Kategorie-Archiv: Individuelle Krisenprävention

Burnout mit leichter Ironie

Wer stets fleißig ist wie eine Biene,
Kräfte hat wie ein Stier,
arbeitet wie ein Pferd,
abends müde ist wie ein Hund,
der sollte mal zum Tierarzt gehen,
denn vielleicht ist er ein Kamel.

Aufmerksamkeitsdefizit bei Sinnmangel

In unserer Praxis kommt zuweilen als Nebenthema der eigentlichen therapeutischen Arbeit das Problem von Eltern ins Gespräch, dass ihre Kinder ein Aufmerksamkeitsdefizit verbunden mit starker Aktivität hätten und sie mit diesem ADHS kaum zurechtkämen. Von diesem Syndrom wissen wir heute, dass es deutlich häufiger auftritt und nicht nur in der Kindheit oder Jugendzeit erscheint, sondern auch im Erwachsenenalter erlebt werden kann.

Im Kern wird das Syndrom so interpretiert, dass die Person unfähig ist, sich selbst und andere Menschen adäquat wahrzunehmen und als Mangel der Aufmerksamkeitssteuerung diagnostiziert wurde. In vielen Fällen gibt man als Ursache dem Phänomen der exzessiven Nutzung von Informations- und Kommunikationsmedien die Schuld.

Dreht man dieses Phänomen jedoch einmal um, dann erscheint die ‚Aufmerksamkeitsunfähigkeit‘ als eine spezielle Form der Aufmerksamkeit. Erlaubt man sich diesen Perspektivenwechsel, dann kann man im Verhalten des ‚Betroffenen‘ ein ausgesprochen eigensinniges, ausschließlich persönliche Interessen fokussierendes Verhalten erkennen. Wer eigenen Zwecken folgt, erscheint für andere vielleicht rebellisch oder undisziplinert. Aus eigener ADHS-Perspektive zielt dieses Verhalten jedoch darauf, in reizüberfluteter Welt sich selbst nicht zu verlieren. Man könnte es daher auf die Formel bringen: Weltkomplexität trifft auf innere Zerrissenheit mit ihr umzugehen, mit der Folge, sich an sich selbst und nicht an der Welt zu orientieren.

So betrachtet wird ADHS zum Selbstschutzmuster. Und Muster dieser Art lassen vermuten, dass dem ‚Betroffenen‘ eine Form eines Sicherheitsgefühl fehlt, das anzubieten Eltern womöglich leicht möglich ist, aber auf das Kind oder Jugendlichen individuell ‚zugeschnitten‘ werden muss. Dies weitergedacht, gehört nicht das Kind in ADHS-Therapie, sondern die Bezugspersonen gehören eingeladen in ein Gespräch über das, was aus ihrem Wissen heraus ihr Kind braucht.

Es kann keineswegs alles anders werden

„Es muss sich alles ändern.“ „Das kann keinesfalls so weitergehen.“ „Das muss jetzt endlich aufhören.“ So oder ähnlich formulieren Klienten zuweilen ihren Selbstanspruch an Veränderung, oft aus einem Affekt der Wut, der Angst oder einer Abscheu heraus. Die Motivation für ein Reset ist groß und doch wird allzu oft versäumt zu berücksichtigen, wie stabil eigene Routinen, Überzeugungen, Chiffren und Praktiken sind, die den Menschen eben auch zu einem Gewohnheitstier machen.

Eskalieren wir weiter und belassen es nicht nur bei einem Stress-Affekt, der entsteht, wenn einmal so richtig der Kaffee überläuft. Kommen wir an bei einem ‚krassen‘ Trigger. Einem Auslöser für einen Impuls, dem man nicht mehr ausweichen kann. Der einen vor die Wahl stellt – entweder wachsen oder untergehen. Mit großem Unbehagen fühlt der Mensch, dass es jetzt um etwas geht, das mehr ist als es seine Resilienz erlaubt. Er weiß, dass Nichtstun keine Alternative ist, dass die Suche nach Verantwortlichen (um nicht gleich von Schuldigen zu sprechen) auch nichts bringt und andere einem die Last des Triggers nicht abnehmen. Weil es bei diesem Trigger um die Verletzung eines eigenen Wertes geht, eines Selbstwertes, eines Lebenswertes. Wenn ein solcher wesentlicher Wert verletzt wird, wird der Mensch aufgerufen, zu dieser Verletzung Stellung zu beziehen. In diesem Moment muss jegliche Selbstlimitierung verworfen werden – Limitierungen, die einem die eigene Psyche immerfort anbietet. Geht ein Mensch in einem solchen Moment nicht über seine psychischen Limitierungen heraus, dann – so meine These – verfehlt er sich. Dann hat der Trigger das Ruder übernommen und damit teilweise die Kontrolle über das Leben der Person.

Die Wirkung des Triggers verspürt ein Mensch in seiner Psyche. ‚Psyche‘ ist die Adresse für alle Formen eines Abwehrmechanismus, mit dem sie einen Menschen zu schützen versucht. Als Schutzmacht kontrolliert sie das weitere Vorgehen: fliehen, kämpfen oder erdulden. Indem der Mensch sich in einer dieser Weisen verhält, unterwirft er sich gleichsam seiner Psyche und wird von ihrer individuell spezifischen Verfasstheit abhängig. Mit dieser Abhängigkeit kontrolliert nun der Mensch quasi seine eigene Psyche, indem er sie beauftragt, ihn immer wieder – vielleicht sogar auch immer stärker – in der ‚bewährten‘ Weise zu schützen.

Diese seltsame, musterhafte Dialektik (die Psyche kontrolliert die Person, die Person kontrolliert die Psyche usw.) aufzubrechen, ist die Aufgabe des Geistes als dritte Dimension neben der menschlichen Physis und Psyche. Mit dem Geistigen steht der psychischen Dimension quasi ihr Musterbrecher gegenüber. Das Geistige ist nicht Schutzmacht der Person, vielmehr ihre Trotzmacht. Trotz begrenzter Ressourcen und trotz psychischer Limitierungen, die dazu führen, dass die Psyche der Person ‚einredet‘, auf einen Trigger mit einer genannten Reaktionsweisen zu ‚antworten‘, steht stets die geistige Dimension der Person dafür zur Verfügung, ‚andere Sätze‘ dafür zu finden, wie sie mit dem Einfluss des Triggers umgehen kann.

