Kategorie-Archiv: Werte

Die Forschungsgrenzen eines Momentes

Seit 25 Jahren arbeite ich als Coach, seit 19 Jahren leite ich zudem eine psychotherapeutische Praxis. In diesen Jahren kam es immer wieder zu Situationen, in denen mir Klienten über ihre Gedanken zum Tod berichteten. Eine Geschäftsführer berichtete über den Suizid des Sohnes eines seiner leitenden Mitarbeiter, über dessen Kummer und die Auswirkungen auf die Familie, das private und berufliche Umfeld. Ein anderer berichtete über seine eigene unheilbare Krebserkrankung und das Kartenhaus, das wie vom Blitz getroffen dabei sei einzustürzen. Eine andere Person beschäftigte die Frage, wie denn die Diagnose einer recht seltenen Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung von ihm seiner siebenjährigen Tochter vermittelt werden könne. Der Tod von Freunden, Angehörigen, Eltern, der eigene Tod oder der des Lebenspartners – die bisherige Bandbreite war groß und es wunderte mich aufgrund meines thematischen Schwerpunktes ‚Krise‘ nicht, dass oftmals die Frage in den Raum gestellt wurde, welchen Sinn das eigene Leben wohl hatte oder welchen es noch haben könne, wenn doch ein geliebter Mensch bald nicht mehr da sei. Gerade dann, wenn die letzten Seiten des Lebensbuches aufgeschlagen werden, wollen viele Menschen darüber sprechen, was es für sie heißt, da gewesen zu sein und was es heißt, wenn sie aus der Sichtbarkeit heraustreten und für die Menschen, die ihnen nah waren, in den Raum der Erinnerung wechseln.

Wenn ich an die Zeit zurückdenke, in denen Psychologie auf meinem Lehr- und Lernplan stand, fand sich dort ein Thema nicht: der Tod. Vielmehr wurde gefragt, wie Menschen wahrnehmen, wie sie empfinden, wie sie fühlen, sich verhalten, sich motivieren oder handeln. Blickt man in die junge Geschichte der Psychologie und Psychotherapie zurück, dann waren das die Kernthemen, später dann natürlich flankiert durch Statistik, Diagnostik und dann bis heute durch die Erkenntnisse der Neurowissenschaften. Die Thanatopsychologie, die sich mit Erleben und Verhalten des Menschen vor dem Hintergrund seines Wissens um die Sterblichkeit befasst, gehört zu den sehr jungen Ablegern der psychologischen Wissenschaft.

Wie tickt der Mensch im Kontext von Sterben, Tod und existenziellen Fragen wie der nach dem Sinn des gelebten Lebens? Dass mit Viktor Frankl eine Schule der Psychotherapie eröffnet wurde, in der Fragen integral verhandelt werden, die früher entweder in der Psychologie, der Theologie oder der Philosophie ihren Platz fanden, macht die Komplexität deutlich, der sich Menschen gegenüber gestellt sehen, wenn sie sich berührt fühlen von offenen Fragen, deren Bearbeitung kaum mehr von einer Einzelwissenschaft geleistet werden kann. Aber ist eine ‚Universalwissenschaft Psychologie‘ die passende Antwort darauf?

Wenn irgendetwas in der Welt geschehen ist, wo es so richtig menschelte, dann fragt man die Psychologie. Was geht nur in Menschen vor, die …? Wie können diese Leute bloß …? Was kann man gegen Typen wie diese nur unternehmen, dass …? Und wenn etwas ‚in mir‘ geschehen ist, dann liegt die Analogie auf der Hand. Da, wo Mensch drin ist, da ist auch Psyche drin. Und wenn das so ist, dann sollte die Psychologie für jedes dieser psychischen Prozesse und Phänomene auch Antworten parat haben. Wie motivieren sich Menschen, und wie ich mich? Wie finden Menschen Sinn, und wie ich? Wie empfinden Menschen Glück, und warum ich nicht? Wie sterben Menschen, und wie wohl ich?

Wird Wissenschaft so gefragt, dann geht sie auf die Suche, sie forscht. Je nach wissenschaftlichem Hintergrund haben Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten von Wissenschaftlern gelernt, was von diesen zuvor erforscht wurde. Und da ‚Mensch‘ in der Psychologie in den unterschiedlichsten Facetten seines Seins erforscht wurde, hat jede Schule ihre Schüler hervorgebracht, die am verlängerten Arm der Forschung Menschen einen Ausschnitt von Allem zur Erklärung ihrer subjektiven Anliegen anbieten. So kann man sich leicht vorstellen, dass man bei einer spezifischen Frage, zum Beispiel der nach der Sinnfindung, aus den verschiedenen Forschungsrichtungen auch verschiedene Antworten erhält. Das macht es nicht gerade leichter.

Und schon hat man ein Problem. Gehen Sie in eine Buchhandlung und schauen Sie nach seriösen, also wissenschaftlich fundierten Büchern zu einer für Sie existenziellen Fragestellung. Sie werden fündig werden, das ist klar. Aber werden Sie Antworten erhalten auf Fragen wie: Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung eines Sinnimpulses? Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung eines Zufalls? Was genau geschieht im Moment des Fühlens von Glück? Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung einer Fügung? Was genau im Moment der Wahrnehmung des Todes? …

Noch müssen wir attestieren: Nie hatten Menschen so viel Wissen wie heute. Nie standen ihnen so viele Tools und Methoden zur Selbsterkenntnis und -reflexion zur Verfügung. Wir greifen zurück auf Sinnforschung, Glücksforschung, Sterbeforschung … und doch haben weder KI noch wir auf die Frage, was genau in einem existenziellen Moment geschieht, die Antworten. Mehr noch, trotz aller dieser Forschungen ist kaum eine Generation so sinnsuchend, unglücklich, sterbeängstlich wie die unsere – so man der Forschung dazu glaubt (sic!)

Vor diesem Hintergrund ist Vorsicht geboten, will man der Psychologie alleine Antworten auf existenzielle Fragen abringen. Und es ist nachvollziehbar, dass Menschen – eingedenk der Leerstellen der Forschung – dann andere Dinge tun in der Hoffung, dadurch auf Antworten für sich zu treffen. Die Gründe sind vielfältig, warum immer mehr Menschen – zumindest in unserem Kulturkreis – die Antwortsuche nicht mehr mit dem Begriff des liturgischen Gebetes in Verbindung bringen.

Eine integralere Anmerkung dazu: kann ein Gebet in vMeme Beige noch als Stoßgebet im Kontext einer Überlebenskrise verstanden werden, erfahren Dialoge mit dem, was ‚Mensch‘ als seine tiefste innere Instanz versteht, auf anderen Ebenen der Bewusstheit eine völlig andere Qualität. Ich nenne – als Angebot – die ‚Gebete‘ im vMeme purpur Beschwörungsgebet, in rot Anspruchsgebet, in blau  Pflichtgebet, in orange Zweckgebet, in grün Sozialgebet.
.

Beige: Hilf mir, damit ich überlebe.
Purpur: Halte das Böse fern, und sei uns gnädig.
Rot: Hilf mir, damit ich stark bin.
Blau: Dein Wille geschehe und bitte, vergebe uns.
Orange: Hilf mir, mein Ziel zu erreichen.
Grün: Lass uns verstehen und heile, was verletzt ist.

Anstelle von Gebets-Dialogen begann mit den 1970er-Jahren zunehmend die Meditation für viele Menschen attraktiv zu werden. Einen innerpsychischen Zustand tiefer Entspannung zu bewirken, war im Getöse der Zeit von damals eine Art Heilsversprechen, das man meinte, sich selbst geben zu können. Dieses Versprechen reicht bis heute, auch, wenn mit der Angebotswelt der Achtsamkeitslehren immer weitere Aspekte und Methoden hinzukamen. All diesen Angeboten gemein ist, dass es dabei für den Menschen stets um seinen psychophysischen Zustand und dessen Verbesserung geht. Was dabei jedoch schlicht fehlt, ist ein Gegenstand außerhalb seiner selbst, auf den er sich transzendierend beziehen könnte.

Viktor Frankl sinngemäß dazu: Die eigentliche Frage sollte nicht lauten „Was ist gut für mich?“, denn diese Frage stellen Menschen umso stärker, je unglücklicher sie sind. Die reifere Frage hingegen lautet: „Wofür bin ich gut?“

Weitergedacht ist dieser Perspektivenwechsel eine klare Absage gegen die ich-bezogenen Empfehlungen Positiver Psychologie oder auch gegen Konzepte wie das der Selbstverwirklichung, heute der Selbstoptimierung. Werde ich als Therapeut gefragt, ‚wie kann ich mich am besten selbst verwirklichen‘, und ist meine Antwort nicht als Methodiker gewünscht, sondern als ‚Hoffender auf das Beste‘, dann antworte ich: ‚Verwirklichen Sie bloß nicht all das, was Ihnen selbst möglich ist. Das Ergebnis könnte Sie sonst in Schrecken versetzen. Verwirklichen Sie nur das, was wert ist, von Ihnen verwirklicht zu werden.“ Und ergänzend: ‚Sobald sich die Möglichkeit bietet, dann verwirklichen Sie nur das, was zu einem gegenständlichen Gefühl in Ihnen führt, und nicht nur zu einem Zustandsgefühl. Fühlen Sie ein Gegenstandsgefühl, dann liegt nahe anzunehmen, dass Sie nicht sich selbst verwirklicht, sondern Sinn erfüllt haben.“

Anders gesagt: Menschen verarmen nicht durch das, was sie nicht bekommen, sondern durch das, was sie nicht geben. Wer also möchte, dass sein Bestes existiert, muss es in die Welt bringen (wenn er dies in einem bestimmten Moment tut, so ist auch dieser Moment keiner, der erforscht werden könnte). Und das Beste ist niemals nur ein psychischer Zustand, den ein Mensch fühlt, sondern immer ein Beitrag, mit dem er sich trotz des (positiven oder negativen) Zustands für jemanden oder etwas hingibt.

Ein echt passender Buchtitel

Da verletzt sich ein Mann an einem Messer, infiziert sich mit Streptokokken, bekommt rasant eine lebensgefährliche Sepsis und stellt sich irgendwann die Sinnfrage. Über die er dann in einem Buch schreibt, das schnell zum Spiegel-Bestseller wird. Wie es in vielen Büchern steht, fragt sich auch diese Person, was ist Glück und kommt zum mittlerweile trivialen Schluss: Geld und Macht sind es nicht. Gut, das sehen manche noch anders, aber lass diese Menschen erst mal eine Sepsis haben.

Und – kaum zu glauben – der Autor entfaltet seine Gedanken hin zur waghalsigen Idee, dass es wohl Beziehungen sind, die dem Menschen zum Lebensglück verhelfen. Nun, dass wir soziale Wesen sind und wir alle systemisch miteinander verbunden sind, haben viele schon gelernt und immer mehr begreifen auch, dass es wirklich so ist, dass das Verhalten eines Menschen im brasilianischen Urwald ein wenig dazu beiträgt, wie wir uns in Augsburg verhalten. Und umgekehrt. Und austauschbar, egal wo ein Mensch lebt. Dass das mit dem Begreifen der systemischen Wirklichkeit fraglos noch besser laufen kann, beweist uns jeden Tag die Natur. Sie lässt sich bewahren oder zerstören, nur kann man mit ihr nicht verhandeln oder einen Deal machen. Die Natur führt uns immer und überall in die Entscheidung: so oder so. So verhalten oder so verhalten. Wir können uns lustvoll verhalten, oder machtvoll, oder voll-ständiger, oder sinnvoll. Das haben uns die vier wichtigsten Schulen der Psychotherapie gelehrt, und andere Schulen haben diese Seins-Richtungen weiter aufgefächtert, manchmal auch verschlimmbessert.

Wenn nun der Autor das Lebensglück in ‚Beziehungen‘ wähnt, was bedeutet das dann aus der Perspektive der vier Schulen? Wie bringt man Trieb und Beziehungen, Macht und Beziehungen, Individuation und Beziehungen oder Sinn und Beziehungen zueinander und worum geht es einem Menschen je nach Perspektive?

