gesetzen, Regeln, Vorschriften und Strukturen. Institutionen versprechen mit ihren Hierarchien Sicherheit in einer unberechenbaren Welt. Die Bewusstheit, dass für bestimmte Themen ein Schema wie Autorität, Gehorsamkeit, Disziplin, Moral oder auch Konvention und die Bewahrung ethischer Standards passend ist, verweist auf ein geringes Verständnis für Nuancen und Abweichungen. Die situative blaue Bewusstheit neigt zu einem Schwarz-Weiß-Bewertungsmuster, zu einer strengen Auslegung von Überzeugungen und kulturellen Normen.

Menschen mit entwickeltem Blau-Meme schätzen situativ die Ausrichtung an Tugenden, Sitten und aus ihrer Sicht moralischen Standards. Gradlinigkeit, Berechenbarkeit, Pflichtbewusstsein wird hoher Stellenwert beigemessen. Der Preis dafür kann sich in einer schnellen Polarisierung in gut-böse, richtig-falsch usw. zeigen, man bleibt unter sich und seinesgleichen, folgt Gesinnungsautoritäten, hält quasi-ideologisch an ewig Gültigem fest oder schwört Treue bis zum Schluss.

In unserer modernen Gesellschaft ist das wir-orientierte Blau-Meme dort präsent, wo Stabilität und Ordnung wichtiger sind als individuelle Freiheit und Kreativität. Politische, militärische, administrative und religiöse Institutionen sind oft blau geprägt. Die Einhaltung von Regeln und Vorschriften gilt dort als entscheidend für die Sicherheit der Gemeinschaft. Beim Einsatz einer blauen Bewusstheit wird auf hierarchische Systeme wie Kasten, Klassen oder Rassen rekurriert und sprachlich zeigen sich allerlei Grundüberzeugungen in Form von -ismen. Auch die Bereitschaft, sich für jemanden oder etwas zu opfern, um dafür später eine Belohnung zu erlangen, ist ein beobachtbarer Aspekt des Blau-Meme.

Wenn Menschen mit einer Diskreditierung der von ihnen geschätzten Strukturen, Ordnungen oder Regeln konfrontiert werden, so werden die Werte dieses Meme verletzt. Ohne Entwicklungsperspektive und dem Verharren im Blau-Meme zeigen sich negative Auswirkungen dann zuweilen darin, dass Menschen dazu neigen, andere selbstgerecht zu behandeln oder diejenigen zu unterdrücken, die nicht in ihr Weltbild passen. Sie können auch dazu tendieren, auf starre und kreative Problemlösungen erstickende Regeln und Normen zu setzen, anstatt – sofern entwickelt – auf ihr eigenes Urteilsvermögen und ihre eigene Intuition zu vertrauen.

 Auf der nächsten Werte-Ebene beschreibt Clare W. Graves eine Weltanschauung, die sich auf die Überwindung von Einschränkungen und die Maximierung des Erfolgs konzentriert. Das dabei eingesetzte Orange-Meme können wir auch das Meme der Leistung und des Wettbewerbs nennen. Menschen, die situativ dieses Gegenwarts-Bewusstheit in ihrem Verhalten präferiert zeigen, folgen ihrem Bedürfnis nach Verwirklichung von Werten und Motiven wie Fortschritt, Innovation, Leistung, Zielerreichung und Aufstieg. Eine starke Ausrichtung auf autonome Selbstverwirklichung, individuelles Wachstum und persönliche Entwicklung ist dann beobachtbar. Mit einer Tendenz zur Rationalität und Effizienz wird die Welt als eine Maschine angesehen, die optimiert werden kann, um maximale Ergebnisse zu erzielen. Zum Gelingen wird dabei auf wissenschaftliche Methoden und Analysen gesetzt, die als zweckdienlich für das Lösen komplexer Probleme angesehen werden.

In einer Gesellschaft ist das ich-zentrierte Orange-Meme dort weit verbreitet, wo messbarer Erfolg und das Ringen um Anteile an zu verteilenden Ressourcen eine wichtige Rolle spielen. In diesem Kontext neigt diese Ebene zu einer elitären Haltung, die Wachstum und Expansion heilig spricht und in der Loyalität auf Nützlichkeitsüberlegungen beruht. Als Ergebnis der Werteverwirklichung auf Orange locken Glück, Konsummöglichkeiten und Vergnügen.

