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Eigentlich ist Leben einfach – 5

  

Das Modell der vMeme von Clare Graves [ein wichtiger Baustein in der Integralen Theorie von Ken WIlber] hat durch das Buch ‚Spiral Dynamics‘ von Don Beck und Chris Cowan eine recht breite Rezeption erfahren. Im Bereich Management- und Kulturentwicklung gehört es fraglos zu den Konzepten, die nicht nach kurzer Halbwertszeit wieder in den Regalen verstaubten. Dass Kritiker diesen werte-evolutionären Ansatz mit wichtigen Hinweisen versahen, war zu erwarten und der Sache auch würdig, schließlich ist die Robustheit eines Modells zentral für seine Akzeptanz. Andererseits, und da wird es auch gleich spannend, wird Kritik von Menschen geäußert, die womöglich aufgrund ihrer eigenen Denkstruktur gar nicht dazu in der Lage sind, das Modell in seiner Gänze zu beurteilen, aber dazu an anderer Stelle mehr.

Die schärfste Kritik bestand im Zweifel, ob mit dem Modell ein genügend konkreter Umsetzungserfolg verbunden sein kann, ob es also gelingt, das Bewusstsein um die Konstellation von Werten, die ein einzelner Mensch oder ein System (Familie, Team, Organisation, Gesellschaft …) hat, nützlich mit den realen Problemen der Gegenwart in Verbindung zu bringen.

Nun ist es bei Modellen immer so, dass es darauf ankommt, was man aus ihnen macht. Ein Modell zu kennen: schön. Es anzuwenden: besser. Es anzuwenden, im Bewusstsein, dass ein Modell stets etwas reduziert abbildet: noch besser. Es anzuwenden, ohne diesen Reduktionismus beizubehalten und die Ergebnisse aus der Anwendung des Modells nicht als ‚die Wirklichkeit‘ anzusehen: der Königsweg.

Auch das vMeme Modell von Graves ist also nie die Wirklichkeit, sondern bestenfalls ein Abbild eines Ausschnitts von Phänomenen, die wir Menschen als Wirklichkeit ansehen. Auf die drei abgebildeten Farbköpfe oben bezogen heißt das: wären es reale Menschen, dann könnte im Gespräch mit ihnen herausgearbeitet werden, welchen Werten sie heute Gewicht und Bedeutung beimessen und welche Werte so wesentlich ihr bisheriges Verhalten prägten, dass diese Werte ihnen heute als ‚Grundüberzeugungen‘ dienen. Aber – mit Viktor Frankl gesprochen – der Mensch ist ‚reine Dynamis‘ und damit immer in der Lage zum ‚anders werden‘. Was er dazu braucht, ist Sinn.

Findet ein Mensch Sinn und geht damit einher, dass er sich zur Verwirklichung dieses Sinns weiterentwickeln muss, dann wird dies nicht nur auf der ‚Oberfläche‘ geschehen, also zum Beispiel durch das Training neuer Kompetenzen oder einer reinen Verhaltensanpassung an äußere Umstände. Vielmehr bedarf Sinnfindung einer Entwicklung des individuellen Wertesystems als grundlegende Tiefenschicht menschlichen Verhaltens und Handelns. Mit anderen Worten: Das ‚Farbschema‘ der drei Personen kann sich je nach Ausrichtung auf neuen Sinn (immer wieder) verändern. So, wie es sich im Leben jedes Menschen vermutlich schon einige Male verändert hat, ohne dass er diese Veränderung in ihrer Wirkung auf das Wertesystem genauer untersucht hätte.

Das Modell von Graves kann somit als eine Orientierungshilfe verstanden werden, wenn man daran interessiert ist, sich ein Bild davon zu machen, wie man selbst oder andere Menschen mit den Herausforderungen und Sinnimpulsen ihres Lebens umgingen oder umgehen. Wie bewerte ich eine Situation, wie bedenke und fühle ich sie? Hier leistet die Klärung des Wertesystems einen fundamentalen Dienst und die Anwendung des Graves Modell bietet dafür eine Klärungshilfe.

Zurück zu den Kritikern: Das Modell lädt nach Ansicht einiger Hinweisgeber clevere Anwender dazu ein, aus ihm Test- und Messverfahren zu entwickeln, die dem Nutzer quasi auf Knopfdruck den Status Quo seines Wertesystems auf den Bildschirm zaubern. Wobei wir wieder bei dem Thema sind: es kommt immer darauf an, was man aus einem Modell macht.

In meiner eigenen Praxis verzichte ich völlig auf solche ‚Zaubertools‘ – denn, selbst wenn eines von ihnen in der Lage wäre, das Selbstbild einer befragten Person oder eines menschlichen Systems (Team, Familie …) verzerrungsfrei wiederzugeben, es würde es nicht leisten können, vielleicht schon im nächsten Moment, in dem die Person oder das System in eine Krise gerät dies auf der Werteebene abzubilden. Auch der realtime-Moment der Sinnfindung eines Menschen entzieht sich völlig eines wissenschaftlichen, empirischen Zugangs und bleibt damit im wahrsten Sinne des Wortes ‚geistiges Eigentum‘ der Person. ‚Tests‘, die vorgeben herausarbeiten zu können, worin ein Mensch Sinn findet, stellen einzig darauf ab zu ‚messen‘ ist, wie sich ein Mensch Sinn macht – ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Was ich in meiner Praxis – in Therapie oder Coaching – praktiziere, ist ausschließlich die Arbeit mit kontextbezogenen und lebensweltrealen Verhaltensbeschreibungen der Klienten, aus denen dann auf die ihnen zugrundeliegenden Werte durch den Klienten selbst geschlossen wird. Eine solche Arbeit in einem Gruppensetting durchzuführen ist nicht möglich – vielleicht war genau das das ‚Problem‘, dessen Lösung sich manches Beratungsunternehmen in der Entwicklung eines ‚Value-Tests‘ versprach?

Kommen wir zu einer weiteren ‚Bedenklichkeit‘. Im Graves Modell findet sich ein Aspekt, der auf  ‚Quantensprünge‘ in der Entwicklung menschlichen Bewusstseins hinweist. Mit jedem dieser Sprünge – von einem vMeme zu einem neuen – treten Menschen in einen erweiterten Möglichkeitsraum für den Umgang mit komplexeren Lebensthemen ein. Blicken wir auf die Menschheitsgeschichte, so könnte die Erfindung primitiver Waffen (zur Befriedigung des Bedürfnisses, überleben zu können – Beige vMeme), die Erfindung von kontextueller Sprache in Wort und Bild und die Gottes-Erfindung (Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Erklärung von Weltphänomenen – Purpur vMeme) bis hin zur Erfindung planetarer Abkommen und integrierter Ego- Eco-Systeme (Bedürfnis nach ganzheitlicher Vernetzung zum Zwecke des langfristigen Überleben der Menschheit – Türkis vMeme) jeweils ein Hinweis auf zentrale Entwicklungsimpulse sein, die Menschen veranlassten, auf die mit ihnen verbundenen Meta-Lebensfragen adäquate Antworten zu geben. 

Folgen wir dieser Hypothese, dann nimmt mit jedem neuen, alles vorherige überragenden Entwicklungsimpuls nicht nur dessen Komplexität zu, vielmehr auch die Vielfalt möglicher ‚Antworten‘. Diese Grafik soll den Zusammenhang verdeutlichen:

Ein Beispiel aus dem Mikrokosmos eines einzelnen Menschen: Die Person hat bereits Entwicklungsimpulse in ihrem Lebensverlauf erfahren und den Umgang in Form von Verhaltens- und Handlungsweisen mit der in ihnen angelegten Komplexität erlernt und integriert. Nun tritt ein neuer Entwicklungsimpuls ein. Nehmen wir dazu an, die Person steht vor der Situation, entweder eine Tätigkeit auszuüben, für die es bereits eine Reihe nachvollziehbarer ‚guter Gründe‘ gibt (zum Beispiel familiäre Traditionen, eine ‚gemachtes‘ Nest, gewisse Talente …) oder eine Höherqualifizierung anzustreben, die es ihr ermöglichen würden, das Spektrum ihrer beruflichen Tätigkeit deutlich vergrößern zu können. Ein entsprechender Entwicklungsimpuls (zum Beispiel Wahrnehmung eines Verhaltens mit Vorbildcharakter bei einer anderen Person, unerwartetes ermutigendes Feedback von Dritten, Aufgreifen einer Information aus einer seriösen neuen Quelle jenseits der bekannten Bubble …usw.) geht ein und fordert die Person zu einer persönlichen Stellungnahme. Pathetisch formuliert könnte man sagen, die Person hat bisher ’selbst gedacht‘, nun lässt sie zu, dass für sie ein Stück gedacht wird (durch das Vorbild, den Feedbackgeber, die Informationsquelle …) und damit letztlich sie selbst in die Lage kommt, ihr eigenes Denken zu veredeln. Im ‚Veredelungsprozess‘ greift sie dabei auf das Bisherige zurück und führt nach dem Entwicklungsimpuls Schritte weiterer Differenzierung durch (zum Beispiel Pro- und Contra-Überlegungen, der Einsatz weiterer Informationsquellen, Erfahrungsberichte anderer usw.). Kommt nun die Person an einen Punkt, an dem sie einen Sinn (ein ‚Worum hat es mir ab jetzt wirklich zu gehen‘) entdeckt, die Entwicklung entweder in Richtung ‚Verbleib in einem spezifischen, bekannten beruflichen Kontext‘ oder ‚Aufbruch in ein neues Qualifizierungsfeld‘ zu vollziehen, dann können wir dies – im Verständnis der Sinnlehre Frankls – als Ausgangspunkt dder Transzendierung hin zum Sinn verstehen. Im ersten Fall könnte die Sinnfindung darin bestehen, dass die Person einen Impuls erfährt, der Werte in ihr berührt, die auf Bewahrung einer bestehenden Struktur und Qualität gerichtet sind, im anderen Fall Werte, deren Verwirklichung auf Herausforderungen im Kontext neuer Leistungen zielen (im Graves Modell könnten dies mit den vMeme Blau und Orange korrespondieren).