Ein Klient eines hidden champions aus dem Mittelstand berichtet mir, dass er seine jüngsten Beziehungen über Datingplattformen gefunden hat und dass er dabei immer wieder konkret nachfragt, wie viele Beziehungen die auserkorene Person denn schon hatte. „Schließlich will ich im Bett nicht erst Nachhilfeunterricht geben“. Okay, diese Haltung kann man haben. Im Job beschreibt er sich seines Einflusses durchaus bewusst. „Fehler macht man bei Menschen am Anfang, nicht am Ende“, sagt er und so prüft er jede neue Beziehung auf seine Robustheit und Loyalität. „Wer da durch mein Raster fällt, ist draußen, denn auf dem Markt sind meine Gegner, die mich fordern und da will ich meine Energie nicht mit Inhouse-Gegnern vergeuden.“ Okay, diese Haltung kann man haben. Für seine eigene Erbauung nutzt er regelmäßig Retreats in einem Kloster. „Da baue ich quasi meinen Seelenmüll ab und mein Immunsystem wieder auf. Mit den Brüdern spreche ich gerne, denn in der Beziehung zu ihnen merke ich immer den Zwang, dem sie unterliegen. Sie nennen es Freiwilligkeit. Ich nenne es Unterwerfung. Nach der Zeit im Kloster ist mir klar, dass ich meinen Weg weitergehe.“ Okay, diese Haltung kann man haben. Ich frage den Klienten, worin das besteht, was ihn am meisten erfreut. „Wenn ich weltweit unterwegs bin und sehe, dass unsere Produkte hoch wirksam und auch unter extremen Bedingungen in der Lage sind, äußerst sensible technische Geräte nach ihrer Nutzung schnell wieder keimfrei zu machen und dadurch zum Wohl gefährdeter Menschen und Ressourcen lange im Einsatz bleiben können, dann erfreut mich das jedes Mal. Das ist das, worum es mir geht.“ Okay, diese Haltung kann man haben.

Würde mit dieser Person (keine Kinder, Vater in Südamerika lebend, viele Freunde, Liebhaber alter französischer Autos, Kenner des Portweins …) weitergesprochen, dann fänden wir wohl weitere Beziehungen in unterschiedlichster Bedeutung.

  • „Fühlen Sie sich glücklich?“ „Glück ist keine Kategorie für mich.“
  • „Was dann?“ „Ein Container-Begriff, nicht mehr.“
  • „Wenn es ein Begriff ist, der für Menschen etwas positiv Erreichtes bedeutet. Was wäre dann der für Sie passende?“ „Lebendigkeit.“
  • „Gibt es etwas aus Ihrer Erzählung, das dem, was für Sie ‚Lebendigkeit‘ bedeutet, am ehesten entspricht?“ „Nein, alles, was ich beschrieben habe ist Teil meiner Lebendigkeit. Das fühlt sich insgesamt gut an.“
  • „Gibt es einen Unterschied zwischen der Lebendigkeit und der Freude?“ „Die ist für mich sowas wie ein seltenes Sahnehäubchen, wenn ich sehe, welchen Beitrag ich eingebracht habe. Die Lebendigkeit ist quasi der notwendige Grundton und die Freude entsteht für mich in den seltenen Momenten der Resonanz.“
  • Gibt es Menschen, die eine Lebensfreude in Ihnen so auslösen wie die Situationen, die Sie beschrieben haben, wenn Sie in der Welt Ihre Beiträge sehen? „Nein. Ich werde von vielen Menschen verstanden, und das reicht mir. Ich kenne viele, die sich nicht verstanden fühlen und sich daraus ein Problem machen, das sie nicht lösen können und dann von Unglücklichsein sprechen.“

Halten wir das Gespräch, das im Rahmen eines Coachings zur Krisenprävention geführt wurde, hier einmal an und kommen zurück zum Bestseller-Buch, in dem von ‚Beziehungen sind die Basis von Glück‘ gesprochen wird. Ich möchte meinen, dass hier eine Person einen Lebensentwurf beschreibt, der dazu aufrufen kann, genauer zu schauen, was für einen selbst das ist, was man aus einer Beziehung ‚be-zieht‘. Nutzen wir hierzu aus dem integralen Kontext der bereits in der KrisenPraxis beschriebenen vMeme von Graves die Hinweise zu den unterschiedlichen Ebenen der Bewusstheit, dann können wir in den Ausführungen des Klienten situativ das Thema ‚Beziehung‘ einmal mit dem Ich-vMeme Rot (Stärke, Dominanz, Abgrenzung, Macht) in Verbindung bringen. Dann aber auch in den Kontext des Übergangs von Rot zu Blau, wenn es darum geht, dass der Klient entscheidet, wann sich wie eine Person sich ihm gegenüber loyal verhält. Die Gespräche wiederum, die er mit seinen Sparringspartnern im Kloster führt, scheinen Hinweise zu geben auf ein Ich-vMeme Orange, das sich deutlich von einer ‚Unterwerfung‘ (Wir-vMeme Blau: Regelsysteme und Glaubensordnung) abheben will, das er im Lebensmodell seiner Gesprächspartner entdeckt. Im Wir-vMeme Grün schließlich findet der Klient in der Beziehung zur Wirkung seiner Beiträge eine Resonanz, die ihn erfreut. Mit seinem vMeme Orange wird diese Resonanz utilisiert, im Sinne eines ‚es ist gut, dass ich einen Beitrag leiste (Orange), der zum Wohl eines größeren Ganzen (Grün) führen kann‘.

Meine Hypothese lautet hier: Angesichts eines Impulses, den der Klient irgendwann irgendwo erreichte und ihn dazu aufrief, etwas in die Welt zu schaffen, das als Gegenentwurf für ein bestehendes Problem dienen könnte, hat er gehandelt. Dabei wurde das bestehende Problem für den Klienten zu einem Gegenstand, auf den er sich seither bezieht – mit seinen Kompetenzen und mittels Verwirklichung seiner Werte. Die Beziehung zu diesem Gegenstand aufrechtzuerhalten, diese Beziehung zu gestalten, etwas für sie zu tun, erfüllt den Klienten mit dem Gefühl von Resonanz, die ihn erfreut.

Jetzt frage ich Sie, die Leserin, den Leser dieses kurzen Beitrags: Hatten Sie Vorurteile bezüglich des Klienten als Sie seine ersten Ausführungen zum Thema ‚Beziehungen‘ lasen? Hatten Sie ein Vorurteil hinsichtlich seiner Haltung zum Thema ‚Glück‘? War er Ihnen sympathisch – grundsätzlich ja oder nein? Oder wenn Sie ahnen, wie er seinen Trieb auszuleben versucht, oder seine Macht, oder seine Suche nach voll-ständigerer Entwicklung? Oder, wenn es für ihn um eine Sinnerfüllung ging?

Übrigens: Der Buchtitel lautet ‚Jetzt gerade ist alles gut‘.
Ich will meinen: Wie passend, denn es geht wirklich darum, auf das ‚jetzt gerade‘ zu schauen.

Integraler betrachtet: Ein Mensch, der Beziehung (jetzt gerade) aus einem vMeme Grün heraus gestaltet, setzt ein völlig anderes Bewusstheits-Schema ein als jemand, der das Thema Beziehung (jetzt gerade) mit einem Schema entlang eines vMeme Purpur, Rot, Blau … gestaltet.
(Und – kleine Übung – nehmen Sie statt des Begriffs Beziehung einen konkreteren Stellvertreter wie beispielsweise Unterhaltung mit A …, Sex mit B …, Freundschaft mit C …, Ehe mit D, Nachbarschaft mit E …, Projekt X, Projekt Y, Vater, Mutter, Kind, Gott, Haustier … also einen Begriff, der eine emotionale, kognitive und-oder soziale Beziehung mit oder zu Jemandem oder Etwas beschreibt, dann können Sie überlegen, welches vMeme die Grundlage Ihres Verhaltens und Ihrer Handlungen in jedem dieser Kontexte ist, und zwar so als wären Sie ‚jetzt gerade‘ in der jeweiligen Be-ziehung.)

Beziehungen an sich und für mich, so mein Resümee, sind niemals die Basis möglichen Lebensglücks.
Beziehungen, die für jemanden oder für etwas gestaltet werden, um Resonanz zu ermöglichen, schon.

Das Bojenmodell

Das Bojen-Modell habe ich entwickelt, um das Zusammenspiel zwischen Werten und sichtbarem Verhalten zu visualisieren. Stellen Sie sich dazu eine Boje vor, die auf dem Meerwasser treibt. Sie symbolisiert Ihr für andere Menschen beobachtbares Verhalten, Ihre Handlungen und Ihr Kommunikationsverhalten.

Ihr Verhalten wird durch bewusste und unbewusste Motive gesteuert, im Bild symbolisiert durch einen nur teilweise sichtbaren Schwimmer, der die Boje aufrecht und beweglich hält.

Die Boje wird ihrerseits gehalten von einem Seil – es steht als Symbol für Ihre Haltungen und Einstellungen. Ohne dieses Halteseil würde die Boje je nach Wetterlage mal hier mal dort herumirren und ihre Funktion verlieren.

Befestigt ist das Seil an einem Gewicht, das im Meeresboden verankert ist. Dieses Gewicht steht für Ihr Wertesystem, dem Teil Ihres Selbst, mit dem Sie sich – sofern reflektiert – Ihr Verhalten quasi selbstverständlich machen können.

Die Boje bewegt sich – je nach Strömung und Wind. So wie auch Ihr Verhalten sich situativ ändern kann, abhängig davon, wie Sie auf Ihre Umwelt reagieren. Gerät das Halteseil unter starke Spannung, so zeigt sich dies über Wasser als Stressverhalten, unter Wasser wird das Gewicht des Wertesystems stark beansprucht – womöglich stehen Sie in einem Wertekonflikt mit einer anderen Person oder Sie passen sich mit einem Verhalten an Ihre Umwelt an, obwohl dies nicht mit Ihren persönlichen Werten im Einklang steht.

Für eine gewisse Zeit hält das Seil dieser Spannung stand. Doch mit zunehmender Belastung beginnt es zu reißen – zuerst einzelne Fasern, dann womöglich ganz. In einer solchen Situation gerät eine Person in eine Haltlosigkeit. Der Kontakt zum Fundament geht verloren, die Folge kann eine Lebens- oder Sinnkrise sein. Damit es nicht so weit kommt, ist es wesentlich, dass sich ein Mensch seiner eigenen Werte bewusst wird. Wer weiß, was ihn im Inneren zusammenhält, bleibt  psychisch stabil und kann Werte in einem sinnvollen Kontext verwirklichen.

Haben Sie eigentlich Ihren Sinn im Leben gefunden? – Teil 3

Spoiler: Jetzt wirds philosophisch, und ein wohltuendes Begleitgetränk könnte die Lesung erleichtern.

Die originäre Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor Frankl versteht sich als sinnzentrierte Psychologie mit weitreichenden Implikationen für das menschliche Zusammenleben. Dennoch bleibt sie aus meiner Sicht in einer zentralen gesellschaftstheoretischen Frage erstaunlich unbestimmt. Woher genau kommt der Sinn, den ein Mensch findet?

Ich habe in der KrisenPraxis das der Sinntheorie zugrundeliegende Gedankengut von Viktor Frankl vielfach vorgestellt:

• Sinn ist für jeden Menschen jederzeit gegeben.
• Er muss gefunden werden und kann nicht vom Menschen selbst gemacht werden.
• Sinn kann selbst unter widrigsten Lebenssituationen entdeckt werden.
• Jeder Mensch ist durchdrungen von einem Willen zum Sinn.
• Sinn ist der Grund zum Glücklichsein.
• Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.
• Sinn ist der Wächter der Qualität unseres Handelns.

Aus all dem können wir ableiten,

• dass jeder Mensch ein Sinnbedürfnis hat,
• dass es jederzeit einen Sinn für einen Menschen gibt, der dieses Bedürfnis befriedigen kann,
• dass Sinn zu finden etwas mit einer bestimmten Form des Handelns zu tun hat,
• dass die Befriedigung des Sinnbedürfnisses durch Verwirklichung des Sinnvollen zum Glück führt

Aber: Das alles mit einer wesentlichen Einschränkung: Der Mensch kann sich Sinn nicht machen. Und Frankl macht das auch hier klar: „Der Mensch ist nicht da, um sich selbst zu beobachten und sich selbst zu bespiegeln; sondern er ist da, um sich auszuliefern, sich preiszugeben, erkennend und liebend sich hinzugeben.“ Viktor E. Frankl in: „Logotherapie und Existenzanalyse“

Wenn Sinn sich also nicht irgendwo im Menschen befindet, nicht in seinen Gedanken, seinen Gefühlen, seinen Empfindungen – dann muss sich Sinn außerhalb von ihm, seinem Körper und seiner Psyche finden lassen. Also in der Welt.

Was aber ist die Welt des Menschen? Fragen Sie sich, fragen Sie Ihren Partner, alle anderen, die Sie kennen, so werden Sie erkennen – die eine Welt gibt es nicht. So wenig wie die eine Gesellschaft. So wenig wie das eine Team oder Kollegium, die eine Familie … Ich will meinen: All das ist immer ‚nur‘ die meinige Welt. Und in ihr finde ich den ‚nur‘ meinigen Sinn. Der Möglichkeitsraum der Sinnfindung wechselt darum von Mensch zu Mensch, von Situation zu Situation, von Zeitpunkt zu Zeitpunkt.

Aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist eine solche Aussage bitter. Sie führt zu Ende gedacht zu einer Art akademischer Stagnation, will Wissenschaft doch empirisch nachweisen helfen, wie Menschen Sinn finden, wenn – wie Frankls Zitat es zum Ausdruck bringt – sie sich individuell ausliefern (an wen oder was), sich preisgeben (wofür), erkennend und liebend sich hingeben (wem oder was).

Wie sich Menschen Sinn machen, ja, darüber gibt es ‚tons of studies‘. Viele dieser Sinnmachenforschungsergebnisse muten langweilig und trivial an. Aber warum sollte ein Mensch eigentlich Sinn finden wollen? Aus einem rein psychischen Bedürfnis heraus? Wenn wir Wollen verstehen als Basis jedes menschlichen Daseins und Miteinanderseins, dann sehen wir, dass dem Wollen ein Angesprochenwerden vorausgeht. Etwas spricht mich an, und es spricht mich an. Oder eben nicht. Zu dieser Wahl bezieht die Person Stellung. Wollen wird so zu einer Form der Stellungnahme zu etwas die Person Ansprechendem, sei es ein Mensch, eine Aufgabe, ein Ding, eine Stadt, eine Kultur … – das Wollen wird dabei konkretisiert. Das Wollen des Ich ist Begehren, Besitzen, ein Befassen mit, … und Wollen bedeutet somit, dass nicht ein Ich anfing zu wollen, sondern dass mit dem Ich etwas angefangen wurde. Ich wird zu einem Ich, das angesprochen ist, das in Anspruch genommen wird zur Stellungnahme.

Führen wir diese Argumentation weiter, dann wird auch Sinn zu einer Form des Ansprechenden, das der Person wiederum ein Wollen in Form einer Stellungnahme ermöglicht. So wie das Ich aber die Sinnesorgane verschließen kann vor dem, was es anspricht, so kann das Ich auch sein Sinnorgan [in Frankls Sinnlehre ist dies das Gewissen] verschließen. Mit beiden verschließt das Ich den Zugang für das es Ansprechende. Das Ich will somit nicht das Wollen und verlässt damit die Basis des menschlichen Daseins. Die Phänomene, die ein Ich zeigt, das nicht mehr das Wollen will, sind der Psychologie bekannt. Was aber kann ein solches Ich wieder derart ansprechen, dass es das Nicht-Wollen nicht mehr will?

Dieses ‚was‘ ist Sinn. Vermag Sinn zur Öffnung des Ich hin zur Welt beizutragen, damit das Ich wieder ansprechbar für das Wollen einer Stellungnahme wird, so bewertet das bislang nicht wollende Ich die Welt neu. Damit das Ich diese Bewertung vornehmen kann, muss es um seine Werte wissen, die es zur Bewertung heranzieht. Das Ich mit dem Wertgefühl, das von der Welt Angesprochene zu sein und mit diesem Gefühl eine Stellung einnehmen zu wollen, will sich mit bewussten Werten der Welt öffnen. Wertebewusstheit und Weltoffenheit geben damit das Maß vor, mit dem ein Ich für Sinn ansprechbar wird, in welchem Maße das Ich um einen Willen zum Sinn verfügt.

Sinn kann ein wollendes Ich nur ansprechen, weil es im Dasein dieses Ichs nur um dieses Dasein selbst geht. Verstehen wir Dasein als Seinkönnen auf jemand oder etwas hin (und dieses jemand oder etwas ist nicht das Ich oder ein Teil des Ich), dann können wir Dasein als Stellungnahme ansehen, als ein Verwiesensein auf Andere und Anderes, in dem sich das Dasein verwirklicht. Dieses Dasein ist kein Zwang, der Mensch hat nicht ein Dasein, er ist Dasein und in seinem Dasein ist er frei und verantwortlich für seine Existenz. Dieses Existere zu wollen, öffnet die Türe, durch die Sinn das Ich ansprechen kann. Sein Dasein kann ein Ich nicht nicht vollziehen. Für das Wie seines Daseins jedoch, seine Existenz, ist das Ich frei und verantwortlich. Das Ich kann somit wählen, so oder so, und mit jeder Wahl nimmt das Ich weitere Gestalt an. Aber: Das Ich kann nicht alles wählen, was es will. Es kann über sich hinauswachsen, ja, aber Gewolltes muss bei seiner Wahl auch erreichbar sein. Ein Sinnimpuls als objektive Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit trifft auf das subjektive bereits gegenwärtig gegebene oder das subjektiv durch persönliche Entwicklung erwartete zukünftige Können. So gedacht, ermöglicht erst objektiver Sinn (geistig) eine Transformation in einen subjektiven Sinn (mental). Ohne ihn macht sich das Ich einen Sinn selbst, wobei sich das Dasein jedoch verfehlt, da es nicht mehr ein Seinkönnen auf jemand oder etwas hin, sondern ‚lediglich‘ ein egobezügliches Sein wird.

Soll objektiver Sinn in einen Teil des Lebensentwurfs integriert werden, darf der Bezug zur Welt nicht verengt sein. Weltoffenheit ist der Begriff, der zum Ausdruck bringt, dass eine Person sich nicht alles von ihrem Selbst gefallen lässt, mithin sich nicht von ihrem Selbst dominieren lässt, insbesondere von dem, was wie ‚selbst-verständlich‘ dem Ich vorgaukelt, dass es gut sei, sich nur mit dem zu befassen, was auf die Person selbst gerichtet ist. Das Fatale der Selbstbezüglichkeit besteht darin, dass das Selbst zu Verhalten und Handlungen verleiten kann, die letztlich sogar das Selbst schädigen können. Die Folgen können sein ein verletztes Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl usw. – die Person kennt sich in ihrem Selbst nicht mehr aus und zeigt sich in einer Weise, die soweit reichen kann, dass sie nicht nur nicht das Gute tut, sondern sogar das Schlechte, von dem sie weiß, dass sie es nicht will. Wider besseren Wissens und Gewissens nicht zu dem zu werden, der man werden könnte – auch das ist Teil beobachtbaren menschlichen Lebens.

Die Logotherapie setze ich dafür ein, für Menschen einen Beitrag zu leisten, damit sie sich nicht verfehlen, indem sie sich öffnen für ihre Welt, in der sie frei und verantwortlich ihr ‚Seinkönnen‘ zeigen. Diese Welt ist gesellschaftlich konstituiert, diese Welt hält die Impulse für eine Person bereit, die ihr als Möglichkeiten zur Sinnverwirklichung erscheinen. Von nichts kommt nichts – so auch nicht Sinnimpulse. Gefundener Sinn einer Person verweist auf die Sinngebung durch die Lebenswelt. Diese Sinngebung der Welt ist endlos, so endlos wie die grundsätzliche Fähigkeit der Person, sich auf Sinn zu transzendieren. Dass dieser Fähigkeit zuwellen die menschliche Psyche im Wege steht, wurde in der KrisenPraxis bereits an vielen Stellen thematisiert. Dass es wichtig ist, dass eine Person lernt, sich den Spielen ihrer Psyche zu entziehen, wenn diese versucht, die Oberhand über die Lebensführung zu gewinnen, wurde unter dem Stichwort Selbstdistanzierung ebenfalls mehrfach beleuchtet.

Exkurs aus Integraler Perspektive [ich habe dazu unter den Stichworten Graves, vMeme … bereits einiges geschrieben]: Im wissenschaftlich-empirischen Verständnis eines vMeme orange legt die psychologische Forschung seit Jahren in zunehmenden Maße Studien vor, die die Wirksamkeit logotherapeutischer Interventionen beschreiben. Fraglos können diese Bemühungen rund um die empirische Evidenz weiter gesteigert werden, jedoch bleiben einige, vielleicht sogar die interessantesten Themen aus meiner Sicht unerforschbar. Dazu gehört die Messung des konkreten Momentes der Sinnfindung einer Person. Was wann wie genau geschieht, wenn Sinn wahrgenommen wird und sich eine Person auf diesen Sinn hin transzendiert – es bleibt wohl ein Phänomen, das sich einer strengen empirischen Analyse entzieht.

Nicht so aus einer transpersonalen Perspektive eines vMeme Gelb, in dem eher die systemischen Wirkungen sinnzentrierten Verhaltens und Handelns im Fokus stehen. Oder in dem der Unterschied zwischen selbstgemachtem Sinn versus wahrgenommener Sinnimpulse in Augenschein genommen wird – ein Aspekt, der sich über die Differenzierung von Werten in wesentliche Werte einerseits und wichtige Werte andererseits operationalisieren lässt (auch über diesen Unterschied finden sich in der KrisenPraxis bereits einige Beiträge).

Wenn ich davon schreibe, dass die sinngebenden Impulse für einen Menschen immer Impulse aus der Welt der Person sind, so ist diese Welt nicht als abstraktes Universelles zu verstehen, sondern in meiner Anschauung vielmehr diejenige Lebenswelt der Person, die ihr hic et nunc die Gelegenheit einer potenzia in actu ermöglicht – die höchste Möglichkeit, wenn nicht jetzt, wann dann, wenn nicht von der Person, von dem sonst, das Potenzial der Person für ihre Welt auszuschöpfen, sei es dank gegebener Liebes-, Arbeits- oder Leidensfähigkeit der Person.

Die Lebenswelt der Person mit ihren historischen, sozialen, wissenschaftlichen, politischen, kulturellen, räumlichen, zeitlichen, spirituellen u.a. Kontexten stellen bildlich gesprochen das Meer der Möglichkeiten dar, in dem die Person – so sie sich diesem Meer öffnet – den Sinn-Fisch angelt, den sie dank ihrer Potenziale transformiert – beispielsweise in Richtiges, Gutes oder Schönes.

Diese Transformation findet dabei nicht in einem luftleeren Raum statt. Vielmehr ist sie stets eingebunden in die Gegebenheiten der Lebenswelt, die ihrerseits den von einer Person verwirklichten Sinn integriert. Findet diese Integration nicht statt, dann kann die Person dies empfinden als Desinteresse seiner Welt an seiner Sinnverwirklichung. Platt und im vMeme Orange ausgedrückt: Dann kauft die Welt der Person nicht ab, was aus Sicht der Person für ebendiese Welt sinnvoll wäre (vielleicht greifen Sie das Gedankenspiel auf, und nehmen dazu alternativ die Bewusstheit der anderen vMeme ein) – Ende des Diskurses.

Die Lebenswelt der Person tritt ihr stets als objektiv gegeben entgegen. In ihrer Objektivität liegt die Grundlage der Objektivität dessen, was sie an Sinn für jeden Menschen bereit hält. Ob und was eine Person aus diesem Angebot wahrnimmt und zu ihrem eigenen subjektiven Sinn macht, steht in ihrer Freiheit und Verantwortung – für sich und für alle, die die Folgen der (Nicht-)Verwirklichung objektiven Sinns erleben.

Die Transformation zu subjektivem Sinn ist nicht per se lebensdienlich, schließlich steht zwischen objektivem Sinn und subjektiv sinnvollem Handeln das individuell konstruierende Gehirn mit seinen Funktionen des Empfindens, Fühlens, Denkens und Handelns. Jede dieser Funktionen ist in der Lage, objektiven Sinn derart zu blockieren oder zu dysfunktionalisieren, dass ersichtlich wird, welche negative Energie die menschliche Psyche in die Welt setzen kann, will sie ihrer destruktiven Seite Raum schenken. Dass jedoch das gesunde Geistige des in Allem eingebundenen kollektiven Individuums das potenziell zerstörerische Psychische einzelner Individuen übersteigt, wird durch etwas sehr Alltägliches angezeigt, was die italienische Künstlerin Milva in einem Lied zum Ausdruck brachte: Hurra, wir leben noch.

Grundidee der Individuellen Krisenprävention

„Wie geht’s?“ „Danke, alles gut, wie immer.“ Bei vielen Menschen läuft der Alltag in festen Bahnen, routiniert, zuweilen eintönig, irgendwie eben ‚wie immer‘. Wird das beschauliche Dasein aber durch die vier großen K, Konflikt, Krankheit, Krise, Katastrophe durcheinandergebracht, dann fühlt sich die erforderliche Anpassung an wie eine Lebensprüfung, von der man weiß, nicht genug für sie zuvor gelernt zu haben. Die Folge: Stress bis zum Abwinken. Und ist die ‚Dekompensationsgrenze‘ überschritten, auf Deutsch: ist das Maß des Erträglichen voll, dann wird einem Menschen meist erst dann bewusst, dass der schwelende Konflikt, der Schmerz, der Selbstzweifel, die Not nicht mehr alleine bewältigt werden kann.

