Kategorie-Archiv: Viktor E. Frankl

Habermas und Frankl

Vor kurzem starb Jürgen Habermas. Und mit ihm eine Ära hochgeistiger Auseinandersetzung mit den Themen der Zeit. Vor einem Vierteljahrhundert befasste er sich in seinem Beitrag ‚Glaube und Wissen‘ mit dem Verhältnis von Religion und moderner, säkularer Vernunft. Habermas fragte, wie religiöse Überzeugungen und wissenschaftlich-rationales Denken in modernen Gesellschaften zusammenleben können.

Auch in Gesellschaften, die stark von Wissenschaft, Rationalität und Technik geprägt sind, ist die Religion dennoch nicht einfach verschwunden. Habermas nennt solche Gesellschaften daher ‚postsäkular‘. Religion bleibt gesellschaftlich relevant und religiöse Gemeinschaften wirken weiterhin auf Moral, Politik und Kultur ein. Und damit auch auf die Spannung zwischen Wissen und Glauben.

Während Wissen auf wissenschaftlicher Rationalität basiert, prüfbar und argumentativ begründet ist, beruht der Glaube auf religiösen Überlieferungen und Offenbarung mit dem Zweck, moralische Orientierung zu geben und eine Aspekt von Identität zu stiften.

Habermas lehnte sowohl reinen Säkularismus als auch religiösen Fundamentalismus ab. Er plädierte, religiöse Menschen sollten ihre Argumente in einer Weise formulieren, die auch Nicht-Religiöse verstehen können. Und säkular sozialisierte Menschen sollten Religion nicht einfach als irrational abtun, sondern anerkennen, dass religiöse Traditionen für Menschen moralische Ressourcen enthalten können. Er betonte, dass viele moralische Ideen der Moderne wie die Menschenwürde oder die Solidarität historisch aus der Religion stammen und bis heute ethische Orientierung liefern.

Interessant wurden für mich die Gedanken von Habermas im Kontext der Sinntheorie von Viktor Frankl. Vermutlich würde Habermas ähnlich wie Frankl in unserer hoch rationalisierten Gesellschaft, die von Wissenschaft, Technik und Marktlogik geprägt ist, den Befund schreiben, dass viele Menschen trotz aller Errungenschaften eine Art Sinnleere in sich spüren. Er würde dann wohl darauf abheben, dass in einer modernen Gesellschaft Sinn vor allem durch kommunikative Verständigung, Dialog und gemeinsame Normen entsteht.

Für Frankl wäre das wohl zu wenig. Er würde auf das aus seiner Sicht grundlegende Bedürfnis des einzelnen Menschen, seinen Willen zum Sinn, verweisen. Jeder Mensch muss letztlich selbst entdecken, wofür er lebt – sei es durch Arbeit, Liebe oder durch die Haltung zu einem Leid.

Habermas könnte dem leicht widersprechen und darauf abstellen, dass in pluralistischen Gesellschaften individuelle Sinnkonzepte auseinanderdriften können und es darum eine öffentliche Vernunft brauche, in der Menschen ihre Überzeugungen austauschen und begründen.

Womöglich würde sich Frankl hier auch nicht entgegenstellen, sondern individuelle Sinnsuche und gesellschaftliche Kommunikation als sich ergänzend darstellen. Der Kern der Sinntheorie hielte diesen Gedanken auch aus, denn Sinn kann nicht einfach erfunden oder beschlossen werden. Er wird entdeckt, oft im konkreten Handeln oder in der Verantwortung gegenüber anderen Menschen. Und hierfür kann die gesellschaftliche Kommunikation eine wichtige Sinnquelle sein – ebenso, wie auch religiöse Traditionen moralische Ressourcen enthalten können, die für viele Menschen einen Sinngehalt darstellen. Nur – würde Habermas wohl ergänzen – wäre es wichtig, dass diese Traditionen im öffentlichen Diskurs übersetzbar bleiben.

Ich schätze, dass Frankl trotz tendenzieller Zustimmung zu Habermas aber dazu anregen würde, Sinn und Religion grundsätzlich auseinanderzuhalten. Er würde darauf verweisen, dass Menschen Sinn finden können, wenn sie – jenseits allen Religiösen – fühlend erkennen, dass ihr Handeln für andere Bedeutung hat. Sicher würde er ergänzen, dass nicht das Leben, auch nicht das religiöse, vom Menschen zur Verantwortung gezogen werden kann, sondern dass es geradewegs andersherum ist: Das Leben stellt dem Menschen Fragen, und der Mensch verantwortet durch sein Handeln seine Antwort und Stellungnahme seinem Leben gegenüber.

Als Synthese beider Theorieaspekte könnte man es so formulieren: Wenn Menschen Verantwortung übernehmen und zugleich miteinander im Gespräch bleiben, können sie in einer komplexen, säkularen Welt Sinn entdecken und ihn auch über Dialog und Diskurs verwirklichen.

Viktor Frankls Sinn-Lehre erlebt ein Comeback …

… schreibt boerse-global.de 

Führende Gesundheitsorganisationen stellen den Aspekt der Sinnfindung ins Zentrum ihrer Prognosen im Kontext der Weiterentwicklung von Arbeit. Die Sinntheorie Viktor Frankls wird dabei als notwendiges Werkzeug für den Umgang mit einer hyper-technologisierte Welt neu entdeckt.

