Scham ist ein brennendes Gefühl. Man spürt einen Achtungsverlust sich selbst gegenüber oder vor anderen Menschen. Scham ist stärker als Peinlichkeit. Um Scham zu empfinden, brauchen wir ein menschliches Gegenüber, das auch Selbstbewusstsein hat. Vor dem Computer schämen wir uns nicht, obwohl der viel besser rechnen kann als wir. Auch nicht vor Tieren oder Säuglingen. Das unterscheidet die Scham von der Angst: Ich kann mich vor einer Schlange oder vor einem heranrasenden Auto ängstigen, aber nicht schämen.
Auf den ersten Blick kann Scham als eine psychische Funktion zum Erhalt der Überlebensfähigkeit eines Menschen angesehen werden. Wer Scham fühlt, der anerkennt seine Selbstanteile der Nicht‐Fähigkeit oder Nicht‐Fertigkeit im Spiegel der Erwartungen an sich selbst. Der Mensch vergleicht sich mit einem oder mehreren anderen Menschen und empfindet seine Außenwirkung in seiner Selbstanschauung diesen gegenüber als minderwertig. Oder er vermittelt ein Selbstbild von sich, das sich in einer Situation als unangemessen erweist und von der Außenwelt als solches ‚entlarvt‘ und mit entsprechendem Feedback versehen wird.
Scham geht meist einher mit einer Verunsicherung über das aktuelle Identitätskonzept. Dadurch, dass sie die Diskrepanz zwischen Ist‐ und Sollzustand anzeigt, hat sie eine identitätsfordernde Funktion. Die eigenen Unzulänglichkeiten, derer man sich schämt, können in der Folge jedoch nicht nur zu einem negativen Effekt – zum Beispiel der Minderung des Selbstvertrauens – führen, sondern auch ein bedeutender Impuls zur Persönlichkeitsentwicklung sein. Studien haben zum Beispiel gezeigt, dass Scham zu einer größeren Hilfsbereitschaft und größerem Mitgefühl führen kann. Ebenso erweist sich die Scham als zweckdienlich, um bei berechtigter Kritik von Dritten diese über das Schamgefühl zu einer angemessenen Selbstkritik zu transformieren, der ihrerseits ein Lernprozess folgt. Scham vermag somit die Fähigkeiten stärken, sich selbst zu helfen, offener für einen möglichen Fortschritt in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung zu werden, die psychische oder physische Verfassung zu verbessern oder die Schwelle der eigenen Schamtoleranz adäquat zu verschieben.
Hilfreich ist es in diesem Zusammenhang, den Unterschied zwischen dem ‚Gefühl für Scham‘ und einem ‚beschämt zu sein‘ zu erkennen. Das Gefühl für Scham kann als Reaktionsbildung verstanden werden, mit der sich im Verhalten eine besondere Sensibilität für den Erhalt und Schutz kontextspezifischer Ideale und Werte, zum Beispiel der Würde oder des Respekts zeigt. Das Gefühl ‚beschämt zu sein‘ resultiert hingegen vielmehr aus einer Frage wie: ‚War es richtig, mich so zu zeigen?‘.
Aus einer sozialpsychologischen Perspektive betrachtet schützen Schamgefühle unsere Privatheit und sind als inneres, extrem aversives Signal ein Indiz für eine empfundene Übertretung von Distanzgrenzen, zum Beispiel im Kontext der Preisgabe von intimen Informationen. Im sozialen Kontext bewirkt das Schamgefühl, dass Distanz zu anderen Personen eingehalten wird. In diesem Sinne ist Scham die Grundlage von Moral und Intimität und steht in engem Zusammenhang mit Schuld‐ und Selbstwertgefühlen.
Der kleine ‚Schmerz‘, das maßvolle und dosierte Erleben von Scham, ist notwendig, um sich selber in Frage stellen zu können und somit zu lernen. Sie spornt uns an, nach mehr Unabhängigkeit zu streben, Leistungen zu erbringen, die wir uns bisher nicht zugetraut haben ‐ also unseren Idealen nachzukommen, den idealen Vorstellungen, die wir von uns als Person haben. Solange Scham diesen Aspekt hat, ist sie durchaus positiv. Erst wenn sie die Person überwältigt und sich womöglich zudem mit Angst vermengt, wirkt sie destruktiv. Pathologisch meint dies: Wenn Häufigkeit oder Heftigkeit nicht mehr zu neuen angemesseneren Konzepten vom Selbst, von den Objektbeziehungen und der Umwelt führen können, sondern umgekehrt entweder zur dauerhaften Ausprägung eines schamresistenten ‚Größenselbst‘ oder zu einem fragilen narzisstischen Gleichgewicht mit ständigen Selbstzweifeln und der Neigung zur Idealisierung anderer Personen führen, dann ist therapeutische Arbeit an der Scham angezeigt. Das Bewältigen von Scham kann zu Erfahrungen des Stolzes führen und sich somit in innere Stärke verwandeln. Es stärkt die Fähigkeit, sich der Scham zu stellen und unterstützt den Individuationsprozess.




