Kategorie-Archiv: Individuelle Krisenprävention

Vom Staunen

Heute schon gestaunt? Über ein Verhalten, eine Leistung, eine Stellungnahme, eine Haltung? Im Kern staunt man über verwirklichte Werte einer Person oder einem Team, manchmal sogar einer ganzen Gesellschaft (so staunten nicht wenige Menschen auf der Welt über das Verhalten und die Handlungen vieler Deutscher beim Flüchtlingszustrom 2015, oder auch beim WM Sommermärchen). Ich persönlich staunte jüngst über den Stabhochspringer Armand Duplantis als dieser sich 6,30 Meter in die Höhe katapultierte. Oder über unsere Handballer und Handballerinnen und deren Teamgeist. Ich staunte über den virtuosen Einsatz einer der Lektoren meines jüngsten Buches. Und über die klugen Strategien der deutschen Zollbeamten beim Ausheben krimineller Clans im Kampf zum Beispiel gegen Menschen-, Drogen- und Waffenhandel. Ich bestaunte die Kunst von Marina Abramovic … Und wenn ich so darüber nachdenke, dann staune ich am ehesten, wenn ich wahrnehme, wie Menschen über sich hinausreichen.

Staunen lässt sich nicht erzwingen, es geschieht plötzlich und unerwartet, wie ein kleiner Moment des Todes von dem, was kurz zuvor noch als ganze Realität schien. Staunen drückt einen Reset-Knopf, weil man begreift, dass etwas Unbegreifliches geschieht, ohne dass die Erfahrung den Menschen bedroht oder ihn lähmt (wie beim Entsetzen). Wer staunt, ist weltoffen und wird von seiner Welt angesprochen. Wen nichts erstaunt, der mag abgestumpft, gleichgültig oder zynisch seiner Welt entgegenblicken – vielleicht bewegt er sich aber auch nur in einer ‚Blase‘, in der die Türen geschlossen sind?

Staunen gehört zur emotionalen Grundausstattung jedes Menschen. Am ehesten staunen wohl noch Kinder, und manche Eltern staunen darüber, worüber ihre Kinder so alles staunen. Versucht man das Phänomen rein neurowissenschaftlich zu erklären, dann findet sich in einer Situation ein Auslöser für einen Sinnesreiz, der innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde im limbischen System des menschlichen Gehirns zu einer Bewertung führt: in Form einer Neubewertung (‚das ist ja eine komplett neue Erfahrung für mich‘) oder als bewusster Gedanke (‚da hätte ich ja nie für möglich gehalten‘) oder als automatischer, unwillkürlicher Impuls (‚wow!‘ – mit dem so oft erwähnten ‚offenen Mund‘). Die Bewertung führt ihrerseits zu einer Konsequenz: emotional in Form positiver Überraschung, körperlich in Form eines positiv aufrüttelnden Empfindens, im Verhalten in Form einer verbalen und non-verbalen Kommunikation mit anderen und-oder mit sich selbst.

Aber ist das alles? Ich will meinen, nein. Denn, wer staunt, bestaunt meist ’nur‘ ein Ergebnis, ein außergewöhnliches Ergebnis. Wer ’nur‘ so staunt, verpasst etwas. Tiefgründiger kann man jedoch bestaunen, worum es der Person oder der Personen ging, als sie verwirklichte, was man selbst nun bestaunt. Tiefgründiger bestaunt man die Werte dieses Gegenüber. So wird aus Staunen eine spezifische Form der Wertschätzung. Damit wird es zu mehr als zu einem psychischen Prozess von Reizwahrnehmung – Reizverarbeitung – Reaktion, sie wird zu einem Ausdruck einer aktivierten geistigen Dimension (analog dazu könnte man meines Erachtens argumentieren, dass Bestürzung auch ein Ausdruck des Geistigen ist, hier jedoch aufgrund des Erlebens der Verwirklichung dysfunktional Abwertigen im Verhalten einer Person).

So betrachtet, stellt Staunen mehr dar, als ein bis dato unbekanntes Muster, was das limbische System nur noch nicht einordnen konnte. Es ist mehr als nur ein kognitiver Affekt, sondern vielmehr Ausdruck von etwas spezifisch Humanem: der Fähigkeit der Bewertung bislang noch nicht erlebter Selbsttranszendenz dessen, der den Staunenden mit ihr beschenkt hat.

Wer vom Moment des Staunens zum Denken über das ihn Bewegende angeregt wird, der kann sich damit philosophisch Fragen nähern, die das Prinzipielle des Seins berühren. Ein Sein, in dem Sichtbares und Unsichtbares, Wissen und Nichtwissen, zusammenwirken und wo der seiende Mensch immer wieder einmal erstaunt erfährt, dass das Finale des Lebens längst noch nicht erreicht ist – selbst und gerade dann, wenn er vielleicht der Ansicht ist, alle Anstrengungen bereits unternommen zu haben, mit dem eigenen Verstand den Sinn des Lebens geklärt zu haben.

„Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen; und wenn ihn das Urphänomen in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden; ein Höheres kann es ihm nicht gewähren, und ein Weiteres soll er nicht dahinter suchen; hier ist die Grenze.“

Johann Wolfgang von Goethe

Entscheidungsfindung in Gewissensfragen

Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl … – oder? Hier zuerst einmal viele Sichtweisen auf, ja, auf was eigentlich?

