Zum Beitrag vom 4.1.2026 – hier: Umgang mit Trauer

Wird über Trauer gesprochen, dann ist der Tod meist nicht fern. Dabei ist diese Grundemotion des Menschen mit Erfahrungen verbunden, die über den physischen Tod weit hinausreicht. Menschen betrauern den Verlust ihrer Heimat, ihrer Jugendlichkeit, ihres Berufes, ihrer Freiheiten, ja sogar die Niederlage ihrer Mannschaften im Sport. Menschen versinken in Lethargie, Depression, Apathie, Wehmut, Menschen suchen Trost und liegen sich in den Armen, um ein Stückchen Geborgenheit zu erfahren. Das alles unabhängig von ihrem Alter, ihrer Bildung, ihrem Geschlecht, ihrer Kultur, ihres Glaubens oder auch ihres Wohlstands.

Offen Trauer zu zeigen ist in einer Selbstoptimierungsgesellschaft, die dem Primat des Durchhaltens, Kämpfens und Leistens folgt, eine schwierige Sache. Schnell kommt so Trauer in die Nähe der Schwäche und des Tabus – mit der Folge, dass man verlernt, mit der eigenen und der Trauer anderer angemessen umzugehen. Viele Menschen geraten so in Trauerkrisen, weil sie ihre Verlusterlebnisse, die Folgen ihrer Erkrankungen oder die sich im Leben ergebenen Abschiede meinen nicht kommunizieren zu sollen. Dabei ist Trauer als angeborenes primäres Gefühl evolutionsgeschichtlich eine psychobiologische Reaktion zur Aufrechterhaltung der Gruppenbindung bei Trennungs‐ und Verlusterlebnissen. ‚Wir müssen jetzt näher zusammenrücken‘, dieser Satz spiegelt wider, wonach sich viele Menschen sehnen, wenn sie in Trauer sind.

Die Trauerforscherin Elisabeth Kübler‐Ross war die erste Wissenschaftlerin, die detaillierte Beobachtungen über die wechselnden emotionalen, kognitiven und verhaltensmäßigen Zustände bei trauernden Menschen machte. Mit ihrem Phasenmodell half sie dabei, die unterschiedlichen Interventionen herauszuarbeiten, die Menschen gut tun, um zuerst die Phase des Nicht‐Wahrhaben‐ Wollens, dann die Phase der aufbrechenden Emotionen, gefolgt von der Phase des Suchens und Sich‐Trennens und letztlich der Phase des neuen Selbst‐ und Weltbezugs zu durchlaufen. Heute wissen wir aber, dass dies nur ein grobes Modell ist. In der Realität verlaufen die Etappen manchmal mehrfach, manchmal unvollständig, manchmal schnell, manchmal über Jahre.

Trauer ist individuell und passt nicht in ein festes Schema. Dennoch gilt es für den betroffenen Menschen immer, zuerst einmal einen Verlust als Realität zu akzeptieren, den individuellen Trauerschmerz zu erfahren, sich wieder in die Umwelt einzupassen, in der nun fehlt, was zuvor gegeben war und dabei sich für das, was das Leben bereithält zu öffnen. Ob dabei das Gespräch mit vertrauten Personen, neutralen Dritten oder Gruppen unterstützen kann, muss die Person für sich fühlend entscheiden.

Ein trauernder Mensch stellt hohe Anforderungen daran, wie sein Trauern zu sein hat. Nicht selten wird Trauer in einer Weise gezeigt wie man sie in jungen Jahren im familiären Umfeld erlebt hat. Hieraus ergeben sich Trauer‐Glaubenssätze, die als ‚Ich‐sollte‘ oder ‚Ich‐müsste“‐Sätze formuliert werden, zum Beispiel als ‚sei perfekt in deiner Trauer‘; ‚beeil dich in deiner Trauer‘, ‚Sei stark in deiner Trauer‘. In der Begleitung eines trauernden Menschen kann es für ihn daher sehr entlastend werden, wenn er sich Erlaubnis erteilt, zum Beispiel ‚ich darf mir Zeit lassen‘ oder ‚ich darf meine Trauer auf meine Art gestalten und abschließen‘. Auf der körperlichen Seite gehören zu den Erlaubnissen, die eigene Versorgung durch gute Ernährung, Bewegung, ausreichend Schlaf und soziale Kontakte zu erhalten.

Aus Trauer zu lernen verweist auf die Vergänglichkeit unseres Lebens und der Dinge dieser Welt. Sie macht bewusst, dass Leben immer auch Abschied und Trennung mitmeint. Damit fördert sie eine Haltung, den Augenblick und das Vorhandene zu schätzen und die Relativität vieler Werte und Verhaltensweisen zu erkennen. Ein solches ‚abschiedlich leben‘ kann eingeübt werden: ‚Was würdest du heute anders machen, wenn dies der letzte Tag deines Lebens, deines Berufs, deiner Jugendlichkeit … wäre?‘ Sich diese Frage immer wieder einmal vorzulegen, kräftigt präventiv einen Menschen für den Umgang mit der Trauer, die sich eines Tages einstellen wird.