Vielleicht sind es auch äußere Bedingungen, die das Leben belasten, sei es die Unsicherheit bei der Rente, rechte Gewalt, der Krieg in Europa oder andere gesellschaftliche Ereignisse. Manches davon kann so sehr unsicher machen, dass Menschen psychische Auffälligkeiten entwickeln. Oft können schon kleine Maßnahmen wie das berühmte tiefe Durchatmen, die kleine Entspannungsübung, der Sport, Yoga oder Meditation beitragen, einen Situationsstress besser zu handhaben. Manchmal aber reicht das nicht, manchmal ist da mehr als ’nur‘ Stress. Dann braucht es eine andere ‚Coping‘-Strategie, eine andere Art, mit existenziellen Belastungen umzugehen.

Die Kunst, mit Stressoren fertig zu werden, die über das normale Maß hinausgehen und sie so einzusetzen, dass ein erfüllendes, gelingendes Leben wieder möglich wird, braucht einen heilsamen, begleitenden Prozess. Ihn unterstützt in der Regel eine individuell stimmige Psychotherapie, die die Sprachlosigkeit durchbricht und die Dinge in einem geschützten und diskreten Rahmen beim Namen nennt. Ein Ort, in dem sich das Aufgewühlte wieder beruhigen kann und in dem Emotionen, die sonst vielleicht belächelt würden, möglich sind.

Die Erzählungen aus dem unmittelbaren Kontext werden dabei eingebettet in die übergeordnete Lebensgeschichte – schließlich hat und ist jeder Mensch mehr als seine aktuelle Situation und sein aktuelles Verhalten. Interessant sich dann beim Übergang vom ‚Kleinen‘ zum ‚Großen‘ das Gegensätzliche, Gemeinsame, die Unterschiede und Muster. An diesen ‚Kipp-Punkten‘ entstehen oft die möglichen Ansätze hilfreicher Veränderung. Um zu ihnen zu kommen, braucht die Erzählung verschiedene Ebenen. Auf der Oberflächenebene berichtet der Klient das Ereignis, die Details und ermöglicht dem Therapeuten [oder Coach …], sich von der Abfolge, den beteiligten Personen, dem Ort u.a. ein Bild zu machen. Auf der Innenebene beschreibt er, wie er emotional und mental auf das Ereignis reagiert hat, was in ihm vorging, was er dachte, wie er handelte. Und auf der Reflexionsebene schaut er, wie er das Erlebnis einordnet in seine Lebensgeschichte, welche Lösungswege ihm offen stehen, welche Hindernisse sich auftun, was bereits gelang, welcher Lernprozess sich anbietet, wie sich Geschehenes für Zukünftiges nutzen lässt.

Ein oft anzutreffendes Phänomen in Gesprächen mit Klienten ist der ‚Abwärtsvergleich‘. Treten völlig neue Situationen mit persönlich negativem Einfluss ein und weiß die Person dann nicht, ob ihr Empfinden angemessen ist oder nicht, dann sucht sie nach Erzählungen über andere Menschen, die vergleichbare Situationen erlebt haben. Das Ergebnis eines solchen Vergleichs ist oftmals stabilisierend und positiv konnotiert [‚wenn ich mir vorstelle, was diese Person durchgemacht habe, dann hätte es mich selbst ja noch schlimmer treffen können…].

Abwärtsvergleiche sind Bewertungen, die mit der Wirklichkeit, also dem Empfinden der verglichenen Person, nichts zu tun haben müssen. Das Interessante an Abwärtsvergleichen ist daher, dass sie auch dann funktionieren, wenn man sich einen Menschen bloß vorstellt, dem es schlechter geht als einem selbst. Allemal trösten sie also die Person über die eigene Situation hinweg, und oft motivieren sie parallel dazu, ‚sich von sich selbst nicht alles gefallen zu lassen‘ [Viktor Frankl].

Was geschieht aber, wenn man in belastender Situation einen Menschen in realer Anwesenheit erlebt, dem es schlechter geht als einem selbst. Von diesen Momenten wird häufig so berichtet, als würde in solchen Situationen das Gewissen der Person eingreifen und nicht zulassen wollen, dass man sich quasi auf ‚Vergleichskosten‘ anderer Menschen besser fühlt.

Wie kann vor diesem Hintergrund nun eine Empfehlung für eine passendere Copingstrategie lauten? Auch hier helfen die Einsichten betroffener Menschen weiter: „Wende dich im konkreten Erleben einer persönlichen Belastung den Menschen zu, die dir in ihrem Verhalten bereits einmal zeigten, dass es trotz einer Leiderfahrung für sie (weiterhin) darum ging, einen Beitrag zu leisten für jemanden, der nicht sie selbst war oder für etwas, das nicht die Person als egoistisches Ziel für sich selbst formuliert haben.“

Warum Krisenprävention so hilfreich ist

Die oben genannten ‚vier großen K‘ sind mehr oder minder lange Zeiträume mit starker emotionaler Aufladung. Angst, Wut, Trauer oder Scham – dazu in den folgenden Tagen mehr – führen in eine psychische Verfassung, die nach Abwehr ruft. Versuche, solchen Situationen mit Weglächeln oder Ignoranz zu begegnen, schlagen meist fehl. Dahinter steht oft der Irrtum, dass man Emotionen unterdrücken sollte, um dem Umfeld eine vermeintliche Schwäche nicht anzuzeigen. Viele Menschen kennen zum Beispiel bei Todesfällen den Umstand, dass man einfach nur noch funktioniert, um allen Anforderungen zum Beispiel von Ämtern zu genügen. Hierfür braucht es zwar wirklich einen kühlen Kopf, dennoch merken viele Menschen schnell, dass sie sich die Zeit für die emotionale Verarbeitung der Situation ebenso nehmen müssen. Das ist auch gut so, denn Emotionen sind weder bloße Begleiterscheinun­gen noch in ihrem Erscheinen verallgemeinerbar. Im Gegenteil, sie sind höchst individuelle Hinweise auf den Belastungsgrad, die Bedeutung des Ereignisses, die Bewertung der Situation und die Nähe der eigenen Person zum Tod [sei es einer Person oder auch einer Aufgabe, von der man Abschied nehmen muss].

Wenn man nun im Rahmen einer (in einer unbelasteten Zeit vorgenommenen) Krisenprävention die eigenen Emotionen erkundet, die bei nicht völlig auszuschließenden zuküntigen Lebenssituationen zu erwarten sind, dann hat man eine Grundlage dafür geschaffen, wie man sich steuern und regulieren kann, sollte eine solche extreme Belastung wirklich eintreten [und jeder Mensch kann sich sicher sein: irgendwann kommt eine solche Situation]. Kommt die Krise unvorbereitet, dann liegt es für die Psyche nahe, einen Abwehrmechanismus zu starten [zum Beispiel Leugnung, Aggressivität, Rationalisierung u.v.a.m.]. Diese Abwehr jedoch lässt sich nicht ewig aufrecht erhalten – versucht man es dennoch, sind psychische oder psychosomatische Wirkungen zeitnah beobachtbar.

Wer sich jedoch präventiv seiner Emotio­nen klar wird, kann sie im Fall des Falles annehmen, justieren, regulieren und damit leichter aus dem Stimmungstief herauskommen. In einer Krise diese Emotionsarbeit zu leisten ist natürlich ebenso möglich – nur ungleich schwerer, da nun die Verarbeitung des Anlasses und die Klärungsarbeit für den Umgang mit der Situation zusammenkommen. Was Menschen in einer Krise und der mit ihr verbundenen Doppelbelastung oft versuchen ist, dem Ereignis einen Sinn ab­zuringen – ‚für irgendetwas wird es gut sein‘. Dieses sehr menschliche Vorgehen entpuppt sich bei genauerem Hinsehen jedoch als Illusion, dass man wohl erst durch die Krise einen Reifungsschritt hat gehen können.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Krisenprävention verhindert keine Krisen. Ihr Beitrag besteht vielmehr darin, den Umgang mit potenziellen Krisen zu verbessern. Durch sie wird es möglich, sich über das Wesentliche bewusst zu werden, über das, was jede Krise überdauern wird – die eigenen Werte [Betonung auf eigene]. Wer sie kennt, setzt klare Prioritäten, entscheidet wertebewusst, bleibt sensibel für die trotz allem auf den Menschen wartenden Sinnangebote.

Krisenprävention kann man nicht delegieren. Wer sie selbstbewusst vollzieht, kann Krisen besser trotzen. Und: Krisenprävention kostet nicht viel an Zeit oder Geld. Sie kostet vorrangig die Überwindung des Glaubens an eine lllusion. Der Illusion, dass Krisen sein müssten, um sich als Person weiterentwickeln zu können.

Das Sinngebirge – eine erfreuende Intervention

In der sinnzentrierten Psychotherapie und im Sinncoaching biete ich zuweilen meinen Klienten eine Intervention an, wenn es um die existenzielle Frage geht, ob und in welchem Maße das bisherige Leben sinnvoll war. Hinter dieser Frage stehen zuweilen Selbstzweifel, ob man den Erwartungen des Umfeld entsprochen hat, ob man mehr aus seinem Leben hätte machen können, was man wohl verfehlt hat. Dass man Höhen und Tiefen im Leben erlebt, dass mancher Aufstieg mühselig und mancher Abstieg schmerzhaft ist, das weiß jeder Mensch. Wenn man so auf sein bisheriges Leben schaut, dann fokussiert man meist die besonderen Momente des Glücks oder Unglücks, die erreichten oder verpassten Ziele, die Themen, die man bewegt hat oder hätte bewegen wollen oder sollen, ohne es je getan zu haben. Doch das ist lange nicht alles. Und dieses ‚Alles‘ soll mit einer Übung angeschaut werden. So geht sie:

Mein(e) Gesprächspartner(in) wird eingeladen, zu Hause, mit Zeit und gerne mit Unterbrechungen, aber stets störungsfrei für jedes(!) Lebensjahr mindestens ein selbst so empfundenes und persönlich erlebtes förderliches und mindestens ein ebenso persönlich erlebtes hinderliches Ereignis zu notieren. Gab es mehrere Ereignisse in einem Lebensjahr, so werden sie ebenfalls notiert. Kann sich die Person an den Monat oder das Quartal erinnern, in dem das Ereignis eintrat, dann wird auch das notiert (manchmal erleichtert dabei, sich an die Jahreszeit, einen Ort oder eine andere Begebenheit zu erinnern, die zeitlich um das Ereignis herum stattfand). Förderlich und hinderlich verstehen wir hier so, dass das jeweilige Ereignis den weiteren Lebensweg partiell, temporär oder auch allumfassend positiv oder negativ beeinflusste.

Als nächstes folgt eine Skalierung jedes Ereignisses von -10 (extrem hinderlich) bis +10 (extrem förderlich). Hilfreich ist es, die entstehende Liste mit den Skalenwerten in einer Excel-Datei zu notieren, für jedes Ereignis steht dann eine Zeile zur Verfügung.

Ist die Erinnerung abgeschlossen und alle Skalenwerte gesetzt, so kann man entweder in Excel die Skalenwerte in eine grafische Darstellung übertragen oder dies von einer KI wie ChatGPT erledigen lassen. Bei diesem Arbeitsschritt wird der Befehl gegeben, alle Werte so zu stauchen, dass der oder die negativsten Werte auf 0 gesetzt und alle anderen so berechnet werden, dass sie den maximalen Wert 10 erhalten. So landen alle zuvor negativen Werte (-10 bis 0) in der neuen Grafik auf den Werten von 0 bis 5, alle zuvor positiven Werte (0 bis +10) auf den Werten 5 bis 10 (der alte Wert 0 und der neue Wert 5 stellen damit tendenziell indifferente Werte dar, bei denen der Klient zwar die Bedeutung des Ereignisses für sein Leben durchaus fühlte, jedoch offenließ, ob er dessen Auswirkungen auf das folgende Leben als förderlich oder hinderlich erachtete.

Bei einem Klienten sah dies so aus:

 

 

 

 

 

 

Bei dieser Übung erinnerte der Klient aus seinem Empfinden lebenswegfördernde und -hindernde Personen, Qualifizierungen, Reisen, Kunst- und Kulturerlebnisse, politische Rahmenbedingungen … und auch Situationen, in denen er sich zu einer Stellungnahme aufgerufen fühlte, um etwas zum Besseren zu wenden.

Im nächsten Schritt wurde ChatGPT gebeten, die Zahlenwerte in eine optisch geglättete Lebenslinie zu übertragen. Hier das Ergebnis:

 

 

 

 

 

Und in einem weiteren Schritt erhielt die Maschine den Auftrag, aus dieser Kurve ein Bild zu gestalten, das optisch einer Berg-Topografie ähnelt.