Nehmen wir an, die Person vollzieht ihre Stellungnahme hin in Richtung ’neue Leistung‘. Sie tritt damit ein in den Möglichkeitsraum eines neuen vMeme, einem Raum, in dem sie alles integriert, was ihr ihre bisherige Entwicklung quasi in ihren Rucksack gelegt hat. Solange es keinen weiteren Entwicklungsimpuls in ihrem Themenkontext (hier war es der Kontext Weiterentwicklung/-bildung) gibt, der sie hinführt zu einer neuerlichen Sinnsuche, wird sie im besten Fall bestrebt bleiben, die Komplexität der Themen, die sie zu bewältigen hat (hier im Kontext des Einsatzes ihrer Qualifikationen) entlang ihrer entwickelten vMeme zu bewältigen. Der Umgang mit der bestehenden Komplexität wird dabei maßgeblich von den Anforderungen beeinflusst, die die Lebenswelt der Person formuliert. Solange die Lebenswelt also Fragen an die Person richtet, die sie mit ihren entwickelten vMemen beantworten kann, wird sie das Gefühl haben, sich selbst steuern zu können, alltagstaugliche Verhaltens- und Handlungsweisen vorhalten zu können, im Flow zu sein usw.

Die Crux liegt nun darin, dass nach der freien und verantwortlichen Stellungnahme hin zu einem neuen Sinn die bereits entwickelten vMeme alleine nicht ausreichen. Vielmehr gilt es, auf der Spirale der Bewusstheit eine Ebene weiterzukommen, also zum Beispiel vom vMeme Blau hin zum vMeme Orange. Einfach gesprochen bedeutet dies, dass die Person einen Prozess der Werteentwicklung vollzieht. Wenn Frankl darauf hinweist, dass ein Mensch Sinn findet durch Verwirklichung seiner Werte, dann bedeutet das, dass neuer Sinn im Leben gefunden werden kann, wenn neue Werte berührt werden, deren Verwirklichung von der Person als sinnvoll gefühlt werden.

Neuer Sinn und neue Werte bedeutet nun aber nicht, dass beide erfunden werden müssten. Vielmehr gilt es, im Rahmen einer Werteanalyse herauszufinden, welche von ihnen zu einem die Person erfreuenden Gefühl führen, das innerlich dazu aufruft, ihnen mehr als bisher Raum zur Entwicklung zu geben. Und das Finden neuen Sinns – darüber habe ich in der KrisenPraxis bereits mehrfach geschrieben – wird durch Weltoffenheit gefördert. Wer sich diese Aspekte detaillierter erarbeiten möchte, der kann gerne in meinem Buch Sinncoaching, erschienen jetzt im November 2025, dazu nachlesen.

Dass es, wie Clare Graves zu seinem Modell ergänzt, in der Entwicklungsgeschichte der gesamten Menschheit zu solchen Entwicklungssprüngen von vMeme zu vMeme gekommen ist, mutet nicht sonderlich überraschend an. Schauen wir auf Technologiesprünge, die Entwicklung und Verbreitung menschlichen Wissens oder auf die rasant zugenommenen Möglichkeiten der Kommunikation und Vernetzung mit anderen Menschen, so liegt auf der Hand, dass auch innerpsychisch vergleichbare Entwicklungsprozesse vollzogen werden mussten. Die Plastizität des Gehirns als Grundvoraussetzung für die Aufnahme und Verarbeitung neuer Entwicklungsimpulse darf in diesem Kontext als Basis aller kollektiven und individuellen ‚Werdung zum Anderen‘ angesehen werden. Und ein Ende dieser Plastizität ist nicht in Sicht, somit auch nicht der Möglichkeitsraum für die Entwicklung des Einzelnen und der Ganzheit aller.

Weitere kritische Stimmen beklagen, dass im Graves Modell zeitliche Aussagen darüber vorgenommen werden, wann die verschiedenen vMeme wohl entstanden sind. Womöglich wird die Kritik gerade von den Personen formuliert, deren vMeme Orange eine wissenschaftlich detaillierte und fundierte Aussage erwartet. Aus der Perspektive zum Beispiel eines vMeme Gelb oder Türkis erscheint diese Kritik zwar nachvollziehbar (schließlich sind in diesen Meme die Wert- und Bewertungsmaßstäbe von Orange integriert), ihre Bedeutung tritt auf dieser Bewusstheitsebene jedoch gegenüber der grundsätzlicheren in den Hintergrund, bei der die Transformation menschlicher Bewusstheit hin zu einem ausgeprägterem synthetisierenden und holistischen Denken eher von Interesse ist.

Kritik wie Anerkennung an einem Modell wie dem von Clare Graves zielt letztlich auf eine Dualität von Richtig oder Falsch, auf passend oder unpassend usw. und weist damit tendenziös auf eine Argumentation aus dem blau/orange vMeme hin und damit verbunden auf eine Art blinden Fleck, der darin liegt, dass ausgeblendet wird, dass ein vMeme dazu führen kann, dass eine Person sich mit ihm identifiziert. „Ich bin nichts anderes als mein derzeit höchstentwickeltes vMeme“ – der damit verbundene Reduktionismus verweist über diesem vMeme liegende, mögliche weitere vMeme in den blinden Fleck. Solche Blindpunkte, so meine Annahme, hat jeder Mensch und jedes menschliche System und führt zu individuellen oder kollektiven Irrtümern in der Wahrnehmung und Beurteilung von Aussagen, die einem noch nicht entwickelten vMeme entspringen. Weiter gedacht wäre es wohl eine gute Idee, erst einmal zu postulieren, dass keinem Mensch ALLES bewusst sein kann, sondern vielmehr seine aktuelle Bewusstheitsebene gleichsam eine Art Grenze zu denen bildet, die danach auf Entwicklung warten – dieses Postulat gilt meines Erachtens für jede noch so weit entwickelte Bewusstheit.

Wenn dieser Aspekt mitgedacht würde, die Person sich also nicht per se mit ihrer Bewusstheit identifiziert, dann mag damit eine Blockade gelöst werden können, die Transzendenz hin zu einem Sinn, der sich in einem noch nicht zuvor gedachten Raum findet, erschwert. Mir persönlich erscheint für diese Blockadelösung die Verwirklichung eines spezifischen Wertes besonders hilfreich zu sein – der Wert ‚Toleranz‘, der sich auf Alles bezieht. Die Wirkungen einer solchen Alltoleranz zu diskutieren, mag sich anbieten für all diejenigen Menschen, die fühlen, dass wir Alle weit mehr sind als die vermeintlichen, konstruierten, aufoktroyierten oder eingepflanzten Trennungen, die im Kern Entwicklungshindernisse darstellen. So gedacht wird jedes Denken, das zur Entwicklung einer Bewusstheitsebene beigetragen hat, nie als richtig oder falsch angesehen werden können, sondern vielleicht eher als bereits angelegter innewohnender Auftrag eines jedes Menschen hin zu einer Quintessenz allen Seins, das ALLE Phänomene vereint: Dass – in meinen Worten – jeder Mensch niemals IST, sondern immer zu ALLEM wird, das er immer schon war.

Ein Modell wie das vMEME-Modell von Graves hält dies offen, auch wenn seine Struktur dazu einladen kann (aber nicht muss), die Werdung eines Menschen aus der Perspektive hinzukommender Bewusstheiten zu erklären. Mit dieser Einladung folgt das Modell vielen anderen, die die Psychologie hervorgerufen hat. Aber – und hier wird es für mich reizvoll – in ihm ist für mich ein Aspekt von integraler Qualität: Dass jedes komplexer entwickelte Sein (das weit mehr ist als das reduktionische Angebot eines Frontalcortex) seinen Sinnimpuls bereits integriert hat. Der Sinnimpuls als Auftrag zur Entwicklung weiteren Werdens, oder wie es Viktor Frankl formuliert: „Die Freiheit der Person ist nun nicht nur eine Freiheit vom Charakter, sondern auch eine Freiheit zur Persönlichkeit. Sie ist Freiheit vom Sosein und Freiheit zum Anders-werden.“ (aus: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“)

 

 

Eigentlich ist Leben einfach – 4

  

Jeder Mensch hat ein einzigartiges Wertesystem. Hier und Jetzt tritt dieses System in Aktion – durch (versprachlichte) Verhaltensweisen, Handlungen oder Entscheidungen treten einzelne Werte in die Sichtbarkeit. Analog zum physischen System, dessen individuelle Besonderheiten zum Beispiel durch Wachstum, Bewegungen oder Beeinträchtigungen sichtbar werden und dem psychischen System, dessen Individualität sich zum Beispiel durch Affekte, Regungen oder (versprachlichte) Kognitionen und Emotionen zeigt.

Während das psychische und physische System zur [Gesund-]Erhaltung des Menschen ihre Beiträge leisten, dient das Wertesystem dazu, für die in der Lebenswelt auf die Person wartenden Aufgaben gerüstet zu sein. Auch die Werte, die vermeintlich dafür gut sind, dass sich die Person gut fühlt, haben – weiter gedacht – ihren eigentlichen Auftrag darin, dass die Person sich in guter Verfassung mit den Aufgaben aus ihrer Lebenswelt befassen kann. So hat beispielsweise der Wert ‚Gesundheit‘ und ein diesem Wert entsprechendes Verhalten vordergründig nicht nur den Selbstzweck, den Zustand von Wohlbefinden zu bewirken. Vielmehr dient die Verwirklichung des Wertes Gesundheit dafür, um all das zu erhalten oder wieder aufzubauen, was erforderlich ist, individuell sinnvollen Lebensaufgaben gerecht werden zu können.

Schauen wir nun auf die drei beispielhaft dargestellten Personen. Jede von ihnen hat ein indiviuelles und originäres Wertesystem. Im Rahmen einer Werteanalyse wurden die Werte jeder Person in Gruppen zusammengeführt – eine solche Clusterung kann verschiedenartig vorgenommen werden, zum Beispiel haben wir unsere über 400 LebensWerte mit dem Kontext individueller Motive in Verbindung gebracht. Dabei entstanden die acht Cluster: Macht-Freiheit, Leistung-Ruhe, Stabilität-Veränderung, Bindung-Trennung. Eine weitere Gruppierung geht zurück auf das von Professor Clare entwickelte Modell einer evolutionär begründete Werteentwicklung.

Graves beschreibt in seiner Theorie der menschlichen Bewusstseinsentwicklung einen Prozess der Vergrößerung von Verhaltens- und Handlungsräumen zum Zwecke der Bewältigung komplexer werdender Themenstellungen. Graves nimmt dazu in seinem werteevolutionären Ansatz an, dass jeder Mensch durch verschiedene Stadien der Bewusstseinsentwicklung geht, wobei jede entwickelte Ebene [sie werden auch vMeme-Ebenen genannt – v = value / Meme = spezifischer Bewusstseinsinhalt] durch ein Set an Grundüberzeugungen, Werten, Einstellungen und Haltungen repräsentiert wird. Für eine schnellere Unterscheidung dieser Ebenen werden in der Literatur Farben eingesetzt – Sie sehen sie unten in den kleinen Rauten zu Beginn neuer Textpassagen.

