Kategorie-Archiv: Viktor E. Frankl

„Die Frage nach dem Sinn des Lebens schlechthin ist sinnlos, denn sie ist falsch gestellt, wenn sie vage „das“ Leben meint und nicht konkret „je meine“ Existenz.“

Viktor E. Frankl

Sinn und Arbeit

Sinn und Arbeit – welch ein riesiges Thema in unserer heutigen Zeit. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht, wie Arbeit einem selbst einmal Sinn machte. Heute ist für viele Menschen die Suche nach Sinn echte Arbeit. Man sucht und sucht und fragt sich, warum man ihn nicht (mehr) findet. Wenn uns das Empfinden einer ‚Sinnfindungsstörung‘ bei unseren Klienten begegnet und wir uns erklären lassen, worin die tägliche Arbeit besteht, so findet sich häufig ein nachvollziehbarer Grund. Es besteht im Dilemma zwischen Transzendenz und Transformation.

Menschen wollen sich auf einen ‚Gegenstand‘ transzendieren, auf etwas, was sie in ihrer ‚Welt‘ entdecken und das ihnen förmlich innerlich zuruft: Du bist gefragt! Ich – Dein Gegenstand – ist das, worauf Du Dich beziehen sollst, mit Deinen Fähigkeiten, Gaben, Talenten, Deinem Wissen, Deiner Kompetenz. Ein solcher Gegenstand kann alles Mögliche sein, im Beruf aber ist es meist das Aufgabenfeld, dem man sich gewachsen fühlt, das man sich ausgewählt hat, für das man sich qualifiziert und weitergebildet hat, in dem man Bescheid weiß. 

Transformationen – und derer gibt es viele und schnelle, zum Beispiel durch Technologiefortschritte, Geschäftsexpansionen, New Work Konzepte, Prozessentwicklungen, Wegfall beruflicher Arbeitsfelder und Rollen usw. – entziehen dem arbeitenden Menschen heute immer mehr die ‚Gegenstände‘. Was gestern noch individueller Gegenstand war, ist heute angesichts wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Herausforderungen zunehmen obsolet. So schnell, wie die Gegenstände verschwinden, so schnell entstehen zwar auch neue, nur eben allzu oft für andere Menschen. Das war an sich schon immer so, nur nicht so ‚überall, hyperschnell und ausnahmslos‘. Sinnvolle Arbeit zu finden wird damit zur eigentlichen Arbeit und das, was der Mensch jeden Tag so arbeitet ist mehr oder weniger eine Arbeit auf Abruf, ein Job, eine Beschäftigung, ein Mittel zum Zweck (meist zum Zweck des Überlebens). Sicher, es gibt berufliche Rollen, die Menschen ausüben, die ihrerseits mit dieser Dynamik kein Sinnproblem haben. Wieder andere Menschen, die an sich kein Sinnproblem haben sollten (man denke an Kirchenvertreter), sägen durch ihr kriminelles Verhalten den Sinnast eigenhändig ab, auf dem sie sitzen und damit verbunden auch noch den Sinn, den andere Menschen mit diesen Rollen für ihr eigenes Leben in Verbindung bringen. 

Trotz allem bleibt die Befriedigung des Sinnbedürfnisses die stärkste Motivationsquelle für jeden Menschen. Versiegt diese Quelle im Berufsleben, dann verkümmert Arbeit immer mehr zum ‚Zeiteinsatz zum Gelderwerb‘. Dieser Verfall verläuft zudem umso schneller, je weniger der Einzelne die Kontexte der Transformationen versteht – denn um sie zu verstehen, braucht es immer mehr inhaltliche Kenntnis über neue Technologien, über die Veränderung von und in Märkten, von Szenarien, Kenntnisse eben, die vielen Menschen schwerfallen aufzubauen. Also bleibt man verständnislos und sinnleer zurück und hofft darauf, dass ein Wunder geschieht und jemand vorbeischaut und eine Tüte Sinn bereithält. Dass ein solcher Heiland zuweilen in Führungspersonen gesehen wird, mutet wie das Festhalten an einem Strohhalm an. Ihnen wird zugetraut, dazu beizutragen, den ‚Purpose‘ [den Zweck der Transformationsdynamik] zu vermitteln. Sie sollen ihren Mitarbeiternden die ‚Bedeutung‘ lehren, die all das ‚überall, hyperschnell und ausnahmslos‘ hat. Und damit das gelingt, stopft man sie in Trainings mit klangvollen Begriffen wie Empathie, Resonanz und Achtsamkeit – allzu oft ohne mit den Führungskräften zuerst einmal zu klären, worin diese die Bedeutung ihrer Führungstätigkeit sehen. Kommt diese Frage nicht in einen Diskurs, stehen Führungskräfte vor einem komplexen Problem: Sie sollen einen Sinnfindungsbeitrag für ihre Mitarbeitenden leisten, sie sollen ihre eigene Rolle als sinnvoll ansehen und sie sollen eine sinnvolle Führung gestalten. Für Letzteres finden sich in der aktuellen Führungsliteratur auf breiter Linie Verhaltensleitplanken. Sinnvolle Führung beweist sich dort insbesondere durch eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber Menschen und Situationen (man könnte vereinfach sagen: sinnvolle Führung bedingt, Menschen zu lieben und der Welt offen gegenüber zu stehen), ein Streben nach Selbsterkenntnis (vereinfacht: sich nicht aus dem Feld des Lernens zu nehmen und sich eigener Grenzen stets bewusst zu sein), moralisch vorbildlich zu handeln (vereinfacht: einen normativen klaren Rahmen im Verhalten und in Handlungen heranzuziehen), den geführten Menschen eine persönliche oder berufliche Unterstützung anzubieten und über den Einzelnen hinaus auch das Gefühl für die Gemeinschaft und das gemeinschaftliche Arbeitsengagement zu fördern.