Sinn statt ständiger Produktivität

Burnout klassifizieren Trendforscher heute zunehmend als systemisches Gesundheitsproblem. Ihm muss präventiv durch Sinnfindung begegnet werden – nicht durch besseres Zeitmanagement oder Selbstoptimierung. Viele Unternehmen suchen daher nach intelligenteren Gegenmaßnahmen zu dieser Fehlentwicklung.

KI verschärft die Frage nach dem “Wozu?”

Ein wesentlicher Treiber für Frankls Comeback ist die fortschreitende Integration Künstlicher Intelligenz. Da KI immer mehr und schneller Routineaufgaben übernimmt, entsteht bei vielen Menschen ein Vakuum der Selbstwirksamkeit. Es droht eine existenzielle Leere.

Sinn wird zunehmend zu einer neuen ‚Währung‘

Hinter der Entwicklung steht eine Reaktion auf die “Polykrise” der letzten Jahre. Nach globaler Instabilität suchen Menschen und Organisationen nach robusteren Ankern als dem rein materiellem Erfolg. Die Möglichkeit, Werte zu verwirklichen, wird zum Wettbewerbsvorteil bei der Mitarbeitergewinnung und -bindung. Frankls Sinnlehre, in der es genau darum geht – um Sinnfindung durch Werteverwirklichung – wird damit zum Ausgangspunkt einer neuen Unternehmenskulturentwicklung, als harter Faktor der Gesundheitsökonomie und des Personalmanagements.

Spannend, dass diese Erkenntnisse nun auch die Börsenwelt erreicht hat.

Die Forschungsgrenzen eines Momentes

Seit 25 Jahren arbeite ich als Coach, seit 19 Jahren leite ich zudem eine psychotherapeutische Praxis. In diesen Jahren kam es immer wieder zu Situationen, in denen mir Klienten über ihre Gedanken zum Tod berichteten. Eine Geschäftsführer berichtete über den Suizid des Sohnes eines seiner leitenden Mitarbeiter, über dessen Kummer und die Auswirkungen auf die Familie, das private und berufliche Umfeld. Ein anderer berichtete über seine eigene unheilbare Krebserkrankung und das Kartenhaus, das wie vom Blitz getroffen dabei sei einzustürzen. Eine andere Person beschäftigte die Frage, wie denn die Diagnose einer recht seltenen Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung von ihm seiner siebenjährigen Tochter vermittelt werden könne. Der Tod von Freunden, Angehörigen, Eltern, der eigene Tod oder der des Lebenspartners – die bisherige Bandbreite war groß und es wunderte mich aufgrund meines thematischen Schwerpunktes ‚Krise‘ nicht, dass oftmals die Frage in den Raum gestellt wurde, welchen Sinn das eigene Leben wohl hatte oder welchen es noch haben könne, wenn doch ein geliebter Mensch bald nicht mehr da sei. Gerade dann, wenn die letzten Seiten des Lebensbuches aufgeschlagen werden, wollen viele Menschen darüber sprechen, was es für sie heißt, da gewesen zu sein und was es heißt, wenn sie aus der Sichtbarkeit heraustreten und für die Menschen, die ihnen nah waren, in den Raum der Erinnerung wechseln.

Wenn ich an die Zeit zurückdenke, in denen Psychologie auf meinem Lehr- und Lernplan stand, fand sich dort ein Thema nicht: der Tod. Vielmehr wurde gefragt, wie Menschen wahrnehmen, wie sie empfinden, wie sie fühlen, sich verhalten, sich motivieren oder handeln. Blickt man in die junge Geschichte der Psychologie und Psychotherapie zurück, dann waren das die Kernthemen, später dann natürlich flankiert durch Statistik, Diagnostik und dann bis heute durch die Erkenntnisse der Neurowissenschaften. Die Thanatopsychologie, die sich mit Erleben und Verhalten des Menschen vor dem Hintergrund seines Wissens um die Sterblichkeit befasst, gehört zu den sehr jungen Ablegern der psychologischen Wissenschaft.

Wie tickt der Mensch im Kontext von Sterben, Tod und existenziellen Fragen wie der nach dem Sinn des gelebten Lebens? Dass mit Viktor Frankl eine Schule der Psychotherapie eröffnet wurde, in der Fragen integral verhandelt werden, die früher entweder in der Psychologie, der Theologie oder der Philosophie ihren Platz fanden, macht die Komplexität deutlich, der sich Menschen gegenüber gestellt sehen, wenn sie sich berührt fühlen von offenen Fragen, deren Bearbeitung kaum mehr von einer Einzelwissenschaft geleistet werden kann. Aber ist eine ‚Universalwissenschaft Psychologie‘ die passende Antwort darauf?

Wenn irgendetwas in der Welt geschehen ist, wo es so richtig menschelte, dann fragt man die Psychologie. Was geht nur in Menschen vor, die …? Wie können diese Leute bloß …? Was kann man gegen Typen wie diese nur unternehmen, dass …? Und wenn etwas ‚in mir‘ geschehen ist, dann liegt die Analogie auf der Hand. Da, wo Mensch drin ist, da ist auch Psyche drin. Und wenn das so ist, dann sollte die Psychologie für jedes dieser psychischen Prozesse und Phänomene auch Antworten parat haben. Wie motivieren sich Menschen, und wie ich mich? Wie finden Menschen Sinn, und wie ich? Wie empfinden Menschen Glück, und warum ich nicht? Wie sterben Menschen, und wie wohl ich?

