Archiv für den Monat: November 2025

Eigentlich ist Leben einfach – 6

Eigentlich ist Leben einfach. Das ist meine These. Und ‚eigentlich‘ meint hier ‚ursprünglich und  wirklich‘ und nicht das relativierende Füllwort, das ein Mensch nutzt, wenn ihm zu einer echten Stellungnahme noch etwas zu fehlen scheint (eigentlich würde ich, wäre ich, könnte ich, aber …)

‚Eigentlich‘ – in ein ganzes Menschenbild gegossen finden wir es in den Zehn Thesen zur Person, die Viktor Frankl als Basis seiner Sinntheorie formuliert hat. Ich habe diese Thesen in meinem Buch ‚Coaching des Todes‚ zu erweitern versucht, wenn es um den Kontext ‚Leben nach Tod‘ geht.

In ‚Eigentlich‘ steckt auch Arbeit: Wesensarbeit. Worum ging und geht es mir, wenn ich auf mein Leben blicke? Wofür stehe ich wirklich ein, wofür nicht? Worin besteht meine Entwicklung vom Ursprung bis Heute und worin soll sie bestehen bis zu meinem Lebensende und darüber hinaus? Wozu ist es gut, dass es mich jetzt gibt – auch, wenn ich vielleicht früher diese Frage nicht so recht beantworten konnte, weil geschah, was geschah? Verantwortungsvolle Antworten auf diese existentiellen Fragen finden sich durch einen genauen Blick in die Geschichte der eigenen Werte, der Antworten auf Lebensfragen, den bisherigen Momenten der Sinnfindung und dem Gefühl, das sich einstellt, wenn es um die weitere Entwicklung im Leben geht.

Zahlreiche feine Methoden unterstützen heute Menschen darin, dem ‚Eigentlichen‘ zu stimmigen Begriffen und Formulierungen zu verhelfen. Eine dieser Methoden kann in der Anwendung des vMeme Modells von Clare Graves liegen. Ich rege dazu insbesondere dann an, wenn ein Mensch mir berichtet, dass das ‚worum es ihm geht‘ auf Hindernisse, Widerstände oder Angriffe in seinem Umfeld stößt – wenn es naheliegt, von einem Wertekonflikt zwischen der Person und Dritten auszugehen. Gelingt es, das im Konflikt stehende Thema mit der Bewusstheitsebene der Person und – als Hypothese formuliert – auch die Bewusstheitsebene der/des Dritten zu koppeln, dann kann die Person zu hilfreichen Einsichten kommen, die es ihr ermöglichen, Wege zu finden, die eine weitere Eskalation der Situation vermeiden.

Dazu einige Mini-Vignetten aus meiner Arbeitspraxis, die darauf verweisen, dass

  • aktuell aktive Bewusstsheitsebenen (vMeme-Ebenen) dazu neigen, situativ auf sie einwirkende, höhere vMeme anderer Personen als (massive zusätzliche) Belastung zu fühlen
  • höhere vMeme-Ebenen situativ niedrigere als ‚unpassend, störend, langweilig, altmodisch …‘ abzuwerten
  • eine vMeme-Ebene einer Person eine andere Person, die diese Ebene ebenfalls aktiviert hat, tendenziell als gleichwertig empathisch zu bewerten
  • situativ weit auseinander liegende vMeme sich schwertun, zu einem gemeinsamen Verständnis von etwas zu kommen …

Schichtleiter Logistik (situativ im vMeme Beige im absoluten Krisenmodus, nachdem ihm für die Erfüllung eines extrem wichtigen Auftrags zentrale Ressourcen ausgefallen sind) bekommt vom Betriebsrat eine (vMeme Purpur) Einladung zum Jahresritual „Feier der Gemeinschaft“.
Reaktion des Schichtleiters: „Ihr kapiert gar nichts und kommt mir mit dieser Zeitverschwendung, ich brauche Leute hier am Band.“
Gegenreaktion: Betriebsrat fühlt sich entwürdigt; die Solidarität mit dem Schichtleiter sinkt.