Die Besonderheit ‚geistiger‘ Sätze besteht in ihrem Fokus auf Transzendenz des Selbst. Im Unterschied dazu kann man die Besonderheit ‚psychischer‘ Sätze darin sehen, dass sie zu einer Art Transformation des Selbst aufrufen. Mit jeder Flucht, jeder Vermeidung, jedem Angriff, jeder Leugnung, jeder Erduldung mehr, transformiert sich das Selbst-Verständnis eines Menschen immer stärker in Richtung eines dysfunktionalen Verhaltens im Kontext eines wahrgenommenen Triggers. Am Ende steht da ein Mensch, der sagt „ich kann nicht anders“. Das Leben nach einem Trigger wird so für einen Menschen zur Dauerflucht, zu einem Dauerkampf oder einer Dauererduldung. Und damit zu einem Dauerstress.

Dass derart gestressten Menschen viele Hilfsmittel zur Verfügung stehen, diesem Stress mindernd entgegenzuwirken, ist – so meine Vermutung – jedem Leser bereits bewusst. Es ist ein riesiger Markt, und vieles in diesem Markt leistet wirkungsvoll Ent-Lastung. Dennoch bleibt die Psyche eines Menschen ein Wahrscheinlichkeitsraum, in dem Ordnungsmuster oft sehr viel träger vorfindlich sind, als es der Mensch selbst wahrhaben mag. Eine Trägheit, die sich für die Bewältigung alltäglicher Aufgaben durchaus als Stabilisierungsfaktor anbietet, im Kontext eines Triggers aber zu einer Verengung des Möglichkeitsraums führt, der zu Ende gedacht, einen alternativen Umgang mit Triggern verunmöglicht. Das ist tragisch, führt es den Menschen doch zu einer Dauernutzung stressmindernder Hilfsmittel.

Wer sich auf diese Hilfsmittel einlässt, der tut dies aufgrund des eigenen, oftmals aber auch eines fremden Erwartungsmanagements. Man erwartet von der Person, dass sie sich im Griff hat, ihren Aufgaben gerecht wird, sich nicht gehen lässt, sich doch nicht so anstellt und so weiter. Und damit das Level an Erwartung hoch bleibt, wird der Person vermittelt, dass doch jeder Stress habe und jeder mit seinem fertig werden müsse. In dieser Dynamik findet sich sodann der Keim für weitere dauerhafte Gewohnheiten – jetzt aber nicht von der eigenen Psyche ausgehend, sondern als Antwort auf Erwartungen, wie denn mit der eigenen Psyche umzugehen sei. Erfüllt nun der Mensch diese Erwartungen, indem er in die riesige Schublade der Hilfsmittel greift, spart er – vermeintlich – Energie, die er aufwenden müsste, um anstelle permanenter Transformation in die Transzendenz seines Selbst zu gelangen.

Um an den Titel dieses Beitrags zu erinnern: Es kann keineswegs alles anders werden. Will meinen, die Psyche wird durch das Geistige nicht obsolet. Aber der Umgang mit Triggern kann ein anderer sein als ein rein psychischer. Um ins automatische alltägliche Gewohnheitshandeln zu kommen, braucht es kaum Selbsttranszendenz. Dafür reichen Empfindungsfähigkeit, Lebenserfahrung, gesunder Menschenverstand und viele andere kognitive und emotionale Ingredienzien völlig aus. Bei Triggern jedoch, mit ihrem Grad an unvorhersehbarer Unzumutbarkeit, reichen sie nicht aus.

Ein Trigger macht deutlich, was die Bedrohungslage ist. Sie zeigt sich in einer psychischen Überforderung individueller Gewohnheiten. Trigger (Sie können schon einmal überlegen, welche Ihre schon waren oder sein könnten) setzen das, was ein Mensch unter Normalität versteht, außer Kraft. Sie führen zu Kontrollverlust und zu einer Veränderungen in der Selbstkommunikation. Trigger greifen bewährte Werte an und je wesentlicher die angegriffenen Werte sind, umso entwertender wirken Trigger auf den Menschen ein – sofern der oder das, was da triggert, auch trifft.

„Das Einzige, was du mir nicht nehmen kannst, ist die Art und Weise, wie ich auf das, was du mir antust, reagieren will. Die letzte der Freiheiten, die man hat, ist die Wahl der eigenen Haltung unter den gegebenen Umständen.“
Viktor Frankl

Nutzt man einen Vergleich, so findet sich im persönlichen Parlament eine Koalition aus Körper und Psyche und in der Opposition alles, was diese beiden Koalitionäre angreift. Die Koalition sollte ihren Beitrag dafür leisten, die Konflikte, die durch die Opposition eingebracht werden, zweckdienlich und damit gesund aufzugreifen, ihre konstruktiven Anteile zu integrieren und Dysfunktionales herauszufiltern.

Die Präsidentin ist die geistige Dimension. Als per se gesunde, freie und verantwortliche Instanz hält sie die kommunikativen Kanäle in die Lebenswelt der Person offen, erhält ihr damit eine angemessene Spannung und einen Möglichkeitsraum zur Verwirklichung von Werten. Je aufgewühlter die Verfassung des Parlamentes ist, um so schwieriger ist es zuweilen für die Präsidentin, das von ihr wahrgenommene Sinnhafte den Koalitionären zu vermitteln. Dringt sie gar nicht mehr durch, zeigt sich damit die Unerschütterlichkeit der Gewohnheiten im Parlament. Erst, wenn diese Gewohnheiten auch nicht mehr durch Hilfsmittel beibehalten werden können, dann – so scheint es – wird der Weg freier für grundlegende, damit wesentlich wertebewusstere Ausrichtungen der Person. In solcher Situation fragt der Mensch nach dem Existenziellen und sucht nach einer Antwort, die er seinem Leben geben kann und die gleichwohl die Eigendynamiken seiner beiden Koalitionäre einhegt, die womöglich immer noch versuchen, sich mittels Selbstreflexion anzustrengen, doch noch Herr im Haus zu bleiben.

