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Habermas und Frankl

Vor kurzem starb Jürgen Habermas. Und mit ihm eine Ära hochgeistiger Auseinandersetzung mit den Themen der Zeit. Vor einem Vierteljahrhundert befasste er sich in seinem Beitrag ‚Glaube und Wissen‘ mit dem Verhältnis von Religion und moderner, säkularer Vernunft. Habermas fragte, wie religiöse Überzeugungen und wissenschaftlich-rationales Denken in modernen Gesellschaften zusammenleben können.

Auch in Gesellschaften, die stark von Wissenschaft, Rationalität und Technik geprägt sind, ist die Religion dennoch nicht einfach verschwunden. Habermas nennt solche Gesellschaften daher ‚postsäkular‘. Religion bleibt gesellschaftlich relevant und religiöse Gemeinschaften wirken weiterhin auf Moral, Politik und Kultur ein. Und damit auch auf die Spannung zwischen Wissen und Glauben.

Während Wissen auf wissenschaftlicher Rationalität basiert, prüfbar und argumentativ begründet ist, beruht der Glaube auf religiösen Überlieferungen und Offenbarung mit dem Zweck, moralische Orientierung zu geben und eine Aspekt von Identität zu stiften.

Habermas lehnte sowohl reinen Säkularismus als auch religiösen Fundamentalismus ab. Er plädierte, religiöse Menschen sollten ihre Argumente in einer Weise formulieren, die auch Nicht-Religiöse verstehen können. Und säkular sozialisierte Menschen sollten Religion nicht einfach als irrational abtun, sondern anerkennen, dass religiöse Traditionen für Menschen moralische Ressourcen enthalten können. Er betonte, dass viele moralische Ideen der Moderne wie die Menschenwürde oder die Solidarität historisch aus der Religion stammen und bis heute ethische Orientierung liefern.

Interessant wurden für mich die Gedanken von Habermas im Kontext der Sinntheorie von Viktor Frankl. Vermutlich würde Habermas ähnlich wie Frankl in unserer hoch rationalisierten Gesellschaft, die von Wissenschaft, Technik und Marktlogik geprägt ist, den Befund schreiben, dass viele Menschen trotz aller Errungenschaften eine Art Sinnleere in sich spüren. Er würde dann wohl darauf abheben, dass in einer modernen Gesellschaft Sinn vor allem durch kommunikative Verständigung, Dialog und gemeinsame Normen entsteht.

Für Frankl wäre das wohl zu wenig. Er würde auf das aus seiner Sicht grundlegende Bedürfnis des einzelnen Menschen, seinen Willen zum Sinn, verweisen. Jeder Mensch muss letztlich selbst entdecken, wofür er lebt – sei es durch Arbeit, Liebe oder durch die Haltung zu einem Leid.

Habermas könnte dem leicht widersprechen und darauf abstellen, dass in pluralistischen Gesellschaften individuelle Sinnkonzepte auseinanderdriften können und es darum eine öffentliche Vernunft brauche, in der Menschen ihre Überzeugungen austauschen und begründen.

Womöglich würde sich Frankl hier auch nicht entgegenstellen, sondern individuelle Sinnsuche und gesellschaftliche Kommunikation als sich ergänzend darstellen. Der Kern der Sinntheorie hielte diesen Gedanken auch aus, denn Sinn kann nicht einfach erfunden oder beschlossen werden. Er wird entdeckt, oft im konkreten Handeln oder in der Verantwortung gegenüber anderen Menschen. Und hierfür kann die gesellschaftliche Kommunikation eine wichtige Sinnquelle sein – ebenso, wie auch religiöse Traditionen moralische Ressourcen enthalten können, die für viele Menschen einen Sinngehalt darstellen. Nur – würde Habermas wohl ergänzen – wäre es wichtig, dass diese Traditionen im öffentlichen Diskurs übersetzbar bleiben.

Ich schätze, dass Frankl trotz tendenzieller Zustimmung zu Habermas aber dazu anregen würde, Sinn und Religion grundsätzlich auseinanderzuhalten. Er würde darauf verweisen, dass Menschen Sinn finden können, wenn sie – jenseits allen Religiösen – fühlend erkennen, dass ihr Handeln für andere Bedeutung hat. Sicher würde er ergänzen, dass nicht das Leben, auch nicht das religiöse, vom Menschen zur Verantwortung gezogen werden kann, sondern dass es geradewegs andersherum ist: Das Leben stellt dem Menschen Fragen, und der Mensch verantwortet durch sein Handeln seine Antwort und Stellungnahme seinem Leben gegenüber.

Als Synthese beider Theorieaspekte könnte man es so formulieren: Wenn Menschen Verantwortung übernehmen und zugleich miteinander im Gespräch bleiben, können sie in einer komplexen, säkularen Welt Sinn entdecken und ihn auch über Dialog und Diskurs verwirklichen.