  • Aus Sicht eines Realisten ist ein Stuhl ein physisches Objekt, das unabhängig von menschlicher Wahrnehmung und Gedanken existiert und objektive Eigenschaften wie Größe, Form, Material und Funktion besitzt.
  • Aus Sicht eines Empiristen ist ein Stuhl ein physisches Objekt, dessen Existenz und Eigenschaften durch sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung erkannt werden.
  • Aus Sicht eines Idealisten ist ein Stuhl in erster Linie eine Konstruktion des Gehirns, die als Idee existiert und keine unabhängige Existenz außerhalb des Bewusstseins hat.
  • Aus Sicht eines Konstruktivisten ist ein Stuhl ein Konzept, das durch soziale Interaktionen und individuelle Erfahrungen konstruiert wird, wobei die Wahrnehmung und Bedeutung des Stuhls durch kulturelle und soziale Kontexte geformt werden.
  • Aus Sicht eines Utopisten könnte ein Stuhl als Symbol für eine ideale Gesellschaft betrachtet werden, in der seine Gestaltung, Nutzung und Verfügbarkeit die Prinzipien von Schönheit, Funktionalität und Gleichheit widerspiegeln. Der Stuhl repräsentiert dabei nicht nur ein physisches Objekt, sondern auch die Vision einer perfektionierten sozialen Ordnung und harmonischen Lebensweise.
  • Aus Sicht eines Phänomenologen wird ein Stuhl als Phänomen betrachtet, das durch die unmittelbare Erfahrung und das Bewusstsein des Individuums verstanden wird. Die Bedeutung des Stuhls entsteht durch die Art und Weise, wie er im Bewusstsein erscheint.
  • Aus Sicht eines Pragmatikers wird ein Stuhl in Bezug auf seine praktische Nutzung und die Konsequenzen seiner Verwendung betrachtet. Der Wert und die Bedeutung des Stuhls ergeben sich aus den praktischen Auswirkungen, die er auf das Handeln der Menschen hat.
  • Aus Sicht eines Existentialisten ist ein Stuhl ein Objekt, dessen Bedeutung durch die individuelle Erfahrung und die Freiheit des Menschen, ihm Sinn zu verleihen, entsteht. Existentialisten betonen die Rolle der persönlichen Entscheidung und Verantwortung bei der Interpretation der Welt.
  • Aus Sicht eines Strukturalisten wird ein Stuhl als Teil eines größeren Systems von Zeichen und Bedeutungen betrachtet. Die Bedeutung des Stuhls ergibt sich aus seiner Position innerhalb dieses Systems und den Beziehungen zu anderen Zeichen.
  • Aus Sicht eines Poststrukturalisten wird ein Stuhl als instabiler und fluid konstruierter Begriff betrachtet, dessen Bedeutung sich ständig verändert und von Machtverhältnissen und Diskursen beeinflusst wird.
  • Aus Sicht eines Funktionalisten wird ein Stuhl in Bezug auf seine Funktionen und die Rolle, die er in verschiedenen Systemen spielt, betrachtet. Die Bedeutung des Stuhls ergibt sich aus den Funktionen, die er für Menschen und Gesellschaften erfüllt.
  • Aus Sicht eines kritischen Rationalisten, ist ein Stuhl ein physisches Objekt, dessen Existenz und Eigenschaften zwar durch sinnliche Wahrnehmung erkannt werden, aber dessen Verständnis und Beschreibung stets offen für kritische Überprüfung und Falsifizierung bleiben. Aussagen über den Stuhl sind stets vorläufige Hypothesen, die durch empirische Beobachtung bestätigt oder widerlegt werden können.

Und nun das Ganze einmal für den Kontext „Was ist in der Bundeswehr ein Dienst an der Waffe, und anhand welcher Perspektive soll ich mich für oder gegen diesen Dienst entscheiden?‘

Realismus: Die Frage wird als objektives moralisches Problem gesehen – Handlungen an Waffen haben reale Konsequenzen, die unabhängig von subjektiver Wahrnehmung existieren.
Anregung: Prüfen Sie die tatsächlichen Konsequenzen Ihres Handelns: Was bedeutet es, eine Waffe zu tragen und gegebenfalls auch einzusetzen? Welche objektiven Gefahren oder moralischen Konflikte bestehen?

Empirismus: Die Frage wird durch persönliche Erfahrungen, Beobachtungen und Sinneswahrnehmungen bewertet.
Anregung: Informieren Sie sich über die Zahlen, Daten und Fakten der Bundeswehr: Sprechen Sie mit Soldaten, nutzen Sie die Möglichkeiten der unmittelbaren persönlichen Erfahrung. Welche Rückschlüsse lässt das Datenmaterial auf die moralische Dimension Ihrer Überlegungen zu?

Idealismus: Die Frage existiert primär im Bewusstsein; wesentliche Werte und persönliche Ideale bestimmen, welche perfekte Vorstellung Sie von Ihrem Leben haben.
Anregung: Reflektieren Sie, welche Ideale für Sie zentral sind. Welche Entscheidung stimmt am besten mit Ihrem inneren Bild überein?

Konstruktivismus: Die Frage ist Teil einer sozialen Konstruktion. Ihre Bedeutung entsteht durch Kultur, Erziehung und Austausch.
Anregung: Sprechen Sie mit Familienmitgliedern, Freunden, Lehrern oder anderen jungen Menschen. Welche Vorstellungen und Normen der Gesellschaft beeinflussen Ihre Frage? Wie interpretieren Sie diese für sich selbst?