Wird Wissenschaft so gefragt, dann geht sie auf die Suche, sie forscht. Je nach wissenschaftlichem Hintergrund haben Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten von Wissenschaftlern gelernt, was von diesen zuvor erforscht wurde. Und da ‚Mensch‘ in der Psychologie in den unterschiedlichsten Facetten seines Seins erforscht wurde, hat jede Schule ihre Schüler hervorgebracht, die am verlängerten Arm der Forschung Menschen einen Ausschnitt von Allem zur Erklärung ihrer subjektiven Anliegen anbieten. So kann man sich leicht vorstellen, dass man bei einer spezifischen Frage, zum Beispiel der nach der Sinnfindung, aus den verschiedenen Forschungsrichtungen auch verschiedene Antworten erhält. Das macht es nicht gerade leichter.

Und schon hat man ein Problem. Gehen Sie in eine Buchhandlung und schauen Sie nach seriösen, also wissenschaftlich fundierten Büchern zu einer für Sie existenziellen Fragestellung. Sie werden fündig werden, das ist klar. Aber werden Sie Antworten erhalten auf Fragen wie: Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung eines Sinnimpulses? Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung eines Zufalls? Was genau geschieht im Moment des Fühlens von Glück? Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung einer Fügung? Was genau im Moment der Wahrnehmung des Todes? …

Noch müssen wir attestieren: Nie hatten Menschen so viel Wissen wie heute. Nie standen ihnen so viele Tools und Methoden zur Selbsterkenntnis und -reflexion zur Verfügung. Wir greifen zurück auf Sinnforschung, Glücksforschung, Sterbeforschung … und doch haben weder KI noch wir auf die Frage, was genau in einem existenziellen Moment geschieht, die Antworten. Mehr noch, trotz aller dieser Forschungen ist kaum eine Generation so sinnsuchend, unglücklich, sterbeängstlich wie die unsere – so man der Forschung dazu glaubt (sic!)

Vor diesem Hintergrund ist Vorsicht geboten, will man der Psychologie alleine Antworten auf existenzielle Fragen abringen. Und es ist nachvollziehbar, dass Menschen – eingedenk der Leerstellen der Forschung – dann andere Dinge tun in der Hoffung, dadurch auf Antworten für sich zu treffen. Die Gründe sind vielfältig, warum immer mehr Menschen – zumindest in unserem Kulturkreis – die Antwortsuche nicht mehr mit dem Begriff des liturgischen Gebetes in Verbindung bringen.

Eine integralere Anmerkung dazu: kann ein Gebet in vMeme Beige noch als Stoßgebet im Kontext einer Überlebenskrise verstanden werden, erfahren Dialoge mit dem, was ‚Mensch‘ als seine tiefste innere Instanz versteht, auf anderen Ebenen der Bewusstheit eine völlig andere Qualität. Ich nenne – als Angebot – die ‚Gebete‘ im vMeme purpur Beschwörungsgebet, in rot Anspruchsgebet, in blau  Pflichtgebet, in orange Zweckgebet, in grün Sozialgebet.
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Beige: Hilf mir, damit ich überlebe.
Purpur: Halte das Böse fern, und sei uns gnädig.
Rot: Hilf mir, damit ich stark bin.
Blau: Dein Wille geschehe und bitte, vergebe uns.
Orange: Hilf mir, mein Ziel zu erreichen.
Grün: Lass uns verstehen und heile, was verletzt ist.

Anstelle von Gebets-Dialogen begann mit den 1970er-Jahren zunehmend die Meditation für viele Menschen attraktiv zu werden. Einen innerpsychischen Zustand tiefer Entspannung zu bewirken, war im Getöse der Zeit von damals eine Art Heilsversprechen, das man meinte, sich selbst geben zu können. Dieses Versprechen reicht bis heute, auch, wenn mit der Angebotswelt der Achtsamkeitslehren immer weitere Aspekte und Methoden hinzukamen. All diesen Angeboten gemein ist, dass es dabei für den Menschen stets um seinen psychophysischen Zustand und dessen Verbesserung geht. Was dabei jedoch schlicht fehlt, ist ein Gegenstand außerhalb seiner selbst, auf den er sich transzendierend beziehen könnte.

Viktor Frankl sinngemäß dazu: Die eigentliche Frage sollte nicht lauten „Was ist gut für mich?“, denn diese Frage stellen Menschen umso stärker, je unglücklicher sie sind. Die reifere Frage hingegen lautet: „Wofür bin ich gut?“

Weitergedacht ist dieser Perspektivenwechsel eine klare Absage gegen die ich-bezogenen Empfehlungen Positiver Psychologie oder auch gegen Konzepte wie das der Selbstverwirklichung, heute der Selbstoptimierung. Werde ich als Therapeut gefragt, ‚wie kann ich mich am besten selbst verwirklichen‘, und ist meine Antwort nicht als Methodiker gewünscht, sondern als ‚Hoffender auf das Beste‘, dann antworte ich: ‚Verwirklichen Sie bloß nicht all das, was Ihnen selbst möglich ist. Das Ergebnis könnte Sie sonst in Schrecken versetzen. Verwirklichen Sie nur das, was wert ist, von Ihnen verwirklicht zu werden.“ Und ergänzend: ‚Sobald sich die Möglichkeit bietet, dann verwirklichen Sie nur das, was zu einem gegenständlichen Gefühl in Ihnen führt, und nicht nur zu einem Zustandsgefühl. Fühlen Sie ein Gegenstandsgefühl, dann liegt nahe anzunehmen, dass Sie nicht sich selbst verwirklicht, sondern Sinn erfüllt haben.“

Anders gesagt: Menschen verarmen nicht durch das, was sie nicht bekommen, sondern durch das, was sie nicht geben. Wer also möchte, dass sein Bestes existiert, muss es in die Welt bringen (wenn er dies in einem bestimmten Moment tut, so ist auch dieser Moment keiner, der erforscht werden könnte). Und das Beste ist niemals nur ein psychischer Zustand, den ein Mensch fühlt, sondern immer ein Beitrag, mit dem er sich trotz des (positiven oder negativen) Zustands für jemanden oder etwas hingibt.

