Mit etwas Abstand betrachtet, mutete diese Situation damals für mich absurd an. Ich war auf einer Veranstaltung in einem Kontext, in dem ich bis dahin beruflich meinen Erfolg verankerte. Und dann eben kommt das Absurde, das meiner Vernunft widersprechende, das noch Ungereimte – von dem Albert Camus einmal schrieb, dass jeder Mensch von der Erfahrung des Absurden überrascht werden kann, womöglich unvermittelt an der nächsten Straßenecke, auf tragische oder amüsante Weise. Die Logik des Absurden ist, dass er auf einem unausgesprochenem Irrtum basiert – bei mir damals darauf, dass ich felsenfest davon ausging, dass ich das, was ich wollte auch brauchte. Dieser Irrtum wurde in einem sehr kurzen Moment aufgedeckt. Das Absurde trat zutage. Ich fühlte, es gab eine Zeit, in der ich bekam, was ich wollte. Nun aber trat etwas ein, dass mich fragen ließ, was ich brauchte. Das Absurde war die Erkenntnis, dass ich in der Zeit, als ich bekam, was ich wollte, nicht wusste wie es einmal sein würde, wenn ich bekomme, was ich brauche. Dass ich aber gleichzeitig in dem Moment, als ich bekam, was ich brauchte wusste, wie es war, als ich noch bekam, was ich wollte. Diesen Moment kann man nicht planen, er ist ein Ereignis – er eignet sich dafür, mit Absurdem umzugehen.
Für mich war dieser Moment mit Handlungen verbunden, die einer eigenen absurden Logik folgten – bei mir war dies ein für mich bis dahin ungewöhnliches Sozialverhalten auf der Veranstaltung und eine mir ebenso neue spontane Handlungsweise als der kurze Moment geschah, die so gar nicht im Einklang stand mit sonst üblichen Handlungen [zum Beispiel bei inhaltlichen Irritationen, die auf Veranstaltungen wie dieser immer wieder vorkamen, mich mit anderen Teilnehmenden darüber auszutauschen …].
Diese Uneinigkeit zwischen einer ‚absurden neuen Logik‘ als dem berühmten Sandkorn und der anderen, der ‚gewohnten Logik‘ als dem Getriebe, erzeugt einen Zustand, über den man entweder lachen oder verzweifeln kann. Eine einseitige Auflösung einer solchen Uneinigkeit bewirkt Verweigerung. Sie zeigt sich entweder darin, sich völlig dem Absurden zu verschreiben, die Welt als grundsätzlich absurd anzusehen und ihr mit grenzenloser, egozentrierter Freiheit zu begegnen. Oder aber darin, den bisherigen Bedingungen weiterhin zu folgen, sie zum Prinzip zu erheben und sich der Potenzialität des Neuen zu verschließen.
Beide Formen des Verweigerns haben etwas gemein, beide sind ichhaft und gewissermaßen auch zwanghaft. Beide erinnern auf eigentümliche Weise an die sinnlose Mühe, der sich Sisyphus mit seinem Felsbrocken unterzieht. Bei ihm fallen völliges Unterwerfen unter die Bedingungen und völlige Selbstbezogenheit gleichzeitig zusammen.
Hätte es nun in der griechischen Mythologie einen Coach gegeben, so hätte er bei Sisyphus vielleicht für einen Moment zum Innehalten beigetragen, damit dieser sich die Frage nach dem ‚Wofür tue ich das alles‘ hätte vorlegen können. Im besseren, weil gesünderen Fall aber hätte Sisyphus sogar erkennen können, dass er seiner absurden Handlungsweise etwas aus seiner Sicht noch Absurderes hätte entgegenstellen können. Die Frage nämlich: Wofür verantworte ich das alles?
Beide Fragen hätten geholfen, dem starken Steineschlepper einen Raum zu eröffnen dem Viktor Frankl sinngemäß zuschreibt, dass in ihm die ’Trotzmacht des Geistes zur Wahl der Reaktion‘ liegt.
Die Offenheit, sich im Raum zwischen den Extremen der Verweigerung aufhalten zu können, ermöglicht Sinnfindung. Oder andersherum: Wer sich in einem Extrem der Offenheit verweigert, schließt den Möglichkeitsraum. Wer aber die Tür zu diesem Raum einen Spalt öffnet, gerät in ein anfangs unbequemes Wanken. Fällt man dann zurück ins Extreme [Regression], will ich dies gleichsetzen mit der immer wieder zu beobachtenden ‚Hyperreflexion des Ich‘ [ich kann nicht anders, weil …; ich würde zwar gerne, aber …; bislang war ich doch damit erfolgreich, warum sollte ich da…].
Tritt man hingegen hinein in den Raum [Progression], dann wird dies zum einem existenziellen ‚Sprung hin zu einem Du‘ (dazu will ich im Teil 3 etwas schreiben), dann springt man hin zu den Fragen des Lebens, auf die man nur selbst die Antwort sein kann: Wofür tue ich das alles, wofür verantworte ich das alles?




