Kategorie-Archiv: Unternehmen und Krise

Eigentlich ist Leben einfach – 6

Eigentlich ist Leben einfach. Das ist meine These. Und ‚eigentlich‘ meint hier ‚ursprünglich und  wirklich‘ und nicht das relativierende Füllwort, das ein Mensch nutzt, wenn ihm zu einer echten Stellungnahme noch etwas zu fehlen scheint (eigentlich würde ich, wäre ich, könnte ich, aber …)

‚Eigentlich‘ – in ein ganzes Menschenbild gegossen finden wir es in den Zehn Thesen zur Person, die Viktor Frankl als Basis seiner Sinntheorie formuliert hat. Ich habe diese Thesen in meinem Buch ‚Coaching des Todes‚ zu erweitern versucht, wenn es um den Kontext ‚Leben nach Tod‘ geht.

In ‚Eigentlich‘ steckt auch Arbeit: Wesensarbeit. Worum ging und geht es mir, wenn ich auf mein Leben blicke? Wofür stehe ich wirklich ein, wofür nicht? Worin besteht meine Entwicklung vom Ursprung bis Heute und worin soll sie bestehen bis zu meinem Lebensende und darüber hinaus? Wozu ist es gut, dass es mich jetzt gibt – auch, wenn ich vielleicht früher diese Frage nicht so recht beantworten konnte, weil geschah, was geschah? Verantwortungsvolle Antworten auf diese existentiellen Fragen finden sich durch einen genauen Blick in die Geschichte der eigenen Werte, der Antworten auf Lebensfragen, den bisherigen Momenten der Sinnfindung und dem Gefühl, das sich einstellt, wenn es um die weitere Entwicklung im Leben geht.

Zahlreiche feine Methoden unterstützen heute Menschen darin, dem ‚Eigentlichen‘ zu stimmigen Begriffen und Formulierungen zu verhelfen. Eine dieser Methoden kann in der Anwendung des vMeme Modells von Clare Graves liegen. Ich rege dazu insbesondere dann an, wenn ein Mensch mir berichtet, dass das ‚worum es ihm geht‘ auf Hindernisse, Widerstände oder Angriffe in seinem Umfeld stößt – wenn es naheliegt, von einem Wertekonflikt zwischen der Person und Dritten auszugehen. Gelingt es, das im Konflikt stehende Thema mit der Bewusstheitsebene der Person und – als Hypothese formuliert – auch die Bewusstheitsebene der/des Dritten zu koppeln, dann kann die Person zu hilfreichen Einsichten kommen, die es ihr ermöglichen, Wege zu finden, die eine weitere Eskalation der Situation vermeiden.

Dazu einige Mini-Vignetten aus meiner Arbeitspraxis, die darauf verweisen, dass

  • aktuell aktive Bewusstsheitsebenen (vMeme-Ebenen) dazu neigen, situativ auf sie einwirkende, höhere vMeme anderer Personen als (massive zusätzliche) Belastung zu fühlen
  • höhere vMeme-Ebenen situativ niedrigere als ‚unpassend, störend, langweilig, altmodisch …‘ abzuwerten
  • eine vMeme-Ebene einer Person eine andere Person, die diese Ebene ebenfalls aktiviert hat, tendenziell als gleichwertig empathisch zu bewerten
  • situativ weit auseinander liegende vMeme sich schwertun, zu einem gemeinsamen Verständnis von etwas zu kommen …

Schichtleiter Logistik (situativ im vMeme Beige im absoluten Krisenmodus, nachdem ihm für die Erfüllung eines extrem wichtigen Auftrags zentrale Ressourcen ausgefallen sind) bekommt vom Betriebsrat eine (vMeme Purpur) Einladung zum Jahresritual „Feier der Gemeinschaft“.
Reaktion des Schichtleiters: „Ihr kapiert gar nichts und kommt mir mit dieser Zeitverschwendung, ich brauche Leute hier am Band.“
Gegenreaktion: Betriebsrat fühlt sich entwürdigt; die Solidarität mit dem Schichtleiter sinkt.

Prozessmanager in einem Rechenzentrum wird mit einem Hacker-Angriff konfrontiert, der ihn unvermittelt in den Krisenmodus vMeme Beige führt. Seine eingeleiteten Interventionen werden kritisiert, da er mit ihnen erforderliche Freigabe-Prozesse ignoriert.
Reaktion des Managers: „Formulare sind Luxus.“
Gegenreaktion aus dem Bereich Prozess-Compliance: „Auch in Notfällen muss man sich an die Regeln halten.“