Eine starke Kritik wird gegen dieses Meme laut, wenn die ihm zueigenen Verhaltens-/Handlungsweisen als reines Eigeninteresse an Status, Rang, Prestige, Profit oder auf Kosten anderer gehend empfunden werden. Der stark auf kurzfristige Ergebnisse fokussierte faktenbasierte Pragmatismus bei Entscheidungen im Orange-Meme wird zuweilen einerseits als bewundernswerter Handlungswille gewürdigt. Werden jedoch Manipulationen der Handelnden an der Natur, an Zahlenwerken, an menschlicher Integrität und Würde oder als Angriff gegen ein bestehendes Gerechtigkeitsgefühl von anderen Menschen wahrgenommen, so folgen auf der anderen Seite meist Einwände hinsichtlich der Auswüchse von Kapitalismus, Materialismus oder Individualismus.

Wenn Menschen mit der Abwertung ihrer Qualifizierung und ihres Erfolgswillens in der Gesellschaft konfrontiert werden, so werden die Werte dieses Meme verletzt. Ohne Entwicklungsperspektive und dem Verharren im Orange-Meme zeigen sich negative Auswirkungen dann zuweilen darin, dass Menschen dazu neigen, situativ ihre ‚Ellenbogen-Verdrängung‘ als taktisches Mittel zur Verteidigung zum Beispiel ihrer erreichten Karrierestufe auszuleben, selbstgefährdende Arbeitsüberlastungen einzuleiten oder zuzulassen oder einen Hang zu einem der zahlreichen Facetten eines Suchtverhaltens zu entwickeln.

Das Orange-Meme zeigt, dass die menschliche Entwicklung nicht auf der Ebene der Gemeinschaft und Stabilität stagnieren muss, sondern dass wir in der Lage sind, uns auf individueller Ebene weiterzuentwickeln und persönliche Erfolge zu erzielen. Wie bei allen anderen Meme auch, zeigt sich die individuelle oder kollektive menschliche Entwicklung in Form einer Reise, bei der jede erreichte Ebene auf den vorherigen aufbaut. [Anmerkung: Auch das Beige-Meme, das ich als  Überlebens-Meme vorstellte und das unter anderem die Gegenwarts-Bewusstheit des Neugeborenen beschreiben hilft, hat entsprechende Vorläufer. Beim Neugeborenen sind es die elterlich entwickelten Bewusstheitsebenen auf der Entwicklungslinie “Rolle als Vater/Mutter‘. Je nach Meme kann die Rolle, die sich beispielsweise ein Vater zuschreibt umrissen werden als Familienmensch und Beschützer (purpur), Oberhaupt der Familie (rot), Erziehungsberechtigter und Versorger (blau), Antiautoritärer Trainer und Wissensvermittler (orange), Empathischer Gesprächspartner und Wertevermittler (grün). Es liegt nahe anzunehmen, dass eine präferierte Rollenbewusstheit als mitprägender Einfluss auf die psychische Entwicklung des Kindes ab dessen Beige-Meme einwirkt.]

 Mit dem Grün-Meme erreichen die Bewusstheits-Ebenen die Werte im Kontext von Menschlichkeit, Gleichheit, Kooperation, sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit. Im individuellen oder kollektiven Verhalten zeigt sich ein Streben nach Harmonie, Ausgleich in Beziehungen und in der Gesellschaft als Ganzes, eine starke Betonung von Toleranz und Akzeptanz gegenüber unterschiedlichen Lebensstilen und Meinungen sowie eine auf Diversität und Inklusion achtende Grundhaltung. Dass jeder Mensch gleiche Rechte und Chancen haben sollte, führt im Grün-Meme zur Verhaltenstendenz, die persönliche Entwicklung mit sozialen Verantwortlichkeiten zu verbinden. Menschen auf dieser Stufe suchen nach einem sozialen Zweck in ihrem Leben und engagieren sich entsprechend.

In vielen modernen Gesellschaften zeigt sich das wir-orientierte Grün-Meme insbesondere bei Einzelpersonen, Gruppen, Institutionen und Organisationen, die einen Schwerpunkt ihres Engagements den vielen Brennpunkten widmen, die im Kontext der Kritik an einer zu starken Leistungsgesellschaft (orange) entstehen und sich in den Themen wie Armutsbekämpfung, Bildungsgerechtigkeit, Fairness gegenüber Minderheiten, Chancenfeldern für Migranten, gerechtere Ressourcenverteilung, Weltgesundheit und vielen mehr zeigen.

