„Wer um den Sinn seines Daseins weiß –
er und er allein ist auch noch am ehesten im Stande, alle Schwierigkeiten zu überwinden.“
Viktor E. Frankl
Wanderer am Wegesrand
Holzstich aus 1888
Die Logotherapie wurde von Viktor Frankl entwickelt und ist eng mit seiner Biografie verbunden, insbesondere mit seinen Erfahrungen in mehreren Konzentrationslagern. Obwohl er dort Ehefrau und Eltern verlor, konnte er mithilfe seiner bereits zuvor konzipierten Lehre die extremen Belastungen bewältigen. Im Zentrum seines Ansatzes steht der Wille zum Sinn als grundlegende menschliche Ausrichtung.
In den frühen 1990er Jahren stellte Frankls ehemaliger Schüler Alfried Längle ein Konzept vor, das namentlich fast identisch ist, sich inhaltlich jedoch deutlich unterscheidet. Diese Nähe in der Bezeichnung führt bis heute zu Missverständnissen bei Ratsuchenden und Interessenten an einer Fachausbildung zum Logotherapeuten. Das besprochene Buch will diese Unklarheiten beseitigen und eine fundierte Entscheidungsgrundlage schaffen.
Verfasst wurde das Werk von zwei Vertretern der originären Logotherapie nach Frankl. Anna Kalender arbeitet wissenschaftlich am Viktor Frankl Institut in Wien, Alexander Batthyány ist Professor in Budapest und im Vorstand des Instituts tätig. Ausgangspunkt des Buches ist die häufige Verwechslung zwischen Frankls Logotherapie und Existenzanalyse und der von Längle begründeten Psychotherapie, der er die umgedrehte Bezeichnung Existenzanalyse und Logotherapie gab und damit ursächlich die Probleme verantwortet, wenn Menschen unbeabsichtigt einen Ansatz wählen, der nicht ihren Erwartungen entspricht und sie in eine teilweise zum Gedankengut Frankls diametral entgegengesetzte psychotherapeutische Richtung führt.
Der erste Teil des Buches zeichnet die Entwicklung von Frankls Logotherapie nach. Batthyány schildert Frankls Lebensweg, seine Lagerhaft und die Entstehung zentraler Werke, darunter das weltweit millionenfach verbreitete Buch ‚trotzdem Ja zum Leben sagen‘, indem Frankl über seine Lagererfahrungen berichtet. Zudem wird auf die breite wissenschaftliche Rezeption hingewiesen, die sich unter anderem in zahlreichen empirischen Studien und vielen Ehrendoktorwürden zeigt. Inhaltlich hebt Batthyány zentrale Merkmale der Logotherapie hervor, etwa den Vorrang des Sinnwillens, die Annahme menschlicher Freiheit und die Existenz einer geistigen Dimension, die über psychische und körperliche Aspekte hinausreicht. Diese Annahmen stehen im Gegensatz zu deterministischen Sichtweisen anderer Therapierichtungen.
Ausführlich wird der Bruch zwischen Frankl und Längle dargestellt. Längle hatte wesentliche Grundannahmen von Frankls Lehre verändert, was schließlich dazu führte, dass Frankl sich 1991 von der von Längle gegründeten internationalen Fachgesellschaft distanzierte und deren inhaltliche Ausrichtung scharf und zum Teil sogar als anti-logotherapeutisch kritisierte. Während Frankl und seine Schüler diesen Bruch klar benannten, wurde und wird er in Publikationen der von Längle gegründeten Gesellschaft eher relativiert. Batthyány kritisiert, dass trotz tiefgreifender inhaltlicher Abweichungen weiterhin der Eindruck einer engen Nähe zu Frankl erweckt werde. Zudem setzt er sich kritisch mit Längles stark intuitiver Vorgehensweise auseinander, etwa in der Psychosomatik und in der Gesprächsführung, die sich deutlich von Frankls dialogischer Haltung unterscheide.
Im zweiten Teil des Buches arbeitet Anna Kalender die Unterschiede zwischen beiden Ansätzen systematisch heraus. Sie zeigt, dass Frankls Logotherapie auf Sinn, Freiheit und Verantwortung gründet, während Längle zentrale Konzepte verändert hat. Besonders deutlich wird dies im Menschenbild, da in Längles Ansatz die Eigenständigkeit der geistigen Dimension abgeschwächt wird. Auch das Motivationsverständnis unterscheidet sich stark, da der Sinnwille bei Frankl eine herausgehobene Stellung hat, bei Längle jedoch nur eines von mehreren gleichrangigen Motiven darstellt. Kalender macht deutlich, dass gerade Frankls Verständnis erklärt, warum Menschen selbst unter extremen Bedingungen Sinn finden können.
Weitere Differenzen bestehen im Sinnbegriff selbst. Frankl ging von einem objektiven Sinn aus, der in einer Situation entdeckt werden kann, während Längle Sinn subjektiv versteht. Dies führt laut Kalender zu problematischen Konsequenzen, da dadurch auch moralisch fragwürdige Handlungen als sinnvoll gelten könnten. Auch im Umgang mit Leid zeigen sich grundlegende Unvereinbarkeiten zwischen beiden Konzepten.
Insgesamt macht das Buch transparent, wie unterschiedlich der Konflikt öffentlich dargestellt wird und warum eine klare Abgrenzung notwendig ist. Es ermöglicht Interessierten an Therapie oder Ausbildung einen sachlichen Vergleich und unterstützt sie dabei, eine informierte Entscheidung zu treffen. Darüber hinaus führt es prägnant in Frankls Denken ein und greift grundlegende ethische Fragen auf, etwa ob Sinn und Werte objektiv bestehen oder beliebig festgelegt werden können. Damit bietet das Werk nicht nur Orientierung innerhalb der Logotherapie, sondern auch eine fundierte Auseinandersetzung mit zentralen philosophischen Fragen.
Eine Krise muss man doch ‚verstehen’ können: Mit einem genauen Lageplan, einer tiefen Analyse des Geschehens und einem Hin-und-her-Abwägen besticht dieser ‚Krisentyp’, ohne dabei überzeugendvermitteln zu können, wie der konkrete nächste Schritt denn ausschauen soll. Das, was war, ist klar – was sein soll, noch diffus. Die Krise wird als Verlustereignis erlebt und darüber muss trefflich immer wieder nachgedacht werden. Meist findet der Krisengrübler alle möglichen ‚Wenn das nicht gewesen wäre, dann wäre …’-Gründe für seine Last.
Raten ihm vertraute Personen zu einem ‚Weniger-ist-mehr’ und zu einer gewissen Leichtigkeit im Umgang mit der Situation, dann werden sie mit einem ‚Was versteht ihr denn schon?’ oder einem ‚Das geht nicht, weil …’ in ihre Denkschranken verwiesen. Irrationales, wie das Angebot, den eigenen Gefühlen mehr Raum zu geben, wird oftmals schroff widersprochen, denn nur ein kühler Kopf sei in der Lage, alles zu überblicken und in dieser besonderen Situation keinen Fehler zu machen.
In der Begleitung dieser Person empfiehlt es sich, ihre Handlungsresistenz, Deutungsüberschärfe und mentale Selbstüberforderung zu thematisieren. Dies gelingt gut, wenn sie durch verschiedene Blickwinkel und eine humorvolle Gesprächsführung für konkrete Aktionen ermuntert wird. Natürlich, ohne dabei ihre bisherigen Anstrengungen zu diskreditieren.
Günstig ist ihre grundsätzliche Haltung ‚es kann mich niemand daran hindern, über Nacht klüger zu werden’ [Adenauer]. Sie befähigt sie zu grundsätzlich vernünftiger Argumentation und Risikoeinschätzung in relevanten Entscheidungen.
Wie spricht diese Person:
„Ich denke…; welche Optionen haben wir…; nach meinen Berechnungen …; bedeutet das, …; in welchem Zeitrahmen …; auf Basis welcher Daten …; kann ich die Fakten dazu einmal sehen …; woher stammen diese Informationen …; nach meiner Einschätzung …; wenn wir so weitermachen, dann …..; es ist doch ganz klar, dass …; es ist richtig, dass …; das ist gut begründet, …; ich zermartere mir mein Hirn …; ich habe viel darüber gegrübelt …; heißt das, dass …; …“
Was diese Person braucht: Leistungsanerkennung
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Verlust
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: Traurigkeit
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet Frustration und Verärgerung.
Im Jahr 2024 haben sich laut Statistischem Bundesamt 216 Kinder und Jugendliche bis einschließlich 19 Jahre suizidiert. Mit ihrer Entscheidung haben sie zum Ausdruck gebracht, dass sie ihren Möglichkeitsraum, Sinn in ihrem Leben zu finden, als geschlossen angesehen haben. Wenn Kinder und Sinn miteinander diskutiert werden, finden sich in der Literatur zumeist Diskussionen darüber, ob und wie das Aufwachsen und Erziehen von Kindern dem Leben ihrer Bezugspersonen Sinn verleiht. Auch wird dabei die ‚Funktion‘ von Kindern, die Ahnenreihe der Familie fortzusetzen oder das materielle und-oder geistige Erbe ihrer Vorfahren zu bewahren, ins Spiel gebracht. Auch galt die Einbettung eines Mitarbeiters in eine eigene Familie mit Kind(ern) lange Zeit als Kriterium, um im gehobenen Management Karriere machen zu können, wurde damit aus Sicht der Entscheider ein Hinweis auf Sozialkompetenz, Verantwortungsübernahme und Zukunftsausrichtung gegeben.
Derlei Sichtweisen auf den Sinn von Kindern reduzieren die Person des Kindes auf eine Instanz, die dem Erwachsenenleben Sinn hinzufügt. Über das Sinngefühl eines Kindes zu sprechen, hat sich weder in der Psychologie noch in der Philosophie als Diskursthema durchgesetzt, und es bleibt erst noch zu erwarten, dass sich die Wissenschaft dazu aufruft, die Gründe dafür zu erforschen. Wie gesagt: 216 Suizide im letzten Jahr, nur in Deutschland.
Bevor man auf die Idee kommt, der Hypothese zu folgen, dass einem Kind die Antwort fehlen könnte auf seine Frage ‚Worum soll es mir gehen, wenn ich lebe?‘, fragt man wohl eher ‚Warum wurden die Bedürfnisse eines Kindes nach Bindung und Zugehörigkeit, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sowie nach Lustgewinn und Unlustvermeidung derart nicht erfüllt, dass es im Suizid einen Ausweg sah?“ Während die letzte Frage auf die psychophysischen Bedürfnisse eines jeden Kindes rekurriert, würde die erste Frage bedingen, sich mit jedem einzelnen Kind und dessen Lebensentwurf und seine Sicht auf die Welt auseinanderzusetzen. Mit etwas Glück und Achtsamkeit erfahren es die Bezugspersonen, wenn Kinder ihrerseits mit solchen Fragen um die Ecke kommen. Mit noch mehr Glück spüren Kinder, ob ihre Fragen auch ernstgenommen werden.