Utopismus: Die Frage wird als Prüfstein für eine weit über die aktuelle Lage hinausreichende Vorstellung einer zukünftigen Gesellschaft angesehen, für die die aktuell zu treffende Entscheidung einen Beitrag leistet.
Anregung: Überlegen Sie, wie eine Welt aussehen würde, die Sie als die beste aller Welten betrachten. Wie würde Ihre Entscheidung dieser Vision entsprechen oder ihr widersprechen?

Phänomenologie: Die Frage wird aus der unmittelbaren persönlichen Erfahrung betrachtet.
Anregung: Achten Sie auf Ihre unmittelbaren Gefühle und Gedanken, wenn Sie sich vorstellen oder – so Ihnen die Möglichkeit dafür angeboten wird – eine Waffe zu tragen. Welchen Einfluss hat das unmittelbare Erleben auf Ihren Entscheidungsprozess?

Pragmatismus: Die Frage zielt auf die praktischen Folgen Ihrer Entscheidung?
Anregung: Überlegen Sie, welche Konsequenzen Ihr Handeln konkret haben wird – für Sie selbst im Kontext Ihrer Persönlichkeitsmerkmale, Kompetenzen, Interessen usw., für andere Menschen, für die Gesellschaft und Ihre Lebenswelt.

Existenzialismus: Die Frage zielt auf den Zusammenhang von individueller Freiheit und Verantwortung.
Anregung: Prüfen Sie, welche Freiheitsgrade Ihnen zur Verfügung stehen, um Ihre Entscheidung selbst zu treffen und reflektieren Sie dann, welche Wahl authentisch für Ihr Leben ist und wofür Sie persönlich Verantwortung übernehmen wollen.

Strukturalismus: Die Frage findet ihren Platz im System von Normen und gesellschaftlichen Regeln und wird aus dieser Perspektive beantwortet.
Anregung: Analysieren Sie, welche Werte, Gesetze und sozialen Erwartungen die Bundeswehr einerseits und Ihr Lebensumfeld andererseits definieren. Welche Handlungsoptionen ergeben sich daraus systematisch?

Poststrukturalismus: Die Frage wird als dauerhaft offene Frage behandelt, da sie von flexiblen Diskursen und Machtverhältnissen beeinflusst wird.
Anregung: Hinterfragen Sie die aktuell dominanten Narrative zur Frage, warum oder warum nicht ein Dienst an der Waffe von wem als ‚richtige‘ Entscheidung angesehen wird? Welche weiteren Perspektiven und Diskurse könnten andere Antworten nahelegen?

Funktionalismus: Die Frage wird nach ihrer Funktion im sozialen System gestellt
Anregung: Überlegen Sie, welchen Auftrag Ihr möglicher Dienst an der Waffe im militärischen, gesellschaftlichen oder familiären System erfüllt. Welche dieser Funktionen sind dabei für Sie relevant?

Kritischer Rationalismus: Die Frage steht im Licht rationaler Überlegung, aber unter dem Vorbehalt, dass alle moralischen Theorien und Prinzipien fehlbar sind und stets einer kritischer Prüfung ihrer Hypothesen bedürfen.
Anregung: Formulieren Sie zuerst unterschiedliche Positionen zum Dienst an der Waffe als „Hypothesen“ (z. B. „Dienst ist vertretbar, weil…“, „Dienst ist problematisch, weil…). Prüfen Sie sie kritisch: Welche Argumente stützen oder widerlegen sie? Unter welchen Bedingungen würden Sie Ihre Entscheidung auf Grundlage neuer Informationen oder Einsichten anpassen?

Allgemein: Mit jeder Entscheidung wählt ein Mensch etwas und er wählt gleichzeitig etwas ab. Existenzielle Entscheidungen tragen im Kern immer einen Wertekonflikt in Form eines Dilemmas mit sich. Jeder Mensch hat im Leben irgendwann eine solche Bedingung, zu der er so oder so Stellung beziehen muss. Als Grundlage der Orientierung dient für eine persönliche, freie und verantwortete Stellungnahme das individuelle Wertesystem.

Wege aus der Krise finden: Strategien für die Krisenpraxis

Die Bewältigung von Krisen gehört zu den größten Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert werden können. Ob persönliche Krisen, berufliche Herausforderungen oder globale Krisensituationen – sie alle erfordern eine gezielte Herangehensweise, um Lösungen zu finden und gestärkt daraus hervorzugehen. Hier stellen wir Ihnen wirksame Strategien vor, die Ihnen helfen können, den Weg aus der Krise zu finden.