Das Grün-Meme wird so als Gesellschaftsbild vorgestellt, in dem ein dogmatisches Klammern an vorausgegangenen Bewusstheits-Ebenen abgelöst wird durch einen pluralistischen und relativistischen Zugang zur Welt. Dieser Zugang ist verbunden mit zahlreichen Forderungen zum Beispiel an eine neue political/people/social/ communicative/ …- correctness, an eine konsensuale Streitkultur, tragfähigere Strukturen für soziale Teilhabe, Infragestellung unbegrenzter Wachstumsphantasien, Nivellierung einst diskriminierender Rollen und Klassenunterschiede, Dezentralisierung von Entscheidungsstrukturen oder dem Lebenswohl für alle Lebewesen.

Kritiker des Grün-Meme argumentieren, dass die Betonung von Gleichheit und Zusammenarbeit auf Kosten individueller Freiheiten und persönlicher Leistung gehen kann. Konstruktiv wird dabei betont, es sei lohnend, ein Gleichgewicht zwischen diesen Werteebenen zu finden und sicherzustellen, dass alle Stimmen gehört und berücksichtigt werden. Destruktiv wird dieses Meme als Zeitgeist-Phantasma etikettiert, das nicht in der Lage sei, sich den globalen Weltkonflikten schnell und wirkungsvoll entgegenzustellen.

Wenn Menschen mit der Abwertung ihrer gemeinwohlorientierten Verantwortungsbereitschaft konfrontiert werden, so werden die Werte dieses Meme verletzt. Ohne Entwicklungsperspektive und dem Verharren im Grün-Meme zeigen sich negative Auswirkungen dann zuweilen darin, dass Menschen dazu neigen, situativ ihre weisheitsbeanspruchende Selbstgefälligkeit regelbrechend auf Kosten anderer auszuleben oder spezifische Formen einer Gesinnungsethik durchsetzen zu wollen. Aber auch das Phänomen, Konflikte zu vermeiden und Entscheidungsprozesse auf Kosten der Effektivität und Leistungsfähigkeit zugunsten einer Gruppenidentität zu entschleunigen, zeigt sich situativ.

Insgesamt verweist das Grün-Meme darauf, dass menschliche Entwicklung nicht auf der Ebene der individuellen Leistung stagnieren muss, sondern dass wir als Gesellschaft in der Lage sind, uns auf sozial verantwortungsvolle Weise weiterzuentwickeln.

Mit den nächsten Werte-Ebenen, beginnend mit dem Gelb-Meme, öffnet sich ein neuer Raum der Weltbetrachtung. Ein Raum, der sukzessive immer mehr systemische, holistische und kosmische Aspekte für die Bewältigung komplexer überindividueller Themenstellungen vorhält und auf den sich nur unpassende Antworten in den Meme bis einschließlich Grün finden lassen.

 Das erste dieser Ebenen ist das Gelb-Meme, das oft als Stufe der Integration und des Systemdenkens bezeichnet wird. Es repräsentiert eine komplexe und integrative Sichtweise auf die Welt, bei der Menschen die Welt als ein System betrachten, in dem alles miteinander verbunden ist [also auch alle Werte-Ebenen bis einschließlich Grün] und wo es erforderlich ist, verschiedene Perspektiven und Weltanschauungen zu integrieren und zu verstehen, ohne sich auf eine bestimmte Sichtweise festzulegen. Mit dieser umsichtigen Haltung des Einschließens aller Zugänge zur Lösung komplexer Probleme leistet das Gelb-Meme einen Beitrag zu einer mentalbarrierefreieren Kommunikation.

Dem Gelb-Meme liegt es an sich fern, andere Werte-Ebenen abzuwerten, vielmehr können Menschen in Situationen, die dieses Meme erfordern, mehrere Standpunkte einnehmen und gleichzeitig aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten [eine Fähigkeit, die jedoch häufig bei Menschen, die das Gelbe-Meme noch nicht integriert haben, Irritationen hervorruft, weil sich diese Menschen womöglich einen festen Standpunkt, eine klare Ansage oder eine schnelle Lösung erhoffen, zu denen Gelb entlang ihrer Entwicklungsgeschichte eine gewisse Distanz aufgebaut haben]. Die Verhaltens- und Handlungsweisen des Gelb-Meme wirken integrierend und sind befreit von Erwartungen anderer und von Bindungen aus der Vergangenheit. Das Bedürfnis nach öffentlicher Anerkennung ist gering, das nach Wissen, Flexibilität und Kompetenzentwicklung hat Vorrang vor Macht, Status oder Gruppenempfindlichkeiten.