Wenn man sinnsatt wäre

Als Logotherapeuten brennen wir für den ‚unbedingten Sinn‘.
Wir wissen um den besonderen Prozess der individuellen Sinnsuche.
Suchen, zweifeln, verzweifeln, verwerfen, neu beginnen, anders suchen, neu zweifeln – solange bis jemandem oder etwas eine zwingende Bedeutung beigemessen wird.
Wäre dieser Prozess nicht ein menschliches Existenzial, dann wäre der bereits satte Mensch ein eingeschläfertes Wesen.

Ralph Schlieper-Damrich

Der Patient in der Logotherapie hat ein Bild von seiner Welt.
Der Therapeut verschafft sich ein Bild. Und macht sich also ein Bild von einem Bild.
Dies ist niemals wahr, vielmehr eher verzerrt.
Die Zerrung reizt den Therapeuten, 
 er sucht nach Wegen der Ent-Zerrung.
Dabei borgt er dem Patienten neue Bilder.

Der Patient in der Logotherapie findet in seiner Welt ein neues Bild.
Es ist nie das geborgte, sondern ein in ihm geborgenes.

Ralph Schlieper-Damrich

Für ein 2026 ohne iatrogene Neurosen

Eine iatrogene Neurose kann durch unbedachte Äußerungen oder Diagnosen eines Arztes oder Therapeuten entstehen, die den Patienten glauben machen, sei körperlicher oder psychischer Zustand sei bedenklich. Menschen, die eine Ängstlichkeit im Leben aufweisen, sind für solche Aussagen besonders empfänglich und entsprechend gefährdet.

Wir haben uns in unserer logotherapeutischen Praxis zueigen gemacht, normative Aussagen im Sinne eines „Sie sind krank“ zu unterlassen, sondern eine Zustandsbeschreibung eher so zu formulieren: „Das bisherige Bild der Untersuchung zeigt an, dass Sie eine Auffälligkeit darin zeigen ….“ oder „Nach derzeitigen diagnostischem Befund haben Sie ….“ – damit wird stets vermieden, den falschen Eindruck zu erwecken „der ganze Mensch sei krank“ oder „die Diagnose habe ‚recht'“. Vielmehr gilt: Der Mensch hat eine Erkrankung und gleichwohl hat er freie Ressourcen, die er in eigener Verantwortung einsetzen kann, um sein Leid zu mindern.

Dies zu erwähnen, liegt mir deshalb am Herzen, weil ich sehr oft mit Menschen spreche, die ihre eigentliche Frage, deren Beantwortung eine psychische Not wenden würde, nicht genau kennen, aber in ihrer Sorge, Verzweiflung oder Ratlosigkeit bei Dr. Google oder SchwätzGPT Antworten erhalten, die sie mehr verwirren als sie ihnen nutzen. Merke: Auch diese Maschinen können in einem Menschen eine veritable iatrogene Neurose bewirken. Darum: Augen auf bei der Nutzung in diesem Fall künstlicher Dummheit.

Haben Sie eigentlich Ihren Sinn im Leben gefunden? – Teil 3

Spoiler: Jetzt wirds philosophisch, und ein wohltuendes Begleitgetränk könnte die Lesung erleichtern.

Die originäre Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor Frankl versteht sich als sinnzentrierte Psychologie mit weitreichenden Implikationen für das menschliche Zusammenleben. Dennoch bleibt sie aus meiner Sicht in einer zentralen gesellschaftstheoretischen Frage erstaunlich unbestimmt. Woher genau kommt der Sinn, den ein Mensch findet?

Ich habe in der KrisenPraxis das der Sinntheorie zugrundeliegende Gedankengut von Viktor Frankl vielfach vorgestellt:

• Sinn ist für jeden Menschen jederzeit gegeben.
• Er muss gefunden werden und kann nicht vom Menschen selbst gemacht werden.
• Sinn kann selbst unter widrigsten Lebenssituationen entdeckt werden.
• Jeder Mensch ist durchdrungen von einem Willen zum Sinn.
• Sinn ist der Grund zum Glücklichsein.
• Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.
• Sinn ist der Wächter der Qualität unseres Handelns.