  1. Akzeptanz und Selbstreflexion: Der erste Schritt bei der Bewältigung einer Krise ist die Akzeptanz der aktuellen Situation. Es ist wichtig, die Realität anzuerkennen und sich bewusst zu machen, dass eine Krise existiert. Gleichzeitig ist Selbstreflexion von großer Bedeutung. Nehmen Sie sich Zeit, um Ihre Emotionen, Gedanken und Reaktionen zu verstehen. Dies ermöglicht es Ihnen, Klarheit zu gewinnen und eine solide Grundlage für die nächsten Schritte zu schaffen.
  2. Zielsetzung und Priorisierung: Setzen Sie klare Ziele für sich selbst. Definieren Sie, was Sie aus der Krise erreichen möchten und welche Schritte erforderlich sind, um dorthin zu gelangen. Priorisieren Sie Ihre Ziele und fokussieren Sie sich auf diejenigen, die den größten Einfluss auf Ihre Situation haben. Dies hilft Ihnen, Ihre Energie und Ressourcen effektiv einzusetzen.
  3. Netzwerk und Unterstützung: In Krisenzeiten ist es wichtig, Unterstützung von anderen zu suchen. Bauen Sie ein Netzwerk aus vertrauenswürdigen Personen auf, sei es Freunde, Familie oder professionelle Helfer. Teilen Sie Ihre Gedanken und Ängste und lassen Sie sich von anderen inspirieren. Oft können unterschiedliche Perspektiven und Ratschläge neue Wege aufzeigen und helfen, Lösungen zu finden.
  4. Flexibilität und Anpassungsfähigkeit: Krisen erfordern oft flexible Denkweisen und die Bereitschaft, sich an veränderte Umstände anzupassen. Seien Sie offen für alternative Lösungswege und überdenken Sie bisherige Strategien, falls erforderlich. Flexibilität ermöglicht es Ihnen, neue Chancen zu erkennen und neue Wege zu beschreiten, die Ihnen möglicherweise bisher verborgen waren.
  5. Selbstfürsorge und Resilienz: In Krisenzeiten ist es besonders wichtig, gut auf sich selbst aufzupassen. Achten Sie auf Ihre körperliche und mentale Gesundheit, indem Sie ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung in Ihren Alltag integrieren. Pflegen Sie Ihre Resilienz, indem Sie positive Rituale und Strategien der Stressbewältigung entwickeln, wie beispielsweise Meditation, Achtsamkeit oder das Schreiben eines Tagebuchs.

Fazit: Die Bewältigung von Krisen erfordert Mut, Entschlossenheit und eine gezielte Vorgehensweise. Mit den oben genannten Strategien können Sie Ihre Krise als Chance zur persönlichen Weiterentwicklung betrachten. Vertrauen Sie auf Ihre Stärken, suchen Sie Unterstützung und seien Sie offen für neue Wege.

Krisenprävention

Landläufig meint präventives Handeln eine „vorausschauende Problemvermeidung“. Vermutlich achten Sie bereits darauf, bestimmte Lebensrisiken nicht oder nicht mehr einzugehen oder sich, Ihr Umfeld oder Ihre Habe gegen mögliche Schäden „so gut es eben geht“ abzusichern. Wer an Prävention denkt, dem fallen dabei in der Regel zwei Begriffe ein: „Vorsorge“ und „Versicherung“.

Unser Verständnis von Krisenprävention weicht von diesem Bild ab – denn: Krisen lassen sich nicht vermeiden, soll die Teilhabe am täglichen Leben nicht aus lauter Angst vor Widrigkeiten eingestellt oder begrenzt werden. Wenn wir hier also von Prävention sprechen, dann meinen wir die Bewusstmachung von Wirkungen nicht vollends auszuschließender Krisenereignisse der Lebensphase, die ab heute vor Ihnen liegt. Ein solcher Blick in die Zukunft vermag also nicht, Krisen zu verhindern. Schon in wenigen Minuten kann Sie ein Anruf erreichen, dessen Inhalt Ihr Leben in einen schmerzlichen Umbruch führen wird, schon in wenigen Stunden könnten Sie sich durch eine unerwartete Situation in einer Lage befinden, die Sie in eine Grenzerfahrung führt. Es mag sein, dass Sie manche Ereignisse für sehr unwahrscheinlich halten, andere hingegen sind für Sie vielleicht bereits absehbarer als für andere Menschen. Wie, was und wann auch immer: Letzten Endes geht es darum, dass ein Mensch in einer Krisensituation wieder „ins Handeln“ kommt.

Aus über 20 Jahren der Arbeit mit Menschen in Sinn-, Berufs- oder Lebenskrisen wissen wir um die Hindernisse, die auszuräumen sind, wenn bei aller emotionaler Überflutung, körperlicher Erschöpfung und der „Leere“ im Kopf die Frage zu beantworten ist: „Und nun?“ Vor dieser Frage stehen alle Menschen irgendwann im Verlauf eines Krisenprozesses – und da waren wir selbst auch keine Ausnahme. Dieses „und nun?“ wird für viele Menschen zu einer Art „zweiter Krise“. Erst wird der Verlust, die Verfehlung oder die Trennung, die meist die Krise auslösen, bearbeitet. Aus der anfänglichen Ungewissheit wird Gewissheit, aus der emotionalen Belastung entwickelt sich mit der Zeit die Annahme der Situation – „und nun?“ Jeder Coach, jeder Therapeut, auch jeder Freund wird nun wohl versuchen, mit dem Betroffenen daran zu arbeiten, wieder „in die Handlung“ zu kommen. Und genau das fällt vielen Menschen schwer.

Nicht nur eine reale Krise, sondern auch eine auf die eigene Persönlichkeit zugeschnittene, präventive Betrachtung von Krisenszenarien bieten entscheidende Impulse, Lernprozesse zu initiieren und Klärungsarbeit zu leisten. Eine derartige Präventionsarbeit überwindet das menschliche Verhalten, sich in Sicherheit zu wähnen und bislang bewährtes Denken und Handeln auch dann noch beizubehalten, wenn es sich zur Bewältigung der eingetretenen Situation nicht mehr anbietet.

Unser Krisenpräventionskonzept macht auf angemessene Weise die bisherigen, „konservierten“ Denkmuster deutlich und regt dazu an, Verhaltensprägungen oder Tunnelblicke zu hinterfragen und konkrete, alternative Umgangsweisen für den weiterhin natürlich nicht erhofften Eintritt einer Krise zu entwickeln.

