Schlagwort-Archiv: Vernunft und Weisheit

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 2

Was wir gewöhnlich als Wirklichkeit bezeichnen, ist niemals die Wirklichkeit selbst, sondern stets unsere Deutung. Zwischen dem, was ist, und dem, was wir wahrnehmen, liegt ein komplexer Prozess kognitiver Auswahlvorgänge und Interpretationen, die letztlich in Deutungsmustern ‚meiner Wirklichkeit‘ münden. Das menschliche Gehirn erschafft dazu fortwährend Modelle der Welt, die Orientierung ermöglichen, jedoch niemals mit der Welt selbst identisch sind. Selbst im Schlaf verarbeitet und ordnet es Erfahrungen neu, sodass auch unser inneres Bild der Realität einem ständigen Wandel unterliegt. Dies hat weitreichende Konsequenzen. Wer seine eigenen Wahrnehmungen mit der Wirklichkeit verwechselt, gerät leicht in die Versuchung, die eigene Sichtweise für endgültig zu halten. Weisheit beginnt dagegen mit epistemischer Bescheidenheit. Sie erkennt an, dass jede Erkenntnis perspektivisch bleibt und dass ein Mensch immer nur einen Ausschnitt des Ganzen erfassen kann. Nicht das vollständige Begreifen der Welt ist seine Aufgabe, sondern ein verantwortlicher Umgang mit der Begrenztheit seines Erkennens.

Aus dieser Haltung erwächst eine besondere Form innerer Freiheit. Der weisere Mensch identifiziert sich nicht vollständig mit seinen Vorstellungen, Überzeugungen oder Urteilen. Er hält sie für notwendig, um handeln zu können, bleibt sich jedoch zugleich ihrer Vorläufigkeit bewusst. Gerade dadurch entsteht seine Fähigkeit, neue Erfahrungen aufzunehmen, Irrtümer zu korrigieren und den eigenen Horizont zu erweitern. Nicht Starrheit, sondern Offenheit wird so zu einem Kennzeichen geistiger Reife.

Paradoxerweise führt die Fähigkeit zur Distanzierung gegenüber den eigenen Bildern nicht zu Unsicherheit, sondern zu größerer Lebendigkeit. Wer nicht ständig bemüht ist, seine Sicht der Dinge gegen jede Veränderung zu verteidigen, entdeckt die Welt mit neuer Aufmerksamkeit. Viktor Frankl hat dies mit dem Begriff der Selbstdistanzierung als wesentliche Voraussetzung zur Selbsttranzendenz beschrieben. Das Leben erscheint nicht mehr als ein Rätsel, das endgültig gelöst werden müsste, sondern als eine Wirklichkeit, die sich mit jeder Erfahrung neu erschließt. Weisheit verzichtet deshalb auf den Anspruch des vollständigen Verstehens und gewinnt gerade dadurch einen tieferen Zugang zur Vielfalt des Daseins.

In gesellschaftlichen Krisenzeiten erhält eine solche Haltung eine besondere Bedeutung. Eine Gemeinschaft braucht Menschen, die nicht vorschnell urteilen, Stimmungen verstärken oder einfache Antworten liefern. Sie braucht Persönlichkeiten, die bereit sind, hinter die sichtbaren Konflikte zu blicken und nach den tieferliegenden Ursachen kultureller, sozialer und existenzieller Entwicklungen zu fragen. Weisheit erschöpft sich daher nicht in kluger Analyse; sie übernimmt Verantwortung für den öffentlichen Diskurs, indem sie Orientierung ermöglicht, ohne ideologisch zu werden. Damit unterscheidet sich die Stimme eines weiseren Menschen von jener der bloßen Kommentatoren. Wer lediglich den Zeitgeist bestätigt oder bestehende Empörung verstärkt, mag zwar kurzfristige Aufmerksamkeit gewinnen, zu einer wirklichen Klärung trägt dies meist jedoch nicht bei. Weisheit sucht nicht den Beifall der Mehrheit, sondern die Annäherung an das Wesentliche. Sie besitzt den Mut, unbequeme Fragen zu stellen, bevor sie allgemein akzeptiert sind, und sie widersetzt sich der Versuchung, den öffentlichen Resonanzen hinterherzulaufen. Im Sinne der Existenzanalyse Viktor Frankls zeigt sich hierin eine besondere Form der Verantwortung. Nicht jede Meinung verdient dieselbe Aufmerksamkeit wie jede andere, wohl aber verdient jede Situation die ernsthafte Frage nach ihrem Sinn. Der weisere Mensch trägt deshalb dazu bei, dass Diskussionen nicht auf Schuldzuweisungen oder Polarisierungen reduziert werden. Er richtet den Blick auf jene Möglichkeiten verantwortlichen Handelns, die selbst unter schwierigen Bedingungen bestehen bleiben. So wird Weisheit zu einer kulturellen Kraft: Sie schafft Orientierung, indem sie den Menschen weder Illusionen verkauft noch Hoffnung nimmt, sondern ihn dazu ermutigt, sich der Wirklichkeit in ihrer ganzen Komplexität zu stellen.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 1

