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Aus der Zukunft

Hallo, hier spricht K2-I2 vom Raumschiff Kokolores.

Ich war letztes Jahr, 7025, Eurer Zeitrechnung, bei Euch zu Besuch. Da fand ich in einem alten Datensilo eines lustig ausschauenden Gerätes, wo ein abgebissener Apfel abgebildet war, ein Dokument und glaubte zuerst an einen Defekt in meinem Übersetzungsmodul. Es ging bei dem Beitrag vollständig nur um ein Wort: Krise.

Offenbar war dies damals kein einzelnes Ereignis, sondern ein Lebensgefühl im Abo-Modell. Krise war für fast alles gut: für Banken, Klima, Demokratie, Viren, Weihnachten, Glaube und vermutlich auch für den Moment, wenn der Kaffee kalt wurde. Ihr wusstet sogar, dass der Begriff ursprünglich etwas Präzises meinte. Einen Wendepunkt, eine Entscheidungslage hin zu etwas Besserem oder zu etwas Schlechterem. Je nach dem, wie Ihr Euch auf solche Situationen vorbereitet hattet. Einige von Euch wussten, dass man das damals schon konnte. Viele haben es ignoriert und bejammerten dann das Geschehen. So wurde aus etwas Besonderem ein Allzweckgeräusch, ähnlich dem Dauerpiepen unserer Raumanzug-Sensoren, wenn man sie falsch kalibriert.

Je häufiger Krise gerufen wurde, desto weniger schien sie Euch zu bedeuten. Im Beitrag stand nüchtern, dass die ständige Ausrufung des Ausnahmezustands paradoxerweise irgendwann zur Normalität führte. Für uns Außerirdische klingt das, als hättet Ihr beschlossen, den Feueralarm dauerhaft laufen zu lassen, um Euch an Sicherheit zu gewöhnen.

Ihr wusstet sogar um Eure eigene Kurzzeitaufmerksamkeit. Ihr wart Meister im Vergessen. Was damals an einem Tag apokalyptisch wirkte, wurde am nächsten von einer neuen Katastrophe überholt mit neuen Schlagzeilen und Erregungsbegriffen. Das Alte verschwand nicht, es wurde lediglich archiviert im mentalen Ordner „Später, vielleicht“. Die Vergesslichkeit war keine Panne. Im Gegenteil, sie war Euer Betriebsmodus. Nur so ließ sich wohl das Dauerfeuer an Krisen überhaupt aushalten, ich muss dazu mal Pille fragen, was er davon hält. Weil, wir vergessen heutzutage nichts, wir integrieren alles und werden dadurch immer besser.

Aus unserer Perspektive ist Euer Verhalten sehr rührend. Ihr wart eine Zivilisation, die permanent vom Ende spracht und dennoch zuverlässig den Müll rausbrachte, Kinder großzog und Serien streamte. Sie diskutierte mit Pathos über den Untergang und plante gleichzeitig den Sommerurlaub. Die Krise war Hintergrundrauschen, laut genug, um wichtig zu klingen, leise genug, um weiterzumachen.

Beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass Krise weniger Diagnose war als Erzählwerkzeug. Es strukturierte Zeit, verlieh Bedeutung und erlaubte es, Komplexität in ein einziges, schweres Wort zu gießen. Dass dieses Wort dabei verschlissen wurde, bemerkten die Menschen damals selbst. Einige schrieben Artikel dazu.

Heute lesen wir das hier und ich habe mit K2-I3 eben darüber gesprochen, wie wir das nennen. Sie meinte nur kurz: Alltag.