Familienbetrieb. Senior mit vMeme Purpur im Kontext ‚Gestaltung von Handelswegen‘ besteht auf Lieferanten aus seiner Region. Junior mit vMeme orange will günstigere und innovativere Partner.
Reaktion des Seniors: „Solange ich hier was zu sagen habe, bleibt es bei meiner Lieferantentreue.“
Gegenreaktion: „Unsere Wettbewerbsfähigkeit steht auf dem Spiel, da können wir uns deine Traditionen nicht länger leisten.“

Vertriebschef im Jahresendspurt zu seiner Zielerfüllung bricht Preisleitplanken. Er agiert im vMeme Rot.
Reaktion Vertriebscontrolling mit vMeme Blau: „Sie unterminieren aus Eigennutz mit Kunden getroffene Vereinbarungen und riskieren Vertragsstrafen und Reputationsschäden.“
Gegenreaktion: „Ich verantworte meine Zahlen und die werde ich erreichen, auch wenn das mit Kollateralschäden verbunden sein sollte.“
Gegengegenreaktion: Vertriebschef erhält Vertragsauflösung ‚aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über die Geschäftsentwicklung‘.

Leiter HR will einen partizipativen Kulturprozess anstoßen (situativ im vMeme Grün)
Reaktion: CFO (in diesem im vMeme Blau) stoppt Budgetfreigabe mit der Begründung, die Maßnahme werfe keinen ROI ab und riskiere als Wohlfühl-Esoterik bereits etablierte Prozesse und Führungsstrukturen.
Gegenreaktion: HR wird vom Bewerbermarkt auf die Führungskultur befragt und erfährt reihenweise Absagen, da die Bewerber entlang des Zeitgeistes einen anderen Kulturstil erwarten.

Business Unit Leiter (situativ im vMeme Orange) kippt mit seiner Meinung „systemisch fragwürdig und die Leistungserbringung hindernd“ den im Unternehmen kommunizierten strategischen Ansatz einer KPI-Kaskadierung, bei dem übergeordnete Unternehmensziele in spezifische, messbare KPIs für verschiedene Abteilungen und Teams heruntergebrochen werden.
Gegenreaktion des Vorstandes (vMeme Gelb): „Das Unternehmen braucht die Orientierung über bereichsübergreifende
System-Indikatoren, ansonsten verlieren wir unsere Fähigkeit zur Analyse unserer vernetzten Systeme. Ich erwarte von Ihnen und Ihrer Unit, dass Sie diese Perspektive einnehmen, damit wir damit unsere Gesamtsteuerung erhalten.“   

Die Liste ließe sich endlos erweitern. Hier knapp formulierte Abwertungshaltungen:

beige wertet ab …

  • Purpur: „Aberglaube und Rituale – ich brauche Essen, kein Gerede.“
  • Rot: „Prahlerei hilft mir nicht beim Überleben.“
  • Blau: „Formulare? Ich friere.“
  • Orange: „Strategie? Ich muss heute durchkommen.“
  • Grün: „Gefühle? Ich brauche Decken.“
  • Gelb: „Dein Meta-Gerede ist Luxus.“
  • Türkis: „Kosmos? Ich suche Trinkwasser.“

purpur wertet ab …

  • Beige: „Einzelkämpfer sind unsicher – ohne Clan geht’s nicht.“
  • Rot: „Respektlos, bricht Tabus, gefährdet den Stamm.“
  • Blau: „Kaltes Regelwerk zerstört alle Tradition.“
  • Orange: „Gier frisst Seele, verrät die Ahnen.“
  • Grün: „Du relativierst heilige Geschichten.“
  • Gelb: „Du zerlegst unsere Geschichte in kalte Theorien.“
  • Türkis: „Viel zu abgehoben – wir brauchen irdische Rituale.“

rot wertet ab …

  • Beige: „Du bist zu schwach.“
  • Purpur: „Naives Clan-Kuscheln.“
  • Blau: „Nervige Bürokraten und Angsthasen.“
  • Orange: „Schlaumeier ohne Mut.“
  • Grün: „Softies, Opfergehabe.“
  • Gelb: „Labert klug, handelt nicht.“
  • Türkis: „Esoterik – weltfremd.“

blau wertet ab …

  • Beige: „Unzivilisiert.“
  • Purpur: „Aberglaube.“
  • Rot: „Unreifer Anarcho.“
  • Orange: „Zynischer Opportunist.“
  • Grün: „Verweichlicht, entscheidungsschwach.“
  • Gelb: „Relativist, macht Regeln wie sie ihm passen.“
  • Türkis: „Mystik ohne Bodenhaftung.“

orange wertet ab …

  • Beige: „Looser. Was du tust, ist nicht skalierbar.“
  • Purpur: „Klüngel, ineffizient.“
  • Rot: „Risikofaktor, Reputationsschaden.“
  • Blau: „Innovationskiller.“
  • Grün: „Feel-Good statt Outcome.“
  • Gelb: „PowerPoint-Philosoph.“
  • Türkis: „Visionsnebel ohne Ahnung von Business-Cases.“