Obwohl das Gelb-Meme ein Menschenbild adressiert, das den Menschen so nimmt wie er werden könnte und die Wege, die er ging, um zu werden, der er heute ist, lediglich als Grundlage für weitere Entwicklungsschritte ansieht, gibt es auch Kritik an dieser Ebene. So wird argumentiert, dass die Betonung systemischeren Denkens zu einem Mangel an Akzeptanz früher entwickelter Werte führen kann oder dass Entscheidungen, die situativ mit dem Gelb-Meme getroffen werden, Menschen nicht dort abholen, wo sie stehen. Bei dieser Kritik wird jedoch womöglich übersehen, dass es zur Entwicklung des Gelb-Memes oft genug die Konfrontation mit Themen bis ‚grün‘ gab und dass Menschen, die diese Bewusstseinsentwicklung zu Gelb vollzogen haben, auf authentische Beispielgeber in ihrer Biografie verweisen können, durch deren gelber Weltanschauung eine positive Wirkung auf gesellschaftlich hochkomplexe Themenstellungen beobachtbar war.

Zudem muss einem Menschen, der sich hin zu Gelb entwickelt bewusst sein, dass sich der kommunikative Zugang zu vielen Menschen alleine deshalb erschweren kann, weil diese in ihrem Alltag mit Themenstellungen konfrontiert werden, die diese Werte-Ebene nicht benötigen. Der Preis, den Menschen mit einem entwickelten Gelb-Meme dann zuweilen zu zahlen haben, ist eine Art intellektueller Verarmung. ‚Stell Dir vor, die Probleme werden hochkomplex und keiner denkt der Situation angemessen mit‘ – wer sich in einem solchen Umfeld wahrnimmt, muss lernen, auf psychischer Ebene mit Entfremdungsgefühlen umzugehen. Demgegenüber steht im Gelb-Meme ein hohes Maß an Reflexion und Wertebewusstsein, das dabei hilft, eigene Grenzen und die Wirkung eigener Überzeugungen zu erkennen und zu akzeptieren. Die Einstellung, Wissen in den Kontext eines unendlichen Prozesses zu stellen und als Konsequenz davon Bildung als kontinuierlichen Prozess lebenslangen Lernens anzusehen, kann konstruktiv zu einer Blickfelderweiterung führen, die das Finden von Lösungen an für viele andere Menschen unerwarteten Stellen ermöglicht. Negative Auswirkungen einer unverhältnismäßigen Betonung des Gelb-Memes wären hingegen endlose Diskussionen und Reflexionen, ohne zu praktischen Lösungen zu kommen. Auch die Vernachlässigung der Bedeutung von emotionalen Aspekten und menschlichen Beziehungen werden bei Gelb zuweilen beobachtet.

 Noch über dieses systemische Gelb-Meme hinaus verweist eine Verhaltens- oder Handlungsweise von Menschen, die situativ eine ganzheitliche Sicht auf die Welt einnehmen: es das im Graves Value System genannte Türkis-Meme. Menschen auf dieser Werte-Ebene haben ein wirkliches Verständnis davon, dass alle Dinge in einem größeren Kontext miteinander dynamisch verbunden sind und dass ihre Handlungen und Entscheidungen die Welt um sie herum ebenso dynamisch beeinflussen.

Eine wichtige Eigenschaft des Türkis-Meme ist die Fähigkeit, Paradigmenwechsel voranzutreiben. Menschen auf dieser Stufe sind in der Lage, neue Ideen und Konzepte zu entwickeln, die grundlegende Veränderungen in der Gesellschaft bewirken können. Sie haben ein tiefes Verständnis dafür, dass allgesellschaftlich komplexe Probleme nur durch ganzheitliche und integrative Ansätze gelöst werden können. In meinem Verständnis wäre eine Rolle im türkisen Meme die eines Gesellschaftscoachs, und in meiner Hoffnung entspräche diese Meme-Bewusstheit auf politischer Ebene die eines Bundespräsidenten, der seinen Beitrag dafür leisten will, die Gesamtgesellschaft  auszurichten auf Themen, die zeitlich weit über das Leben aller hinausreicht, die aktuell Bürger des Staates sind.