Als Therapeut kenne ich das Phänomen, dass Menschen sich eingedenk ihrer entstandenen Lebenssituation bereits das Hirn zermartert haben, was denn nun die Ursache für die Situation gewesen sei, wer die Schuld dafür habe, warum gerade sie nun betroffen seien, warum Sicherheiten nicht mehr gegriffen haben usw.. Aber – leider –  vieles an mühevoller (Selbst-)Reflexion verpufft wirkungslos, die Lage bleibt wie sie ist, der Stress wird giftig und die Sinnsuche beginnt. Und mit dieser Suche beginnt eine Art Zeitenwende. War die Reflexion noch der nicht mehr veränderbaren Vergangenheit gewidmet, steht die Gegenwart bereit für die Suche nach Sinn. Und war die Vergangenheit eine Zeit, in der auch Dinge geschahen, die nicht hätten geschehen sollen-müssen-dürfen …, beginnt mit der Gegenwart eine neue Freiheit, die natürlich die Vergangenheit nicht tilgt, aber zu einer neuen Bewusstheit im Umgang mit dem, was jetzt die Lage ist, beitragen kann.

Und diese Bewusstheit, dass jeder Mensch jederzeit Sinn in seinem Leben finden kann, entsteht durch die Erkenntnis, dass Finden von Sinn eine Bereitschaft bedingt, anders als bisher auf das eigene Leben zu schauen. Dieses Andersschauen können wir auch Selbstdistanzierung nennen. Eine Wendung von der Nabelschau der eigenen Person hin zur Öffnung zu dem, was die Person ihre Welt nennt. Diese offene Weltwahrnehmung funktioniert daher nur durch Wegsehen von der eigenen Person. Ungewöhnlich mag dieser Gedanke sein: je mehr ich von mir wegsehe, um so mehr nehme ich Gestalt in meiner Welt an und je mehr ich zu mir hinsehe, um so mehr sehe ich, welche Gestalt ich bislang noch nicht aus mir geformt habe. Und wieder steht der Markt bereit…

Denn, wer ich noch nicht war, der könnte ich ja noch werden – mit Hilfsmitteln, Optimierungsanstrengungen, Eigenaufträgen und vielem mehr. Und so passt sich Mensch seinem eigenen und-oder fremdem Erwartungsmanagement an und versucht, sich so selbst Sinn zu machen. Leider mit einem fatalen Denkfehler, denn der, der ich noch nicht war, kann ich niemals mehr werden. Der, der ich gerade jetzt noch nicht bin, der kann ich werden. Denn nur jetzt gibt es die Bedingungen für mich, jetzt der zu werden, der ich jetzt noch nicht bin. Die Bedingungen, in denen ich noch nicht der wurde, der ich heute anstrebe zu werden, sind nicht mehr die Bedingungen von jetzt. Ergo, Reflexion führt nicht zur Entwicklung, sondern bestenfalls zur Erkenntnis, jetzt das zu tun, was ich jetzt werden kann. Und zur Erkenntnis, dass, wenn ich das jetzt nicht tue, morgen womöglich gerne der sein würde, der ich gestern hätte werden können – nur, dass sich zwischenzeitlich schon wieder die Bedingungen geändert haben.

Bedingungen, seien es familiäre, gesundheitliche, berufliche, finanzielle oder soziale, führen alltäglich zu einem meist ausreichendem Maß an Routineproblemen. Diese gilt es zu lösen, das ist zweckdienlich und für die menschliche Psyche in aller Regel auch leistbar. Aber darüber sprechen wir ja nicht, sondern über Trigger. Mischen sie sich als unerwünschte Bedingungen zu denen des Alltags hinzu, dann ist die Summe vergleichbar mit einer Schallplatte, die gleichzeitig auf beiden Seiten abgespielt wird. Die eine Seite bringt Musik zu Gehör, die man kennt und gewöhnlich – dank einer positiven Trägheit – auch gerne hört – die Alltagsthemen werden bewältigt. Die Klänge der anderen jedoch belästigen – der Trigger schmerzt. Die Not zu wenden scheint einfach – man wende doch bloß die Platte. Jedoch, auf diese Weise von der Notwendigkeit bereits auf die Möglichkeit zu schließen, muss ein Trugschluss sein. Wäre es so einfach, dann wären die Praxen der Psychotherapie leer. Was also hindert den Menschen auf seinem Weg in die Möglichkeit? (Wieder bietet es sich an, kurz zu verweilen, um Ihnen die Gelegenheit zu geben, sich diese Frage – so sie spannend für Sie ist – einmal vorzulegen und auf die Antwort zu warten, die Ihnen Ihr Innerstes gibt).

Wird eine Person getriggert, dann ergibt sich eine Differenz zwischen ihrer angemessenen und ihrer als bedrohlich empfundenen Lebensweise. Übersteigt die Bedrohung die Angemessenheit, und kann die Bedrohung nicht wirkungsvoll gemindert werden, verliert die Person einerseits zunehmend an Unabhängigkeit und andererseits geraten ihre psychischen Möglichkeiten sukzessive ins Hintertreffen. Wir sprechen dann davon, dass die sogenannte Dekompensationsgrenze der Person nicht mehr unter ein für sie erträgliches Maß fällt. In einem solchen Zustand wünschen sich viele Betroffene, dass etwas derart geschieht, dass alles anders wird. Hauptsache, der Trigger wird abgestellt.

Operativ gesprochen wird Klienten, die über einen Trigger berichten, irgendwann zwar klar, dass sie nur über eine Änderung ihres eigenen Verhaltens sich dem Einfluss des Triggers entledigen können. Meist zeitgleich wird ihnen aber auch klar, dass diese Änderung sich in ihren gegenwärtigen sozialen Bezügen bewähren muss. Hierzu ein Beispiel: Eine 24jährige Frau wird schwanger. Sie berichtet ihrer Mutter davon, diese erzählt es ihrem Mann und der wiederum eröffnet ihr in einem Telefonat, dass er nicht daran glaube, dass sie es schaffe, ihrer Rolle als Mutter gerecht zu werden. Schließlich wäre sie ja noch nie auf eigenen Beinen gestanden. Nach einigen unerfreulichen Gesprächen mit ihrem Vater wird für sie irgendwann klar, dass dieser sich immer schon lieber einen Sohn wünschte und die entstandenen Lebensbedingungen seiner Tochter ihn in seinem Urteil nun bestätigten. Die Beziehung zum Kindsvater sind fragil, die finanziellen Bedingungen erschwert, die junge Frau arbeitet für ihren Lebensunterhalt, doch ihre Schwangerschaft bereitet ihr Zukunftssorgen. Das alles sind für sich bereits anspruchsvolle Problemstellungen, der Trigger aber, sich zum ersten Mal ‚unerwünscht‘ zu fühlen, überfordert die Frau komplett. Ihre bis dahin konstruierte Lebenswelt war bei allen Schwierigkeiten immer noch irgendwie kontinuierlich – nun aber ’schießt‘ sie der Trigger völlig aus der Bahn. Nicht nur wird mit einem mal sichtbar, was die junge Frau mit ihren Anstrengungen alltäglich in der Lage war, wegzumoderieren. Auch wird für sie sichtbar, dass ihre Anstrengungen aus der Sicht ihres Vaters von ihr vollzogen wurden, ohne dabei auf eigenen Beinen zu stehen. „Wäre es doch bloß alles anders und ich wäre ein Mann“, murmelt die werdende Mutter und merkt dabei nicht, wie sie sich in der Vergangenheit ihres Vaters verstrickt.

