Gehirn und Sinn

Jill Bolte Taylors Buch Gehirn hoch 4 ist die Verbindung einer außergewöhnlichen neurologischen Erfahrung mit moderner Hirnforschung. Ausgangspunkt ist ihr eigener Schlaganfall in der linken Gehirnhälfte, durch den sie zeitweise Sprache, autobiografisches Gedächtnis, Zeitgefühl und das Gefühl eines abgegrenzten Ichs verlor. Gleichzeitig erlebte sie einen Zustand tiefer Gegenwärtigkeit, Verbundenheit und inneren Friedens. Diese paradoxe Erfahrung des Verlustes der Ich-Funktion bei gleichzeitiger Erweiterung des Bewusstseins wird für Taylor zum Schlüssel, um das menschliche Gehirn neu zu verstehen.

Sie entwickelt daraus die These, dass unser Gehirn nicht eine einheitliche Persönlichkeit erzeugt, sondern aus vier funktionalen „Charakteren“ besteht, die sich aus der Kombination von linker und rechter Hemisphäre sowie Denken und Fühlen ergeben. In der linken Hemisphäre liegen zwei dieser Anteile: das denkende Ich (Charakter 1), das logisch analysiert, plant, Sprache benutzt und Zeit in Vergangenheit und Zukunft gliedert, und das emotionale Ich (Charakter 2), das unsere Ich-Identität, Ängste, Selbstschutzmechanismen und Verletzlichkeit trägt. Diese beiden linken Anteile sind stark auf Kontrolle, Bewertung und Abgrenzung ausgerichtet. Sie erzeugen das, was wir gewöhnlich als unser „Ego“ erleben – ein Ich, das sich getrennt von der Welt fühlt und ständig versucht, Sicherheit herzustellen.

In der rechten Hemisphäre verortet Taylor zwei weitere Anteile. Das rechte emotionale Ich (Charakter 3) erlebt die Welt in Beziehung und Resonanz. Es fühlt Mitgefühl, Verbundenheit, Dankbarkeit und Nähe zu anderen Menschen. Noch grundlegender ist das rechte Seins-Ich (Charakter 4), das jenseits von Gedanken, Zeit und persönlicher Geschichte existiert. In diesem Zustand erleben Menschen sich als Teil eines größeren Ganzen, in tiefer Präsenz, Stille und Sinnhaftigkeit. Genau diesen Zustand erlebte Taylor während ihres Schlaganfalls besonders intensiv, weil die linke, identitätsbildende Gehirnhälfte vorübergehend ausfiel.

Der Kern des Buches ist die Einsicht, dass diese vier Anteile nicht bloß theoretische Konstrukte sind, sondern reale, neuronale Funktionsweisen unseres Gehirns. Wir leben normalerweise überwiegend in den linken Anteilen, vor allem im denkenden und im ängstlich-identifizierten Ich. Dadurch entstehen Stress, innere Anspannung, Selbstkritik und das Gefühl, ständig etwas beweisen oder kontrollieren zu müssen. Das rechte Seins-Ich ist jedoch immer vorhanden, nur wird es im Alltag meist vom Lärm des Denkens und der Sorgen überdeckt.

Taylor zeigt, dass Gedanken und Emotionen neurobiologisch gesehen nur kurzlebige Aktivierungsmuster sind. Wenn wir sie nicht ständig weiterfüttern, beruhigt sich das Nervensystem von selbst, und der Zugang zur rechten Gehirnhälfte mit ihrer Präsenz, Weite und inneren Freiheit  öffnet sich wieder. In diesem Sinne versteht sie Freiheit nicht als äußere Unabhängigkeit, sondern als die Fähigkeit, bewusst zu wählen, welchem inneren Zustand wir unsere Aufmerksamkeit schenken.

Ein zentraler Gedanke des Buches ist, dass Sinn nicht durch Denken erzeugt wird. Das linke Gehirn versucht Sinn über Ziele, Leistung und Identität herzustellen, doch das bleibt fragil. Der tiefere Sinn entsteht im rechten Seinszustand, in dem wir Verbundenheit mit dem Leben selbst erfahren.

So ist Gehirn hoch 4 letztlich ein Plädoyer für eine radikale Verschiebung unseres Selbstverständnisses: Wir sind nicht unsere Gedanken, nicht unsere Ängste und nicht unsere Geschichten, sondern das Bewusstsein, das all das wahrnehmen und zwischen verschiedenen inneren Welten wählen kann. Taylors Buch lädt dazu ein, diese Wahlfähigkeit wiederzuentdecken und aus einem Zustand der Präsenz, Verbundenheit und inneren Freiheit zu leben.

Aus der Perspektive der Sinntheorie Viktor Frankls können wir dessen Hinweis, dass sich objektiver Sinn für einen Menschen stets in dessen Welt finden lässt, mit dem Charakter 4 in Verbindung bringen, während der Sinnsubjektivismus, der gemachte Sinn, mit den Denkprozessen des Charakters 1 korrespondiert.