Prozessmanager in einem Rechenzentrum wird mit einem Hacker-Angriff konfrontiert, der ihn unvermittelt in den Krisenmodus vMeme Beige führt. Seine eingeleiteten Interventionen werden kritisiert, da er mit ihnen erforderliche Freigabe-Prozesse ignoriert.
Reaktion des Managers: „Formulare sind Luxus.“
Gegenreaktion aus dem Bereich Prozess-Compliance: „Auch in Notfällen muss man sich an die Regeln halten.“

Familienbetrieb. Senior mit vMeme Purpur im Kontext ‚Gestaltung von Handelswegen‘ besteht auf Lieferanten aus seiner Region. Junior mit vMeme orange will günstigere und innovativere Partner.
Reaktion des Seniors: „Solange ich hier was zu sagen habe, bleibt es bei meiner Lieferantentreue.“
Gegenreaktion: „Unsere Wettbewerbsfähigkeit steht auf dem Spiel, da können wir uns deine Traditionen nicht länger leisten.“

Vertriebschef im Jahresendspurt zu seiner Zielerfüllung bricht Preisleitplanken. Er agiert im vMeme Rot.
Reaktion Vertriebscontrolling mit vMeme Blau: „Sie unterminieren aus Eigennutz mit Kunden getroffene Vereinbarungen und riskieren Vertragsstrafen und Reputationsschäden.“
Gegenreaktion: „Ich verantworte meine Zahlen und die werde ich erreichen, auch wenn das mit Kollateralschäden verbunden sein sollte.“
Gegengegenreaktion: Vertriebschef erhält Vertragsauflösung ‚aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über die Geschäftsentwicklung‘.

Leiter HR will einen partizipativen Kulturprozess anstoßen (situativ im vMeme Grün)
Reaktion: CFO (in diesem im vMeme Blau) stoppt Budgetfreigabe mit der Begründung, die Maßnahme werfe keinen ROI ab und riskiere als Wohlfühl-Esoterik bereits etablierte Prozesse und Führungsstrukturen.
Gegenreaktion: HR wird vom Bewerbermarkt auf die Führungskultur befragt und erfährt reihenweise Absagen, da die Bewerber entlang des Zeitgeistes einen anderen Kulturstil erwarten.

Business Unit Leiter (situativ im vMeme Orange) kippt mit seiner Meinung „systemisch fragwürdig und die Leistungserbringung hindernd“ den im Unternehmen kommunizierten strategischen Ansatz einer KPI-Kaskadierung, bei dem übergeordnete Unternehmensziele in spezifische, messbare KPIs für verschiedene Abteilungen und Teams heruntergebrochen werden.
Gegenreaktion des Vorstandes (vMeme Gelb): „Das Unternehmen braucht die Orientierung über bereichsübergreifende
System-Indikatoren, ansonsten verlieren wir unsere Fähigkeit zur Analyse unserer vernetzten Systeme. Ich erwarte von Ihnen und Ihrer Unit, dass Sie diese Perspektive einnehmen, damit wir damit unsere Gesamtsteuerung erhalten.“   

Die Liste ließe sich endlos erweitern. Hier knapp formulierte Abwertungshaltungen:

beige wertet ab …

  • Purpur: „Aberglaube und Rituale – ich brauche Essen, kein Gerede.“
  • Rot: „Prahlerei hilft mir nicht beim Überleben.“
  • Blau: „Formulare? Ich friere.“
  • Orange: „Strategie? Ich muss heute durchkommen.“
  • Grün: „Gefühle? Ich brauche Decken.“
  • Gelb: „Dein Meta-Gerede ist Luxus.“
  • Türkis: „Kosmos? Ich suche Trinkwasser.“

purpur wertet ab …

  • Beige: „Einzelkämpfer sind unsicher – ohne Clan geht’s nicht.“
  • Rot: „Respektlos, bricht Tabus, gefährdet den Stamm.“
  • Blau: „Kaltes Regelwerk zerstört alle Tradition.“
  • Orange: „Gier frisst Seele, verrät die Ahnen.“
  • Grün: „Du relativierst heilige Geschichten.“
  • Gelb: „Du zerlegst unsere Geschichte in kalte Theorien.“
  • Türkis: „Viel zu abgehoben – wir brauchen irdische Rituale.“

rot wertet ab …

  • Beige: „Du bist zu schwach.“
  • Purpur: „Naives Clan-Kuscheln.“
  • Blau: „Nervige Bürokraten und Angsthasen.“
  • Orange: „Schlaumeier ohne Mut.“
  • Grün: „Softies, Opfergehabe.“
  • Gelb: „Labert klug, handelt nicht.“
  • Türkis: „Esoterik – weltfremd.“