Zu Beginn der Vorstellung soll betont werden, dass keine vMeme-Ebene per se ‚besser‘ oder ’schlechter‘ als eine andere ist. Vielmehr soll der Aspekt in den Vordergrund rücken, dass es stets situativ eine passende Gegenwarts-Bewusstheit [ein passendes vWerte-Meme] braucht, ergo es bei einer Abfolge unterschiedlicher, zu bewältigender Situationen auch unterschiedlich angemessener vMeme-Ebenen bedarf [welche Folgen dies im Thema ‚Krise‘ hat wird in späteren Beiträgen diskutiert, ebenso die Kritik an diesem theoretischen Modell].

Die vMeme-Ebenen in einer ersten Übersicht:

 Das Beige-Meme ist die erste Ebene im Graves Value System. Als „Überlebensmeme“ geht es hauptsächlich um die Bewältigung des Themas ‚Befriedigung der Grundbedürfnisse wie zum Beispiel Nahrung, Schlaf, Wärme, Sex‘. Neben Neugeborenen zeigen auch Menschen unter Drogeneinfluss ein mit diesem Meme verbundenes reflex- und instinktgesteuertes Verhalten. Der Rahmen individueller Fähigkeiten, auf ihre Umwelt zu reagieren ist deutlich begrenzt, es wird im Hier und Jetzt gelebt. Im archaisch-urzeitlichen Beige-Meme gibt es noch kein Konzept von moralischen Werten oder sozialen Normen.

In unserer modernen Gesellschaft ist ein erwachsenes Verhalten und Handeln im Beige-Meme meist nur in existenziellen Krisen zu beobachten, wenn die Verwirklichung von Werten höher entwickelter Ebenen als nicht (mehr) möglich erscheint. Global betrachtet werden aber viele Menschen und Gemeinschaften durch die sie gefährdenden Rahmenbedingungen genötigt, ihr Verhalten und Handeln in diesem Meme zu zeigen. Wenn Menschen mit traumatischen Ereignissen konfrontiert werden, wie z.B. Naturkatastrophen, Krieg oder Hunger, dann werden sie auf ihre Bewusstheit, grundlegendste Überlebensbedürfnisse befriedigen zu müssen, zurückgeworfen. Ihre Verhaltensweisen werden dabei von tief verwurzelten Instinkten und Gewohnheiten bestimmt und sind eher spontan. Im urzeitlich Kontext ist dieses Meme mit Begriffen wie Sammeln und Jagen, klimabedingte Migration oder Bildung schützender und unterstützender Horden verbunden.

Ohne Entwicklungsperspektive und dem Verharren im Beige-Meme zeigen sich negative Auswirkungen darin, dass Menschen sich in ständiger Angst vor Bedrohungen befinden und sich auf ichbezogene Überlebensstrategien konzentrieren, ohne sich am Aufbau sozialer Strukturen oder höherer Werte zu beteiligen.

 Das Purpur-Meme ist die zweite Bewusstheits-Ebene im Graves Value System. Auf ihr entsteht erstmals ein Wir-Bezug und eine Bewusstheit für den Wert einer Gemeinschaft. Die Suche nach einem gemeinsamen Daseins-Zweck und einer verbindenden Identität wird gestärkt durch den Glauben an Symbole, Rituale und Übernatürliches. Das Streben nach Harmonie mit den Kräften der Natur und erste Formen einer Kulturentwicklung – zum Beispiel Musik, Tanz oder erzählende Überlieferung – sind Merkmale dieses Meme. Ein starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft, Zusammenhalt, Sicherheit und Geborgenheit in der Gruppe und ihre Befriedigung mittels zeremonieller Handlungen sowie ihre Empfänglichkeit für magische Momente zeigt sich auch heute unter anderem bei religiösen Gemeinschaften. Mit einer intensiven emotionalen Verbundenheit mit ihrer Gemeinschaft, die ohne institutionelle Klammer auskommt, betrachten Menschen im Purpur-Meme die Welt als ein geheimnisvolles und oft unerklärliches Universum, in dem alles miteinander verbunden ist.

Obwohl das Purpur-Meme auf den ersten Blick als naiv oder dem Kleinkindalter entsprechend erscheinen kann, ist es von großer Bedeutung in der menschlichen Entwicklung. Auf dieser Ebene steht das Lernen durch Nachahmung und damit ein tiefes Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit in einer Gruppe im Vordergrund.

In unserer modernen Gesellschaft ist ein erwachsenes Verhalten und Handeln im Purpur-Meme oft im Thema ‚dazugehören wollen‘ zu beobachten. Familiär geprägte Organisationen, Stammeskulturen, Cliquen und Clans werden als Orte der Sicherheit empfunden, und die Anpassungsfähigkeit an das Gruppenverhalten gilt als notwendige Bedingung dafür, nicht in die Angst zu verfallen, aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden. Loyalität gegenüber Ältesten und die Tradition der Gruppenkultur werden gepflegt; Kinder werden als Alterssicherheit angesehen.

Wenn Menschen mit Bindungs- und Vertrauensverlusten konfrontiert werden, wie dies z.B. bei der Scheidung der Bezugspersonen in der frühen Kindheit oder bei der Trennung von der Gemeinschaft durch Umzug entstehen kann, so werden die Werte dieses Meme verletzt. Ohne Entwicklungsperspektive und dem Verharren im Purpur-Meme zeigen sich negative Auswirkungen dann zuweilen darin, dass Menschen irrationalem Glauben, magischen Praktiken oder Sektierertum verfallen.

 Eigene Bedürfnisse nach Individualität zeigen sich im Graves Value System erstmals im Rot-Meme. Verhalten sich Menschen bei spezifischen Themen entlang dieses Werte-Meme, so zeigen sie ihr Bedürfnis nach Macht, Kontrolle und Dominanz an. Für Bedürfnisse anderer bringen sie in diesen Kontexten ein eher geringes Verständnis auf. Sie glauben an die Stärke und Überlegenheit des Individuums gegenüber der Gruppe und lehnen Autorität und Kontrolle ab, wenn sie nicht zu ihrem eigenen Vorteil sind.

Einen Vorgeschmack auf dieses Meme zeigen Kinder in der pubertären Trotzphase, wenn sie mit Einschüchterung und Kraft anderen ihren egozentrierten Willen aufzudrücken versuchen. Auch eine Tendenz zur [subtilen, manipulativen, kommunikativen oder physischen] Gewalt und Aggression ist möglich, wenn es darum geht, persönliche Ziele zu erreichen. Die ‚Siegen-wollen-Mentalität‘ steht dabei im Einklang mit einem Weltbild, das den Kampf um Ressourcen und Macht als erforderlich ansieht, das auf Omnipotenz oder gar Unsterblichkeit setzt und in dem Kritik von Außen als persönlicher Angriff und Beleidigung angesehen wird. Ein weiteres Merkmal des Rot-Memes ist ein impulsives, ‚aus-dem-Bauch-heraus-Handeln‘, ohne Rücksicht auf Konsequenzen oder die Bedürfnisse anderer. Eine sofortige Bedürfnisbefriedigung wird ungeduldig  angestrebt und die kleine oder große Welt ist dafür die Plattform, auf der Macht und Willenskraft demonstriert wird.

In unserer modernen Gesellschaft ist das ichzentrierte Rot-Meme durchaus präsent. Meist negativ konnotiert, wenn es sich im Kontext von Feudalherrschaften, dem Drang zum Erhalt von Imperien, Heldenverehrung kriegerischer Eroberungen, Gewalt in der Familie, Korruption usw. zeigt. Als positiv wird das Rot-Meme erlebt, wenn es um die persönliche Entschlusskraft geht, in passenden Situationen direktive Anweisungen mit Energie und Verve mitzuteilen oder wenn gegen Widerstände aus dem Umfeld der Wille für eigene Entdeckungen und Kompetenzaufbau aufrecht erhalten bleibt oder auch, wenn sich keine anderen Wege aufzeigen, gegen Unterdrückung oder Ohnmacht aufzubegehren.

Wenngleich das Rot-Meme auf den ersten Blick als egoistisch und unmoralisch erscheinen kann, ist es von großer Bedeutung in der menschlichen Entwicklung. Auf dieser Ebene wird das Bedürfnis nach Herrschaft und Selbstbestimmung erkannt und geschätzt. Es betont die Bedeutung von Autonomie und Selbstbestimmung und schafft damit eine Grundlage für persönliches Wachstum und Selbstverwirklichung.

Wenn Menschen mit der Abwertung ihres Platzes und ihres Status in der Gesellschaft konfrontiert werden, so werden die Werte dieses Meme verletzt. Ohne Entwicklungsperspektive und dem Verharren im Rot-Meme zeigen sich negative Auswirkungen dann zuweilen darin, dass Menschen dazu neigen, situativ ihre Selbstsucht auf Kosten anderer auszuleben, Machtmissbrauch oder Rache auszuüben oder einen Hang zum Narzissmus zu entwickeln.

 Das Blaue-Meme ist die vierte Entwicklungsebene im Graves Value System. Nach der Fokussierung auf beige Grundbedürfnisse, purpurne Gemeinschaft und rote Machtbewussheit geht es hier um die Schaffung von Ordnung, Stabilität und Sicherheit durch Einhaltung von Gesetzen, Regeln, Vorschriften und Strukturen. Institutionen versprechen mit ihren Hierarchien Sicherheit in einer unberechenbaren Welt. Die Bewusstheit, dass für bestimmte Themen ein Schema wie Autorität, Gehorsamkeit, Disziplin, Moral oder auch Konvention und die Bewahrung ethischer Standards passend ist, verweist auf ein geringes Verständnis für Nuancen und Abweichungen. Die situative blaue Bewusstheit neigt zu einem Schwarz-Weiß-Bewertungsmuster, zu einer strengen Auslegung von Überzeugungen und kulturellen Normen.

Menschen mit entwickeltem Blau-Meme schätzen situativ die Ausrichtung an Tugenden, Sitten und aus ihrer Sicht moralischen Standards. Gradlinigkeit, Berechenbarkeit, Pflichtbewusstsein wird hoher Stellenwert beigemessen. Der Preis dafür kann sich in einer schnellen Polarisierung in gut-böse, richtig-falsch usw. zeigen, man bleibt unter sich und seinesgleichen, folgt Gesinnungsautoritäten, hält quasi-ideologisch an ewig Gültigem fest oder schwört Treue bis zum Schluss.