Das Türkis-Meme wird zwar oft mit spirituellen Traditionen und östlichen Philosophien in Verbindung gebracht, da es eine starke Betonung auf Achtsamkeit, Mitgefühl und das Streben nach höheren Bewusstseinszuständen hat. Diese Erklärung greift jedoch zu kurz, denn anderen Meme-Ebenen eben diese menschlichen Qualitäten indirekt abzusprechen, ist mit der tiefen Gelassenheit, mit der im Türkis-Meme auf das Wohl aller Menschen und des Planeten geschaut wird, nicht vereinbar. Vielleicht ist es angemessener, dieser Werte-Ebene die Form eines holistischen Weisheitsvertrauens zuzuschreiben, das den Gedanken, dass jedwedem Problem eine Lösung – wo und wann auch immer – gegenübersteht, mit dem Willen integriert, Hindernisse, die das Finden dieser Lösungen erschweren, mit Besonnenheit und Demut zu identifizieren und zu kommunizieren. Eine günstige Konkretisierung auf Verhaltens- oder Handlungsebene erfährt das Türkis-Meme in konsensbasierten und allfriedensorientierten Kooperationen mit Selbstorganisation und Selbstregulierung innerhalb der Gesellschaft. Dem Blick auf die Welt als eine unteilbare Einheit wird eine gesamtweltliche Suche nach geistig sinnvollen Wegen für die drängenden Probleme, für wen, wo und wie sie sich auch immer zeigen, zur Seite gestellt. Gelingt der Transfer des Türkis-Meme in praktisches Handeln nicht, so zeigt sich womöglich eine Art Elfenbeinturm-Transzendenz, die mehr Welt-Distanzierung zum Ausdruck bringt als die der an sich dem Meme inhärenten Liebe zu tiefer Integration aller Perspektiven im Kontext der jeweiligen Themenstellung.

 Eher noch im Forschungsfeld der Bewusstseinspsychologie und daher hier nur minimal skizziert findet sich das Korall-Meme im Graves Value System. Auch dieses Meme ist geprägt von einem tiefen Verständnis der Einheit und Verbundenheit aller Dinge, doch zeigen Menschen, die Themen mit dieser Werte-Ebene adressieren, in ihrem Verhalten oder in ihren Handlungen einen kristallinen Glauben an das kosmische Mysterium und die Existenz von Meta-Ebenen des Bewusstseins.

Graves und Frankl im Berufskontext

Beige – Überleben. Frankl sieht in der Trotzmacht des Geistes die zentrale Ressouce dafür, auch die kritischsten Lebensmomente und Grenzerfahrungen meistern zu können.

Berufsbeispiel:
Eine Lagerarbeiterin verliert durch eine Unternehmensschließung ihre Existenzgrundlage. Sie weiß nicht, wie sie ihre Miete zahlen soll, die Angst lähmt sie. In diesem Moment findet sie Sinn, indem sie all ihre Kräfte mobilisiert: Sie organisiert kleine Nebenjobs, verzichtet auf Komfort, hält durch. Ihre Sinnfindung besteht darin, nicht zu resignieren, sondern Tag für Tag das Überleben ihrer Familie zu sichern – getragen von der inneren Freiheit, der Verzweiflung nicht das letzte Wort zu lassen.

Purpur – Zugehörigkeit. Frankl sieht in Beziehungen einen zentralen Ort der Sinnfindung, da hier Werte verwirklicht werden können, die durch Liebe, die Erfahrung der Einzigartigkeit anderer Menschen und die gegenseitige Zuwendung geprägt sind.

Berufsbeispiel:
Ein junger Softwareentwickler fühlt sich in einer neuen Stadt einsam und orientierungslos. Er zweifelt an seiner Entscheidung, den Job anzunehmen. Halt findet er, als er sich einem Kollegen-Stammtisch anschließt. Durch kleine Rituale – gemeinsames Kochen, wöchentliche Treffen – erlebt er Zugehörigkeit. Sinn entsteht nicht primär durch seine Arbeit, sondern durch das Gefühl, eingebettet und gebraucht zu sein. Er erkennt: In der Gemeinschaft findet er eine Aufgabe – füreinander da zu sein.

