Minderwertig – die Welt scheint es zu brauchen

Unglaublich – es gibt es immer noch, das Empfinden der Minderwertigkeit.

Klar, Menschen vergleichen sich. Ihr Aussehen, ihre Leistungen, ihren Besitz. Das alles kostet Zeit und Energie, insbesondere dann, wenn einem das Ergebnis des Vergleichs nicht gefällt. Nun könnte man ja auch den Weg gehen und die Vergleicherei einfach aufhören. Das wäre dann Ausdruck echter Individualität. Jeder kann damit sofort beginnen. Jeder. Sofort. Kein Ja, aber.

Wer es nicht schafft, geht dafür manchmal sonderbare Wege. Extreme, gesundheitsschädliche oder operative Wege. NIcht selten unkritisch im Netz beworben. Trends sind gerade Mewing und Jawline-Trainings. Das sind spezielle Zungenhaltungen oder Hilfsmittel, die angeblich den Kiefer formen sollen. Oder Selbstinjektionen mit Fillern (Hyaluron/Botox) in alle erdenklichen Körperteile, um etwas länger, dicker, straffer oder glatter werden zu lassen. Operationen sind auch beliebt, für manche gibts gute medizinische Gründe, andere – na ja, Minderwertigkeit eben.

Schon fast täglich und immer beliebt in einer bestimmten Szene ist das Doping. Steroide oder Testosteron für schnelles Muskelwachstum, toll. Und ganz fein ist auch das Bone Smashing.  Eine völlig irrationale und gefährliche Methode, bei der versucht wird, durch leichten bis schweren Druck oder Schläge auf die Gesichtsknochen Mikrofrakturen zu erzeugen, damit diese markanter zusammenwachsen.

Nur damit es hier mal jeder gelesen hat: Das Phänomen der Minderwertigkeitsgefühle ist nicht zu leugnen und das Leid, das sie erzeugen, ist groß und ein guter Grund, mit Vergleicherei aufzuhören. Sofort. Kein Ja, aber.

Alle anderen Wege sind sterbenslangweilig. Alle anderen Wege reduzieren menschliches Leben auf eine monotone, seelenlose Mathematik. Anstatt individueller Entfaltung geht es nur noch um starre Zahlenwerte, endlose Selbstoptimierungs-Pflichten und das stumpfe Abarbeiten eines immergleichen Glaubenssatzes, oft angefeuert durch Internet-Algorithmen von nichtssagenden Web-Gurus mit Influencergehabe.  Das Ergebnis von diesem Mist: Jeder strebt exakt denselben, genormten Typ an – die immergleiche definierte Kieferlinie, den gleichen Blick, dieselben Posen. Fehlender Eigensinn, Kreativität, Humor oder Ecken und Kanten zählen nicht. Alles wird der ultimativen Norm untergeordnet. Wie grottenöde.