Und immer wieder geht die Sonne auf … ob Phänomene wie die der immer wieder aufgehenden Sonne dazu beitragen, dass Menschen so oft dazu neigen, ihrer Lebenswelt eine Beständigkeit zuzuschreiben, die sie bei genauerer Betrachtung nicht besitzt? Was einem Menschen an Beziehungen, Gesundheit, Besitz, gesellschaftliche Rollen oder Überzeugungen vertraut ist, erscheint ihm oft so, als würde vieles davon sonnenhaft unverändert bleiben. Diese Annahme vermittelt zwar Sicherheit, doch sie steht im Widerspruch zur Wirklichkeit. Ein Blick auf die Naturgeschichte des Menschen ebenso wie auf die eigene Biografie macht deutlich, dass Nicht-Beständigkeit nicht die Ausnahme, sondern die Grundstruktur des Lebens ist.

Über diese Scheinsicherheit hinaus leben viele Menschen so, als läge vor ihnen ein nahezu unbegrenzter Vorrat an Zeit. Entscheidungen werden vertagt, Begegnungen auf später verschoben und Fragen nach dem Wesentlichen auf ‚irgendwann‘ ausgelagert. Die Endlichkeit vieler Aspekte unseres Lebens wie auch des Lebens selbst wird aus dem Bewusstsein gedrängt. Die Gründe dafür werden insbesondere in der Philosophie und der Psychologie breit diskutiert. Der Kontext Angst vor dem Ende wird bei diesen Reflexionen an sich immer bemüht. Aber auch die tägliche Fülle an Themen und Eindrücken, die die Besinnung auf das individuell Endliche an den Rand drücken, wirkt als mächtiger Einflussfaktor in unserem Kulturkreis. Wäre es anders, dann wäre die  bewusste Auseinandersetzung mit Konsequenzen verbunden, allemal mit der, dass man erkennt, vieles nicht länger beliebig aufschieben zu können.

Aus existenzanalytischer Sicht ist diese Verdrängung verständlich. Die Einsicht, dass alles Gewordene auch wieder vergehen kann, berührt den Menschen in seinem Bedürfnis nach Orientierung und Sicherheit. Sie konfrontiert ihn mit einer Wirklichkeit, die sich seiner Kontrolle entzieht. Deshalb erschafft der Mensch innere Gewissheiten, die ihm Stabilität versprechen. Aus Vorstellungen werden Überzeugungen, aus Überzeugungen scheinbare Tatsachen. Allmählich beginnt er, seine gedanklichen Konstruktionen für unverrückbare Realität zu halten, obwohl das Leben selbst sich fortwährend wandelt. Was Bestand zu haben scheint, trägt bereits den Keim seiner Veränderung in sich. Nicht nur äußere Umstände verändern sich, sondern auch eigene Wertmaßstäbe, die Bedeutung von Beziehungen, die individuelle Körperlichkeit, das Maß an Hoffnungen und auch das Selbstbild wandelt sich. Wer diese Dynamik unbeachtet lässt, gerät früher oder später in einen schmerzhaften Konflikt mit der Wirklichkeit.

Weisheit beginnt dort, wo dieser Konflikt nicht länger bekämpft werden muss. Sie erwächst aus der Bereitschaft, Vergänglichkeit als Wesensmerkmal des Lebens anzuerkennen. In diesem Sinne ist sie weniger ein Zustand als eine eingeübte Haltung. Sie besteht darin, den Wandel weder zu romantisieren noch zu fürchten, sondern ihm mit innerer Freiheit zu begegnen. Auch die Tatsache des Todes – in meinem Buch ‚Coaching des Todes‚ nenne ich diese absoluten Momente der Endlichkeit ‚existenzielle Abschiede‘ –  erhält so eine andere Bedeutung: Sie erscheint nicht lediglich als Ende von Etwas, sondern als jene Grenze, die jedem Augenblick Gewicht und jeder Entscheidung ihre unverwechselbare Verantwortung verleiht.

Der weisere Mensch misst weder der Vergangenheit noch einer imaginierten Zukunft die uneingeschränkte Herrschaft über sein Denken bei. Seine Aufmerksamkeit richtet sich vielmehr auf den gegenwärtigen Augenblick, weil sich nur in ihm Verantwortung handelnd verwirklichen kann. Gegenwärtig zu sein bedeutet dabei keineswegs, geschichtslos oder planlos zu leben. Es bedeutet vielmehr, sich von den Bedingungen des Lebens nicht bestimmen zu lassen, sondern zu ihnen jetzt Stellung zu beziehen.

Wer die Endlichkeiten im Leben angenommen hat, der muss nicht länger an der Illusion unveränderlicher Verhältnisse festhalten. Er entdeckt vielmehr, dass Beständigkeit nicht außerhalb seiner selbst entsteht, sondern in der Ausrichtung auf den Sinn, den er in jeder konkreten Situation zu verwirklichen vermag. Gerade diese Verbindung von Endlichkeit, Verantwortung und Sinn eröffnet jene Gelassenheit, die als Kennzeichen wahrer Weisheit gelten kann.

In den kommenden Wochen möchte ich dazu einige Gedanken anbieten – stets unter dem Titel: Und immer wieder geht die Sonne auf …