All das kann man in der Führungsarbeit von Führungskräften beobachten – dennoch ist damit noch nicht gesagt, ob ebendiese Führungskräfte ihre eigene Führungstätigkeit im situativen und systemischen Kontext ihres Unternehmens als sinnvoll erachten, geschweige, ob sie ihre derartig gelebte ’sinnvolle Führung‘ mit den Arbeitsplatzmerkmalen ihrer Mitarbeiter in Kohärenz wahrnehmen (in unserer Coachingpraxis hören wir gerade jetzt in der Coronazeit ein solches Kohärenzdefizit, wenn Führungskräfte berichten, dass ihr Beziehungsgeflecht zu ihren Mitarbeitenden bedingt durch Homeoffice-Tätigkeiten gerissen ist oder zu reißen droht).

Der eigenen Führungstätigkeit das prädikat ’sinnvoll‘ zuzuschreiben meint, neben den objektivierbaren Fähigkeiten, sinnvoll führen zu können, immer wieder die subjektive Erfahrung zu machen, dass der Wert der Führungstätigkeit eigenen Idealen und Grundüberzeugungen entspricht. Dass diese Überzeugungen jedoch nicht zwingend von denen goutiert werden, die die Führungstätigkeit der Führungskraft bewerten ist bekannt und wird leider allzu oft zum Anliegen, das unsere Klientinnen und Klienten im Krisencoaching bearbeiten wollen. Ein Ergebnis in diesen Coachings ist meist, dass die Klienten erkennen, dass sich auch die Führungsrolle in einer Transformation befindet, ergo es quasilogisch ist, dass der Versuch, den selbstbewusst der eigenen Rolle zugeschriebenen Wert von anderen Personen [hier insbesondere den eigenen Vorgesetzten] ‚gewertschätzt‘ bekommen zu wollen, scheitern muss. Dieses Problem zu lösen, gelingt nach unserer Erfahrung leichter, wenn die Führungskraft weniger die Verwirklichung eigener Ideale zum Maßstab des eigenen Sinngefühl macht als ganz basal nur das im Führungshandeln zu tun, was in der Lage ist, andere [hier in der Regel die Mitarbeitenden] wachsen zu lassen. Das jedoch zu können, bedarf einer anderen, neuen Form des Gesprächsführung, nämlich der Wertekommunikation und der Sinnvereinbarung.

Gefundener Sinn eskaliert sämtliche Zwecke

Als Logotherapeuten und Logocoachs arbeiten wir sinnorientiert. Also dafür, dass Menschen Wege zur Sinnerfüllung entdecken und die gefundenen dann beleben. Vor einigen Jahren, als wir noch Beratungsleistungen in und für Unternehmen erbrachten, stand eine andere Perspektive im Vordergrund. Damals wurde darüber gerungen, welchem Zweck die jeweilige Organisation in der Zukunft wohl zu dienen habe. Welchem gesellschaftlichen Zweck soll das unternehmerische Handeln untergeordnet werden? Bricht man diese Frage ganz weit herunter, so folgen die meisten Unternehmen dem Zweck, für die Bedürfnisse von Menschen einen Beitrag zu leisten. Wer Schrauben für Pipelines entwickelt, schafft ein Puzzleteil dafür in die Welt, um zum Beispiel die Wasserversorgung irgendwo auf der Welt zu verbessern. Am Ende (oder am Anfang) eines solchen Vorgehens steht etwas Gesolltes. Ein Sinn. Leiste einen Beitrag für den Lebenserhalt von Menschen.
Über alle erdenklichen vorangehenden Prozessketten hinweg hat nun der Metallbauer die Schraube in der Hand. Gefragt, wozu dieses Bauteil gut ist, wird er wohl mit seiner Expertise auf die Pipeline verweisen, dahinter wohl auf das Unternehmen, das damit Geld verdient, dahinter wohl auf ihn selbst, der damit auch sein Geld verdient. Und schon ist das Eigentliche (das Gesollte, der Sinn) aus dem Blick, das Wesentliche (das Worum geht es mir als Metallbauer) aus dem Gefühl und das Wichtige (das Warum fertige ich die Schraube) als Zweckdenken in den Vordergrund gerückt.