Aus all dem können wir ableiten,

• dass jeder Mensch ein Sinnbedürfnis hat,
• dass es jederzeit einen Sinn für einen Menschen gibt, der dieses Bedürfnis befriedigen kann,
• dass Sinn zu finden etwas mit einer bestimmten Form des Handelns zu tun hat,
• dass die Befriedigung des Sinnbedürfnisses durch Verwirklichung des Sinnvollen zum Glück führt

Aber: Das alles mit einer wesentlichen Einschränkung: Der Mensch kann sich Sinn nicht machen. Und Frankl macht das auch hier klar: „Der Mensch ist nicht da, um sich selbst zu beobachten und sich selbst zu bespiegeln; sondern er ist da, um sich auszuliefern, sich preiszugeben, erkennend und liebend sich hinzugeben.“ Viktor E. Frankl in: „Logotherapie und Existenzanalyse“

Wenn Sinn sich also nicht irgendwo im Menschen befindet, nicht in seinen Gedanken, seinen Gefühlen, seinen Empfindungen – dann muss sich Sinn außerhalb von ihm, seinem Körper und seiner Psyche finden lassen. Also in der Welt.

Was aber ist die Welt des Menschen? Fragen Sie sich, fragen Sie Ihren Partner, alle anderen, die Sie kennen, so werden Sie erkennen – die eine Welt gibt es nicht. So wenig wie die eine Gesellschaft. So wenig wie das eine Team oder Kollegium, die eine Familie … Ich will meinen: All das ist immer ‚nur‘ die meinige Welt. Und in ihr finde ich den ‚nur‘ meinigen Sinn. Der Möglichkeitsraum der Sinnfindung wechselt darum von Mensch zu Mensch, von Situation zu Situation, von Zeitpunkt zu Zeitpunkt.

Aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist eine solche Aussage bitter. Sie führt zu Ende gedacht zu einer Art akademischer Stagnation, will Wissenschaft doch empirisch nachweisen helfen, wie Menschen Sinn finden, wenn – wie Frankls Zitat es zum Ausdruck bringt – sie sich individuell ausliefern (an wen oder was), sich preisgeben (wofür), erkennend und liebend sich hingeben (wem oder was).

Wie sich Menschen Sinn machen, ja, darüber gibt es ‚tons of studies‘. Viele dieser Sinnmachenforschungsergebnisse muten langweilig und trivial an. Aber warum sollte ein Mensch eigentlich Sinn finden wollen? Aus einem rein psychischen Bedürfnis heraus? Wenn wir Wollen verstehen als Basis jedes menschlichen Daseins und Miteinanderseins, dann sehen wir, dass dem Wollen ein Angesprochenwerden vorausgeht. Etwas spricht mich an, und es spricht mich an. Oder eben nicht. Zu dieser Wahl bezieht die Person Stellung. Wollen wird so zu einer Form der Stellungnahme zu etwas die Person Ansprechendem, sei es ein Mensch, eine Aufgabe, ein Ding, eine Stadt, eine Kultur … – das Wollen wird dabei konkretisiert. Das Wollen des Ich ist Begehren, Besitzen, ein Befassen mit, … und Wollen bedeutet somit, dass nicht ein Ich anfing zu wollen, sondern dass mit dem Ich etwas angefangen wurde. Ich wird zu einem Ich, das angesprochen ist, das in Anspruch genommen wird zur Stellungnahme.

Führen wir diese Argumentation weiter, dann wird auch Sinn zu einer Form des Ansprechenden, das der Person wiederum ein Wollen in Form einer Stellungnahme ermöglicht. So wie das Ich aber die Sinnesorgane verschließen kann vor dem, was es anspricht, so kann das Ich auch sein Sinnorgan [in Frankls Sinnlehre ist dies das Gewissen] verschließen. Mit beiden verschließt das Ich den Zugang für das es Ansprechende. Das Ich will somit nicht das Wollen und verlässt damit die Basis des menschlichen Daseins. Die Phänomene, die ein Ich zeigt, das nicht mehr das Wollen will, sind der Psychologie bekannt. Was aber kann ein solches Ich wieder derart ansprechen, dass es das Nicht-Wollen nicht mehr will?

Dieses ‚was‘ ist Sinn. Vermag Sinn zur Öffnung des Ich hin zur Welt beizutragen, damit das Ich wieder ansprechbar für das Wollen einer Stellungnahme wird, so bewertet das bislang nicht wollende Ich die Welt neu. Damit das Ich diese Bewertung vornehmen kann, muss es um seine Werte wissen, die es zur Bewertung heranzieht. Das Ich mit dem Wertgefühl, das von der Welt Angesprochene zu sein und mit diesem Gefühl eine Stellung einnehmen zu wollen, will sich mit bewussten Werten der Welt öffnen. Wertebewusstheit und Weltoffenheit geben damit das Maß vor, mit dem ein Ich für Sinn ansprechbar wird, in welchem Maße das Ich um einen Willen zum Sinn verfügt.

Sinn kann ein wollendes Ich nur ansprechen, weil es im Dasein dieses Ichs nur um dieses Dasein selbst geht. Verstehen wir Dasein als Seinkönnen auf jemand oder etwas hin (und dieses jemand oder etwas ist nicht das Ich oder ein Teil des Ich), dann können wir Dasein als Stellungnahme ansehen, als ein Verwiesensein auf Andere und Anderes, in dem sich das Dasein verwirklicht. Dieses Dasein ist kein Zwang, der Mensch hat nicht ein Dasein, er ist Dasein und in seinem Dasein ist er frei und verantwortlich für seine Existenz. Dieses Existere zu wollen, öffnet die Türe, durch die Sinn das Ich ansprechen kann. Sein Dasein kann ein Ich nicht nicht vollziehen. Für das Wie seines Daseins jedoch, seine Existenz, ist das Ich frei und verantwortlich. Das Ich kann somit wählen, so oder so, und mit jeder Wahl nimmt das Ich weitere Gestalt an. Aber: Das Ich kann nicht alles wählen, was es will. Es kann über sich hinauswachsen, ja, aber Gewolltes muss bei seiner Wahl auch erreichbar sein. Ein Sinnimpuls als objektive Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit trifft auf das subjektive bereits gegenwärtig gegebene oder das subjektiv durch persönliche Entwicklung erwartete zukünftige Können. So gedacht, ermöglicht erst objektiver Sinn (geistig) eine Transformation in einen subjektiven Sinn (mental). Ohne ihn macht sich das Ich einen Sinn selbst, wobei sich das Dasein jedoch verfehlt, da es nicht mehr ein Seinkönnen auf jemand oder etwas hin, sondern ‚lediglich‘ ein egobezügliches Sein wird.