In unserer modernen Gesellschaft ist das wir-orientierte Blau-Meme dort präsent, wo Stabilität und Ordnung wichtiger sind als individuelle Freiheit und Kreativität. Politische, militärische, administrative und religiöse Institutionen sind oft blau geprägt. Die Einhaltung von Regeln und Vorschriften gilt dort als entscheidend für die Sicherheit der Gemeinschaft. Beim Einsatz einer blauen Bewusstheit wird auf hierarchische Systeme wie Kasten, Klassen oder Rassen rekurriert und sprachlich zeigen sich allerlei Grundüberzeugungen in Form von -ismen. Auch die Bereitschaft, sich für jemanden oder etwas zu opfern, um dafür später eine Belohnung zu erlangen, ist ein beobachtbarer Aspekt des Blau-Meme.

Wenn Menschen mit einer Diskreditierung der von ihnen geschätzten Strukturen, Ordnungen oder Regeln konfrontiert werden, so werden die Werte dieses Meme verletzt. Ohne Entwicklungsperspektive und dem Verharren im Blau-Meme zeigen sich negative Auswirkungen dann zuweilen darin, dass Menschen dazu neigen, andere selbstgerecht zu behandeln oder diejenigen zu unterdrücken, die nicht in ihr Weltbild passen. Sie können auch dazu tendieren, auf starre und kreative Problemlösungen erstickende Regeln und Normen zu setzen, anstatt – sofern entwickelt – auf ihr eigenes Urteilsvermögen und ihre eigene Intuition zu vertrauen.

 Auf der nächsten Werte-Ebene beschreibt Clare W. Graves eine Weltanschauung, die sich auf die Überwindung von Einschränkungen und die Maximierung des Erfolgs konzentriert. Das dabei eingesetzte Orange-Meme können wir auch das Meme der Leistung und des Wettbewerbs nennen. Menschen, die situativ dieses Gegenwarts-Bewusstheit in ihrem Verhalten präferiert zeigen, folgen ihrem Bedürfnis nach Verwirklichung von Werten und Motiven wie Fortschritt, Innovation, Leistung, Zielerreichung und Aufstieg. Eine starke Ausrichtung auf autonome Selbstverwirklichung, individuelles Wachstum und persönliche Entwicklung ist dann beobachtbar. Mit einer Tendenz zur Rationalität und Effizienz wird die Welt als eine Maschine angesehen, die optimiert werden kann, um maximale Ergebnisse zu erzielen. Zum Gelingen wird dabei auf wissenschaftliche Methoden und Analysen gesetzt, die als zweckdienlich für das Lösen komplexer Probleme angesehen werden.

In einer Gesellschaft ist das ich-zentrierte Orange-Meme dort weit verbreitet, wo messbarer Erfolg und das Ringen um Anteile an zu verteilenden Ressourcen eine wichtige Rolle spielen. In diesem Kontext neigt diese Ebene zu einer elitären Haltung, die Wachstum und Expansion heilig spricht und in der Loyalität auf Nützlichkeitsüberlegungen beruht. Als Ergebnis der Werteverwirklichung auf Orange locken Glück, Konsummöglichkeiten und Vergnügen.

Eine starke Kritik wird gegen dieses Meme laut, wenn die ihm zueigenen Verhaltens-/Handlungsweisen als reines Eigeninteresse an Status, Rang, Prestige, Profit oder auf Kosten anderer gehend empfunden werden. Der stark auf kurzfristige Ergebnisse fokussierte faktenbasierte Pragmatismus bei Entscheidungen im Orange-Meme wird zuweilen einerseits als bewundernswerter Handlungswille gewürdigt. Werden jedoch Manipulationen der Handelnden an der Natur, an Zahlenwerken, an menschlicher Integrität und Würde oder als Angriff gegen ein bestehendes Gerechtigkeitsgefühl von anderen Menschen wahrgenommen, so folgen auf der anderen Seite meist Einwände hinsichtlich der Auswüchse von Kapitalismus, Materialismus oder Individualismus.

Wenn Menschen mit der Abwertung ihrer Qualifizierung und ihres Erfolgswillens in der Gesellschaft konfrontiert werden, so werden die Werte dieses Meme verletzt. Ohne Entwicklungsperspektive und dem Verharren im Orange-Meme zeigen sich negative Auswirkungen dann zuweilen darin, dass Menschen dazu neigen, situativ ihre ‚Ellenbogen-Verdrängung‘ als taktisches Mittel zur Verteidigung zum Beispiel ihrer erreichten Karrierestufe auszuleben, selbstgefährdende Arbeitsüberlastungen einzuleiten oder zuzulassen oder einen Hang zu einem der zahlreichen Facetten eines Suchtverhaltens zu entwickeln.

Das Orange-Meme zeigt, dass die menschliche Entwicklung nicht auf der Ebene der Gemeinschaft und Stabilität stagnieren muss, sondern dass wir in der Lage sind, uns auf individueller Ebene weiterzuentwickeln und persönliche Erfolge zu erzielen. Wie bei allen anderen Meme auch, zeigt sich die individuelle oder kollektive menschliche Entwicklung in Form einer Reise, bei der jede erreichte Ebene auf den vorherigen aufbaut. [Anmerkung: Auch das Beige-Meme, das ich als  Überlebens-Meme vorstellte und das unter anderem die Gegenwarts-Bewusstheit des Neugeborenen beschreiben hilft, hat entsprechende Vorläufer. Beim Neugeborenen sind es die elterlich entwickelten Bewusstheitsebenen auf der Entwicklungslinie “Rolle als Vater/Mutter‘. Je nach Meme kann die Rolle, die sich beispielsweise ein Vater zuschreibt umrissen werden als Familienmensch und Beschützer (purpur), Oberhaupt der Familie (rot), Erziehungsberechtigter und Versorger (blau), Antiautoritärer Trainer und Wissensvermittler (orange), Empathischer Gesprächspartner und Wertevermittler (grün). Es liegt nahe anzunehmen, dass eine präferierte Rollenbewusstheit als mitprägender Einfluss auf die psychische Entwicklung des Kindes ab dessen Beige-Meme einwirkt.]

 Mit dem Grün-Meme erreichen die Bewusstheits-Ebenen die Werte im Kontext von Menschlichkeit, Gleichheit, Kooperation, sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit. Im individuellen oder kollektiven Verhalten zeigt sich ein Streben nach Harmonie, Ausgleich in Beziehungen und in der Gesellschaft als Ganzes, eine starke Betonung von Toleranz und Akzeptanz gegenüber unterschiedlichen Lebensstilen und Meinungen sowie eine auf Diversität und Inklusion achtende Grundhaltung. Dass jeder Mensch gleiche Rechte und Chancen haben sollte, führt im Grün-Meme zur Verhaltenstendenz, die persönliche Entwicklung mit sozialen Verantwortlichkeiten zu verbinden. Menschen auf dieser Stufe suchen nach einem sozialen Zweck in ihrem Leben und engagieren sich entsprechend.

In vielen modernen Gesellschaften zeigt sich das wir-orientierte Grün-Meme insbesondere bei Einzelpersonen, Gruppen, Institutionen und Organisationen, die einen Schwerpunkt ihres Engagements den vielen Brennpunkten widmen, die im Kontext der Kritik an einer zu starken Leistungsgesellschaft (orange) entstehen und sich in den Themen wie Armutsbekämpfung, Bildungsgerechtigkeit, Fairness gegenüber Minderheiten, Chancenfeldern für Migranten, gerechtere Ressourcenverteilung, Weltgesundheit und vielen mehr zeigen.

Das Grün-Meme wird so als Gesellschaftsbild vorgestellt, in dem ein dogmatisches Klammern an vorausgegangenen Bewusstheits-Ebenen abgelöst wird durch einen pluralistischen und relativistischen Zugang zur Welt. Dieser Zugang ist verbunden mit zahlreichen Forderungen zum Beispiel an eine neue political/people/social/ communicative/ …- correctness, an eine konsensuale Streitkultur, tragfähigere Strukturen für soziale Teilhabe, Infragestellung unbegrenzter Wachstumsphantasien, Nivellierung einst diskriminierender Rollen und Klassenunterschiede, Dezentralisierung von Entscheidungsstrukturen oder dem Lebenswohl für alle Lebewesen.

Kritiker des Grün-Meme argumentieren, dass die Betonung von Gleichheit und Zusammenarbeit auf Kosten individueller Freiheiten und persönlicher Leistung gehen kann. Konstruktiv wird dabei betont, es sei lohnend, ein Gleichgewicht zwischen diesen Werteebenen zu finden und sicherzustellen, dass alle Stimmen gehört und berücksichtigt werden. Destruktiv wird dieses Meme als Zeitgeist-Phantasma etikettiert, das nicht in der Lage sei, sich den globalen Weltkonflikten schnell und wirkungsvoll entgegenzustellen.

Wenn Menschen mit der Abwertung ihrer gemeinwohlorientierten Verantwortungsbereitschaft konfrontiert werden, so werden die Werte dieses Meme verletzt. Ohne Entwicklungsperspektive und dem Verharren im Grün-Meme zeigen sich negative Auswirkungen dann zuweilen darin, dass Menschen dazu neigen, situativ ihre weisheitsbeanspruchende Selbstgefälligkeit regelbrechend auf Kosten anderer auszuleben oder spezifische Formen einer Gesinnungsethik durchsetzen zu wollen. Aber auch das Phänomen, Konflikte zu vermeiden und Entscheidungsprozesse auf Kosten der Effektivität und Leistungsfähigkeit zugunsten einer Gruppenidentität zu entschleunigen, zeigt sich situativ.

Insgesamt verweist das Grün-Meme darauf, dass menschliche Entwicklung nicht auf der Ebene der individuellen Leistung stagnieren muss, sondern dass wir als Gesellschaft in der Lage sind, uns auf sozial verantwortungsvolle Weise weiterzuentwickeln.

Mit den nächsten Werte-Ebenen, beginnend mit dem Gelb-Meme, öffnet sich ein neuer Raum der Weltbetrachtung. Ein Raum, der sukzessive immer mehr systemische, holistische und kosmische Aspekte für die Bewältigung komplexer überindividueller Themenstellungen vorhält und auf den sich nur unpassende Antworten in den Meme bis einschließlich Grün finden lassen.