Exkurs: Heute wurde ein Ergebnis einer Befragung von weiterführenden kommunalen und staatlichen Schulen in Bayern bekannt. Dabei wurde in über 60% der teilnehmenden Mittelschulen, Realschulen, Fachoberschulen und Gymnasien von Vorfällen wie rassistischen, antisemitischen, sexistischen oder queerfeindlichen Beleidigungen sowie Mobbing und Gewalt berichtet. Jugendliche singen ausländerfeindliche Lieder, beleidigen Mitschüler wegen ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung, Hitlergrüße und Hakenkreuze tauchen auf. Und selbst in Grundschulen steigt der Bedarf an Sozialarbeitern, die die ‚gewaltbereiten Kleinen‘ versuchen, von ihrer eingeschlagenen Bahn wieder wegzuführen. Dass sich (sehr) junge Menschen, die sich diesen Prozessen nicht anschließen, aber womöglich persönlich betroffen sind, je nach ihrer individuellen Resilienz auch existenzielle Fragen stellen, liegt auf der Hand. Dazu kommen bei allen die nicht endenden Krisenberichte und je nach Situation in ihren Familien eine Überforderung, trotz allem ein gemeinsames gutes Leben miteinander zu führen. Führt das alles dazu, dass in den Systemen, in denen sich die (sehr) jungen Menschen aufhalten, allzu oft Angst, Wut und zuweilen auch mangelnde Bildung herrschen, sind Abfärbeprozesse wahrscheinlich.Verhältnisse prägen Verhalten, und will ein junger Mensch sich diesen Bedingungen anders gegenüber aufstellen, sich dagegen selbst schützen, wehren und sich sein mit Geburt positives Gestiges bewahren, dann bedeutet das konkret: er muss sich seiner Werte bewusst sein und bleiben, sie verteidigen, auch und gerade, wenn sie immer wieder verletzt werden.
Die Frage von Kindern nach dem Sinn im Leben und deren Beantwortung ist aus philosophischer Perspektive alles andere als selbsterklärend. So vertritt der finnische Philosoph Antti Kauppinen die Meinung, die Sinnfrage zu stellen sei erst dann an sich einer Betrachtung wert, wenn der junge Mensch selbstbestimmte grundlegende Projekte zu übernehmen in der Lage ist. Grundlegender als diese reduktionistische Sicht, in der Sinn in einen Leistungskontext geführt wird, meint der amerikanische Philosoph Thaddeus Metz, dass von einem Leben als sinnvoll zu sprechen, per definitionem bedeute, über etwas höchst Wertvolles zu sprechen. Aus dieser Perspektive wäre die Frage an einen jungen Menschen gerichtet ja recht einfach: Wenn Du von Deinem Leben sprichst, was ist dann das für Dich Wertvollste in diesem Leben? Und je nach Alter des Kindes könnte die Frage spitzer formuliert werden: … was ist dann das für Dich Wertvollste, das Du nicht gekauft hast, was nicht zu kaufen ist und was Dir nicht von anderen Menschen geschenkt wurde oder geschenkt werde kann? Kaum zu glauben ist, dass ein Kind oder Jugendlicher als Antwort ‚Gewalt, Aggression oder Hass‘ zur Antwort gibt. Eher zu glauben ist, dass er gar keine Antwort weiß.
„Die Eltern geben bei der Zeugung eines Kindes die Chromosomen her – aber sie hauchen dem Kind nicht den Geist ein. Mit einem Wort:“ durch die von den Eltern her übernommenen Chromosomen wird der Mensch nur darin bestimmt, was er „hat“, aber nicht darin, was er „ist“.“
Viktor Frankl in: „Der Seele Heimat ist der Sinn“
Die Fähigkeit zur Transzendenz besitzt jeder Mensch zu jeder Zeit. Damit ist es absurd, Kindern diese Fähigkeit aufgrund ihrer spezifischen Bedürfnisstruktur oder ihres Alters abzusprechen. Man muss nur lange genug mit Eltern und Angehörigen von gestorbenen Kindern auf einer Palliativstation gesprochen haben, um festzustellen, dass keinem Kind der Sinn seines Lebens abgesprochen wird, vielmehr dass betrauert wird, dass der Tod dem Kind die Möglichkeit nahm, Sinnvolles in seinem Leben zu verwirklichen. Dieses beobachtbare Phänomen verbindet sich mit Frankls Anthropologie, dass die Ausrichtung auf Sinn hin ein spezifisches Humanum ist, bei dem wundern würde, wenn man annähme, Kinder hätten diese Ausrichtung zwar auch, könnte sie aber qua Entwicklungsstufe oder -alter nicht vollziehen. Nur, dass Kinder womöglich ihre Suche nach Sinn (noch) nicht versprachlichen (können oder wollen), bedeutet nicht, ihnen ihren Willen zum Sinn in Abrede stellen zu können.
Gleiches gilt auch für Erwachsene, denen zuweilen erst in Folge einer bestimmten Lebenssituation bewusst wird, dass das, wonach sie suchen nichts anderes ist als ein Sinn im Leben. Andersherum kann es auch ein Zeichen für einen gefundenen Sinn sein, wenn ein Mensch jedweden Alters die Frage nach seinem Sinn nicht stellt. Nicht zuletzt ist es methodisch fragwürdig, wenn Erwachsene, die in ihrem Leben womöglich verschiedene Phasen mit Sinnleeregefühlen oder Gefühlen des Erfülltseins erlebt haben, aus ebendieser erwachsenen und erfahrenen Position heraus auf die Lebensphase eines Kindes schauen und daraus ableiten, dass Sinnsuche und Sinnerleben ’nichts für Kinder sei‘. Eher könnte die Frage auch hier andersherum gestellt werden: wie will ein Erwachsener sich seine Sinnfindung – oder sein Problem damit – erklären, wenn nicht auch unter Einbezug der in der Kindheit (hinreichend oder unzureichend) geförderten Fähigkeiten seiner Sinnwahrnehmung? Diesen Aspekt der Biografieentwicklung umfassend zu erforschen, steht noch aus und ein Punkt könnte dabei besonders interessieren: So die eigene Kindheit als eine liebevolle Zeit erinnert wird, könnte damit die Selbsttranszendenzfähigkeit der Eltern auf ihr Kind begründet werden. Standen die Eltern in der Zeit als sie das Kind aufwachsen ließen zudem unter Belastung oder gar in einer existenziellen Notlage, dann könnte ihr ‚trotzdem Ja zum Kinde sagen‘ einen Hinweis dafür geben, dass ihre Lebenssituation nicht ihre grundlegende Einstellung zur Liebe zu ihrem Kind konterkarierte. Sollte ferner erinnert werden, dass man sich als Kind in dieser liebevollen Zeit trotz womöglich mancher Entbehrung oder Begrenzung ebenso den Bezugspersonen in Liebe zugewandt hat, so könnte dies auf die unbedingte Selbsttranszenzfähigkeit jedes Menschen, ergo auch jedes Kindes hinweisen. Von dieser Warte aus ließen sich dann andere Konstellationen erforschen, in denen Befragte in nicht-liebevoller Umgebung aufwuchsen, ohne dass sie selbst es an Liebe zu ihren Bezugspersonen mangeln ließen usw.. Ein Ergebnis könnte dabei auch sein, dass Befragte äußern, sich zwar als bloß zweckdienliches, nützliches Mittel für ihre Bezugspersonen empfunden zu haben, ohne dadurch aber die Liebe preisgegeben zu haben, die sie als Kind vielleicht bestimmten Interessen oder anderen Menschen gegenüber einbrachten.
„Wenn ich in meine Kindheit weit zurückblicke, dann würde ich aus heutiger Sicht den Moment, als ich mich zum ersten Mal erfolgreich anstrengte, mich aufzurichten und hinzustellen, als den Moment in meinem Leben markieren, in dem ich Sinn gefunden habe. Und wenn ich darüber weiter nachdenke, dann muss es in mir etwas gegeben haben, was mich dazu aufrief, diese Stellung einzunehmen. In diesem Moment, meine ich, bin ich zum ersten Mal über mich hinausgewachsen. Ab diesem Moment war ich Ich.“ (ein Klient im biografischen Teil eines Sinncoachings)
Subjektivistisch könnten wir diese Erzählung so interpretieren, dass das Kind seinem eigenen Willen folgte und ein Interesse daran hatte, zu tun was es tat. Wir könnten noch weiter gehen und dem Kind ein Ziel zuschreiben, in dem es einen Grund dafür sah, seine Stellung zu beziehen – im Beispiel des Klienten als einen Grund dafür, aufzustehen. Um im Beispiel zu bleiben: Eine wissenschaftliche Erforschung der neuronalen Prozesse in dem Moment, in dem ein Kind zum ersten Mal aufsteht, liegt meines Wissens nicht vor. Allemal kann der Moment jedoch phänomenologisch als ein Wendepunkt im Leben eines Kindes ausgezeichnet werden, in dem es ein neues Gefühl dafür hatte, mit seiner Lebenswelt in Berührung zu sein und sein Leben in dieser Welt sodann so, nämlich anders als zuvor, weiterzuleben. Und überhaupt: Eine wissenschaftliche Erforschung des Moments der Sinnfindung ist nicht durchführbar, bestenfalls möglich ist es, die Rationalisierung des Sinnimpulses zu erfassen im Sinne eines: „und dadurch ist mir dann bewusst geworden …“ Material für eine Arbeit an dieser Perspektive findet sich meist in biografischen Abhandlungen erwachsener Menschen, und es wäre meines Erachtens hilfreich und spannend zugleich, wenn es solche Schriften auch bereits von Kindern und Jugendlichen gäbe.
Eine reduktionistisch-utililtaristisch erwachsene Vorstellung von der Sinnhaftigkeit des Lebens von Kindern wird vertreten, wenn Sinn in den Kontext mit ‚vom Kind realisierten erfolgreichen Projekten‘ gebracht wird. Verstehen wir ein Projekt als eine zeitlich befristete Aufgabe mit einem einmaligen Ziel und begrenzten Ressourcen, dann lässt sich natürlich auch das Bauen einer Sandburg als Projekt verstehen. Es scheint mir jedoch eher so, dass die Hingabe, die ein junges Kind einem es faszinierenden Thema schenkt, mit dem Begriff Projekt zusammenzubinden, nahelegt, dass es da jemanden Drittes braucht, der eine Messlatte anlegt, um darüber zu urteilen, ob das, was das Kind da tut, sinnvoll ist oder nicht. Würde sich diese Perspektive durchsetzen, dann wäre Tür und Tor geöffnet für eine Schubladisierung der Werthaftigkeit und Nützlichkeit kindlichen Lebens.