Sign for help

Jüngst wurde ein Mädchen in Rheinland-Pfalz Opfer einer sexuellen Gewalthandlung, konnte jedoch durch ein Handsignal Passanten unauffällig um Hilfe bitten, so dass der Tatverdächtige festgenommen werden konnte. Bei dem Zeichen handelt es sich um das von der Canadian Womans Foundation eingeführte ‚Signal for Help‘. Es dient unter anderem Frauen dazu, auf häusliche Gewalt aufmerksam zu machen, wenn sie zum Beispiel in Videokonferenzen mit Kolleginnen und Kollegen arbeiten und diese so um Hilfe zu bitten. In Kanada und den USA ist das Zeichen bereits verbreitet. Es bleibt zu hoffen, dass Eltern, Schulen und Medien das Zeichen verbreiten.

Das Zeichen besteht aus dieser Abfolge: Zuerst wird die geöffnete Handfläche gezeigt und der Daumen nach innen angewinkelt. Danach werden die restlichen Finger auf den Daumen gelegt, sodass eine Faust entsteht. Sehen Sie dazu auch diesen Beitrag.

Wir meinen: eine hilfreiche Unterstützung zur Krisenprävention.

Schlussgedanken eines Logotherapeuten und sinnorientiert arbeitenden Coachs

Irgendwie war Sinn ja schon immer ein Thema, aber seit der in den Topmanagement-Etagen bekannte Berater Fredmund Malik von der Universität St.Gallen den Unternehmerinnen und Unternehmern zurief, dass Frankl den aus seiner Sicht wichtigsten Beitrag zur Diskussion um die Motivation des Menschen geleistet habe, nahm Sinn auch dort Fahrt auf. Leider jedoch oft genug falsch verstanden oder interpretiert.

Natürlich muss erwähnt werden, dass sich im Kontext der Frage, was zu einem gelingenden Leben eines Menschen beiträgt, ganze Heerscharen von Autoren geäußert haben. Alle haben mitgeholfen, Sinn durch die Verknüpfung mit anderen Themenfeldern wie beispielsweise Gesundheit, Persönlichkeitsentwicklung, Führung, Alter, Glaube, Krise oder Krankheit zu einem ‚big point‘ zu machen. Naheliegend, dass diese Entwicklung auch die Wissenschaft auf den Plan rief.

Aus der ‚empirischen Sinnforschung‘, deren Ziel in der Regel darin besteht, fruchtbare Ansätze für die psychotherapeutische, psychiatrische und psychoedukative Arbeit zu liefern, finden sich heute eine Fülle von Studien, die die Bedeutung des Sinns für das Wohlergehen, die Lebensgestaltung, die Zufriedenheit oder das Glück hervorheben oder auf Wege zur Integration von Sinn in therapeutische, pädagogische oder dialogische Prozesse hinweisen.

Wer sich tiefergehend mit diesen Ansätzen befasst, dem kann auffallen, dass die Person häufig übersehen oder unerwähnt bleibt, die Sinn nicht lediglich als eine etwas erklärende Variable menschlichen Daseins diskutierte, sondern ihn vielmehr als das Zentrum der Wesenhaftigkeit des Menschen hervorhob: Viktor Frankl.

Jeder Mensch hat stets einen konkreten, individuellen Lebenssinn

Wie geht das zusammen? Frankl, dessen ‚Trotzdem ja zum Leben sagen‘ [‚Man‘s search for meaning‘] bis heute bereits eine millionenfache Leserschaft fand und Frankl, dessen Erbe die Wissenschaft so zaghaft aufgreift – irgendetwas Spannendes scheint sich zwischen diesen beiden Welten abzuspielen. Vielleicht sind es Irrtümer?

Der Irrtum vielleicht, dass unter sinnvollen Tätigkeiten oder Handlungen reflexartig etwas Altruistisches, Karitatives, Ästhetisches, Pflegendes, Lehrendes, Kulturelles oder Empathisches verstanden wird? Verstärkt vielleicht noch um die Annahme, dass solche Tätigkeiten dann als Sinn in Erwägung gezogen werden, wenn andere zum Beispiel durch Krankheit oder Krise nicht mehr aufrechterhalten werden können?

Oder der Irrtum, dass man sich Sinn machen könne? Dieser Irrtum hält sich hartnäckig und muss aufrechterhalten werden, will man das, was man Sinn nennt, empirisch messen. Geht man davon aus, dass sich Menschen einzig mit Zielen, selbstgesetzten Aufgaben, Interessen, Eigenaufträgen oder Selbstverpflichtungen ihr Leben sinnerfüllt gestalten, dann freilich lässt sich messen, auf Basis welcher psychophysischen Verfassung sie dies tun.

Oder der Irrtum, Sinn sei gleichzusetzen mit kognitiver Bedeutungszuweisung, emotionaler Bewertung oder gar mit Zweck. Dass uns bereits Buchtitel den von Frankl angeregten Zugang zum Sinn erschweren, zeigt bereits der Begriff ‚meaning‘ im oben bereits genannten Bestseller. Übersetzt man ihn mit ‚Bedeutung‘, so kann er dann, wenn man ihn mit ‚ich messe etwas Bedeutung bei, ich verleihe etwas Bedeutung‘ mentalisiert, als aktiver kognitiver Prozess verstanden werden. So interpretiert, macht sich der Denkende seinen Sinn. Andersherum jedoch wird erst der sinntheoretische Schuh daraus: Es gibt jederzeit in der Welt eines Menschen, in seinem Möglichkeitsraum, ein verfügbares ‚Bedeutendes‘ – einen Sinn. Ihn gilt es zu suchen, zu finden und im Moment des Gefundenwerdens erkennt die Person die Bedeutung, die das Sinnvolle für sie hat.

