Die Impulskontrolle zu verlieren oder mit Gebrüll, Gekeifer oder Aggression die Luft abzulassen, gilt heute weithin als Ausdruck einer schlechten Kinderstube. Wem öffentlich die Ader schwillt, wer schreit oder flucht, dem drohen schiefe Blicke. Auch Ärzte warnen vor zu viel Wutstress. Herzattacken und Schlaganfall werden begünstigt. Andererseits ist das der Emotion Wutvorangehende Gefühl des Ärgers an sich sehr hilfreich. Wem etwas ‚arg‘ ist, empfindet im Kern einen Wertekonflikt. Irgendetwas stört massiv und entspricht nicht den eigenen Wertmaßstäben. Günstig wäre nun natürlich, den verletzten Wert zu erkennen und angemessen den Konflikt zu kommunizieren. Wer anstelle dessen aber zur Wutreaktion übergeht, der mag sich biologisch ‚getröstet‘ wissen. So gehen Wissenschaftler der Harvard‐Universität davon aus, dass Wut dem Zweck diene, sich in der sozialen Hierarchie durchzusetzen. Dabei dienten Erbanlagen, die bei manchen Menschen den Botenstoff Dopamin im Gehirn regulieren, der für Wut und Aggression von Bedeutung ist. Viktor Frankl hielte diesem ‚Freibrief‘ wohl entgegen, dass ‚man sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen muss‘, also auch nicht von Genen und Dopamin.
Schauen wir auf das kleine Kind, dann zeigt sich Wut bereits im Gesicht mancher Babys. Klar, wenn man etwas will und nicht bekommt, dann entsteht ein Ungerechtigkeitsempfinden. Wut wird so zur Antriebskraft des Kindes, seinen Wert ‚Gerechtigkeit‘ verwirklichen zu können. Gelingt dies, dann steigert die Wut quasi das Selbstwertgefühl. Kommt das Kind durch sein Schimpfen nicht weiter, erhält es sogar Gegenwut, dann steht zu befürchten, dass es sich nicht angenommen oder ernstgenommen erlebt – mit entsprechend möglichen Auswirkungen für die weitere Entwicklung. Andererseits: wer als Kind konfrontiert wird mit elterlichem Gebrüll für Kleinigkeiten, der kommt in eine ständige Alarmbereitschaft, in Furcht oder Dauerscham.
Wie auch immer, wer als Wutbürger durchs Leben geht, braucht als Gegenpol die Fähigkeit, ‚in seiner Fassung zu verbleiben‘. Selbstregulation meint dabei nicht zwanghaft positives Denken. Vielmehr die Fähigkeit ‚eine Nacht drüber zu schlafen‘, eine regulierende Atemtechnik zu beherrschen, im Stillen zu fluchen, Ausdauersport zu betreiben, um mentalen Stress abzubauen. Dies wäre die verhaltenspsychologische Komponente. Die existenzpsychologische ist die, das eigene Wertesystem zu analysieren, um herauszuarbeiten, bei Verletzung welcher Werte der Hut hochgeht, und warum. Vielleicht wird einem so klar, dass vielleicht die Kaffeetasse, die immer in der Teeküche dreckig herumsteht als Mangel an Wertschätzung des Arbeitsteams empfunden wird. Die Tasse wird so zum Symbol für das Empfinden, immer den Dreck anderer wegmachen zu müssen. Wer einen solchen Zusammenhang erkennt zwischen Wert, Auslöser und Wutreaktion, der kann gegensteuern – mit wertebasierter Kommunikation und Bedürfnisformulierung.
- Auf welche Menschen oder Erlebnisse reagiere ich mit Ärger, Wut oder Zorn?
- In welchen Situationen ist meine Wut am größten?
- Wie lange beschäftigt mich schon diese Wut?
- Was empfinde oder spüre ich, bevor die Wut hochkommt?
- Was erlebe ich nach einem Wutausbruch?
- Was macht diese Wut mit meinen Gedanken und Phantasien?
- Wie äußert sie sich in meinem Körper?
- Was bekomme ich dafür, wenn ich meine Wut zurückhalte oder verberge?
- Was könnte mein Gewinn sein, wenn ich sie ausdrücke?
- Was wäre das Schlimmste, das mir beim Ausdruck meiner Wut passieren könnte?
- Was wäre das Schlimmste, das mir zustoßen könnte, wenn ich der Wut keinen Ausdruck gebe
- Was änderte sich tatsächlich in meinem Leben, wenn eine dieser Möglichkeiten eintreten sollte?