Macht sich ein Kind selbst Sinn, so kann es spannend sein, mit ihm ins Gespräch darüber zu kommen, für wen oder was das da Gemachte denn gut und förderlich ist. Bearbeitet ein Kind vielleicht ein Stückchen Gartenbeet und gibt sich den Blumen hin, um mit ihnen jemandem eine Freude zu bereiten, fällt es kaum schwer, hinter dem kindlichen Handeln einen subjektiven Sinn zu erkennen. Da es keinem Kind per se abgesprochen werden kann, dass es sich einen vergleichbaren Kontext herstellen kann – auch, wenn es womöglich im Erwartungsmanagement seiner Lebensumgebung eingezwängt ist -, ergibt sich in der Konsequenz für jedes Kind die grundsätzlich gegebene Fähigkeit zur Selbsttranszendenz und damit zur Sinnverwirklichung. In welcher Weise und in welchem Ausmaß es in der Lebenswelt des Kindes jedoch nicht kindgemachte Hindernisse gibt, die es davon abhält, einem objektiven Sinnangebot oder einem subjektiv gemachten Sinn zu folgen, ist eine Frage, die gesellschaftlich durchaus gestellt werden kann.
Lange Zeit geisterte die Vorstellung herum, dass die Fähigkeit zum prosozialen Handeln kleinen Kindern nicht gegeben sei. In der klassischen psychoanalytischen Theorie, in der kognitiven Entwicklungstheorie und in der Theorie zur moralischen Entwicklung wurden Kinder mit den Eigenschaften egozentriert, amoralisch und sozial unreif beschrieben. Erst mit Eintritt ins Schulalter wären in der Regel die Voraussetzungen erworben, sich prosozial verhalten zu können. Aus diesem Blickwinkel sind die Erfahrungen, die ein Kind mit seinen unmittelbaren Bezugspersonen macht, zentral. Das ‚Lernen an einem prosozialen erwachsenen Modell‘ stellt bei dieser Lesart die Grundlage und Wahrscheinlichkeit dafür dar, dass ein Kind ähnliche Verhaltensmuster für sich adaptiert.
Neuere Forschungsbeiträge sehen hingegen die Entstehung prosozialen Handelns im Zusammensein von Kindern unter ebenbürtigen Gleichaltrigen, bei dem es keinen erwachsenen Erfahrungs- und Kompetenzvorsprung gibt. ‚Unter ihresgleichen‘ sei es naheliegender, dass Kinder ihre Sicht auf die Welt vorurteilsfreier austauschen, sich verschiedene Problemlösestrategien erarbeiten und sich mitteilen und so Kooperation konkreter entstünde als im Kontext ‚Klein beobachtet Groß‘. Die Entwicklung prosozialer Handlungen würde gefördert aufgrund des leichteren Zugangs in die Wahrnehmungswelt anderer Kinder und damit einhergehend in ein originäres Einfühlungsvermögen sowie eines zwischenkindlichen Diskurses über das, was in der begriffserhabeneren Erwachsenenwelt als Normen, Werte oder Prinzipien vermittelt wird.
Junge Kinder interessieren sich sehr für die Welt und für konkrete Dinge in ihr. Die Fähigkeit für die Verarbeitung theoretischer oder abstrakter Inhalte nimmt mit der Erweiterung der neuronalen Verschaltungen im Neocortex zu, meist ab Eintritt in die Schule. Würde Sinn dabei als rein selbstgemachtes Konstrukt verstanden, dann wäre ein Leben eines Kindes wohl dann sinnvoll, wenn es seine Vernunft positiv auf grundlegende Bedingungen kindlicher Existenz ausrichtet oder negativ auf das, was sie bedroht. Weitergedacht würden diese ‚Bedingungen‘ zu individuellen Aushandlungsprozessen einladen, denn was positiv oder negativ auf die eigene Existenz ‚einzahlt‘ stünde in der exklusiven Anschauung des einzelnen Kindes. Über derartige Aushandlungsprozesse, die auf existenzielle Lebensbedingungen gerichtet sind, ist bislang nichts bekannt, schaut man auf die Kohorte der Kinder im Vorschulalter – und dies, obgleich es solche Bedingungen fraglos gibt. Dies zugrundelegend lässt sich argumentieren, dass junge Kinder ihren Sinnbezug nicht festmachen am Für oder Wider der Befriedigung ihrer psychischen Bedürfnisse durch Dritte, sondern an dem, was sie im Rahmen ihrer ihnen möglichen Weltoffenheit an Gelegenheiten wahrnehmen, das zu verwirklichen ihnen wertvoll ist. Dass dieser Weltbezug des Kindes sich gängigen Rationalitäts-, Intelligenz- oder Intentionalitätsmaßstäben entzieht, mag sich als Problem derer erweisen, die mit empirischen Methoden versuchen, sich dem Kontext Kind und Sinn zu nähern. Wer danach urteilt, dass es einer Sinnrationalität im erwachsenen Verständnis bedarf, um die Phase der frühen Kindheit als sinnorientiert zu etikettieren, läuft Gefahr, zum Beispiel im Falle des Todes eines Kindes in dieser Lebensphase, den Sinngehalt des Lebens dieses Kindes nur aus der Objektbrille eines Erwachsenen zu sehen, der den Verlust des Kindes als Verlust von Sinn in eigener Sache versteht.
Das Leben teilt sich dem Kind mit.
Das Kind fühlt sich vom Leben angesprochen.
Wer hingegen die Sinnrationalität tauscht gegen eine Sinnnarrativität, einer Erzählung, die das Kind, von seinem Leben erfährt, einer Erzählung, die sich auch nicht permanent ändert und der das Kind zutiefst vertraut – der wird dieses Narrativ vielleicht erwachsen beschreiben als eine Art Basso Continuo: Einem Grundton des Lebens, dem das Kind folgt und der jedem verschlossen bleibt, der dem Kind seine erwachsen gewordenen ‚Flötentöne des Lebens‘ beizubringen versucht. Wer ein Sinnnarrativ jedoch jedem Kind in seiner frühen Lebensphase vorurteilsfrei belässt, der kann nie der unbeweisbaren Behauptung unterliegen, das es ein sinnloses Leben führt oder führte.
Um einen Schlenker zu einer integraleren Anschauung des Themas zu machen: Ich halte es für möglich, dass prä-personale Sinnimpulse mit weiterer Bewusstseinsentwicklung sich in personale, und noch später in trans-personale Sinnimpulse wandeln. Geistig-narrative, geistig-rationale und geistig-integrale Sinnimpulse wären dann vielleicht die Sender-Kategorien, die je nach Lebenslänge von Menschen empfangen werden. Was alle Impulse eint, ist der Bezug der geistigen Dimension (Frankl), die sich immer dann ‚einschaltet‘, sobald es Hinweise für einen Menschen gibt, worum es ihm jetzt zu gehen hat. Kommen diese Hinweise aus einem seelisch-körperlichen Zustand heraus, dann macht sich der Mensch das Sinnvolle zwecks Verbesserung dieses Zustandes. Kommen die Hinweise von einem Gegenstand aus der Lebenswelt der Person, dann nimmt das Geistige diesen Hinweis als Sinnanruf entgegen. Beides, Sinnsubjektivismus wie Sinnobjektivismus, zeigen an, dass eine Person in einer positiven Verbundenheit mit innerlich wertvollen Zuständen oder Gegenständen lebt, die der aktuell entwickelten Struktur ihrer entwickelten Bewusstheitsebenen angemessen sind. Dass das Lebensalter oder die biografisch bereits verankerten Lebenserfahrungen einen Anteil an dieser Entwicklung haben, soll nicht in Frage stehen. Was aber – und dazu sollte dieser Beitrag anregen – meines Erachtens immer in Frage stehen sollte, ist der Versuch einer direkten oder indirekten Abwertung der Sinnhaftigkeit im individuellen Leben aufgrund der gegebenen Lebensphase der Person.
Zum Abschluss meiner Reflexionen zum Thema ‚Eigentlich ist Leben einfach‚ hier ein Coachingbeispiel:
Florian, 44, ist Vertrauenslehrer und Schulpsychologe an einer bayrischen Gesamtschule. Nach Corona hat er bei sich selbst und im Rahmen vieler Gespräche auch bei einer Reihe von Kollegen und zahlreichen Schülern bemerkt, dass Gefühle der Überforderung, Gehetztheit und innerer Orientierungslosigkeit zugenommen haben. Florian: „Diese Zeit war für mich nicht nur geprägt von einem hohen Anspruch, für unsere Schüler funktionieren zu müssen, sondern ich hatte auch sehr viel Zeit, mir über mein eigenes Leben Gedanken zu machen. Dann kam der Ukrainekrieg dazu und die erste KI-Welle, die bei einer Person in meiner Familie bereits zu einem Stellenverlust geführt hat. Wir leben in einer Umbruchszeit, in der vertraute Systeme immer weniger greifen. Frühere Erfahrungen von Sicherheit und Struktur weichen einem inneren Durcheinander und der Vergleich mit ihnen zu einem negativen Klima. Viele jammern, klammern, beschweren sich, betäuben sich und haben doch eigentlich nur Angst.“
Coach: „Wobei die Formen der Angst individuell sehr unterschiedlich sein können. Wenn Sie vom Wegfall von Sicherheiten sprechen, dann neigen manche Menschen dazu, aus lauter Angst vor der Vergänglichkeit etwas erzwingen zu wollen, das aus ihrer Sicht unumstößlich sein soll. Die damit einhergehende Starrheit wird zu einem Dauerstress, weil die Zeit, in der wir leben, dazu beiträgt, dass diese Menschen das Gefühl haben, selbst dauernd von irgendetwas umgestoßen zu werden. Wenn sich diese Angst Bahn bricht, dann erlebt man zuweilen Menschen, die Beziehungen in Machtkämpfe führen, um so eine Sicherheit zu gewinnen, die sie schnell verlieren, wenn sie auf jemanden treffen, der seine Selbstsicherheit nicht verloren hat oder der seine Angst auf andere Weise zeigt.