Diese Anmerkungen sollen zu erkennen geben, dass Viktor Frankl mit der von ihm vorgestellten ältesten und in ihrer Ausformulierung einzigen Theorie des Sinns, nicht nur die phänomenologische Perspektive eines praktizierenden Arztes, Psychiaters und Psychotherapeuten einnimmt, sondern diese auch in einen umfassenden philosophischen Begründungszusammenhang verweist. Mit heutiger ausdifferenzierter wissenschaftlicher Sichtweise mag es nahezu als unmöglich erscheinen, sowohl eine angewandte Philosophie als auch eine angewandte Psychologie zu vertreten und, damit nicht genug, beide mit einer theoretischen Basis und einem ausformulierten Menschenbild quasi aus einer Hand zu einem ganzheitlichen Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis zu führen.

Ob Frankl dieses Gesamtkunstwerk gelang, entscheidet sich letztlich immer im Auge des Betrachters und dessen Bereitschaft, sich sein Bild vor dem Hintergrund eines Mannes zu machen, der sich zuallererst um die Pflege der Seele von Menschen in Krisen einsetzte und dabei erkannte, dass bei dieser Arbeit sich jedwede Reduktion des Menschen verbietet.

Frankls philosophisch-argumentatives Vorgehen ruht in der Tradition phänomenologischen und existenzphilosophischen Gedankenguts. Das allein reicht bisweilen bereits hartgesottenen Konstruktivisten oder Anhängern der Idee eines von einem freien Willen abgekoppelten Menschen aufgrund der postulierten neurobiologischen Vormachtstellung des Gehirns, um sich eines Diskurses mit Frankl zu entsagen.

Dem gegenüber könnte man nun die zahlreichen Wirkungsbelege der auf Frankls Theorie aufbauenden sinnzentrierten Psychotherapie heranziehen, um deren gegebenen Stellenwert in die Waagschale zu werfen. Wer sich für diesen Kontext interessiert, dem sei dieses Übersichtswerk empfohlen.

Viktor Frankl war Professor für Psychiatrie und mehr noch, ein Wissenschaftler und Praktiker im Grenzgebiet zwischen Psychiatrie, Philosophie und Psychotherapie. Worum es der Psychologie inhaltlich geht, haben die Seelenkundler Platon, Aristoteles, deutlich später dann Avicenna und andere in ihren Schriften zum Ausdruck gebracht. Aber als wissenschaftliche Disziplin schauen wir doch kaum mehr als in eine 120jährige Geschichte. Sigmund Freud fällt jedem ein, weniger bekannt sind da schon die Namen der Begründer der experimentellen Psychologie, Wilhelm Wundt in Deutschland und William James in den USA. Eine der Kernfragen der Psychologie und der Psychotherapie war und ist: Was treibt den Menschen an? Und im Kontext der ‚psychotherapía‘, der Pflege der Seele: Was treibt den Menschen an, dessen Dasein brüchig geworden ist?

Was ist das Grundstreben des Menschen? Diese Frage ist so schwer zu beantworten, dass sich über sie sogar drei sogenannte Wiener Schulen der Psychotherapie entwickelten. Die erste Schule, die Psychoanalyse, sieht den Menschen als nach Lust strebend an. Die zweite, die Individualpsychologie, sieht ihn als nach Macht strebendes Wesen und die dritte, die Existenzanalyse mit der auf ihr operativ fußenden Logotherapie, stellt das nach Sinn strebende Wesen ihrem Menschenbild voran.

Wenn die Psychologie heute beschreibt, wohin es den Menschen zieht, was er will, dann beschreibt sie ihn nicht nur deskriptiv, sondern sie schreibt ihm in gewisser Hinsicht immer auch etwas vor. Präskriptiv beschreibt sie, wie er leben soll, so dass sein Leben gelingt. Dies geht sogar zuweilen soweit, dass sich in den Träumen des Patienten dessen momentane Therapiesituation widerspiegelt. So träumen Patienten, die sich in einer jungianisch geprägten Therapie befinden, phantasievoller und bunter als Patienten in den anderen Therapierichtungen – dies verwundert nicht, ist diese Richtung mit ihrer Arbeit rund um Archetypen und Mythen doch ein Wesensmerkmal dieser Therapie.

Und schaut man in die Peripherie, auf den wachsenden Berg der Lebenshilfe-Bücher, die vorgeben wollen, was der Mensch zu tun hat, damit es ihm gut gehen kann, dann sehen wir Masterpläne, Handlungstipps, Methoden der Selbstreflexion und Einladungen zu Trainings aller Art. Alle gemeinsam bedienen sie einen Wunsch nach schneller Hilfe, Ordnung im Leben und Expertenmeinung.

Jedoch, die Grundstrebung des Menschen herauszuarbeiten, ist nicht gerade ein anspruchsloses methodisches Problem. Der Idee, das, was einen Menschen in Motivation versetzt, theoretisch zu fassen, liegt per se ein Menschenbild zugrunde. Weder die Erziehung, die Pädagogik, die Menschenführung, die Seelsorge, die Therapie, das Coaching und andere Arbeitsfelder, in denen Menschen mit Menschen arbeiten, kommen ohne Menschenbild aus. Menschenbilder sagen etwas darüber aus, wie der Mensch interagiert, wofür er zwei freie Hände hat und darüber, dass es eine grundlegende Beziehung zwischen ihm und Welt gibt, durch die das, was der Mensch in seinem Dasein möchte auch zurückwirkt in die Welt.