Sinn und Zweck stehen so sprachlich zwar oft eng zusammen, sind sich aber doch so fern. Will sagen: Erster ist in der Welt, er kann nicht gemacht oder konstruiert werden. Nach dem Zweiten kann sich eine Person ausrichten, muss es aber nicht. Nicht selten wird das Eigentliche gar nicht erst gesucht, sondern der Blick bleibt beim Zweck stecken. Dann denkt sich ein Unternehmen, dass es doch für sich genommen bereits sinnvoll wäre, das zwanzigste Joghurt auf den Markt zu bringen. Dass dieser unternehmensgemachte Denkfehler heute stärker denn je von Menschen – immer öfter auch gerade von denen, die in diesen Unternehmen arbeiten – gefühlt wird, ist für uns in Ausübung unserer Rolle offenkundig. Warum? Weil eben viele Menschen in der Therapie oder im Coaching nach dem Worum, nach dem Eigentlichen ihres Daseins fragen.

Unsere Klienten bringen ihre Sinnorientierung mit, weil sie fühlen, dass es da mehr geben muss als den reinen Zweck, der von Unternehmen kaschiert und als Sinn verkauft oder kommuniziert wird. Damit das Spiel gelingt, laden sie Menschen ein, sich doch selbst ihren Sinn zu konstruieren und tarnen dies dann als Aufruf zur Selbstverantwortung. Am Ende dieses Spiels bleiben dann oftmals Menschen als doppelte Verlierer zurück. Zuerst haben sie die Fähigkeit verlernt, das Eigentliche zu entdecken und dann verlieren sie das Gefühl, überhaupt die ihnen anempfohlene Selbstverantwortung übernehmen zu können, eben weil ihre Konstruktion von Sinn scheitert, da es ihn ja bereits gibt und er nicht konstruiert werden kann. Was letztlich übrigbleibt, sind seltsame Sprachverdrehungen, die auch dadurch nicht besser werden, nur weil sie massenhaft genutzt werden.

Aktuell ist es die (falsche) Nutzung des Begriffs ‚purpose‘ für Sinn, und wir als Logotherapeuten sind gespannt, was als nächstes kommt bis vielleicht irgendwann in grauer Zukunft es ein Einverständnis der ökonomischen Elite dafür gibt, endlich diesen Unsinn vom Sinn zu beenden und ‚sich einmal ehrlich zu machen‘. Ehrlich zu machen für den ‚Zweck‘ (purpose). Ein Unternehmen bezweckt dann einfach, mit seinen Schrauben Geld zu verdienen. Diesen Zweck kann sich auch jeder Mensch, der in einer solchen Unternehmung arbeitet, konstruieren. Egal, ob eine Schraube, ein Joghurt, ein Design, eine Finanzdienstleistung, ein Weihnachtsbaumengel – einem Zweck dienen alle Produkte und Dienstleistungen. Ob hinter diesen Zwecken etwas Eigentliches – ein Sinn – steht, das bleibt offen – wenngleich: er ist.

Und diesen Sinn, der ist, kann entdecken, wer über eigene Bewusstheit verfügt – entdecken kann Sinn also nicht ein Abstraktum, wie zum Beispiel ein Unternehmen. Rückt man als im Beruf stehender Mensch von seiner Sinnorientierung ab [vielleicht, weil man in den täglichen Aufgaben keinen wahren Sinn mehr entdecken kann], so bleibt [immerhin und hoffentlich] die Zweckorientierung. Legt man hier als basalen Zweck jeder Organisation das Überleben ebendieser Organisation zugrunde, dann wird in einem kapitalistischen System der Einsatz von Mitteln nachvollziehbar, die eher mehr als weniger einen Gewinn in Aussicht stellen. Keinen Gewinn zu erwirtschaften stellt irgendwann den Zweck des Vorhabens eines Unternehmens in Frage, niemals jedoch das per se gegebene Gesollte. Zum Beispiel keinen Gewinn mit Kohleabbau zu erwirtschaften, hat demnach irgendwann eine absehbare Folge. Dennoch wird damit das per se Gesollte [einen Beitrag zur umweltbewussten Energieversorgung zu leisten] nicht getilgt.

Jemand, der diese beiden, Sinn und Zweck, mit einem Kunstgriff zusammenfallen ließ, war Niklas Luhmann. Er stellte Sinn als etwas heraus, das für die Konstitution von sozialen Systemen nach seiner Sicht bedeutsam ist: „Mit dem Begriff Sinn soll eine bestimmte Selektionsweise bezeichnet werden, nämlich eine Selektion, die das ‚Woraus‘ der Wahl präsent hält und dadurch die Möglichkeit hat, ihre eigene Selektivität zu kontrollieren. Sinn ist punktualisierter Ausdruck für Komplexität, ist Reduktion und Erhaltung zugleich und genau dadurch für Systembildung adäquat, daß die Totalität des Möglichen nicht aufgegeben, aber rekonstruiert wird als dies (-und-anderes): als Selektion von Relevanz. Man kann sich vorstellen, daß diese Struktur sich einlebt als Konsequenz organisch bedingter kontinuierlicher Input-Überlastung.“ Einfacher ausgedrückt: Komplexität ist immer. Individuell ist sie zuweilen überlastend. Lasten gilt es punktuell zu mindern, weil eine allgemeine Entlastung der Dynamik von Systemen nicht entspricht. Damit das klappt, selektiert ein Mensch und nennt das dann Sinn. Hmm, warum nicht Zweck, denn es ist doch für das ‚Überleben‘ des Menschen zweckdienlich, ein Zuviel von Belastungen zu senken. Das wusste auch schon Viktor Frankl, wenn er dazu riet, Leid sofort zu mindern, wenn dies möglich ist – aber, wenn dies nicht möglich ist, das Leiden nicht als Selbstzweck zu verstehen, denn als eine Aufgabe zur Transzendenz.