Ein solcher Gegenspieler ist zum Beispiel ein Mensch, der vor Ansprüchen anderer Menschen Angst hat, der sich in Einsamkeit oder Isolation begibt, weil er nicht gelernt hat, sich menschlicher Nähe zu öffnen und sich ihr positiv hinzugeben. Für solche Person werden Menschen eher zu Werkzeugen, an denen sie ihre Wut und ihren Frust ablassen können.
Eine dritte Variante zeigen Menschen, die Angst davor haben, allein gelassen zu werden. Sie haben eben beschrieben, dass in Ihrem Umfeld Personen ein klammerndes Verhalten gezeigt haben. Als Vertrauenslehrer werden Sie womöglich gerade von diesen Menschen oft beansprucht worden zu sein als Corona so viele Beziehungen brüchig werden ließ. Sich ungeborgen zu fühlen kann bis zu einer Art Abhängigkeit von anderen führen, manchmal einhergehend mit Idealisierungen dieser Menschen. Gehen diese dann auf die Klammerung nicht ein, sind Verzweiflung und Depression nicht fern.
DIe Menschen, die gerade das Anklammern fürchten, haben eine weitere, vierte Angst. Die Angst vor dem Endgültigen. Alles soll im Fluss bleiben, man lebt sein Leben und andere sollen einen darin auch bestätigen. Dass sich die Welt womöglich gerade anders dreht, wollen diese Menschen nicht wahrhaben, und so würden sie am liebsten weiterziehen und sich ihrer Wunschwelt nähern – aber bei Corona, da war allzu oft Schluss mit lustig.
Egal wie unsicher und ängstlich Menschen sind – tritt ihnen jemand gegenüber auf, der ihnen die Lösung verspricht, dann folgen viele lieber dieser äußeren Führung, als in die Eigenverantwortung zu kommen. Haben Sie solche Erfahrungen gemacht?“
Florian: „Auf jeden Fall, und viele Menschen verlieren diese Eigenverantwortung, weil ihnen früh beigebracht wurde, sich Vorschriften zu unterwerfen. Wenn einem ständig gesagt wird, was man tun soll, verliert man das Gefühl, selbst gestalten zu dürfen. Ich hatte Glück, dass in meiner Kindheit dies nicht der Fall war, trotzdem zähle ich mich eher zu der von Ihnen genannten letzten Angsthasengruppe, weil ich in der Coronazeit dieses Empfinden hatte. Und ich weiß, dass im Gehirn hemmende Muster aufgebaut werden, die Bedürfnisse wie Bewegung, Neugier oder eigenes Gestalten unterdrücken, nur um Erwartungen anderer zu entsprechen. So entstehen Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die zwar funktionieren, sich aber innerlich nicht mehr lebendig fühlen. Als ich damals auf mein Leben schaute, erschrak ich schon, weil mir bewusst wurde, auch zu einem solchen Kreis der Funktionäre zu gehören.“
„Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?“
Florian: „Dass ich zu keinem dauerhaften Objekt der Erwartungen von Dritten werden will. Klar, ich werde vor Rahmenbedingungen gestellt, Stichwort Kulturministerkonferenz. Ich stehe täglich wie jeder andere Lehrer, wie jeder Mensch, auch vor einer imaginären Liste von Bedingungen, die mir andere Menschen oder Systeme vorgeschrieben haben. Das finde ich auch okay. Was nicht okay war, dass ich darüber vergessen hatte, dass ich mich immer selbst zu diesen Bedingungen einstellen kann. Mir wurde bewusst: Wenn ich mich so fühle, dass mich andere zu ihrem Objekt machen, dann mache ich mich selbst klein. Dann kränke ich mich selbst. Dann rede ich mir eine Minderwertigkeit selbst ein.“
„Ja, und wenn ein Mensch dieses Empfinden wieder loswerden will, dann hat die Psyche dafür drei Möglichkeiten parat. Entweder man erduldet den Zustand, oder man überkompensiert ihn und macht Dinge, wo andere Menschen sich wundern und sich fragen, was das soll oder ob man das wirklich nötig hat. Oder man flieht aus den Bedingungen, meist in andere. All das ist menschlich, und doch irgendwie unbefriedigend. Erdulden ist wie Selbstaufgabe, beim Überkompensieren distanzieren sich viele Menschen und übrig bleiben einem die, die auch diese psychische Strategie eingeschlagen haben – dann fährt man zum Beispiel mit seinen Minderwertigkeitsgefühlen eben mit anderen, die solche auch haben, Autorennen auf der Bundesstraße. Flucht ist auch eine Variante, und manchmal ist sie schlau, wenn es um echten Selbstschutz geht. Wenn ich aber ’nur‘ glaube, dass ich Besseres verdient habe als mich mit den gegebenen Bedingungen wirklich einmal auseinanderzusetzen, dann lehrt die Erfahrung, dass Menschen dann nur eine Art Aktiv-Passiv-Tausch machen und sich in neuen, nur anderen Bedingungen wiederfinden.
Florian: „Ja, und solche Überlegungen haben mich ja auch zu Viktor Frankl geführt. Wenn ich mich gegen meine innere Stimme wende, verliere ich den Zugang zu mir selbst, das war mir schnell klar. Und wenn ich an die Situationen zurückdenke, in denen ich dieses Gefühl hatte, dann merke ich jetzt noch, wie unglücklich ich war. Und dass ich dann auch für andere nicht das übrig hatte, was für sie wichtig gewesen wäre. Das tut mir bis heute leid. Was mir seither aber immer wieder durch den Kopf geht ist die Frage, ob die innere Stimme nicht ihrerseits wieder eine Erwartung anderer ist. Eine Stimme aus einem erlernten Hintergrund, quasi. Mein Anliegen ist also, woher weiß ich, dass diese Stimme die eigene innere ist?“
Coach: „Das ist eine wichtige Frage. Gehen wir dazu zuerst davon aus, dass Sie mit einem authentischen Selbst in die Welt kamen, niemals – sagen wir es technisch – mit einer leeren Festplatte geboren wurden. Dieses Selbst wird in den ersten zwei, drei Jahren – sagen wir es wieder technisch – neu formatiert. Meist sind es die Eltern, die ihre Kinder ‚zu sich ziehen‘ und ihnen vermitteln, wie sie zu ihnen stehen, was ihnen für ihre Kinder wichtig ist, wie wichtig die Kinder für sie sind und so weiter. Auf ihr früheres Selbst legt sich nun eine Konstruktion, nennen wir es ‚Ich‘. Im Ich finden sich nun die Muster, Rollen und Erwartungen, die die Bezugspersonen ihren Kindern einschreiben, bewusst und unbewusst. Diese Einschreibungen sind für ein Kind identitätsstiftend, schließlich kommen sie ja nicht von irgendwem, sondern von den wichtigsten Personen um das Kind herum. Zwischen Selbst und Ich entsteht nun ein mehr oder minder starker Konflikt. Und dieser Konflikt wandert weiter und wird verschärft oder entschärft, je nach dem, welche weiteren Bezugspersonen das Kind für sich erkennt, also Lehrer zum Beispiel oder Sportidole, Kirchenleute, Influencer, Freunde usw.. Von allen geht latent eine Menge an Erwartungen aus – ‚wenn Du, dann …‘, ‚damit Du, musst Du…‘ oder auch eine Menge an Erlaubnissen aus – “Du bist gut wie Du bist …‘, ‚Mach ruhig Dein Ding …‘ Werden die Erwartungen erfüllt, dann lockt eine Belohnung. Wenn nicht, dann droht Sanktion. Werden die Erlaubnisse nicht eingelöst, entsteht auch ein Dilemma, wenn der junge Mensch irgendwann zur Erkenntnis kommt, dass seine Fähigkeiten nicht ausreichen, um zu schaffen, was er wollte. In einem solchen Moment ist sicher jemand nicht weit, der dann wieder Erwartungen formuliert … – so bleibt es ein einfaches Spiel für die Bezugspersonen, ein schwieriges für ein Kind oder einen Jugendlichen, denn er steht immer wieder vor der Aufgabe: Anpassung oder eigene Stellungnahme.
Wenn ich Sie als Lehrer anspreche, dann als eine Person, die einen Beitrag dafür leisten kann, Kindern und Jugendlichen den Raum zur eigenen Stellungnahme zu vergrößern. Damit besteht die Chance, dass die jungen Menschen aus ihren Verwicklungen herauskommen und erfahren, dass es auf ihr eigenes Denken ankommt. Ein Denken, dass der eigenen inneren Stimme folgt, um über sie zu einer eigenen Stellungnahme zu kommen. Ein Lehrer wird damit für mich zu einem Denkhelfer, der junge Menschen darin unterstützt, sich damit auseinanderzusetzen, wer man eigentlich, also ursprünglich ist.
Nun zu Ihrer Frage, wie unterscheide ich Introjekte von eigenen Stimmen? In meiner Anschauung können diese Aspekte dabei helfen:
Wenn Sie ein Introjekt in sich hören, dann sagt es Ihnen zumeist, wie Sie sein sollten und nicht, wie Sie sind. Dann findet sich oft auch eine Strenge oder ein moralischer Ton wie ‚du musst…“, „du solltest…“, „Das macht man nicht…“. Die Stimme spricht dabei eher so unpersönlich oder verallgemeinernd, dass der Eindruck entsteht, sie käme eher von draußen und in einer Weise, dass dieses Draußen eine Angst mitschwingen lässt. Womöglich meint es die Stimme sogar gut mit Ihnen, aber sie verknüpft es mit einer Art Forderung: Wenn du mich nicht erhörst, dann kannst du nicht den Erwartungen genügen, also bist oder wirst du dumm, unbeliebt, unbrauchbar usw. Eine solche Stimme immer wieder innerlich zu hören, kann einen fertig machen – warum, weil es das Authentische, das Geistige der Person ja immer noch gibt. Der Versuch der Introjekte, sich Gehör zu verschaffen, läuft lebenslang, das ist auch ihr Job, denn schließlich stehen dahinter ja Menschen, die es womöglich nur gut meinten.
Ihre eigene innere Stimme ist dagegen meist kontextsensibel und flexibel. Sie ist keine Stimme, die Sie ein für allemal besitzen, sondern eine, die sich mit Ihnen in einem Prozess der Entwicklung befindet. Sie meldet sich situativ, sie ist pragmatisch, neugierig, selbstbewusst, sie ist zu Ihnen auch freundlich. Wenn Sie mit ihr „ins Gespräch gehen“, dann wird sie Ihnen nicht drohen, sondern sich eher plastisch einbringen und ihre Botschaft auch verändern, wenn sie die guten Gründe erfährt, die Ihnen am Herzen liegen. Ein guter Sensor ist dabei Ihr Körper, denn diese Stimme fühlt sich im Körper eher ruhig, weit und entlastend an. Wenn die innere Stimme wieder gelernt hat, dass sie gehört wird und sie sich mitteilen darf, dann wird sie keine Erwartungen formulieren, sondern Ihnen Hinweise geben, welche Ihrer eigenen Werte es sind, die Sie in dem, worum es Ihnen in der aktuellen Situation geht, verwirklichen können. In diesem Moment geben Sie sich selbst das Maß vor, Sie werden sich selbst maßgeblich.