Rot – Macht. Frankl sieht in der Macht des Geistes die Person zur Stellungnahme aufgerufen.

Berufsbeispiel:
Eine Vertriebsmitarbeiterin erlebt, wie ihr Vorgesetzter sie ständig kleinredet und ihr Aufträge entzieht. Sie fühlt sich gedemütigt. Anstatt sich zurückzuziehen, beschließt sie, selbstbewusst ihre Ergebnisse sichtbar zu machen und ein eigenes Projekt durchzusetzen. Sie findet Sinn darin, sich gegen Ungerechtigkeit zu behaupten. Ihr Mut, Grenzen zu setzen und für ihre Würde einzustehen, macht die Situation erträglich – auch wenn das Risiko besteht, anzuecken.

Blau – Ordnung, Struktur, Pflicht. Frankl sieht die „Pflicht“, im Sinne einer Anerkennung der Verantwortung für die eigene Lebenswelt als einen wichtigen Weg zur Sinnfindung, indem man sich aktiv einer Sache widmet, indem man sich einer Person oder Gruppe hingibt, oder indem man auch in unveränderbaren Situationen die Einstellung bewahrt, über das eigene Ego hinauszuwachsen.

Berufsbeispiel:
Ein Beamter im Bauamt ist frustriert: Die Flut an Anträgen wächst, Bürger beschweren sich, er fühlt sich angegriffen. Er findet Sinn, indem er sich bewusst macht, dass seine Arbeit nicht nur Aktenberge bedeutet, sondern Rechtssicherheit für alle. Er sagt sich: „Wenn ich korrekt arbeite, ermögliche ich Menschen, ihre Häuser sicher zu bauen.“ Pflichtbewusstsein und die Treue zum Wert der Gerechtigkeit geben ihm Halt – er sieht seine Aufgabe im größeren Rahmen.

Orange – Leistung. In Frankls Sinnlehre wird ein Weg der Sinnfindung darin gesehen, schöpferische Werte wie Leistung, Arbeit oder Fleiß zu verwirklichen.

Berufsbeispiel:
Eine Ingenieurin wird durch Dauerstress und Konkurrenzdruck ausgebrannt. Sie fragt sich, wofür sie das alles macht. Sinn findet sie, als sie ein innovatives Produkt entwickelt, das Energie spart und Unternehmen nachhaltiger macht. Hier erkennt sie: „Meine Leistung trägt zu etwas bei, das über meinen Bonus hinausgeht.“ Ihr Wille zum Sinn verwandelt den bloßen Karriere-Ehrgeiz in ein Motiv, einen spürbaren Beitrag zu leisten.

Grün – Gemeinwohl.  Frankl zufolge lässt sich Sinn darin finden, indem man sich für etwas engagiert, das nicht auf einen selbst zurückfällt, also für eine Aufgabe, ein Projekt oder für andere Menschen.  

Berufsbeispiel:
Eine Teamleiterin in einer NGO erlebt Überlastung: zu viele Projekte, zu wenig Ressourcen. Sie droht, sich im Chaos zu verlieren. Sinn findet sie, indem sie auf die Bedürfnisse ihres Teams eingeht: Sie organisiert Gesprächsrunden, fördert gegenseitige Unterstützung. In dem Moment, in dem sie erlebt, dass ihre Arbeit die Menschen um sie herum stärkt, spürt sie: „Auch wenn es anstrengend ist – wir schaffen gemeinsam etwas, das trägt.“

Gelb – Integration und systemisch-synergetisches Denken. Frankl gibt zu verstehen, dass der Mensch nie frei ist von Bedingungen aller Art [hier können wir auch alternativ sagen, nie frei ist von Bedingungen im Kontext der vMeme von Beige bis Grün], die sein Leben mitbestimmen. Aber er ist stets frei und verantwortlich für unendlich viele Perspektiven, die ihm den Bereich des Möglichen eröffnen.