 Das erste dieser Ebenen ist das Gelb-Meme, das oft als Stufe der Integration und des Systemdenkens bezeichnet wird. Es repräsentiert eine komplexe und integrative Sichtweise auf die Welt, bei der Menschen die Welt als ein System betrachten, in dem alles miteinander verbunden ist [also auch alle Werte-Ebenen bis einschließlich Grün] und wo es erforderlich ist, verschiedene Perspektiven und Weltanschauungen zu integrieren und zu verstehen, ohne sich auf eine bestimmte Sichtweise festzulegen. Mit dieser umsichtigen Haltung des Einschließens aller Zugänge zur Lösung komplexer Probleme leistet das Gelb-Meme einen Beitrag zu einer mentalbarrierefreieren Kommunikation.

Dem Gelb-Meme liegt es an sich fern, andere Werte-Ebenen abzuwerten, vielmehr können Menschen in Situationen, die dieses Meme erfordern, mehrere Standpunkte einnehmen und gleichzeitig aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten [eine Fähigkeit, die jedoch häufig bei Menschen, die das Gelbe-Meme noch nicht integriert haben, Irritationen hervorruft, weil sich diese Menschen womöglich einen festen Standpunkt, eine klare Ansage oder eine schnelle Lösung erhoffen, zu denen Gelb entlang ihrer Entwicklungsgeschichte eine gewisse Distanz aufgebaut haben]. Die Verhaltens- und Handlungsweisen des Gelb-Meme wirken integrierend und sind befreit von Erwartungen anderer und von Bindungen aus der Vergangenheit. Das Bedürfnis nach öffentlicher Anerkennung ist gering, das nach Wissen, Flexibilität und Kompetenzentwicklung hat Vorrang vor Macht, Status oder Gruppenempfindlichkeiten.

Obwohl das Gelb-Meme ein Menschenbild adressiert, das den Menschen so nimmt wie er werden könnte und die Wege, die er ging, um zu werden, der er heute ist, lediglich als Grundlage für weitere Entwicklungsschritte ansieht, gibt es auch Kritik an dieser Ebene. So wird argumentiert, dass die Betonung systemischeren Denkens zu einem Mangel an Akzeptanz früher entwickelter Werte führen kann oder dass Entscheidungen, die situativ mit dem Gelb-Meme getroffen werden, Menschen nicht dort abholen, wo sie stehen. Bei dieser Kritik wird jedoch womöglich übersehen, dass es zur Entwicklung des Gelb-Memes oft genug die Konfrontation mit Themen bis ‚grün‘ gab und dass Menschen, die diese Bewusstseinsentwicklung zu Gelb vollzogen haben, auf authentische Beispielgeber in ihrer Biografie verweisen können, durch deren gelber Weltanschauung eine positive Wirkung auf gesellschaftlich hochkomplexe Themenstellungen beobachtbar war.

Zudem muss einem Menschen, der sich hin zu Gelb entwickelt bewusst sein, dass sich der kommunikative Zugang zu vielen Menschen alleine deshalb erschweren kann, weil diese in ihrem Alltag mit Themenstellungen konfrontiert werden, die diese Werte-Ebene nicht benötigen. Der Preis, den Menschen mit einem entwickelten Gelb-Meme dann zuweilen zu zahlen haben, ist eine Art intellektueller Verarmung. ‚Stell Dir vor, die Probleme werden hochkomplex und keiner denkt der Situation angemessen mit‘ – wer sich in einem solchen Umfeld wahrnimmt, muss lernen, auf psychischer Ebene mit Entfremdungsgefühlen umzugehen. Demgegenüber steht im Gelb-Meme ein hohes Maß an Reflexion und Wertebewusstsein, das dabei hilft, eigene Grenzen und die Wirkung eigener Überzeugungen zu erkennen und zu akzeptieren. Die Einstellung, Wissen in den Kontext eines unendlichen Prozesses zu stellen und als Konsequenz davon Bildung als kontinuierlichen Prozess lebenslangen Lernens anzusehen, kann konstruktiv zu einer Blickfelderweiterung führen, die das Finden von Lösungen an für viele andere Menschen unerwarteten Stellen ermöglicht. Negative Auswirkungen einer unverhältnismäßigen Betonung des Gelb-Memes wären hingegen endlose Diskussionen und Reflexionen, ohne zu praktischen Lösungen zu kommen. Auch die Vernachlässigung der Bedeutung von emotionalen Aspekten und menschlichen Beziehungen werden bei Gelb zuweilen beobachtet.

 Noch über dieses systemische Gelb-Meme hinaus verweist eine Verhaltens- oder Handlungsweise von Menschen, die situativ eine ganzheitliche Sicht auf die Welt einnehmen: es das im Graves Value System genannte Türkis-Meme. Menschen auf dieser Werte-Ebene haben ein wirkliches Verständnis davon, dass alle Dinge in einem größeren Kontext miteinander dynamisch verbunden sind und dass ihre Handlungen und Entscheidungen die Welt um sie herum ebenso dynamisch beeinflussen.

Eine wichtige Eigenschaft des Türkis-Meme ist die Fähigkeit, Paradigmenwechsel voranzutreiben. Menschen auf dieser Stufe sind in der Lage, neue Ideen und Konzepte zu entwickeln, die grundlegende Veränderungen in der Gesellschaft bewirken können. Sie haben ein tiefes Verständnis dafür, dass allgesellschaftlich komplexe Probleme nur durch ganzheitliche und integrative Ansätze gelöst werden können. In meinem Verständnis wäre eine Rolle im türkisen Meme die eines Gesellschaftscoachs, und in meiner Hoffnung entspräche diese Meme-Bewusstheit auf politischer Ebene die eines Bundespräsidenten, der seinen Beitrag dafür leisten will, die Gesamtgesellschaft  auszurichten auf Themen, die zeitlich weit über das Leben aller hinausreicht, die aktuell Bürger des Staates sind.

Das Türkis-Meme wird zwar oft mit spirituellen Traditionen und östlichen Philosophien in Verbindung gebracht, da es eine starke Betonung auf Achtsamkeit, Mitgefühl und das Streben nach höheren Bewusstseinszuständen hat. Diese Erklärung greift jedoch zu kurz, denn anderen Meme-Ebenen eben diese menschlichen Qualitäten indirekt abzusprechen, ist mit der tiefen Gelassenheit, mit der im Türkis-Meme auf das Wohl aller Menschen und des Planeten geschaut wird, nicht vereinbar. Vielleicht ist es angemessener, dieser Werte-Ebene die Form eines holistischen Weisheitsvertrauens zuzuschreiben, das den Gedanken, dass jedwedem Problem eine Lösung – wo und wann auch immer – gegenübersteht, mit dem Willen integriert, Hindernisse, die das Finden dieser Lösungen erschweren, mit Besonnenheit und Demut zu identifizieren und zu kommunizieren. Eine günstige Konkretisierung auf Verhaltens- oder Handlungsebene erfährt das Türkis-Meme in konsensbasierten und allfriedensorientierten Kooperationen mit Selbstorganisation und Selbstregulierung innerhalb der Gesellschaft. Dem Blick auf die Welt als eine unteilbare Einheit wird eine gesamtweltliche Suche nach geistig sinnvollen Wegen für die drängenden Probleme, für wen, wo und wie sie sich auch immer zeigen, zur Seite gestellt. Gelingt der Transfer des Türkis-Meme in praktisches Handeln nicht, so zeigt sich womöglich eine Art Elfenbeinturm-Transzendenz, die mehr Welt-Distanzierung zum Ausdruck bringt als die der an sich dem Meme inhärenten Liebe zu tiefer Integration aller Perspektiven im Kontext der jeweiligen Themenstellung.

 Eher noch im Forschungsfeld der Bewusstseinspsychologie und daher hier nur minimal skizziert findet sich das Korall-Meme im Graves Value System. Auch dieses Meme ist geprägt von einem tiefen Verständnis der Einheit und Verbundenheit aller Dinge, doch zeigen Menschen, die Themen mit dieser Werte-Ebene adressieren, in ihrem Verhalten oder in ihren Handlungen einen kristallinen Glauben an das kosmische Mysterium und die Existenz von Meta-Ebenen des Bewusstseins.

Graves und Frankl im Berufskontext

Beige – Überleben. Frankl sieht in der Trotzmacht des Geistes die zentrale Ressouce dafür, auch die kritischsten Lebensmomente und Grenzerfahrungen meistern zu können.

Berufsbeispiel:
Eine Lagerarbeiterin verliert durch eine Unternehmensschließung ihre Existenzgrundlage. Sie weiß nicht, wie sie ihre Miete zahlen soll, die Angst lähmt sie. In diesem Moment findet sie Sinn, indem sie all ihre Kräfte mobilisiert: Sie organisiert kleine Nebenjobs, verzichtet auf Komfort, hält durch. Ihre Sinnfindung besteht darin, nicht zu resignieren, sondern Tag für Tag das Überleben ihrer Familie zu sichern – getragen von der inneren Freiheit, der Verzweiflung nicht das letzte Wort zu lassen.

Purpur – Zugehörigkeit. Frankl sieht in Beziehungen einen zentralen Ort der Sinnfindung, da hier Werte verwirklicht werden können, die durch Liebe, die Erfahrung der Einzigartigkeit anderer Menschen und die gegenseitige Zuwendung geprägt sind.

Berufsbeispiel:
Ein junger Softwareentwickler fühlt sich in einer neuen Stadt einsam und orientierungslos. Er zweifelt an seiner Entscheidung, den Job anzunehmen. Halt findet er, als er sich einem Kollegen-Stammtisch anschließt. Durch kleine Rituale – gemeinsames Kochen, wöchentliche Treffen – erlebt er Zugehörigkeit. Sinn entsteht nicht primär durch seine Arbeit, sondern durch das Gefühl, eingebettet und gebraucht zu sein. Er erkennt: In der Gemeinschaft findet er eine Aufgabe – füreinander da zu sein.

Rot – Macht. Frankl sieht in der Macht des Geistes die Person zur Stellungnahme aufgerufen.

Berufsbeispiel:
Eine Vertriebsmitarbeiterin erlebt, wie ihr Vorgesetzter sie ständig kleinredet und ihr Aufträge entzieht. Sie fühlt sich gedemütigt. Anstatt sich zurückzuziehen, beschließt sie, selbstbewusst ihre Ergebnisse sichtbar zu machen und ein eigenes Projekt durchzusetzen. Sie findet Sinn darin, sich gegen Ungerechtigkeit zu behaupten. Ihr Mut, Grenzen zu setzen und für ihre Würde einzustehen, macht die Situation erträglich – auch wenn das Risiko besteht, anzuecken.