Jetzt habe ich eine Frage an Sie in Ihrer Rolle als Lehrer. Wie kann Ihre innere Stimme wieder lernen, dass sie von Ihnen gehört wird? Wenn Sie also der Lehrer Ihrer eigenen inneren Stimme sein wollen, wie werden Sie dann vorgehen?
Florian: „Da würde ich das so machen wie bei einem Waldspaziergang mit einem Freund. Da ist Geduld für mich wichtig, keine unnötige Ablenkung, schon aber eine Richtung, weniger ein Ziel. Nach dem, was wir besprochen haben, ist die innere Stimme nicht zu messen. Wenn sie sich meldet als Introjekt, dann spricht sie immer nur mich an und in einer Weise, von der ich weiß, dass sie mir nicht entspricht. Bei einem Spaziergang geht es mir im Gespräch aber um meinen Freund. Ich würde meiner inneren Stimme also sagen, dass es nicht um mich geht, wenn sie sich einbringen will.“
Florians Resümee zeigt, dass er seine innere Stimme in die beiden unteren AQAL-Quadranten im Wilber-Modell lenkt. Und dies mit Werten wie Geduld, Konzentration, Zuneigung.
Coach: „Wenn Sie dieses Bild nun auf das Gespräch zwischen Ihnen und Ihrer inneren Stimme übertragen, wie wollen Sie dann vorgehen, wenn die Stimme etwas sagt, bei der es um ihre Erwartungen an Sie geht?“
Florian: „Spontan würde ich da sagen: Danke für die Information, aber um mich geht es hier und jetzt nicht. Wenn ich das höre, gehts mir gleich besser, erstaunlich.“
In meiner, aus der Praxis entstandenen phänomenologischen Sinnfindungsforschung zeigt sich, dass geistig-spirituelle Praktiken, die Zugänge zur Transzendenz eröffnen, häufig mit höherem Wohlbefinden und geringeren Stresswerten einhergehen. Das Beispiel aus der Arbeit mit Florian reiht sich hier aus meiner Sicht gut ein. Frankls Logotherapie liefert hierfür die anthropologische Basis: Selbsttranszendenz, also die Fähigkeit, sich über das eigene Ego hinaus in Liebe oder Hingabe auf Aufgaben und andere Menschen zu beziehen, ist nicht nur ein existenzielles Postulat, sondern eine empirisch nachweisbare Ressource für eine psychische Gesundheit.
Wilbers Modell bietet zudem die theoretische Möglichkeit, diese transzendente Dimension in ein systematisches Entwicklungsmodell einzubetten. Dabei wird deutlich, dass psychisches Wohlbefinden kein eindimensionaler Zustand ist, sondern aus einer Vielzahl von Faktoren zusammengesetzt wird, die sowohl intrapsychisch als auch interpersonell, kulturell und systemisch verankert sind. Genau an diesem Punkt setzt die Idee einer Integralen Logotherapie an: Sie verbindet Frankls anthropologische Grundthese vom Willen zum Sinn mit Wilbers integraler Landkarte, um die unterschiedlichen Zugänge der Selbstfindung (obere Quadranten) und Sinnfindung (untere Quadranten) nicht nur zu erkennen, sondern praktisch nutzbar zu machen.
Beide Theorien mit einem Brückenschlag zu verbinden, soll dem Prinzip des Ockhamschen Messers folgen. „Seiendes soll nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden“, so der englische Philosoph Wilhelm von Ockham. Sofern die hier skizzierte Idee einer Integralen Logotherapie an anderer Stelle weitergeführt werden sollte, dann wäre darauf zu achten, keine Überfrachtung des vernetzten Theoriegebäudes zuzulassen, sondern sich auf das Wesentliche zu beschränken, das Frankls Gedankengut nützlich erweitert. Wilbers AQAL-Modell kann meines Erachtens diesen Nutzen stiften, es war meine Absicht, einige Ideen dazu in den vergangenen Beiträgen einzubringen.
Eine Therapie oder ein Coaching, das logotherapeutische und integrale Perspektiven verbindet, fördert das psychische Wohlergehen, indem sie nicht nur bei individueller Zielerreichung unterstützen, sondern zuvorderst ihren zentralen Ausgangspunkt im Kontext der Sinnorientierung der Person setzt. Für diese Perspektive ist die Sinnlehre Frankls das Fundament, und Wilbers integrale Ausrichtung bietet eine spannende Möglichkeit für jeden Menschen, kontextuell sich seiner leitenden Werte im Spiegel seiner biografischen Entwicklung, seines Typus und seiner Bedürfnisse für ein gelingendes Leben bewusst zu werden.
Wenn wir nun aus integral-logotherapeutischer Sicht auf eine Person schauen, die in einem spezifischen Kontext mit einem verhaltens- und handlungsleitenden vMeme versucht, eben mit diesem Kontext umzugehen, dann will ich dazu diese Thesen formulieren:
2. Verhaltens- und Handlungsweisen, die die beiden oberen Quadranten adressieren, dienen der zweckdienlichen Verbesserung des eigenen, individuellen Zustandes (hier macht sich der Mensch Sinn). Kann eine Person ein persönliches Leid mindern, indem sie innere oder äußere Ressourcen nutzt, um ihren Zustand zu verbessern, so soll sie dies natürlich tun (ein klassisches Beispiel: Wenn in einem Flugzeug die Sauerstoffmasken von der Decke fallen, dann ist die Person angehalten, zuerst die eigene anzulegen, um sich anschließend um Mitreisende zu kümmern, die dies für sich nicht tun können). Jedoch ist darauf zu achten, dass gemachter Sinn nicht gleichzusetzen ist, mit dem auf Transzendenz beruhenden Sinn, den ein Mensch in seiner Lebenswelt findet.
Beige – vMeme Überleben
Exkurs: Was soll hier unter ‚Liebe‘ verstanden werden?
• Die Person nutzt das ursprüngliche (ihr eigentliches!) Potenzial ihrer Liebesfähigkeit.
• Trotz ihrer Belastungssituation, die in ihr psychisch Trauer, Angst oder Wut bereitet, distanziert die Person sich von diesen Emotionen und zeigt ein Verhalten, das auf das Wohlergehen einer anderen Person gerichtet ist.
• Die Wirkung dieser Selbsttranszendenz ist zumeist ‚trotz allem‘ auch ein gutes eigenes Körpergefühl, da sie (Frankl: Trotzdem Ja zum Leben sagen) mit ihrem Verhalten Ja zum eigenen Dasein sagt.
Purpur – vMeme Gemeinschaft, Rituale …
Rot – vMeme Macht, Durchsetzung …
Blau – vMeme Ordnung, Pflicht …
Orange – vMeme Leistung, Rationalität …
Grün – vMeme Gemeinwohl, Pluralität …
Gelb – vMeme Synergie, Integration, systemische Verantwortung …
Türkis – vMeme Ganzheit,Spiritualität, kosmische Verantwortung …
Die existenzielle Person ist wesenhaft Einheit und Ganzheit, sagt Frankl, und das heißt, „daß sie wesentlich weder teilbar ist noch summierbar. Auch dort, wo wir Leibliches – Seelisches – Geistiges unterscheiden, tun wir das niemals so, als ob der Mensch aus ihnen wie aus Teilen ‚zusammengesetzt‘ wäre; denn der Mensch ist kein additives, sondern ein integrales Wesen.“
In seinem Werk Integral Psychology verortet Wilber die existenzielle Therapie – zu der die Logotherapie gezählt werden kann – im Übergang von personalen zu transpersonalen Entwicklungsstufen, im Graves-Kontext also im Übergang vom grünen zum gelben Meme.
Warum dort? Frankl versteht seine Logotherapie nicht als „bessere“ Therapie, sondern die Erkenntnisse anderer Schulen zuerst integrierend, die Erkenntnisse dieser Schulen dann differenzierend und letztlich transzendierend hin zu seinem Verständnis eines auf Sinn ausgerichteten Menschenbildes. Diese Schrittfolge von integrieren – differenzieren – transzendieren spiegelt wider, was wir bei Wilber im Kontext der Bewusstseinsentwicklung nachlesen können.
Das grüne Meme legt den Schwerpunkt auf Empathie, Gemeinwohl und Gleichwertigkeit (zur Erinnerung: Grün hat alle Meme ab Beige in sich integriert. Es trat nach der Transzendenz des vMeme Orange hervor, bei dem die dysfunktionalen Aspekte des auf Leistung, Erfolg und Selbstoptimierung ausgerichtete Wertesystems erkannt wurden und es sinnvoll wurde, diese Dysfunktionalität durch eine Entwicklung hin zum vMeme Grün zu mindern). Ab Gelb wird der Sprung in eine integrale Bewusstheit vollzogen, bei der Werte kontextsensibel dem Verhalten zugrunde liegen, es also nicht mehr um Abwertung oder Aufwertung einzelner Wertmaßstäbe geht, sondern alle Werte in einem vernetzten, systemischen und immer mehr holistischem Rahmen gesamt- und ganzheitlich die Grundlage für Verhaltens- und Handlungsweisen bilden.
Ab vMeme Gelb spielt logischerweise ein Begriff keine Bedeutung mehr: Reduktionismus. An seine Stelle tritt der Holismus und mit ihm die Position, dass ein System als Ganzes und nicht nur als die bloße Zusammensetzung seiner Einzelteile betrachtet werden muss. Das Hauptargument des Holismus ist, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, da die Interaktionen und Beziehungen zwischen den Teilen neue Eigenschaften hervorbringen, die in den isolierten Teilen selbst nicht vorhanden sind. Frankls Existenzanalyse betrachtet gerade diese Emergenzen, wenn sie auf die rein humane Fähigkeit zur Selbsttranszendenz abhebt, mit der jeder Mensch zu jeder Zeit in seiner individuellen Freiheit und Verantwortung und unabhängig seines psychophysischen Zustandes Stellung beziehen kann auf jemanden oder etwas, was er nicht selbst ist.