blau wertet ab …

  • Beige: „Unzivilisiert.“
  • Purpur: „Aberglaube.“
  • Rot: „Unreifer Anarcho.“
  • Orange: „Zynischer Opportunist.“
  • Grün: „Verweichlicht, entscheidungsschwach.“
  • Gelb: „Relativist, macht Regeln wie sie ihm passen.“
  • Türkis: „Mystik ohne Bodenhaftung.“

orange wertet ab …

  • Beige: „Looser. Was du tust, ist nicht skalierbar.“
  • Purpur: „Klüngel, ineffizient.“
  • Rot: „Risikofaktor, Reputationsschaden.“
  • Blau: „Innovationskiller.“
  • Grün: „Feel-Good statt Outcome.“
  • Gelb: „PowerPoint-Philosoph.“
  • Türkis: „Visionsnebel ohne Ahnung von Business-Cases.“

grün wertet ab …

  • Beige: „Die Wohl der Gesellschaft irgendwie ausbeutend.“
  • Purpur: „Cliquendenken und Ausgrenzug Andersdenkender.“
  • Rot: „Toxische Männlichkeit.“
  • Blau: „Strukturen sind für euch ein Fetisch.“
  • Orange: „Profit über Menschen.“
  • Gelb: „Elitär-intellektuell.“
  • Türkis: „Wolkig-spirituell, entzieht sich konkreter Verantwortung.“

gelb wertet ab …

  • Beige–Grün: „Ihr seid gefangen in euren jeweiligen Einseitigkeiten.“
  • Türkis: „Zu unbestimmt und zu poetisch für Umsetzung.“

türkis wertet ab …

  • Beige–Grün: „Ihr seid gefangen in euren jeweiligen Einseitigkeiten.“
  • Gelb: „Zu kopfgesteuert und planetar blind.“

Allgemein: vMeme entstehen, weil Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen funktionierende Antworten auf wiederkehrende Probleme finden müssen: wie kann ich überleben, wie finde ich im Wir eine Zugehörigkeit, wie zeige ich Macht, wie schaffe ich im Wir eine stabile Ordnung, wie erziele ich Erfolg, wie erlange ich im Wir eine Gleichwertigkeit, wie kann ich für mich alles integrieren, wie erreiche ich im Wir einen Blick für das Ganze …  Sind die Antworten robust und verfestigen sie sich, dann formen sie sich zu neuronalen Bewusstheits-Mustern.

Kommt Person A (mit vMeme X) mit Person B (mit vMeme Y) zusammen, dann treffen unterschiedliche Problemlogiken aufeinander. Beispiel: Für ein dominantes vMeme Blau ist Regeltreue moralisch, für ein vMeme Orange ist Regel-Pragmatismus effizient, für ein vMeme Rot sind Regeln nur so lange relevant, wie sie der eigenen Durchsetzung dienen. Was für das eine vMeme zweckdienlich ist, erscheint dem anderen als unpassend. Aus dieser strukturellen Inkompatibilität entsteht schnell Abwertung („Kindisch!“ – „Zynisch!“ – „Sekte!“ – „Gefühlig!“ …), und die Abwertung kippt leicht in Destruktion.

Die Integrale Theorie von Ken Wilber, in der das Graves Modell integraler Bestandteil ist, sensibilisiert dafür, dass die Verwirklichung von vMeme (Wertesysteme) im konstruktiven Fall dazu beiträgt, Sinnimpulse in konkreten Situationen empfangen zu können. Konstruktiv meint dabei, dass eine Person einerseits sich dank vollzogener Klärungsprozesse ihrer Werte bewusst ist. Andererseits, dass sie ihre Weltoffenheit in einem höchstmöglichen Maße bewahrt, um das Risiko von Vorurteilen, die sie auf andere vMeme basierendes Verhalten lenkt, mindert. (In meinem Buch Sinncoaching habe ich dazu die Formel: Sinnfindung = Werteklärung x Weltoffenheit² zur Diskussion gestellt).

Beides, Werteklarheit und Weltoffenheit, sind zentral, will eine Person ihre Abwertungstendenzen ihrerseits abwerten. Dazu muss sie sich der Attraktivität von Abwertung bewusst machen. Abwertung „funktioniert“ kurzfristig, weil sie

  • Komplexität reduziert („Ich bin gut, die sind böse“)
  • Selbstwert schützt („Bevor ich mich bedroht fühle, werte ich andere lieber ab“)
  • Gruppengefühl stärkt („Zusammen sind wir stark gegen sie oder ihn“)
  • Machtgefühle stabilisiert („Mir kann niemand was“)
  • Zielerreichung beschleunigt („Ich habe keine Zeit für Befindlichkeiten“)

Jedoch: Abwertungen kosten Energie und verringern damit die Möglichkeitsräume für Sinnfindung.