Letztlich reiben sich alle Perspektiven, die Sinn zu etwas benutzen wollen, an der Sichtweise Frankls, bei der nicht der Mensch sein Leben zu befragen hat, was es denn Sinnvolles für ihn bereithält [ggfls. etwas, was die Komplexität in seiner aktuellen Lebenswelt reduziert], sondern dass der Mensch von seinem Leben befragt wird, was er in seine Lebenswelt hineinschaffen kann. Diese Perspektive ist damit grundsätzlich handlungs- und verantwortungsorientiert, nicht naiv oder weltfremd, weil es die individuellen Bedingungen, die Menschen haben, durchaus würdigt, nur sie eben nicht zum Maßstab dafür macht, dass ein Mensch sich diesen Bedingungen ohnmächtig hingibt. Luhmann versucht hingegen aus seiner Leitidee, alles sei Kommunikation, eine Sinngrenze dahingehend zu entwerfen, indem er auf ein Verhältnis von möglichen Aspekten (in der Umwelt) zu relevanten Aspekten (im betrachteten System) hinweist. Er versteht daher Sinn als „Bezugspunkt von Interpretationen, die ihrerseits als bestimmende Aneignung durch ein Subjekt begriffen werden.“ Was wohl so viel meint wie, der Mensch ist seines Sinnes Schmied, seine Interpretation zielen hin auf Sinn und letztlich: der Mensch macht sich mittels Kommunikation Sinn.

Wenn man Sinn derart utilitarisiert, darf man sich der Frage ausgesetzt sehen, inwieweit man damit dem Selbstoptimierungsstress innerhalb der Gesellschaft weiteren Vorschub leistet. Denn es liegt nahe anzunehmen, dass sich Unternehmen auf den Weg machen, ihren Mitarbeitenden die ‚Interpretation‘ des vermeintlich Sinnvollen zu ‚erleichtern‘, zum Beispiel durch ‚sinnstiftende Arbeitsumgebungen‘, ‚Feelgood-Abteilungen‘ oder andere Sinnigkeiten mehr. Ganze Heerscharen von Beratern und Think Tanks bemühen sich bereits darum, Unternehmern zwar deutlich zu machen, dass die Wahrnehmung von Sinn dem Subjekt vorbehalten sei, es aber vielleicht doch helfen könne, diese Wahrnehmung mittels Selektionshilfen zu erleichtern. Das dahinter stehende Menschenbild, das vielleicht auch verstanden werden kann als: Wir verstehen den Menschen als nach einer Vormundschaft seiner Sinnwahrnehmung strebenden Wesen, zeigt im Kern die Angst vieler Unternehmen an, Arbeitskräfte im hart umkämpften Wettbewerb zu verlieren.

Dabei wäre die Antwort doch einfach. Wir als Unternehmen wollen überleben, das ist unser primärer Zweck. Damit das gelingt, müssen wir etwas leisten, was Menschen, in welcher Rolle, wie und wo sie mit uns auch immer zusammenarbeiten, als bedeutsam und wichtig ansehen. Diesem Zweckdenken müssen wir unsere zweckdienliche Leistung zur Seite stellen. Fühlt sich ein Subjekt aufgerufen, das Zweckdenken eines Unternehmens in Frage zu stellen, so stehen kontextuell, situativ und systemisch verschiedene Wege der Kritik am Zweck zur Verfügung. In höchster Instanz jedoch kann ein Subjekt das, wofür er sich aufgerufen fühlt durch Anrufung an sein Gewissen geltend machen. In diesem Moment fühlt das Subjekt die Notwendigkeit, seine Einstellung nicht an einem Zweck, sondern an Sinn auszurichten. Kurz: Nicht die Summe aller, fraglos meist auch gut gemeinter Zwecke zum Erhalt von Leistungskraft, Wohlbefinden, Kreativität usw. ergibt Sinn. Vielmehr eskaliert gefundener Sinn alle Zwecke.