Aus diesen Überlegungen heraus ergeben sich für mich diese Thesen und eine Vision:
Gegen das Abwertungsspiel der Psyche hilft letztlich nur die Aufwertung durch das Geistige. Der Mensch findet Sinn nur, indem er sich selbst transzendiert – sich auf etwas richtet, das größer ist als er selbst. So endete mein letzter Beitrag. Schauen wir dazu für ein Beispiel ins Leben desjenigen, dessen Menschenbild in der KrisenPraxis im Vordergrund steht: Viktor Frankl.
Gehen wir dazu hundert Jahre zurück und sehen einen jungen Mann, der sich für Psychotherapie begeistert, bereits einige Male mit Sigmund Freud korrespondierte und sich nun entschließt, zu lernen, was eines Psychoanalytikers Handwerkszeug ist. Dass sich daraus einer der zentralen Sinnimpulse für das Leben Viktor Frankls ergeben würde, konnte er nicht ahnen.
Frankl hatte sich also für eine Lehranalyse interessiert, worauf ihn Freud an einen seiner ersten Schüler, den Psychoanalytiker Paul Federn verwies. Zum vereinbarten Termin erschien Frankl, er wurde ins Arbeitszimmer geführt und sah Federn konzentriert an seinem Schreibtisch sitzen und schreiben. Ohne ihm nur einen Blick zu schenken, setzte Federn seine Tätigkeit schweigend fort. Nach gefühlt endloser Zeit deutete er wortlos auf einen Stuhl und stellte Frankl dabei eine diesen völlig überraschende Frage: „Nun, Herr Frankl, was ist Ihre Neurose?“
Frankl fühlte sich von dieser ‚Begrüßung‘ derart überrollt, dass er nur ein paar Sätze über seinen Analcharakter (ein Freudscher Begriff über eine bestimmte Persönlichkeitsakzentuierung) stammelte und dem dann einige Anmerkungen zur Psychopathologie folgen ließ. Nach seinen Ausführungen empfahl Federn ihm, zunächst sein Medizinstudium zu beenden und zu einem späteren Zeitpunkt wiederzukommen.
(Sinnimpuls): Für Frankl war dieses Treffen mit großem Unbehagen vorbeigegangen. Einfach stehengelassen zu werden, wortlose Gesten, die Direktheit der Frage nach einer Neurose, kein persönliches Wort, kein Interesse an seiner Person – dafür die Klarheit, dass sein Verhalten nichts anderes sein könne als Ausdruck einer Neurose und diese daher im Mittelpunkt stehen müsse: das war die Begegnung Frankls mit dem, was er danach immer wieder kritisierte: Der Reduktionismus in der Psychotherapie.
In meinen Worten: Hier traf ein junger Mann auf einen gut dreißig Jahre älteren, von Freud autorisierten Fachmann der Psychoanalyse. Federn wird 1871 in Wien in eine wohlhabende jüdisch-bürgerliche Familie geboren, sein Vater Salomon Federn ist praktischer Arzt. Paul Federn lässt sich nach seinem Medizinstudium zum Internisten ausbilden und eröffnet 1902 eine eigene Praxis in Wien.1903 lernt er Freud kennen und wird eine Zeit später Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Mit der Psychoanalyse und der hinter ihr liegenden Triebtheorie gehen einige methodische Merkmale einher, wie beispielsweise eine Vereinfachung komplexer Phänomene, bei der im Sinne eines ‚der Mensch ist nichts anderes als …‘ alles auf wenige, meist biologische, psychologische oder physikalische Faktoren zurückgeführt wird. Subjektive, existenzielle oder soziale Aspekte werden ausgeblendet oder ignoriert, komplexe Ursachenketten werden auf einen dominanten Faktor reduziert. Die Folge dieser Methodik ist eine Pathologisierungstendenz, durch das Verhalten primär durch Störungen oder Defizite interpretiert wird.
Nun ließe sich fragen, wie die Persönlichkeitsarchitektur einer Person aussehen könnte, die Gefallen daran findet, eine reduktionistische Methode in der Arbeit mit Menschen anzuwenden. Lösen wir uns dabei von der Person Paul Federn und stellen verallgemeinernd Hypothesen auf, dann könnten wir annehmen, dass eine Person, die ihr Denken und Handeln deutlich am Reduktionismus ausrichtet, dies entlang dieser Werte und Prioritäten tut:
Verhaltens- und handlungsleitende Werte dieser Person könnten sein:
Vernunft, Kontrolle, Effizienz, Strenge, Rationalität, Genauigkeit …
Angenommen, Viktor Frankl steht nun einer solchen Werte-Person gegenüber und erkennt für sich, dass, wenn Psychotherapie aus methodischen Gründen die Ebene der zwischenmenschlichen Begegnung verlassen müsse und die Pathologie wichtiger werde als die Person und wenn angenommen werde, dass diese Pathologie den Menschen vollständig bestimme, es ihm dann unmöglich würde, eine solche Richtung der Psychotherapie einschlagen zu können. Wie er selbst schreibt, ließ ihm der Moment der persönlichen Konfrontation mit Reduktionismus und Pathologismus es „wie Schuppen von den Augen“, dass die Psychoanalyse nicht sein Weg sein würde.
Ziehen wir dazu nun das vMeme-Modell von Graves heran, so mutet das Vorgehen von Paul Federn – im Kontext der Operationalisierung des von ihm so gelernten und verantworteten Theoriegebäudes – so an, dass hier ein Handeln aus dem vMeme Rot/Blau vollzogen wurde.
Weiter gedacht kann der massive Konflikt, den Frankl in diesem Vorgehen für sich selbst fühlte und zu einer existenziellen Entscheidung führte, so gedeutet werden, dass er sein Handeln als Arzt und Psychotherapeut auf der Grundlage anderer vMeme-Ebene als sinnvoller ansah. Welche Ebenen dies waren? Zu meiner Einschätzung ziehe ich das formulierte Menschenbild der Sinntheorie Frankls heran und seine Conclusio, dass der Mensch als geistiges, freies und verantwortliches Wesen Sinn findet in der Transzendenz (dieser Kontext wurde hier in der KrisenPraxis in zahlreichen Beiträgen thematisiert und aufgefächert). Zusammengeführt formuliert Frankl hieraus sein Credo: „Die geistige Person befindet sich wesentlich jenseits aller psychophysischen Morbidität und Mortalität; wäre dem nicht so, so möchte ich nicht Psychiater sein: es wäre sinnlos. Und die geistige Person ist wesentlich dasjenige, was sich aller psychophysischen Morbidität entgegenzustemmen vermag, und wäre dem nicht so, so könnte ich nicht Psychiater sein: es wäre nutzlos.“ (aus Viktor E. Frankl, Der leidende Mensch)
Mir erscheint hier eine Stellungnahme aus dem Spektrum der vMeme orange/grün/gelb vorzuliegen, eine Bewusstheit, die den Gedanken erst ermöglicht, dass der Mensch sich selbst findet, indem er sich selbst überschreitet, sich zum Wohl einer Aufgabe, der er sich hingibt oder eines Menschen, den er liebt, sich selbst zu vergessen in der Lage ist.
Gehen wir noch einen Schritt weiter und schlagen wir eine Brücke von Frankls Menschenbild und Sinntheorie zur Integralen Theorie von Ken Wilber. Für Frankl wird die geistige Dimension der Person, die den Willen zum Sinn freisetzt, nicht gezeugt oder erzeugt – sie ist vielmehr unbedingt:„Wohl ist geistiges Sein individuiertes Sein, die Existenz eine personale; doch ist die existenzielle Person wesenhaft Einheit und Ganzheit, und das heißt, daß sie wesentlich weder teilbar ist noch summierbar. Auch dort, wo wir Leibliches – Seelisches – Geistiges unterscheiden, tun wir das niemals so, als ob der Mensch aus ihnen wie aus Teilen ‚zusammengesetzt‘ wäre; denn der Mensch ist kein additives, sondern ein integrales Wesen.“ (Frankl, 1949: Der unbedingte Mensch, S. 66)
Ken Wilber hat ein bemerkenswertes Werk geschaffen. Während andere Denker sich über Jahrzehnte hinweg auf ein einziges Gebiet konzentrieren, hat er das gesamte Spektrum menschlichen Wissens zu erfassen versucht. Er hat eine Philosophie des Bewusstseins entworfen, die Biologie, Psychologie, Religion, Mystik, Philosophie und Sozialwissenschaften integriert. Ein kühnes Unterfangen, das ihn womöglich im Kontext der Psychotherapie auszeichnen könnte, das Werk von Frankl auf eine neue, integrale Ebene zu heben.
In seinem Werk „Integrale Psychologie“ legt Wilber ein Modell vor, das die Erkenntnisse aller psychologischen Schulen – von Ost bis West, von den frühen Traditionen bis zur modernen Forschung – in einer umfassenden Synthese zusammenführt. Dieses Werk bietet nicht nur eine in ihrer Klarheit und Prägnanz einzigartige Bestandsaufnahme der bisherigen Seelenkunde, sondern öffnet zugleich den Blick über den Status quo hinaus. Es skizziert die Umrisse einer Psychologie, die nicht allein auf Heilung und Korrektur zielt, sondern den Menschen befähigt, seine psychische
Gesundheit aktiv zu fördern und verborgene seelische Potenziale zu entfalten.
In dem von ihm als AQAL (All Quadrants/All Levels) vorgestellten Modell beschreibt Wilber die Komplexität menschlicher Entwicklung entlang von vier grundlegenden Perspektiven (siehe Abbildung):
er obere linke Quadrant repräsentiert das subjektive Erleben, die Werte, Einstellungen und Haltungen einer Person – quasi das Innenleben einer Person.
und Gesellschaften – dabei insbesondere die, denen sich der Klient zugehörig fühlt oder fühlen möchte. Betrachtet der Klient diese Außenwirkungen quasi wie ineinandergreifende Zahnräder, wird er erneut gefragt: Gibt es etwas, das Sie in diesem Quadranten dazu aufruft, von Ihnen verwirklicht zu werden? Und wenn ja, wofür und für wen wäre es gut?Für unseren Kontext hier ist das Modell besonders interessant, weil es zeigt, aus welchen Quadranten Sinnimpulse auf eine Person zukommen können. Frankl betont in seiner Theorie, dass der Mensch Sinn immer nur in konkreten Situationen an konkreten Gegenständen verwirklicht, sei es zum Beispiel in der Hingabe für eine Aufgabe oder in der Liebe für einen anderen Menschen – wobei sich der Mensch bei dieser Sinnverwirklichung selbst vergisst. Aus der Selbstvergessenheit als Basis der Selbsttranszendenz, lässt sich Sinn folglich im AQAL-Modell nur in den beiden Quadranten „Kultur/Kommunikation“ und „Struktur/Prozesse“ finden. Das Erlebnis, das Frankl im Kontext seines Kontaktes zu Paul Federn schilderte und zu seiner Ablehnung allen Reduktionismus in der Psychotherapie führte, lässt sich gut mit dem Quadranten der Strukturen und Prozesse – unten rechts – in Verbindung bringen. Frankl nahm wohl von hier ausgehend seinen Sinnimpuls entgegen als eine Frage, die sein Leben ihm stellte und die von ihm seine persönliche Stellungnahme abforderte – und letztlich über sein Ziel, eine non-reduktionistische Therapieform zu entwickeln bis hin zu jeder einzelnen auf dieses Ziel hin abgestimmten Maßnahme zu dem führte, was viele Menschen zu schätzen wissen, die eine originäre Logotherapie oder ein auf dem Gedankengut Frankls ruhenden Coaching in Anspruch nehmen.