Dieses Bild wiederum wurde in einem neuen Chat hochgeladen mit dem Auftrag, auf die Suche zu gehen, nach einem real existierenden Gebirge. Hier erhielt der Klient dieses Ergebnis:

ChatGPT: „Basierend auf der visuellen Komplexität und fraktalen Natur, die wir in deiner Berg-Topografie erkennen, ist eine interessante Analogie der Abschnitt der norwegischen Küste, der rund um die Lofoten verläuft. Diese Region wird oft für ihre zerklüftete, fast fraktale Küstenlinie beschrieben – ein Vergleich, der durchaus als passend erscheinen könnte, um das Auf und Ab deiner Lebenslinie zu spiegeln. Diese Küstenlinie weist zwar natürlich keine exakte Übereinstimmung mit deiner Topografie auf, bietet aber eine ähnlich strukturierte, dynamische Form, die als visuelle Analogie gut dienen kann.“

Der Klient ging nun auf die Suche nach einer Abbildung im Internet und fand nach einiger Zeit dieses Bild, das in seiner Wahrnehmung zahlreiche Ähnlichkeiten mit seiner Lebenslinie aufwies.

Als er das Symbolbild seines Lebens betrachtete und ich ihm die Frage stellte, worin sich die Erlebnisse ähneln, die im Bild als Gipfel zu sehen sind, schaute er in seiner Liste nach und fand neben den Ereignissen, die ihn zu einer persönlichen Stellungnahme aufriefen, Personen, die in sein Leben traten und die für seinen weiteren Lebensweg förderlich waren. Und er resümierte: „Die Werte, die ich im Zusammenhang mit den Ereignissen verwirklichen konnte, waren Gerechtigkeit, Zutrauen und Freiheit, und die Personen schenkten mir ihr Vertrauen, ihre Weitsicht und ihre Geduld.“

„Würden Sie Ihre Frage, ob und in welchem Maße Ihr bisheriges Leben sinnvoll war, nun noch so beantworten, wie Sie es vor einigen Wochen taten, als unsere Zusammenarbeit begann?“

Kinder und Sinn(krise)

Im Jahr 2024 haben sich laut Statistischem Bundesamt 216 Kinder und Jugendliche bis einschließlich 19 Jahre suizidiert. Mit ihrer Entscheidung haben sie zum Ausdruck gebracht, dass sie ihren Möglichkeitsraum, Sinn in ihrem Leben zu finden, als geschlossen angesehen haben. Wenn Kinder und Sinn miteinander diskutiert werden, finden sich in der Literatur zumeist Diskussionen darüber, ob und wie das Aufwachsen und Erziehen von Kindern dem Leben ihrer Bezugspersonen Sinn verleiht. Auch wird dabei die ‚Funktion‘ von Kindern, die Ahnenreihe der Familie fortzusetzen oder das materielle und-oder geistige Erbe ihrer Vorfahren zu bewahren, ins Spiel gebracht. Auch galt die Einbettung eines Mitarbeiters in eine eigene Familie mit Kind(ern) lange Zeit als Kriterium, um im gehobenen Management Karriere machen zu können, wurde damit aus Sicht der Entscheider ein Hinweis auf Sozialkompetenz, Verantwortungsübernahme und Zukunftsausrichtung gegeben.

Derlei Sichtweisen auf den Sinn von Kindern reduzieren die Person des Kindes auf eine Instanz, die dem Erwachsenenleben Sinn hinzufügt. Über das Sinngefühl eines Kindes zu sprechen, hat sich weder in der Psychologie noch in der Philosophie als Diskursthema durchgesetzt, und es bleibt erst noch zu erwarten, dass sich die Wissenschaft dazu aufruft, die Gründe dafür zu erforschen. Wie gesagt: 216 Suizide im letzten Jahr, nur in Deutschland.

Bevor man auf die Idee kommt, der Hypothese zu folgen, dass einem Kind die Antwort fehlen könnte auf seine Frage ‚Worum soll es mir gehen, wenn ich lebe?‘, fragt man wohl eher ‚Warum wurden die Bedürfnisse eines Kindes nach Bindung und Zugehörigkeit, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sowie nach Lustgewinn und Unlustvermeidung derart nicht erfüllt, dass es im Suizid einen Ausweg sah?“ Während die letzte Frage auf die psychophysischen Bedürfnisse eines jeden Kindes rekurriert, würde die erste Frage bedingen, sich mit jedem einzelnen Kind und dessen Lebensentwurf und seine Sicht auf die Welt auseinanderzusetzen. Mit etwas Glück und Achtsamkeit erfahren es die Bezugspersonen, wenn Kinder ihrerseits mit solchen Fragen um die Ecke kommen. Mit noch mehr Glück spüren Kinder, ob ihre Fragen auch ernstgenommen werden.

Exkurs: Heute wurde ein Ergebnis einer Befragung von weiterführenden kommunalen und staatlichen Schulen in Bayern bekannt. Dabei wurde in über 60% der teilnehmenden Mittelschulen, Realschulen, Fachoberschulen und Gymnasien von Vorfällen wie rassistischen, antisemitischen, sexistischen oder queerfeindlichen Beleidigungen sowie Mobbing und Gewalt berichtet. Jugendliche singen ausländerfeindliche Lieder, beleidigen Mitschüler wegen ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung, Hitlergrüße und Hakenkreuze tauchen auf. Und selbst in Grundschulen steigt der Bedarf an Sozialarbeitern, die die ‚gewaltbereiten Kleinen‘ versuchen, von ihrer eingeschlagenen Bahn wieder wegzuführen. Dass sich (sehr) junge Menschen, die sich diesen Prozessen nicht anschließen, aber womöglich persönlich betroffen sind, je nach ihrer individuellen Resilienz auch existenzielle Fragen stellen, liegt auf der Hand. Dazu kommen bei allen die nicht endenden Krisenberichte und je nach Situation in ihren Familien eine Überforderung, trotz allem ein gemeinsames gutes Leben miteinander zu führen. Führt das alles dazu, dass in den Systemen, in denen sich die (sehr) jungen Menschen aufhalten, allzu oft Angst, Wut und zuweilen auch mangelnde Bildung herrschen, sind Abfärbeprozesse wahrscheinlich.Verhältnisse prägen Verhalten, und will ein junger Mensch sich diesen Bedingungen anders gegenüber aufstellen, sich dagegen selbst schützen, wehren und sich sein mit Geburt positives Gestiges bewahren, dann bedeutet das konkret: er muss sich seiner Werte bewusst sein und bleiben, sie verteidigen, auch und gerade, wenn sie immer wieder verletzt werden. 

Die Frage von Kindern nach dem Sinn im Leben und deren Beantwortung ist aus philosophischer Perspektive alles andere als selbsterklärend. So vertritt der finnische Philosoph Antti Kauppinen die Meinung, die Sinnfrage zu stellen sei erst dann an sich einer Betrachtung wert, wenn der junge Mensch selbstbestimmte grundlegende Projekte zu übernehmen in der Lage ist. Grundlegender als diese reduktionistische Sicht, in der Sinn in einen Leistungskontext geführt wird, meint der amerikanische Philosoph Thaddeus Metz, dass von einem Leben als sinnvoll zu sprechen, per definitionem bedeute, über etwas höchst Wertvolles zu sprechen. Aus dieser Perspektive wäre die Frage an einen jungen Menschen gerichtet ja recht einfach: Wenn Du von Deinem Leben sprichst, was ist dann das für Dich Wertvollste in diesem Leben? Und je nach Alter des Kindes könnte die Frage spitzer formuliert werden: … was ist dann das für Dich Wertvollste, das Du nicht gekauft hast, was nicht zu kaufen ist und was Dir nicht von anderen Menschen geschenkt wurde oder geschenkt werde kann? Kaum zu glauben ist, dass ein Kind oder Jugendlicher als Antwort ‚Gewalt, Aggression oder Hass‘ zur Antwort gibt. Eher zu glauben ist, dass er gar keine Antwort weiß.

„Die Eltern geben bei der Zeugung eines Kindes die Chromosomen her – aber sie hauchen dem Kind nicht den Geist ein. Mit einem Wort:“ durch die von den Eltern her übernommenen Chromosomen wird der Mensch nur darin bestimmt, was er „hat“, aber nicht darin, was er „ist“.“
Viktor Frankl in: „Der Seele Heimat ist der Sinn“

Die Fähigkeit zur Transzendenz besitzt jeder Mensch zu jeder Zeit. Damit ist es absurd, Kindern diese Fähigkeit aufgrund ihrer spezifischen Bedürfnisstruktur oder ihres Alters abzusprechen. Man muss nur lange genug mit Eltern und Angehörigen von gestorbenen Kindern auf einer Palliativstation gesprochen haben, um festzustellen, dass keinem Kind der Sinn seines Lebens abgesprochen wird, vielmehr dass betrauert wird, dass der Tod dem Kind die Möglichkeit nahm, Sinnvolles in seinem Leben zu verwirklichen. Dieses beobachtbare Phänomen verbindet sich mit Frankls Anthropologie, dass die Ausrichtung auf Sinn hin ein spezifisches Humanum ist, bei dem wundern würde, wenn man annähme, Kinder hätten diese Ausrichtung zwar auch, könnte sie aber qua Entwicklungsstufe oder -alter nicht vollziehen. Nur, dass Kinder womöglich ihre Suche nach Sinn (noch) nicht versprachlichen (können oder wollen), bedeutet nicht, ihnen ihren Willen zum Sinn in Abrede stellen zu können.

Gleiches gilt auch für Erwachsene, denen zuweilen erst in Folge einer bestimmten Lebenssituation bewusst wird, dass das, wonach sie suchen nichts anderes ist als ein Sinn im Leben. Andersherum kann es auch ein Zeichen für einen gefundenen Sinn sein, wenn ein Mensch jedweden Alters die Frage nach seinem Sinn nicht stellt. Nicht zuletzt ist es methodisch fragwürdig, wenn Erwachsene, die in ihrem Leben womöglich verschiedene Phasen mit Sinnleeregefühlen oder Gefühlen des Erfülltseins erlebt haben, aus ebendieser erwachsenen und erfahrenen Position heraus auf die Lebensphase eines Kindes schauen und daraus ableiten, dass Sinnsuche und Sinnerleben ’nichts für Kinder sei‘. Eher könnte die Frage auch hier andersherum gestellt werden: wie will ein Erwachsener sich seine Sinnfindung – oder sein Problem damit – erklären, wenn nicht auch unter Einbezug der in der Kindheit (hinreichend oder unzureichend) geförderten Fähigkeiten seiner Sinnwahrnehmung? Diesen Aspekt der Biografieentwicklung umfassend zu erforschen, steht noch aus und ein Punkt könnte dabei besonders interessieren: So die eigene Kindheit als eine liebevolle Zeit erinnert wird, könnte damit die Selbsttranszendenzfähigkeit der Eltern auf ihr Kind begründet werden. Standen die Eltern in der Zeit als sie das Kind aufwachsen ließen zudem unter Belastung oder gar in einer existenziellen Notlage, dann könnte ihr ‚trotzdem Ja zum Kinde sagen‘ einen Hinweis dafür geben, dass ihre Lebenssituation nicht ihre grundlegende Einstellung zur Liebe zu ihrem Kind konterkarierte. Sollte ferner erinnert werden, dass man sich als Kind in dieser liebevollen Zeit trotz womöglich mancher Entbehrung oder Begrenzung ebenso den Bezugspersonen in Liebe zugewandt hat, so könnte dies auf die unbedingte Selbsttranszenzfähigkeit jedes Menschen, ergo auch jedes Kindes hinweisen. Von dieser Warte aus ließen sich dann andere Konstellationen erforschen, in denen Befragte in nicht-liebevoller Umgebung aufwuchsen, ohne dass sie selbst es an Liebe zu ihren Bezugspersonen mangeln ließen usw.. Ein Ergebnis könnte dabei auch sein, dass Befragte äußern, sich zwar als bloß zweckdienliches, nützliches Mittel für ihre Bezugspersonen empfunden zu haben, ohne dadurch aber die Liebe preisgegeben zu haben, die sie als Kind vielleicht bestimmten Interessen oder anderen Menschen gegenüber einbrachten.