Gegen das Abwertungsspiel der Psyche hilft letztlich nur die Aufwertung durch das Geistige.  Der Mensch findet Sinn nur, indem er sich selbst transzendiert – sich auf etwas richtet, das größer ist als er selbst (eine Aufgabe, eine Hingabe zu einem anderen Menschen).

Gefundener Sinn bewahrt einen Menschen vor Abwertung anderer: Ich kann Stellung beziehen für das, was mir wesentlich ist – ohne dabei den anderen zu entwürdigen oder ihm zu schaden. Man kann es auch so ausdrücken: „Die Kunst des Seglers fängt erst damit an, dass er imstande ist, die Kraft des Windes in einer gewollten Richtung sich auswirken zu lassen, sodass er sogar gegen den Wind zu segeln vermag.“ Viktor E. Frankl

Kurzbesuch im Haus von Viktor Frankl in Wien

Bei Viktor Frankl in Wien ist viel Spannendes los. Wir waren zu Besuch in der Mariannengasse und freuen uns schon darauf, wenn auch Frankls ehemalige Privatwohnung bald zu einem neuen Teil des Museums werden wird. Die Vorbereitungen werden zurzeit getroffen mit dem Projekt der Frankl Sammlungen.

 

 

 

Und ein weiteres Projekt begrüßen wir sehr, auch wenn wir selbst mit unseren Konzepten zur zukunftsgerichteten, Individuellen Krisenprävention auf der Basis Franklschen Gedankenguts einen anderen Schwerpunkt legen, als es im Projekt LogoLog beschrieben ist: „Die Digitalisierung der vom Wiener Psychiater und Neurologen Viktor Frankl entwickelten Logotherapie bildet die Basis für LogoLog – eine innovative App als täglicher Begleiter zur Resilienzstärkung. Technisch nutzt LogoLog innovative künstliche Intelligenz gefüttert mit dem logotherapeutischen Menschenbild, welches bei Stärkung der individuellen Resilienz und der Suche nach der Sinndefinition im Leben unterstützt.

Die App interagiert mit dem/der Nutzer:in und kombiniert individuelle Eingaben via Chatbot und persönliche Biosignaldaten (z.B. Rückschlüsse auf Stress) um eine sinnvolle, resilienzfördernde und möglichst natürliche Interaktion zwischen Mensch und App zu ermöglichen. LogoLog greift ein hochrelevantes gesellschaftliches Thema auf, nutzt dabei Ansätze, die in Wien bereits vor fast 100 Jahren entwickelt wurden und kombiniert diese mit modernster Technologie. Dadurch werden komplett neue Wege beschritten, um psychisches und emotionales Wohlergehen sowie Resilienz ganzheitlich durch Interaktion mit LogoLog zu fördern.“

Wir wünschen für die Realisierung dieser Projekte viel Freude und Geduld auf allen technologischen Wegen. Und wir bedanken uns für die Führung durch das Haus und die Ausstellung – und die Erinnerung an seine zehn Thesen zur Person.

Eigentlich ist Leben einfach – 5

  

Das Modell der vMeme von Clare Graves [ein wichtiger Baustein in der Integralen Theorie von Ken WIlber] hat durch das Buch ‚Spiral Dynamics‘ von Don Beck und Chris Cowan eine recht breite Rezeption erfahren. Im Bereich Management- und Kulturentwicklung gehört es fraglos zu den Konzepten, die nicht nach kurzer Halbwertszeit wieder in den Regalen verstaubten. Dass Kritiker diesen werte-evolutionären Ansatz mit wichtigen Hinweisen versahen, war zu erwarten und der Sache auch würdig, schließlich ist die Robustheit eines Modells zentral für seine Akzeptanz. Andererseits, und da wird es auch gleich spannend, wird Kritik von Menschen geäußert, die womöglich aufgrund ihrer eigenen Denkstruktur gar nicht dazu in der Lage sind, das Modell in seiner Gänze zu beurteilen, aber dazu an anderer Stelle mehr.