Bei Viktor Frankl in Wien ist viel Spannendes los. Wir waren zu Besuch in der Mariannengasse und freuen uns schon darauf, wenn auch Frankls ehemalige Privatwohnung bald zu einem neuen Teil des Museums werden wird. Die Vorbereitungen werden zurzeit getroffen mit dem Projekt der Frankl Sammlungen.
Und ein weiteres Projekt begrüßen wir sehr, auch wenn wir selbst mit unseren Konzepten zur zukunftsgerichteten, Individuellen Krisenprävention auf der Basis Franklschen Gedankenguts einen anderen Schwerpunkt legen, als es im Projekt LogoLog beschrieben ist:
„Die Digitalisierung der vom Wiener Psychiater und Neurologen Viktor Frankl entwickelten Logotherapie bildet die Basis für LogoLog – eine innovative App als täglicher Begleiter zur Resilienzstärkung. Technisch nutzt LogoLog innovative künstliche Intelligenz gefüttert mit dem logotherapeutischen Menschenbild, welches bei Stärkung der individuellen Resilienz und der Suche nach der Sinndefinition im Leben unterstützt.
Die App interagiert mit dem/der Nutzer:in und kombiniert individuelle Eingaben via Chatbot und persönliche Biosignaldaten (z.B. Rückschlüsse auf Stress) um ei
ne sinnvolle, resilienzfördernde und möglichst natürliche Interaktion zwischen Mensch und App zu ermöglichen. LogoLog greift ein hochrelevantes gesellschaftliches Thema auf, nutzt dabei Ansätze, die in Wien bereits vor fast 100 Jahren entwickelt wurden und kombiniert diese mit modernster Technologie. Dadurch werden komplett neue Wege beschritten, um psychisches und emotionales Wohlergehen sowie Resilienz ganzheitlich durch Interaktion mit LogoLog zu fördern.“
Wir wünschen für die Realisierung dieser Projekte viel Freude und Geduld auf allen technologischen Wegen. Und wir bedanken uns für die Führung durch das Haus und die Ausstellung – und die Erinnerung an seine zehn Thesen zur Person.
Das Modell der vMeme von Clare Graves [ein wichtiger Baustein in der Integralen Theorie von Ken WIlber] hat durch das Buch ‚Spiral Dynamics‘ von Don Beck und Chris Cowan eine recht breite Rezeption erfahren. Im Bereich Management- und Kulturentwicklung gehört es fraglos zu den Konzepten, die nicht nach kurzer Halbwertszeit wieder in den Regalen verstaubten. Dass Kritiker diesen werte-evolutionären Ansatz mit wichtigen Hinweisen versahen, war zu erwarten und der Sache auch würdig, schließlich ist die Robustheit eines Modells zentral für seine Akzeptanz. Andererseits, und da wird es auch gleich spannend, wird Kritik von Menschen geäußert, die womöglich aufgrund ihrer eigenen Denkstruktur gar nicht dazu in der Lage sind, das Modell in seiner Gänze zu beurteilen, aber dazu an anderer Stelle mehr.
Die schärfste Kritik bestand im Zweifel, ob mit dem Modell ein genügend konkreter Umsetzungserfolg verbunden sein kann, ob es also gelingt, das Bewusstsein um die Konstellation von Werten, die ein einzelner Mensch oder ein System (Familie, Team, Organisation, Gesellschaft …) hat, nützlich mit den realen Problemen der Gegenwart in Verbindung zu bringen.
Nun ist es bei Modellen immer so, dass es darauf ankommt, was man aus ihnen macht. Ein Modell zu kennen: schön. Es anzuwenden: besser. Es anzuwenden, im Bewusstsein, dass ein Modell stets etwas reduziert abbildet: noch besser. Es anzuwenden, ohne diesen Reduktionismus beizubehalten und die Ergebnisse aus der Anwendung des Modells nicht als ‚die Wirklichkeit‘ anzusehen: der Königsweg.
Auch das vMeme Modell von Graves ist also nie die Wirklichkeit, sondern bestenfalls ein Abbild eines Ausschnitts von Phänomenen, die wir Menschen als Wirklichkeit ansehen. Auf die drei abgebildeten Farbköpfe oben bezogen heißt das: wären es reale Menschen, dann könnte im Gespräch mit ihnen herausgearbeitet werden, welchen Werten sie heute Gewicht und Bedeutung beimessen und welche Werte so wesentlich ihr bisheriges Verhalten prägten, dass diese Werte ihnen heute als ‚Grundüberzeugungen‘ dienen. Aber – mit Viktor Frankl gesprochen – der Mensch ist ‚reine Dynamis‘ und damit immer in der Lage zum ‚anders werden‘. Was er dazu braucht, ist Sinn.
Findet ein Mensch Sinn und geht damit einher, dass er sich zur Verwirklichung dieses Sinns weiterentwickeln muss, dann wird dies nicht nur auf der ‚Oberfläche‘ geschehen, also zum Beispiel durch das Training neuer Kompetenzen oder einer reinen Verhaltensanpassung an äußere Umstände. Vielmehr bedarf Sinnfindung einer Entwicklung des individuellen Wertesystems als grundlegende Tiefenschicht menschlichen Verhaltens und Handelns. Mit anderen Worten: Das ‚Farbschema‘ der drei Personen kann sich je nach Ausrichtung auf neuen Sinn (immer wieder) verändern. So, wie es sich im Leben jedes Menschen vermutlich schon einige Male verändert hat, ohne dass er diese Veränderung in ihrer Wirkung auf das Wertesystem genauer untersucht hätte.
Das Modell von Graves kann somit als eine Orientierungshilfe verstanden werden, wenn man daran interessiert ist, sich ein Bild davon zu machen, wie man selbst oder andere Menschen mit den Herausforderungen und Sinnimpulsen ihres Lebens umgingen oder umgehen. Wie bewerte ich eine Situation, wie bedenke und fühle ich sie? Hier leistet die Klärung des Wertesystems einen fundamentalen Dienst und die Anwendung des Graves Modell bietet dafür eine Klärungshilfe.
Zurück zu den Kritikern: Das Modell lädt nach Ansicht einiger Hinweisgeber clevere Anwender dazu ein, aus ihm Test- und Messverfahren zu entwickeln, die dem Nutzer quasi auf Knopfdruck den Status Quo seines Wertesystems auf den Bildschirm zaubern. Wobei wir wieder bei dem Thema sind: es kommt immer darauf an, was man aus einem Modell macht.
In meiner eigenen Praxis verzichte ich völlig auf solche ‚Zaubertools‘ – denn, selbst wenn eines von ihnen in der Lage wäre, das Selbstbild einer befragten Person oder eines menschlichen Systems (Team, Familie …) verzerrungsfrei wiederzugeben, es würde es nicht leisten können, vielleicht schon im nächsten Moment, in dem die Person oder das System in eine Krise gerät dies auf der Werteebene abzubilden. Auch der realtime-Moment der Sinnfindung eines Menschen entzieht sich völlig eines wissenschaftlichen, empirischen Zugangs und bleibt damit im wahrsten Sinne des Wortes ‚geistiges Eigentum‘ der Person. ‚Tests‘, die vorgeben herausarbeiten zu können, worin ein Mensch Sinn findet, stellen einzig darauf ab zu ‚messen‘ ist, wie sich ein Mensch Sinn macht – ein kleiner, aber feiner Unterschied.
Was ich in meiner Praxis – in Therapie oder Coaching – praktiziere, ist ausschließlich die Arbeit mit kontextbezogenen und lebensweltrealen Verhaltensbeschreibungen der Klienten, aus denen dann auf die ihnen zugrundeliegenden Werte durch den Klienten selbst geschlossen wird. Eine solche Arbeit in einem Gruppensetting durchzuführen ist nicht möglich – vielleicht war genau das das ‚Problem‘, dessen Lösung sich manches Beratungsunternehmen in der Entwicklung eines ‚Value-Tests‘ versprach?
Kommen wir zu einer weiteren ‚Bedenklichkeit‘. Im Graves Modell findet sich ein Aspekt, der auf ‚Quantensprünge‘ in der Entwicklung menschlichen Bewusstseins hinweist. Mit jedem dieser Sprünge – von einem vMeme zu einem neuen – treten Menschen in einen erweiterten Möglichkeitsraum für den Umgang mit komplexeren Lebensthemen ein. Blicken wir auf die Menschheitsgeschichte, so könnte die Erfindung primitiver Waffen (zur Befriedigung des Bedürfnisses, überleben zu können – Beige vMeme), die Erfindung von kontextueller Sprache in Wort und Bild und die Gottesnamen-Erfindung (Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Erklärung von Weltphänomenen – Purpur vMeme) bis hin zur Erfindung planetarer Abkommen und integrierter Ego- Eco-Systeme (Bedürfnis nach ganzheitlicher Vernetzung zum Zwecke des langfristigen Überleben der Menschheit – Türkis vMeme) jeweils ein Hinweis auf zentrale Entwicklungsimpulse sein, die Menschen veranlassten, auf die mit ihnen verbundenen Meta-Lebensfragen adäquate Antworten zu geben.