„Wenn ich in meine Kindheit weit zurückblicke, dann würde ich aus heutiger Sicht den Moment, als ich mich zum ersten Mal erfolgreich anstrengte, mich aufzurichten und hinzustellen, als den Moment in meinem Leben markieren, in dem ich Sinn gefunden habe. Und wenn ich darüber weiter nachdenke, dann muss es in mir etwas gegeben haben, was mich dazu aufrief, diese Stellung einzunehmen. In diesem Moment, meine ich, bin ich zum ersten Mal über mich hinausgewachsen. Ab diesem Moment war ich Ich.“ (ein Klient im biografischen Teil eines Sinncoachings)

Subjektivistisch könnten wir diese Erzählung so interpretieren, dass das Kind seinem eigenen Willen folgte und ein Interesse daran hatte, zu tun was es tat. Wir könnten noch weiter gehen und dem Kind ein Ziel zuschreiben, in dem es einen Grund dafür sah, seine Stellung zu beziehen – im Beispiel des Klienten als einen Grund dafür, aufzustehen. Um im Beispiel zu bleiben: Eine wissenschaftliche Erforschung der neuronalen Prozesse in dem Moment, in dem ein Kind zum ersten Mal aufsteht, liegt meines Wissens nicht vor. Allemal kann der Moment jedoch phänomenologisch als ein Wendepunkt im Leben eines Kindes ausgezeichnet werden, in dem es ein neues Gefühl dafür hatte, mit seiner Lebenswelt in Berührung zu sein und sein Leben in dieser Welt sodann so, nämlich anders als zuvor, weiterzuleben. Und überhaupt: Eine wissenschaftliche Erforschung des Moments der Sinnfindung ist nicht durchführbar, bestenfalls möglich ist es, die Rationalisierung des Sinnimpulses zu erfassen im Sinne eines: „und dadurch ist mir dann bewusst geworden …“ Material für eine Arbeit an dieser Perspektive findet sich meist in biografischen Abhandlungen erwachsener Menschen, und es wäre meines Erachtens hilfreich und spannend zugleich, wenn es solche Schriften auch bereits von Kindern und Jugendlichen gäbe.

Eine reduktionistisch-utililtaristisch erwachsene Vorstellung von der Sinnhaftigkeit des Lebens von Kindern wird vertreten, wenn Sinn in den Kontext mit ‚vom Kind realisierten erfolgreichen Projekten‘ gebracht wird. Verstehen wir ein Projekt als eine zeitlich befristete Aufgabe mit einem einmaligen Ziel und begrenzten Ressourcen, dann lässt sich natürlich auch das Bauen einer Sandburg als Projekt verstehen. Es scheint mir jedoch eher so, dass die Hingabe, die ein junges Kind einem es faszinierenden Thema schenkt, mit dem Begriff Projekt zusammenzubinden, nahelegt, dass es da jemanden Drittes braucht, der eine Messlatte anlegt, um darüber zu urteilen, ob das, was das Kind da tut, sinnvoll ist oder nicht. Würde sich diese Perspektive durchsetzen, dann wäre Tür und Tor geöffnet für eine Schubladisierung der Werthaftigkeit und Nützlichkeit kindlichen Lebens. 

Macht sich ein Kind selbst Sinn, so kann es spannend sein, mit ihm ins Gespräch darüber zu kommen, für wen oder was das da Gemachte denn gut und förderlich ist. Bearbeitet ein Kind vielleicht ein Stückchen Gartenbeet und gibt sich den Blumen hin, um mit ihnen jemandem eine Freude zu bereiten, fällt es kaum schwer, hinter dem kindlichen Handeln einen subjektiven Sinn zu erkennen. Da es keinem Kind per se abgesprochen werden kann, dass es sich einen vergleichbaren Kontext herstellen kann – auch, wenn es womöglich im Erwartungsmanagement seiner Lebensumgebung eingezwängt ist -, ergibt sich in der Konsequenz für jedes Kind die grundsätzlich gegebene Fähigkeit zur Selbsttranszendenz und damit zur Sinnverwirklichung. In welcher Weise und in welchem Ausmaß es in der Lebenswelt des Kindes jedoch nicht kindgemachte Hindernisse gibt, die es davon abhält, einem objektiven Sinnangebot oder einem subjektiv gemachten Sinn zu folgen, ist eine Frage, die gesellschaftlich durchaus gestellt werden kann.

Lange Zeit geisterte die Vorstellung herum, dass die Fähigkeit zum prosozialen Handeln kleinen Kindern nicht gegeben sei. In der klassischen psychoanalytischen Theorie, in der kognitiven Entwicklungstheorie und in der Theorie zur moralischen Entwicklung wurden Kinder mit den Eigenschaften egozentriert, amoralisch und sozial unreif beschrieben. Erst mit Eintritt ins Schulalter wären in der Regel die Voraussetzungen erworben, sich prosozial verhalten zu können. Aus diesem Blickwinkel sind die Erfahrungen, die ein Kind mit seinen unmittelbaren Bezugspersonen macht, zentral. Das ‚Lernen an einem prosozialen erwachsenen Modell‘ stellt bei dieser Lesart die Grundlage und Wahrscheinlichkeit dafür dar, dass ein Kind ähnliche Verhaltensmuster für sich adaptiert.

Neuere Forschungsbeiträge sehen hingegen die Entstehung prosozialen Handelns im Zusammensein von Kindern unter ebenbürtigen Gleichaltrigen, bei dem es keinen erwachsenen Erfahrungs- und Kompetenzvorsprung gibt. ‚Unter ihresgleichen‘ sei es naheliegender, dass Kinder ihre Sicht auf die Welt vorurteilsfreier austauschen, sich verschiedene Problemlösestrategien erarbeiten und sich mitteilen und so Kooperation konkreter entstünde als im Kontext ‚Klein beobachtet Groß‘. Die Entwicklung prosozialer Handlungen würde gefördert aufgrund des leichteren Zugangs in die Wahrnehmungswelt anderer Kinder und damit einhergehend in ein originäres Einfühlungsvermögen sowie eines zwischenkindlichen Diskurses über das, was in der begriffserhabeneren Erwachsenenwelt als Normen, Werte oder Prinzipien vermittelt wird.

Junge Kinder interessieren sich sehr für die Welt und für konkrete Dinge in ihr. Die Fähigkeit für die Verarbeitung theoretischer oder abstrakter Inhalte nimmt mit der Erweiterung der neuronalen Verschaltungen im Neocortex zu, meist ab Eintritt in die Schule. Würde Sinn dabei als rein selbstgemachtes Konstrukt verstanden, dann wäre ein Leben eines Kindes wohl dann sinnvoll, wenn es seine Vernunft positiv auf grundlegende Bedingungen kindlicher Existenz ausrichtet oder negativ auf das, was sie bedroht. Weitergedacht würden diese ‚Bedingungen‘ zu individuellen Aushandlungsprozessen einladen, denn was positiv oder negativ auf die eigene Existenz ‚einzahlt‘ stünde in der exklusiven Anschauung des einzelnen Kindes. Über derartige Aushandlungsprozesse, die auf existenzielle Lebensbedingungen gerichtet sind, ist bislang nichts bekannt, schaut man auf die Kohorte der Kinder im Vorschulalter – und dies, obgleich es solche Bedingungen fraglos gibt. Dies zugrundelegend lässt sich argumentieren, dass junge Kinder ihren Sinnbezug nicht festmachen am Für oder Wider der Befriedigung ihrer psychischen Bedürfnisse durch Dritte, sondern an dem, was sie im Rahmen ihrer ihnen möglichen Weltoffenheit an Gelegenheiten wahrnehmen, das zu verwirklichen ihnen wertvoll ist. Dass dieser Weltbezug des Kindes sich gängigen Rationalitäts-, Intelligenz- oder Intentionalitätsmaßstäben entzieht, mag sich als Problem derer erweisen, die mit empirischen Methoden versuchen, sich dem Kontext Kind und Sinn zu nähern. Wer danach urteilt, dass es einer Sinnrationalität im erwachsenen Verständnis bedarf, um die Phase der frühen Kindheit als sinnorientiert zu etikettieren, läuft Gefahr, zum Beispiel im Falle des Todes eines Kindes in dieser Lebensphase, den Sinngehalt des Lebens dieses Kindes nur aus der Objektbrille eines Erwachsenen zu sehen, der den Verlust des Kindes als Verlust von Sinn in eigener Sache versteht.

Das Leben teilt sich dem Kind mit.
Das Kind fühlt sich vom Leben angesprochen.

Wer hingegen die Sinnrationalität tauscht gegen eine Sinnnarrativität, einer Erzählung, die das Kind, von seinem Leben erfährt, einer Erzählung, die sich auch nicht permanent ändert und der das Kind zutiefst vertraut – der wird dieses Narrativ vielleicht erwachsen beschreiben als eine Art Basso Continuo: Einem Grundton des Lebens, dem das Kind folgt und der jedem verschlossen bleibt, der dem Kind seine erwachsen gewordenen ‚Flötentöne des Lebens‘ beizubringen versucht. Wer ein Sinnnarrativ jedoch jedem Kind in seiner frühen Lebensphase vorurteilsfrei belässt, der kann nie der unbeweisbaren Behauptung unterliegen, das es ein sinnloses Leben führt oder führte.

Um einen Schlenker zu einer integraleren Anschauung des Themas zu machen: Ich halte es für möglich, dass prä-personale Sinnimpulse mit weiterer Bewusstseinsentwicklung sich in personale, und noch später in trans-personale Sinnimpulse wandeln. Geistig-narrative, geistig-rationale und geistig-integrale Sinnimpulse wären dann vielleicht die Sender-Kategorien, die je nach Lebenslänge von Menschen empfangen werden. Was alle Impulse eint, ist der Bezug der geistigen Dimension (Frankl), die sich immer dann ‚einschaltet‘, sobald es Hinweise für einen Menschen gibt, worum es ihm jetzt zu gehen hat. Kommen diese Hinweise aus einem seelisch-körperlichen Zustand heraus, dann macht sich der Mensch das Sinnvolle zwecks Verbesserung dieses Zustandes. Kommen die Hinweise von einem Gegenstand aus der Lebenswelt der Person, dann nimmt das Geistige diesen Hinweis als Sinnanruf entgegen. Beides, Sinnsubjektivismus wie Sinnobjektivismus, zeigen an, dass eine Person in einer positiven Verbundenheit mit innerlich wertvollen Zuständen oder Gegenständen lebt, die der aktuell entwickelten Struktur ihrer entwickelten Bewusstheitsebenen angemessen sind. Dass das Lebensalter oder die biografisch bereits verankerten Lebenserfahrungen einen Anteil an dieser Entwicklung haben, soll nicht in Frage stehen. Was aber – und dazu sollte dieser Beitrag anregen – meines Erachtens immer in Frage stehen sollte, ist der Versuch einer direkten oder indirekten Abwertung der Sinnhaftigkeit im individuellen Leben aufgrund der gegebenen Lebensphase der Person.

Eigentlich ist Leben einfach – 10

Zum Abschluss meiner Reflexionen zum Thema ‚Eigentlich ist Leben einfach‚ hier ein Coachingbeispiel:

Florian, 44, ist Vertrauenslehrer und Schulpsychologe an einer bayrischen Gesamtschule. Nach Corona hat er bei sich selbst und im Rahmen vieler Gespräche auch bei einer Reihe von Kollegen und zahlreichen Schülern bemerkt, dass Gefühle der Überforderung, Gehetztheit und innerer Orientierungslosigkeit zugenommen haben. Florian: „Diese Zeit war für mich nicht nur geprägt von einem hohen Anspruch, für unsere Schüler funktionieren zu müssen, sondern ich hatte auch sehr viel Zeit, mir über mein eigenes Leben Gedanken zu machen. Dann kam der Ukrainekrieg dazu und die erste KI-Welle, die bei einer Person in meiner Familie bereits zu einem Stellenverlust geführt hat. Wir leben in einer Umbruchszeit, in der vertraute Systeme immer weniger greifen. Frühere Erfahrungen von Sicherheit und Struktur weichen einem inneren Durcheinander und der Vergleich mit ihnen zu einem negativen Klima. Viele jammern, klammern, beschweren sich, betäuben sich und haben doch eigentlich nur Angst.“

Coach: „Wobei die Formen der Angst individuell sehr unterschiedlich sein können. Wenn Sie vom Wegfall von Sicherheiten sprechen, dann neigen manche Menschen dazu, aus lauter Angst vor der Vergänglichkeit etwas erzwingen zu wollen, das aus ihrer Sicht unumstößlich sein soll. Die damit einhergehende Starrheit wird zu einem Dauerstress, weil die Zeit, in der wir leben, dazu beiträgt, dass diese Menschen das Gefühl haben, selbst dauernd von irgendetwas umgestoßen zu werden. Wenn sich diese Angst Bahn bricht, dann erlebt man zuweilen Menschen, die Beziehungen in Machtkämpfe führen, um so eine Sicherheit zu gewinnen, die sie schnell verlieren, wenn sie auf jemanden treffen, der seine Selbstsicherheit nicht verloren hat oder der seine Angst auf andere Weise zeigt.

Ein solcher Gegenspieler ist zum Beispiel ein Mensch, der vor Ansprüchen anderer Menschen Angst hat, der sich in Einsamkeit oder Isolation begibt, weil er nicht gelernt hat, sich menschlicher Nähe zu öffnen und sich ihr positiv hinzugeben. Für solche Person werden Menschen eher zu Werkzeugen, an denen sie ihre Wut und ihren Frust ablassen können.

