Die Frage, ob es möglich ist, anders zu denken als bisher, ist weit mehr als eine intellektuelle Spielerei. Sie entscheidet darüber, ob Menschen und Gesellschaften aus Krisen lernen oder lediglich vertraute Denkmuster wiederholen. Jede Kultur entwickelt Routinen des Wahrnehmens und Urteilens, die dem Einzelnen Orientierung geben. Dieselben Routinen können jedoch verhindern, dass neue Lösungen überhaupt in den Blick geraten. Weisere Menschen beherzigen deshalb ihre Bereitschaft, die eigenen Denkgewohnheiten einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Hilfreich ist dabei eine einfache Frage: Besitzt eine Aussage überhaupt einen erkennbaren Gehalt, oder handelt es sich lediglich um eine wohlklingende Formel?
Aussagen gewinnen erst dann eine Bedeutung, wenn sie einen Unterschied machen, wenn sie eine überprüfbare Perspektive eröffnen oder praktisches Handeln verändern können. Wo hingegen jede denkbare Gegenposition ebenso gut gelten könnte, verliert eine Aussage jegliche Verbindlichkeit. Was weisere Menschen daher eher nicht schätzen, ist Beliebigkeit, die nur deshalb ins Spiel kommt, um einer nicht wegzudiskutierenden Komplexität auszuweichen. Das gilt auch und gerade in individuellen und gesellschaftlichen Krisenzeiten. Je größer die Verunsicherung, desto größer wird häufig die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen und eindeutigen Schuld-Adressen. Doch die Komplexität menschlicher Wirklichkeit lässt sich nicht durch Parolen abbilden und gestalten. Vielmehr gilt es, eine geduldige Bereitschaft zu zeigen, Zusammenhänge zu verstehen und Verantwortung dort zu übernehmen, wo sie tatsächlich möglich ist. Wer einer Person begegnet, die insbesondere in schwierigen Zeiten über solche Fähigkeiten verfügt, fühlt sich zumeist sicherer. Dennoch verursacht der Begriff der Weisheit immer wieder eine gewisse Portion Skepsis. Vielen erscheint er als Relikt vergangener Zeiten, als Ausdruck weltfremder Spiritualität oder unverbindlicher Lebenskunst. Weisheit wird nicht selten mit Rückzug verwechselt, als gehöre sie ausschließlich in den Bereich persönlicher Meditation und habe für die Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit kaum Bedeutung. Diese Einschätzung übersieht jedoch ihren ursprünglichen Charakter.
Historisch war Weisheit niemals bloß kontemplative Selbstbespiegelung. Sie wurde vielmehr verstanden als Verbindung von Einsicht und Verantwortung. Nachdenken über das Leben sollte immer zugleich zu einem angemesseneren Handeln führen. Kontemplation und Praxis bildeten keine Gegensätze, sondern sie waren zwei Seiten derselben Haltung. Erst wer innehalten kann, gewinnt jene Distanz, die verantwortliches Handeln ermöglicht. Heute scheint diese Verbindung vielfach verloren gegangen zu sein. Öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich überwiegend auf das Neue, das Lauteste oder das Empörendste. Nicht selten entscheidet weniger die Tragfähigkeit eines Gedankens als seine Fähigkeit, innerhalb kürzester Zeit Resonanz zu erzeugen. In einer solchen Kultur entsteht leicht der Eindruck, Wahrheit und Bedeutung seien identisch mit Reichweite und Sichtbarkeit. Welch ein tragischer Irrtum. Wer ihn auflösen möchte, für den gewinnt die Frage nach dem verantwortlichen Umgang mit der eigenen Lebenszeit eine existenzielle Bedeutung. Jeder Mensch verfügt nur über eine begrenzte Anzahl von Stunden, Tagen und Jahren. Wem schenkt er seine Aufmerksamkeit? Wofür setzt er seine Kraft ein? Welche Gespräche verdienen seine Zeit, welche seiner Gewohnheiten rauben Lebensenergie und Lebensfreude?
Aus der Perspektive der Existenzanalyse von Viktor Frankl sind solche Fragen Ausdruck einer tieferen Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben. Wer sich der Begrenztheit seiner Lebenszeit bewusst bleibt, beginnt zwangsläufig sorgfältiger zu unterscheiden zwischen Dringlichkeit und Wesentlichkeit. Er lernt, Aufmerksamkeit nicht ausschließlich an äußeren Reizen auszurichten, sondern an dem, was seinem Leben Sinn verleiht. Weisheit zeigt sich dann beispielsweise nicht darin, möglichst viele Daten, Informationen, Kontakte oder Likes zu ’sammeln‘, sondern darin, das Wesentliche vom Nebensächlichen zu unterscheiden und der eigenen Endlichkeit entsprechend zu leben. Gerade diese Fähigkeit könnte zu einer der wichtigsten kulturellen Kompetenzen einer Zeit werden, die über unendlich viele Wissensquellen verfügt, aber immer häufiger um Orientierung ringt.