Das Problem der jungen Wissenschaft Psychologie besteht nun darin, dass die meisten ihrer prominenten Vertreter einer Versuchung unterliegen, der irgendwann vielleicht jeder in seinem Fach einmal unterliegt. Der Versuchung, einen Teilbefund zum Gesamtbefund zu erheben. So war es im Kontext der Freud’schen Lehre vorstellbar, dass einfache Algorithmen wie zum Beispiel der, dass der Mensch luststrebig ist und das Realitätsprinzip diesem Streben einen Strich durch die Rechnung macht, übertragen werden konnte auf alle Bereiche der Menschheitsgeschichte [die Aufsätze Freuds dazu sind beredtes Beispiel für diese Algorithmuslust]. Da jeglichem menschlichen Wollen ein psychischer Prozess zugrunde liegt, kann jedes durch Wollen Entstandene psychoanalysiert werden – im Kontext der Psychoanalyse eben dahingehend, in welchem Maße die Luststrebigkeit, der Einfluss der Libido, den Wollensprozess steuerte.

Wird nun der Algorithmus zum Prinzip erhoben, dann ist der Mensch nicht bloß luststrebig, sondern er ist es primär, er ist nichts anderes als das. Diese prinzipiellen Algorithmen finden sich in allen Schulen, die den Menschen letztlich reduzieren auf sich selbst. So finden wir einen solchen auch in der Individualpsychologie, in der Jung’schen analytischen Psychologie und auch in der Verhaltenstherapie, die dem Algorithmus folgt, individuelles Handeln käme dadurch zustande, dass es oft genug belohnt und dadurch verstärkt wurde. Der Mensch sei daher nichts anderes als ein Wesen, das durch seine Umwelt geprägt wird und nichts anderes als das Resultat seiner Lerngeschichte.

Ein biologistischer Ansatz sieht den Menschen motiviert durch die endorphinösen Belohnungsprozesse der Amygdala. Der Mensch tut so letztlich das, was ihm mittels angenehm empfundener Stimuli von seinem Gehirn vorgegeben wird. Breite neurowissenschaftliche Diskussionen können so am Ende streng vereinfacht auf den Satz verkürzt werden: Der Mensch ist nichts anderes als sein neuronales Substrat.

Alle diese Perspektiven beschreiben etwas am Menschen, aber sie beschreiben eben auch den Menschen als Etwas. Als ein Etwas, das durch die Libido gesteuert wird oder ein Etwas, das bestrebt ist, ein empfundenes Minderwertigkeitsempfinden auszugleichen mit einer ihm angeborenen Suche nach Geltung und Macht. Oder als ein Etwas, das nach Anerkennung strebt und dafür ein Verhalten erlernt, um den Erwartungen seines Umfeldes zu entsprechen. Kommt es zu den erhofften Belohnungen, verankert sich die Lernerfahrung als innere Stimme eines Eltern-Ichs, die dem Etwas vorgaukelt, das Beibehalten des Verhaltens würde auch weitere Anerkennung sichern.

Diese und viele weitere Denkschulen, die das Bild vom Menschen in den Jahren seit Freud stark beeinflusst haben, führen dazu, dass das Subjekt an die Stelle des Objekts gesetzt wird, dass darum mehr in den Fokus rückt, wie es dem Menschen psychisch geht [Zustand] als um die Frage, worum [Gegenstand] es ihm in seinem Leben geht. Der Philosoph Max Scheler unterscheidet an dieser Stelle zuständliche und gegenständliche Gefühle. Zuständliche Gefühle sind vollständig, wenn man sie erlebt. Aggression ist ein solches in sich vollständiges Gefühl. Hass jedoch ist ein gegenständliches Gefühl, es bedingt ein Etwas oder ein Jemand, auf das er gerichtet ist. Freude ist ein vollständiges, zuständliches Gefühl, Dankbarkeit bedingt wiederum einen Gegenstand, also zum Beispiel gegenüber einer Person, die einen Grund dafür bot, in einer Situation Glück zu erleben. Auch zwischen Trauer [einem gegenständlichen Gefühl, das einen Verlust eines Wertes zum Ausdruck bringt], Traurigkeit [als schnell aufkommendes und ebenso schnell verschwindendes, zuständliches Gefühl] und Depression [anhaltende negative Grundstimmung] verwischen die sprachlichen Grenzen immer wieder und machen die Exploration dessen, was in Therapie oder Coaching zur Bearbeitung ansteht nicht gerade leichter.

In der Schule fragt die Lehrerin, was ein Trauerfall ist. Hans: „Wenn ich mein Handy verliere!“ „Nein“ sagt die Lehrerin, „das nennt man einen Verlust!“ Franz: „Wenn ein Loch in unserm Dach ist, und es hereinregnet!“ „Nein“ sagt die Lehrerin wieder, „das nennt man einen Schaden!“ Chantal: „Wenn unser Direktor sterben würde!“ „Richtig“ sagt die Lehrerin, „das wäre ein Trauerfall, aber kein Schaden und kein Verlust!“

In einer holländischen Forschungsreihe hat sich gezeigt, dass zum Beispiel in Bewerbungssituationen ein gewisses Selbstwertgefühl vorteilhaft ist und, wie wohlbekannt, unterstützen viele Ratgeber und Coachs ihre Klienten eben darin, sich zum Beispiel mit positiven Affirmationen, sich selbst gegenüber freundlichen Ritualen und Sätzen usw. ein solch positives Selbstwertgefühl einzureden.