Wer sinnorientiert lebt, hat seine Weltoffenheit und den Sinn, den es in dieser Welt stets gibt, aktiviert. Wer Sinn in dieser Lebenswelt finden will, fragt nach dem Worum (hat es mir nun zu gehen). Wer dieses Worum kennt, ist kein besserer Mensch, aber – so unsere therapeutische Erfahrung – ein sinnorientiertes und selbstgesteuertes anstatt eines rein zweckbewussten Wesens, denn „bloßes Überleben kann nicht der höchste Wert sein. Mensch sein heißt ausgerichtet und hingeordnet sein auf etwas, das nicht wieder es selbst ist. [Frankl]“

Fazit: Weltoffenheit und Zweckdenken sind in vorgestelltem Verständnis handlungssteuernd. Während das Erste jedoch ohne das Zweite auskommt, wird das Zweite ohne das Erste schnell zum Selbstzweck. Zweckdenken kann solange erfreuend auf eine Person wirken, solange sie psychisch [emotional und kognitiv] einzuschätzen vermag, einen bedeutungs- und wertvollen Teil zu einem Beitrag zu leisten, den sich ein [privates oder berufliches] System zum Ziel gesetzt hat. Ob das subjektiv Erfreuende sich im Hintergrund auf einen objektiven Sinn stützt, bleibt meist solange nichtthematisiert, bis sich die Person die Frage meint vorlegen zu müssen, worum es ihr jetzt zu gehen hat. Diese Frage unbeantwortet zu lassen, kann alsbald in verschiedene Formen dysfunktionaler bis pathologischer Selbstzweckorientierung führen. Sie sich immer wieder im Leben aktiv vorzulegen hingegen ist nach unserer Einschätzung die best-practice-Handlung im Sinne einer individuellen Krisenprävention.

Impfgewissen

To impf or not to impf – das scheint heut die Frage. Soll ich, soll ich nicht? Was ist das Gesollte, wer sagt mir das, was gesollt ist? Kann ich das Sollen wollen?

Das Gewissen gehört zur Grundausstattung eines Menschen und allemal einer freien und zur Verantwortungsübernahme vernunftbegabten Person. Die innere Stimme und der innere Kompass steuern die sittlichen Handlungsentscheidungen eines Menschen.

Für Sokrates (469·399 v.Chr.) war diese Stimme noch Ausdruck des Göttlichen, eine Stimme, die das Schlechte auf Distanz hält. Thomas von Aquin (1226-1274) war sich sicher, dass das Gewissen seinen Menschen nie­ in die Irre führen und Vernunft dann den Rest besorgen würde – vom Gewissen in die gewissenhafte Schlussfolgerung, von dort in die gewissenhafte Handlung, von dort in das gewissenhafte Urteil über die Handlung. Von diesem inneren Gerichtshof sprach auch Kant (1724-1804). Das innere moralische Gesetz müsse mit dem Be­wusstsein der Existenz zusammengehen und der Mensch habe seine aus Vernunft resultierende Pflicht zu erfüllen, so wie ein Gesetz für einen Menschen als ausführende Gewalt zu verstehen sei.

Weniger festgelegt beschrieb Marx (1818 – 1883) das Gewissen als Ergebnis einer individuellen Entwicklungsgeschichte. Und Nietzsche (1844 – 1900) sah im Gewissen gar die tiefste Erkrankung des Menschen und plädierte für die Abschaffung dieser Instanz. Diesen ‚Job‘ übernahm dann Hitler (1889 -1945), der das Gewissen als jüdische Erfindung geißelte und sich selbst auf das Podest des Gesetzgebers stellte, der dafür Sorge tragen würden, dass der Einzelne von der Last der freien Entscheidung entbunden würde.

Freud (1856 – 1939) verglich das Gewissen mit dem Über-Ich, durch das Triebwünsche des ‚Es‘ mittels Geboten und Verboten reguliert würden. Gewönne dabei dennoch das Es, so wäre das ’schlechte Gewissen‘ mit seinen Schuldgefühlen quasi Ausdruck des tiefen Wissens, dass die vollzogenen Handlungen an sich verboten seien.

Demgegenüber formulierte Fromm (1900 – 1980) das Gewissen einerseits als Funktion des Gehorsams, das vor Gefahren im Innen und Außen schützen soll. Andererseits habe das Gewissen die Funktion der Einsicht, mit der nach als richtig erkannten Grundsätzen gehandelt würde.
So interpretiert ist das Gewissen die grundlegendste Entscheidungsin­stanz, in der nichts mehr zur Verhandlung ansteht, sondern in der in reinster Weise nach den grundsätzlichsten aller Werte entschieden wird. Welche könnten das sein?

Glaube, Liebe, Hoffnung [Thomas von Aquin]
Glaube, Liebe, Hoffnung, Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung [Katechismus der katholischen Kirche]
Tapferkeit, Freiheit, Güte, Gerechtigkeit [Herbart]
Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Sitte, Wissen, Wahrhaftigkeit [Konfuzius]

Oder man schlägt nach bei Kant und findet: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“

Das Gewissen gehört zu den spezifisch menschlichen Phänomenen. Es ließe sich definieren als die intuitive Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren. Mit einem Wort, das Gewissen ist ein Sinn-Organ.”