Trigger versuchen es immer wieder, eine gesunde psychische Trägheit, die erforderlich ist, um eine funktionierende Lebenspraxis sicherzustellen, auf die Probe zu stellen. Trifft ein Trigger auf lebensrelevante Bedingungen, wird er zu einer veritablen Zumutung. Als bloße Meinung geäußert, kann ein Trigger – auch, wenn er verletzend einwirkt – wegmoderiert werden. Dann ist man zwar enttäuscht, traurig oder entsetzt. Ist er aber mehr als Meinung, ist er etwa ein Urteil, dann steht eine existenzielle Frage im Raum: Woran will ich mein Leben messen lassen?

Wenn ein Mensch seinen Werten entsprechend so handelt, dass er sich (einem) Menschen oder Aufgaben hingibt und es dabei schafft, seine alltäglichen Herausforderungen auch in eigener Sache mit hinreichend funktionierenden Arrangements zu bewältigen, dann können wir von einer lebenskompetenten Person sprechen, die sinnorientiert agiert und praktische Problemstellungen im Rahmen der täglichen Routine meistert. Wer so aufgestellt ist, der mag besser gerüstet sein für triggerhafte Einflüsse, so dass aus präventiver Sicht es ein Gebot der Unterstützung ist, Menschen im Auf- und Ausbau ihrer Sinnwahrnehmung und Lebenspraxis zu helfen. Eine solche Unterstützung vermag es, einen personenzentrierten Übergangsprozess im Sinne einer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern, die dazu beiträgt, dass die Person ihre Steuerungsfähigkeit soweit ausbaut, dass auch erfreuliche wie unerfreuliche unerwartete Überraschungen, Zufälle und Unvorhersehbarkeiten von ihr mit ins Kalkül gezogen werden. Einen Übergangsprozess einer zwar fordernden, dennoch aber handhabbaren Transition, die nicht – wie bei einer Transformation – einen Wandel bedeutet, dem sich die menschliche Psyche mit ihrer Widerständigkeit in der Regel ohnehin verschließt. Einen Prozess, an dessen Beginn eine Einstellungsmodulation steht, durch die die Person ihre Bereitschaft aufbaut, sich perspektivenwechselnd einen Lebensentwurf zu erarbeiten, der den Ansprüchen gelingender künftiger Lebensphasen besser gerecht wird. Einen Prozess, dem kleine umsetzende Schritte folgen, die in die konkreten gegenwärtigen Situationen der Person passen. Derart präventive Entwicklungsarbeit lässt Menschen sich an mögliche neue Zukünfte gewöhnen, ohne dass sie derart in Bedrohlichkeit ausarten wie es Trigger in der Lage sind, die auf einen auf sie unvorbereiteten Menschen treffen. Hat man einmal verstanden, dass man von einem Menschen nur verlangen kann, wozu sie durch persönliche, materielle, soziale, strukturelle und finanzielle Bedingungen befähigt sind, dann ist der anfängliche Rahmen für die Entwicklungsarbeit abgesteckt. Denn: Es kann keineswegs alles anders werden.

Sie fragen sich, wie denn nun das Gespräch mit der 24jährigen Frau geführt wurde? In etwa so:

Therapeut: Sie sagen: „Es muss alles anders werden.“ Darf ich Sie fragen, was genau im Moment unerträglich geworden ist?

Frau: Dieses Gefühl, unerwünscht zu sein. Als hätte mein Vater mit einem Satz entschieden, dass ich scheitern werde.

Therapeut: Das klingt nach einem Trigger, der nicht nur schmerzt, sondern einen Ihrer wesentlichen Werte trifft. Ihre Psyche will Sie nun schützen: kämpfen, fliehen oder erdulden. Spüren Sie das?

Frau: Ja. Ich will entweder beweisen, dass er Unrecht hat – oder am liebsten verschwinden. Allemal ist es würdelos, was mir mein Vater gesagt hat.

Therapeut: Beides sind verständliche Antworten Ihrer Psyche, die versucht, Sie vor weiterer Entwertung zu schützen. Doch solange Sie nur reagieren, bleibt das Urteil Ihres Vaters der Maßstab, an dem Sie sich ausrichten.

Frau: Und wie sollte es sonst gehen?

Therapeut: Nicht indem Sie stärker werden, nicht indem Sie sich rechtfertigen und auch nicht, indem Sie verschwinden. Sondern indem Sie innerlich einen Schritt Abstand nehmen zu seinem Urteil und auch zu Ihrem ersten Impuls darauf. In diesem Abstand entsteht etwas Drittes: die Möglichkeit, selbst Stellung zu beziehen.

Frau: Sie meinen, ich müsste entscheiden, ob ich dieses Urteil gelten lasse?

Therapeut: Genau. Nicht widerlegen. Nicht bekämpfen. Sondern entscheiden, ob es definieren darf, wer Sie sind und wofür Sie leben. Mit Ihrer Stellungnahme beginnt Ihre Freiheit. Nicht die Freiheit, dass alles anders wird, sondern die Freiheit, nicht von diesem Urteil bestimmt zu werden. Ihr Vater spricht ein Urteil. Sie müssen es nicht zu Ihrem Maßstab machen.

Frau: Und was bleibt mir dann?

Therapeut: Die Verantwortung für das, was jetzt für Sie Sinn hat. Nicht, wer Sie hätten sein sollen. Sondern, wofür Sie sich heute hingeben wollen – vielleicht Ihrem Kind, vielleicht einer Aufgabe, die größer ist als der Schmerz des väterlichen Triggers.

Frau: Also nicht gegen den Trigger kämpfen oder ihm ausweichen?

