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Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 1

Und immer wieder geht die Sonne auf … ob Phänomene wie diese dazu beitragen, dass Menschen so oft dazu neigen, ihrer Lebenswelt eine Beständigkeit zuzuschreiben, die sie bei genauerer Betrachtung nicht besitzt? Was einem Menschen an Beziehungen, Gesundheit, Besitz, gesellschaftliche Rollen oder Überzeugungen vertraut ist, erscheint ihm oft so, als werde vieles davon unverändert bleiben. Diese Annahme vermittelt zwar Sicherheit, doch sie steht im Widerspruch zur Wirklichkeit. Ein Blick auf die Naturgeschichte des Menschen ebenso wie auf die eigene Biografie macht deutlich, dass Veränderung nicht die Ausnahme, sondern die Grundstruktur des Lebens ist.

Über diese Scheinsicherheit hinaus leben viele Menschen so, als läge vor ihnen ein nahezu unbegrenzter Vorrat an Zeit. Entscheidungen werden vertagt, Begegnungen auf später verschoben und Fragen nach dem Wesentlichen auf ‚irgendwann‘ ausgelagert. Die Endlichkeit vieler Aspekte unseres Lebens wie auch des Lebens selbst wird aus dem Bewusstsein gedrängt. Die Gründe dafür werden insbesondere in der Philosophie und der Psychologie breit diskutiert. Der Kontext Angst vor dem Ende wird bei diesen Reflexionen an sich immer bemüht. Aber auch die tägliche Fülle an Themen und Eindrücken, die die Besinnung auf das individuell Endliche an den Rand drücken, wirkt als mächtiger Einflussfaktor in unserem Kulturkreis. Wäre es anders, dann wäre die  bewusste Auseinandersetzung mit Konsequenzen verbunden, allemal mit der, dass man erkennt, vieles nicht länger beliebig aufschieben zu können.

Aus existenzanalytischer Sicht ist diese Verdrängung verständlich. Die Einsicht, dass alles Gewordene auch wieder vergehen kann, berührt den Menschen in seinem Bedürfnis nach Orientierung und Sicherheit. Sie konfrontiert ihn mit einer Wirklichkeit, die sich seiner Kontrolle entzieht. Deshalb erschafft der Mensch innere Gewissheiten, die ihm Stabilität versprechen. Aus Vorstellungen werden Überzeugungen, aus Überzeugungen scheinbare Tatsachen. Allmählich beginnt er, seine gedanklichen Konstruktionen für unverrückbare Realität zu halten, obwohl das Leben selbst sich fortwährend wandelt. Was Bestand zu haben scheint, trägt bereits den Keim seiner Veränderung in sich. Nicht nur äußere Umstände verändern sich, sondern auch eigene Wertmaßstäbe, die Bedeutung von Beziehungen, die individuelle Körperlichkeit, das Maß an Hoffnungen und auch das Selbstbild wandelt sich. Wer diese Dynamik unbeachtet lässt, gerät früher oder später in einen schmerzhaften Konflikt mit der Wirklichkeit.

Weisheit beginnt dort, wo dieser Konflikt nicht länger bekämpft werden muss. Sie erwächst aus der Bereitschaft, Vergänglichkeit als Wesensmerkmal des Lebens anzuerkennen. In diesem Sinne ist sie weniger ein Zustand als eine eingeübte Haltung. Sie besteht darin, den Wandel weder zu romantisieren noch zu fürchten, sondern ihm mit innerer Freiheit zu begegnen. Auch die Tatsache des Todes – in meinem Buch ‚Coaching des Todes‚ nenne ich diese absoluten Momente der Endlichkeit ‚existenzielle Abschiede‘ –  erhält so eine andere Bedeutung: Sie erscheint nicht lediglich als Ende von Etwas, sondern als jene Grenze, die jedem Augenblick Gewicht und jeder Entscheidung ihre unverwechselbare Verantwortung verleiht.

Der weisere Mensch misst weder der Vergangenheit noch einer imaginierten Zukunft die uneingeschränkte Herrschaft über sein Denken bei. Seine Aufmerksamkeit richtet sich vielmehr auf den gegenwärtigen Augenblick, weil sich nur in ihm Verantwortung handelnd verwirklichen kann. Gegenwärtig zu sein bedeutet dabei keineswegs, geschichtslos oder planlos zu leben. Es bedeutet vielmehr, sich von den Bedingungen des Lebens nicht bestimmen zu lassen, sondern zu ihnen jetzt Stellung zu beziehen.

Wer die Endlichkeiten im Leben angenommen hat, der muss nicht länger an der Illusion unveränderlicher Verhältnisse festhalten. Er entdeckt vielmehr, dass Beständigkeit nicht außerhalb seiner selbst entsteht, sondern in der Ausrichtung auf den Sinn, den er in jeder konkreten Situation zu verwirklichen vermag. Gerade diese Verbindung von Endlichkeit, Verantwortung und Sinn eröffnet jene Gelassenheit, die als Kennzeichen wahrer Weisheit gelten kann.

In den kommenden Wochen möchte ich dazu einige Gedanken anbieten – stets unter dem Titel: Und immer wieder geht die Sonne auf …