Viktor E. Frankl

Das Schema coachen

Im Feld der Psychotherapie nimmt die Schematherapie einen zunehmenden Stellenwert ein. Anfang der 90er Jahren von Jeffrey Young als Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie konzipiert, leistet sie einen Beitrag dafür, Menschen zu helfen, in der Kindheit entstandene, unbefriedigte Grundbedürfnisse als Auslöser ihrer aktuellen Depression zu erkennen. Grundbedürfnisverletzungen werden dabei als ’negative emotionale Schemata‘ angelegt, die dann automatisierte Bewältigungsreaktionen bewirken, die ihrerseits – sofern sie nicht zu angemessenen Reaktionen entwickelt werden – auch im Erwachsenenleben weiterhin aktiv bleiben und unvernünftige Verhaltensweisen hervorbringen.

Da sich solche Verhaltensweisen auch im Berufsleben als Hindernis erweisen können, wurde das Wissen der schematherapeutische Grundlagen auch in einigen Ausbildungsprogrammen des Business Coachings aufgenommen. Im Coaching erhalten wir immer wieder als Auslöser für den Beginn einer Zusammenarbeit einen Mangel an Anerkennung, an Selbstüberforderung oder an Verdruss und Selbstzweifel im Job dargestellt. Stellen wir diese Empfindungen in einen biografischen Kontext so zeigt sich oftmals eine gewisse Analogie zur Kindheit. Liebe gegen Leistung, übervolle Kalender des Schülers, Mobbing in der Schulklasse, freudeloses Lernen oder Angst des Versagens – was hier ein Kind zu ‚managen‘ hat, geht ein in seine Interpretation dessen, was als ’normal‘ angesehen wird. Und dieses ‚Normale‘ hat keine Chance entlernt zu werden, sondern geht später über in die Interpretation von ‚Berufswelt‘.

Wir kombinieren in unserer Begleitung von Führungskräften das Schemacoaching mit den Erkenntnissen der Sinnlehre von Viktor Frankl. Dies indem wir die Schemaaktivierungen und automatisierten Bewältigungsreaktionen explorieren und dann aufbauend auf diesen kognitiven Erklärungen mit dem Klienten an der biografischen Entwicklung und Weiterentwicklungsmöglichkeit seiner Werte arbeiten. Da wir unbefriedigte Bedürfnisse des Kindes auch als Wertekonflikte verstehen können, die das Kind in seinem Umfeld hat aushalten müssen, so können Klienten diese Konflikte eingedenk ihrer weiteren Biografie, ihres erweiterten Rollenspektrums und ihrer aufgebauten Lebenserfahrung konstruktiv lösen, indem sie auf die Werte schauen, die sie trotz dieses erlebten Mangels in ihrem Leben verwirklicht haben und – darüber hinaus – welche sie künftig verwirklichen wollen.

Neurobiologisch ist ein Verhaltensschema ein Verband von Nerven­zellen. Dieser Verband wird durch Reise getriggert, das Schema wird aktiviert und die Person fühlt ihre Situation wie ‚einst als Kind‘. Die dabei entstehenden Emotionen können dabei ähnlich stark sein wie ‚damals‘ – für das Umfeld des Erwachsenen jedoch sind diese Emotionen unerklärlich [nicht selten sogar für den Betroffenen selbst]. Ist nun der Zusammenhang zwischen dem Aktualverhalten und dem einstigen Mangel an Bedürfnisbefriedigung hergestellt, wird im zweiten Schritt das Bündel seinerzeit der verletzten Werte herausgearbeitet und Wege besprochen, diese Werte zu revitalisieren und künftig vor Verletzungen zu schützen.

Die Aufgabe des logotherapeutisch-schemafokussierten Coachings besteht demnach darin, den Klienten zu stärken, die Aktivierung der Antreiberseite [Reaktionsverhalten] zu regulieren und sich die Aktivierung desjenigen Teils seines Wertesystems zu erlauben, das unter dem Einfluss des Schemas blockiert wurde.

Mit diesem Arbeitskonzept wird die Sinnlehre Viktor Frankls vollumfänglich integriert. Sein Menschenbild geht u.a. davon aus, dass der Mensch in der Lage ist, sich gegenüber dem zu distanzieren, was in der Schematherapie eben ‚Schema‘ genannt wird. Diese Fähigkeit zur Selbstdistanzierung ist nach Frankl notwendige Voraussetzung menschlicher Freiheit.