Im genannten Forschungsprojekt wurden nun die Probanden gebeten, sich zehn Minuten lang alle erdenklichen positiven Eigenschaften zuzuschreiben. Und in der Tat: Zwanzig Minuten nach dieser Übung konnte ein deutlich stärkeres Selbstwertgefühl nachgewiesen werden, um jedoch bereits wenige Minuten später abrupt nachzulassen und sogar unter das vor der Übung gemessene Level zu fallen. Der Grund für das Phänomen wurde schnell gefunden. In der ersten Phase setzen Trancezustände ein, die das positive Gefühl bewirken und in der zweiten Phase schaltet sich förmlich der Rest des Menschen ein, indem das quasi aufgeladene Selbstbild verglichen wird mit dem eigentlichen. Die hierbei auftretende Diskrepanz verunsichert, mit der Folge der Abwertung der eigenen Person.

Was man beim Einsatz von Drogen [Auslöser zuständlicher Gefühle] erhält, ist eine Belohnung als ob – nur, dass es das ob nicht gibt. Die Ausrichtung auf das Zuständliche, die sich im Kern als offensichtlich hedonistische Lebenshaltung erweist, findet sich oft bei Menschen mit neurotischen Persönlichkeitsakzentuierungen. Wenn es letztlich für solche Menschen nur um das Zuständliche geht, um das, wie es einem selbst geht, und wenn gleichermaßen das Objekt aus den Augen verloren wird, dann wird der Mensch abhängig von seinen volatilen Gefühlen. Hieraus lässt sich schließen: ein Ich, das sich in bloße Abhängigkeit von Empfindungen und den von ihnen ausgehenden Gefühlen ergibt, wähnt sich frei, macht sich jedoch abhängig davon, wie andere Menschen auf es einwirken und von inneren Zuständen, gegen die dann zum Beispiel mit Süchten aller Art versucht wird, gegenzusteuern.

Wenn nun ein Mensch sich abhängig macht von seinen egozentrierten, zuständlichen Gefühlen, dann wird nachvollziehbar, warum er so oft danach strebt, dass es ihm gut geht – also zum Beispiel durch Glück, Selbstwert, Lachen, Erfolg, Zufriedenheit, Glaube, Liebe, Hoffnung, Entspannung, Freude. Nur, hier stellt sich die Frage: Kann dies auf direktem Weg intendiert werden? Die Antwort ist so einfach, aber doch für viele Menschen so schwer zu akzeptieren: Alles, was den Menschen seelisch bereichert, lässt sich nicht direkt anstreben – vielmehr: es braucht einen guten Grund, von dem es getragen wird.

‚Je mehr der Mensch nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon‘, wusste Frankl. Wäre es nicht so und damit eine einfache Sache mit dem Glück – eine Disziplin wie die der Psychotherapie und womöglich auch die des Coachings wäre obsolet.

Ein guter Grund wird in der Sinnlehre Frankls auch Sinnobjekt genannt. Menschen, die sich zumeist auf die Verbesserung ihrer zuständlichen Gefühle ausrichten, vermögen oftmals nicht zu erkennen, was um sie herum konkret auf ihre Handlungen förmlich wartet. Anstatt durch ihr Handeln etwas in die Welt zu schaffen, was in der Folge etwas bewirkt, das ihnen gut tut, schaffen sie letztlich nur etwas aus der Welt, nämlich ihr Problem, sich mit dem befassen zu müssen, wofür es an sich gut wäre, sich einzusetzen. Dabei geht es nicht darum, dass ein Mensch sich überfordert. Vielmehr soll der Mensch lernen, seine beliebten Abkürzungen zu erkennen und in Frage zu stellen. Abkürzungen, zum Beispiel in Form von Vorstellungen, Vorurteilen oder inneren Wahrscheinlichkeitsrechnungen darüber, was man wohl in einer Situation erwarten wird, obwohl man selbst über keinerlei Ersterfahrung in diesem Kontext verfügt. Oder die Abkürzung über Glaubensannahmen, warum man wohl aus diesen oder jenen Gründen nicht geeignet sei, wenngleich man bislang keinerlei Erprobung vorgenommen hat. Die im Coaching vermutlich am häufigsten gehörte Abkürzung dürfte das ‚ja, aber‘ sein. Kurzfristig mag ein Mensch sich sogar gut fühlen, wenn sein ‚ja, aber…‘ fruchtet.

Hört der Klient letztlich auf seine innere Stimme, die ihm sagt, dass es trotz der psychischen ‚ja, aber‘-Abwehr etwas gibt, das ‚wenn nicht von mir, von wem denn dann‘ in die Welt geschafft gehört, dann wirkt dies dem Empfinden von Sinnverlust entgegen und verweist auch auf ein neues Gefühl. Aus einem ‚ich fühle mich gut‘ wird ein ‚ich fühle mich gut, um…‘. Und Frankl bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Das Bewusstsein, einer Aufgabe zu dienen, hat eine lebensverlängernde und krankheitsverhütende Wirkung“.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein erfreuendes, gesundes und nach vorne gerichtetes Neues Jahr.