grün wertet ab …

  • Beige: „Die Wohl der Gesellschaft irgendwie ausbeutend.“
  • Purpur: „Cliquendenken und Ausgrenzug Andersdenkender.“
  • Rot: „Toxische Männlichkeit.“
  • Blau: „Strukturen sind für euch ein Fetisch.“
  • Orange: „Profit über Menschen.“
  • Gelb: „Elitär-intellektuell.“
  • Türkis: „Wolkig-spirituell, entzieht sich konkreter Verantwortung.“

gelb wertet ab …

  • Beige–Grün: „Ihr seid gefangen in euren jeweiligen Einseitigkeiten.“
  • Türkis: „Zu unbestimmt und zu poetisch für Umsetzung.“

türkis wertet ab …

  • Beige–Grün: „Ihr seid gefangen in euren jeweiligen Einseitigkeiten.“
  • Gelb: „Zu kopfgesteuert und planetar blind.“

Allgemein: vMeme entstehen, weil Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen funktionierende Antworten auf wiederkehrende Probleme finden müssen: wie kann ich überleben, wie finde ich im Wir eine Zugehörigkeit, wie zeige ich Macht, wie schaffe ich im Wir eine stabile Ordnung, wie erziele ich Erfolg, wie erlange ich im Wir eine Gleichwertigkeit, wie kann ich für mich alles integrieren, wie erreiche ich im Wir einen Blick für das Ganze …  Sind die Antworten robust und verfestigen sie sich, dann formen sie sich zu neuronalen Bewusstheits-Mustern.

Kommt Person A (mit vMeme X) mit Person B (mit vMeme Y) zusammen, dann treffen unterschiedliche Problemlogiken aufeinander. Beispiel: Für ein dominantes vMeme Blau ist Regeltreue moralisch, für ein vMeme Orange ist Regel-Pragmatismus effizient, für ein vMeme Rot sind Regeln nur so lange relevant, wie sie der eigenen Durchsetzung dienen. Was für das eine vMeme zweckdienlich ist, erscheint dem anderen als unpassend. Aus dieser strukturellen Inkompatibilität entsteht schnell Abwertung („Kindisch!“ – „Zynisch!“ – „Sekte!“ – „Gefühlig!“ …), und die Abwertung kippt leicht in Destruktion.

Die Integrale Theorie von Ken Wilber, in der das Graves Modell integraler Bestandteil ist, sensibilisiert dafür, dass die Verwirklichung von vMeme (Wertesysteme) im konstruktiven Fall dazu beiträgt, Sinnimpulse in konkreten Situationen empfangen zu können. Konstruktiv meint dabei, dass eine Person einerseits sich dank vollzogener Klärungsprozesse ihrer Werte bewusst ist. Andererseits, dass sie ihre Weltoffenheit in einem höchstmöglichen Maße bewahrt, um das Risiko von Vorurteilen, die sie auf andere vMeme basierendes Verhalten lenkt, mindert. (In meinem Buch Sinncoaching habe ich dazu die Formel: Sinnfindung = Werteklärung x Weltoffenheit² zur Diskussion gestellt).

Beides, Werteklarheit und Weltoffenheit, sind zentral, will eine Person ihre Abwertungstendenzen ihrerseits abwerten. Dazu muss sie sich der Attraktivität von Abwertung bewusst machen. Abwertung „funktioniert“ kurzfristig, weil sie

  • Komplexität reduziert („Ich bin gut, die sind böse“)
  • Selbstwert schützt („Bevor ich mich bedroht fühle, werte ich andere lieber ab)
  • Gruppengefühl stärkt („Zusammen sind wir stark gegen sie oder ihn)
  • Machtgefühle stabilisiert („Mir kann niemand was“)
  • Zielerreichung beschleunigt („Ich habe keine Zeit für Befindlichkeiten“)

Jedoch: Abwertungen kosten Energie und verringern damit die Möglichkeitsräume für Sinnfindung.

Gegen das Abwertungsspiel der Psyche hilft letztlich nur die Aufwertung durch das Geistige.  Der Mensch findet Sinn nur, indem er sich selbst transzendiert – sich auf etwas richtet, das größer ist als er selbst (eine Aufgabe, eine Hingabe zu einem anderen Menschen).

Gefundener Sinn bewahrt einen Menschen vor Abwertung anderer: Ich kann Stellung beziehen für das, was mir wesentlich ist – ohne dabei den anderen zu entwürdigen oder ihm zu schaden. Man kann es auch so ausdrücken: „Die Kunst des Seglers fängt erst damit an, dass er imstande ist, die Kraft des Windes in einer gewollten Richtung sich auswirken zu lassen, sodass er sogar gegen den Wind zu segeln vermag.“ Viktor E. Frankl