Eine dritte Variante zeigen Menschen, die Angst davor haben, allein gelassen zu werden. Sie haben eben beschrieben, dass in Ihrem Umfeld Personen ein klammerndes Verhalten gezeigt haben. Als Vertrauenslehrer werden Sie womöglich gerade von diesen Menschen oft beansprucht worden zu sein als Corona so viele Beziehungen brüchig werden ließ. Sich ungeborgen zu fühlen kann bis zu einer Art Abhängigkeit von anderen führen, manchmal einhergehend mit Idealisierungen dieser Menschen. Gehen diese dann auf die Klammerung nicht ein, sind Verzweiflung und Depression nicht fern.

DIe Menschen, die gerade das Anklammern fürchten, haben eine weitere, vierte Angst. Die Angst vor dem Endgültigen. Alles soll im Fluss bleiben, man lebt sein Leben und andere sollen einen darin auch bestätigen. Dass sich die Welt womöglich gerade anders dreht, wollen diese Menschen nicht wahrhaben, und so würden sie am liebsten weiterziehen und sich ihrer Wunschwelt nähern – aber bei Corona, da war allzu oft Schluss mit lustig.

Egal wie unsicher und ängstlich Menschen sind – tritt ihnen jemand gegenüber auf, der ihnen die Lösung verspricht, dann folgen viele lieber dieser äußeren Führung, als in die Eigenverantwortung zu kommen. Haben Sie solche Erfahrungen gemacht?“

Florian: „Auf jeden Fall, und viele Menschen verlieren diese Eigenverantwortung, weil ihnen früh beigebracht wurde, sich Vorschriften zu unterwerfen. Wenn einem ständig gesagt wird, was man tun soll, verliert man das Gefühl, selbst gestalten zu dürfen. Ich hatte Glück, dass in meiner Kindheit dies nicht der Fall war, trotzdem zähle ich mich eher zu der von Ihnen genannten letzten Angsthasengruppe, weil ich in der Coronazeit dieses Empfinden hatte. Und ich weiß, dass im Gehirn hemmende Muster aufgebaut werden, die Bedürfnisse wie Bewegung, Neugier oder eigenes Gestalten unterdrücken, nur um Erwartungen anderer zu entsprechen. So entstehen Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die zwar funktionieren, sich aber innerlich nicht mehr lebendig fühlen. Als ich damals auf mein Leben schaute, erschrak ich schon, weil mir bewusst wurde, auch zu einem solchen Kreis der Funktionäre zu gehören.“

„Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?“

Florian: „Dass ich zu keinem dauerhaften Objekt der Erwartungen von Dritten werden will. Klar, ich  werde vor Rahmenbedingungen gestellt, Stichwort Kulturministerkonferenz. Ich stehe täglich wie jeder andere Lehrer, wie jeder Mensch, auch vor einer imaginären Liste von Bedingungen, die mir andere Menschen oder Systeme vorgeschrieben haben. Das finde ich auch okay. Was nicht okay war, dass ich darüber vergessen hatte, dass ich mich immer selbst zu diesen Bedingungen einstellen kann. Mir wurde bewusst: Wenn ich mich so fühle, dass mich andere zu ihrem Objekt machen, dann mache ich mich selbst klein. Dann kränke ich mich selbst. Dann rede ich mir eine Minderwertigkeit selbst ein.“

„Ja, und wenn ein Mensch dieses Empfinden wieder loswerden will, dann hat die Psyche dafür drei Möglichkeiten parat. Entweder man erduldet den Zustand, oder man überkompensiert ihn und macht Dinge, wo andere Menschen sich wundern und sich fragen, was das soll oder ob man das wirklich nötig hat. Oder man flieht aus den Bedingungen, meist in andere. All das ist menschlich, und doch irgendwie unbefriedigend. Erdulden ist wie Selbstaufgabe, beim Überkompensieren distanzieren sich viele Menschen und übrig bleiben einem die, die auch diese psychische Strategie eingeschlagen haben – dann fährt man zum Beispiel mit seinen Minderwertigkeitsgefühlen eben mit anderen, die solche auch haben, Autorennen auf der Bundesstraße. Flucht ist auch eine Variante, und manchmal ist sie schlau, wenn es um echten Selbstschutz geht. Wenn ich aber ’nur‘ glaube, dass ich Besseres verdient habe als mich mit den gegebenen Bedingungen wirklich einmal auseinanderzusetzen, dann lehrt die Erfahrung, dass Menschen dann nur eine Art Aktiv-Passiv-Tausch machen und sich in neuen, nur anderen Bedingungen wiederfinden.

Florian: „Ja, und solche Überlegungen haben mich ja auch zu Viktor Frankl geführt. Wenn ich mich gegen meine innere Stimme wende, verliere ich den Zugang zu mir selbst, das war mir schnell klar. Und wenn ich an die Situationen zurückdenke, in denen ich dieses Gefühl hatte, dann merke ich jetzt noch, wie unglücklich ich war. Und dass ich dann auch für andere nicht das übrig hatte, was für sie wichtig gewesen wäre. Das tut mir bis heute leid. Was mir seither aber immer wieder durch den Kopf geht ist die Frage, ob die innere Stimme nicht ihrerseits wieder eine Erwartung anderer ist. Eine Stimme aus einem erlernten Hintergrund, quasi. Mein Anliegen ist also, woher weiß ich, dass diese Stimme die eigene innere ist?“

Coach: „Das ist eine wichtige Frage. Gehen wir dazu zuerst davon aus, dass Sie mit einem authentischen Selbst in die Welt kamen, niemals – sagen wir es technisch – mit einer leeren Festplatte geboren wurden. Dieses Selbst wird in den ersten zwei, drei Jahren – sagen wir es wieder technisch – neu formatiert. Meist sind es die Eltern, die ihre Kinder ‚zu sich ziehen‘ und ihnen vermitteln, wie sie zu ihnen stehen, was ihnen für ihre Kinder wichtig ist, wie wichtig die Kinder für sie sind und so weiter. Auf ihr früheres Selbst legt sich nun eine Konstruktion, nennen wir es ‚Ich‘. Im Ich finden sich nun die Muster, Rollen und Erwartungen, die die Bezugspersonen ihren Kindern einschreiben, bewusst und unbewusst. Diese Einschreibungen sind für ein Kind identitätsstiftend, schließlich kommen sie ja nicht von irgendwem, sondern von den wichtigsten Personen um das Kind herum. Zwischen Selbst und Ich entsteht nun ein mehr oder minder starker Konflikt. Und dieser Konflikt wandert weiter und wird verschärft oder entschärft, je nach dem, welche weiteren Bezugspersonen das Kind für sich erkennt, also Lehrer zum Beispiel oder Sportidole, Kirchenleute, Influencer, Freunde usw.. Von allen geht latent eine Menge an Erwartungen aus – ‚wenn Du, dann …‘, ‚damit Du, musst Du…‘ oder auch eine Menge an Erlaubnissen aus – “Du bist gut wie Du bist …‘, ‚Mach ruhig Dein Ding …‘ Werden die Erwartungen erfüllt, dann lockt eine Belohnung. Wenn nicht, dann droht Sanktion. Werden die Erlaubnisse nicht eingelöst, entsteht auch ein Dilemma, wenn der junge Mensch irgendwann zur Erkenntnis kommt, dass seine Fähigkeiten nicht ausreichen, um zu schaffen, was er wollte. In einem solchen Moment ist sicher jemand nicht weit, der dann wieder Erwartungen formuliert … –  so bleibt es ein einfaches Spiel für die Bezugspersonen, ein schwieriges für ein Kind oder einen Jugendlichen, denn er steht immer wieder vor der Aufgabe: Anpassung oder eigene Stellungnahme.

Wenn ich Sie als Lehrer anspreche, dann als eine Person, die einen Beitrag dafür leisten kann, Kindern und Jugendlichen den Raum zur eigenen Stellungnahme zu vergrößern. Damit besteht die Chance, dass die jungen Menschen aus ihren Verwicklungen herauskommen und erfahren, dass es auf ihr eigenes Denken ankommt. Ein Denken, dass der eigenen inneren Stimme folgt, um über sie zu einer eigenen Stellungnahme zu kommen. Ein Lehrer wird damit für mich zu einem Denkhelfer, der junge Menschen darin unterstützt, sich damit auseinanderzusetzen, wer man eigentlich, also ursprünglich ist.

Nun zu Ihrer Frage, wie unterscheide ich Introjekte von eigenen Stimmen? In meiner Anschauung können diese Aspekte dabei helfen:

Wenn Sie ein Introjekt in sich hören, dann sagt es Ihnen zumeist, wie Sie sein sollten und nicht, wie Sie sind. Dann findet sich oft auch eine Strenge oder ein moralischer Ton wie ‚du musst…“, „du solltest…“, „Das macht man nicht…“. Die Stimme spricht dabei eher so unpersönlich oder verallgemeinernd, dass der Eindruck entsteht, sie käme eher von draußen und in einer Weise, dass dieses Draußen eine Angst mitschwingen lässt. Womöglich meint es die Stimme sogar gut mit Ihnen, aber sie verknüpft es mit einer Art Forderung: Wenn du mich nicht erhörst, dann kannst du nicht den Erwartungen genügen, also bist oder wirst du dumm, unbeliebt, unbrauchbar usw. Eine solche Stimme immer wieder innerlich zu hören, kann einen fertig machen – warum, weil es das Authentische, das Geistige der Person ja immer noch gibt. Der Versuch der Introjekte, sich Gehör zu verschaffen, läuft lebenslang, das ist auch ihr Job, denn schließlich stehen dahinter ja Menschen, die es womöglich nur gut meinten.

Ihre eigene innere Stimme ist dagegen meist kontextsensibel und flexibel. Sie ist keine Stimme, die Sie ein für allemal besitzen, sondern eine, die sich mit Ihnen in einem Prozess der Entwicklung befindet. Sie meldet sich situativ, sie ist pragmatisch, neugierig, selbstbewusst, sie ist zu Ihnen auch freundlich. Wenn Sie mit ihr „ins Gespräch gehen“, dann wird sie Ihnen nicht drohen, sondern sich eher plastisch einbringen und ihre Botschaft auch verändern, wenn sie die guten Gründe erfährt, die Ihnen am Herzen liegen. Ein guter Sensor ist dabei Ihr Körper, denn diese Stimme fühlt sich im Körper eher ruhig, weit und entlastend an. Wenn die innere Stimme wieder gelernt hat, dass sie gehört wird und sie sich mitteilen darf, dann wird sie keine Erwartungen formulieren, sondern Ihnen Hinweise geben, welche Ihrer eigenen Werte es sind, die Sie in dem, worum es Ihnen in der aktuellen Situation geht, verwirklichen können. In diesem Moment geben Sie sich selbst das Maß vor, Sie werden sich selbst maßgeblich.

Jetzt habe ich eine Frage an Sie in Ihrer Rolle als Lehrer. Wie kann Ihre innere Stimme wieder lernen, dass sie von Ihnen gehört wird? Wenn Sie also der Lehrer Ihrer eigenen inneren Stimme sein wollen, wie werden Sie dann vorgehen?

Florian: „Da würde ich das so machen wie bei einem Waldspaziergang mit einem Freund. Da ist Geduld für mich wichtig, keine unnötige Ablenkung, schon aber eine Richtung, weniger ein Ziel. Nach dem, was wir besprochen haben, ist die innere Stimme nicht zu messen. Wenn sie sich meldet als Introjekt, dann spricht sie immer nur mich an und in einer Weise, von der ich weiß, dass sie mir nicht entspricht. Bei einem Spaziergang geht es mir im Gespräch aber um meinen Freund. Ich würde meiner inneren Stimme also sagen, dass es nicht um mich geht, wenn sie sich einbringen will.“


Florians Resümee zeigt, dass er seine innere Stimme in die beiden unteren AQAL-Quadranten im Wilber-Modell lenkt. Und dies mit Werten wie Geduld, Konzentration, Zuneigung.


Coach: „Wenn Sie dieses Bild nun auf das Gespräch zwischen Ihnen und Ihrer inneren Stimme übertragen, wie wollen Sie dann vorgehen, wenn die Stimme etwas sagt, bei der es um ihre Erwartungen an Sie geht?“

Florian: „Spontan würde ich da sagen: Danke für die Information, aber um mich geht es hier und jetzt nicht. Wenn ich das höre, gehts mir gleich besser, erstaunlich.“


In meiner, aus der Praxis entstandenen phänomenologischen Sinnfindungsforschung zeigt sich, dass geistig-spirituelle Praktiken, die Zugänge zur Transzendenz eröffnen, häufig mit höherem Wohlbefinden und geringeren Stresswerten einhergehen. Das Beispiel aus der Arbeit mit Florian reiht sich hier aus meiner Sicht gut ein. Frankls Logotherapie liefert hierfür die anthropologische Basis: Selbsttranszendenz, also die Fähigkeit, sich über das eigene Ego hinaus in Liebe oder Hingabe auf Aufgaben und andere Menschen zu beziehen, ist nicht nur ein existenzielles Postulat, sondern eine empirisch nachweisbare Ressource für eine psychische Gesundheit.