Folgen wir dieser Hypothese, dann nimmt mit jedem neuen, alles vorherige überragenden Entwicklungsimpuls nicht nur dessen Komplexität zu, vielmehr auch die Vielfalt möglicher ‚Antworten‘. Diese Grafik soll den Zusammenhang verdeutlichen:
Ein Beispiel aus dem Mikrokosmos eines einzelnen Menschen: Die Person hat bereits Entwicklungsimpulse in ihrem Lebensverlauf erfahren und den Umgang in Form von Verhaltens- und Handlungsweisen mit der in ihnen angelegten Komplexität erlernt und integriert. Nun tritt ein neuer Entwicklungsimpuls ein. Nehmen wir dazu an, die Person steht vor der Situation, entweder eine Tätigkeit auszuüben, für die es bereits eine Reihe nachvollziehbarer ‚guter Gründe‘ gibt (zum Beispiel familiäre Traditionen, eine ‚gemachtes‘ Nest, gewisse Talente …) oder eine Höherqualifizierung anzustreben, die es ihr ermöglichen würden, das Spektrum ihrer beruflichen Tätigkeit deutlich vergrößern zu können. Ein entsprechender Entwicklungsimpuls (zum Beispiel Wahrnehmung eines Verhaltens mit Vorbildcharakter bei einer anderen Person, unerwartetes ermutigendes Feedback von Dritten, Aufgreifen einer Information aus einer seriösen neuen Quelle jenseits der bekannten Bubble …usw.) geht ein und fordert die Person zu einer persönlichen Stellungnahme. Pathetisch formuliert könnte man sagen, die Person hat bisher ’selbst gedacht‘, nun lässt sie zu, dass für sie ein Stück gedacht wird (durch das Vorbild, den Feedbackgeber, die Informationsquelle …) und damit letztlich sie selbst in die Lage kommt, ihr eigenes Denken zu veredeln. Im ‚Veredelungsprozess‘ greift sie dabei auf das Bisherige zurück und führt nach dem Entwicklungsimpuls Schritte weiterer Differenzierung durch (zum Beispiel Pro- und Contra-Überlegungen, der Einsatz weiterer Informationsquellen, Erfahrungsberichte anderer usw.). Kommt nun die Person an einen Punkt, an dem sie einen Sinn (ein ‚Worum hat es mir ab jetzt wirklich zu gehen‘) entdeckt, die Entwicklung entweder in Richtung ‚Verbleib in einem spezifischen, bekannten beruflichen Kontext‘ oder ‚Aufbruch in ein neues Qualifizierungsfeld‘ zu vollziehen, dann können wir dies – im Verständnis der Sinnlehre Frankls – als Ausgangspunkt dder Transzendierung hin zum Sinn verstehen. Im ersten Fall könnte die Sinnfindung darin bestehen, dass die Person einen Impuls erfährt, der Werte in ihr berührt, die auf Bewahrung einer bestehenden Struktur und Qualität gerichtet sind, im anderen Fall Werte, deren Verwirklichung auf Herausforderungen im Kontext neuer Leistungen zielen (im Graves Modell könnten dies mit den vMeme Blau und Orange korrespondieren).
Nehmen wir an, die Person vollzieht ihre Stellungnahme hin in Richtung ’neue Leistung‘. Sie tritt damit ein in den Möglichkeitsraum eines neuen vMeme, einem Raum, in dem sie alles integriert, was ihr ihre bisherige Entwicklung quasi in ihren Rucksack gelegt hat. Solange es keinen weiteren Entwicklungsimpuls in ihrem Themenkontext (hier war es der Kontext Weiterentwicklung/-bildung im Leistungskontext) gibt, der sie hinführt zu einer neuerlichen Sinnsuche, wird sie im besten Fall bestrebt bleiben, die Komplexität der Themen, die sie zu bewältigen hat (hier im Kontext des Einsatzes ihrer Qualifikationen) entlang ihrer entwickelten vMeme zu bewältigen. Der Umgang mit der bestehenden Komplexität wird dabei maßgeblich von den Anforderungen beeinflusst, die die Lebenswelt der Person formuliert. Solange die Lebenswelt also Fragen an die Person richtet, die sie mit ihren entwickelten vMemen beantworten kann, wird sie das Gefühl haben, sich selbst steuern zu können, alltagstaugliche Verhaltens- und Handlungsweisen vorhalten zu können, im Flow zu sein usw.
Die Crux liegt nun darin, dass nach der freien und verantwortlichen Stellungnahme hin zu einem neuen Sinn die bereits entwickelten vMeme alleine nicht ausreichen. Vielmehr gilt es, auf der Spirale der Bewusstheit eine Ebene weiterzukommen, also zum Beispiel vom vMeme Blau hin zum vMeme Orange. Einfach gesprochen bedeutet dies, dass die Person einen Prozess der Werteentwicklung vollzieht. Wenn Frankl darauf hinweist, dass ein Mensch Sinn findet durch Verwirklichung seiner Werte, dann bedeutet das, dass neuer Sinn im Leben gefunden werden kann, wenn neue Werte berührt werden, deren Verwirklichung von der Person als sinnvoll gefühlt werden.
Neuer Sinn und neue Werte bedeutet nun aber nicht, dass beide erfunden werden müssten. Vielmehr gilt es, im Rahmen einer Werteanalyse herauszufinden, welche von ihnen zu einem die Person erfreuenden Gefühl führen, das innerlich dazu aufruft, ihnen mehr als bisher Raum zur Entwicklung zu geben. Und das Finden neuen Sinns – darüber habe ich in der KrisenPraxis bereits mehrfach geschrieben – wird durch Weltoffenheit gefördert. Wer sich diese Aspekte detaillierter erarbeiten möchte, der kann gerne in meinem Buch Sinncoaching, erschienen jetzt im November 2025, dazu nachlesen.
Dass es, wie Clare Graves zu seinem Modell ergänzt, in der Entwicklungsgeschichte der gesamten Menschheit zu solchen Entwicklungssprüngen von vMeme zu vMeme gekommen ist, mutet nicht sonderlich überraschend an. Schauen wir auf Technologiesprünge, die Entwicklung und Verbreitung menschlichen Wissens oder auf die rasant zugenommenen Möglichkeiten der Kommunikation und Vernetzung mit anderen Menschen, so liegt auf der Hand, dass auch innerpsychisch vergleichbare Entwicklungsprozesse vollzogen werden mussten. Die Plastizität des Gehirns als Grundvoraussetzung für die Aufnahme und Verarbeitung neuer Entwicklungsimpulse darf in diesem Kontext als Basis aller kollektiven und individuellen ‚Werdung zum Anderen‘ angesehen werden. Und ein Ende dieser Plastizität ist nicht in Sicht, somit auch nicht der Möglichkeitsraum für die Entwicklung des Einzelnen und der Ganzheit aller.
Weitere kritische Stimmen beklagen, dass im Graves Modell zeitliche Aussagen darüber vorgenommen werden, wann die verschiedenen vMeme wohl entstanden sind. Womöglich wird die Kritik gerade von den Personen formuliert, deren vMeme Orange eine wissenschaftlich detaillierte und fundierte Aussage erwartet. Aus der Perspektive zum Beispiel eines vMeme Gelb oder Türkis erscheint diese Kritik zwar nachvollziehbar (schließlich sind in diesen Meme die Wert- und Bewertungsmaßstäbe von Orange integriert), ihre Bedeutung tritt auf dieser Bewusstheitsebene jedoch gegenüber der grundsätzlicheren in den Hintergrund, bei der die Transformation menschlicher Bewusstheit hin zu einem ausgeprägterem synthetisierenden und holistischen Denken eher von Interesse ist.
Kritik wie Anerkennung an einem Modell wie dem von Clare Graves zielt letztlich auf eine Dualität von Richtig oder Falsch, auf passend oder unpassend usw. und weist damit tendenziös auf eine Argumentation aus dem blau/orange vMeme hin und damit verbunden auf eine Art blinden Fleck, der darin liegt, dass ausgeblendet wird, dass ein vMeme dazu führen kann, dass eine Person sich mit ihm identifiziert. „Ich bin nichts anderes als mein derzeit höchstentwickeltes vMeme“ – der damit verbundene Reduktionismus verweist über diesem vMeme liegende, mögliche weitere vMeme in den blinden Fleck. Solche Blindpunkte, so meine Annahme, hat jeder Mensch und jedes menschliche System und führt zu individuellen oder kollektiven Irrtümern in der Wahrnehmung und Beurteilung von Aussagen, die einem noch nicht entwickelten vMeme entspringen. Weiter gedacht wäre es wohl eine gute Idee, erst einmal zu postulieren, dass keinem Mensch ALLES bewusst sein kann, sondern vielmehr seine aktuelle Bewusstheitsebene gleichsam eine Art Grenze zu denen bildet, die danach auf Entwicklung warten – dieses Postulat gilt meines Erachtens für jede noch so weit entwickelte Bewusstheit.
Wenn dieser Aspekt mitgedacht würde, die Person sich also nicht per se mit ihrer Bewusstheit identifiziert, dann mag damit eine Blockade gelöst werden können, die Transzendenz hin zu einem Sinn, der sich in einem noch nicht zuvor gedachten Raum findet, erschwert. Mir persönlich erscheint für diese Blockadelösung die Verwirklichung eines spezifischen Wertes besonders hilfreich zu sein – der Wert ‚Toleranz‘, der sich auf Alles bezieht. Die Wirkungen einer solchen Alltoleranz zu diskutieren, mag sich anbieten für all diejenigen Menschen, die fühlen, dass wir Alle weit mehr sind als die vermeintlichen, konstruierten, aufoktroyierten oder eingepflanzten Trennungen, die im Kern Entwicklungshindernisse darstellen. So gedacht wird jedes Denken, das zur Entwicklung einer Bewusstheitsebene beigetragen hat, nie als richtig oder falsch angesehen werden können, sondern vielleicht eher als bereits angelegter innewohnender Auftrag eines jedes Menschen hin zu einer Quintessenz allen Seins, das ALLE Phänomene vereint: Dass – in meinen Worten – jeder Mensch niemals IST, sondern immer zu ALLEM wird, das er immer schon war.
Ein Modell wie das vMEME-Modell von Graves hält dies offen, auch wenn seine Struktur dazu einladen kann (aber nicht muss), die Werdung eines Menschen aus der Perspektive hinzukommender Bewusstheiten zu erklären. Mit dieser Einladung folgt das Modell vielen anderen, die die Psychologie hervorgerufen hat. Aber – und hier wird es für mich reizvoll – in ihm ist für mich ein Aspekt von integraler Qualität: Dass jedes komplexer entwickelte Sein (das weit mehr ist als das reduktionische Angebot eines Frontalcortex) seinen Sinnimpuls bereits integriert hat. Der Sinnimpuls als Auftrag zur Entwicklung weiteren Werdens, oder wie es Viktor Frankl formuliert: „Die Freiheit der Person ist nun nicht nur eine Freiheit vom Charakter, sondern auch eine Freiheit zur Persönlichkeit. Sie ist Freiheit vom Sosein und Freiheit zum Anders-werden.“ (aus: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“)