Berufsbeispiel:
Ein Projektmanager arbeitet in einem internationalen Konzern, wo Kulturen und Abteilungen ständig aneinandergeraten. Konflikte und Sackgassen frustrieren ihn. Statt aber vorschnell Partei zu ergreifen, beginnt er, Muster zu analysieren und flexiblere Lösungen zu entwickeln. Er erkennt, dass er Situationen nicht beherrschen, sondern gestalten kann. Sinn findet er in seiner Freiheit, unterschiedliche Sichtweisen zu verbinden und neue Spielräume zu öffnen.

Türkis – Ganzheit. Frankl betont das eigentliche Humane, das Geistige (Spirituelle) der Person und damit – wie Max Scheler – die besondere Stellung des Menschen im Kosmos

Berufsbeispiel:
Eine Ärztin in einem Entwicklungsprojekt in Afrika erlebt Ohnmacht angesichts von Armut und Krankheit. Statt an der Überforderung zu zerbrechen, spürt sie Sinn darin, dass jeder geheilte Patient, jedes kleine Stück Aufklärung, Teil eines sehr viel größeren Prozesses der Heilung ist. Sie erkennt: Ihr Handeln ist eingebettet in das Ganze der Menschheit. Der Sinn liegt nicht in der schnellen Lösung aller Probleme, sondern darin, durch ihr Tun zur Balance des Lebens beizutragen.


 

  

Wenn wir nun die drei Personen mit ihren Wertesystemen –  gefärbt nach dem Graves System – anschauen, dann erkennen wir deutliche Unterschiede. Die Person links zeigt ein recht differenziertes Wertesystem mit einem weiten Spektrum, bei der mittlere Person dominieren die vMeme von rot, blau und orange und bei der rechten Person von orange, grün bis gelb.

Würde die rechte Person vor einer Aufgabe stehen, die einer ‚gemeinwohl orientierten‘ grünen Werte-Bewusstheit bedarf, dann kann angenommen werden, dass sie für diese Aufgabe Verhaltens- und Handlungsmuster bereit hält, die der Person in der Mitte aufgrund ihrer bisherigen Entwicklung noch nicht zur Verfügung stehen. Würde dieser, mittleren, Person die Aufgabe übertragen, wäre zu erwarten, dass sie mit ihr deshalb überfordert ist, weil sie mit ihren bestehenden Grundüberzeugungen der Komplexität der Aufgabe nicht gerecht werden kann. Würde dies nicht rechtzeitig erkannt, wäre zu erwarten, dass sie mit ihrer starken rot-blauen Wertebewusstheit versuchen würde, die Aufgabe anzugehen. Als Folge davon könnte sich über kurz oder lang ein kritisches Feedback ergeben, insbesondere von Personen, die über eine grüne oder darüber hinausreichende Wertebewusstheit verfügen. Der mittleren Person stünde nun zwar der Weg offen, die Werte zu entwickeln, sich also mit der Komplexität der Aufgabenstellung zu befassen und ‚ihr Mindset‘ entsprechend weiter auszurichten. Wird eine solche Entwicklung aber zum Beispiel aus Zeitdruck heraus erschwert und steht die Person dadurch bedingt unter Stress, darf die positive Aussicht auf eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung als eher erschwert eingeschätzt werden. Aus präventiver Sicht wäre es hier erfreulich, hätte die Person ihr Wertesystem rechtzeitig einmal analysiert, um sich darüber die Option zu bewahren, die sie potenziell belastende Aufgabe wertebewusst abzulehnen.

Wieder anders sieht es bei der Person links aus. Hier zeigt sich ein recht heterogenes Wertebild mit deutlichen Hinweisen auch auf eine gelbe und türkisfarbene Werte-Bewusstheit. Mit dieser Person müsste womöglich darüber gesprochen werden, wann sie die Übernahme der Aufgabe gegebenfalls langweilen könnte, da die Verwirklichung gelber und türkiser Werte bei dieser Aufgabe weniger in Aussicht steht.

Eigentlich ist Leben einfach – 3

Das genetische Substrat ist individuell einzigartig, aber nicht nur das. Für das Wertesystem eines Menschen gilt dies ebenso, wir können es metaphorisch als das noetische Substrat des Menschen verstehen – also als die geistig-seelische Grundlage, die sein Denken, Handeln und Erleben trägt. Viktor Frankl nennt die Werte einer Person ‚Sinn-Universalien‘, womit er zum Ausdruck bringt, dass jeder Mensch als Träger von Geist, Freiheit, Verantwortung und Würde auf Sinn ausgerichtet ist und den in jeder Situation gegebenen Sinn finden muss. Dabei wiederum unterstützt ihn sein individuelles und einzigartiges Wertesystem.