Wilbers Modell bietet zudem die theoretische Möglichkeit, diese transzendente Dimension in ein systematisches Entwicklungsmodell einzubetten. Dabei wird deutlich, dass psychisches Wohlbefinden kein eindimensionaler Zustand ist, sondern aus einer Vielzahl von Faktoren zusammengesetzt wird, die sowohl intrapsychisch als auch interpersonell, kulturell und systemisch verankert sind. Genau an diesem Punkt setzt die Idee einer Integralen Logotherapie an: Sie verbindet Frankls anthropologische Grundthese vom Willen zum Sinn mit Wilbers integraler Landkarte, um die unterschiedlichen Zugänge der Selbstfindung (obere Quadranten) und Sinnfindung (untere Quadranten) nicht nur zu erkennen, sondern praktisch nutzbar zu machen.

Beide Theorien mit einem Brückenschlag zu verbinden, soll dem Prinzip des Ockhamschen Messers folgen. „Seiendes soll nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden“, so der englische Philosoph Wilhelm von Ockham. Sofern die hier skizzierte Idee einer Integralen Logotherapie an anderer Stelle weitergeführt werden sollte, dann wäre darauf zu achten, keine Überfrachtung des vernetzten Theoriegebäudes zuzulassen, sondern sich auf das Wesentliche zu beschränken, das Frankls Gedankengut nützlich erweitert. Wilbers AQAL-Modell kann meines Erachtens diesen Nutzen stiften, es war meine Absicht, einige Ideen dazu in den vergangenen Beiträgen einzubringen.

Eine Therapie oder ein Coaching, das logotherapeutische und integrale Perspektiven verbindet, fördert das psychische Wohlergehen, indem sie nicht nur bei individueller Zielerreichung unterstützen, sondern zuvorderst ihren zentralen Ausgangspunkt im Kontext der Sinnorientierung der Person setzt. Für diese Perspektive ist die Sinnlehre Frankls das Fundament, und Wilbers integrale Ausrichtung bietet eine spannende Möglichkeit für jeden Menschen, kontextuell sich seiner leitenden Werte im Spiegel seiner biografischen Entwicklung, seines Typus und seiner Bedürfnisse für ein gelingendes Leben bewusst zu werden.

Eigentlich ist Leben einfach – 9

Wenn wir nun aus integral-logotherapeutischer Sicht auf eine Person schauen, die in einem spezifischen Kontext mit einem verhaltens- und handlungsleitenden vMeme versucht, eben mit diesem Kontext umzugehen, dann will ich dazu diese Thesen formulieren:

  1. In allen Situationen findet die Person ausschließlich Sinnimpulse aus den beiden unteren Quadranten des AQAL-Modells:

2. Verhaltens- und Handlungsweisen, die die beiden oberen Quadranten adressieren, dienen der zweckdienlichen Verbesserung des eigenen, individuellen Zustandes (hier macht sich der Mensch Sinn). Kann eine Person ein persönliches Leid mindern, indem sie innere oder äußere Ressourcen nutzt, um ihren Zustand zu verbessern, so soll sie dies natürlich tun (ein klassisches Beispiel: Wenn in einem Flugzeug die Sauerstoffmasken von der Decke fallen, dann ist die Person angehalten, zuerst die eigene anzulegen, um sich anschließend um Mitreisende zu kümmern, die dies für sich nicht tun können). Jedoch ist darauf zu achten, dass gemachter Sinn nicht gleichzusetzen ist, mit dem auf Transzendenz beruhenden Sinn, den ein Mensch in seiner Lebenswelt findet.

Beige – vMeme Überleben

  • Wilber: Das vMeme Beige ist instinktgetrieben und dient im Krisenkontext dem Überleben.
  • Frankl: Logotherapeutische Interventionen verweisen auf die geistige Freiheit und Verantwortung der Person, trotz einer womöglich extremen Belastung durch zum Beispiel Krankheit oder eine andere existenzielle Notlage, Stellung zu beziehen. „Für wen oder was gilt es auch in dieser Situation, sich in Liebe oder Hingabe auszurichten?“
  • Im vMeme Beige bringt die Logotherapie weniger als Therapie im klassischen Sinn, sondern eher als Grundhaltung im Menschenbild zum Ausdruck, dass selbst im Überlebensmodus das  Geistige der Person in der Lage ist, sich über die belasteten psychophysischen Zustände zu erheben.

Exkurs: Was soll hier unter ‚Liebe‘ verstanden werden?
• Die Person nutzt das ursprüngliche (ihr eigentliches!) Potenzial ihrer Liebesfähigkeit.
• Trotz ihrer Belastungssituation, die in ihr psychisch Trauer, Angst oder Wut bereitet, distanziert die Person sich von diesen Emotionen und zeigt ein Verhalten, das auf das Wohlergehen einer anderen Person gerichtet ist.
• Die Wirkung dieser Selbsttranszendenz ist zumeist ‚trotz allem‘ auch ein gutes eigenes Körpergefühl, da sie (Frankl: Trotzdem Ja zum Leben sagen) mit ihrem Verhalten Ja zum eigenen Dasein sagt.

Purpur – vMeme Gemeinschaft, Rituale …

  • Mit integral-logotherapeutischen Interventionen wird die Person gefragt, ob und welchen Sinnimpuls sie aus einem der beiden unteren AQAL-Quadranten empfängt und welche Werte es sind, die sie im Kontext von Zugehörigkeit, Verbundenheit oder Ritualen verwirklichen kann.

Rot – vMeme Macht, Durchsetzung …
Blau – vMeme Ordnung, Pflicht …
Orange – vMeme Leistung, Rationalität …
Grün – vMeme Gemeinwohl, Pluralität …

  • Analog wird auch hier mit integral-logotherapeutischen Interventionen die Person gefragt, ob und welchen Sinnimpuls sie aus einem der beiden unteren AQAL-Quadranten empfängt und welche Werte es sind, die sie im Kontext des entsprechenden vMeme verwirklichen kann.

Gelb – vMeme Synergie, Integration, systemische Verantwortung …
Türkis – vMeme Ganzheit,Spiritualität, kosmische Verantwortung …

  • Da ab vMeme Gelb die Person die Werte aller auf sie selbst bezogenen Werte (Beige-Grün) integriert hat und eine systemisch-holistische Perspektive einnehmen kann, ist ihr der Sinnbezug im Kontext der beiden unteren AQAL-Quadranten bereits bewusst. Integral-logotherapeutische Interventionen dienen hier daher eher dazu, die Person zu ermutigen, ihre Situation nicht nur im Rahmen einer intellektuell-komplexen Analyse zu beleuchten, sondern ihre Werte des vMeme Gelb oder Türkis mit ihrer Situation in Beziehung zu setzen und zu verwirklichen.

Eigentlich ist Leben einfach – 8

Die existenzielle Person ist wesenhaft Einheit und Ganzheit, sagt Frankl, und das heißt, „daß sie wesentlich weder teilbar ist noch summierbar. Auch dort, wo wir Leibliches – Seelisches – Geistiges unterscheiden, tun wir das niemals so, als ob der Mensch aus ihnen wie aus Teilen ‚zusammengesetzt‘ wäre; denn der Mensch ist kein additives, sondern ein integrales Wesen.“

In seinem Werk Integral Psychology verortet Wilber die existenzielle Therapie – zu der die Logotherapie gezählt werden kann – im Übergang von personalen zu transpersonalen Entwicklungsstufen, im Graves-Kontext also im Übergang vom grünen zum gelben Meme.

Warum dort? Frankl versteht seine Logotherapie nicht als „bessere“ Therapie, sondern die Erkenntnisse anderer Schulen zuerst integrierend, die Erkenntnisse dieser Schulen dann differenzierend und letztlich transzendierend hin zu seinem Verständnis eines auf Sinn ausgerichteten Menschenbildes. Diese Schrittfolge von integrieren – differenzieren – transzendieren spiegelt wider, was wir bei Wilber im Kontext der Bewusstseinsentwicklung nachlesen können.

Das grüne Meme legt den Schwerpunkt auf Empathie, Gemeinwohl und Gleichwertigkeit (zur Erinnerung: Grün hat alle Meme ab Beige in sich integriert. Es trat nach der Transzendenz des vMeme Orange hervor, bei dem die dysfunktionalen Aspekte des auf Leistung, Erfolg und Selbstoptimierung ausgerichtete Wertesystems erkannt wurden und es sinnvoll wurde, diese Dysfunktionalität durch eine Entwicklung hin zum vMeme Grün zu mindern). Ab Gelb wird der Sprung in eine integrale Bewusstheit vollzogen, bei der Werte kontextsensibel dem Verhalten zugrunde liegen, es also nicht mehr um Abwertung oder Aufwertung einzelner Wertmaßstäbe geht, sondern alle Werte in einem vernetzten, systemischen und immer mehr holistischem Rahmen gesamt- und ganzheitlich die Grundlage für Verhaltens- und Handlungsweisen bilden.

Ab vMeme Gelb spielt logischerweise ein Begriff keine Bedeutung mehr: Reduktionismus. An seine Stelle tritt der Holismus und mit ihm die Position, dass ein System als Ganzes und nicht nur als die bloße Zusammensetzung seiner Einzelteile betrachtet werden muss. Das Hauptargument des Holismus ist, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, da die Interaktionen und Beziehungen zwischen den Teilen neue Eigenschaften hervorbringen, die in den isolierten Teilen selbst nicht vorhanden sind. Frankls Existenzanalyse betrachtet gerade diese Emergenzen, wenn sie auf die rein humane Fähigkeit zur Selbsttranszendenz abhebt, mit der jeder Mensch zu jeder Zeit in seiner individuellen Freiheit und Verantwortung und unabhängig seines psychophysischen Zustandes Stellung beziehen kann auf jemanden oder etwas, was er nicht selbst ist.

Aus diesen Überlegungen heraus ergeben sich für mich diese Thesen und eine Vision:

    • Die/derjenige, die/der logotherapeutisch mit Menschen arbeitet, muss im Kontext seiner beruflichen Tätigkeit das vMeme Gelb entwickelt haben.
    • Wer das vMeme Gelb entwickelt hat und sich in einer existenziellen Belastungssituation befindet, wird durch Interventionen psychotherapeutischer Schulen, die ihren Fokus auf die Bewusstheitsebenen bis vMeme Grün legen, kaum mehr erreicht werden können.
    • Wer in vielen seiner Lebensbereiche auf dem vMeme Gelb heraus wahrnimmt und sich verhält, wird öfter das Gefühl einer Art existenziellen Langeweile empfinden, da die Anzahl der Menschen, die das vMeme Gelb entwickelt haben, vielerorts noch begrenzt ist.
    • Wer das vMeme Gelb entwickelt hat, wird das Menschenbild Frankls, das bei seiner  Transformation auf den Kontext der Stärkung seelischer Gesundheit eines Menschen sowohl auf Sinnfindung, als auch auf Humor als auch auf Mitgefühl setzt, als eine Form von Weisheit ansehen.
    • Eine Vision: Wer das vMeme Gelb entwickelt hat, wird die Logotherapie und Existenzanalyse in Ergänzung mit dem Blick von Ken Wilbers Integraler Theorie als mehr als eine ohnehin schon ganzheitlichere Therapieform ansehen.  Aus dieser Bewusstheit heraus wird sie – die Integrale Logotherapie – als eine multifunktionale psychologische Unterstützung gesehen werden, sowohl als integraler Entwicklungshelfer für den einzelnen Menschen insbesondere im Kontext von Krise und Krisenprävention als auch als ein spannender Ausgangspunkt für eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die differenzierend würdigt, was die Menschheit bislang bereits zum Erhalt des Lebens geschaffen und vollzogen hat, um diesen Status Quo als Sprungbrett für eine weitere Transzendierung hin zu einer holistischen Weltgemeinschaft zu nutzen. Einer Weltgemeinschaft, in der das Geistige des Menschen im Kosmos den zentralen Beitrag dafür leistet, all das Unsinnige zu tilgen, das zu beobachten ist, wenn wir auf die Akteure schauen, die die dysfunktionalen Aspekte ihrer vMeme von Beige bis Grün dafür einsetzen, in ihren Handlungen mehrheitlich sich selbst als die Welt in den Blick zu nehmen.