Die schärfste Kritik bestand im Zweifel, ob mit dem Modell ein genügend konkreter Umsetzungserfolg verbunden sein kann, ob es also gelingt, das Bewusstsein um die Konstellation von Werten, die ein einzelner Mensch oder ein System (Familie, Team, Organisation, Gesellschaft …) hat, nützlich mit den realen Problemen der Gegenwart in Verbindung zu bringen.

Nun ist es bei Modellen immer so, dass es darauf ankommt, was man aus ihnen macht. Ein Modell zu kennen: schön. Es anzuwenden: besser. Es anzuwenden, im Bewusstsein, dass ein Modell stets etwas reduziert abbildet: noch besser. Es anzuwenden, ohne diesen Reduktionismus beizubehalten und die Ergebnisse aus der Anwendung des Modells nicht als ‚die Wirklichkeit‘ anzusehen: der Königsweg.

Auch das vMeme Modell von Graves ist also nie die Wirklichkeit, sondern bestenfalls ein Abbild eines Ausschnitts von Phänomenen, die wir Menschen als Wirklichkeit ansehen. Auf die drei abgebildeten Farbköpfe oben bezogen heißt das: wären es reale Menschen, dann könnte im Gespräch mit ihnen herausgearbeitet werden, welchen Werten sie heute Gewicht und Bedeutung beimessen und welche Werte so wesentlich ihr bisheriges Verhalten prägten, dass diese Werte ihnen heute als ‚Grundüberzeugungen‘ dienen. Aber – mit Viktor Frankl gesprochen – der Mensch ist ‚reine Dynamis‘ und damit immer in der Lage zum ‚anders werden‘. Was er dazu braucht, ist Sinn.

Findet ein Mensch Sinn und geht damit einher, dass er sich zur Verwirklichung dieses Sinns weiterentwickeln muss, dann wird dies nicht nur auf der ‚Oberfläche‘ geschehen, also zum Beispiel durch das Training neuer Kompetenzen oder einer reinen Verhaltensanpassung an äußere Umstände. Vielmehr bedarf Sinnfindung einer Entwicklung des individuellen Wertesystems als grundlegende Tiefenschicht menschlichen Verhaltens und Handelns. Mit anderen Worten: Das ‚Farbschema‘ der drei Personen kann sich je nach Ausrichtung auf neuen Sinn (immer wieder) verändern. So, wie es sich im Leben jedes Menschen vermutlich schon einige Male verändert hat, ohne dass er diese Veränderung in ihrer Wirkung auf das Wertesystem genauer untersucht hätte.

Das Modell von Graves kann somit als eine Orientierungshilfe verstanden werden, wenn man daran interessiert ist, sich ein Bild davon zu machen, wie man selbst oder andere Menschen mit den Herausforderungen und Sinnimpulsen ihres Lebens umgingen oder umgehen. Wie bewerte ich eine Situation, wie bedenke und fühle ich sie? Hier leistet die Klärung des Wertesystems einen fundamentalen Dienst und die Anwendung des Graves Modell bietet dafür eine Klärungshilfe.

Zurück zu den Kritikern: Das Modell lädt nach Ansicht einiger Hinweisgeber clevere Anwender dazu ein, aus ihm Test- und Messverfahren zu entwickeln, die dem Nutzer quasi auf Knopfdruck den Status Quo seines Wertesystems auf den Bildschirm zaubern. Wobei wir wieder bei dem Thema sind: es kommt immer darauf an, was man aus einem Modell macht.

In meiner eigenen Praxis verzichte ich völlig auf solche ‚Zaubertools‘ – denn, selbst wenn eines von ihnen in der Lage wäre, das Selbstbild einer befragten Person oder eines menschlichen Systems (Team, Familie …) verzerrungsfrei wiederzugeben, es würde es nicht leisten können, vielleicht schon im nächsten Moment, in dem die Person oder das System in eine Krise gerät dies auf der Werteebene abzubilden. Auch der realtime-Moment der Sinnfindung eines Menschen entzieht sich völlig eines wissenschaftlichen, empirischen Zugangs und bleibt damit im wahrsten Sinne des Wortes ‚geistiges Eigentum‘ der Person. ‚Tests‘, die vorgeben herausarbeiten zu können, worin ein Mensch Sinn findet, stellen einzig darauf ab zu ‚messen‘ ist, wie sich ein Mensch Sinn macht – ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Was ich in meiner Praxis – in Therapie oder Coaching – praktiziere, ist ausschließlich die Arbeit mit kontextbezogenen und lebensweltrealen Verhaltensbeschreibungen der Klienten, aus denen dann auf die ihnen zugrundeliegenden Werte durch den Klienten selbst geschlossen wird. Eine solche Arbeit in einem Gruppensetting durchzuführen ist nicht möglich – vielleicht war genau das das ‚Problem‘, dessen Lösung sich manches Beratungsunternehmen in der Entwicklung eines ‚Value-Tests‘ versprach?