Soll objektiver Sinn in einen Teil des Lebensentwurfs integriert werden, darf der Bezug zur Welt nicht verengt sein. Weltoffenheit ist der Begriff, der zum Ausdruck bringt, dass eine Person sich nicht alles von ihrem Selbst gefallen lässt, mithin sich nicht von ihrem Selbst dominieren lässt, insbesondere von dem, was wie ‚selbst-verständlich‘ dem Ich vorgaukelt, dass es gut sei, sich nur mit dem zu befassen, was auf die Person selbst gerichtet ist. Das Fatale der Selbstbezüglichkeit besteht darin, dass das Selbst zu Verhalten und Handlungen verleiten kann, die letztlich sogar das Selbst schädigen können. Die Folgen können sein ein verletztes Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl usw. – die Person kennt sich in ihrem Selbst nicht mehr aus und zeigt sich in einer Weise, die soweit reichen kann, dass sie nicht nur nicht das Gute tut, sondern sogar das Schlechte, von dem sie weiß, dass sie es nicht will. Wider besseren Wissens und Gewissens nicht zu dem zu werden, der man werden könnte – auch das ist Teil beobachtbaren menschlichen Lebens.

Die Logotherapie setze ich dafür ein, für Menschen einen Beitrag zu leisten, damit sie sich nicht verfehlen, indem sie sich öffnen für ihre Welt, in der sie frei und verantwortlich ihr ‚Seinkönnen‘ zeigen. Diese Welt ist gesellschaftlich konstituiert, diese Welt hält die Impulse für eine Person bereit, die ihr als Möglichkeiten zur Sinnverwirklichung erscheinen. Von nichts kommt nichts – so auch nicht Sinnimpulse. Gefundener Sinn einer Person verweist auf die Sinngebung durch die Lebenswelt. Diese Sinngebung der Welt ist endlos, so endlos wie die grundsätzliche Fähigkeit der Person, sich auf Sinn zu transzendieren. Dass dieser Fähigkeit zuwellen die menschliche Psyche im Wege steht, wurde in der KrisenPraxis bereits an vielen Stellen thematisiert. Dass es wichtig ist, dass eine Person lernt, sich den Spielen ihrer Psyche zu entziehen, wenn diese versucht, die Oberhand über die Lebensführung zu gewinnen, wurde unter dem Stichwort Selbstdistanzierung ebenfalls mehrfach beleuchtet.

Exkurs aus Integraler Perspektive [ich habe dazu unter den Stichworten Graves, vMeme … bereits einiges geschrieben]: Im wissenschaftlich-empirischen Verständnis eines vMeme orange legt die psychologische Forschung seit Jahren in zunehmenden Maße Studien vor, die die Wirksamkeit logotherapeutischer Interventionen beschreiben. Fraglos können diese Bemühungen rund um die empirische Evidenz weiter gesteigert werden, jedoch bleiben einige, vielleicht sogar die interessantesten Themen aus meiner Sicht unerforschbar. Dazu gehört die Messung des konkreten Momentes der Sinnfindung einer Person. Was wann wie genau geschieht, wenn Sinn wahrgenommen wird und sich eine Person auf diesen Sinn hin transzendiert – es bleibt wohl ein Phänomen, das sich einer strengen empirischen Analyse entzieht.

Nicht so aus einer transpersonalen Perspektive eines vMeme Gelb, in dem eher die systemischen Wirkungen sinnzentrierten Verhaltens und Handelns im Fokus stehen. Oder in dem der Unterschied zwischen selbstgemachtem Sinn versus wahrgenommener Sinnimpulse in Augenschein genommen wird – ein Aspekt, der sich über die Differenzierung von Werten in wesentliche Werte einerseits und wichtige Werte andererseits operationalisieren lässt (auch über diesen Unterschied finden sich in der KrisenPraxis bereits einige Beiträge).

Wenn ich davon schreibe, dass die sinngebenden Impulse für einen Menschen immer Impulse aus der Welt der Person sind, so ist diese Welt nicht als abstraktes Universelles zu verstehen, sondern in meiner Anschauung vielmehr diejenige Lebenswelt der Person, die ihr hic et nunc die Gelegenheit einer potenzia in actu ermöglicht – die höchste Möglichkeit, wenn nicht jetzt, wann dann, wenn nicht von der Person, von dem sonst, das Potenzial der Person für ihre Welt auszuschöpfen, sei es dank gegebener Liebes-, Arbeits- oder Leidensfähigkeit der Person.