Therapeut: Nein. Ihn ernst nehmen, aber ihm nicht das Ruder überlassen. Der Trigger zeigt, wo es um etwas Wesentliches geht. Ihre Antwort darauf entscheidet, wer Sie jetzt werden.

Frau: Dann kann nicht alles anders werden?

Therapeut: Nein. Aber Ihr Umgang damit kann ein anderer sein. Und das genügt, um Sinn zu verwirklichen.

Ein echt passender Buchtitel

Da verletzt sich ein Mann an einem Messer, infiziert sich mit Streptokokken, bekommt rasant eine lebensgefährliche Sepsis und stellt sich irgendwann die Sinnfrage. Über die er dann in einem Buch schreibt, das schnell zum Spiegel-Bestseller wird. Wie es in vielen Büchern steht, fragt sich auch diese Person, was ist Glück und kommt zum mittlerweile trivialen Schluss: Geld und Macht sind es nicht. Gut, das sehen manche noch anders, aber lass diese Menschen erst mal eine Sepsis haben.

Und – kaum zu glauben – der Autor entfaltet seine Gedanken hin zur waghalsigen Idee, dass es wohl Beziehungen sind, die dem Menschen zum Lebensglück verhelfen. Nun, dass wir soziale Wesen sind und wir alle systemisch miteinander verbunden sind, haben viele schon gelernt und immer mehr begreifen auch, dass es wirklich so ist, dass das Verhalten eines Menschen im brasilianischen Urwald ein wenig dazu beiträgt, wie wir uns in Augsburg verhalten. Und umgekehrt. Und austauschbar, egal wo ein Mensch lebt. Dass das mit dem Begreifen der systemischen Wirklichkeit fraglos noch besser laufen kann, beweist uns jeden Tag die Natur. Sie lässt sich bewahren oder zerstören, nur kann man mit ihr nicht verhandeln oder einen Deal machen. Die Natur führt uns immer und überall in die Entscheidung: so oder so. So verhalten oder so verhalten. Wir können uns lustvoll verhalten, oder machtvoll, oder voll-ständiger, oder sinnvoll. Das haben uns die vier wichtigsten Schulen der Psychotherapie gelehrt, und andere Schulen haben diese Seins-Richtungen weiter aufgefächtert, manchmal auch verschlimmbessert.

Wenn nun der Autor das Lebensglück in ‚Beziehungen‘ wähnt, was bedeutet das dann aus der Perspektive der vier Schulen? Wie bringt man Trieb und Beziehungen, Macht und Beziehungen, Individuation und Beziehungen oder Sinn und Beziehungen zueinander und worum geht es einem Menschen je nach Perspektive?

Ein Klient eines hidden champions aus dem Mittelstand berichtet mir, dass er seine jüngsten Beziehungen über Datingplattformen gefunden hat und dass er dabei immer wieder konkret nachfragt, wie viele Beziehungen die auserkorene Person denn schon hatte. „Schließlich will ich im Bett nicht erst Nachhilfeunterricht geben“. Okay, diese Haltung kann man haben. Im Job beschreibt er sich seines Einflusses durchaus bewusst. „Fehler macht man bei Menschen am Anfang, nicht am Ende“, sagt er und so prüft er jede neue Beziehung auf seine Robustheit und Loyalität. „Wer da durch mein Raster fällt, ist draußen, denn auf dem Markt sind meine Gegner, die mich fordern und da will ich meine Energie nicht mit Inhouse-Gegnern vergeuden.“ Okay, diese Haltung kann man haben. Für seine eigene Erbauung nutzt er regelmäßig Retreats in einem Kloster. „Da baue ich quasi meinen Seelenmüll ab und mein Immunsystem wieder auf. Mit den Brüdern spreche ich gerne, denn in der Beziehung zu ihnen merke ich immer den Zwang, dem sie unterliegen. Sie nennen es Freiwilligkeit. Ich nenne es Unterwerfung. Nach der Zeit im Kloster ist mir klar, dass ich meinen Weg weitergehe.“ Okay, diese Haltung kann man haben. Ich frage den Klienten, worin das besteht, was ihn am meisten erfreut. „Wenn ich weltweit unterwegs bin und sehe, dass unsere Produkte hoch wirksam und auch unter extremen Bedingungen in der Lage sind, äußerst sensible technische Geräte nach ihrer Nutzung schnell wieder keimfrei zu machen und dadurch zum Wohl gefährdeter Menschen und Ressourcen lange im Einsatz bleiben können, dann erfreut mich das jedes Mal. Das ist das, worum es mir geht.“ Okay, diese Haltung kann man haben.

Würde mit dieser Person (keine Kinder, Vater in Südamerika lebend, viele Freunde, Liebhaber alter französischer Autos, Kenner des Portweins …) weitergesprochen, dann fänden wir wohl weitere Beziehungen in unterschiedlichster Bedeutung.

  • „Fühlen Sie sich glücklich?“ „Glück ist keine Kategorie für mich.“
  • „Was dann?“ „Ein Container-Begriff, nicht mehr.“
  • „Wenn es ein Begriff ist, der für Menschen etwas positiv Erreichtes bedeutet. Was wäre dann der für Sie passende?“ „Lebendigkeit.“
  • „Gibt es etwas aus Ihrer Erzählung, das dem, was für Sie ‚Lebendigkeit‘ bedeutet, am ehesten entspricht?“ „Nein, alles, was ich beschrieben habe ist Teil meiner Lebendigkeit. Das fühlt sich insgesamt gut an.“
  • „Gibt es einen Unterschied zwischen der Lebendigkeit und der Freude?“ „Die ist für mich sowas wie ein seltenes Sahnehäubchen, wenn ich sehe, welchen Beitrag ich eingebracht habe. Die Lebendigkeit ist quasi der notwendige Grundton und die Freude entsteht für mich in den seltenen Momenten der Resonanz.“
  • Gibt es Menschen, die eine Lebensfreude in Ihnen so auslösen wie die Situationen, die Sie beschrieben haben, wenn Sie in der Welt Ihre Beiträge sehen? „Nein. Ich werde von vielen Menschen verstanden, und das reicht mir. Ich kenne viele, die sich nicht verstanden fühlen und sich daraus ein Problem machen, das sie nicht lösen können und dann von Unglücklichsein sprechen.“