Blau – Ordnung, Struktur, Pflicht. Frankl sieht die „Pflicht“, im Sinne einer Anerkennung der Verantwortung für die eigene Lebenswelt als einen wichtigen Weg zur Sinnfindung, indem man sich aktiv einer Sache widmet, indem man sich einer Person oder Gruppe hingibt, oder indem man auch in unveränderbaren Situationen die Einstellung bewahrt, über das eigene Ego hinauszuwachsen.

Berufsbeispiel:
Ein Beamter im Bauamt ist frustriert: Die Flut an Anträgen wächst, Bürger beschweren sich, er fühlt sich angegriffen. Er findet Sinn, indem er sich bewusst macht, dass seine Arbeit nicht nur Aktenberge bedeutet, sondern Rechtssicherheit für alle. Er sagt sich: „Wenn ich korrekt arbeite, ermögliche ich Menschen, ihre Häuser sicher zu bauen.“ Pflichtbewusstsein und die Treue zum Wert der Gerechtigkeit geben ihm Halt – er sieht seine Aufgabe im größeren Rahmen.

Orange – Leistung. In Frankls Sinnlehre wird ein Weg der Sinnfindung darin gesehen, schöpferische Werte wie Leistung, Arbeit oder Fleiß zu verwirklichen.

Berufsbeispiel:
Eine Ingenieurin wird durch Dauerstress und Konkurrenzdruck ausgebrannt. Sie fragt sich, wofür sie das alles macht. Sinn findet sie, als sie ein innovatives Produkt entwickelt, das Energie spart und Unternehmen nachhaltiger macht. Hier erkennt sie: „Meine Leistung trägt zu etwas bei, das über meinen Bonus hinausgeht.“ Ihr Wille zum Sinn verwandelt den bloßen Karriere-Ehrgeiz in ein Motiv, einen spürbaren Beitrag zu leisten.

Grün – Gemeinwohl.  Frankl zufolge lässt sich Sinn darin finden, indem man sich für etwas engagiert, das nicht auf einen selbst zurückfällt, also für eine Aufgabe, ein Projekt oder für andere Menschen.  

Berufsbeispiel:
Eine Teamleiterin in einer NGO erlebt Überlastung: zu viele Projekte, zu wenig Ressourcen. Sie droht, sich im Chaos zu verlieren. Sinn findet sie, indem sie auf die Bedürfnisse ihres Teams eingeht: Sie organisiert Gesprächsrunden, fördert gegenseitige Unterstützung. In dem Moment, in dem sie erlebt, dass ihre Arbeit die Menschen um sie herum stärkt, spürt sie: „Auch wenn es anstrengend ist – wir schaffen gemeinsam etwas, das trägt.“

Gelb – Integration und systemisch-synergetisches Denken. Frankl gibt zu verstehen, dass der Mensch nie frei ist von Bedingungen aller Art [hier können wir auch alternativ sagen, nie frei ist von Bedingungen im Kontext der vMeme von Beige bis Grün], die sein Leben mitbestimmen. Aber er ist stets frei und verantwortlich für unendlich viele Perspektiven, die ihm den Bereich des Möglichen eröffnen.

Berufsbeispiel:
Ein Projektmanager arbeitet in einem internationalen Konzern, wo Kulturen und Abteilungen ständig aneinandergeraten. Konflikte und Sackgassen frustrieren ihn. Statt aber vorschnell Partei zu ergreifen, beginnt er, Muster zu analysieren und flexiblere Lösungen zu entwickeln. Er erkennt, dass er Situationen nicht beherrschen, sondern gestalten kann. Sinn findet er in seiner Freiheit, unterschiedliche Sichtweisen zu verbinden und neue Spielräume zu öffnen.

Türkis – Ganzheit. Frankl betont das eigentliche Humane, das Geistige (Spirituelle) der Person und damit – wie Max Scheler – die besondere Stellung des Menschen im Kosmos

Berufsbeispiel:
Eine Ärztin in einem Entwicklungsprojekt in Afrika erlebt Ohnmacht angesichts von Armut und Krankheit. Statt an der Überforderung zu zerbrechen, spürt sie Sinn darin, dass jeder geheilte Patient, jedes kleine Stück Aufklärung, Teil eines sehr viel größeren Prozesses der Heilung ist. Sie erkennt: Ihr Handeln ist eingebettet in das Ganze der Menschheit. Der Sinn liegt nicht in der schnellen Lösung aller Probleme, sondern darin, durch ihr Tun zur Balance des Lebens beizutragen.


 

  

Wenn wir nun die drei Personen mit ihren Wertesystemen –  gefärbt nach dem Graves System – anschauen, dann erkennen wir deutliche Unterschiede. Die Person links zeigt ein recht differenziertes Wertesystem mit einem weiten Spektrum, bei der mittlere Person dominieren die vMeme von rot, blau und orange und bei der rechten Person von orange, grün bis gelb.

Würde die rechte Person vor einer Aufgabe stehen, die einer ‚gemeinwohl orientierten‘ grünen Werte-Bewusstheit bedarf, dann kann angenommen werden, dass sie für diese Aufgabe Verhaltens- und Handlungsmuster bereit hält, die der Person in der Mitte aufgrund ihrer bisherigen Entwicklung noch nicht zur Verfügung stehen. Würde dieser, mittleren, Person die Aufgabe übertragen, wäre zu erwarten, dass sie mit ihr deshalb überfordert ist, weil sie mit ihren bestehenden Grundüberzeugungen der Komplexität der Aufgabe nicht gerecht werden kann. Würde dies nicht rechtzeitig erkannt, wäre zu erwarten, dass sie mit ihrer starken rot-blauen Wertebewusstheit versuchen würde, die Aufgabe anzugehen. Als Folge davon könnte sich über kurz oder lang ein kritisches Feedback ergeben, insbesondere von Personen, die über eine grüne oder darüber hinausreichende Wertebewusstheit verfügen. Der mittleren Person stünde nun zwar der Weg offen, die Werte zu entwickeln, sich also mit der Komplexität der Aufgabenstellung zu befassen und ‚ihr Mindset‘ entsprechend weiter auszurichten. Wird eine solche Entwicklung aber zum Beispiel aus Zeitdruck heraus erschwert und steht die Person dadurch bedingt unter Stress, darf die positive Aussicht auf eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung als eher erschwert eingeschätzt werden. Aus präventiver Sicht wäre es hier erfreulich, hätte die Person ihr Wertesystem rechtzeitig einmal analysiert, um sich darüber die Option zu bewahren, die sie potenziell belastende Aufgabe wertebewusst abzulehnen.

Wieder anders sieht es bei der Person links aus. Hier zeigt sich ein recht heterogenes Wertebild mit deutlichen Hinweisen auch auf eine gelbe und türkisfarbene Werte-Bewusstheit. Mit dieser Person müsste womöglich darüber gesprochen werden, wann sie die Übernahme der Aufgabe gegebenfalls langweilen könnte, da die Verwirklichung gelber und türkiser Werte bei dieser Aufgabe weniger in Aussicht steht.

Eigentlich ist Leben einfach – 3

Das genetische Substrat ist individuell einzigartig, aber nicht nur das. Für das Wertesystem eines Menschen gilt dies ebenso, wir können es metaphorisch als das noetische Substrat des Menschen verstehen – also als die geistig-seelische Grundlage, die sein Denken, Handeln und Erleben trägt. Viktor Frankl nennt die Werte einer Person ‚Sinn-Universalien‘, womit er zum Ausdruck bringt, dass jeder Mensch als Träger von Geist, Freiheit, Verantwortung und Würde auf Sinn ausgerichtet ist und den in jeder Situation gegebenen Sinn finden muss. Dabei wiederum unterstützt ihn sein individuelles und einzigartiges Wertesystem.

Aus Genetik und Noetik ergeben sich – hier beispielhaft dargestellt – drei in ihrer Lebenswelt agierende Personen, jeweils angesehen als ein absolutes Novum, als nie zuvor dagewesene und nie wieder in selber Form wiederkehrende Wesen.


                   stehen 

Stellen wir uns nun vor, diese drei Personen seien Kollegen, Freunde, Familienmitglieder oder durch andere Kontexte verbundene Menschen. Alle drei stehen gemeinsam vor einer belastenden Situation – es beginnt ein Kommunikationsprozess über Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungsoptionen. Alle drei wollen die Belastung durch die Situation mindern, jeder meint es auf seine Weise gut. Was nun, wenn sich trotz guter Absichten kein Ausweg findet? Wenn die Drei sich im „Ja, aber“ erschöpfen? Nicht selten wird der weitere Prozess dann über einen Machteinfluss [als Kompetenz, Geld, Status, Hierarchie …] gesteuert: ‚Ober sticht Unter‘; ‚Wer am lautesten spricht‘, ‚Wer zahlt, hat`s Sagen‘ … – wir kennen das. Wer von den Dreien wird ‚das Rennen‘ machen, die ‚finale Entscheidung‘ treffen, sich ‚durchsetzen‘ …? Wer wird wen damit womöglich ‚ab-werten‘?

Nehmen wir weiter an, die Situation ist nicht nur problematisch und belastend, sondern sogar eine zeitkritische Krisen. Hier einen langen Prozess der Konsensbildung in Kauf zu nehmen, wird sich kaum anbieten – ein (auch nicht immer) ‚billiges‘ Beispiel dafür ist die Frage, wer einen Elfmeter schießt, wenn es darum geht, die Meisterschale zu holen oder den Abstieg zu verhindern. Wer hier darauf trainiert ist, eben in diesem Moment die Nerven zu bewahren, das Getöse des Umfelds zu überhören und um seine Resilienz zu wissen, sollte die Aufgabe nicht zum gewünschten Ergebnis führen, der schnappt sich hoffentlich den Ball – oder soll er erst den Trainer, den Kapitän, das Publikum oder einen Telefon-Joker befragen?

Schauen wir genauer hin, dann finden sich in solchen Situationen auf der ‚Oberfläche‘ allerlei Kriterien, die Hinweise darauf geben können, warum Person X sich einer Krisensituation beherzt und mit Köpfchen annimmt: körperliche Fitness und psychische Belastbarkeit, stabiles persönliches Umfeld, ein bereits gut gefülltes Erfolgskonto, Qualifizierungen und manches mehr.

Schaut man tiefer, dann landet man letztlich im persönlichen Wertesystem – dem System, das sich ab der Kindheit immer weiter entwickelt und bis ins hohe Alter weiter entwickeln kann. Ein System, in dem elterliche Projektionen ebenso zu Hause sind wie selbständig beantwortete Lebensfragen. Je gereifter die Person ihre Selbst-Erfahrungen mit Selbst-Denken und Selbst-Fühlen vollzogen hat, je selbst-sicherer und selbst-vertrauensvoll kann sie sich den gegebenen Aufgaben stellen. Vielleicht bietet sich für ein solches ‚Gesamtpaket‘ vollzogener Reifung der Begriff ‚Selbst-Bewusstsein‘ an, ein Bewusstsein, das mit fortschreitender Entwicklung im Hier und Jetzt zu einer ‚Selbst-Bewusstheit‘ führt, mit der sich eine Person darüber bewusst ist, dass es an ihr ist, in der konkreten Situation und genau jetzt Stellung zu beziehen.