Die Lebenswelt der Person mit ihren historischen, sozialen, wissenschaftlichen, politischen, kulturellen, räumlichen, zeitlichen, spirituellen u.a. Kontexten stellen bildlich gesprochen das Meer der Möglichkeiten dar, in dem die Person – so sie sich diesem Meer öffnet – den Sinn-Fisch angelt, den sie dank ihrer Potenziale transformiert – beispielsweise in Richtiges, Gutes oder Schönes.

Diese Transformation findet dabei nicht in einem luftleeren Raum statt. Vielmehr ist sie stets eingebunden in die Gegebenheiten der Lebenswelt, die ihrerseits den von einer Person verwirklichten Sinn integriert. Findet diese Integration nicht statt, dann kann die Person dies empfinden als Desinteresse seiner Welt an seiner Sinnverwirklichung. Platt und im vMeme Orange ausgedrückt: Dann kauft die Welt der Person nicht ab, was aus Sicht der Person für ebendiese Welt sinnvoll wäre (vielleicht greifen Sie das Gedankenspiel auf, und nehmen dazu alternativ die Bewusstheit der anderen vMeme ein) – Ende des Diskurses.

Die Lebenswelt der Person tritt ihr stets als objektiv gegeben entgegen. In ihrer Objektivität liegt die Grundlage der Objektivität dessen, was sie an Sinn für jeden Menschen bereit hält. Ob und was eine Person aus diesem Angebot wahrnimmt und zu ihrem eigenen subjektiven Sinn macht, steht in ihrer Freiheit und Verantwortung – für sich und für alle, die die Folgen der (Nicht-)Verwirklichung objektiven Sinns erleben.

Die Transformation zu subjektivem Sinn ist nicht per se lebensdienlich, schließlich steht zwischen objektivem Sinn und subjektiv sinnvollem Handeln das individuell konstruierende Gehirn mit seinen Funktionen des Empfindens, Fühlens, Denkens und Handelns. Jede dieser Funktionen ist in der Lage, objektiven Sinn derart zu blockieren oder zu dysfunktionalisieren, dass ersichtlich wird, welche negative Energie die menschliche Psyche in die Welt setzen kann, will sie ihrer destruktiven Seite Raum schenken. Dass jedoch das gesunde Geistige des in Allem eingebundenen kollektiven Individuums das potenziell zerstörerische Psychische einzelner Individuen übersteigt, wird durch etwas sehr Alltägliches angezeigt, was die italienische Künstlerin Milva in einem Lied zum Ausdruck brachte: Hurra, wir leben noch.

Originäre Logotherapie und Existenzanalyse

Die Logotherapie wurde von Viktor Frankl entwickelt und ist eng mit seiner Biografie verbunden, insbesondere mit seinen Erfahrungen in mehreren Konzentrationslagern. Obwohl er dort Ehefrau und Eltern verlor, konnte er mithilfe seiner bereits zuvor konzipierten Lehre die extremen Belastungen bewältigen. Im Zentrum seines Ansatzes steht der Wille zum Sinn als grundlegende menschliche Ausrichtung.

In den frühen 1990er Jahren stellte Frankls ehemaliger Schüler Alfried Längle ein Konzept vor, das namentlich fast identisch ist, sich inhaltlich jedoch deutlich unterscheidet. Diese Nähe in der Bezeichnung führt bis heute zu Missverständnissen bei Ratsuchenden und Interessenten an einer Fachausbildung zum Logotherapeuten. Das besprochene Buch will diese Unklarheiten beseitigen und eine fundierte Entscheidungsgrundlage schaffen.

Verfasst wurde das Werk von zwei Vertretern der originären Logotherapie nach Frankl. Anna Kalender arbeitet wissenschaftlich am Viktor Frankl Institut in Wien, Alexander Batthyány ist Professor in Budapest und im Vorstand des Instituts tätig. Ausgangspunkt des Buches ist die häufige Verwechslung zwischen Frankls Logotherapie und Existenzanalyse und der von Längle begründeten Psychotherapie, der er die umgedrehte Bezeichnung Existenzanalyse und Logotherapie gab und damit ursächlich die Probleme verantwortet, wenn Menschen unbeabsichtigt einen Ansatz wählen, der nicht ihren Erwartungen entspricht und sie in eine teilweise zum Gedankengut Frankls diametral entgegengesetzte psychotherapeutische Richtung führt.

Der erste Teil des Buches zeichnet die Entwicklung von Frankls Logotherapie nach. Batthyány schildert Frankls Lebensweg, seine Lagerhaft und die Entstehung zentraler Werke, darunter das weltweit millionenfach verbreitete Buch ‚trotzdem Ja zum Leben sagen‘, indem Frankl über seine Lagererfahrungen berichtet. Zudem wird auf die breite wissenschaftliche Rezeption hingewiesen, die sich unter anderem in zahlreichen empirischen Studien und vielen Ehrendoktorwürden zeigt. Inhaltlich hebt Batthyány zentrale Merkmale der Logotherapie hervor, etwa den Vorrang des Sinnwillens, die Annahme menschlicher Freiheit und die Existenz einer geistigen Dimension, die über psychische und körperliche Aspekte hinausreicht. Diese Annahmen stehen im Gegensatz zu deterministischen Sichtweisen anderer Therapierichtungen.