Aus Genetik und Noetik ergeben sich – hier beispielhaft dargestellt – drei in ihrer Lebenswelt agierende Personen, jeweils angesehen als ein absolutes Novum, als nie zuvor dagewesene und nie wieder in selber Form wiederkehrende Wesen.


                   stehen 

Stellen wir uns nun vor, diese drei Personen seien Kollegen, Freunde, Familienmitglieder oder durch andere Kontexte verbundene Menschen. Alle drei stehen gemeinsam vor einer belastenden Situation – es beginnt ein Kommunikationsprozess über Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungsoptionen. Alle drei wollen die Belastung durch die Situation mindern, jeder meint es auf seine Weise gut. Was nun, wenn sich trotz guter Absichten kein Ausweg findet? Wenn die Drei sich im „Ja, aber“ erschöpfen? Nicht selten wird der weitere Prozess dann über einen Machteinfluss [als Kompetenz, Geld, Status, Hierarchie …] gesteuert: ‚Ober sticht Unter‘; ‚Wer am lautesten spricht‘, ‚Wer zahlt, hat`s Sagen‘ … – wir kennen das. Wer von den Dreien wird ‚das Rennen‘ machen, die ‚finale Entscheidung‘ treffen, sich ‚durchsetzen‘ …? Wer wird wen damit womöglich ‚ab-werten‘?

Nehmen wir weiter an, die Situation ist nicht nur problematisch und belastend, sondern sogar eine zeitkritische Krisen. Hier einen langen Prozess der Konsensbildung in Kauf zu nehmen, wird sich kaum anbieten – ein (auch nicht immer) ‚billiges‘ Beispiel dafür ist die Frage, wer einen Elfmeter schießt, wenn es darum geht, die Meisterschale zu holen oder den Abstieg zu verhindern. Wer hier darauf trainiert ist, eben in diesem Moment die Nerven zu bewahren, das Getöse des Umfelds zu überhören und um seine Resilienz zu wissen, sollte die Aufgabe nicht zum gewünschten Ergebnis führen, der schnappt sich hoffentlich den Ball – oder soll er erst den Trainer, den Kapitän, das Publikum oder einen Telefon-Joker befragen?

Schauen wir genauer hin, dann finden sich in solchen Situationen auf der ‚Oberfläche‘ allerlei Kriterien, die Hinweise darauf geben können, warum Person X sich einer Krisensituation beherzt und mit Köpfchen annimmt: körperliche Fitness und psychische Belastbarkeit, stabiles persönliches Umfeld, ein bereits gut gefülltes Erfolgskonto, Qualifizierungen und manches mehr.

Schaut man tiefer, dann landet man letztlich im persönlichen Wertesystem – dem System, das sich ab der Kindheit immer weiter entwickelt und bis ins hohe Alter weiter entwickeln kann. Ein System, in dem elterliche Projektionen ebenso zu Hause sind wie selbständig beantwortete Lebensfragen. Je gereifter die Person ihre Selbst-Erfahrungen mit Selbst-Denken und Selbst-Fühlen vollzogen hat, je selbst-sicherer und selbst-vertrauensvoll kann sie sich den gegebenen Aufgaben stellen. Vielleicht bietet sich für ein solches ‚Gesamtpaket‘ vollzogener Reifung der Begriff ‚Selbst-Bewusstsein‘ an, ein Bewusstsein, das mit fortschreitender Entwicklung im Hier und Jetzt zu einer ‚Selbst-Bewusstheit‘ führt, mit der sich eine Person darüber bewusst ist, dass es an ihr ist, in der konkreten Situation und genau jetzt Stellung zu beziehen.

Selbst-Bewusstheit können wir aus dieser Perspektive verstehen als ‚auf den Punkt der Gegenwart‘ zusammengebundener, kondensierter Prozess der Bewusstseinsentwicklung. Wer sich diesen Prozess bewusst gemacht hat und durch ihn seiner Werte bewusst ist, der hat Selbst-Erkenntnis aufgebaut und kann damit entlang seines individuellen, selbstentwickelten Wertesystems ’selbst-verantwortlich‘ entscheiden und handeln.

Schauen wir in einem nächsten Schritt dazu einmal genauer auf dieses besondere System.