Frankl hat die Selbstdistanzierung einmal mit einer gerne von ihm erzählten Anekdote beschrieben:
Während des Ersten Weltkrieges saß ein jüdischer Militärarzt mit einem Oberst im Schützengraben, als ein heftiges Feuer einsetzte. Ihn hänselnd fragte der Oberst: „Jetzt haben Sie aber Angst, nicht wahr? Da sieht man wieder einmal, wie sehr die arische Rasse der semitischen überlegen ist.“ Worauf der Militärarzt antwortete: „Sicher habe ich Angst. Aber warum sprechen Sie von der Überlegenheit der einen Spezies gegenüber der anderen? Wenn Sie so viel Angst hätten wie ich, wären Sie vielleicht schon längst auf und davon gelaufen.“

Viele Deutsche sind hirnkrank

Immer mehr psychische Störungsbilder werden heutzutage medikamentös behandelt. Viele Deutsche sind offenbar hirnkrank und das schon in jungen Jahren. So meldete in diesem Jahr die KHH einen Zuwachs an behandlungsbedürftigen Essstörungen bei Jugendlichen von 60%, Angststörungen 45%, Burnout 55%, Anpassungsstörungen 72%, Depressionen 97%. Als Auslöser wurde dabei insbesondere die Pandemie ausgemacht. Greift man auf die Daten von Studien anderer Krankenkassen zu, dann ist das Phänomen stark steigender psychischer Erkrankungen bereits jahrelang ein gesellschaftliches Problem – und damit auch das Etikett einer erschöpften, kranken Gesellschaft. Die Frage muss erlaubt sein, ob diese Inflation der Diagnosen und der mit ihnen verbundenen Krankschreibungen und Medikationen gerechtfertigt ist? Denn im Kern bedeutet die Diagnose einer psychischen Erkrankung die Diagnose einer Erkrankung des Gehirns. Ist Deutschland ein Staat mit millionenfach gehirnerkrankter Personen? Oder ist Deutschland nicht einfach ein Staat, in dem die Menschen sehr viel Zeit haben, um sich über ihr Leben Gedanken zu machen oder um zu fühlen, wie es um sie ihre Lebenswelt bestellt ist?  Nur zwei Beispiele: Der Begriff Quarterlife Crisis, der zu verstehen gibt, dass der Übergang von Schule oder Studium ins Berufsleben von Jugendlichen als unsicher empfunden wird, ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein entwicklungspsychologisch völlig ’normaler‘ Suchprozess zu einer Krise heraufstilisiert wird. Dabei könnte man doch auch argumentieren, dass die Vielheit beruflicher Möglichkeiten gerade eine ausgiebigere Suche nach dem, was einen Menschen viele Jahre lang erfreuen soll, unbedingt rechtfertigt. Und das Finden dauert, braucht Geduld, ist manchmal nervig, braucht zuweilen einen Blick von Außen – sicher aber nicht eine Diagnose Depression, Angststörung oder Ähnliches.

Eine andere zweifelhafte ‚Erkrankung‘ ist die Aufmerksamkeitsstörung des Kindes. Wer historisch nachblättert, der sieht, dass in der Nachkriegszeit der ‚Zappelphilipp‘  noch als ‚minimal brain damage‘ deklariert wurde. Weil das dann doch etwas arg radikal klang, wurde das Phänomen der kindlichen Unruhe zu einem ‚minimal brain disorder‘ umgemünzt, bis es dann Ende der 80er Jahre als eine Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung deklariert wurde. Eigentlich sollte man nun erwarten, dass es cerebrale Strukturunterschiede zwischen ADHS-Menschen und ‚Gesunden‘ gibt. Aber – zu dumm – in einer im Lancet veröffentlichten Studie wurden Datensätze kommuniziert, die nicht zulassen, ADHS als eine Störung des Gehirns anzusehen.

Die Liste der sogenannten ‚Gehirnerkrankungen‘ ist lang, ebenso schnell ist zuweilen deren Diagnose. Das ist fatal, denn in einer komplexen und komplizierten Welt sollte zuerst davon auszugehen sein, dass es multifaktorielle Ursachen dafür gibt, dass der eine Mensch Gefühls-, Denk- und Verhaltensmuster zeigt, die er als subjektiv leidvoll empfindet, während dies ein anderer Mensch in vergleichbarer Situation nicht tut. Wer hier einfach mit gesellschaftlichen und statistischen Normen agiert, kann dem Patienten zu dem verhelfen, was bereits Viktor Frankl in Anbetracht vielfältiger ‚Diagnosen‘ seiner Kollegen vor fast hundert Jahren kritisierte: zu einer iatrogenen Neurose.

Gerade aus der Unvollkommenheit des Menschen folgt die Unentbehrlichkeit und Unaustauschbarkeit jedes Einzelnen; denn der Einzelne ist zwar unvollkommen, aber jeder ist es in seiner Art.“

Viktor E. Frankl

Der Ausweg aus der Kriseninflation

Erst war es der Stress, dann kam Burn-Out, spätestens jetzt ist es die Krise. Es geht um die Begriffs-Inflation. Wer nicht bei Drei auf dem Baum ist, hat eine Krise. Nach und nach pathologisiert sich so eine Gesellschaft selbst – mit der fatalen Folge, dass der, der wirklich im tiefen Selbstzweifel steckt und eine existenzielle Not zu überwinden hat, ewig auf einen Therapieplatz warten muss, belächelt wird als einer unter vielen oder dem irgendwann einfach nicht mehr zugehört wird. Ein Problem zu haben, reicht heute meist nicht mehr aus, gleich muss – so meint man – die superlative Keule der Krise herausgeholt werden, um sich etwas Gehör zu verschaffen.