Selbst-Bewusstheit können wir aus dieser Perspektive verstehen als ‚auf den Punkt der Gegenwart‘ zusammengebundener, kondensierter Prozess der Bewusstseinsentwicklung. Wer sich diesen Prozess bewusst gemacht hat und durch ihn seiner Werte bewusst ist, der hat Selbst-Erkenntnis aufgebaut und kann damit entlang seines individuellen, selbstentwickelten Wertesystems ’selbst-verantwortlich‘ entscheiden und handeln.

Schauen wir in einem nächsten Schritt dazu einmal genauer auf dieses besondere System.

Eigentlich ist Leben einfach – 2

So genetisch einzigartig der Bauplan, die ‚Software‘ jedes Menschen ist, so einzigartig ist auch das Reich seiner Werte. Bedenken wir dabei, dass wir im deutschen Sprachgebrauch derzeit gut 400 Begriffe finden, die wir in sinntheoretischer Anschauung als Wertebegriffe verstehen, dann ergeben sich daraus schier unendliche Kombinationen an Wertesystemen, die Menschen ausprägen können. Viele der individuellen Wertesysteme orientieren sich dabei an soziokulturellen Normen. Diese können durch die Ursprungsfamilie und-oder durch andere Systeme, in denen sich die Person bewegt und verhält, als ‚wertvoll‘ definiert worden sein – sich ihnen anzupassen oder sich ihnen entgegen zu positionieren, liegt in der Freiheit und Verantwortung jeder Person. Wer sein Verhalten an zu vielen Werten ausrichtet, die den Verhaltens- und damit Werteerwartungen des jeweiligen Systems zuwiderlaufen, wird extremer formulierte Feedbacks (zum Beispiel positiv: Held …, negativ: Nichtsnutz…) erhalten als die Menschen, die sich in einem Erwartungskorridor verhalten.

Nimmt die Komplexität eigener privater und beruflicher Aufgaben zu, entstehen mit ihnen eigene und fremde Verhaltenserwartungen, die – können sie anfangs vielleicht nur unzureichend erfüllt werden – zu Werteentwicklungsprozessen führen. Beispiel: Eine Person hat mehrere berufliche Stationen mit zunehmender Personalverantwortung hinter sich. Aus ihrer Begabung, sich mit anderen Menschen konstruktiv austauschen und sie gut unterstützen zu können, erwächst die Überlegung, mit einer Mediationsausbildung das bestehende Rollenrepertoire zu professionalisieren. Auf ihrem Lernprozess erkennt die Person den Stellenwert eines Mediatoren-Verhaltens im Kontext von Diskretion, Neutralität und Respekt. Sie erkennt, dass sie in früheren Rollen dem Wert Neutralität kaum gerecht werden musste, eher im Gegenteil wurde von ihr Positionierung und eigene Lösungsstärke erwartet. In ihren ersten Mediationsgesprächen fühlt es sich für die Person gut an, eine allparteiliche Vorgehensweise zu praktizieren, und mit der Zeit schätzt sie den Wert Neutralität für sich als sinnvolle Ergänzung ihres Wertesystems.

Wer sein Wertesystem aktiv entwickeln will, kann mit Blick auf das, was an zunehmender Komplexität in der nächsten Lebensphase zu erwarten ist, ein Szenario dafür erstellen, welchen neuen Werten wohl mehr Raum zur Entwicklung gegeben werden sollte. Hierbei können qualifizierte Gesprächspartner, die nicht nur im Kontext der Kompetenzentwicklung, sondern auch im Thema Werteentwicklung fundiert arbeiten, hilfreich unterstützen.

 

Eigentlich ist Leben einfach – 1

Woran erkennt man, dass ein Mensch lebt? Einfach gesagt daran, dass er sich verhält. Körperlich und/oder psychisch, in den meisten Situationen psychophysisch. Damit ist noch nicht gesagt, ob er gut lebt, gesund lebt, … Und auch ist damit nicht erkannt, warum er so lebt, wie er lebt. Und auch nicht, worum es ihm geht, wenn er lebt. Um Antworten auf diese Fragen zu finden, müssen wir dahin schauen, was der Urgrund individuellen Verhaltens ist. Es sind die Werte der Person.

Wir wissen, das Genom ist die komplette Erbinformation eines Lebewesens. Es besteht aus DNA und enthält alle Gene, die nötig sind, um den Organismus aufzubauen und seine Funktionen zu steuern. Epigenetische Marker können dabei beeinflussen, welche Gene ein- oder ausgeschaltet werden, ohne die DNA-Sequenz selbst zu ändern. Dabei docken kleine Moleküle an einen DNA-Strang an. Sie verhindern, dass eine benachbarte Gensequenz abgelesen und in ein Protein übersetzt wird. Der Genabschnitt bleibt stumm. Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Umweltfaktoren, Stress oder Traumata solche epigenetischen Marker erzeugen können, die dann wie das Genom selbst an Nachkommen weitergegeben werden.

Insgesamt kann man das Genom wie einen Bauplan oder eine ‚Software‘ für den menschlichen Körper verstehen. Was jedoch die Person aus diesem Bauplan macht, liegt in ihrer Freiheit und Verantwortung. Ob ich also eine Stupsnase habe, liegt am Genom, ob ich andere an der Nase herumführe oder nicht, am Einsatz meiner Freiheit und Verantwortung.

Ein Beispiel: Eine legasthenische Störung (Legasthenie) ist eine spezifische, weitgehend genetisch bedingte Entwicklungsstörung des Lesen- und Schreiblernens, die durch tiefgreifende, dauerhafte Schwierigkeiten im Schrifttexterwerb gekennzeichnet ist. Eine diagnostizierte Störung ist zu ca. 70% vererbt. Mehr als zwanzig verschiedene Gene oder Genorte sind bekannt, die eine Rolle bei der Entstehung einer Legasthenie spielen. Allgemein kann man sagen: Vieles an einem genetischen Bauplan, wie zum Beispiel der beschriebenen Störung, kann die Person nicht direkt beeinflussen – hier braucht es zur Unterstützung der Person geeignete Hilfsmittel.

Eine Lese-Rechtschreib-Schwäche dagegen ist eine weitgehende erworbene, oft vorübergehende Schwierigkeit, die durch äußere Umstände wie schlechte Lernmethoden, familiäre Probleme oder physische Ursachen wie eine längere Krankheit verursacht wird und wieder behoben werden kann. Dass hierbei nun – nach der fachmännischen Aufklärung des Phänomens – die Freiheit und Verantwortung der betroffenen Person zum Einsatz kommen muss und maßgeblich den Erfolg des Entwicklungsprozesses bestimmt, liegt auf der Hand. Damit dies geschieht, hat die Person auf eine Frage ihres Lebens zu antworten, eine Frage, die in diesem Fall vielleicht lautet: „Willst Du mich, Dein Leben, ohne eigenständigen Zugang zu geschriebenen Geschichten, Dokumenten, Büchern und Nachrichten führen?“ Lautet die Antwort nein, weiß die Person offenbar, worum es ihr nun zu gehen hat. Dann hat sie einen guten Grund für ihre Stellungnahme. Lautet die Antwort ja, dann hat die Person offenbar bereits einen Grund, den sie in der Lage sein sollte, auszusprechen. 

Kurz: Alles, was ein Mensch durch seine Umwelt, durch Übung und Erfahrung lernt oder auch nicht lernt, wird nicht direkt durch die DNA [hier ein KI generiertes Bild] vorgegeben. Wenn es das Genom also weitgehend nicht ist, was einen Menschen in seine Entwicklung mittels Lernen und Selbstdenken führt, dann stellt sich die Frage, was es denn dann ist? Was löst der Mensch aus, wenn er seine genetische ‚Software‘ in Anwendung bringt?

Für die Antwort auf diese Frage können wir nun neben der Welt der Gene das Reich der Werte stellen. Werte werden durch Verhalten sichtbar. Was bereits ein Kind an Verhalten bei anderen Menschen wahrnimmt, sind letztlich sichtbar gewordene Werte dieser Personen. Wir können annehmen, dass die unmittelbaren Bezugspersonen des Kindes mit ihren Verhaltensweisen die ihnen zugrunde liegenden Werte auf das Kind projizieren – bewusst oder unbewusst. Inwieweit das Kind diese Projektionen dauerhaft internalisiert, liegt in der Freiheit und Verantwortung des Kindes. Dabei können wir annehmen, dass ein Kind, das Verhaltensweisen entwickelt, die den Wertmaßstäben der Bezugspersonen Rechnung tragen, Wertschätzung erfährt. Ein solches Kind ist dann ‚einer von uns‘, ‚aus meinem Holz geschnitzt‘, ‚wie der Vater so der Sohn‘ usw. – ein solches Kind zeigt eine Art Deckungsgleichheit der Werte an. Man könnte es auch so formulieren: die Bezugsperson hat ihren berechtigten Auftrag, das Kind zu sich zu ziehen, angenommen und wahrgenommen. ‚Er-Ziehung‘ hat funktioniert. Eines Tages wird sich der erwachsene Mensch dann womöglich darüber wundern, dass er Verhaltensweisen zeigt, die er irgendwie mit denen der Bezugsperson(en) als vergleichbar ansieht.

Was aber, wenn das eigene Kind ‚aus der Art schlägt‘, wenn es Verhaltensweisen zeigt, die sich mit den eigenen Vorstellungen nicht in Deckung bringen lassen? Gelingt es der Bezugsperson, dieses ‚Anders-werden‘ des Kindes anzuerkennen, dann kann auch dies als Ausdruck bestimmter Werte angesehen werden, die es ihr erlauben, ein solches ermöglichendes Verhalten zu zeigen. Mit Viktor Frankl kann argumentiert werden: Jeder Mensch hat Bedingungen (hier: jeder Bezugsperson werden durch ihr Kind Bedingungen aufgezeigt), doch jeder Mensch kann sich frei und verantwortlich so oder so zu diesen Bedingungen stellen (zum Beispiel so: abweisend, sanktionierend oder so: ermöglichend, unterstützend). Umgekehrt gilt dies auch für das Kind.