Halten wir das Gespräch, das im Rahmen eines Coachings zur Krisenprävention geführt wurde, hier einmal an und kommen zurück zum Bestseller-Buch, in dem von ‚Beziehungen sind die Basis von Glück‘ gesprochen wird. Ich möchte meinen, dass hier eine Person einen Lebensentwurf beschreibt, der dazu aufrufen kann, genauer zu schauen, was für einen selbst das ist, was man aus einer Beziehung ‚be-zieht‘. Nutzen wir hierzu aus dem integralen Kontext der bereits in der KrisenPraxis beschriebenen vMeme von Graves die Hinweise zu den unterschiedlichen Ebenen der Bewusstheit, dann können wir in den Ausführungen des Klienten situativ das Thema ‚Beziehung‘ einmal mit dem Ich-vMeme Rot (Stärke, Dominanz, Abgrenzung, Macht) in Verbindung bringen. Dann aber auch in den Kontext des Übergangs von Rot zu Blau, wenn es darum geht, dass der Klient entscheidet, wann sich wie eine Person sich ihm gegenüber loyal verhält. Die Gespräche wiederum, die er mit seinen Sparringspartnern im Kloster führt, scheinen Hinweise zu geben auf ein Ich-vMeme Orange, das sich deutlich von einer ‚Unterwerfung‘ (Wir-vMeme Blau: Regelsysteme und Glaubensordnung) abheben will, das er im Lebensmodell seiner Gesprächspartner entdeckt. Im Wir-vMeme Grün schließlich findet der Klient in der Beziehung zur Wirkung seiner Beiträge eine Resonanz, die ihn erfreut. Mit seinem vMeme Orange wird diese Resonanz utilisiert, im Sinne eines ‚es ist gut, dass ich einen Beitrag leiste (Orange), der zum Wohl eines größeren Ganzen (Grün) führen kann‘.

Meine Hypothese lautet hier: Angesichts eines Impulses, den der Klient irgendwann irgendwo erreichte und ihn dazu aufrief, etwas in die Welt zu schaffen, das als Gegenentwurf für ein bestehendes Problem dienen könnte, hat er gehandelt. Dabei wurde das bestehende Problem für den Klienten zu einem Gegenstand, auf den er sich seither bezieht – mit seinen Kompetenzen und mittels Verwirklichung seiner Werte. Die Beziehung zu diesem Gegenstand aufrechtzuerhalten, diese Beziehung zu gestalten, etwas für sie zu tun, erfüllt den Klienten mit dem Gefühl von Resonanz, die ihn erfreut.

Jetzt frage ich Sie, die Leserin, den Leser dieses kurzen Beitrags: Hatten Sie Vorurteile bezüglich des Klienten als Sie seine ersten Ausführungen zum Thema ‚Beziehungen‘ lasen? Hatten Sie ein Vorurteil hinsichtlich seiner Haltung zum Thema ‚Glück‘? War er Ihnen sympathisch – grundsätzlich ja oder nein? Oder wenn Sie ahnen, wie er seinen Trieb auszuleben versucht, oder seine Macht, oder seine Suche nach voll-ständigerer Entwicklung? Oder, wenn es für ihn um eine Sinnerfüllung ging?

Übrigens: Der Buchtitel lautet ‚Jetzt gerade ist alles gut‘.
Ich will meinen: Wie passend, denn es geht wirklich darum, auf das ‚jetzt gerade‘ zu schauen.

Integraler betrachtet: Ein Mensch, der Beziehung (jetzt gerade) aus einem vMeme Grün heraus gestaltet, setzt ein völlig anderes Bewusstheits-Schema ein als jemand, der das Thema Beziehung (jetzt gerade) mit einem Schema entlang eines vMeme Purpur, Rot, Blau … gestaltet.
(Und – kleine Übung – nehmen Sie statt des Begriffs Beziehung einen konkreteren Stellvertreter wie beispielsweise Unterhaltung mit A …, Sex mit B …, Freundschaft mit C …, Ehe mit D, Nachbarschaft mit E …, Projekt X, Projekt Y, Vater, Mutter, Kind, Gott, Haustier … also einen Begriff, der eine emotionale, kognitive und-oder soziale Beziehung mit oder zu Jemandem oder Etwas beschreibt, dann können Sie überlegen, welches vMeme die Grundlage Ihres Verhaltens und Ihrer Handlungen in jedem dieser Kontexte ist, und zwar so als wären Sie ‚jetzt gerade‘ in der jeweiligen Be-ziehung.)

Beziehungen an sich und für mich, so mein Resümee, sind niemals die Basis möglichen Lebensglücks.
Beziehungen, die für jemanden oder für etwas gestaltet werden, um Resonanz zu ermöglichen, schon.

Das Bojenmodell

Das Bojen-Modell habe ich entwickelt, um das Zusammenspiel zwischen Werten und sichtbarem Verhalten zu visualisieren. Stellen Sie sich dazu eine Boje vor, die auf dem Meerwasser treibt. Sie symbolisiert Ihr für andere Menschen beobachtbares Verhalten, Ihre Handlungen und Ihr Kommunikationsverhalten.

Ihr Verhalten wird durch bewusste und unbewusste Motive gesteuert, im Bild symbolisiert durch einen nur teilweise sichtbaren Schwimmer, der die Boje aufrecht und beweglich hält.

Die Boje wird ihrerseits gehalten von einem Seil – es steht als Symbol für Ihre Haltungen und Einstellungen. Ohne dieses Halteseil würde die Boje je nach Wetterlage mal hier mal dort herumirren und ihre Funktion verlieren.

Befestigt ist das Seil an einem Gewicht, das im Meeresboden verankert ist. Dieses Gewicht steht für Ihr Wertesystem, dem Teil Ihres Selbst, mit dem Sie sich – sofern reflektiert – Ihr Verhalten quasi selbstverständlich machen können.

Die Boje bewegt sich – je nach Strömung und Wind. So wie auch Ihr Verhalten sich situativ ändern kann, abhängig davon, wie Sie auf Ihre Umwelt reagieren. Gerät das Halteseil unter starke Spannung, so zeigt sich dies über Wasser als Stressverhalten, unter Wasser wird das Gewicht des Wertesystems stark beansprucht – womöglich stehen Sie in einem Wertekonflikt mit einer anderen Person oder Sie passen sich mit einem Verhalten an Ihre Umwelt an, obwohl dies nicht mit Ihren persönlichen Werten im Einklang steht.