Kommen wir zu einer weiteren ‚Bedenklichkeit‘. Im Graves Modell findet sich ein Aspekt, der auf  ‚Quantensprünge‘ in der Entwicklung menschlichen Bewusstseins hinweist. Mit jedem dieser Sprünge – von einem vMeme zu einem neuen – treten Menschen in einen erweiterten Möglichkeitsraum für den Umgang mit komplexeren Lebensthemen ein. Blicken wir auf die Menschheitsgeschichte, so könnte die Erfindung primitiver Waffen (zur Befriedigung des Bedürfnisses, überleben zu können – Beige vMeme), die Erfindung von kontextueller Sprache in Wort und Bild und die Gottesnamen-Erfindung (Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Erklärung von Weltphänomenen – Purpur vMeme) bis hin zur Erfindung planetarer Abkommen und integrierter Ego- Eco-Systeme (Bedürfnis nach ganzheitlicher Vernetzung zum Zwecke des langfristigen Überleben der Menschheit – Türkis vMeme) jeweils ein Hinweis auf zentrale Entwicklungsimpulse sein, die Menschen veranlassten, auf die mit ihnen verbundenen Meta-Lebensfragen adäquate Antworten zu geben. 

Folgen wir dieser Hypothese, dann nimmt mit jedem neuen, alles vorherige überragenden Entwicklungsimpuls nicht nur dessen Komplexität zu, vielmehr auch die Vielfalt möglicher ‚Antworten‘. Diese Grafik soll den Zusammenhang verdeutlichen:

Ein Beispiel aus dem Mikrokosmos eines einzelnen Menschen: Die Person hat bereits Entwicklungsimpulse in ihrem Lebensverlauf erfahren und den Umgang in Form von Verhaltens- und Handlungsweisen mit der in ihnen angelegten Komplexität erlernt und integriert. Nun tritt ein neuer Entwicklungsimpuls ein. Nehmen wir dazu an, die Person steht vor der Situation, entweder eine Tätigkeit auszuüben, für die es bereits eine Reihe nachvollziehbarer ‚guter Gründe‘ gibt (zum Beispiel familiäre Traditionen, eine ‚gemachtes‘ Nest, gewisse Talente …) oder eine Höherqualifizierung anzustreben, die es ihr ermöglichen würden, das Spektrum ihrer beruflichen Tätigkeit deutlich vergrößern zu können. Ein entsprechender Entwicklungsimpuls (zum Beispiel Wahrnehmung eines Verhaltens mit Vorbildcharakter bei einer anderen Person, unerwartetes ermutigendes Feedback von Dritten, Aufgreifen einer Information aus einer seriösen neuen Quelle jenseits der bekannten Bubble …usw.) geht ein und fordert die Person zu einer persönlichen Stellungnahme. Pathetisch formuliert könnte man sagen, die Person hat bisher ’selbst gedacht‘, nun lässt sie zu, dass für sie ein Stück gedacht wird (durch das Vorbild, den Feedbackgeber, die Informationsquelle …) und damit letztlich sie selbst in die Lage kommt, ihr eigenes Denken zu veredeln. Im ‚Veredelungsprozess‘ greift sie dabei auf das Bisherige zurück und führt nach dem Entwicklungsimpuls Schritte weiterer Differenzierung durch (zum Beispiel Pro- und Contra-Überlegungen, der Einsatz weiterer Informationsquellen, Erfahrungsberichte anderer usw.). Kommt nun die Person an einen Punkt, an dem sie einen Sinn (ein ‚Worum hat es mir ab jetzt wirklich zu gehen‘) entdeckt, die Entwicklung entweder in Richtung ‚Verbleib in einem spezifischen, bekannten beruflichen Kontext‘ oder ‚Aufbruch in ein neues Qualifizierungsfeld‘ zu vollziehen, dann können wir dies – im Verständnis der Sinnlehre Frankls – als Ausgangspunkt dder Transzendierung hin zum Sinn verstehen. Im ersten Fall könnte die Sinnfindung darin bestehen, dass die Person einen Impuls erfährt, der Werte in ihr berührt, die auf Bewahrung einer bestehenden Struktur und Qualität gerichtet sind, im anderen Fall Werte, deren Verwirklichung auf Herausforderungen im Kontext neuer Leistungen zielen (im Graves Modell könnten dies mit den vMeme Blau und Orange korrespondieren).