Ausführlich wird der Bruch zwischen Frankl und Längle dargestellt. Längle hatte wesentliche Grundannahmen von Frankls Lehre verändert, was schließlich dazu führte, dass Frankl sich 1991 von der von Längle gegründeten internationalen Fachgesellschaft distanzierte und deren inhaltliche Ausrichtung scharf und zum Teil sogar als anti-logotherapeutisch kritisierte. Während Frankl und seine Schüler diesen Bruch klar benannten, wurde und wird er in Publikationen der von Längle gegründeten Gesellschaft eher relativiert. Batthyány kritisiert, dass trotz tiefgreifender inhaltlicher Abweichungen weiterhin der Eindruck einer engen Nähe zu Frankl erweckt werde. Zudem setzt er sich kritisch mit Längles stark intuitiver Vorgehensweise auseinander, etwa in der Psychosomatik und in der Gesprächsführung, die sich deutlich von Frankls dialogischer Haltung unterscheide.

Im zweiten Teil des Buches arbeitet Anna Kalender die Unterschiede zwischen beiden Ansätzen systematisch heraus. Sie zeigt, dass Frankls Logotherapie auf Sinn, Freiheit und Verantwortung gründet, während Längle zentrale Konzepte verändert hat. Besonders deutlich wird dies im Menschenbild, da in Längles Ansatz die Eigenständigkeit der geistigen Dimension abgeschwächt wird. Auch das Motivationsverständnis unterscheidet sich stark, da der Sinnwille bei Frankl eine herausgehobene Stellung hat, bei Längle jedoch nur eines von mehreren gleichrangigen Motiven darstellt. Kalender macht deutlich, dass gerade Frankls Verständnis erklärt, warum Menschen selbst unter extremen Bedingungen Sinn finden können.

Weitere Differenzen bestehen im Sinnbegriff selbst. Frankl ging von einem objektiven Sinn aus, der in einer Situation entdeckt werden kann, während Längle Sinn subjektiv versteht. Dies führt laut Kalender zu problematischen Konsequenzen, da dadurch auch moralisch fragwürdige Handlungen als sinnvoll gelten könnten. Auch im Umgang mit Leid zeigen sich grundlegende Unvereinbarkeiten zwischen beiden Konzepten.

Insgesamt macht das Buch transparent, wie unterschiedlich der Konflikt öffentlich dargestellt wird und warum eine klare Abgrenzung notwendig ist. Es ermöglicht Interessierten an Therapie oder Ausbildung einen sachlichen Vergleich und unterstützt sie dabei, eine informierte Entscheidung zu treffen. Darüber hinaus führt es prägnant in Frankls Denken ein und greift grundlegende ethische Fragen auf, etwa ob Sinn und Werte objektiv bestehen oder beliebig festgelegt werden können. Damit bietet das Werk nicht nur Orientierung innerhalb der Logotherapie, sondern auch eine fundierte Auseinandersetzung mit zentralen philosophischen Fragen.

 

Stressverhalten „Grübeln und mustergültig sezieren“

Eine Krise muss man doch ‚verstehen’ können: Mit einem genauen Lageplan, einer tiefen Analyse des Geschehens und einem Hin-und-her-Abwägen besticht dieser ‚Krisentyp’, ohne dabei überzeugendvermitteln zu können, wie der konkrete nächste Schritt denn ausschauen soll. Das, was war, ist klar – was sein soll, noch diffus. Die Krise wird als Verlustereignis erlebt und darüber muss trefflich immer wieder nachgedacht werden. Meist findet der Krisengrübler alle möglichen ‚Wenn das nicht gewesen wäre, dann wäre …’-Gründe für seine Last.

Raten ihm vertraute Personen zu einem ‚Weniger-ist-mehr’ und zu einer gewissen Leichtigkeit im Umgang mit der Situation, dann werden sie mit einem ‚Was versteht ihr denn schon?’ oder einem ‚Das geht nicht, weil …’ in ihre Denkschranken verwiesen. Irrationales, wie das Angebot, den eigenen Gefühlen mehr Raum zu geben, wird oftmals schroff widersprochen, denn nur ein kühler Kopf sei in der Lage, alles zu überblicken und in dieser besonderen Situation keinen Fehler zu machen.

In der Begleitung dieser Person empfiehlt es sich, ihre Handlungsresistenz, Deutungsüberschärfe und mentale Selbstüberforderung zu thematisieren. Dies gelingt gut, wenn sie durch verschiedene Blickwinkel und eine humorvolle Gesprächsführung für konkrete Aktionen ermuntert wird. Natürlich, ohne dabei ihre bisherigen Anstrengungen zu diskreditieren.

Günstig ist ihre grundsätzliche Haltung ‚es kann mich niemand daran hindern, über Nacht klüger zu werden’ [Adenauer]. Sie befähigt sie zu grundsätzlich vernünftiger Argumentation und Risikoeinschätzung in relevanten Entscheidungen.

Wie spricht diese Person:
„Ich denke…; welche Optionen haben wir…; nach meinen Berechnungen …; bedeutet das, …; in welchem Zeitrahmen …; auf Basis welcher Daten …; kann ich die Fakten dazu einmal sehen …; woher stammen diese Informationen …; nach meiner Einschätzung …; wenn wir so weitermachen, dann …..; es ist doch ganz klar, dass …; es ist richtig, dass …; das ist gut begründet, …; ich zermartere mir mein Hirn …; ich habe viel darüber gegrübelt …; heißt das, dass …; …“

Was diese Person braucht: Leistungsanerkennung
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Verlust
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: Traurigkeit
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet Frustration und Verärgerung.