Für eine gewisse Zeit hält das Seil dieser Spannung stand. Doch mit zunehmender Belastung beginnt es zu reißen – zuerst einzelne Fasern, dann womöglich ganz. In einer solchen Situation gerät eine Person in eine Haltlosigkeit. Der Kontakt zum Fundament geht verloren, die Folge kann eine Lebens- oder Sinnkrise sein. Damit es nicht so weit kommt, ist es wesentlich, dass sich ein Mensch seiner eigenen Werte bewusst wird. Wer weiß, was ihn im Inneren zusammenhält, bleibt  psychisch stabil und kann Werte in einem sinnvollen Kontext verwirklichen.

Neurosen

12 irrationale Vorstellungen nach Albert Ellis, die eine Neurose hervorrufen und aufrechterhalten

    1. Die Vorstellung, es sei eine dringende Notwendigkeit, dass Erwachsene von jemandem geliebt werden und zwar für nahezu alles, was sie tun – statt sich also auf ihren Selbstrespekt zu konzentrieren, für praktische Zwecke Anerkennung zu ernten, statt sich darauf zu konzentrieren, dass sie selbst jemandem Liebe zeigen, statt selbst geliebt werden zu wollen.
    2. Die Vorstellung, bestimmte Handlungen seien fürchterlich oder schlecht und dass Menschen, die solche Handlungen vollziehen, verachtet werden müssen – statt der Vorstellung, dass bestimmte Handlungen unsinnig oder antisozial sind und dass Menschen, die so handeln, sich dumm, ignorant oder neurotisch verhalten und Hilfe benötigen, damit sie sich ändern. Wenn Menschen sich schlecht verhalten, macht das niemanden zu einem verachtenswerten Individuum.
    3. Die Vorstellung, es sei entsetzlich, wenn die Dinge anders sind, als wir das gerne möchten – statt der Vorstellung, dass die Lage gar nicht so schlimm ist, dass wir widrige Umstände zu ändern oder in den Griff zu bekommen versuchen, sodass sie zufriedenstellender sind, und wenn das nicht möglich ist, sollten wir das lieber vorübergehend hinnehmen und uns in ehrenhafter Weise damit abfinden, dass die Dinge nun mal so sind.
    4. Die Vorstellung, menschliches Unglück sei immer von außen verursacht und werde uns von außen stehenden Menschen und Ereignissen aufgezwungen – statt der Vorstellung, dass eine Neurose zu einem großen Teil durch unsere Sichtweise unglücklicher Umstände verursacht wird.
    5. Die Vorstellung, dass wir uns fürchterlich aufregen sollten, wenn etwas gefährlich ist oder sein könnte – statt der Vorstellung, dass man der möglichen Gefahr besser offen ins Gesicht blickt und sie zunächst als ungefährlich einstuft und, wenn das nicht möglich ist, das Unvermeidliche einfach akzeptiert.
    6. Die Vorstellung, es sei einfacher, die Schwierigkeiten des Lebens und die Eigenverantwortlichkeiten zu meiden, als sich ihnen zu stellen – statt der Vorstellung, dass der so genannte einfache Weg sich letztlich doch oft als der härtere herausstellt.
    7. Die Vorstellung, dass wir unbedingt etwas bräuchten, das größer und stärker ist als wir selbst, damit wir uns darauf verlassen können – statt der Vorstellung, dass es besser ist, das Risiko unabhängigen Denkens und Handelns einzugehen.
    8. Die Vorstellung, wir müssten in jeder erdenklichen Hinsicht überaus kompetent, intelligent und erfolgreich sein – statt der Vorstellung, dass wir besser manches wirklich gut machen, statt immer und überall gut sein zu müssen, dass wir uns selbst als ein recht unvollkommenes Wesen akzeptieren, das wie alle anderen Menschen seine Grenzen und individuellen Schwächen hat.
    9. Die Vorstellung, etwas, das uns in unserem Leben einmal sehr stark beeinflusst hat, werde unendlichen Einfluss auf uns ausüben – statt der Vorstellung, dass wir aus vergangenen Erfahrungen lernen und uns nicht übermäßig mit ihnen beschäftigen oder Vorurteile daraus entwickeln müssen.
    10. Die Vorstellung, wir müssten eine bestimmte und perfekte Kontrolle über die Dinge ausüben – statt der Vorstellung, dass die Welt voller Wahrscheinlichkeiten und Zufälle steckt und dass wir das Leben dennoch genießen können.
    11. Die Vorstellung, menschliches Glück könne durch Trägheit und Untätigkeit herbeigeführt werden – statt der Vorstellung, dass wir am glücklichsten sind, wenn wir uns vital in kreative Unternehmungen vertiefen oder wenn wir uns Menschen und Projekten außerhalb unserer selbst widmen.
    12. Die Vorstellung, wir hätten keinerlei Einfluss auf unsere Emotionen und könnten nicht anders, als uns von den Dingen gestört zu fühlen – statt der Vorstellung, dass wir reale Kontrolle über unsere destruktiven Empfindungen haben, wenn wir uns nur entschließen, die „musturbatory hypotheses“ zu ändern, die wir häufig dazu gebrauchen, derartige Emotionen zu erzeugen.

Albert Ellis

 

Krisenpass

Für Menschen, die ein erhöhtes Risiko haben, in eine schwere psychische Krise zu fallen, hat die ‚bipolaris‘ – Manie & Depression Selbsthilfevereinigung Berlin-Brandenburg e. V. einen Krisenpass zum Download oder zur Bestellung ins Netz gestellt. Der Pass dient dazu, Therapeuten mit Behandlungsanweisungen, den Anschriften von Vertrauenspersonen, Informationen zu Vollmachten und zur Medikation sowie weiteren wichtigen Informationen zu unterstützen.

Ein hilfreicher Service – gerade bei Patientinnen und Patienten mit bipolarer Störung.

http://www.bipolaris.de/weitere-informationen-links/materialien-downloads/krisenpass

Die Psychohygiene des Krisentherapeuten und Krisencoachs

Damit die Verarbeitung der Lebensthemen von Klienten und Patienten einen psychisch guten Verlauf nimmt, sollten Coachs und Therapeuten diese Reflexionen und Regulierungen einsetzen.

