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Stress

Stress kommt auf, wenn eine Person plötzlich vor einer Situation steht, deren erfolgreiche Bewältigung für sie deshalb wichtig ist, weil sie individuelle Ziele, Motive oder die Verwirklichung von Werten als bedroht empfindet oder meint, sich als Mensch in der Situation zu verfehlen. Irrelevante Situationen erzeugen keinen Stress. Stress kommt zudem auf, wenn eine Unsicherheit gegeben ist, ob die verfügbaren Ressourcen passend oder ausreichend sind, um die Situation gelingend zu gestalten. Stress wird also durch Soll-Ist-Diskrepanzen bewirkt, Ist die Situation durch Unsicherheit geprägt, dann empfindet der Mensch Stress, wird sie zum manifesten Selbstzweifel, dann sprechen wir von Krise. Nicht jeder Stress hat daher Krisencharakter. Zumeist führt das persönliche biologische Stressprogramm mit seiner Mobilisierung von mentalen und physischen Energien, sozialen Beziehungen und geistiger Ausrichtung auf Sinnhaftes dazu, die Situation zu meistern. Wird anschließend ausreichend entspannt und regeneriert, dann bauen Körper und Psyche wieder Energien für folgende Ereignisse mit Stressmuster auf. Gelingt dies nicht, läuft das System heiß und psychosomatische Phänomene unterschiedlicher Art werden erlebt – von den Klassikern wie Verspannungen, Verdauungsproblemen, Infekten oder Hautproblemen bis zu Störungen des Stoffwechsels, des Herzkreislaufsystems oder Konzentrationsschwierigkeiten.

Fraglos spielen individuelle Persönlichkeitsmerkmale wie der bekannte ‚Helfergeist‘, Abgrenzungsprobleme, psychische Bedürfnisse oder auch Lebenserfahrungen und das Lebensalter für das Auslösen von Stresssymptomen eine Rolle. Ebenso sind es aber auch die politischen, soziökonomischen oder strukturellen Aspekte, die auf das individuelle Stresskonto einzahlen. Beruflich waren es früher einmal zu enge Entscheidungskorridoren, die Menschen den Handlungsspielraum begrenzten und Stress erzeugten. Heute sind es oftmals genau die gegenteiligen Erscheinungen, bei denen Menschen im Globalisierungs- und Digitalisierungskontext stärker dazu aufgerufen werden, ergebnisorientiert und selbstverantwortlich recht große Handlungsspielräume auszuschöpfen. Zu wenig Führung und Orientierung sind dann die Stressoren.

Es gibt viele Rezepte und Top10-Listen, wie wohl Stress abgebaut werden könnte. Mehr Zeit für dies und das, Ruhezonen, Sport und Neinsagen – das sind die meistgenannten. Sicher nicht falsch, dennoch nur selten dauerhaft wirkungsvoll. Die aus unserer Sicht einzig robuste Verbesserung der Selbststeuerung zur Stressminderung ist die Klärung der Werte. Von den eigenen Werten geht alles aus, jede Einstellung zu Personen und Themen, jedes Verhalten, jede Handlung. Sind – und dies ist unsere häufige Wahrnehmung – die eigenen Werte unklar, dann hat dies zur Folge, dem zu folgen, was andere gefolgert haben, was wohl für einen erfolgreich sein müsste. Wer nicht in solcher Weise verfolgt werden will, klärt die eigene Wertewelt besser heute als morgen auf.

Anzeichen akuter Belastung bei Verlusterlebnissen

Je ausgeprägter die folgenden Reaktionen einer Person auf ein eingetretenes Verlustereignis, desto eher sollte ihr zeitnah geholfen werden:

Fehlende Trauerreaktion: Der Mensch hat den Verlust [noch] nicht realisiert, er wirkt teilnahmslos, geschäftig, emotionslos.

Depersonalisation: Der Mensch erlebt sich völlig anders als normal „Ich kann nichts fühlen…’„ „Ich stehe neben mir und weiß nicht, was los ist“, „Ich müsste traurig sein, aber ich fühle mich völlig leer…“

Derealisation:  Der Mensch erlebt seine Umwelt anders als sonst. „Ich glaube, ich bin in einem Film…“, Wo bin ich, wer sind Sie, was ist hier passiert…?“

Ergänzende Symptome: Gedächtnisstörungen, Gefühl der Überforderung, Kontrollverlust über die eigene Person und/oder die Situation, Erschöpfung, Verzweiflung, körperliche Stress-Symptome, sich aufzwingende Wiedererinnerungen z.B. Bilder, Geräusche oder Gerüche; Ein- und Durchschlafstörungen, Alpträume, Heißhunger, Übelkeit, Appetitlosigkeit

Durchschnittlich erlebt jeder Mensch …

  • an jedem Tag eine kleine negative Erfahrung oder er erleidet eine sehr kleine Enttäuschung: Essen versalzen, Bier nicht gekühlt, Postbote zu spät, Regen während des Spaziergangs …
  • alle 10 Tage eine kleine Enttäuschung: Sportwettkampf verloren, Flugzeug verpasst, leichte Erkältung, Vorgesetzter fordert Mehrarbeit, …
  • alle 100 Tage ein mittelstarkes negatives Ereignis: Hauseinbruch, Blechschaden, Ehestreit, Prüfung nicht geschafft, Grippe, teures Geschenk zu Bruch gegangen …
  • alle 1.000 Tage eine große Enttäuschung, negative Erfahrung: Tod, Scheidung, schwere Krankheit, Kündigung, Verlust eines großen Auftrags, …

Individuelle Krisenanfälligkeit – eine alte Messmethode

Im Jahr 1967 untersuchten die amerikanischen Psychiater Thomas Holmes und Richard Rahe die
Krankenakten von mehr als 5.000 Patienten, die sich in ärztlicher Behandlung befanden. Ihre Forschungsfrage: Verursachen belastende Ereignisse die Entwicklung von Krankheitssymptomen? .
Die Patienten wurden zu über 40 Ereignissen befragt. Dabei fanden die Wissenschaftler eine Wirkbeziehung zwischen den Lebensereignissen und individuellen Krankheiten.1970 führte Rahe eine weitere Studie durch, um die Zuverlässigkeit der Stress‐Skala als Indikator für Krankheiten zu untermauern. Dazu befragte er 2500 Matrosen zu ihren Lebensereignissen der letzten sechs Monate. Diese Daten wurden ergänzt um Daten zur Gesundheit der Personen innerhalb des folgenden Halbjahres. Wieder ergab sich ein Wirkzusammenhang. Seither galt die Hypothese, dass SItuationen, die in ihrer Summe den Grenzwert von 300 Punkten überschreiten das Risiko einer stressbedingten Erkrankung stark erhöhen.

LifeEvent-Skala - KrisenPraxis