Nehmen wir an, die Person vollzieht ihre Stellungnahme hin in Richtung ’neue Leistung‘. Sie tritt damit ein in den Möglichkeitsraum eines neuen vMeme, einem Raum, in dem sie alles integriert, was ihr ihre bisherige Entwicklung quasi in ihren Rucksack gelegt hat. Solange es keinen weiteren Entwicklungsimpuls in ihrem Themenkontext (hier war es der Kontext Weiterentwicklung/-bildung im Leistungskontext) gibt, der sie hinführt zu einer neuerlichen Sinnsuche, wird sie im besten Fall bestrebt bleiben, die Komplexität der Themen, die sie zu bewältigen hat (hier im Kontext des Einsatzes ihrer Qualifikationen) entlang ihrer entwickelten vMeme zu bewältigen. Der Umgang mit der bestehenden Komplexität wird dabei maßgeblich von den Anforderungen beeinflusst, die die Lebenswelt der Person formuliert. Solange die Lebenswelt also Fragen an die Person richtet, die sie mit ihren entwickelten vMemen beantworten kann, wird sie das Gefühl haben, sich selbst steuern zu können, alltagstaugliche Verhaltens- und Handlungsweisen vorhalten zu können, im Flow zu sein usw.

Die Crux liegt nun darin, dass nach der freien und verantwortlichen Stellungnahme hin zu einem neuen Sinn die bereits entwickelten vMeme alleine nicht ausreichen. Vielmehr gilt es, auf der Spirale der Bewusstheit eine Ebene weiterzukommen, also zum Beispiel vom vMeme Blau hin zum vMeme Orange. Einfach gesprochen bedeutet dies, dass die Person einen Prozess der Werteentwicklung vollzieht. Wenn Frankl darauf hinweist, dass ein Mensch Sinn findet durch Verwirklichung seiner Werte, dann bedeutet das, dass neuer Sinn im Leben gefunden werden kann, wenn neue Werte berührt werden, deren Verwirklichung von der Person als sinnvoll gefühlt werden.

Neuer Sinn und neue Werte bedeutet nun aber nicht, dass beide erfunden werden müssten. Vielmehr gilt es, im Rahmen einer Werteanalyse herauszufinden, welche von ihnen zu einem die Person erfreuenden Gefühl führen, das innerlich dazu aufruft, ihnen mehr als bisher Raum zur Entwicklung zu geben. Und das Finden neuen Sinns – darüber habe ich in der KrisenPraxis bereits mehrfach geschrieben – wird durch Weltoffenheit gefördert. Wer sich diese Aspekte detaillierter erarbeiten möchte, der kann gerne in meinem Buch Sinncoaching, erschienen jetzt im November 2025, dazu nachlesen.

Dass es, wie Clare Graves zu seinem Modell ergänzt, in der Entwicklungsgeschichte der gesamten Menschheit zu solchen Entwicklungssprüngen von vMeme zu vMeme gekommen ist, mutet nicht sonderlich überraschend an. Schauen wir auf Technologiesprünge, die Entwicklung und Verbreitung menschlichen Wissens oder auf die rasant zugenommenen Möglichkeiten der Kommunikation und Vernetzung mit anderen Menschen, so liegt auf der Hand, dass auch innerpsychisch vergleichbare Entwicklungsprozesse vollzogen werden mussten. Die Plastizität des Gehirns als Grundvoraussetzung für die Aufnahme und Verarbeitung neuer Entwicklungsimpulse darf in diesem Kontext als Basis aller kollektiven und individuellen ‚Werdung zum Anderen‘ angesehen werden. Und ein Ende dieser Plastizität ist nicht in Sicht, somit auch nicht der Möglichkeitsraum für die Entwicklung des Einzelnen und der Ganzheit aller.