  • Wie belastbar ich zur Zeit, wie viele Krisen verkrafte ich? Wie nahe bin ich an einer Selbstüberforderung?
  • Wie und womit schalte ich ab? Nutze ich Stimmungsaufheller?
  • Welche Arbeitsbedingungen bedürfen einer Korrektur? (Belastungen, Terminfolgen, Wechsel von Tätigkeiten, Regulierung der Nähe-Distanz)
  • Mit welchen Arten von Krisen kann ich gut und weniger gut umgehen? Mit welchen Persönlichkeitsmerkmalen von Betroffenen kann ich besser, mit welchen weniger gut andocken?
  • Nutze ich Supervision? Permanent oder fallweise? Wie sind die Erfahrungen?
  • Nehme ich Themen der Patienten oder Klienten mit in Urlaub? Nehme ich Krisenliteratur mit?Dosiere ich angemessen? Spreche ich über die Krisenthemen mit Dritten?
  • Erhält mein Körper was er braucht? Ist mein Schlaf gut? Wechsel ich in der Freizeit die Themen? Achte ich darauf, dass Freunde mich nicht auf den Beruf reduzieren?
  • Arbeite ich in ästhetischer Umgebung, habe ich einen erfreuend gestalteten Arbeitsplatz?
  • Wie bewältige ich eigene Krisen?
  • Empfinde ich mich als resilient? Achte ich auf die eigene Krisenprävention im Kontext der möglichen Belastungen in der kommenden Lebensphase?

Zum Beitrag vom 4.1.2026 – hier: Umgang mit Trauer

Wird über Trauer gesprochen, dann ist der Tod meist nicht fern. Dabei ist diese Grundemotion des Menschen mit Erfahrungen verbunden, die über den physischen Tod weit hinausreicht. Menschen betrauern den Verlust ihrer Heimat, ihrer Jugendlichkeit, ihres Berufes, ihrer Freiheiten, ja sogar die Niederlage ihrer Mannschaften im Sport. Menschen versinken in Lethargie, Depression, Apathie, Wehmut, Menschen suchen Trost und liegen sich in den Armen, um ein Stückchen Geborgenheit zu erfahren. Das alles unabhängig von ihrem Alter, ihrer Bildung, ihrem Geschlecht, ihrer Kultur, ihres Glaubens oder auch ihres Wohlstands.

Offen Trauer zu zeigen ist in einer Selbstoptimierungsgesellschaft, die dem Primat des Durchhaltens, Kämpfens und Leistens folgt, eine schwierige Sache. Schnell kommt so Trauer in die Nähe der Schwäche und des Tabus – mit der Folge, dass man verlernt, mit der eigenen und der Trauer anderer angemessen umzugehen. Viele Menschen geraten so in Trauerkrisen, weil sie ihre Verlusterlebnisse, die Folgen ihrer Erkrankungen oder die sich im Leben ergebenen Abschiede meinen nicht kommunizieren zu sollen. Dabei ist Trauer als angeborenes primäres Gefühl evolutionsgeschichtlich eine psychobiologische Reaktion zur Aufrechterhaltung der Gruppenbindung bei Trennungs‐ und Verlusterlebnissen. ‚Wir müssen jetzt näher zusammenrücken‘, dieser Satz spiegelt wider, wonach sich viele Menschen sehnen, wenn sie in Trauer sind.

Die Trauerforscherin Elisabeth Kübler‐Ross war die erste Wissenschaftlerin, die detaillierte Beobachtungen über die wechselnden emotionalen, kognitiven und verhaltensmäßigen Zustände bei trauernden Menschen machte. Mit ihrem Phasenmodell half sie dabei, die unterschiedlichen Interventionen herauszuarbeiten, die Menschen gut tun, um zuerst die Phase des Nicht‐Wahrhaben‐ Wollens, dann die Phase der aufbrechenden Emotionen, gefolgt von der Phase des Suchens und Sich‐Trennens und letztlich der Phase des neuen Selbst‐ und Weltbezugs zu durchlaufen. Heute wissen wir aber, dass dies nur ein grobes Modell ist. In der Realität verlaufen die Etappen manchmal mehrfach, manchmal unvollständig, manchmal schnell, manchmal über Jahre.

Trauer ist individuell und passt nicht in ein festes Schema. Dennoch gilt es für den betroffenen Menschen immer, zuerst einmal einen Verlust als Realität zu akzeptieren, den individuellen Trauerschmerz zu erfahren, sich wieder in die Umwelt einzupassen, in der nun fehlt, was zuvor gegeben war und dabei sich für das, was das Leben bereithält zu öffnen. Ob dabei das Gespräch mit vertrauten Personen, neutralen Dritten oder Gruppen unterstützen kann, muss die Person für sich fühlend entscheiden.

Ein trauernder Mensch stellt hohe Anforderungen daran, wie sein Trauern zu sein hat. Nicht selten wird Trauer in einer Weise gezeigt wie man sie in jungen Jahren im familiären Umfeld erlebt hat. Hieraus ergeben sich Trauer‐Glaubenssätze, die als ‚Ich‐sollte‘ oder ‚Ich‐müsste“‐Sätze formuliert werden, zum Beispiel als ‚sei perfekt in deiner Trauer‘; ‚beeil dich in deiner Trauer‘, ‚Sei stark in deiner Trauer‘. In der Begleitung eines trauernden Menschen kann es für ihn daher sehr entlastend werden, wenn er sich Erlaubnis erteilt, zum Beispiel ‚ich darf mir Zeit lassen‘ oder ‚ich darf meine Trauer auf meine Art gestalten und abschließen‘. Auf der körperlichen Seite gehören zu den Erlaubnissen, die eigene Versorgung durch gute Ernährung, Bewegung, ausreichend Schlaf und soziale Kontakte zu erhalten.

Aus Trauer zu lernen verweist auf die Vergänglichkeit unseres Lebens und der Dinge dieser Welt. Sie macht bewusst, dass Leben immer auch Abschied und Trennung mitmeint. Damit fördert sie eine Haltung, den Augenblick und das Vorhandene zu schätzen und die Relativität vieler Werte und Verhaltensweisen zu erkennen. Ein solches ‚abschiedlich leben‘ kann eingeübt werden: ‚Was würdest du heute anders machen, wenn dies der letzte Tag deines Lebens, deines Berufs, deiner Jugendlichkeit … wäre?‘ Sich diese Frage immer wieder einmal vorzulegen, kräftigt präventiv einen Menschen für den Umgang mit der Trauer, die sich eines Tages einstellen wird.