Und dass wir neben unseren eigenen dann auch mit Corona-Krise, Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise, vielleicht sogar einer Demokratiekrise zu tun haben, macht einen Teil der Gesellschaft völlig hilflos, andere stumpfen ab und werden lethargisch, wieder andere nutzen die Lage und werden zu kurzfristigen Krisengewinnlern, weil sie verängstigten Menschen irgendein Heilsversprechen verkaufen oder medial wirksam vermitteln, sie wüssten schon um den besten Umgang mit sich und der Welt.

Treten wir einmal einen Schritt zurück und schauen auf die Medizin zu Zeiten des Hippokrates. Krise meinte hier der an bestimmten Tagen erreichte, mehr oder weniger ausgedehnte Höhepunkt im Verlauf einer Krankheit, an dem entweder eine Änderung zum Besseren oder zum Schlechteren eintritt, also Genesung oder das Sterben. Krise war der Kipppunkt zwischen Leben und Tod. Nehmen wir die Gegenwart unter dieser Definition in den Blick, dann fallen zahllose Einzelereignisse, die in den vergangenen Jahren zur Krise hochstilisiert wurden, schlicht auf das Niveau von Problemen, durchaus auch komplexen und komplizierten, zurück.

Ändert man jedoch die Variablen ‚Leben‘ und ‚Tod‘ zum Beispiel in ‚lebenswerte Bedingungen‘ und ’nicht lebenswerte Bedingungen‘, dann verändern sich zwangsläufig Situationsbewertungen. Flapsig gesagt, ist dann ein Kind, das einen Tag ohne Eistüte als einen Tag mit nicht lebenswerten Bedingungen bewertet, auf der negativen Seite des Kipppunktes einer Krise gelandet.

Denken wir dies weiter, dann wären es letztlich subjektive Bewertungen hinsichtlich der Lebensbedingungen, um einen Tag das Etikett Krise anzuhängen. Damit wiederum wird der Begriff nicht nur superindividuell, sondern womöglich auch willkürlich, unmessbar und letztlich auch unbrauchbar.

Da nun andererseits subjektives Empfinden eben ist wie es ist und der Einzelne sich vor die Frage gestellt sieht, welche alternativen Antworten er den bislang als Krise bewerteten Lebensbedingungen geben kann, versuchen es viele Berater und Tröster mit dem Appell, die Krise doch als Chance anzusehen. Damit jedoch erschwert sich die Situation für den Einzelnen zusätzlich – erstens empfindet man die Situation als nicht lebenswert, andererseits scheint es Menschen zu geben, die offenbar in einer solchen Situation etwas entdecken, was man selbst nicht in der Lage ist zu sehen. Zu allem Übel kommt so also noch eine für Andere wahrnehmbare Inkompetenz hinzu. Es ist menschlich, dass sich die Psyche mit Widerstand gegen einen solchen Appell wendet.

Kann es einen Dritten Weg geben? Einen Weg, der außerhalb der fixierten negativen Bewertung der Lebensbedingungen und auch außerhalb der Plattitüde der Formel ‚Krise als Chance‘ liegt? In der sinnorientierten Denktradition springt uns hier Sartre zur Seite, wenn er sagt: „Wenn die Existenz dem Wesen vorausgeht, das heißt, wenn die Tatsache, dass wir existieren, uns nicht von der Notwendigkeit entlastet, uns unser Wesen erst durch unser Handeln zu schaffen, dann sind wir damit, solange wir leben, zur Freiheit verurteilt…“

Für Jean Paul Sartre kann sich der Mensch auf keine Ordnung oder Weltanschauung stützen, weil er das ist, was er selbst aus sich macht. Das klingt zwingend nach Klärungsarbeit, denn was ist in diesem Kontext das ‚Selbst‘? In der KrisenPraxis haben wir hierzu bereits vielfältige Hinweise gegeben. Kurz: Das Selbst einer Person ist vornehmlich ihr Wertesystem. Wer also um seine Werte weiß, der vermag zu beschreiben, worum und wofür es ihm im Leben geht. Wer dies nicht – aus welchen Gründen auch immer – nicht weiß, der hängt am ‚warum ist mir das Leben abhanden gekommen‘. Das A und O, das wArum und das wOrum, gilt es daher stets auseinander zu halten. Oder wie es Viktor Frankl betont: Jeder Mensch hat Bedingungen, aber jeder Mensch kann sich ihnen so [A] oder so [O] stellen. Und zwischen jedem Reiz [dem Empfinden von Bedingungen] und jeder Reaktion [A – wArum habe ich diese Bedingungen oder O – wOrum geht es mir im Leben trotz der Bedingungen] liegt ein Raum, und dieser Raum ist die Freiheit [frei zur Verantwortung, in Richtung A oder O zu handeln].

Was nun also ist eine Krise wirklich? Für uns ist es die nicht vollzogene Klärung der individuellen Werte und die damit verbundene Unmöglichkeit, sich seines unzerstörbaren ‚WORUM‘ bewusst zu sein.