Findet durch Entwicklung zunehmender Reflexivität des Kindes, des Jugendlichen, ein Prozess des Selbstdenkens statt, dann vermag die junge Person sich gegen die projizierten Verhaltensmuster und die ihnen zugrundeliegenden Werte aufzulehnen oder sie als gut für die eigenen Entwicklung anzukennen, sie zu revidieren oder umzuformen. So entsteht sukzessive das eigene Wertesystem, in dem internalisierte und akzeptierte Werteprojektionen auf der einen Seite und durch Selbstdenken entwickelte, individuelle Werte auf der anderen Seite zusammenkommen. Der selbstdenkende Mensch setzt so – analog zum Bild der epigenetischen Marker – seine Wertemarker.

In einer Werteanalyse lässt sich herausarbeiten, welche Werte in einem individuellen Wertesystem sich als Werteprojektion und welche als Ergebnis eigener Werteentwicklungsprozesse angesehen werden können. Zuweilen formulieren Menschen dann im Rahmen einer solchen Analyse den Wunsch, für die vor ihnen liegende Lebensphase weiteren Werten mehr Bedeutung einzuräumen oder sich von (weiteren) Werteprojektionen zu lösen. Solche Prozesse sind möglich – an sich lebenslang. Eine Entscheidung dafür kann nie die Empfehlung von Dritten sein – denn jede Empfehlung basiert letztlich auf dem Wertesystem des Empfehlenden. Würde eine Person einer solchen Empfehlung folgen, dann liefe sie Gefahr, an einem wesentlichen Punkt das Leben eines anderen zu leben. In der Logotherapie oder im Sinncoaching stellen wir daher ’nur‘ die Mittel zur Verfügung, nicht aber das ‚Rezept‘ aus für diese Form der Entwicklung. Es ist zu beachten: Eine Werteentwicklung hat Folgen, zum Beispiel hinsichtlich eigener Erziehungsformen, dem Beibehalt angenommener Rollen und Beziehungen, der Veränderung von teilweise lange etablierten Verhaltensweisen und anderem mehr. Dies darf und kann nur in der Freiheit und Verantwortung dessen stehen, der sich auf seine persönliche Reise ins Reich der Werte aufmacht.

2023 – neu: 13. Beitrag des Menschen zur Selbstüberwindung seiner Weltausschnittsgrenzen

Im letzten Beitrag wurden die drei Hauptstraßen zum Sinn aus der Sinntheorie Frankls vorgestellt. Da Sinn sich ‚in der Welt für jeden Menschen als jederzeit Gegebenes‘ darstellt, sich jedoch Welt – konstruktivistisch gedacht – für jeden Menschen stets als ein von ihm definierter Weltausschnitt mit ‚Weltausschnittsgrenzen‘ zeigt, mag die Hypothese angemessen sein, dass ein Mensch, der seine Welt mehr oder minder als sinnleer empfindet, darin zu unterstützen ist, Sinnimpulse gerade nicht in seinem Weltausschnitt zu suchen, sondern mithilfe seiner per se gegebenen Transzendenzfähigkeit eine geistige Grenzüberschreitung vorzunehmen. Für diesen Blick hinter den eigenen Horizont bietet sich entlang Ken Wilbers Integraler Theorie die Idee an, dass eine Person für das THEMA ‚Sinnfindung‘ ein neues SCHEMA entwickelt und letztlich damit einen Schritt auf derjenigen Entwicklungslinie weitergeht, die von zentraler Bedeutung dafür ist, einen neuen ‚Umgang mit der eigenen Welt‘ einzuleiten. Wenn nämlich, wie Frankl postuliert, Sinnfindung durch Werteverwirklichung geschieht, dann darf gefolgert werden, dass die Person auf ihrer Entwicklungslinie ‚Werte‘ aufgerufen ist, eine Erweiterung ihrer ‚Weltausschnittsgrenzen‘ vorzunehmen. Diese Erweiterung meint explizit nicht Abwertung der bisherigen Grenzen mit ihren Werten, sondern im Gegenteil und im Sinne Wilbers ‚Einschließen des Bisherigen und Transzendieren auf die Erweiterung‘. Ein guter Grund für diese Erweiterung liegt ohnehin vor, da die Person ja dem Empfinden von Sinnleere entrücken will und womöglich nur nicht weiß, an welcher Grenze ihrer Welt es ein ‚wohin es sie ziehen könnte‘ gibt.

Wenn wir dies konkretisieren wollen, dann sei zuerst daran erinnert, dass sich aus der Kombination von THEMA + SCHEMA ein Handlungs- oder Verhaltens-MEME ergibt. Wie in einem früheren Beitrag erwähnt bringen MEME die Bewusstheit zum Ausdruck, mit der ein Mensch im Hier und Jetzt sich verhält oder handelt. In den meisten Lebenssituationen passt der Umgang (das Schema) zum Thema. Passt das Schema nicht, dann auch nicht das Meme. Der Mensch verfehlt sich, verrennt sich, demotiviert sich. Im extremen Fall fällt die Person in Selbstzweifel, dem zentralen Indiz für eine Lebenskrise. An seinem Selbst zu zweifeln meint im Kern, an den eigenen Grundüberzeugungen und Werten zu zweifeln. Man bewertet sich als nicht mehr in der Lage, Herr im eigenen Haus zu sein und einen passenden Weg finden zu können, mit dem man sein Leben als sinnvoll fühlt.

Es gilt spätestens jetzt (besser jedoch bereits im Rahmen einer Individuellen Krisenprävention), sich im ersten Schritt der Werte bewusst zu werden, mit denen man sich innerhalb der bisherigen ‚Weltausschnittsgrenzen‘ verhält und handelt. Und im zweiten Schritt dann das Meme mit seinen Werten zu erarbeiten, das außerhalb dieser Grenzen liegt und womöglich die Sinnimpulse bereithält, die bislang noch keinen Zugang in die eigene Welt gefunden haben.

Um diese Arbeitsschritte etwas zu erleichtern, wurde in einem interdisziplinären Team für jedes Meme [siehe dazu die Ausführungen in den früheren Beiträgen] ein Set an Werten identifiziert und im Tool „Life2Me® – Einstellungswerte“ zusammengeführt. Dieses Tool wird in meiner Praxis insbesondere im Kontext existenzieller Abschiede genutzt und wurde erstmals im Rahmen der Buchvorstellung ‚Coaching des Todes‘ im Jahr 2020 eingeführt.

Hier die jeweils 13 Wertebegriffe für die Meme-Ebenen nach Clare W. Graves von Beige bis Türkis:

Beige [das Meme des Überlebens]: Zweckmäßigkeit, Präsenz, Robustheit, Stärke, Tüchtigkeit, Verzicht, Wachsamkeit, Wendigkeit, Zähigkeit, Maßhaltung, Antrieb, Hoffnung, Abhärtung

Purpur [das Meme der Geborgenheit]: Andenken, Anschluss, Ehrfurcht, Gemeinschaft, Glaube, Herkunft, Liebe, Nähe, Religiosität, Rückhalt, Sozialität, Verankerung, Zugehörigkeit

Rot [das Meme des Einflusses auf Menschen und Dinge]: Direktheit, Dominanz, Exzentrik, Härte, Kampfgeist, Macht, Meisterhaftigkeit, Mut, Radikalität, Selbstsicherheit, Strenge, Unkompliziertheit, Wille

Blau [das Meme der Strukturbildung]: Zuverlässigkeit, Tradition, Sicherheit, Pflicht, Ordnung, Korrektheit, Konventionalität, Höflichkeit, Gerechtigkeit, Disziplin, Treue, Sittsamkeit, Kontrolle

Orange [das Meme der Zielmotivation]: Pionier, Originalität, Kreativität, Individualität, Dynamik, Attraktivität, Neuerung, Leistung, Expertentum, Ehrgeiz, Anspruch, Ansporn, Veränderung

Grün [das Meme der Gemeinwohlausrichtung]: Aufklärung, Balance, Behutsamkeit, Beteiligung, Gleichberechtigung, Kameradschaft, Menschlichkeit, Natur- und Umweltverbundenheit, Resonanz, Respekt, Substanz, Toleranz, Zukunft

Gelb [das Meme des vernetzteren Denkens]: Beweglichkeit, Freigeist, Idealismus, Klugheit, Liberalität, Reform, Spiritualität, Tiefsinnigkeit, Trennung, Unbefangenheit, Vermittlung, Wagemut, Weitblick

Türkis [das Meme des integraleren Denkens] : Anmut, Demut, Geduld, Holismus, Stille, Tragfähigkeit, Transparenz, Transzendenz, Unvoreingenommenheit, Weisheit, Wirkung, Würde, Zeitlosigkeit

Fraglos kann die Zusammenstellung dieser Wertegruppen kontrovers diskutiert werden. Bei der schier unendlichen Vielfalt individueller Begriffsverständnisse würde es verwundern, käme es an dieser Stelle nicht zum Wunsch der Ergänzung weiterer Werte zu einzelnen Gruppen, Verschiebungen von Werten in andere Gruppen oder der Streichung von Begriffen. Wir haben in unserer Diskussion ‚im kleinen Kreis und am grünen Tisch‘ unser ‚kollektives Gefühl‘ herangezogen und dabei berücksichtigt, dass die Meme beige, rot, orange und gelb im Konzept von Graves als jeweils ichorientiert, die Meme purpur. blau, grün und türkis als jeweils gruppenorientiert definiert sind. Die Frage, die wir uns stellten, war daher: ‚Fühlt es sich für uns stimmig an, dass sich zum Beispiel die Werte des ichorientierten roten Memes als Grundlage für die Entwicklung des nächsthöheren ichorientierten Memes – hier orange – anbieten?“ Da nach Wilber eine Meme-Ebene die vorangegangenen EINSCHLIESST und ihrerseits die Grundlage zur TRANSZENDENZ auf höhere Ebenen ist, hielten wir diese Vorgehensweise für angemessen. Und dies wohlwissend entlang unserer Annahme, dass gerade aus dem starken orange-Meme unserer Leistungsgesellschaft heraus sofort die Kritik zu erwarten ist, dass ein solches Vorgehen weithin als wissenschaftlich unzureichend verworfen werden würde. Ja, und so konstatieren wir augenzwinkernd mit Bert Brecht: ‚Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen‘ (aus: Der gute Mensch von Sezuan), nicht ohne die ‚beige‘-Hoffnung, dass unser Impuls ‚überlebt‘ und seine Reise auf der dynamischen Spirale der Meme bis hin zum kaleidoskopischen Blick auf das Ganze eine Chance hat.