Krisenkompetenz

Die Entwicklung der Kompetenz, mit Krisen angemessen umzugehen, kann bereits durch frühe Lebensbedingungen beeinflusst werden. Wer zum Beispiel in den 1960er- und 1970er-Jahren aufgewachsen ist, hat meist Fähigkeiten aufgebaut, die den Menschen dieser Generation gerade heute helfen, um mit den täglichen Unsicherheiten besser umgehen zu können als dies in anderen Kohorten beobachtet wird. So wuchs diese Personengruppe in einer Welt mit begrenztem Zugang zu Informationen auf. Ohne Internet oder permanente Verfügbarkeit von Lösungen mussten Probleme eigenständig durchdacht werden. In Krisensituationen – sei es wirtschaftlich, gesellschaftlich oder persönlich – ist genau diese Fähigkeit entscheidend. Wer gelernt hat, eigenständig Lösungen zu entwickeln, bleibt handlungsfähig, auch wenn externe Hilfe fehlt oder verzögert eintrifft. Heute, in einer Zeit der massenhaften Informationsverfügbarkeit, treten gerade aufgrund des ‚Zuviel‘ Entscheidungsblockaden auf – ein Phänomen, das den Umgang mit Belastungen deutlich erschwert.

In einer Zeit ohne permanente Verfügbarkeit von Informationen und Dienstleistungen verlief damals vieles langsamer – von der Informationsbeschaffung über Bücher und Bibliotheken über die Kommunikation per Brief oder Festnetztelefon bis hin zu Rückmeldungen auf Anfragen, wichtigen Entscheidungen und der Bewältigung alltäglicher Herausforderungen ohne sofort verfügbare Unterstützung.Das förderte Geduld und die Fähigkeit, mit Verzögerungen umzugehen. Dieser Aspekt ist in Krisen relevant, denn sie verlaufen selten schnell oder linear. Ob wirtschaftliche Unsicherheit, persönliche Rückschläge oder globale Ereignisse – robuste Lösungen brauchen Zeit (auch Kriege werden nicht in 24 Stunden beendet, sic!). Eine hohe Frustrationstoleranz schützt davor, vorschnell aufzugeben oder in Panik zu reagieren. Geduld steht dabei in einem engem Zusammenhang mit der Regulation von Emotionen. Menschen, die warten können, sind oft stressresistenter und treffen langfristig bessere Entscheidungen.

Ohne digitale Ablenkung fand Kommunikation früher direkter statt. Konflikte mussten persönlich geklärt werden. Echte soziale Netzwerke sind daher einer der stärksten Schutzfaktoren in Krisen. Sie reduzieren Stress und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, schwierige Phasen erfolgreich zu bewältigen – wenn diese Netzwerke über ein Grundmaß an Empathie, der Fähigkeit zu aktivem Hinhören und Konflikthandhabung verfügen. Hingegen hat die digitale Welt neben ihren Vorteilen des schnellen Zugangs zu Wissen einen bedenkenswerten Einfluss auf menschliches Verhalten. Junge Menschen neigen zunehmend dazu, weniger Geduld aufzubringen, da ihnen sofortige Verfügbarkeit von Informationen eine hinreichende Sicherheit suggeriert. Zudem werden sie stärker abgelenkt mit der Folge reduzierter Konzentration und der Zunahme von Abhängigkeiten von externen Lösungen – wir sprechen hier heute bereits von KI-erzeugter Dummheit. Das alles führt zwar zur Kompetenz, mit Komplexität und neuen Technologien umzugehen, immerhin und gut so. Für einen profunden Umgang mit Krisen jedoch reicht dies nicht aus.

Krisenkompetenz ist trainierbar. Für jede Generation. Und vermutlich am ehesten durch schlaue Kombination der Fähigkeiten der verschiedenen Generationen. Krisenprävention kann damit auch als spezifische Form des Generationenlernens aufgefasst werden. Ein Versuch lohnt.