Weitere kritische Stimmen beklagen, dass im Graves Modell zeitliche Aussagen darüber vorgenommen werden, wann die verschiedenen vMeme wohl entstanden sind. Womöglich wird die Kritik gerade von den Personen formuliert, deren vMeme Orange eine wissenschaftlich detaillierte und fundierte Aussage erwartet. Aus der Perspektive zum Beispiel eines vMeme Gelb oder Türkis erscheint diese Kritik zwar nachvollziehbar (schließlich sind in diesen Meme die Wert- und Bewertungsmaßstäbe von Orange integriert), ihre Bedeutung tritt auf dieser Bewusstheitsebene jedoch gegenüber der grundsätzlicheren in den Hintergrund, bei der die Transformation menschlicher Bewusstheit hin zu einem ausgeprägterem synthetisierenden und holistischen Denken eher von Interesse ist.

Kritik wie Anerkennung an einem Modell wie dem von Clare Graves zielt letztlich auf eine Dualität von Richtig oder Falsch, auf passend oder unpassend usw. und weist damit tendenziös auf eine Argumentation aus dem blau/orange vMeme hin und damit verbunden auf eine Art blinden Fleck, der darin liegt, dass ausgeblendet wird, dass ein vMeme dazu führen kann, dass eine Person sich mit ihm identifiziert. „Ich bin nichts anderes als mein derzeit höchstentwickeltes vMeme“ – der damit verbundene Reduktionismus verweist über diesem vMeme liegende, mögliche weitere vMeme in den blinden Fleck. Solche Blindpunkte, so meine Annahme, hat jeder Mensch und jedes menschliche System und führt zu individuellen oder kollektiven Irrtümern in der Wahrnehmung und Beurteilung von Aussagen, die einem noch nicht entwickelten vMeme entspringen. Weiter gedacht wäre es wohl eine gute Idee, erst einmal zu postulieren, dass keinem Mensch ALLES bewusst sein kann, sondern vielmehr seine aktuelle Bewusstheitsebene gleichsam eine Art Grenze zu denen bildet, die danach auf Entwicklung warten – dieses Postulat gilt meines Erachtens für jede noch so weit entwickelte Bewusstheit.

Wenn dieser Aspekt mitgedacht würde, die Person sich also nicht per se mit ihrer Bewusstheit identifiziert, dann mag damit eine Blockade gelöst werden können, die Transzendenz hin zu einem Sinn, der sich in einem noch nicht zuvor gedachten Raum findet, erschwert. Mir persönlich erscheint für diese Blockadelösung die Verwirklichung eines spezifischen Wertes besonders hilfreich zu sein – der Wert ‚Toleranz‘, der sich auf Alles bezieht. Die Wirkungen einer solchen Alltoleranz zu diskutieren, mag sich anbieten für all diejenigen Menschen, die fühlen, dass wir Alle weit mehr sind als die vermeintlichen, konstruierten, aufoktroyierten oder eingepflanzten Trennungen, die im Kern Entwicklungshindernisse darstellen. So gedacht wird jedes Denken, das zur Entwicklung einer Bewusstheitsebene beigetragen hat, nie als richtig oder falsch angesehen werden können, sondern vielleicht eher als bereits angelegter innewohnender Auftrag eines jedes Menschen hin zu einer Quintessenz allen Seins, das ALLE Phänomene vereint: Dass – in meinen Worten – jeder Mensch niemals IST, sondern immer zu ALLEM wird, das er immer schon war.

Ein Modell wie das vMEME-Modell von Graves hält dies offen, auch wenn seine Struktur dazu einladen kann (aber nicht muss), die Werdung eines Menschen aus der Perspektive hinzukommender Bewusstheiten zu erklären. Mit dieser Einladung folgt das Modell vielen anderen, die die Psychologie hervorgerufen hat. Aber – und hier wird es für mich reizvoll – in ihm ist für mich ein Aspekt von integraler Qualität: Dass jedes komplexer entwickelte Sein (das weit mehr ist als das reduktionische Angebot eines Frontalcortex) seinen Sinnimpuls bereits integriert hat. Der Sinnimpuls als Auftrag zur Entwicklung weiteren Werdens, oder wie es Viktor Frankl formuliert: „Die Freiheit der Person ist nun nicht nur eine Freiheit vom Charakter, sondern auch eine Freiheit zur Persönlichkeit. Sie ist Freiheit vom Sosein und Freiheit zum Anders-werden.“ (aus: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“)